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Full text of "Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin"

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ZEITSCHRIFT 



DEB 



GESELLSCHAFT FÜR ERDKllDE 

zu BERLIN. 



AIS FOKISEI^IBG DEB ZEIISCBSin FOR AIIGEMEIÜE EBDEUSDE 

m ADPTluaE DEB GBSELLSCHAPT 

HEBAOSOEOBBEN 

TnC Dr. W. EOSIB. 



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TIEBTBR BAND. 

HIT TUT XUmiK. 



BERLIN. 

TEBLAG TON DIBTBICH BEIHBE. 

1869. - 



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Inhalt des vierten Bandes. 



f 



I. Ic^ber die wahre Lage der in Costarica vergeblich gcsuohten reichen 

Goidntinen von Tisin^al and Entrclla. Von Dr. A. v. Frantziiis 1 

11. Zur Geschichte der Geographie. Von Dr. Breusinfr «51 

[ 1) Flavio Gioja und der SchiHskompais. 

I ^n. Die Djüaitmündun(;en und die an der Siiliua vorgeiionini^nen Kegu- 

I iirunj^'sarbeiten Ton W. Kon er, mit einem Nacliwort von H. Kiepert. 

(Hierzu eine Karte, Tat'. I.) 52 

iV Zur Geschichte der Geo^-aphie. Von Dr Brcusing. (Schbifs.) , ^)7 
T) Reß"iomontanus, Martin Behaim und der Jakob=tab. 
3) Die Catena a poppa bei Pigafetta und die Lo^ge. 

V. V. V. Sscm.inofs Forschunßfsreiscn in den Trans-llischon Al'^itnu nr.-] 
zum Issyk-Kul, ausgefiihrt in den Jahren 1856 und 1S57. Narh dcno 
Kii-ssischen von F. Marthe IIG 

v'I. Tu'ilat.ir»^n und Würden in einigen Centralnegerläiidern. Von Ger- 
hard Kohlfs ia7 

V II- Beitrug! zur Geographie von Hoch- Armenien. VonWilh Srrocker. 
t Hierzu zwei Karten, Taf. III n. IV.) 

1) Die Ebene von Erzerum Mö 

2) Ein Ausflug zu der Quelle des Euphrat auf dem Dumly-Di-.gh l.>7 

\I!^ Kritische Mit^cellen zur Geographie. Von Prof. Dr, K tuschle . i".'8 

TX P. V. Sscmenof's Forschungsreisen in den Trans- 11 K-^rhcn Ahu.iu un'^i 
zum Isäyk-Kni, ausgeführt in den Jahren IBoG un«^ 1857. Nach. d«.n) 
Ruafrischen von F. Marthe. (Schlafs.) 2v^8 

X. Die Ovahererö. Von Josaphat ITahn. (Zwmo Abtheilung.) . . CL'^ 

XI. Böhlenbauten aus der jüngeren Steinzeit auf .S>lt. Von Ernst 

Friedel J^^ 

XII. Eine kritische Revision der bihVi>v.hen Geographie. Von L. Nou.'k 2"'» 

Xill. Briefe des Dr. G. Schv.einfurth. 

a) an Vro[. AI. Braun «in 

b) an '•eine Mutter L'i6 



itoen dar Bpg«-Sprache iwitchon Stinkin anH Berber. 

let 1868 von Dr. SrbvvcLnfnrth 334 

he SkizT.e i)er Umgc|{end von Axum um! A<!o.i in Ti^e. 
ufnahmFn von W. Kchimper bearbeitet von Dr. Snde- 
: einem Nachwort von Rinh. Kiepert. (Hierzu zwei 

fei V. and V:.) 3*1 

Höhanmegsungeo von dem grorshenoglich weimarBcheo 
eim vor der Rbim, im eisenaoher Oberlande. Au£g«- 
Majnr b. D. A. W. Fils aus UracnaQ i, J. 1868 . . 385 

von Caricaä, Von Fran» Enfiel 40^ 

itik TOD Persicn. Von Dt. J. C. Hämische in Dresden 429 
er Pase des Jupiter Ammon oder Sinuh. Von Gerhard 

aieran eine Karte. Tafel VII.) 45C 

■erii. VuQ Joeaphai Hahn. (Sehlnfs der iweiten Ab- 

485 

r Geographie von Hochann enien. Von Wilh. Slreekcr. 
ffieriu eine Karte, Taf. VI]I.) 

Erzerum auf den Bingöl-Dagh 513 

RiickmarBch der Zehntausend vom Euphrat bis an da« 

ane Meer 524 

läinng des Bückiugs der Zehntaasend. Von H. Kiepert. 53^ 
lie wahrBcheinliche allere Form des Wan-Sees. Von 



Miscelleo und Literatur. 

üon bei Plewna in Bulgarien 73 

Spuren des Menacbcn am We^e nach Büj/en und auf 
n selbfL Vom Baron F.F. V. Dücker. Berlin 1868. 83 
latein, Specialkane von Deatfichland , der Schweiz 
en Ländern. 12 Bl. Hildbarghausen 1868 .... 85 
1 Borlepsch, Süd - Frankreich und seine Kurorte. 

. 18G9 ■. , 86 

nd J. J. Weilenmann, Die Bäder von Borraio nnd 

inde GebirgswelL -St. Gallen 1868 88 

leen und AlpcngeKiiss^ir 164 

'naniagen in der Ufrzegovina 174 

icr Eis imd Schnee. 1. Abthl. Bern 1869 .... 185 
irung im Königreich der Niederlande nach der Zählung 
nher 1867 368 



Inhjüt. V 



B«n>iii<:ter-HOhenmPfisangen von dem Kreise Ziegenrück im Konigl. Rc- 
p'*.ruoj^shezirk Erfurt uud »'om nahen Auslande. Ausgeführt von 
A- W. Fila. Pöfsneck 1868. — Hohen schichten-Karte vom Thüringer- 
waide und rmgebang. Nördl. Theil. Nach eigenen Messungen entw. 
a-n.} gex, von Major a, D. A, W. Fils. Gotha I8r»9 380 



Die Hindns 60 

u. T. Schla G^intweit-Sakünlünski, Reisen in Indien und Hoch- 

rts-en «tc. Bd. I. Jena 1869 179 

CrocrJilo in Palastina '2C^1 

Or^-htFiimmungcn in Türkist&n "210 

Mittheilungen über den Aufenthalt der französischen Conimission in der 

Prok'inz Yünnan 274 

Moselmanißchc Zeitrechnung und der Todestag Adolphs v. S<.'hlagiiitweit 3.";^» 

lüirr.püer in Ost-Türkistan r..'>:> 

Lriibeberi in Choc^eng und Taschkend !»57 

A frika. 

Marokko 172 

Die Entdeckung der Mündnng des Limpopo o67 

Di« *jöhlenbewohnenden Kannibalen in Siid-AtVika .'^H9 

W. Z c n k er. Der Snez-Caual und seine conimercielle Bedeutung, beson 't«* 

Tür Deutschland. Bremen 1869 -^71 

Otto Schneider, Der climatische Cnrort Algier. Schilderungen nich 
dreijähiiger Beobachtung in Stadt und Provinz, zugleich ein Rathgcbcr 

für Reise und Aufenthalt. Dresden 18H9 ."79 

■ 

Wnier Manziger*8 Reise durch die grf.f«-e Salzebcne zwischen llanfila und 

dem Fufae der Abyssinischen Alpen 1.V2 

[lel tr die von portugiesischen Seefahrern zur Bestimmmg ihrer Ent- 
deckungen errichteten Wappenpfeiler 4.07 

l.v ige nähere NoK/en über die Ermordung des Fraulein Tinne . . . 460 

Amerika. 

Entdeckung von Goldlagem im Osten von Bolivia 1^'>6 

Notizen über die Goldminen Califomicns 270 

Die mittlere Padflc-Ki^enbahn 27? 

Der Ipacaray .36o 




'^; Erdb^bfu in Sonorn und LUiier-CaÜformcn am l.'>., J7. und 18. Ücl. l 

Der ViJli«n Lwseii's l'cHk in Califurnien 

Powell',; I.:rfor^rhiint; lies Green Kiver 

Die Insd Jnan Fernandei 

SBiituncriLaniijchc Grenz bestimmuD gen 



Greni-Bericbügung zwischen den hu 3tr<ili sehen Colanieea Süd-Auitralien, 

■ Viciorift, Neu-Süd-Walea und Quccnsiand 67 

Die Eisenbahnen in der CoIodLc Keu-Siid -Wales 74 

Di« Fidschi -Inseln und die Poljnvsische Ciirapagnie - . I67 

Die luael .Swain oder .SolilnriH 171 

Ein in d<:r Culanie Victoria anlief und eni^s KoMcnUgfr 175 

Correspondeni von I.alie KilHlpinaimsugcuaunicnLake-Disirikii^Far-Noith, 

Süd-Aüsiralien 3ä3 

Aus dem Far-North in Süd -Austritticn 354 

Die drille Northcrn-Terriiory-Expedition der Nortbern Terriiort Survcy 

Parti 362 

Zum Leben in Australien 36G 

A. de Quatrefage'e /.K. PoV'"'»" <■''«'"'■' "li"-""™'- P""« ■ ■ 37(i 

Die drille Northern -Territory- Expedition 454 

Das neue Cabel zviiscbca Aostraliea und Tasmanien 46{t 

Lord ngwe ItUnd 466 

Capitän Janias Cook's Denkmal in Sydnej 468 

Die Great -Southern Railwsy der Colonie Kcw Suuib Wales in Anstralien 5Ö3 

Miäcellen und Literatur allKemeineren InhaJts. 
Ans rier Welllhoilen. Ein Reise Tai^bu.h in Briefen von Max Wiohura. 

Breslau I86S ST 

Die zweite deutsche Nordpol- Expedilioo ^/"3 

BevülkoruDgs-Swtistik der rraniÖBiBchenColoiiicn «m Ende des Jahres ISfiS. 361 



Tod MujelckaHea, Hiiiiptlinüi lier MotPbeli'B. — Zustand von 
juBstalion Otyuibingue. — Einwanderung von Cbinesan in d»i 
iMmiretsch^nsk. — Kupfer in Transbaikalien. fluinkohten am 
- Kohlen auf der Ualbinbcl Hangiechlak. — Ausbreitung der 



Inhalt. v{i 

/ «Hie 

Li- ! .^ CÄaaJensH. — Zu-stÄnde in Eiipatoria. — Crdbe^uMi iij C-ulifon.if n. 
-- Ki>'*'i'_-. H'in{2^^'"ü:st^n in TV"<'St- Australien. — Areal der iJoKriie \i"toria. 
— S&ndi'cin- Kijf ofetlich vo'i KinpV Island. — Plf-H_.iiil lal.md und die 
Pr^/itifnct»-Ini»eitfruppe. — Neue Karte de» St. Vincont - Uulf .... 7b 

Au' .ran-^firtjrc auH den Häf^-n Bremen, Hamburg, Antwor[«nn und Liverpool 
'r. *' iMtr löGH. — Volk Äz all lang in Norwec^en am 1. Januar l*^(»i.. — Ke- 
st-^.'i» «^»fv iu Cherra Punji. — Aus «>inem Brit'tV G^rh. Ko>.if'> au^ Iripoli. — 
I',>ji, ■•'•:' »h»;r Canal durch den Ihthmus von Darien. — W-'inbiu In M>- 
■[.\iT\. — Karte von Süd -Australien. — Goldi-xport auH der C<*lonie Vittoria I7b 

A*D«^u .)Vmn<; von Hamburg nach Brasilien. — Eisenbaimnetz in d*»r 'lür- 

i'i Si^nd der Aufnahme uud Beschreibunp den adriatiachea Metr»:s. 

- 1 1 5-. •»*»>' Ucher TeU^raph zwischen Habana und Omoa. — Thcecultur 
n i' nf'».-*'e. — Expedition nach den südafrikanischen Goldfeldern. — Der 
-*.- ': .1- luanier, — Neue Eisenbahn durch die Colonie Victoria . . . 2'7^ 



SJiiir.g der geographischen Gesellschaft zu Berlin vom 7. Decemher 1S68 . «S9 

- 2. Januttf 18G9 . 92 

- - - - 15. Januar - . 94 

- 6. Februar - . Iv^G 

- 6. März - . 'J^l 

- 10. April - . 283 

- 8. Mai ' - . ^SIJ 

- - - - 5. Juni - 3.^:^ 

- 7. Juli - .4 75 
lK*i Ünmboldtieier der Berliner Gesellschaft für Krdk. am 14. September - 4^:1 
^V?,ai2^ dei geographischen Gesellschaft zu Berlin vom 2. October - . i77 

- - - 7. Novtinber - . j^O 

- - - 4. December - . 562 

Kecnter Bericht der Carl Ritter-Stiftung . . l'^9 

l'JrMiicht der vom December 18H8 bis November 18li9 ki dem Ge- 
biete der Oeographie erschienenen Werke, Aufsätze, Karten und Plane. 

Von W. Koner 3o5 



Karten. 

T»f. L Das Donan-Delta reducirt aus der Karte des Capt. T. Si»ratt, mit 
Berichtigun(;en von H. Kiepert. Maa!sstab 1 : 51)0,00*). 

IT Dä.1 Vorrücken der Küste an der Po-M indniij^ ecit ?.wei .lihr- 
bunderten, nach officiellen Dokumenten reducirt. M.is'.j.-,-5ta'j 1 : 10<''.1'00. 
- lU. Di« Ebene von Erzerura. Von W. Sr. reck er. Maa-s.^tab 1 : J.'>(V.-'/0. 
IV. Die Ebene von Erzingjau. V.>ü vV. Strecker Maa^s^^b l :2.yj,'Hi ;. 



i 



Ytn Inhalt. 

Taf. V. Umgegend von Axum und Adoa in Tigre. Trigonometrisch auf^ 
genommen von W. Schimper, reduc. von R. Kiepert. 

• VI. Profile and Umrisse der Umgegend von Axum und Adoa. 

- VIL Die Ammons-Oaae oder Siuah. Aufgenommen 1869 von Gerhar^j 

Rohlfs. 

- VIII. Entwurf eines Theiles von Hoch -Armenien, von W. Strecker. Maas- 

Stab 1 : 5*25,000. 



\ 



•1 



f 



1. 



Ceber die Wcohre Lage der in Costarica vergeblich 
suchten reichen Goldminen von Tisingal und 

Estrella, 






Von Dr. A. v. Frantzias. 



Mit Ausnabme der dürftigen MittbeiliiDgen über die Entdeckung 
und Eroberung Costaricas ist dieses Land bis zur Unabbfingigkeits- 
*.rLIarnug der spanischen Colonien so gut wie gänzlich unbt^kannt 
g«^l>iiebeD. Als darauf durch den Verkehr mit fremden Nationen Cen- 
traiainerika die Aufmerksamkeit Europas auf sich zu lenken begann, 
traf es sich, data die ersten Schriftsteller, welche MittLeilungen über 
Co.-taiica lieferten, durchaus nicht ihrer Aufgabe gewachsen waren; 
es worden daher durch dieselben eine Menge von Unrichtigkeiten und 
Irthumern verbreitet, die von späteren Schriftstellern nachgebetet 
worden und znm Theil noch in den allerneuesten Schriften über Costa- 
liCi* angetroffen werden. Einige der wichtigsten dieser Unrichtigkeiten 
zu berichtigen und auf die Fehlerquelle zurückzufahren, ist der Zweek 
dieser Untersuchung. 

DJH Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Costarica, 
•fsi Zeitraum, der zwischen den Jahren 1502 und 1580 liegt, lehrt, 
dalö G>starica nicht wie andere spanische Colonieen schnell von einer 
groisen Menge beutegieriger Abenteurer besucht und überfluthet wurde. 
Tili Gegentheil war die Zahl derjenigen Europäer, die überhaupt bis 
tPiQ Anfange dieses Jahrhunderts nach Costarica gekommen sind, eine 
^Kiir geringe. Trotzdem liest man fast in alU^n Schriften, welche über 
C^'ötarica handeln, dieses Land verdanke seinen Namen „reiche Küste" 
iunem Goldreichthum; <lie Minen von Tisingal, denen von Potosi an 
K'^ichtbum kaum nachstehend, wären einstmals von den Spaniern 
oearbeitet worden, seien aber in Folge einer Empörung, wobei die 

Z«j'..-:jr. d. Ge»elhc.*i. t Erdlt. Bd. IV. ^ 



^ 



A. T. Frantzini: 



Spanier von den Indianern ermordet wurden, verlassen nnd seitdem 
nicht wieder aafiufinden. 

Gewifs mafs es Jeden, welcher weifs, was man nnter einem Minen- 
besirk versteht, besonders wenn dieser, wie wir weiterbin sehen werden, 
mit vollem Rechte mit dem von Potosi verglichen werden konnte. 
Wander nehmen, dafs derselbe später verloren gehen konnte. Waren 
die Minen wirklich so reich, wie es angegeben wird, so war noth- 
wendiger Weise aach eine grofse Anzahl von Menschen in denselben 
beschäftigt^ und es mufsten eine Menge von schriftlichen Urkunden ') 
vorhanden sein. Selbst, wenn bei einem Aufstände der Eingeborenen 
sammtiicbe anwesende Spanier getödtet worden wären, so roafsten 
immer noch eine Menge Personen an anderen Orten existircn, die 
entweder einstmals in den Minen gearbeitet oder mit denselben in 

m 

Verkehr gestanden hatten, und daher über den Ort, wo die Minen 
lagen, Auskunft geben konnten. Wir dürfen daher mit Bestimmtheit 
sagen, einzelne Silber- und Goldgruben können wohl verloren gehen, 
wenn sie durch Zufall verschüttet oder abäichtlich verdeckt werden, 
dafs aber die Lage eines ausgedehnten, in Betrieb gewesenen Minen- 
bezirkes wieder vollständig der Vergessenheit anheimfallen konnte, 
ist undenkbar. 

Als ich vor zwölf Jahren nach Costarica gekommen war, intcr- 
essirte ich mich natürlich auch zu erfahren, welche Bewandtnifs es 
mit den räthselhaften Minen von Tisingal habe, von denen ich schon 
in Europa in mehreren Schriften über Costarica gelesen hatte; doch 
erhielt ich hierüber selbst von denjenigen, die sich am meisten für das 
Minenwesen interessirten , in keiner Weise genugende Auskunft. Ich 
fragte nach den Documenten, welche über d^is Vorhandensein der 
Minen Kunde geben sollten, nnd erhielt zur Antwort, die betreffenden 
Documente seien aus dem Archiv von Cartago entwendet und würden 
verborgen gehalten; doch niemals gelang es mir ausfindig zu machen, 
wer die Hehler seien. 

Als ich mich später eingehender mit der Geschichte des Landes 
beschäftigte, war es mir sehr auffallend, dafs in den ältesten Ur- 
kunden nirgends Andeutungen über das Vorkommen reicher Minen in 
Costarica zu finden waren, während die Werke, welche von den reichen 



*) In den spanischen Colonien wurde von dem Goldgewinn eine Abgabe, der 
sogenannte „Quint". an die Krone y('/.ah]t , mul hiezu ei^uns l)f'sti!ninte Schätz* 
nieister nafamt>n diesen Antheil in F.nij.f.inii und filhricii dariiber Kechnung. Diese 
R.^chnungcn mtifsten sich, da es sieh um line in Cosiarioa gelegene Mine handelt, 
in Guatemala oder in Spanien finden. Hat man dort aber etwas der-irtiges ge- 
funden? 



r 



Die Tcrgeblich gesuchten reichen Goldminen von Tisingal und Estrella. 3 



Mifi^n von Tidingal and Eatreila . bandelten , sehr spaten Datums 
waren. 

Das älteste Werk, in welchem ich den Namen Tisingal fand, 
isi das geographische Wörterbocb über Amerika von Alcedo *) 
v^»in Jahre 1786, welches bei den Spaniern in damaliger Zeit als be- 
deutende Aatorit&t gegolten tu haben scheint. Älcedo sagt: „Den 
Namen „reiche Käste'* gaben ihr die Spanier wegen des vielen Goldes 
und Silbers, welches es in seinen Minen verschliefst, und aus der Mine, 
welch*' man Tisingal nennt, hat man nur wenig geringere Reich- 
c^ifimer herausgeholt, als aus den Bergen von Potosi in Peru.** Leider 
giebt Alcedo die Quelle, aas welcher er diese Angabe entnommen hat, 
nicht an, indessen bin ich zufälliger Weise so glüokHch gewesen, die- 
ät'Ibe aa&aiinden, worüber ich weiter unten ausführlicher sprechen 
werde. Diese Stelle des Alcedo ist deshalb so wichtig, weil aUe späte- 
ro-n Schriftsteller, welche Tisingal erwähnen, fast wörtlich das von 
A?«*edo Mitgetheilte wiederholen. So sagt z. B. Macculloch in seinem 
Dif^fiouary geograpMcal Statistical and historical im Artikel y^Guatetnala^ i 
„ Fnnn the tnine called Tisingal (Costarica) says Alcedo, not less riches 
hire been extracted than from tkat of Potosi in Peru;^ welch© Stelle 
.%:cli in einer kleinen 1851 in London erschienenen Schrift wiederßndet: 
i'rfncessions of extensive Territory in CostaricOy einer der vielen Ten- 
d<?naschriften, welche zur Colonisation und Einwanderung nach Costa- 
ri<'a auffordern. 

In einem kleinen in Costarica p^edruckten Scbulbuche von Rafael 
(.>«cjo finde ich, nachdem dieser über die Minen von Aguacate ge- 
sprocbt-n, folgende Stelle'): „aufserdcra giebt es unzweifelhaft welche 
j«in allen Gebirgen, die bis jetzt besucht worden sind, und vor Allem 
'in^efindet sich die von Tisingal in der Nähe der üeberreste der alten 
Stadt £strella, an einem der ausgezeichneten Häfen gelegen, welche 
die Bucht von Bocatoro enthält. Einige glauben, dafs der ungeheure 
Reicbthum dieser Mine und der Umstand, dafs sie sich an der Küste 



') Diccionario geografico -hisiorico dt las Jndias occidfmtale» o America por 
Ant. tU Alcedo. Madrid 1786. Tom,!, p. 670. Costa- liica: dieronU el nombre 
de Co^ta'Rica los JEspanohs por el mucho oro y plata que encierra en sus mmas; 
y de la gue llaman Tisingal se ha tacado poco menos riqueza que del cerro ae Po 
.'*>*'* €71 el Peru etc, 

*} Ademas de estas Kay positivamente en todas las serranias, que hnsta ahora 
h'in sidf visiladas, y sobre todo se halla la del Tisingal en las tnmcdinctonts de 
''■■T r^liquias de la antigua Ciudad de la Estrella sita en uno dt los tj-eUntes pturtos 
: '^uj'fendidos en la ensenada de Bocatoro. Attjunos cren que In iumtma rii^u-'za, 
»• *-i'a mina y la circnnsiancia de kallarse sobre la cnsta dtl mar car.rt du origen 
/i uomhre Ae Costu-ricn que conserva nucstro Estado. J.ecaones de Geografia. 
:>a.^ Jos4 183.??. p, 86. 



4 A. T. FranUinf: 

d«6 CarribiBcben Meeres befindet, den Ursprang des Namens Cost»- 
ric* TeranlaTst habe, welchen unser Staat behalten hat*' 

Osejo, welcher als Lehrer in Gostarioa in den dreiisiger Jahren 
gewirkt, und ein unterrichteter Mann war, ist der erste, bei welchem 
wir eine genauere Angabe über die Lage von Tisingal finden. EjT 
mauste sich naturlich fragen, wo kann das verlorene Tisingal gelegen 
haben? Nun £and sich in alten Urkunden, dab in der ersten Zeit 
nach der Entdeckung des Landes eine spanische Ansiedelung Concep* 
don am Estrellaflusse existirt habe, dais diese aber Tsrlassen wurde, 
nachdem im Jahre 1610 die bis dahin unterjochten Bingeborenen sich 
empört und die Spanier getödtet hatten; Osejo zog daher den Schluls, 
dafs hier auch die verlorene Mine von Tisingal gelegen haben müsse, 
denn einen anderen bestimmten Grund oder Gew&hrsmaon fuhrt er 
nicht an; er ist demnach der erste Schriftsteller, welcher Tisingal in 
die N&he der Stadt Estrella verlegt Seit der Zeit sprechen daher 
fast alle sp&teren Schriftsteller so, als wenn Tisingal und Estrella swei 
reiche, nahe aneinander gelegene Minenst£dte gewesen seien. 

Nur wenig abweichend von dem, was wir bei Osejo lesen, ist 
die MittheiluDg des englischen Ingenieurs H« Cooper» der im Aof- 
trappe der Regierung den Weg von Cartago nach Moin untersucht 
hatte, und im Jahre 1838 einen Bericht darüber herausgab. Er sagt 
daselbst '): „Der Hafen von Limon befindet sich in der N&he des alten 
Hafens von Estrella und den reichen Minen von Tisingal, welche aus 
einer mir unbekannten Ursache verlassen wurden.^ — „Nach den Ueber- 
lieferungen, welche an dieser Küste vorhanden sind, waren die Minen 
von Tisingal ebenso reich, wie die von Potosi in Peru, und es ^xistir- 
ten directe Verbindungen mit Spanien; doch in Folge eines unklugen 
Verfahrens wurden die Bewohner und die kleine Besatzung, welche in 
dem befestigten Platze war, in einer von den Indianern angestifteten 
Empörung niedergemacht, nachdem diese unglückliche Colonie von dem 
General-Capitain von Costarica und Talamanca ihrem Schicksal über- 
lassen worden war." Weiterhin fordert Cooper zu Expeditionen auf, 
um jene Minen wieder aufzufinden, wobei er, abweichend von der An- 
sicht von Osejo, es als ausgemachte Sache annimmt, dafs dieselben in 
der Nähe eines Estrellaflusses lägen, den er in die Bucht zwischen 

') El Puerto del Limon r^fa en las immefiiaciones del antiguo Puerto della 
Estrella i ricos minerales del Tisingal, gue fueron abandonados no sv por qu^ 
catMa.** — „Lros minas de Tisingdl segun las tradiciones que kai en esta cjvsta, 
fueron tan ricos como las de Potosi en el Peru i habia relaciones directamen tf^ con 
Espaha; pero por una imprudencia los habitantes i la pequena fucrza que "habia en 
el Castillo fueron degollados en una revolucion que formaron los tndioa*, Jiabiendo 
sido abandonada esia Colonia infeliz a tu auerte por el Capitan Je^neral de Costa- 
fica i Talamanca,* 



Die TMgeblidi geraehten meben Ooldminen toh Tlaingal lud Bttr^la. Jfc 

CiguiU «na PanU Garet« verlegt, wobei er bemerkt, dafa die Entfer- 
nang tod Gartago bis kn jenem Flatse nur ange(khr 22 L^uae betrage. 

Ich glftttbe, hier anch dae eine Menge von Unrichtigkeiten est« 
haltende, im Jahre 1649 erschienene Werk von A. von Bfilow «Aoa- 
wandemng and Colonisadon etc^, erwfihnen so mSssen. y. Balow sagt 
daselbst S. 292: „Die vorsfigHchsten Minen sind im Gebirge von Agaa- 
este TisingaU San Mateo, San Felipe etc.» sie wurden von der Anglo- 
Costa-Rica Economical- Mining Company in England bisher anter der 
Direetion eines Deutschen J. Barth bearbeitet.^ Nach dieser Angabe 
mfifiste man glauben, daüs Tisingal im Aguacate liege und jetzt noch 
bearbeitet werde. San Mateo ist keine Mine, sondern ein Dorf am 
FWse des Aguacategebirges, und San Felipe ist ein in Costarica nicht 
vorhandener Ortsname. 

Fast gleichzeitig erschien ein Werk, von dessen Verfasser man 
am allerersten Aufschlüsse über deo betrejQPenden Gegenstand erwarten 
dürfte, weil er der erste und bis jetzt einzige ist, welcher sich mit 
dem Quellenstudium der filtesten Geschichte Costaricas beschfifUgt hat. 
Der Verfasser dieses bis jetzt noch unfibertroffenen Werkes fiber Coeta- 
rica') ist der bekannte Felipe Molina. Er wurde im Jahre 1850 von 
der costarioensischen Regierung nach Spanien gesandt, um daselbst Do- 
comente aufzusnchen, welche die Legalit&t der Ansprache Costaricas in 
den Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarrepubliken Nen-Granada und 
Nicaragua beweisen sollten. Er fand in Sevilla eine ^nzahl für die 
Sltere Gresehichte von Costarica sehr wichtiger alter Urkunden. Da 
es wohl anzunehmen ist, dafs er aus eigenem Antriebe oder im Auf- 
trage der Regierung zugleich auch sein Augenmerk auf alte Akten- 
stücke gerichtet hat, die über Tisingal Auskunft geben könnten, so ist 
es gewifs sehr auffallend, dafs er dort nichts über diesen Gegenstand 
aufgefunden hat. Wir finden daher in seinem Werke nur dasselbe, 
was wir von Osejo erfahren, und zwar mit folgenden Worten p. 33 '): 
^Man vermaUiet, dafs die Goldmine, genannt Tisingal, welche dem 
Laude den Namen gab, nahe an der Grenze von Neu -Granada am 
atUn tischen Ocean liege. *^ Ferner spricht er p. 12') ausführlicher über 



*) Bosquejo de la Rqmblica de Costarica, Ntteva Torh 1851. Deutsch nnUr 
dem Titel: Costarica, Obenetst von A. v. Bttlow 1860 nach einem früheren Werk 
T<m F. MoUna: C<h^ ^oeil f^ide «nr la Repnblique de Costa Rica. Pari* 1S4S. 

•) 8e tvpOHt que la mina de oro llamada el lUingalf jwe did nombre al paie, 
Uta eiiiuada eerca de la frontera de Nueua Granada «m el AtlanUeo, 

') La tradicion generalmenU recibida, y qae $e apoya en documentoa gae m 
«i»«eo ttun reciente exiitian en loa arthivoe y que deegraciadamenie han deeapareeidOf 
eä eamo en la antoridad de algunoa etcritoree e$ gve e$ta tignifieatha dmotnänadon 
la debe Costa Rica a la existencia de ciertas minas de oro llamadas el Tisingal, 
sümda$ m la Costa del Atlantieo, eerca de Boea TorOf donde emstid la emti» 



y 



y 



A. ▼• Franttimt: 

dieteii Gegenstand and sagt: ^Die allgemein angenommene Lage, 
wekhe sich auf Handschriften stfitst, die noch in der jfingsten Zeit in 
den Archiven existirten, anglncklicher Weise aber verloren gegangen 
sind, sowie auf die AatoritSt einiger SdiriftsteUer, ist die, da(s Costa» 
rica diese beEeichnende Benennung dem Vorhandensein gewisser Oold- 
minen, genannt Tisingal, verdanke, welche an der Efiste des atlanti- 
schen Oceans, nahe bei Boca Toro lagen, woselbst die alte Stadt 
Estrella lag. Dennoch bin ich geneigt za glaaben, dafs sie keinen 
anderen Ursprang hat, als denjenigen von der übertriebenen Vorstellong, 
welche sich der Admiral Columbas vod den Reichthümern jener Gegend 
bildete, als er an deren Euste vorbeifuhr.^ Ferner sagt er noch p. 13 '}: 
^Es ist kein Zweifel, dafs die Provinz im Laufe der Jahre 1560 bis 
1600 einen hohen Grad von Bluthe erreichte, sowohl durch die Be- 
arbeitung der Minen von Tisingal, als auch durch die Entwickelung 
seines Ackerbaues.^ 

Beiüe Stellen weisen, wie gesagt, darauf bin, dafs Molina sowohl 
den AIcedo als auch die Angaben von Osojo vor Augen hatte, indem 
er Tisingal an den Estrellaflnfs verlegt und gestützt auf alte Quellen, 
die er in seiner Abhandlung über die Grenzstreitigkeiten *) anführt, 
behauptet, dafs dieser Plufs sich in die Chiriquilagune ergiefse. Was 
IfoUna über Tisingal mittbeilt, ist nur eine Wiederholung desjenigen, 
was wir bei AIcedo und Osejo gefunden haben. Wenn er aber be- 
hauptet, dafs Costarica zwischen 1560 und 1600 schon eine blühende 
Provinz war, so läfst sich aus einem erst kürzlich in Guatemala auf- 
gefundenen, höchst interessanten Aktenstücke, welches ich im Mane- 
script besitze und der Güte des Herrn Francisco Iglesias verdanke, 
gerade das Gegentheil beweisen, indem aus jenem Aktenstücke her- 
vorgeht, dafs die ersten spanischen Eroberer und Ansiedeier damals 
mit der grÖfsten Notb zu kämpfen hatten. 

In dem vortrefflichen Geschieh tswerke von Pelaez') findet sich 
nur an einer einzigen Stelle (Tom II p. 169) der Name Tisingal er- 
wähnt, wobei sich der Verfasser ebenfalls auf die oben angeführte 
Stelle des AIcedo bezieht 



dndad de la Ettreila. Sin «mbargo yo me inclino a pensar que no ha tenido 
otro origßn, que el concepto exagerado, que te formö el Almirante Colon de las 
riquezas de aqttella region^ cuando recorrio eu litoraL 

') No cabe duda que la provineia alcamö un alio grado de proitperidad etUre 
los anoi 1560 g 1600 ga por el laborio de la» minas de Tisingal j ga por el desor- 
rollo de su agricultura. 

') Costarica g Nueva Granada ^ cuestion de limites por Felipe Molina. Wa^ 
shmgton 1S52. p. 10. 

'} Memorias para la historia del antiguo Heino de Owitemala. GvaUnuUa IS(2- 



Die rerg«bUch gesacbten reiekea Gfoldminen Ton Tüingal nnd EstreÜa. 7 

Was M. Wagner aber die llinea Yon Tisingal im Aobange seines 
Boehes (Die R^oblik Costarica 1856) sagt, beruht aof einer sehr 
oDgenaaen Uebersetsong des von Molina Mitgetfaeilten , nnd steht in 
eioem auffallenden Widerspräche mit den Beroerkangen seines Reise« 
gcfihrten G. Scherser, der S. 562 in sehr verständiger Weise ^den 
Mangel an jeder authentischen Kunde über den wirklichen Bestand 
to geheimnifsToUen Ooldbergwerkes von Tisingal^ hervorhebt. 

Aach in Frankreich ist der Rof von dem alten Tisingal verbreitet 
worden. Lafond de Lurcy spricht in seiner kleinen Schrift fiber 
Golfo Dulce') in sehr positiver Weise über Tisingal und sagt: On y 
iCoiiariea) exphiia langiemps ceile de Tisingal qui produisait anwueüe' 
MMl ptusieurs miUions de piasires. Les mauvais traitementt et les 
pexaiicns amxqueh les Colone ätaieni expoeie de la pari du gotneruO' 
■teal eepagnoly nan moins que les incursiom qu'ih ettreni ä souffHr de 
nambreux piraiee les forctreni d*abandonner leurs exploUations et leurs 
etabUssemenis, 

Auch dasjenige, was der durch den Secessionskrieg bekannte 
Unionsgeneral Thomas Francis Meagher in seinen y^HolidajfS in 
Costariea*)^ fiber den Reichthum der Minen von Tisingal und Estrella 
aogiebt, rfihrt nur aus mündlichen Mittbeiluugen her, die ihm während 
seines Aufenthaltes in Gostarica von einzelnen Personen zugingen, 
mit welchen er in näherem Verkehr stand, und entbehren jeder zuver* 
lässigen Begründung. Er sagt daselbst: „Vor drei Jahrhunderten 
gingen jährlich zwei Galieonen, beladen mit dem Staub und Erz der 
berohmten Silber- und Goldminen von der Mundung des Estrella nach 
Cadix. — Der undurchdringliche Wald verwischte die Fufstapfen der 
Spanier, er verlöschte sie gänzlich und vielleicht für immer; und Alles, 
was man in Gostarica und anderswo von den wunderbaren Minen von 
Estrella ond Tisingal weifs, ist das, was uns die Volkssage und die 
Binbildnngskraft der Indianer überliefert'^ 

Eine eigentliche Volkssage über jene Minen existirt fiberhaupt 
in Costarica nicht, am wenigsten im Gebiete der Talamanca-Indianer, 
wo man sie sucht, nnd wo der Name Tisingal gänzlich unbekannt ist 
Aach anderswo beim niederen Volke ist er wenig bekannt, nur die 
sogenannten gebildeten Gostaricenser wissen davon zu erzählen, und 
zwar nicht mehr und nicht weniger, als dasjenige, was in den ange- 
führten Schriften mitgetheilt worden ist 

Es wurde gewifs den Leser ermüden, wenn ich in ähnlicher Weise 
aUe diejenigen kleinen Flug- und Tendenzschriften aufnehmen wollte, 



') Notice mr U Oolfo Dulce par Gab. Lafond de Lurcy, Paris 1866. p, 9 
*) Horp^s Ne» Mimtkly Magazine, 1860. Vol. XX. p. 810. 



9 A« ▼• Vvaatsivi: 

die in der Absieht, Cotlwioa s« enpfeUen, giiis baModers md £e 
raichea GoUnuaen von TiBiagd and Sttrelln lutfaMcluMii mnchen» 
deren Lege man noch immer niefat kennt, ja deren Vorhandeneeia 
nock nicht einmal festotehl. 

Der Tellatftndigkeit halber erwAhne ich jedoch hier noch die ia 
einer im Jahre 1663 in Cartago erschienenen Zeitschrift, La Bstrella 
del Norte, anter dem Titel ^Andgoidades^ Tcröffentlichten IGtdieilaBr 
gen über die Altere Geschichte Costaricas von Felix Mata, Da ia- 
deasen der Verfasser selbst sie nor als Erinnerangen ron Erzfthlangeo 
ansgiebt, die er als Knabe aas dem Mande einiger alten Missionlre 
hörte, so haben dieselben, besonders anch, da sie nichts Nenes enthalten, 
kein historisches Interesse. Ich unterlasse es daher, aasföhrlicher dai^ 
aaf einsogehen. Da Mata ein Schiller von Osejo war, so verlegt er 
ebenfalls wie jener Tisingal in die Nfihe von Estrella, and dieses letz- 
tere nach Boca del Toro. 

Ein Rfickblick aof die bis jetrt angefahrten Schriften lehrt nna' 
dab Alcedo der erste Schriftsteller ist, bei welchem sich das Wort 
Tisingal findet; er sagt, dafs Tisingal eine sehr reiche in Gostaricm 
gelegene Bline sei, and da& dieses Land derselben seinen Namen ver- 
danke. Osejo verlegt darauf, ohne einen Grand dafür aosugebea, 
diese Mine in die Nähe der Stadt Estrella, and behauptet ebenso will- 
kürlich, dab sie an der Cbiriqoilagune liege. Seitdem werden Tisingal 
und Estrella als zwei sehr reiche Minen identificirt, und da, wie wir 
weiter unten sehen werden, die Ansichten der Schriftsteller über die 
Lage von Estrella sehr von einander abweichen, so ist dasselbe natar* 
lieh auch mit der Lage von Tisingal der Fall. 

Ebenso wie der Name Tisingal in den filteren historischen Werkea 
vergebens gesucht wird, vermissen wir ihn auch auf den älteren Karten. 
Dagegen findet er sich erst auf einigen gans neuen Karten, und swar 
auf der von M. Wagner und der von H. Kiepert*). Auf der erste- 
ren, einer genauen Copie der in Molinas j^Bosquejo^ enthaltenen, ist 
Tisingal nördlich vom Pico de Rovalo angegeben, da wo sich in Wirk- 
lichkeit das Gebiet des Chanqueneflnsses befindet Auf der anderen 
li^ Tisingal in der Nähe eines Estrellaflusses, den Kiepert südlich 
von Caguita in's Meer münden l&fst. 

Es ist sehr auffallend, dafs ungeachtet des bedeatenden Rafes, in 
welchem nach den genannten Schriften die Minen von Estrella nnd 
Tisingal gestanden su haben scheinen, dennoch erst in so q^ter Zeit 
Anstrengungen gemacht worden sind, um sie wieder aufsnfinden. 
Ebenso auffallend ist es, dafs die dasu unternommenen Expe- 



>) Nene Karte von Mittelamerika, von H. Kiepert B«rlin (D, Reimer) 1S&8. 



Die Teigelklidi gtfiieltten reSdim Goldminen ron Tbingal und EitrelU. 9 

liiidneo weder von geeigiMten PersSnIidikeiten aaegefilhrt wurden, 
•imiiitlicfae waroD lOgeDeiiiHe OHSektritter, keiner ein Bergmann 

Fach, noch dafs binreiohenile Geldmittel dam verwendet worden 
wiieo. Dies Allea deolet darauf bin, dafs die schrifdlchen Ueberliefe^ 
raagca in Besag auf die Oertliebkeiten der Mine sehr ungenau sein 
auiftten, und dab die oben angefahrten Bebauptangen fiber das Vor- 
handenaein jener reichen Minen bei den Einsiebtigeren keinen rechten 
Olaoben fanden. Nichtsdestoweniger sind eine ganse Anzahl kleiner 
wod grSfaerer Expeditionen, welche die Auffindung der Mine zum Zweck 
hatten, wirkHeh gemacht worden. Zuerst ging Jos6 Maria Figueroa 
SOS Cartago im J. 1843 von Moin nach Gaguita, von hier über Cuabre den 
Sizaulafliifs hinauf, dann zu Lande nach Bribri und weiter landeinwärts 
Us aaf den Kamm des Gebirges von Pico Blanco; er blieb sechs Monate 
nnterw^^ Im Jahre 1845 wiederholte er die Reise, ging aber diesmal 
von Caguita zu Lande nord^vestlich nach dem North «River ') bis zu 
deaaen Quellen, und blieb vier Monate in jener Qegend. Figueroa be- 
hauptet, dafa die goldreichste Stelle zwischen den Quellen des Teliri, des 
■SrdliehMen Nebenflusses des Sixaula, und dem North-River liege, welche 
FKsae hier höchstens 4 bis 5 Leguas von einander entfernt sind. Hier 
hatte man ein StSck eines Mahlsteines gefunden, wie sie im Lande zum 
Ersmahlen geraucht werden, und er sieht darin einen Beweis, dafs hier 
sdion frftber nach Gk>ld gesucht worden sei; er fand auch in einem 
kleinen Bache, Namens Orosi, der dem Coenflusse zuströmt, Wascb- 
fjoldj and traf bei den Indianern dieser Gegend reichen Goldschmuck, 
der offenbar alter Arbeit war. 

Bald darauf ging Francisco Gutierrez, ein Mann von hoch- 
fahrenden Plftnen, im Jahre 1852 auf dem alten Wege der Spanier 
nach dem Talamancagebiet in jene Gegend. Das erste Stück dieses 
Weges von Angostura bis zum Pacuarfiusse wurde damals gerade von 
der Berliner Colonisationsgesellschaft unter der Leitung des verstorbe- 
nen Baron von Bulow zu einem Fahrwege hergerichtet; vom Pacuar 
l^g er dann nach dem Chirrip6flu&, woselbst sich die daselbst an- 
Indianer anfangs feindselig gegen ihn benahmen, und sich 
Vonrathes von Lebensmitteln bemächtigten, dann aber finderten 
sie ihr Benehmen und blieben in der Folge freundschaftlich gegen ihn 
gesonnen. Br kehrte jedoch bald zurSck und lernte zwischen dem 
GhirrqNS und dem Pacuar eine schöne Hochebene, genannt Schara, 
kennen, die er spiter als Staatsland von der Regierung kaufte und 



*) Ich wUila in Veilanfe dieMr Arbeit abskhtlieh, «m d«n Leser nicht s« 
▼crwirmi, den Kamen North-River, obgleich derselbe Flufs heote anch den Namen 
Batrollaflafs führt. Ich vermeide diesen Namen ans dem Grande, damit der Leser 
dadareh nicht vtileitai werde, n glauben, dies sei der alte Estrellaflurs. 



tO A. V. Fraatsiai: 

MoravU aannte. Hier erhielt er Kuniie tod dem Vorkottmen von Ooid 
in einem nahebei, oberhalb der IndianeraneiedelaBgea von Chirrtpi 
gelegenen Berge , welcher den Namen Cerro de San Maleo *) fahrt, 
Yon den Indianern aber Acabä genannt wird. Um diesen niher keoBen 
zji lernen, schickte er im folgenden Jahre Lieute dortbin, am von Mo* 
tavia ans einen Weg nach diesen Berg sq eröffnen, welche ain süd- 
östlichen Fals desselben Sparen von Erzgängen antrafen. Noch in 
demselben Jahre ging Outierrez mit einigen Arbeitern, anter welchen 
sich ein gewisser Jose Maria Coronel befand, dorthin. Da jedoch die 
Arbeiten an diesem Berge keinen Ertrag lieferten, so kehrte er nach 
Moravia zarück and begann daselbst Taback za banen. 

Zwei Jahre spfiter (1855) ging ein gewisser Canuto Picado 
nach demselben Cerro de San Mateo, um daselbst sein Gluck in Minen- 
arbeiten zu versuchen, doch stellte auch er seine Arbeit bald ein, nacb* 
dem er einige Zeit vergebens gearbeitet hatte. Ebensowenig Erfolg 
hatte eine Expedition, die der obengenannte Coronel im n&chsten Jahre 
auf eigene Rechnung unternahm. 

Nur als Beweis, wie wenig umsichtig die Untersuehungsreisen in 
jene Gegenden ausgeführt wurden, führe ich hier eine Reise von zwei 
Deutschen an, die im Jahre 1856 von Texas nach Matina gekommen 
waren, und, ohne der spanischen Sprache mächtig zu sein, sich von 
einem Mulatten in das Gebiet des Sizaulathales führen lielsen. Sie 
kehrten nach achtzehn Tagen zurück und wufsten nicht einmal anzu- 
geben, wo sie gewesen waren; sie konnten daher nur sagen, dafs sie 
beständig bergauf und bergab im dichten Urwalde gegangen wären, 
dais sie eine Anzahl Flusse passirt und hin und wieder einige In- 
dianer gesehen hätten ; von Gold, welches zu suchen der Zweck ihrer 
Reise gewesen war, hatten sie natürlich keine Spur gefunden. 

Der Cerro de San Mateo war, wie wir gesehen haben, in d^r letz* 
ten Zeit das Ziel aller derjenigen gewesen, die in jenen Gegenden 
nach Gold suchten. Daher wurde ein gewisser Pedro Iglesias auf 
Kosten einiger wohlhabender Bewohner von Cartago im Jahre 1858 
ebenfalls nach jenem Berg geschickt, woselbst er ebensowenig bauwür- 
dige Erzgänge fand, als seine Vorgänger; keinen besseren Erfolg hatte 
eine nochmalige Expedition des bereits erwähnten Coronel im Jahre 
1859. 

Im Jahre 1862 nahm sich ein junger Mann aus Cartago, Namens 
Manuel Marchena, dessen Vater in den Besitz von verschiedenen 
auf die Missionen im Talamancagebiet bezüglichen Dokumenten aus 
dem Convent von Orosi gekommen war, den North-River zum Ziel, 



^) Auf den meisten Karten flüschlich Cerroe de HatinA genaanC. 



Die Tergeblich g^nchten reichen Goldminen ron Tisingal and Estrella. ] i 

weä er glaabte, dieser Flafs, der beate aacfa EatrellaflaTs genannt wird, 
sei der in den alten Urkunden erwfibnte Flaue gleichen Namens. £r 
ging von Moin naeb der Mündnng dieses Flusses, doch kehrte auch 
er, nachdem er ihn eine Strecke flufsanfwfirts verfolgt hatte, anver^ 
ijchleter Sache zurück. 

Eine nochmalige gröfsere, gut ausgerüstete Expedition unternahm 
der oben genannte Pedro Iglesias im Februar des Jahres 1863, und 
xwar dehnte er diesmal seine Reise auch auf das Sizanlathal aus. Er 
ging 2u Wasser von Moin nach Gaguita, dann zu Fnfs nach Cuabre 
and von hier in einem Boote den Sixaulaflufs hinauf. Zunächst fand 
er im Urenflusse, einem der Nebenflüsse des Sizaula, Spuren von Gold 
and Kupfer, und in einigen Bächen nahe bei San Jos^ de Cabecar am 
CoeDflnsae ebenfalls einiges Waschgold. Von hier ging er zum North- 
River und fand daselbst in einigen Quarzscbichtcn sowie in einigen 
Quellen einzelne Goldkorner, doch war das Gold in so geringer Menge 
vorhanden, dafs es nicht die Muhe des Waschens belohnte. In dieser 
Gegend erbot sich ein Indianer, ihm eine reiche Mine zu zeigen, die 
vier Legnas vom Hafen entfernt, am rechten, südlichen Ufer des North- 
Rivers liegen sollte. Doch waren gerade um diese Zeit sämmtliche 
Beiner Leute erkrankt, weshalb er sich genöthigt sah, ohne die Mine 
aa&usucben, die Rückkehr anzutreten, nachdem er sechs und einen 
halben Monat unterwegs gewesen war. 

Aufser diesen von Costaricanern unternommenen Entdeckungsreisen 
hat es indessen auch nicht an solchen gefehlt, die mit bedeutenderen 
Opfern an Geld von Ausländern unternommen wurden. Mehr als ein- 
mal kamen in Nordamerika besonders dazu ausgerüstete Schiffe nach 
der Chiriquilagune, deren Mannschaft hier Nachforschungen nach den 
venchollenen Goldminen anstellte, indessen hatten auch diese keinen 
besseren Erfolg, als die erwähnten Expeditionen der Gostaricaner. 

Der genannte Gerro de San Mateo, welcher die meisten Gold- 
soeher, die auf die Auffindung der Minen von Tisingal und Estrella 
ausgingen, zu genaueren Nachforschungen veranlafste, ist ein nörd- 
licher Alisläufer des Chirripo's und liegt am linken Ufer des oberen 
Laufes des Chirripoflusses; sein Gipfel ist mit Savannen bedeckt, und 
eine Anzahl von Quarzgängen deutet auf Metallgehalt hin. 

Anfser diesem Cerro de San Mateo wird ein anderer Berg für 
goldhaltig gehalten, welcher zwischen dem North-River und Teliri liegt. 
Femer finden sich auch noch in verschiedenen Bächen, die im Pico* 
Blancogebirge entspringen und den Nebenflüssen des Sixaula zuströmen, 
Sporen von Waschgold. 

Daa ganze Resultat der vielen Reisen beschränkt sich demnach 



12 A. T. FrmDttinf: 

danmfy d^b man an Teraehiedenen Stellen der Berge goldhaltiges Oe* 
stein antraf, nirgend aber Sparen gröfserer alter Minenarbeiten. Zwar 
behaupten mehrere Reisende, dafs sie an einigen Stellen Spnren k6nst* 
Kch hergestellter nnd Tielbetretener Wege gefanden hätten, 
woraus sie folgern, da die Herstellung derselben einstmals einen grofsen 
Kostenaufwand erfordert habe, dafs diese Wege nur sehr reicher Minen 
wegen angelegt worden sein könnten. 

Derartige Sparen finden sich in der N&he des Chirripoflusses an 
seinem linken Ufer, eine Legua flufsabwftrts von der Stelle, wo sich 
die einzelnen Indianeraosiedelangen befinden. 'Hier sieht man an einer 
steilen Felswand von 30 bis 40* Böschung in einer Lfinge von 50 bis 
60 Fufs, in den Felsen eingehauene Staffeln, auf welchen deutlich die 
Abnutzung durch Maulthierhufen zu erkennen ist. Femer sah ich selbst 
an einer Stelle zwischen dem Facuarflusse und Moravia, die den Na- 
men Surtnval fuhrt, grabenartige Vertiefungen, die offenbar knnstlidi 
gemacht worden sind und fSr alte Wege gehalten werden. Auch in 
der Nfihe des North-River sollen derartige grabenartige Einschnitte an- 
getroffen werden, die man für alte Maulthierpfade hfilt. Da sich in 
Costarica auch an vielen anderen Stellen ähnliche, zuweilen sehr tiefe 
Binschnitte, sowie auch gepflasterte Wege finden, von denen die letz- 
teren ebenfalls nur mit grofsem Aufwand an Menschen krfiften herge- 
stellt werden konnten, diese aber offenbar aus der alten vorspanischen 
Zeit herrühren, als noch die indianische Bevölkerung eine sehr zahl- 
reiche war, so müssen wir, so lange nicht Beweise für das Gegentheil 
geliefert werden, auch jene Spuren kunstlicher Verkehrswege für alt- 
indianische halten. Im lockeren mit Sand gemischten Brdreich, nament- 
anf etwas abschüssigem Terrain waschen die heftigen Tropenregen die 
durch die Tritte der Menschen und Thiere aufgelockerte Erde bestfin- 
dig fort, nnd die Gewalt des Wasser macht diese Rinnen schliefslich 
zu sehr tiefen Einschnitten, sanjones genannt, die bei oberflfichlicher 
Betrachtung leicht für künstliche Arbeiten gehalten werden können. 
Demnach können wir diesen Beweis für das einstige Vorhandensein 
eines ehemaligen grofsartigen Minenbetriebes nicht gelten lassen. 

Nach Aufzfihlung der mir bekannten Schriftsfeiler und Karten, in 
welchen sich der Name Tisingal findet, sowie der Versuche, die in 
neuerer Zeit unternommen wurden, um die verlorene Mine wieder auf- 
zufinden, hätte ich nun den oben versprochenen Nachweis zu liefern, 
woher Alcedo seine Angabe fiber Tisingal entnommen hat. 

Durch Zufall erfuhr ich, dafs ein kQrzlich neu verlegtes Buch: 
^the Hisiory of ihe Buccaneert of America^ einige Angaben über Tisin- 
gal enthalte. Ich war so glScklich, sehr bald dasselbe in einer neuen 



V 



i 



Die T8fgebUch geeuchteii reichen Goldminen Ton TIsingel und CUtrelle. 1 3 

Boetoner Aasgabe «ib New-Tork sa erhalten» und machte mich sofort 
daran, alle diejenigen Stellen aofiasachen, in welchen der Name Ti- 
sbgal vorkommt 

Von der Idee befangen, Tisingal mnsse an der atlantischen 
Kiste von Costarica liegen, fiel es mir sofort anf, dafe der Name jener 
Mine so oft während einer Expedition erwfthnt worde, die an der Küste 
des stillen Oceans, und swar von der Tigerinsel in der Concha- 
gpabay ans aber Cholateca nach Segovia antemommen wurde. Die 
hier angegebenen Entfemnngen, das Datum von Briefen, die von Ti- 
•ing^ kamen, wiesen deatlich darauf hin, dafs es sich nicht um einen 
in Costarica gelegenen Ort, sondern vielmehr um einen in der N&he 
jener genannten Oertlichkeiten liegenden handle. Als dies feststand, 
kam es darauf an, ausfindig au machen, wo dieses Tisingal gelegen 
habe. Erst jetzt bemerkte ich , was ich bisher beim fiuchtigen Lesen 
öbersehen hatte, dals der Name nicht Tisingal, sondern Tinsigal 
geschrieben war. Indem ich mich nun zuerst an eine Stelle hielt, 
worin ein Qeneral vom neuen Gouverneur von Tinsigal spricht, so 
• ging daraus mit Bestimmtheit hervor, dafs es eine der Hauptstädte 
jener Gegend sein müsse, und nun lag es nahe, dafs dies nur die in 
jener Gegend gelegene Hauptstadt Tegucigalpa sein könne. Die 
onzweifelhafte Bestätigung dieser Yermuthang ergab sich sofort bei der 
genauen Prüfung sämmtlicher übrigen Stellen. 

Der Verfasser jener Schrift und zugleich Anfuhrer dieses höchst 
merkwürdigen, mit unglaublicher Unerschroekenheit und seltenem Glück 
aosgefohrten Zuges ist Sieur Ravenau de Lussan, welcher seit 
1684 an der Küste des stillen Oceans als Freibeuter die verschieden* 
sten Abenteuer erlebte und endlich im Jahre 1687 beschlols, mit 
seiner ganzen Mannschaft, bestehend aus 280 Mann, nach seinem Vater- 
lande Frankreich zurückzukehren. Da seine Schiffe sich in einem sehr 
schlechten Zustande befanden, so wählte de Lussan den ungewöhnlichen 
Weg von der Conchaguabay über Gholuteca und Segovia bis zum Se- 
goviafloTs, dann fuhr er auf selbst gefertigten Flössen diesen reifsen- 
den Flufs voller Stromschnellen bis nach Gap Gracias a Dies hinab, 
schiffte sich hier ein und erreichte glücklich sein Vaterland. 

EIhe er seine Reise erzählt, spricht er S. 435 zuerst im Allgemei- 
nen von der Westküste Amerika's, und vergleicht die Westküste Mittel- 
amerika's mit der von Südamerika. „Das Land, welches sich von der 
Bay von Salt Pits ') bis Acapulco «erstreckt, ist das bevölkertste an 
der Südsee, woselbst auch einige berühmte und sehr reiche Städte He- 



>) Die Bay von Salt Pits ist der Golf von Nicoya, der damals bis Anfang 
dieses Jahrhunderts den Namen Grolfo de las Salinas führte. 



14 A. T. Frantsiai! 

gen; auch findet man daselbst mehr Ooldminen als in Peni, ob^ekA 
das Metali nicht so fein ist, nnd allein diejenigen von Tinsigal 
werden von den Spaniern mehr geschfitst, als die Minen 
TonPotosi; daher wird diese KOste nicht ohne Grond ,,r eiche 
Kdste* genannt, obgleich auf anseren geographischen Karten dieser 
Name nur einem kleinen Theil dieses weiten Landstriches gegeben 
wird.* 

Diese Stelle ist offenbar die wichtigste von allen, die fiberTisin- 
gal handeln; denn zuerst sehen wir, dafs hier nur von der Westküste 
gesprochen wird, so dafs also unmöglich Tisingal an der Ostkaste 
liegen kann. 

Zweitens sagt der Verfasser, dafs die Seefahrer Jener Zeit cfine 
weit grofsere Strecke Landes mit dem Namen Costarica benannten, 
ab das Territorium, welches die damalige Provinz Gostarica im p<^- 
tischen Sinne umfafste. Denn so wie an der Ostkuste die ganze Stredke 
von der MSndung des San Juanflusses bis Portobelo Gostarica genannt 
wurde, so benannte man auf der Westseite sogar die ganze Küste von 
Nicaragua und, wie wir es hier sehen, fauch die von Honduras and 
San Salvador mit dem Gesammtnamen Costarica. 

Drittens ist der Vergleich zwischen Tegucigalpa und Potosi ein 
sehr treffender und ganz richtiger; denn selbst in neuerer Zeit finden 
wir einen ähnlichen Vergleich beiDunlop*) fast mit denselben Worten 
ausgedrückt; auch er sagt: „Die in der Umgegend von Tegucigalpa 
vorhandenen Schätze an edlen Metallen übertreffen die der berühmten 
Minen von Potosi in Bolivia.^ Man mufs dabei berücksichtigen, dafe 
beide Orte ausgedehnte Minenbezirke bilden, welche schon seit Jahr- 
hunderten durch ihren ungeheuren Reich thum an Silbererzen be- 
rühmt waren. 

Potosi') ist bekanntlich der Name eines Districtes in BoUvia 
mit einer Stadt gleichen Namens, dessen reiche Silberminen sich in 
einem Gebirge von ungefilhr sechs Leguas Umfang befinden. Dieses 
Gebirge ist von Schachten und Stollen gänzlich durchbohrt und unter- 
minirt; es befinden sich daselbst mehr als 300 Erzgruben. Die ersten 
Erzgänge wurden im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts entdeckt,, 
und 1545 wurde Potosi als Mine einregistrirt, und seit dieser Zeit 
zahlte dieselbe den sogenannten Quint an die spanische Krone. Aus 



') Rob. Glasgow Dunlop, Travels 'in Central -America, London 1847. 

') The London Encyclopaedia. London 1888. VoL XVI JL p. 9 and 10. 
Ferner: Die Silberminen von Potosf etc. von E. 0. Ruecke in der Berg- und hatten- 
mttnnischen Zeitung. 1858. No. 84 — 36. Der Mineralreich thum und der Verfall des 
Bergbaues auf dem Hochplateau der Republik Bolivia von H. Reck. Ebd. 1866.. 
No. 87—89. 



Die Tergeblich gerachten reichen GoldDunen Ton TSsingal nnd EstreUa. j 5 

den daraber geführten noeb vorbaDdeoen Bechnongen hat Hamboldt 
den Wertfa des seit 1545 bis tarn Jahre 1803 gewonnenen Silbers anf 
160,087,901 Mark (£ 234,698,840) berechnet, wobei man noch in An> 
sddag bringen laiifs, dafe ein betrfichtlicher Tfaeil des Metalls nicht 
mit einbegriffen ist, welcher, ohne Abgaben za lahlen, der Beaufsichd- 
gniig der königlichen Beamten durch Yerantreaung entsogen wurde. 

Aach Tegucigalpa') ist sugleich der Name eines Bezirkes und 
einer im Centrum desselben gelegenen Stadt. Dieser Bezirk enthfilt 
10, früher sogar 13 Minendistricte, von denen jeder eine Menge Gra- 
ben besitzt. Um sich von dem Reichthum dieser Minen einen Begriff 
zu machen, mnfs man wissen, dals im vorigen Jahrhundert eine ein- 
sige derselben, la Onayavilla, in einem Zeitraum von fBnfzig Jahren 
Silber im Werthe von zwölf Millionen Pesos lieferte; eine andere Mine, 
d Corpus, die berfihmteste von allen, gab einen so anglaablich reichen 
Ertrag, dafs man für sie allein eine besondere königliche Kasse ein- 
richten muTste, um die gesetzmfifsige Abgabe derselben in Empfang zu 
nehmen. Diese beiden reichen Minen lagen in dem berühmten Minen- 
districte Yuscaran; ein anderer Minendistrict Namens San Antonio 
enthält allein mehr als 30 Gruben. 

Viertens endlich ist es augenscheinlich, dafs Alcedo beim Sam- 
meln der geographisch-amerikanischen Materialien für sein Diccionario 
die de Lussan'sche Stelle vor Augen gehabt, gelesen und benutzt hat. 
Dadurch aber, dafs er den Satz: „nnd allein diejenigen von Tin- 
sigal werden von den Spaniern mehr geschfttzti als die 
Minen von Potosi; daher wird die Küste nicht ohne Grund 
reiche Küste genannt*', aus dem Zusammenhang herausrifs, ohne 
die nachfolgenden Worte zu berücksichtigen, ist er selbst in den Irr- 
thom verfiEJlen, als l&ge Tisingal in der Provinz Costarica, nnd so hat 
er alle übrigen Schriftsteller, die sein Werk benutzten, zu demselben 
Irrtbum verleitet. 

.Ueber die Lage von Tinsigal erfahren wir etwas genaueres aus 
einer zweiten Stelle, in welcher Lussan von drei Gefangenen spricht, 
welche wfihrend ihrer Gefangenschaft so grünstige Berichte über den 
Beichthum einer Goldmine erhielten, die nahe bei Tinsigal liegt, dafs, 
obgleich sie spfiter ausgewechselt wurden, sie dennoch wieder zu den 
Spaniern entflohen und eine Anzahl ihrer Gefährten zu bereden such- 
ten, ein Gleiches zu thun. Die Stelle ^ S. 404 lautet so : „die sehr an- 
sebnliche Ooldmine war 14 Leguas von der Küste entfernt (d. b. von 
der Conchaguabaj) und ebenso weit von Tinsigal^ a. s. w. Diese Ent- 



■) Exploraiioni and Adventures in HonduroM hy W, V. Weltt, New TorJs 1867. 
p, 425 «. 622. 



Ig A. V. Frantsimti 

fernttAg» 88 LegoM, pafiit mit BerOckmhtiiiig dar WiadnngMi dm We- 
ges g«ns gut «uf die Lag^ der Stadt TegbcigiliMi, welche in gerader 
Biehtnng nogeflBhr 25 L^oa» von der Kfiste eotfenift iit 

Da(s in der That kein anderer Qii ala Tegucigalpa unter 
Tinsigal ca verstehen ist, sehen wir aus den nhrigen Stellen, in 
welchen de Lossan bei der Schildemog sdnes kühnen Marsches Ton 
einem Ocean aom andern diesen Namen erwihnt» 

De Lassen lag an der Tigeriosel (AmapaUL) rar Anker und sdiüfte 
seine aus 280 Mann bestehende Mannschaft am 25. December 1687 
ans, theilte sie in vier Compagnien und brach mit denselben den 2. Jap 
nuar 1688 auf. Den 8. Januar kam er in die Nähe der Stadt Cholnteea, 
die schon früher, den 19. December, von einer kleinen Zahl seiner 
Leute überrumpelt und genommen, am folgenden Tage aber wieder 
verlassen worden war. Hier gelang es seinen Leuten, einen Spanier 
gefangen zu nehmen, der ihnen über die St&rke des Feindes Ansknnft 
geben mulste. Derselbe sagte aus, dals alle Streitkräfte des Feindes 
sich vereinigen wollten, um ihnen den Durchsug streitig su machen, 
und dafs sie auf dem Punkte ständen, mit den 300 Mann ausammen- 
zutre£fen, die von Tinsigal kämen. In der That stiefsen sie auf diese 
300 Mann noch am selben Tage, doch vermieden dieselben den Kampf, 
blieben aber als Beobachtungsoorps einige Tage hindurch, su beiden 
Seiten im dichten Tannenwalde marschirend, stets in einiger Entfer- 
nung, so dafs sie nie zu sehen, sondern nur ihre Signaltrompeten an 
hören waren. 

Den 11. kamen sie nach der Stadt Segovia^), woselbst sie nur 
geringen Widerstand fanden, indem die Spanier, gedeckt durch die 
Tannen, welche daselbst einen dichten Wald bilden, von Zeit zu Zeit 
Schasse abfeuerten, sich zurückzogen und die Stadt dem Feinde nber- 
lielsen. Leider trafen sie hier keine Lebensmittel an, da diese von 
den Spaniern sämmtlich vernichtet oder mitgenommen waren. Zum 
Glück aber machten sie einen Gefangenen, der sie nach dem Segovia- 
flusse fuhren mulste, welcher noch 20 Leguas von hier entfernt war; 
die bisherigen Führer waren nämlich weiterhin des Weges nicht mehr 
kundig. 

Schon am folgenden Tage brachen sie von hier auf und nach sehr 
beschwerlichem Marsche über hohe, dicht bewaldete Bergrücken trafen sie 
am 13. Januar in einem engen Thale die -vereinigte Macht des Feindes 



>) Diese Stadt liegt etwas weiter östlich, durch einen Bergzng getrennt von 
der hentigen Stadt Nueva Segovia; sie fUhrt daher den Namen Tieja Segovia (siehe 
die Sonnenstem'sche Karte von Centralamerika. 1860). Bekanntlich giebt es in 
dieser Gegend ausgedehnte Tannenwaldnngen; daher der Name Ocotal, von ^Ocotel'^ 
Tanne, den Neu- Segovia heute führt. 



Die Teigeblich gesuchten reidMa CMtetnen yon Tiiingal und EsIrelUu f J 

ia drei stiurk venchamten Lagern, welclM dai Thal beliemchten imd 
den Weitermarsch TolUtfiDdig onmögBidi maehten, beacmdera da aaeh 
der im Orande des Thalas sich hinaiebeiide Weg an TerBcfaiedeneo 
Stellen Terbamkadirt war. In dieaer schwierigen Lage wnrde folgen- 
der Ejriegsplan entworfen: man liefs, am den Feind an t&oschen, 80 
llaon im JLager, die wahrend des Nachts die Lagerfeuer unterhalten 
and darch Abfeaem ihrer Qewehre den Feind glauben machen moüi^ 
tea, als sei das Lager nicht verlassen worden. Unterdessen stieg die 
iibrige Mannschaft, vom Mondlicht b^finstigt, das Thal hinab und an 
der anderen Seite hinauf, die Yerschanaungen der Feinde umgehend. 
Auf diese Weise konnten sie den folgenden Tag dem nidits ahnenden 
Feind ron oben her in den Rücken fallen, und sie erreichten diesen 
Zweck so YoUstandig, da£s sie unter den Spaniern ein fürchterliches 
Blutbad anrichteten, welche nach kurzem, aber heftigem Kampfe ohne 
weiter Stand zu halten die Flucht ergriffen. Bei dieser Gelegenheit 
tödteten sie den spanischen General und fanden bei demselben den 
oachfolgenden, für unsere Untersuchung wichtigen Brief, dessen Ueber- 
schrift so lautet: 

^Ein Brief vom General der Provinz Costa-Rica an den Ghef- 
Commandenr in den Yerschanzungen vom 6. Januar 1688.^ 

Aus dieser Uebei-schrift geht wiederum hervor, dafo de Lussan den 
Xamen Costa-Rica auch auf Honduras ausdehnte, aufserdem steht das 
Datum des Briefes vollkommen im Einklänge mit der Entfernung von 
Tegucigalpa, woselbst sich der Sitz der Regierung befand. 
Hier war die Kunde von der Ausschiffung der Freibeuter, die in den 
letzten Tagen des December erfolgt war, in den ersten Tagen des 
Janaar angelangt; es vergingen dann noch einige Tage mit den nöthi- 
gen Rüstungen,* und so konnte der General von Tegucigalpa den 
6. Januar an den bereits in den Yerschanzungen befindlichen Offizier 
schreiben, der den Brief dann in wenigen Tagen erhielt, also immer^ 
hin vor dem 14. Januar. 

Der Brief enthielt nun folgende Stelle: ,^Ich war im Begriff, Ihnen 
8000 Mann zu schicken, hätten Sie mir nicht sagen lassen, dafs 1500 
hinreichend wären. ^ Und weiter heifst es: „Im Falle, dals sich einige 
von ihnen durch die Gebirge durchschlagen soUten, so soll Don Ro- 
drigo Sarmado, der neue Gouverneur von Tinsigal, an der Spitze von 
300 Mann, ihnen in den Rücken fallen, sobald sie im Kampfe begrif- 
fen sind etc.^ 

Ein Heer von 8000 Mann konnte nur in einer der Hauptstädte 
in Eile Busammengebracbt werden, wo ein ansehnlicher Truppenkörper 
bestandig unter Waffen gehalten zu werden pflegt. Femer wird hier 
vom neuen Gouverneur von Tinsigal gesprochen, welches deutlich be- 

Zeftschr. d. G«s«U8oli. f. Brdk. Bd. IV. ^ 



Ig A. ▼. Frantst««: 



woist, imb Tmigßl Hmiptttadt vsd Sits einas OottTerneors sein 
mofiite, diM war aber Tegucigalpa daraala in der That Da bud aadi 
das StSdtehen Cbolateea im Parlido de Tegneigalpa lag, 00 war es 
gerade aach der Gk)aY6niei]r Ton T^;acigalpa, welcher rar Vertb^di-. 
gang dieses Ortes Terpftichtet war. 

Wir wollen nnn noch, um die Neugierde der Leser so befriedigeii, 
kim erwähnen, dafls die Freibeater giücklich den Segoviaflob den 
17. Januar erreichten. Erst hier gönnten sie sich einige Ruhe, bau- 
ten sich Flöfee, und weiter unten flufsabwfirts, wo sie sich vor den. 
Verfolgungen von Seite der Spanier sicher glaubten, Ganoes, auf denen 
sie den 9. M&rs die Möndung des Flufses bei Gap Gracia a Dios er- 
reichten, 

Wenn wir nun auch durch diese Erzählung Lussan's hinreichend 
überzeugt worden sind, dafs er mit dem Namen Tinsigal keinen an- 
dern Ort als Tegucigalpa meint, so müssen wir noch nachweisen, wie 
jene eigen tbümliche Verstümmelung des Namens entstanden ist. 

Es ist dies keineswegs die einzige derartige Verstümmelung von 
Ortsnamen in dem Lussarf sehen Werke, sondern der grofste T^eil 
derselben findet sich daselbst in so veränderter Orthographie, dafs es 
dem Leser oft schwer wird, den wirklichen Namen daraus wieder zu 
erkennen. Als Beispiele dienen folgende Namen: Guayaquil heifst bei 
Lussan Queaquilla, AmapallÄ Mapalla nnd Napalla, Esparza Lesparso, 
Realejo Realeguo, die Insel Quibo, südwestlich von Panama, Gueblo, 
Sonsonate Sansonnat, Segovia Legoria, Galdera Galdaira, Burica Ba- 
rica, Maria Pnercos Mome a Puercos , Boca chica Bocha del Chica, 
Otoque Ottoqua, Ghepilla Sipilla, Tehuantepec Teconatepeqna, Ghulo- 
teca Ghiloteca, Ghinandega Ginandega u. s. f. Man sieht bei fast allen 
diesen Abweichungen von der richtigen Schreibart, dafs die Namen 
nach dem Wortklange aufgeschrieben worden sind, es wird uns daher 
auch nicht so sehr wundern, wenn wir sehen, dafs Lussan die Endsilbe 
pa von Tegucigalpa weggelassen hat. Nach Deutschland zurückge- 
kehrt, war ich so glucklich, in der Baseler Universitätsbibliothek das 
französische Original des Lussan'schen Werkes ') zu finden. In demsel- 
ben heifst es an den betreffenden Stellen p. 362, 390, 414 nicht Tin- 
sigal, sondern Tiusigal, welches offenbar dem Worte Tegucigalpa noch 
ähnlicher klingt. Demnach hätte Lussan statt Tegucigalpa Tiusigal, 
der englische Uebersetzer statt Tiusigal Tinsigal und Alcedo statt Tin- 
sigal Tisingal geschrieben; aus diesen drei Schreib- oder Druckfehlern 
ist also aus Tegucigalpa Tisingal geworden. 



') Journal du voyctge fait ä la mer de Sud av0c les filibustiers de VAmerique 
par Sieur Ravena» de Lutsan. Parit 1699. 



Die Terg«blich gesachteii reiehon GoldmiBeD Ton Tisingal nnd EttrcUa. ] 9 



Naehdem wir irao naehgewiesen bftlMD, dafs die Namen TinsigBl, 
Tinsigal and Tinogal niehts weiter als VeTStdmmelangen des Namene 
Tegociga^ seieo, dab also ein in Costarica gelegener Minenort 
diases Namens gar nicht existirt nnd überhaupt vollständig als Orts- 
name ra streichen sei, bleibt ans noch übrig, eine andere Frage sn 
beantworten, die die meisten Leser sich gewifs sch^on selbst gestellt 
haben: wo liegt das so oft erw&fante Estrella? Dieser Name 
ist, wie wir sabMi, so sehr mit dem von Tisingal verkettet nnd iden- 
tiftcirt worden, dafo ich meine Untersnchnng über Tisingal nicht gut 
abschliefeen kann, ohne weitere Aafkl&mngen über Estrella za geben. 

Während im Volksmunde der Gostaricen^er der Name Estrella 
gleichbedeatend ist mit einer alten reichen verschollenen Mine, so fin- 
det sich aaffallender Weise in den filteren geschichtlichen Urkunden, 
in welchen dieser Name vorkommt, keine Andeutong davon vor. Ja 
noch mehr, die historischen Quellen, welche wir über die Geschichte 
von Costarica besitzen, sprechen überhaupt fast nirgends von Minen, 
ki^neswegs wird aber irgendwo von reichen Minen gesprochen. Mit 
dem Namen Costarica, der seinen Ursprung einigen reichen Minen 
verdanken soll, hat es aber seine ganz besondere Bewandtnifs, worüber 
wir später aosfuhrlicher sprechen werden. 

Während meine Untersuchnngen über Tisingal mich zn dem Re- 
snltate geführt haben, dafs dasselbe gar nicht in Costarica existirt, 
so bin ich in Bezug auf Estrella zu dem entgegengesetzten Resultate 
gekommen. Es giebt nfimlich nicht weniger als fünf verschiedene 
Oertlichkeiten, die diesen Namen führen. 

Wie wir oben gesehen haben, behaupten Osejo and Molina, dafs 
der durch die dabei befindlichen Minen berühmte Estrella flufs sich 
in die Chiriquilagune ergiefse. Dabei erwähnt Osejo auch einer 
Stadt dieses Namens '): „in der ersten dieser Epochen (der Geschichte 
Costaricas) füllt die Gründung und das Verschwinden der berühmten 
Stadt Estrella, sowie das der grofsen Ortschaften von Atirro, Chir- 
ripö und Garavito^ u. s. w. Da Osejo es jedoch unterläfst, anzageben, 
woher er diese Angabe entnommen habe, so ist sie fQr uns von ge- 
ringem Werth. 

F. Molina sagt in seiner Schrift über die Grenzstreitigkeiten zwi- 
schen Costarica und Neu-Granada Folgendes*): „Es existiren Beweis- 



*) Osejo a. a. 0. p. 90 ^Ä la primera de esUu q^ocas* (de la hUtoria de 
Cottarica) „corresponderia tl establecimiento y detaparicion de la fafnosa Ciudad de 
Estrella y de los grandes Pueblos de Atirro^ Chirripö y Garavito €tc.*^ 

^) Costarica y Nueva GranadOf Cuestion de limites. Washington 1852. p. 10: 
^Existen eon^robantes de que ya por el ano 1601 emprmdieron por primera vez 
los Gohemadores de Costarica la reducdon de aquellos salvajes poniendo los cimientm 

2* 



20 ^ ^« TrABtitas: 



stficke, daCs die Gob«niadore von Costftrica aehon um das Jabr 1601, 
als sie die Bekehniog jener Wilden begannen, eine Stadt, die sie Gon- 
cepcion nannten, an den Ufern des Estrellaflosses gründeten, welefaer 
einer yon den Fliesen ist, welche sich in die grobe Bucht von Gari* 
baro ergiefsen, die in der neueren Zeit den Namen Chiriquilagnne er- 
halten haf Leider giebt auch Molina nicht an, welches die Beweis* 
st&cke sind; er beruft sich aulserdem (p. 15 und 16) auf drei alte Kar- 
ten ^), auf denen Goncepcion angegeben sein soll, doch bleibt es, da 
mir diese Karten nicht sur Ansicht vorliegen, fraglich, ob auch ein 
Bstrellafluls ebendaselbst angegeben ist 

Unter den neueren Specialkarten von Gostarica finde ich diesen 
Bstrellaflufs in der Chiriqailagnne nur auf der Karte von Molina 
in seinem ,|Bosquejo^ und auf der Gopie derselben von M. Wagner 
angegeben. Molina nennt denjenigen Flufs Estrellaflofs, welcher auf 
den englischen Admiralit&tskarten (West-Indies, Sheet XI from Cajos 
Batones to San Juan de Nicaragua by Gomd. £. Barnett 1837 und 
Ghiriqui Lagoon by Gomd. Edw. Bamett 1839), sowie auf Kiepert's 
Karte Ghirica Mola genannt wird. Eine Stadt Estrella in der Nfihe 
der Ghiriqailagune finde ich nur auf der Karte von Gapt. 6. Lafond 
(Garte de la R^publiqoe de Gostarica. Paris, Robiquet, 1851). 

Bei den heutigen fremden Ansiedlern, welche die Inseln derGhi- 
riquilagune bewohnen, soll die Sage existiren, dals die Spanier da- 
selbst einstmals eine Ansiedelang Namens Goncepcion an einem 
Estrellaflosse besessen hätten, woselbst sie viel Grold gewonnen haben 
sollen. Auch erzählt man sich, dafs ein seit langer Zeit in Boca del 
Toro lebender nordamerikanischer Gapitain alle Jahre von einem alten 
^Estrellaindianer*^, dem er frSher einmal Dienste geleistet hatte, aus 
Dankbarkeit Gold ^es^henkt erhalten haben soll, und dafs ein Schwar- 
ser daselbst, der früher lange Zeit bei jenen Indianern lebte, sich 
jetzt im Wohlstand befinden solle. 

Im Gegensatze zu diesen Sagen, sowie auch zu den Behaup- 
tungen von Osejo und Molina, ersehen wir aus dem sehr interessanten 
Buche von Roberts *), der sich im Jahre 1821 längere Zeit in einem 

de una dudad, que apeUidaron Concepcion^ ä las mar genes del rio de la Estrella, 
vno de los, que desembocan en la gran bähia de Caribaro, que en tiempos mos mo- 
demos ha recibido el nombre Laguna de Chiriqyi, 

*) 1. Mappe du Mexiqw et de la Nouvelle Espagne par 8anson dAbbevUle, 
Paris 1656. 
2. Carte du Mexique et de la Floride par de Viste, dressee swr un grande 

nombre de memoires par d'Yverville le Sueur 1708. 
8. Ä Map of the British Empire in America. Amsterdam by J. Gonvents 
and C. Mortier. 
•) Narrative of Voyages and Excursiens on the East-Coast and in the Interior 
üf Central America by Orlando W, Roberts. Edingburgh 1827. 



Die Teigeblich gesuchten reichen Goldminen Ton Hiingal nnd EfttrelUu 2 1 

Indianerdorfe am Chiriqoimolaflafse aufhielt, dafs weder die Bingebore- 
oeD den Namen Ealrella kennen, noch nberhaapt ein Flols dieses Na* 
mens in jener Oegend erwähnt wird, was Roberts sicherlich nicht mit- 
intheilen unterlassen haben würde, wenn er von einem Flafse dieses 
Namens und von reichen Ooldminen, die einstmals von den Spaniern 
an diesem Orte bearbeitet wurden, gehört hfitte. 

Ein sweiter Estrellaflufs liegt weiter nördlich von der Chiriqui- 
lagnne and ist derjenige, welcher heute diesen Namen fuhrt. Seine 
Mfindung befindet sich nordlich *) von Punta Caguita und seine Quel- 
len liegen am Ostabhange des Chirripogebirges. Er fuhrt auf einigen 
Karten auch den Namen North-River. Ich habe denselben bereits 
früher bei Aufzählung der verschiedenen Reisen zur Auffindung von 
llsingal öfter unter dem Namen North-River erwähnt und habe hier 
nur noch hinzuzufügen, dafs er im Vergleich zum Reventazon, Matina- 
flafs und Sizaula ein kleines Flüfschen ist, während die älteren Be- 
richte den alten Estrella als einen grofsen Flufs schildern. 

Einen dritten Estrellaflufs finde ich auf der oben erwähnten 
Karte desCapt. Lafond'), doch ergiefst er sich in den stillen Ocean. 
Wahrscheinlich ist er nach alten Karten oder nach der Angabe von 
Aleedo hierhin gezeichnet. Alcedo erwähnt nämlich in seinem gro* 
fsen Werke nur diesen einen Estrellaflufs und sagt von demselben 
(s. Tom. II. p. 111), dafs er nach Westen läuft und sich zwischen dem 
Higueron und Cartagoflufs in die Südsee ergiefst; der Higueron aber 
ergiefst sich nach demselben Autor (s. Tom. IL p. 361) in den Puerto 
Ingles, und dieser Hafen befindet sich (s. Tom. IL p. 447) zwischen 
dem Oolfo Dalce und dem Estrellaflusse, also südlich von dem letzte- 
ren; der Rio de Cartago ist aber (s. Tom. L p. 408) ein Flufs, der 
nach Westen läuft und sich im Hafen von Herradura in die Südsee 
ergiefst, es ist also unser beutiger Rio grande de Tarcoles, welcher 
durch den Zusammenflufs des Virilli nnd des in der Nähe von Cartago 
entspringenden Tiribi entsteht. Der Faerto Ingles, ein Name, der sich 
übrigens sehr häufig wiederfindet, und mit dem jede geschützte Bucht 
belegt wurde, in welcher die Freibeuter ihre Schiffe auszubessern oder 
Wasser einzunehmen pflegten, liegt ein wenig nördlich von Punta Mala 
an der Mündung des Rio Grande de Terraba und wird durch die kleine 
Landzunge Uvita und zwei kleine Inseln, Bailena, geschützt; noch 



M Nicht sfldlich, wie es auf Kiepert's Karte nnriolitig angegeben ist. 

*) Aaf Lafond's und Kieperts Karte sind Puntamala, Higueron, AtiUo nnd 
andere Namen, die sämmtlieh unmittelbar an der Kttste liegen, im Innern des Landes 
angegeben, wahrscheinlich nach einem Itinerariam. Der Weg von San Jostf nach 
Terraba läuft aber von Sav^gre bis Puntamala hart am Meeresstrande hin. 



22 ^ ^- FrftDtsiac: 

heate fahrt eiii kleui^a in denaelben einmfindendes FföfiMsben den Na- 
men Higaeron. Uuter den nl^rdlieh von diesen in den atiMen Ooean 
sich orgiefiBenden Fliisaen ist nun der bedeutendste der Barn nnd da- 
her dieser als der Estrelia des Alcedo antusehen. 

Unier dem Namen Barn ^) findet sich ders^be fast anf allen 
neueren Karten angegeben. Aus suverlfissigen mündlichen Mitthei- 
lungen habe ich Folgendes fiber diesen Flufs erfahren. Seine Mündung 
ist so breit und tief» dafs sich Haifische und Caimans darin finden. 
Er kommt weit aus dem Innern, wo seine Quellen nahe bei denen 
yd es Estrelia^ liegen sollen; auch hier sollen Indianer wohnen, 
welche jeden Verkehr mit Fremden meiden und nur mit den Viceitar 
Indianern, die bei dem nahegelegenen San Jos6 de Cabeear wohnen, 
einen Verkehr unterhalten. Audi sollen sich an den Quellen desselben 
Ooldminen finden. 

Ein gewisser Cornelio Monje, welcher im April und Mai 1865 
von Gartago nach Terraba ging, um statt des bis jetzt gebr&nchlichen 
höchst beschwerlichen Weges einen nfiheren directen Weg ku suchen, 
überschritt die meisten Flüsse, welche auf dem gewohntichen Wege 
an der Küste bei ihren Mündungen überschritten werden, an dem obe- 
ren Lauf derselben oder an ihren Quellen. Nach ihm bildet das Bette 
des Bani in seinem oberen Lauf eine tiefe Feisenscblucht, welche sei- 
ner Reise ein bedeutendes Hindernifs entgegensetzte, so dafs er ge- 
nothigt war, um einen Uebergang zu suchen, ihn eine bedeutende 
Strecke flufsabwarts und flufsaufwärts zu verfolgen, wobei er überall 
denselben febigen Charakter des Flufsbettes antraf. Bald nachdem er 
den Baru überschritten hatte, kam er in südwestlicher Richtung an das 
Flufsbett des Rio Grande de Terraba. Von einem Vulkan und von 
Indianern traf er keine Spur. 

Der vierte Ort, welcher den Namen Estrelia f^rt, ist ein Berg- 
abhang, fiber welchen der Weg von dem Indianerdorfe Pacaca nach 
dem Tavarciathale hinauffuhrt. Die Strecke diesseits der Stelle, wo 
der Weg sich theilt und einen Nebenweg nach dem Puriscal abgiebt, 
heifst el Camino por la Estrelia. Der Name ist ein sehr alter 
und scheint einem Theile des Weges beigelegt worden zu sein, anf 
welchem seit dem Jahre 1601 oder vielleicht noch früher die Maulthier- 
transporte nach Panama gingen. Auffallend ist es, dafs auch in der 
Nähe dieses Ortes, welcher den Namen Estrelia führt, eine alte Mine 



') A. ▼. Humboldt fragt in seinen »»Kleineren Schriften'' Bd. I. 185$. p. 41: 
«(Mebt ee nordöstlich vom Golfo Dolce einen Vnlkan de Bama, den Bratf anfführt? 
Galindo kennt dort blos einen Rio Barll zwischen Terrava und BaUar, keinen 
Vnlkan Bama*. 



Die Teiig;eblich gesuchten reioban OeldaiiDeii von Titingal and Estrella. 23 



liegt, asd s««r Me fdte «m Bio del oio im Samt» Aii»*Tbale gelegene 
YeifUleoe Mina abogada de les EspanoleB. 

Fanftens habe ich endlich den Sixaulaflnfs *) an nennen, den 
ich far den eigentlichen alten Estrellaflafe halte; anf iha besiehen eich 
efiramtlicbe filtere hietoxisehen Mittheilnngen, sowie die jetst noch ezi* 
Btlrenden Sagen. 

Der SixanlafloTs, dessen Man dang anter diesem Namen fast anf 
allen neaeren Karten von Centralamerika richtig angegeben ist, ent- 
steht aas dem Zusammenflofs der fünf Flosse Teliri, Goen, Lari, Ureil 
and Jnrqain. Die Quellen dieser fünf Flösse befinden sich an den 
nordöstlichen Abhangen der Berge Chirripo, Pico Blanco and Rovalo- 
Der SizaalaflaTs hat das Eigenthumliche in seinem unteren Laafe, dals 
er sich der Meeresküste in der Bucht swischen Panta Caguita and 
Pnnta Gareta bis auf drei Legaas n&hert, dann aber eine Biegung 
nach Südost macht und eine bedeutende Strecke Ifings der E8ste 
Jbrtlfioft, bis er sich dann nahe der Sansanlagune in's Meer ergiefst 
Die Trefflichkeit des Landungsplatzes in jener Bucht hat aber seit den 
filtesten Zeiten die Fahrseuge veranlafst, dort zu ankern *), weshalb 
diese Stelle heute noch Puerto vicjo, Oldharbor, d. h. alter Hafen, 
genannt wird. Von diesem Hafen ans wurde dann der Verkelir mit 
dem naheliegenden Flusse zu Lande bewerkstelligt und man benutzte 
dann den Flufs, so weit er für Boote schiffbar ist. Dies ist noch heute 
die gewöhnliche Art, um in's Innere des Landes hineinznkommen. 
Der Hafen für diesen Flufs liegt also ungewöhnlicher Weise weit 
von seiner Mundung entfernt. Ob einstmals wirklich, wie be- 
hauptet wird, Seeschiffe durch die Mundung in den Flufs eine Strecke 
weit hinauffahren konnten, läfst sich heute schwer entscheiden, da die 
ganze Küste von Cap Gracias a Dios bis Darien durch die starke 
Meeresströmung und Flufsanschwemmungen, sowie durch das Wachsen 
der Goralienbänke, so verändert worden ist, dafs die in alten Karten 
angegebenen Verhältnisse der Flufsmßndongen , Haffe ( Esteros} und 
Deltabildungen heute kaum mehr wieder zu erkennen sind. 

Das Flufsgebiet des Sixaula, eines der gröfsten Flüsse Gostari- 
eas, hat %in sehr ausgedehntes Quellgebiet nnd ist zagleich das eigent- 
liche Gebiet ^der Tal am an ca-In dianer, d. h. der Oesammtheit der 
hier wohnenden Stämme, bestehend aus den Viceitas, Gabecaras und 
Terrbis. Die Eroberung des Talamancagebietes, die Unterjochung, so 



>) Sizaala ist nur der Name fUr die MOndnng dieses Flusses, der Name ist 
neoeren Ursprungs und wurde von den Mosqnito -Indianern, welche diese Kttsten 
jUnlich des SohildkrGtenfanges wegen besuchen , eingeitlfart und beibehalten. 

*) Durch später entstandene Korallenbftnice ist dieser Hafen heut zu Tage als 
solcher gftnzlich unbrauchbar geworden. 



24 ^ ▼• VtAVtsUt: 

wie die fiiedUdM Bninihrnng jener IndtmaertHmnie Mdete einen der 
interessanteeten and wicbtigiton Tbeile der an intereisanten Begeben* 
heiten so armen Oesdiichte dea Landes. In den meisten hiatoriacben 
Qnellen über die bieraaf besflgUcben Begebenheiten findet man datier 
den Namen EiBtrella immer mit dem von Talamanca verbunden und 
cwar wird der FluTs stets als ein sehr ansehnlicher geschildert, was 
für uns aas dem Gmnde von Wichtigkeit ist, weil der heute so ge- 
nannte Estrellafiuls oder North-River ein kleiner Flufs ist und daher 
mit Unrecht jenen Namen fBhrt Wahrscheinlich hat er den Namen 
Bstrella deshalb erhalten, weil man irrthfimlicher Weise die Mondang 
des alten Estrellafluflses in oder nahe bei der genannten Bucht sachte. 

Einen positiven Beweis, dafis der Sizaulaflufs der alte Bstrella 
sei, finde ich in einem alten Missionsbericht, welcher im Jahre 
1851 in einer hiesigen Zeitung ' ) veröfientlicht wurde. Hier heifst es 
klar und deutlich: „die Flusse Lari und Coen ergiessen sieh 
in einen gröfseren, genannt Estrella^. Ferner behauptet der- 
genannte J. M. Figueroa, dals die Eingeborenen heute noch den Teliri 
für den alten Estrella erklären. Da nun der Teliri der Hauptzuflufis 
ist und auch der ganze FluDs nach Aufnahme der fibrigen in seinem 
unteren Laufe diesen Namen behalten zu haben scheint, indem noch 
heute die von den Mosquito-Indianern sogenannte Sixaulamündnng bei 
den Eingeborenen Teliri n ac *) heifst, so ist dies gewifs als eine wich* 
tige Bestätigung zu betrachten. 

An demselben E^trellaflusse haben nach dem genannten Missions» 
berichte auch die Stadt St Jago de Talamanca, das Castillo de San 
Udefonso und Goncepcion gelegen, ober deren bekanntlich im Jahre 
1610 stattgefundene Zerstörung der Bericht ausfuhrlich haudelt. 

F. Molina ist offenbar in einem Irrthum befangen gewesen, wenn 
er die erste spanische Colonie an der Ostkaste Gostarica's, Namene 
Castillo de Austria, die im Jahre 1560 schon von einiger Bedeutung 
gewesen zu sein scheint, nach der Chiriquilagune verlegt. Er bernft 
sich dabei auf drei königliche Schreiben vom Jahre 1561 '), in welken 
gesagt wird, dals Juan de Estrada Rabago gegen 70 Leute im Hafen 
von San Oeronimo ausgeschifft habe, der in der Provinz Cartago 
und Costarica liegt, woselbst er die Stadt Castillo de Austria gegrün- 
det habe etc. Nun findet sich aber die Bahia de San Geronimo 



') Gaceta tenutnaria oßcial del Gobiemo de Costa Rica, 1851. No. 160 
nnd 161. 

') Di« Endung nac kommt bei Flafsnamen im TaUunancagebiete öfter vor nnd 
heirst Einmündung, z.fi. Dicarifiac, Caratagrü&ac , d. h. Einmttndnng der Flüaae 
Dicäri und Caratagri. 

') F. Molina, Cuettion de limitet. p, 89 — 41. 



Die fCVgeUich gefachten leidwa Oeidminen ron Tisingal und Ettrella. 25 

Mif einer der Karten i« dem berahmten Oesefaiehte werke ron Her- 
cer« '), swiaehen dem Rio de Snerre, dem beotigen PacoarfloBBe und 
der Bahia de Garavaro, der beatigen Cbiriqnilagane, angegeben and 
etwas landeinwfirts davon das Castillo de Aastria. Demnaeb bat diese 
Colonie nlebt aa der Gbiriqailagane, sondern siemlicb weit nord- 
lieb Ton derselben gelegen; also in der Gegend unseres beatigen 
Sixanlafluaees. Aocb aof der dem Roberts'scben Werke beigefSgten 
Karte liegt Castillo de Aostria in dieser Gegend. 

Zwar finde icb nirgends direct angegeben, dafs das Castillo de 
Aostria am EstreUaflasse angelegt worden sei, doeb stebt dieser An- 
nabme nicbt nar nicbts entgegen, sondern im Gegen tbeil sprecben alle 
IHeren bistoriscben Data bierfur. Denn Pelaez (I. p. 215) sagt: „Die 
Stadt ond der Hafen von Talamanca worden im Jabre 1601 mit dem 
Castillo de lldefonso befestigt und die Provinz verlieb durcb ibre Mi- 
nen und Landesprodacte (frutos) dem Handel derselben jene Wicbtig- 
keit, die ibr den Namen Gostarica erwarb.^ Femer sagt er (I. p. 149): 
^Das Castillo de lldefonso bescbützte den Estrellaflofs, in welcben die 
Scbiffe hineinfubren , die von Spanien kamen und an dem genannten 
Castillo anlegten.'' Aus diesen Stellen gebt bervor, dafs im Jahre 1601 
sehon eine ansehnliche Stadt im Innern existiren mufste, so dafs sie 
einen solcben Schutz bedurfte, und daher müssen wir annehmen, dafs 
diese Stadt schon vor einer längeren Reihe von Jahren entstanden war. 
Es liegt daher nicbts näher, als anzunehmen, dafs die oben genannte 
Colonie Castillo de Austria, die 1560 noch ziemlich unbedeutend war, 
den Anfang für die später im Jabre 1601 am Estrellaflusse zuerst ge- 
nannte Stadt St. Jago de Talamanca gebildet habe, und dafs die 
Festungen Concepcion und San lldefonso später zu deren Schutze ange- 
legt wurden. 

Nacbdem wir nun wissen, welcbes der alte Estrellaflufs ist *), so 
ist es meine Aufgabe, nachzuweisen, ob denn wirklich an demselben 
einstmals so reiche Minen beobachtet wurden, wie von Einigen be- 
kanptet wird. 

Es ist gewifs als sicher anzunehmen, dafs die alten Spanier, wie 
in andern Gegenden des spanischen Amerika's, so auch in den Gebir- 
gen des Talamancagebietes, es nicht unterlassen beben werden, nacb 
Gold zu Sueben. Um aber Minen bearbeiten zu können, bedarf man 
der Wege, und um so mebr, je zerrissener, gebirgiger und unzugäng- 
licher eine Gegend ist Spuren von alten Wegearbeiten finden sich. 



*) Ksrte Ko. 6. Mar del Sur. Deacripcion dt la Äwdimda d% GMatßmala, 

*) Auch H. Cooper's Angaben ttber den alten EetrellaflnA passen auf den 
Sixaiila nnd Oldharbor. S. oben. 



26 A. ▼. FranUini: 

wie "vir frulier aalieii, io der Tkat in jener Gegend, nnd der oben nvtA 
bei Pelaes (L p. 149) erwähnte MteeioDsberieht ans dem Torigen Jahr- 
hundert sagt über jene Wegd[>aaten Folgendes: ^Bewunderung enregt 
eSt SU sehen, wie die ersten Spanier in fast undurchdringliche Bog- 
rficken tiefe Einschnitte für den Maulthiertransport ausführten, so dafo 
nur das grofse Interesse, welches sie hatten, sie bewegen konnte, eieh 
in die Herstellung so schwieriger und ausgedehnter Wegestreeken eln- 
sulassen.^ Sowohl die frfihere aus Pelaes citirte Stelle (I. p. 215), so 
wie diese sprechen aber keinesweges davon, dafs die Minenarbeiten 
der Spanier von einem glanzenden Erfolge gekrönt worden seien, son- 
dern an der einen Stelle wird aus den grofsen Wegearbeiten auf reiche 
Mineuarbeiten geschlossen und in der anderen sucht man darin eine 
Erklärung für den Namen Costarica. Wenn diese Folgerungen aber 
richtig wären, wie läfst es sich erklären, dafs bei den von verschiede- 
nen Oobernadoren unmittelbar nach dem im Jahre 1610 erfolgten Auf- 
stande unternommenen und mit Erfolg ausgeführten Eroberungssügen, 
worüber wir hinreichend genaue historische Mittheiiungen besitzen '), 
niemals von reichen Minen die Rede ist? Oewils hätten die Spanier 
es nimmermehr unterlassen, in den wiedereroberten Districten vor allem 
Anderen die unterbrochenen Minenarbeiten wieder aufzunehmen, sumal 
es in diesen damab noch starkbevölkerten Gegenden nicht an Arbeitern 
fehlte. Wenn wir aber in dem gänzlichen Schweigen fiber reiche 
Minen im Estrellagebiete einen Beweis dafür sehen, dafs solche in je- 
nen Gegenden nicht bearbeitet worden sind, so dürfen wir ja nicht 
daraus schliefsen. dafs auch keine goldführenden Gänge daselbst vor- 
kommen. Im Gegentheil haben wir oben gesehen, dafs sich an den 
Quellen der Zuflüsse des Sizaulaflusses an verschiedenen Stellen wirk- 
lich Spuren von Gold vorfinden, und da der Gebirgszug des Chirripd, 
Pico Blanco und Rovalo nicht aus vulkanischem Gestein, sondern eben- 
so, wie das Tiiaran-., Aguacate- und Dotagebirge, aus Urgestein und 
zwar zum grofsen Theil aus Grünstein und Syenit besteht, so ist es 
gar nicht unwahrscheinlich, dafs sich einstmals auch in dieser Gebirgs- 
kette bauwürdige gold- und silberhaltige Gänge finden werden. Dafs 
solche aber bereits früher gefunden und mitErfolg ausgebeutet wor^ 
den seien, dafür fehlen durchaus die positiven historischen 
Nachweise. 



'} Pelaez a. a. O. (Tom. II. p. 170 u. 171) nennt die Goberaadore Jnan de 
Ocon y Trillo 1610, Alonzo de Guzman 7 Casilla 1622, Rodrigo Arias Haldonado 
1660 und Lorenzo Antonio de la Gran da Baibin 1710 als solche, die sich mit der 
gewaltsamen Unteijocbnng der Talamanca- Indianer beschüftig^n. Seit 1686 ttber- 
nabmen dagegen die Franciscaner die Bekehrung und Givilisation deraelben auf fried- 
lichem Wege (siehe ebendaselbst Tom. III. p. 20 o. folg.). 



Die rergeblich ^esachten reiehan QoMminen ron Tisingal und Estrella. 2T 

Die MiB«D von Bstrella können «ko anmAglich die Veranlamng 
gewesen sein, dafs man dem Lande den Namen gab. Wie stand es 
denn aber überhaupt mit den Mineralsch&tsen der Prorins 
Costariea cur Zeit der Eroberung? 

Obgleich auch wir der Klage von Jnarros beistimmen, dafo die 
hisCorischen Quellen über Costarica ungemein dfirftig sind, so sind sie 
dennoch immerhin ausreichend genug, um hierüber genugende Auskunft 
m geben. 

Die beiden ältesten Historiker Oviedo und Bensoni, von denen der 
eistere selbst eine Zeit lang in Nicaragua lebte, der Eweite sogar den 
unglScklichen Zug des Diego Outierrez in den Jahren 1541 bis 1545 
fon der Ostküste aus in's Innere Costarica's mitmachte, schweigen beide 
über diesen Punkt. 

Herrera ist der erste, welcher von Mineralsehätzen Costarica's 
spricht, und zwar in folgender Weise: einmal sagt er bei der Beschrei- 
bung des Landes, ,^eB besitzt guten Boden mit yielen Anzeichen von 
Gold und einigen von Silber*' (es iierra buena con muchas mueitras de 
oro i aigwuu de pUUa '). Ferner sagt er an der Stelle, wo er von 
der Gründung der Stadt Brnselas am Golf von Nicoya spricht *): 
^ohlola el ako 1524 el Capi, Fr. Hemandez en el Esireeho Dudoto^ 
em el Äsiento de Uruiina^ i por una parte tenia la Mary por otra lo$ 
Uanos y por la iercera la Sierra de las Minas^ etc. 

Anfser diesen beiden Stellen im Herrera habe ich nur noch eine 
gefunden, welche über Minen in Costarica handelt Pelaez (Tom. H. 
p. 169) erwähnt eines Gapitains Alonso de Anguziana Gamboa, der 
im Jahre 1587 in Costarica Eroberungen ausführte, und sagt von ihm: 
er entdeckte die Gold- und Kupferminen dieser Provinz, wo- 
bei er mehr als 20,000 Pesos ') verausgabte etc. Aus diesen drei 
Stellen, den einzigen, welche ich überhaupt gefunden habe, geht 
zwar unzweifelhaft hervor, dafs die Spanier in der ersten Zeit der Er* 
oberung in der Ho£Pnung, reiche Schätze zu finden, einige Minen zu 
bearbeiten begonnen haben; das gänzliche Schweigen der späteren 
Schriftsteller über diesen Gegenstand deutet indessen darauf hin, dars 
diese Arbeiten, da sie nicht den gehegten Erwartungen entsprachen, 
bald verlassen wurden. Zur Eridenz wird dies aber durch ein offi- 
eielles Schreiben vom Jahre 1736 bewiesen, welches sich im Ar^ 
ehiv von Cart^o befindet. Als nämlich in jenem Jahre von der 
Provinz Costarica eine neue Abgabe verlangt wurde, machte der Pro- 



•) Ducripe, d. l Ind. oeeident. Bd. I. p. 29. edit. Madrid 1729. 

') EbtndaMlbst p. 28. 

*) Wie viel er aus diesen Minen gewonnen, findet eich nicht angegeben. 



23 ^^ ^* Frantiias: • 

•sralnr yon Cottariea Gegenvontellangen, and noter dieMD findet sich 
«ach, nebst yielen anderen Orfinden, angegeben, ^dafs Costarica 
weder Minen yon irgend welchem Metall, noch Zackermühlen, 
noch sonst irgend eine Indnstrie besessen habe.*^ Anfiier diesem 
Sohriftstacke, aas welchem der gftnsliche Mangel an ergiebigen 
Minen in den ältesten Zeiten aaf das Bestimmteste hervorgeht, giebt 
es noch eine Menge anderer Berichte und Schilderangen des Landes, 
die sfimmtlich darin übereinstimmen, dafs Costarica seit der Erobe* 
rang, besonders aber im vorigen Jahrhandert, ein anfserordentlich 
armes Land gewesen sei. Dafs es aber auch in der allerersten 
Zeit nicht besser gewesen sei, beweist das oben erwähnte, dorch Fr. 
Jglesias in Onatemala aufgefundene Manuscript '), in welchem einer 
der Officiere des damals mit der Eroberung des Landes beschäftigten 
Gobernadors Perafan de Rivera, Namens Alvaro de Acana, in den 
Jahren 1570 bis 1580 die Armuth der ersten spanischen Eroberer so- 
wie die der Ansiedler mit den grellsten Farben schildert. Die Of&ciere 
and Soldaten waren zuweilen genöthigt, um nicht Hungers zu sterben, 
von Cartago aus Streifzüge in die umliegenden Gebirge zu unterneh- 
men und die Indianerdorfer zu plündern. Da aber die Eingeborenen 
sich meistens beim Herannahen der Spanier entfernten, so waren diese 
genöthigt, ihre Beute, die fast nur aus Mais bestand, selbst auf dem 
Rucken über die beschwerlichen Gebirgspfade fortzutragen. 

Wenn wir nun also nachgewiesen haben, dafs in der ältesten Zeit 
keine reichen Minen in Gostarica vorhanden waren, weiche die Be- 
nennung ,)reiche Eüste^ veranlassen konnten, so fragt es sich, welches 
war denn die wirkliche Veranlassung, dem Lande diesen sosehr 
bezeichnenden Namen zu geben. 

Zunächst müssen wir den Irrthum Molinas widerlegen, dals Co- 
lumbus derjenige gewesen sei, der dem Lande den Namen Cost^rica 
gegeben habe. Columbus segelte bekanntlich auf seiner vierten Reise 
im Jahre 1502 von Cariari, dem heutigen Bluefield, längs der Küste 
von Costarica entlang, ohne an derselben anzulegen, bis zur 
Chiriquilagune und weiter nach Südosten; er nannte aber diesen Theii 
des von ihm entdeckten Festlandes nicht Costarica, sondern Yera- 
guas. Das Land und der Küstenstrich vom Golf von Darien bis 
Cabo Oracias a Dios, anfanglich Castillo de Oro genannt, erlitt im 
Laufe der Zeit die Eintheilung und Namens Veränderung: Tierra firme, 
Yeraguas und la nueva Cartago in dem Sinne einer Eintheilong von 
Süden nach Norden hinauf. Der Name la nueva Cartago gefiel indes- 



^) Dieses B^annscript ist aach deshalb wichtig, weil sich hier der Name Estnlla 
zum ersten Male findet. 



Die TcifoUieh gerachlMi rtkhmk OoMmhieii ron TUing»! und EatreUft. 99 



ae& dem mit dieser Prorins belehnten Diego Ontierres nicht sonder- 
lieh. Zar Beeitxnahme derselben 1541 angelangt, lieft er diesen 
Namen bei Strafe verpönen, seine Provins solle Nneva Gar* 
tago oder Costarica heifsen. Es geschah dies in der doppelten 
Absicht, nm bei der Werbung seiner Mannschaft doroh den Klang 
des Namens die Lente herbeisolocken und gleichseitig das Land von 
dem obrigen Yeragaas so nnterscheiden. Officiell kommt der Name 
Costarica merst in einem Schreiben vom Jahre 1561 vor, in welchem 
die Krone dem Lic Jaan de Estrada Ravago, welcher, wie wir oben 
sahen, die Stadt Castillo de Anstria angelegt hatte, jeden Schatz von 
ihrer Seite zusagt Aach in dem im Jahre 1574 aosgefertigten konig* 
liehen Besitztitel des Oobemadors Diego Artiedo y Chirinos wird die 
Provinz noch mit dem Namen Nueva Cartago y Costarica benannt. 

Der Name Costarica wurde also dem Lande nicht wegen 
der Reichthümer gegeben, die man bereits gefunden hatte, 
sondern wegen der Reichthümer, die man zu finden hoffte. 
Diego Ootierrez begann seinen Eroberungszng zunächst damit, dafs er 
von den Indianern der Ostküste einige Tausend Ducaten erprefste. 
Dieser Schatz war jedoch sein Verderben ; ein von ihm hart bedräng- 
ter Cazike lockte ihn in's Innere des Landes, woselbst er ihn im 
Schlafe überfiel und ihn mit fast sämmtlichen seiner Leute niedermachte. 
Ton diesen retteten sich nur fünf ^), welche über das unglückliche 
Ende ihres Führers Bericht erstatteten und auch zugleich von den ge- 
sammelten Schätzen erzählten. Der Schatz des Diego Gutierrez hat 
später ohne Zweifel in ähnlicher Weise, wie der verlorene Schatz 
des Badajoz ') bei Natä im Jahre 1515, zu neuen Expeditionen an- 
geregt, und gewifs gaben diese Veranlassung zur ersten Ansiedelung 
und Gründung der oben erwähnten Stadt Castillo de Austria. Wie 
aus dieser Ansiedelung die Estrella-Ansiedelung entstand, die sich zum 
späteren Talamancagebiet ausdehnte und als solches ein Ziel der Er- 
oberungssucht einiger Gobernadoren und bekehrungseifriger Franciscaner 
wurde, haben wir bereits oben auseinandergesetzt. 

In Costarica wurden in den beiden verflossenen Jahr- 
hunderten keine Minen bearbeitet. Erst einige Jahre nach der 
Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1821 begann der nicht unansehn- 
Hche Ertrag der im Jahre 1823 entdeckten Goldmine von Agua- 
cate den Reichthum des Landes zu erhöhen, seit welcher Zeit der 
Mineralreichthum des Landes immer mehr Bedeutung gewann und 



*) Einer derselben war der bekannte HieronymuB Benzoni, dessen Beschrei- 
bung seiner Erlebnisse in damaliger Zeit grofses Aufsehen erregte. 

') O. Peschel, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen. 1868. p. 509. 



80 A. r. VrftBtsins: Die reiseblidi geraehten rafehan Ooltetets ete. 

fremde Cftpitalleii sar Aasbeotnng der Minen in'e Land eog. Beson- 
dere war die« der Fall, als man im Jahre 1857 die Goldminen in 
Paires und im Jahre 1864 die angewöhnlich reioben Minen Ton 
Cirnelitas*) entdeckt hatte. Hier in diesem letstgenannten Afinen* 
besirk, der erst seit wenigen Jahren von kundigen Bergleuten nnter- 
SQcht wird, stehen noch manche bedeatende Bntdecknngen in Anssidit 
Es ist keinem Zweifel unterworfen , dafs auch die Oebirge am 
Estrellaflasse im Talamancagebiet, die Berge Chirripö, Pico Blanoo 
nnd Roralo, wenn sie einmal von tüchtigen Fachmftnnem darchforseht 
sind, reiche Minen aufweisen werden; doch w^rde die Ausbeutung 
derselben unter den jetsigen Verhältnissen fast ein Ding 
der Unmöglichkeit sein. So lange die dortigen Indianer in ihrem 
jetsigen Ursustande verharren, so lange es in dem sehr gebiigigen 
Lande an Verkehrs- nnd an Lebensmitteln fehlt, würden die Unkosten 
des Minenbetriebes und die damit verbundenen fast nnubersteiglichen 
Schwierigkeiten derartigen Unternehmungen keineswegs forderlich sein. 
Erst wenn von Old harbor aus von europäischen Ansiedlem ein swei- 
tes Castillo de Austria am alten Estrellaflusse gegründet sein wird 
und die fruchtbaren Thäler und Ufer seiner Zuflüsse urbar gemacht 
sind, erst dann wird die Zeit gekommen sein, den schönen Tranm 
von den EstrellaschStzen zur Wirklichkeit zu machen. 



^) Offenbar ist dies die oben bei Herren erwähnte Sierra de las minas; 
dieselbe wurde frOher auch Cordillera deTilaran genannt (s. Pelaez. IIL p. 148), 
aber nicht Teliran, wie der Name auf der neuesten Karte von Gnanacaste von 
Prof. V. Seebach f&lschlich angegeben ist (siehe Petermann*s Geographische Mitthei- 
Inngen. 1867). 



3t 



Zur Geschichte der Geographie. 

Von Dr. Breasing, 
Oirecior der Steaermannssohnle in Bremen. 



1. Flavio Gioja nnd der Schlffskompass. 

Es ist ein eigenthamliches Geschick, welches Flavio Oioja betrof- 
fen hat, dafs man seinen Namen nicht mehr lesen kann ohne sicher 
lo sein, die Bemerkung daran geknöpft zu sehen, dafs er lange 2<eit 
ganz mit Unrecht als der Erfinder des Kompasses genannt sei; dafs 
die Nordweisong der Magnetnadel lange vor ihm bekannt gewesen und 
bei diesem and jenem Schriftsteller schon weit froher erw&hnt sei; dafs 
namentlich die Chinesen dieselbe schon einige Jahrhunderte vor unse- 
rer Zeitrechnung gekannt hfitten u. s. w. u. s. w. Will man ihm etwas 
lugestehen, so spricht man sich etwa so über ihn aus, wie Hnmboldt 
im Kosmos 11, 295: „Dem Flavio Oioja aus Positano, unweit des 
schönen und durch seine Seegesetze so berühmten Amalfi, hat man 
lange die Erfindung des Seekompasses zugeschrieben; vielleicht war 
von demselben (1302) irgend eine YervoUkommnong in der Vorrich- 
tung angegeben.*^ 

Da Humboldt sich sonst gern über die Greschichte selbst unwich- 
tiger Erfindungen verbreitet, da er ganz insbesondere für die Entwicke- 
lung der Schifffahrtskunde und nautischen Astronomie ein so grofses 
Interesse hegte, dafs er ein eigenes, leider unvollendetes Werk darüber 
verfafst hat, so kann es nur befremden, dafs er gerade bei dem wich- 
tigsten Werkzeuge, womit die Schiiffahrt je beschenkt ist, und welches 
von ihm selbst zu denjenigen Instrumenten gezählt wird, durch deren 
Einfuhrung grofse Epochen der Kulturgeschichte bezeichnet werden, 
mit einer so kurzen Andeutung sich begnügt Noch auffallender aber 
ist, dafs er hier eine Wendung gebraucht, wodurch deutlich gesagt 
wird, man habe dem Flavio Gioja die Erfindung des Seekompasses 
flUschlich zugeschrieben. Er macht sich hier desselben Irrthums schul- 
dig, dem man fast immer begegnet, wenn von Oioja die Rede ist, des 
Irrthums nämlich, dafs er die Entdeckung der Nordweisung der Ma- 
gnetnadel mit der Erfindung des Scbifi^skompasses verwechselt. Dafs 
Gioja jene nicht entdeckt hat, ist nachgerade so allgemein bekannt, 
dajfs es sich nicht der Mühe verlohnt, darüber auch nur ein Wort zu 
verlieren. Ganz anders aber liegt die Sache in Bezug auf unseren 



3} Brenting: 

SeekompaCs. Wenn auch die Nordweisang der Magnetnadel den Chi- 
ne0en schon vor swei Jahrtausenden bekannt war, nnd es somit immer- 
hin möglich, T^enn aoch keineswegs aasgemacht ist, dafs uns die Kande 
davon aus dem Osten durch die Araber vermittelt ist, so können wir 
gerade von unserem Schiffskompafs mit Gewifsheit behaupten, daüs er 
eine ursprunglich europäische Erfindung ist; denn der Eompafs, den 
die Chinesen bis auf den heutigen Tag auf See gebrauchen, ist kein 
anderer als unser Landkompafs. Humboldt meint, Oioja habe viel- 
leicht irgend eine Vervollkommnung in der Vorrichtung angegeben, 
spricht sich aber nicht darüber aus, worin dieselbe bestanden haben 
mag. Und doch liegt gerade hierin der Schwerpunkt der ganzen Un- 
tersuchung. DaCs er diese Vervollkommnung nicht darin gesehen hat, 
worin Andere sie haben finden wollen, nfimlich darin, dafs Oioja die 
Nadel entweder zuerst auf einer Spitze habe schweben lassen oder gar 
darin, dafs er sie in eine Büchse eingeschlossen habe, dürfen wir ala 
gewifs voraussetzen. Diese Vervollkommnungen wären denn doch so 
unbedeutend gewesen, dafs sie Oioja sicher nicht den Ruhm des Ent- 
deckers verscha£ft hätten, ganz abgesehen davon, dafs die erstere, wie 
D'Avezac dies nachgewiesen hat *), schon vor Oioja benutzt wurde. 
So wird Humboldt sie geflissentlich unerwähnt gelassen haben, um 
nicht eine Albernheit auszusprechen. Und doch wäre er, der als Berg- 
mann mit dem deutschen Orubenkompafs bekannt war und auf seinen 
Seereisen auch den Schiffskompafs hatte kennen lernen, vor jedem 
Andern berufen gewesen, hier Aufschlafs zu geben. Er konnte sich 
sagen, worin der wesentliche Unterschied zwischen dem aaf dem Lande 
und dem auf der See gebrauchten Eompafse besteht. Er würde dann 
auch gesehen haben, dafs in dem bekannten Verse: 

Prima dedit nautis usum magnetis Amalphis 
gar nicht gesagt sein soll, dafs in Amalfi die Nordweisung der Magnet- 
nadel entdeckt sei, sondern dafs der Eompafs, wie ihn jetzt die See- 
leute gebrauchen, aus dieser Stadt stamme, und dafs usum magnetis 
nichts anders als eine poetische Wendung ist für „brauchbaren Eom- 
pais^. Hätte man übersetzt: 

„Den Schiffern gab erst Amalfi einen brauchbaren Eompafs^ 
so wurde man das Richtige getroffen haben. 

Ohne auf die Entdeckung der Nordweisung der Magnetnadel ein- 
zugehen, will ich im Folgenden das Wichtigste aus der Geschichte des 
„Schiffskompasses'' anführen. Daraus wird sich nicht allein die Ge- 



') Vergleiche seine kurzen aber reichhaltigen Aufsätze: Anden» Umoignages 
hUtoriques relatifs ä la bouatole^ und: AperpLs historiquea sur la boutsoU im B»/- 
letin de la Societe de Geographie. 1868 u. 1860. 



Zur Qeflcfaiclite der Geofniiliie. 1. Fl. Oioja. 38 

m 

wiisheit ergeben^ dab er aoft ItaKen stammt, sondern audi die gfoibe 
WahrBeheinlichkeit, dab er Amalfi verdankt wird. Es wird damit 
aach die Frage erledigt, ob irgend ein Grund rorli^, Flavio Gkja 
diese för den Seemann so höchst wichtige Erfindung abaostreiten, dto 
die Ueberliefemng ihm snerkennt. 

ZonSchst ist es die Winkeltheilang des Horizontes, die hier zur 
Sprache kommen mnb. Natargem&b wnrde seit den ältesten Zeiten 
der Kreisnmfang darch rwei rechtwinklige Querachsen in die Tier 
Grondiichtungen Nord, Sud, Ost und West zerlegt. So finden sich 
diese z. B. schon bei Homer (Od. V. 295) : 

£vr d* EvQOg ts Norog t* ineaot^, ZetpvQog ta dvcca^g 
Kai Bogitig ai&Qijyapdnjgf fieya KVfia xvXipdmp, 

Unter sich kämpften der Ost und der Süd und der sausende West- 
wind, * 
Auch hellluftiger Nord, der gewaltige Wogen daherw&lzt 

Natürlich konnte diese einfache Theilung auf die Daner nicht ge- 
nügen, und so finden sich denn auch bald Zwischenrichtungen einge- 
schoben, wobei es der Erwähnung werth scheinen mag, dafs man in 
einzelnen Fällen auch schon, wie wir das heute durchgängig thun, den 
Namen des zwischenliegenden Windes ans den Namen der beiden zu- 
sammensetzte, in deren Mitte er fiel, und z. B. ans Eurus und Notas, 
d. h. aus Ost und Süd, den Euronotus, d. h. den Ost -Sud bildete. 
Freilich unterschied sich die Anschauung des Alterthums in einem 
wesentlichen Punkte von der unsrigen. Wir sind seit unserer Eennt- 
nib von der Kugelgestalt der Erde und ihrer Umdrehung um die Erd- 
achse gewohnt, Nord und Süd als die eigentlichen Cardinalpunkte, da- 
gegen Ost und West schon als abgeleitete zu betrachten. Im Alter- 
thume war dies nicht der Fall. Während wir die Erdoberfläche natur^ 
gem&b in die nördliche und südliche Halbkugel theileo, kennt Homer 
nur die Tag- und Nachtseite der Erde, den Osten und den Westen. 
Ihm sind Ost und West die vornehmsten Weltgegenden. Und diese 
Anffassung hat sich lange,' man kann sagen bis zur Entdeckung der 
Nordweisung der Magnetnadel erbalten; sie spricht sich noch gegen- 
wartig aus in dem Ausdrucke: „orientiren.^ Man suchte die Himmels- 
gegenden nach dem Aufgange der Sonne auf. Im Mittelalter kam noch 
dazu, dab das Land, nach dem Aller Blicke gewandt waren, das ge- 
lobte Land, im Osten lag, und daher wird auf den alten Eompafsrosen 
der Osten stets durch ein Kreuz bezeichnet. Daraus müssen wir denn 
auch einige sonst räthselhafte Ausdrücke in mittelalterlichen Schriften 
erklären, wonach die Magnetnadel „Ost* zeigen soll. Es soll damit 
nicht gesagt sein, dafs die Nadel sich in die östliche EUchtung legt, 

ZelUebr. d. OeielUeh. f. Erdk. Bd. IV. ^ 



34 Brevtingt 

•ondeni nur» dab Me den „Osten'^ keimen lehrt, dafo sie ,,orientirt*. 
Genug, iraher fanden Ost and West den Vorrang vor Nord und Süd, 
■nd deshalb entepricht es auch nnserem jetiigen Grandsatee, wonad 
wir bei Benennung der Zwischenrichtnngen immer die romehniere 
Richtung voransetsen, dafs Homer aoa dem Sud- und Ostwinde nicht 
einen Süd -Ost, sondern einen Ost-Sud bildet. Auch die Reihenfolge, 
in der Homer die Winde aufsählt, ist deshalb nicht ohne Bedentnng. 
Während wir bei Nord beginnen und durch Ost und Sud nach Weat 
a&hlen, f&ngt er mit dem Ostwinde an und zählt durch Sud und West 
nach Nord. 

Durch Einschaltung von vier Mittelrichtungen hatte man nun im 
Ganzen 8 Winde gewonnen, und diese waren es, die man auf dem 
achtseitigen Tempel der Winde zu Athen eingegraben hatte. Als nun 
aber auch diese picht mehr genügten, verfiel man nicht etwa darauf, 
die Anzahl der vorhandenen zu verdoppeln, sondern man schaltete nnr 
4 neue Winde ein, wodurch ihre Zahl im Ganzen auf 12 gebracht 
wurde, die man dann gleich mfifsig vertheilte. Yeranlafst wurde diese 
Zwolftheilung wohl dadurch, dafs der Horizont durch den Meridian, 
den Aequator, die beiden Wendekreise und die beiden Polarkreise in 
1 2 Punkten geschnitten wird. Bei dieser Zahl blieb es nun auch, denn 
wenn Yitruv^ erzählt, man habe sie später verdoppelt and auf 24 ge- 
bracht, so findet sich doch nirgend bestfitigt-, dafs diese Theilung Ein- 
gang gefunden hat Viel eher ist die Yermutbung begründet, dafs die 
gelehrte Theilung in 12 Winde schwerlich bei dem gemeinen Manne 
die Achttheilung verdrängt hat, denn schon Plinius klagt, dafs die 
Zwolftheilung zu fein und zu genau sei. Genügt doch auch bei uns 
im gemeinen Leben die Bezeichnung der Windrichtung nach acht Him- 
melsstrichen. 

Auch noch in einem andern wesentlichen Punkte unterschied sich 
die im Alterthume gebräuchliche Eintheilung des Horizontes von der 
unsrigen. Während jetzt Nord, Nordost, Ost u. s. w. ganz bestimmte 
Punkte am Himmel sind, umfafsten diese Benennungen früher einen 
ganzen Bogen. Der Norden im zwölftheiligen Horizonte bedeutete den 
Bogen von 30 Graden, in dessen Mitte unser Nordpunkt fällt Da- 
nach ist denn auch der Ausdruck „Windrose" für die Windscheiben 
des Alterthums durchaus ungeeignet. Die Richtungen dürfen nicht, 
wie wir es bei den Strahlenscheiben unserer Eompa&rosen sehen, in 
Spitzen auslaufen, und thatsächlich tritt denn auch der Name und Bild 
der Windrose erst mit der Erfindung des Kompasses als rosa veniormn^ 
sieOa maris auf. — Es mag hier Erwähnung finden, da£B der deutsche 
Seemann Punkt und Bogen genau unterscheidet. Der Punkt ist ein- 
silbig, der Bogen zweisilbig. Das Schiff steuert Ost oder West, denn 



Norden 



4 

2 

1^ 



Zur Oesehichte d«r Gtoognyhie. 1. Fl. Gioja. 3{j 

te ist ein Punkt de« Homontes gemeüit; die Sonne «ber geht im 
Orten «if und im Werten nnter, d. h. in dem öeüichen oder weetlicbeii 
Bogen. Oenan Oet and West im Horizonte kann eie natürlich nur 
iireima^ mi Jahre stehen, dann, wenn sie den Aeqaator schneidet 
HsD soUte sich den Vortheü dieser Unterscheidung, um so mehr, da 
er sprachlich begründet ist, auch in nicht seemännischen Kreisen nicht 
»tgehen lassen. Das Ued der Kinder: „Dort sinket die Sonne im 
Werten* ist sprachlich richtig; das Geibers: „Fem im Sfid das 
sofaSne Spanien* unrichtig. 

Die ZwÖlftheilung des Horizontes 
hat sich bis auf den heutigen Tag er- 
halten. Im Mittelalter finden wir sie 
wieder in der berühmten Stelle bei 
Einhart, wo dieser berichtet, dafs Karl 

der Grofse den 12 Winden deutsche 

1 Benennungen beigelegt habe. Es heirst 
dort * ) : 

lietn foentos duodecim propriis appeUa- 
' iionibus insignivii; cum prius non am- 
plius quam vix quaituor eentorum to- 
cabula posseni inveniri. — VetUis vero 
hoc modo nomina imposuity ut SuhsO'' 
lanum tocaret Ostronivint, Eurum Ost- 
nmdroni, Euroaustrvm Sundosironi, Austrum Sundroniy Austroafricum 
SnnubDCstroni^ Afiricum Westsundroni, Zefyrum Westroni, Chorum West- 
nordrofUj Circwm Piordwestroni^ Septemtrionem Nordroniy Aquilonem 
fhrdosironiy Vuiiumum Ostnordroni, 

Man sieht bei Einhart wie bei Homer beginnt die Zählung vom 
Ostponkte. 

Es mag gelegentlich dieser deutschen Windnamen darauf hinge- 
wiesen werden, dafs die oft wiederkehrende Ansicht, als ob die Namen 
inserer Himmelsstriche aus dem Niederdeutschen (Holländischen oder 
Vlamischen) stammten, eine durchaus irrige ist Wie weit die Verirrung 
in dieser Beziehung gegangen ist, davon folgendes Beispiel. Man hat 
von dem bekannten Augsburger Kartographen Konrad Lotter aus der 
ersten H&lfte des vorigen Jahrhunderts eine grofse Tafel (Tabula ane" 
mograpkica seu pyxis nauHca^ eulgo Compafscharte, qua ventorum no- 
mima teptem Unguis repraeseniantur) cur übersichtlichen Yergleichung 
der Kompafsrosen in sieben verschiedenen Sprachen, unter denen merk- 
würdigerweise, aber charakteristisch für die damals im deutschen Bin- 




Sfiden 
Windscheibe der Alten. 



') EiDharti: Vita KaroU Magnu ed. Jaffe, Cap. 89. 



nenUiide herrsehende beBchrinkte Andobt vooi Weltretkehre, die wkli* 
tigste unter «lien, die englische, diese «eemfinnieche Weltspraebe, gans 
fehlt Lotter bat nan aaeb geglaubt, die Benennungen Nord, SSd, 
Oit und West als niebt bochdentsch betrachten und daffir die U^>er- 
•etsnngen Mittemadit, Mittag, Morgen und Abend einfuhren cn mfis- 
ten. Es macht einen unsäglich komisehen Eindruck, wenn man aidi 
denkt, wie ein deutscher Matrose dem Schiffer auf die Frage, weichen 
Kurs er steuert, statt NNO^O die Antwort geben soll: Mittemacht 
Mittemacht Morgen halb Morgen. Und das steht doch thatsiehlidi 
auf dieser Tafel tu lesen. Wie wenig niederländisch jene Namen Inr 
die Himmelsstriche sind, beweist uns das Wort ^Ost^, welches die 
Gegend bedeutet, wo die Sonne aufsteht oder aufgeht Wort und Be- 
griff treten unirerfindert auf in dem Namen far das Fest der Auf- 
erstehung unseres Herrn, das Osterfest Dieser urdeutsche Name des 
Festes ist aber uur dem Hochdeutschen und Angelsächsischen (Easter) 
eigen. Holländer und Viamingen, Dänen und Schweden kennen ihn 
nicht; sie gebrauchen dafür Paascken oder Pask nach dem hebräisefa- 
griechischen Worte Pascka, — Andererseits sind unsere deutschen 
Windnamen durch die Franken auf die Franzosen übergegangen, yon 
diesen £u den Spaniern und Ton diesen wieder su den Portugiesen 
gekommen, denn von den letzteren wurde noch im 16. Jahrhundert, 
wie Nuoez das ausdrücklich bezeugt, die Eompafsrose mit den dent- 
sehen Benennungen die ^ spanische^ genannt 

Erhalten hat sich nun zwar die Zwölftheilung des Horizonts nor 
bei dem Orubenkompafs des deutschen Bergmannes. In der Mark- 
scheidekunst wird nämlich bis auf den heutigen Tag der Horizont in 
zweimal 12 Standen getheilt, die von Nord durch Ost und von Sad 
durch West gezählt werden. Aber sie war noch im 16. Jahrhundert 
bei allen gelehrten Oeographen -und Eosmbgrapben allgemein. In den 
ersten Ausgaben der damals überall verbreiteten und in fast alle leben- 
den Sprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch) über- 
setzten Eosmographie von Apianus findet sich nur die Angabe von 
12 Windnamen, freilich schon mit der Bemerkung, dafs die Seeleute 
sich ihrer aber nur im Alterthume bedient hätten. Ventorum duodecim 
9vnt, quibus veieres nautae fuerufU t»t, nomina '). Erst Oemma FrisiuB 
hat in seinen Zusätzen zu dßn späteren Ausgaben dieser Eosmogra- 
phie, die er veranstaltete, die Namen der Winde nach der neuen Ein- 
theilung hinzugefügt: Ex veterum senieniia ct^sque regionü karÜKm 
in 12 spatia dividitur. — NauHs aUa ratio ventorum est. Hi ewim 
koriMtUem in 32 partes dividunt *). 



*) Jpiani Cotmographicu Cap. XV. de Ventis. 
•) Gemtna F^risiw, Ibidem. Append. 



Zur Geschichte der Geographie. 1. Fl. Oioja. 37 

Man bat einmal tod einer oontinentalen and eiqer maritimen Qeo- 
gnplne beim Wiederaufleben der Wiesenschaften geeprocben. In dem 
Sinne, wie es geschehen ist, wo man fBr jene nur Tadel, far diese 
nar Lob hat '), läTst sich der Gegensatz nicht rechtfertigen, aber man 
kann in der That am diese Zeit von einer (^ntinentalen oder gelehr- 
ten ond einer maritimen oder seemfinnischen Kartographie sprechen« 
Wo aaf einer Karte 12 Winde am Rande auftreten, kann man sicher 
Mn, dafs dieselbe von einem Gelehrten des Festlandes herrührt; alle 
Seekarten am diese Zeit theilen schon den Kompafs in acht Theile 
mit fortgesetzter Zweitheilung. 

Woher stammt diese neue Theilung des Horizontes? Gewifs nicht 
ans Ostasien durch Vermittelung der Araber. E^laproth in seiner be- 
kannten ^Lettre au Mr, Humboldt^ sagt (p. 103) von der Theilung des 
dunesiflchen Kompasses: „La ditision, dont an se seri gänäraiemeni 
ians tous ies auvrages nauliques, est celle des ringt qnatre*^; und von 

der des japanesischen: y^La ditision de rhoriion en dou%e rumbs est 

\ 

■) Es llfst sich schwer begreifen, wie Lelewel sich so darüber ereifern kann, 
dafo die Deutschen derzeit nicht in die Fafsstapfen der italienischen Hydrographen 
getreten aind, sondern es vorgezogen haben, dem Ptolemäns zu folgen nnd aaf dieser 
Omndlage die Geographie nen anfzubaoen. Als ob die Deutschen vom Wissenschaft-- 
fiehen Standpunkte ans anders h&tfen handeln dürfen! Wie grofse Achtung man 
sach vor den italienischen Kartographen des 14. und 15. Jahrhunderts haben mag — 
wwt damals erreicht werden konnte, haben sie erreicht — aber weiter kommen lieft 
sich auf dem tou ihnen eingeschlagenen Wege nicht. Wir wissen jetzt, dafs die 
loxodromischen Karten vom mittellftndischen Meere eine überraschende Genauigkeit 
besJtzen. Damals konnte man das nicht wissen, im Gegentheil man mufste von 
leektswegen daran zweifeln. — Als Newton, um das Gesetz der Schwere aufteilen 
ta kSnnen, eine genaue Kenntnifs vom Erdumfange haben mufste, konnte er zwi- 
leben den Gradmessuogen von Norwood und Snellius wählen. Die letztere beruhte 
aaf einem streng wissenschaftlichen, die erstere auf einem rohen unwissenschaftlichen 
Ter&hren ; so wfthlte er jene, nnd es ist bekannt, dafs der erste Versuch, das Grar 
▼itationagesetz zn begründen, gerade hieran scheiterte; er gelang erst, als die ge- 
nauere Messung Picart*s vorlag. Jetzt, wo wir auf dem von Snellius eingescUa- 
gsoen Wege weiter fortgegangen sind, wissen wir auch, dafs die Norwood'sche Grad- 
Boorang von überraschender Genauigkeit gewesen ist Newton konnte das nicht 
wissen und hätte Tadel verdient, wenn er sie benutzt htttte. Ganz ähnlich ist die 
Stellung der deutschen Geographen zu den italienischen Hydrographen. — üeber- 
kaapt mSchte Lelewel's Berechtigung zu einem Urtheil über strenge geographische 
Wiasenachaft sehr in Zweifel zu ziehen sein. In seiner Giographi% du mojftn äge, 
II, pag. 181 sagt er: Gerard Mtrcator, U c&ryphee des geographes de cette ^oque, 
domMii ä la cireonference de la ierre 6400 millet germaniques o« 21,600 italiquest 
mim ^ ^aluaU le degri ä 12} miUes d'AUemagne ou 60 d^Italie, Jl pensaU, 
foe ceUe ophwm moderne etait tCaccord avec Vancienne de PtolenUe. — Par con' 
»ifmtmt mnatU Mercator le mille dAllemagne avait 4^f millet italiques. Da hier 
kein Druckfehler vorliegt, wie der Nenner 61 beweist, so sieht man, dafs Lelewel 
kein Freund der rechnenden ptolemäischen Geographie gewesen sein kann. Das 
Beehncn mufs ihm sehr unbequem gewesen sein. Aber dafs ein Mann, der es unter- 
niaunt eine Geschichte der Geographie zu schreiben, nicht weifs, dafs auf 1 deutsche 
MeOe 4 italienische gehen, wie sich das in jedem geographischen Werke des 16. Jabr- 
himderta angegeben findet, das ist doch etwas stark. 



38 Breu«iiig: 

gin4faiemeni tuitäe. en Japon,^ Und was hier darcbschlagend ist: nach 
Leiewel (Oiographie da moyen äge; EpUogue p, 184) hatten aodi die 
Araber die Zwölftheilung: y,Le$ Arabes imvireni la dodrine greeque 
d^ 12 eents.^ 

Sicher ist die neue Theilong aach nicht dadarcb entstanden, dafa 
dieselbe den Vorzug einer gröfseren Bequemlichkeit hat. Mit dersel- 
ben Zirkelöffhnng, mit der der Kreis beschrieben ist, wird er aiH^ 
anmittelbar in sechs Theile zerlegt, ein Vortheil, den nicht einmal die 
Yiertheilung bietet. Wenn die Zwölftheilung trotzdem nicht in's Volk 
gedrungen war, so geschah dies deshalb, weil sie für den gemeinen 
Mann schon zu viel Theile hatte. Wünschte man einmal vermehrte 
Theilung, so bot sich der Ausgang vom Sechseck mit demselben, wenn 
nicht noch gröfserem Rechte als der vom Viereck. Ist dies doch, wie 
schon erwfihnt, beim Gruben kompafs des deutschen Bergmannes ge- 
schehen. 

Sie wird im 16. Jahrhundert allgemein als die der Seeleute be- 
zeichnet, und wenn bis zur Entdeckung Amerika's, bis auf den Ge- 
nuesen Columbus und den Florentiner Vespucci die Italiener das erste 
seefahrende Volk waren, so könnte man schon daraus abnehmen, wo 
der Ursprung der neuen Theilung zu suchen ist. Und die folgende 
Thatsaebe läfst darüber keinen Zweifel. 

Es versteht sich von selbst, dafs kein einziges Volk von der ur- 
sprünglichen, naturgemäfsen Eintheilung des Horizontes in vier rechte 
Winkel abgewichen ist. Aber während alle übrigen Völker der Neu- 
zeit nur die vier Grundrichtungen mit eigenem Namen bezeichnen und 
die Benennung der Zwischenrichtungen durch Zusammensetzung ans 
jenen vier ableiten, so zwar, dafs dadurch die Dreitheilung des rechten 
Winkels, wie wir dies an den Windnamen Karls des Grofsen sehen, 
nicht ausgeschlossen zu sein braucht, theilen die Italiener, und diese 
allein, den Horizont sofort in acht Theile mit ebensoviel eigenthüm- 
liehen, ursprünglichen Namen, und damit ist denn die Zweitbeilang 
des rechten Winkels von Hause aus gefordert und festgesetzt. Eis 
werden deshalb diese acht Richtungen auch in der alten seemännischen 
Kartographie als die acht vollen oder ganzen Winde bezeichnet Und 
weil sie im Bilde der Windrose als Rhomben gezeichnet wurden, so 
wurde dies Wort die technische Bezeichnung für die Gompafsstriche 
in allen romanischen Sprachen. Ihre Namen sind, wenn man von 
Nord durch Ost und Süd nach West zählt, 

Tramontana (N.), Greco (NO.), Levante (O.), Scirocco (SO.), 
Ostro (S.), Libeccio (8W.), Ponente (W.), Maestro (NW.). 

Streng genommen sollte man diese Benennungen nicht als ita- 
lienische, sondern speciell als süditalienische bezeichnen; denn dafs 



Zur Geschichte der Ctoographie. 1. Fl. Gioja. 



m 



sie aoB Snditalien itammeo mdaaen, l^hrt miB der ISUme Qr^eo fBr 
den Nordoatwiod. 

Indem man nnn zar genaoeren Theilong fortachreiteBd die mittflD 
twischen die acht Haoptwiode fallenden Richtungen doreh Halbieriing 
gewann, bezeichnete man dieselben als halbe Winde und bildete ihre 
Namen dnrch Nebeneinandersetzang der Winde in deren Mitte da 
fielen, ging inde£s hierbei nicht von wissenschaftlichen Gesichtspunkten 
aus, wonach man die naturgemäfs vornehmere Richtung }\ß,Ue voran- 
setcen müssen, sondern wurde wohl mehr durch die Gesetze des Toiifalies 
geleitet. So z. B. heifst die mittlere Richtung zwischen TramotU4ma 
and Greco nicht Tramontima' Greco j sondern Greeo^Tramantana und 
ebenso die zwischen Lwanie und Greco nicht LeeatUe^Greeo, sondern 
GreeO'l0evttni€; so sagt man zwar Ponente- Maestro ^ aber nicht TVif- 
moniama^ Maestro y sondern Maestro ^Tramontana; ein Beweis dafür, dab 
die acht vollen Winde in der Anschauung der Italiener durchaus glei«- 
eben Rang hatten. 



"%> 



PkM 




Windrose der Itftliener. 



^ Br««iiBg: 

flSwitehsn ite «af dkse Weite erlaiigleii 16 Winde schaltete nuui 
nan durch wiederholte Zweitheilong 16 neue Mittelriehtangen ein« 
nnaale dieaelheD Yierteiwinde und bildete ihre Namen eo, da£B man 
▼on dem vollen Winde, neben dem sie lagen, ausging and daneben 
bemerkte, dafe sie einen Yiertelwind nach der einen oder andereo 
Seite Toa ihm abwichen. 

Diese Eintfaeilang des Horisontes in 32 Theile ist nan, durch den 
Sehiffskompafs rennittelt, zugleich mit der eigenthumlichen Bezeich- 
aongsweise im Weaentlichen sunüchst auf alle romanischen Völker 
übergegangen. Nur insofern mufsten diese abweichen, als ihre aas 
dem Deutschen entlehnten Namen Nord, Süd, Ost und West nur für 
Wer Hauptrichtungen ausreichten, so dafs sie sich für die vier Mittel- 
riofatungen, für welche die Italiener ebenfalls ursprüngliche Benennungen 
haben, nut Zosammensetiungen helfen mufsten. Setzt man aber fSr 
Qreco Nordost, für Scirocco Sudost, für Liöeedo Südwest und fSr 
Maestro Nordwest, so stimmt die Windrose der übrigen romanisdien 
Völker ganz mit der italienischen überein. So ist z. B. 

r^C? = N i NE und GiT = NE^N 
nach der französischen Benennung. 

Bei dem bedeutenden Uebergewichte, welches w&hrend des Mittel- 
alters die Schifffahrt der romanischen Völker über die der germani- 
schen hatte, ist es nun nicht zu verwundern, dafs bei den letzteren 
allmShlig die Dreitheilung des rechten Winkels durch die Zweitheilong 
verdr&ngt wurde. Aber es erfolgte dieselbe bei ihnen auf eine selbst- 
ständige und in der That rationellere Weise. Man kann sagen, da(s 
ihnen ihre Armuth an Namen für die Winde, worüber Einbart zur 
Zeit Karl's des Grofsen klagte, dabei zu Gute kam. Während die 
romanischen Völker den Kreis sofort in acht Theile zerlegten und die 
Namen der Zwischenrichtungen auf diese acht Grundrichtungen be- 
zogen, sahen sich die germanischen Nationen gezwungen, die sämmt- 
üchen Zwiscbenrichtungen auf nur vier Grundrichtungen zu beziehen. 
Der Rhombus, z. B. den die Italiener T | G und die Franzosen N \ NE 
nennen, heifst bei uns NzO (Nord zu Ost), d. h. der Strich, der vom 
Nordpunkte um ein Achtel des rechten Winkels nach Ost abweicht. 
Die Romanen betrachten den Rhombus oder Strich als ein Viertel 
vom halben rechten Winkel, aber die Germanen als ein Achtel vom 
ganzen. Es ist dies die wissenschaftlichere Anschauung, denn bei der 
Rechnung mufs schliefslich doch jede Zwischenrichtnng auf die beiden 
durch den Meridian und den Breitenparallel dargestellten Coordinaten- 
achsen bezogen werden. 

Audserdem ist die Auffassung der Himmelsrichtungen bei den nor- 
dischen Völkern durchaus frei von irgend welchen äufseren Beziehun- 



r 



Znr Geschichte der Oeogniphie. 1. Fl. Gioja. 



41 



geft. Die Weifgegenden, die doch Ton Hause ans nidite mit dem Winde 
in thnn haben und eich von selbst verstehen würden , auch wenn nie 
ein LBftohen in der Atmosphfire sich bewegte, heifsen bei den ItaÜe- 
aem ganae, halbe and viertel ^Winde^ und die Zeichnung der Rhom- 
ben hat den Namen ^Windrose^ (ro$a dei venii). Ja, die Windnamen 
selbst sind recht eigentlich landschaftlich wie TremoiUanaf Greco n. s. w. 
Ten dieser einseitigen Anschauung haben sich die germanischen Yöl- 
ker gans frei erbalten. Allerdings findet sich der Ausdruck „Wind- 
rose'' auch in deutschen Schriften, aber er ist von den Gelehrten durch 
die Uebersetzung der rosa veniorum aufgebracht. Das deutsche Volk, 
namentlich der deutsche Seemann kennt das Wort „Windrose^ gar 
nicht; er nennt die bildliche Darstellung der verschiedenen Richtungen 
entweder „Eompafsscheibe^ oder „Strichrose^ und die einzelne be- 
stimmte Richtung den „Strich^, wie auch der deutsche Bergmann die 
Lsgerung der Oebirgsschichten in Beziehung auf den Eompafs das 
«Streichen^ derselben nennt. In englischen Werken wfirde man sich 
nach dem Worte „ Windrose^ vergebens umsehen. 




Strichrose der Deutschen. 



42 Br^nsiig: 

Der UmBUnd, dafs die afidUchen Völker die Hälfte des rechteo 
Winkels and die nordlichen dss Aditel desselben als Einheit ange- 
nommen haben, giebt den letsteren einen groisen Vortheil für die Be- 
leiebnnng weiterer Unterabtheilangen. AUe Zahlen auf der nordischea 
Strichrose besiehen sich auf den ^Strich^ (engl, poini) als Einheit. 
Um anderthalb Strich anszudrucken, setzt man also einfach 1-j^, und 
NzO|0 kann bezeichnet werden als MljO, d. h. von Nord ändert* 
halb Strich nach Ost Das ist den romanischen Nationen nicht mög- 
lich. Um anderthalb Strich aaszadruoken , müssen sie entweder, wie 
die Italiener, Brachzahlen in eigenthümlicher Weise neben einander 
setzen, wonach z. B. •} | einen Viertelwind and noch die Hälfte eines 
Viertel Windes bedeutet, so dafs NzO|0 oder Nl^O durch Tj ^Q 
bezeichnet wird» oder sie müssen sich, wie die Franzosen, dadurch 
helfen , dafs sie neben der Eintheilung in 32 Rhomben auch noch die 
in Graden und Minuten benutzen. Diese deuten NsO^O durch 
N-J^NE 5*^ 38' E an. Es bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung, 
um die grofse Ungefugigkeit einer solchen Bezeichnungsweise sofort 
erkennen zu lassen. 

Wenn aber auch die „Stricbrose^ der Germanen eine vervoll- 
kommnete „Windrose*^ der Romanen ist, so verdanken doch alle see- 
fahrenden Völker ihre jetzige Kompafstheilung den Italienern, speciell 
den Süditalienern. 

Ich mochte noch einen Punkt zur Sprache bringen und das ist 
die in Italien häufig vorkommende Benennung cakanita oder ago ca^ 
lamiiato für die Magnetnadel. Seit dem Hydrographen Fournier ^) hat 
man sich darin gefallen, diese Benennung mit dem Worte caiamite in 
Zusammenhang zu bringen, mit dem die Griechen zufolge Plinias ') 
den Laubfrosch bezeichneten. D^Avezac nennt das eine grofse Absur- 
dität, und ich glaube man wird ihm darin vollständig Recht geben 
müssen. Griechisch ist das Wort allerdings, aber sollte dasselbe eben 
nicht deshalb wieder auf Süditalien hinweisen, wo noch so viele Spa- 
ren griechischer Cultur und Sprache erhalten sind ? Und was die Ab- 
leitung betrifft, möchte nicht dieser Ausdruck aus der ersten Zeit stam- 
men, wo man die Nordweisung der Magnetnadel entdeckt hatte, und 
wo man die Nadel noch auf dem Wasser schwimmen liefs? Man legte 
dieselbe für den Gebrauch in ein der Länge nach gespaltenes Inter- 
nodium von Schilfrohr (griech. xoAajUiV) und daher nannte man die 
nach Norden zeigende Nadel ago calamitato. Auf die Gefahr hin, mir 
von Herrn d'Avezac den Vorwurf der Geschmacklosigkeit zuzuziehen. 



') Hydrographie, Lib. XL Ch. 1. (Paris 1648. Fol.) 
*) Bütoria naturalU. XXXII. 42. 



r 



Zur Geschiebte der Geogn^^Aie. 1. FI. Gtoja. 43 

afiehte ich daran erinnern, dafs anch ein anderes Werkseng, wo ein 
Bisenatab in ein hohles Rohr gelegt wird, von den Griechen mit nor 
iMfug benannt wnrde; es ist das Brenneisen des HaarkrSaslers. Jeden- 
fikUa liegt hier die Ideen -Association näher als beim Laubfrosch. 

Und wenn so Alles and Jedes auf Suditalien als das ursprfing- 
liehe Oebortsland unseres Kompasses hinweist, wie, wenn sich ein be- 
stimmter Anhaltspunkt dafür böte, dafs gerade Amalfi der Geburtsort 
wire? Es ist eine Thatsache, dafs mit der Zweitheilung des rechten 
Winkels zugleich auch die Bezeichnung des Nordpunktes durch eine 
Lilie auf die Kompasse aller Nationen übergegangen ist. Die Lilie 
nun ist das Wappen der Bourbonen und so hat man wohl geglaubt, 
sie stamme von den Franzosen. Aber diese selbst haben ihren Kom- 
paCs von den Italienern erhalten und sollte es nicht von Hause aus 
wahrscfaeiniicher sein, dafs sie ebensogut wie die äbrigen Völker mit 
dem Kompafe auch die Lilie von dort herüber genommen haben? Seit 
Amalfi seine Freiheit und mit ihr seine GrÖfse und seinen Ruhm' ein^ 
gebufst hatte, schien ihm noch einmal eine glückliche hoffnungsreiche 
Zeit aufleuchten zu wollen. Es war das die Zeit, wo das bourbonische 
Hans Anjou über Neapel und damit auch über Amalfi herrschte. „Die 
Angiovinen, zumal Karl von Anjou, nahmen sich der Amalfitaner ganz 
besonders an. Bei ded weitaussehenden Plfinen Karl's auf Unterwer- 
fung des byzantinischen Reiches und Syriens mnfste ihm die aufrich- 
tige Ergebenheit einer ihm selbst unterworfenen maritimen Macht um 
so erwünschter sein, als die Freundschaft der grofsen Seemächte sehr 
precfir war, dieselben überall, von gerechtem Mifstrauen gegen seine 
ehrgeizigen Pläne erfüllt, eine grofse Zurückhaltung beobachteten, zum 
Theil wie Genua offen mit ihm Krieg führten. Von 1270 an finden 
sich in dem SyUabus tnembranorutn regit Archiviy von Scotto heraus- 
gegeben, eine wahre Unzahl von Amalfitanern in Angiovinischen Diensten 
angestellt; Camera führt an, dafs der Patron der königlichen Galeere 
immer ein Amalfitaner habe sein müssen u. s. w. ').^ Liegt es nun 
nicht nahe, dafs der Amalfitaner Flavio Gioja aus Dankbarkeit gegen 
das Haus Anjou diesem eine Huldigung zu bringen wünschte und zu 
diesem Zwecke als Bezeichnung des Nordpunktes die bourbonische 
Lilie wählte? 

Und damit wäre ich zu dem eigentlichen Ziele meines Vorhabens 
gelangt, nämlich nachzuweisen, worin denn eigentlich die Vervol^ 
kommnung des bisher von den Seeleuten gebrauchten Kompasses be- 
standen haben wird, eine Vervollkommnung Ton solcher Bedeutung, 



1) Die obenstehenden HittheiliiDgen verdanke ich dem ausgezeichneten Kenner 
der italiemaohen OMchichte, dem Herrn Assessor Dr. WUstenfUd in Gottingen. 



44 Breasia^ 

dafe der Dtditer sagen durfte; Binen braaclibBreii Kontpafo habe 
den Seeleoten erst Amalfi gegeben. 

Wie schon erwAhnt, kann diese nicht darin bestanden haben, dafs 
man die Nadel auf einer Spitse schweben liefs, oder sie in eine Büehee 
einscblofs. Aach die Windrose als solche hat Oioja nicht erfanden; 
D'Avesac hat darauf aufmerksam gemacht, dafs diese schon bei Raj* 
mnnd LuUy als sieila maris vorkommt; sie hat eben nur deshalb, weil 
sie von Oioja su seinem verbesserten Schiffskompafs benutst wurde, 
mit diesem sugleich bei den Seefahrern aller Nationen Eingang ge- 
funden. Die Vervollkommnung, die wir Gioja verdanken, besteht in 
der Binrichtungy durch die sich der Schiffskompafs vom Landkompafe 
unterscheidet. 

Als Beispiel der auf dem Lande gebrauchten Kompasse mag uns 
der GrubeDkompafe dienen. Bei diesem schwebt die Nadel frei aaf 
einer Spitze und ist in eine Bfichse eingeschlossen, auf deren Boden 
die TheiluDg des Horizontes eingeschnitten ist. Es ist somit genau 
der Kompafs, der schon vor Plavio Oioja existirt hat, und eben dieser 
Kompafs ist für den Seemann unbrauchbar. Um dies deutlich an 
machen, wollen wir annehmen, ein solcher Kompafs sei aof dem Schiffe 
befestigt und die Linie Süd -Nord habe die Richtang des Kieles. Dann 
wird sich natürlich mit dem Schiffe auch die Kompafsbüchse und die 
aof ihrem Boden befindliche Strichrose drehen. Steuert nun das Schiff 
Nord, so wird auch die Nadel auf dem Nordpunkte einspielen und 
Alles hat seine Richtigkeit. Wie nun aber, wenn sich das Schiff von 
N nach NW wendet? Dann wird sich der Nordpunkt der Strichrose 
unter der ruhenden Nadel mit dem Schiffe nach NW bewegen, die 
Nadel selbst aber nach NO weisen, der Kompafs also nicht die Richtung 
zeigen, in der das Sdiiff steuert. Und umgekehrt, wenn das Schiff 
einen östlichen Kurs steuert, wird die Nadel auf einen westlichen Strich 
deuten. Bei dem Orubenkompafs, der so angelegt wird, dafs die Strei* 
chungslinie parallel mit der Linie des Nullpunktes (der 0. oder 12. Stunde) 
läuft, hat man aus diesem Orunde die Richtungen Ost und West ver- 
tauscht, ein Umstand, der dem Nichtkundigen auf den ersten Blick 
sonderbar genug vorkommt Aber wenn man das bei dem wissen- 
schaftlich gebildeten Markscheider thun kann, darf man dem gemeinen 
Matrosen, der am Steuerruder steht, zumuthen, dafs er sich ebenso 
leicht in die Umstellung von rechts und links, in die Verwechselung 
von Ost und West findet? Doch angenommen, das sei erlaubt, und 
auf dem Schiffskompafs wie beim Orubenkompafs geschehen. Wie 
nun, wenn das Schiff, wie wir der Einfachheit wegen annehmen wollen, 
wieder Nord steuert? Wenn dann Ostwind weht, so steht auf dem 
Kompafs in dieser Richtung West, und wenn Westwind weht, zeigt 



r 



Zur Oesehichte der Qeognplue. 1. Fl. Oiojs. 45 



der Kompab Oflt. Alio «m JBiae Verwimmg sa heben, aoU eine an- 
dere eiogefobrt werden? Der Markscheider aUerdings wurde eich an 
helfen wiesen, er brfichte die 12. Stande in die Richtung des Windes, 
and die Nadel wurde den Strich, woher der Wind weht, richtig an- 
geben. Aber soll der Seemann immer erst das Schi£f in den Wind 
laufen lassen, damit er seine Richtung ablesen könne? Und nicht ge^ 
nagt Eine der widitigsten Anwendungen findet der Eompals bei den 
Peilungen (Aaimuthbeobachtungen) von Kustenpnokten. Wie sollte es 
doch möglich sein, auf der jeder seitlichen Bewegung des Schiffes fol- 
genden Strichrose, die unter der Nadel auf dem Boden der Eompafs- 
buchse befestigt ist, die Richtung eines Punktes am Lande mit der 
hiem erforderlichen Genauigkeit absulesen? Jeder Seemann wird 
sagen 9 dafe das eine Unmöglichkeit ist. Und es ist von grofser Be- 
deutung, dals die Tradition sagt, Oioja sei ein Seemann gewesen. Als 
solcher wird er die M&ngel der damals gebrftnchlichen Kompasse ein- 
gesehen haben ; er machte bei dem gemeinen Seemann die Erfahrung, 
dafs die Benutsung des Landkompasses mit seiner Vertauschung der 
Weltgegenden an Bord eines Schiffes Verwirrung aber Verwirrung im 
Qefolge hatte; er erfuhr an sich selbst, dals eine zugleich mit dem 
Schiffe sich drehende Strichrose genaue Aximutbbeobachtungen un- 
möglich machte; er sann auf Abhülfe und fand sie darin, daüs die 
Stricbrose oben auf die Magnetnadel gelegt und fest mit ihr verbanden 
wurde. Dann konnten lUle Striche ihren richtigen Namen bebalten, 
man konnte Wind und Kurs darauf ablesen und sie nahm nicht an 
der Drehung des Schiffes Theil, sie behielt, wie die Magnetnadel selbst, 
ihre feste, ruhige Lage gegen die Weltgegenden. Wie einfach dieser 
Gedanke uns jetzt auch vorkommen mag, die Einfachheit raubt ihm 
nichts von seinem hohen Werthe; und wenn er uns auch als nahe 
liegend erscheint, gerade das nfichstliegende pflegt sich dem Auge des 
Forschers am Längsten su entziehen. 

Eis ist Gioja, wie anderen grofsen Erfindern, es ist ihm wie James 
Watt ergangen; der Mjthus hat sich ihrer bem&chtigt und hat sie zu 
Entdeckern gemacht. Beide haben die Anwendung einer schon vor 
ihnen bekannten Kraft, die Einrichtung einer schon vor ihnen be- 
kannten Maschine vervollkommnet; im Volksmunde gelten sie für die 
Entdecker' der Kraft selbst. Man hat einen hubseben, viel verbreiteten 
Kupferstich mit der einfachen Unterschrift: James Watt. Darauf sieht 
man den jungen Mann vor einem siedenden Wasserkessel am Kamine 
nachdenklich sitzend, den Deckel des Oefäfses mit dem Schfireisen 
niederdrfidLend, um ihn durch die Spannung des Dampfes wieder heben 
zu lassen. Er wird hier dargestellt als Entdecker der Dampfkraft 
Und doch war diese längst vor ihm bekannt, hatte lange vor ihm in 



46 Br«iisin^: 

der DMBpfmaaelnDe Anwendung gefunden. Was wurde man nun aber 
wohl sagen, wenn Watt fortan nur genannt wurde, um an seinen Na- 
men die Bemerkung eu knüpfen, man habe ihm ganz mit Unrecht die 
Entdeckung der Dampfkraft, die Erfindung der Dampfmasdbine rage- 
schrieben; es lasse sich unwiederleglich nachweisen, dafs Papin und 
De Gaus, Newcomen und Sarary diese Ifingst vor ihm gekannt hatten 
Und ist es Oioja besser ergangen? 

Man bat gesagt, der Name Gioja's schwebe in der Luft; er sei 
nicht durch gleichzeitige Dooumente historisch bezeugt. Kann das 
etwas an der Thatsache andern, dafs ein Seemann — denn mn sol- 
cher mufs es gewesen sein — unseren Schiffiskompafs erfunden hat? 
Diesen Seemann bezeichnet die Tradition mit dem Namen Flavio 
Güoja; einen Mitbewerber hat er nicht; so liegt auch kein Grund von 
die Tradition f&r unglaubwürdig zu erklären. 

Eben weil es für mich von dem Augenblicke an, wo ich Tor län- 
ger als 20 Jahren zuerst ein Seeschiff betrat, keinem Zweifel unter» 
legen hat, dafs die Befestigung der Strichrose auf der Magnetnadel als 
das eigentliche und grofse Verdienst Gioja's betrachtet werden müsse, 
wäre es mir unbegreiflich gewesen, wenn nicht ein einziger der vielen 
Forscher, die über den Kompafs geschrieben haben, auf dieselbe Idee 
gekommen wäre. Und bei weiterem Nachforschen hat sich mir denn 
auch ergeben, dafs ich allerdings auf die Priorität des Gedankens 
keinen Anspruch machen kann. Schon Riccioli sagt '): „Möglich, dads 
Flavio die Kompafsscheibe oben auf der Magnetnadel befestigt hat^. 
Dafs sich diese Stelle der Aufmerksamkeit der Physiker und Hydro- 
graphen so gänzlich entzogen hat, kann nur dem Umstände zugeschrie- 
ben werden, dafs eigentliche Sachkenotnifs vom Seewesen und der 
Schifffahrt sich bei den Gelehrten so gut wie gar nicht findet *), und 
andererseits die Seeleute sich auch nur um das kümmern, was ihr 
Fach unmittelbar angeht. 

Oben ist erwähnt, dafs der Schiffricompafs jedenfalls eine ursprüng- 
lich europäische Erfindung ist und nicht aus China stammen kann. 
Ich bin im Besitze mehrerer chinesischer Schiffskompasse aus der 
neuesten Zeit. Sie tragen alle eine kleine Magnetnadel frei schwebend 



') Geographiae '^ Hydrographiae reformatae Libri XII. (Bonontae 1661. Fol.) 
pag. 474: Fieri potuit, itt Flavius rotam chartae rotundae uucriptam svperadaptaverit 
chalyhi magnetico. 

') Eine rühmliche Ausnahme, wie ich hier mit Freuden ausspreche, macht einer 
unserer ersten wissenschaftlichen Kartographen, Hermann Berghaus in Gotha, der 
die technischen Ausdrücke des deutschen Seemanns, wie Strichrose, Stillte u. a. kennt 
und auf seinen schönen Seekarten zum Stieler'schen Handatlas auch benutzt. Rara 
amst 



Zur Geschichte der Geographie. 1. FL Gioja. 4? 

in einer flmehen hdlsernen Büefase, auf deren breitem Bande die ESin- 
theüang des Horixontee gemalt ist. 

Es wfire nicht nnmöglieb, daHs wir GioJa noch ein weiteres, wenn 
lach nicht so wesenüicbes Verdienst am die YerroilkommnuDg des 
ScfaiflUompasses zu verdanken hätten. Es ist dies die Vorrichtang, 
durch welche er in der horizontalen Lage schwebend erhalten wird 
and die man als die ^Cardanische*' zu bezeichnen pflegt Nnn sagt 
sber Cardanns selbst '): ^Man hat die Erfindung gemacht, den Stahl 
des Kaisers so einzurichten, dafs derselbe beim Fahren trots aller 
Schwankungen immer unbeweglich und bequem sitzt. Es geschieht 
dies dorch eine besondere Verbindung von Bügeln. Denn wenn drei 
bew^liche Ringe so mit einander verbunden werden, dafs sich die 
Zaf^en des einen oben und unten, die des anderen rechts und links, 
und die des dritten vorn und hinten befinden, so mufs eine solche 
Yorrichtung, da eine jede Bewegang immer nur um höchstens drei 
Achsen erfolgt, bei jeder Lage des Reisewagens vollkommen in Ruhe 
bleiben. Das Frincip ist den Lampen entlehnt, die, man mag sie 
halten wie man will, doch das Oel nicht verschütten^. Hieraus geht 
wenigstens so viel hervor, dafs man Cardanus nicht als Erfinder der 
Vorrichtang ansehen kann, und sie nur deshalb nach ihm nennt, weil 
sie von ihm wohl zuerst erw&hnt wird. Trotz aller meiner Nachfor- 
sdmngen ist es mir nicht gelungen, etwas weiteres aber den Ursprung 
dieser so höchst sinnreichen Erfindung festzustellen. Welchen Kaiser 
aberiiaopt mag Cardanus meinen? Da er ohne weiteren Zusatz vom 
Stahle „des Ejiisers^ spricht, so liegt es wohl am n&chsten, an seinen 
Zeitgenossen, den Kaiser Karl V. zu denken, um so mehr als dieser 
ein so grofser Liebhaber mechanischer Kunstwerke und Oerftthe war. 
Aber ich finde nirgends erwähnt, dafs dieser im Besitze eines solchen 
Wagens gewesen ist. Oder sollte dem Cardan in der Erinnerung die 
Beschreibung des Reisewagens vorgeschwebt haben, der sich im Nach- 
lasse des Kaisers Commodus vorfand und so eingerichtet war, dafs 
die Sitze „durch verschlungene und bewegliche Ringbügel nach jeder 
beliebigen Richtung gedreht werden konnten, wie es Sonne und Wind 
forderten^ *). Dann hätte t/ardan sich die etwas undeutliche Beschreib 
bung auf seine Weise, aber wahrscheinlich durchaus richtig interpretirt, 
and die Erfindung würde schon dem Alterthnme angehören. Da nun 



>) De subtilitate. Lib. XYII. De artihut ariificioeisque rebtu, -wo er an den 
Anfuig des Baches als die Krone aller Erfindungen den Kompafs setzt. 

>) Ser^U. ffisior. Augustae: Pertinax, Cap. 8: VeMeula arte fabrieae nova, 
ferplexis diverntque roiarum arbibut et exqmsitis sedilibtu mmc ad soltm declinan- 
mmc ad apiritut opportuniiatem per veriigmem. 



48 Breufing: 

die Vorriehtaiig «uf dem Bchwankenden Boden des Schilfes so recht 
eigeDtlich ihre Anwendung findet, so wire immerhin die Yermathniigi 
sie rnhre arsprCUigiich yon einem Seemanne her, nicht gans nnberech- 
dgt. Aber dann wurde sie doch früher bei den SchijSslampen als bei 
dem Kompasse in Oebranch gewesen sein, und so bleibt för die Mög» 
lichkeit, Flavio Gioja könne ihr Erfinder sein, so gut wie gar keine 
Wahrscheinlichkeit übrig. 

Es wäre eine dankbare Aufgabe, einmal in unfassendem Sinne 
nachzuweisen, wie wahr das WortHumboldt's ist, dafs durch die £<iii- 
fuhmng des Kompasses eine neue Epoche in der Culturgeschichte be- 
grfindet wird. Hier kann dazu der Ort nicht sein. Aber ich mochte 
doch xnm Schlüsse noch, wenn auch nur mit wenigen Worten, eine 
wissenschaftliche Frage erörtern, die bisher, wie ich glaube, nicht gaos 
richtig aufgefafst ist. D' Avezac sagt in seinem : Geschichtlichen lieber- 
blick über die Projectionsarten bei den Landkarten ')• Dep%iis le cam^ 
mencement du XIVsiäcle les Ginois, le» Vänetiens, fes Pisasu, Us Ma§or^ 
quins de cette äpoque ei du siäcle suwant nous ont Ugue tout une sirie 
des caries nauUques dessinSes avec une pr^cision gue nous atons Hern 
d'admirer encare ai^ourd^hui. Solche Seekarten zu Stande zu briogen, 
die wir noch heute als Kunstwerke bewundern müssen '), dazu hat 
erst der Schiffskompafs das Mittel an die Hand gegeben. Ohne ihn 
w&re es dem Manne am Steuerruder rein unmöglich gewesen, das 
SchüF so fest auf seinem Kurse zu halten, dafs die Lozodrome, welche 
von ihm beschrieben wird, auch nur einigermafsen hätte auf Genauigkeit 
Anspruch machen können. Einzig und allein aber auf Grund der von 
den Seeleuten eingehaltenen Sebiffskurse oder Loxodromen sind jene. 
Karten entworfen. Man hat sie Kompafskarten genannt und behauptet, 
ihnen fehle jede Frojection. Der Name ist nicht bezeichnend und die 
Behauptung ist irrig. Auch Landkarten können fuglich Kompafskarten 
genannt werden, wenn sie auf blofsen Winkelaufnahmen mit dem Kom- 
pafs beruhen. Aber die Winkel, welche man durch Azimnthbeobacb- 
tungen entfernter Punkte auf dem Lande mit Hülfe des Kompassee 
mifst, sind nicht Winkel zwischen Loxodromen, sondern zwischen Bo^ 
gen gröfster Kreise; und was die Frojectioil betrifft, die man für eine 

*) Coup cCoeil historique tur la projection des cartes de geographie, p. 88 
(Paris 1868. 8"), einem Werke von staunenswerther Gelehrsamkeit.. Wenn es mir 
gestattet ist, dazn einen Beitrag, vielleicht eine kleine Berichtigung zu geben, to 
schwebt mir dabei lebhaft das Wort unseres Dichters vor Augen : Wenn die Könige 
ban'n, haben die Kftrmer zu thun. 

') Die kostbaren grofsen Sammelwerke älterer Karten von Jomard u. a. werden 
wohl nur Wenigen zugänglich sein. Aber wegen ihres billigen Preises leicht zu be- 
schaffen ist die vor Kurzem erschienene, schöne italienische Seekarte: Corte 
tiche del Medio Evo, Memoria di Giuseppe de Luca, Napoli 1866. 8**. 



Zar Gefduehte dir Oeogrmphie. 1. FL QioJ«. 49 

«f solehMi AotehiBen berobcmde Karte iHÜiIen will, so bleibt diese 
im frewB Wähl des -Zeichiiera ebenso vollständig fiberlassen, wie das 
dsr WM ist, wenn die Winkel mit dem Tbeodölitlien gemessen sind. 
€aBi anders Kegt die Soehe bei den Italienisehen Seekarten. 
kmmtm gemACi den eigentiiomliehen Winkelmessongen , welcbe il 
ZeidmoBg m Gknnde liegen, nnr naeb einer einzigen Projection ent- 
«orfien werden and xwar naeb derselben, nach der wir noch hente 
iBseie Seekuten seichnen« Das Wesen einer Projection besteht nicht 
in dem Aasneben von Meridianen nnd Parallelkrelsen; wfirden diese 
saeh aftmmtlieli aaf einer richtig gezeichneten Karte aasgelöscht, die 
Projection bliebe davon ganz anber&hrt. Das Netz jener Linien bietet 
iB seinen Maschen ans eben nor das bequemste Hulfsmittel zar Ent- 
werfiiog des Bildes, ist aber keineswegs nnamgänglich nöthig, and 
wenn es jenen Seekarten fehlt, so ist das kein Beweis, dais ihnen Jede 
Fjro|ecCi(»i abgeht, sondern dafs sie nicht aaf dem ans gewöhnlichen 
Wege* mit Hülfe von Breiten- and Längenbestimmungen entstanden ' 
Bind. Jede Karte, die nach einem mathematischen Gesetze gezeichnet 
ist, hat eine Projection. Nun sind, wie eben erw&hnt, die italienischen 
Seekarten zam Unterschiede von allen and jeden anderen Karten in 
der Weise entworfen, dafs die Orte auf ihnen mit Hülfe der sie ver- 
bindenden Schiffsknrse oder Lozodromen festgelegt sind. Wünscht 
man also zanftchst einen bezeichnenden Aasdrack, so kann man gar 
keinen besseren wählen, als „loxodromische Karten ^)^. Es wird da- 
darch zugleich ganz genaa die Projectionsart angegeben, die ihrer 
Zdchnnng za Orande liegt Ist nämlich von sämmtlichen Orten die 
gegenseitige loxodromische Lage bekannt, so brancht man nar von 
zwei beliebigen Punkten auszagehen, diese unter einem beliebigen Ab- 
stände von einander in ihre loxodromische Richtung zu legen und von 
ihnen ans die bezüglichen Loxodromen zu jedem dritten Punkte so 
ziehen, and man erh&lt in aller Strenge ein conformes Bild der Erd- 
oberflfiche in Mercators Projection. Man kann in der That von den 
Zeichnern dieser Seekarten behaupten, dafs sie dieselben nach Mer- 
cators Projection entworfen haben, ohne es selbst zo wissen. Ja man 
könnte so weit gehen und ihnen ein gewisses YerstfindniCs des Pro- 
jectionsprincipes zu schreiben. Obgleich bei der geringen Breiten- 
ansdehnang des mittelländischen Meeres eine Karte desselben in Ma- 
' riniaeher Projection mit gleichen Breitengraden nur wenig von der 
Mercator'schen abweichen kann (so dafs D'Avezac geneigt ist, die 



^) Dafii der Nane «Losodrome* einen riel Jflngeren ürepnmg hat, als die 
Karten — er rflhrt bekumtlich yon Sterin her — kann keinen Einwand gegen die 
Beadfhmmg hegrtmdeB. 

Zeftaehr. d. GeselUdi. t Brdk. Bd. VI. ^ 



50 Br«»iiiiK} 

lozodromitchen Karten fBr pUtfv la haltea), so hAbea die ZeklHMr 
dieselben doch nicht mit einer Breitenscale aosgesUttet Sollte nuui 
nicht Termuthen, dafe sie das mit Absicht gethaDy weil sie die Breiten 
cwar gans richtig als rerfinderlich erkannt, aber das Gesets di e eo r 
Yerfinderaog nicht aofgefiinden hatten* Die alten, echten Seekartan 
kannten ein Oradnets so wenig, dafs die Portoglesen, wie Barroa er- 
zählt, bei ihrer Ankunft im Indischen Ocean nicht wenig erstamt 
waren, bei den Arabischen Seeleuten Karten mit Meridianen mid 
Breitenparallelen su finden. Es war ein grober Mifsgriff, als spfiter 
die eigentlichen platten Karten sogleich als lozodromische benntct wmr> 
den. Freilich darf nicht verschwiegen werden^ dafs aoch die letzteren, 
Bo tadellos ihre Projectionsart sonst war, doch an einem bösen Fehler 
krankten. Die Loxodromen waren nicht für Mifsweisang berichtigt 
und deshalb mufste das Bild verzerrt werden. Aber immer bleibt den 
italienischen Seekarten der Ruhm, wie ich das an einem anderen Orte 
urkundlich nachweisen werde, dafs der grofse deutsche Geograph Ger^ 
bard Kremer, genannt Mercator ' ), durch das Studium dieser loxodro- 



^) „Kremer* und nicht „Kaofhiasn* ist der dentscbe Kam« Hercaior*fu ich 
verdanke diese Mitthcilnng dem Herrn Prof. K5hnen in Duisborg, der mir tefareibt, 
dafs Arnold f der Sohn Gerhardts, in einer and derselben Urkunde einmal Mercator 
und einmal Kremer genannt wird. Den Namen «Kaufmann* trug der lateinische 
Namensvetter Gerhardts, der bekannte Mathematiker Nicolaus Mercator aus HolBtain, 
und von diesem wird er auf Gerhard Übertragen sein. — Unbegreiflich ist ea, wie 
man M«ircator hat zu einem Ylaming stempeln kSnnen. Der zufällige Geburtsort 
kann doch keine Nationali tut begründen. Wäre das der Fall, so mfifaten die Nie- 
derlande Rubens nnd Yondeli ihren grofsten Maler nnd ihren grdfsten Dichter an 
nns abtreten, denn beider Wiegen haben zu Coln am Rhein gestanden. Aber 
wie der grofse Geschichtsschreiber Roms, wie Niebuhri trotzdem er in Kopenhagen 
geboren ist, kein Däne genannt werden kann, weil seine Eltern Deutsche waren nnd 
er selbst auch wieder in Deutschland die Stätte seines Wirkens geAitden bat, so 
ist Mercator noch viel weniger ein Ylaming. Seine Eltern, Hubert und Emerentia 
mit Namen, stammten aus Gangelt im Herzogthume Jülich und waren dort auch 
ansäfsig; aber Gisbert, der Bruder Hubert's, hatte eine Anstellung als Pastor an 
Rupelmnnde in Flandern gefunden, und während eines Besuches, den Hubert nnd 
Emerentia dort machten, wurde ihnen Gerhard geboren. Er ist aber bald nach der 
Geburt mit den Eltern in die Heimath zurückgekehrt und hat seine ganze Jugend 
bis zum 16. Lebensjahre im Vaterhause verlebt. Hätte ihn sein Geburtsland an 
fesseln vermocht, hätte er nicht in Deutschland, wo er erzeugt nnd erzogen ist, 
seinen eigentlichen Wirkungskreis gefunden und alle seine bahnbrechenden Werke 
veröffentlicht, dann dürfte Flandern einen Grund haben, ihn den seinigen zu nennen. 
So aber ist er von Rechtswegen ein Deutscher. In seiner Lebensbeschreibung, die 
unmittelbar nach seinem Tode vo^^ seinem Freunde Walter Ghjmm verfafst wurde 
und allen Ausgaben des „Atlas* vorgedruckt ist, heifst es: „Gerharcku Mercator 
m lucem editut est a parentibua Julia cetuibut , videlicet ffuberto Mercatore et Eme- 
rentiana ejusdem uxorey Rupelmundae in ßnibut comitatus Flandriae apud illius patruum 
Gisbertum Mercatorenit ejutdem oppidi pastorem vigilantissimum commorantibus. Cum- 
que pueritiam egreasut esaet, primaque rudimenta latinae linguae m patria utcumque 
didieissetf missus fuit a praedicto suo patruo Buacoducum, Hiernach könnte es, ob- 
wohl der Ausdruck commcrari sich eigentlich nicht auf einen längeren Aofestbalt 



Zur Gtfchiehte der Geographie 1. FL Gioja. 51 

miaeheii Karten lor Anffiodang dea eigentlichen Principe ihrer Con- 
ftmction, aowie lur Rectificadon der Loxodrome, einer der echSneten 
mathematUchen Entdeckungen des 16. Jahrhunderte, gelangte. 



Vstehen kann und trotsdem, dafs hier die niederlftndische Stadt HerBogenbusch im 
G^pensatxe ra pairia gebraucht wird, Tielleicht sweifelhaft erscheinaii, ob nicht die 
Eltern doch in Rapelmimde geblieben nnd sich daselbst dauernd niedergelaaien 
lAtten. Aber der Zweifel wird durch Mercator selbst gehoben. In der Widmung 
seiner Tabulae Oalliae 4 Gemumiae (Dnisborgi 1685) nennt er die Herzoge von 
J^ch : Dommi mei naturales, ut mb quarum tutela in terra Juliaeenti ^ parentihtu 
JmH a eemn bue conciptet primiaque anni» edmcatua, licet in Flandria natm aum. Die 
pairia also, von der Ghymm spricht, ist das Herzogthum Jtllich; hier ist Mercator 
»fleugt und erzogen; nnd, was die Hauptsache ist, er selbst wehrt es von sich ab, 
Ir einen Tlaming gehalten zu werden. Ja, noch nach seinem Tode traf die Fa- 
^iSie in dieser Besiehung Vorsorge. Es war damals Sitte, neben dem Namen den 
Gcbvrtaort zu nennen, wobei es denn nicht selten geschah, dafs, wie bei Nicohme 
Cuamu, Johannes Regiomontanus u. a. , der eigentliche Name durch den Beinamen* 
Terdrtngt wurde. Bei Mercator nun lag die Gefahr nahe, dafs die Nachwelt ihn 
Hegen des Zusatzes Rtq>elmundanns Air einen Vlaming halten werde. Sollte dieses 
Tcnsleden werden, so war eine besondere Hinweisung auf seine deutsche Abstam- 
Bong nöthig und so Buden wir denn auch, dafs auf dem Denksteine, den ihm seine 
hiBterbliebenen Kinder und Freunde setzten, die Grabschrift mit den Worten be- 
ginnt: 

Gerardo Mereatori 

Flandro Rupelmundano 

Jvliacensvwh pravineiä otiundo. 

Trotz alle dem schreibt ein Geograph dem andern nach, Mercator sei ein Via- 
■iag geweaen. Nur d'Avezac macht auch hier — wie sich das von ihm erwarteo 
IkCa — eine Ausnahme ; er nennt (Cot^ iToeil etc, p. 59* Note) den grofsen Mann: 
Lt geograpke allemand. Im üebrigen kann es uns Deutsche nur fireuen, wenn 
die Ylamlngen die Ehre, dafs Mercator in Ropelmunde das Licht der Welt erblickt 
hat, ebenso zu schätzen wissen, wie wir stola darauf sind, dafs Bubens in CSka. 
licht nnr geboren, sondern auch erzogen ist. Wie wir diesem an seinem Geburts- 
fainse einen Denkstein gesetzt haben, so wollen sie Mercator an seinem Geburtsorte 
eiae Statue errichten. — Ein anderes Denkmal, eine eingehende Würdigung der 
Leistungen dieses Beformators der Geographie, wttre Ittngst nothig gewesen. Ich 
habe versucht, diese Lflcke in der Geschichte der wissenschafllichen Geographie ans- 
zofüllen, und hoffe in der nttchsten Zeit meine Arbeit abschliefsen und veröffent- 
lichen zu können. 

(Schlufs folgt.) 



4 



52 



Die Donanmündungen und die an der Sülina vor- 
genommenen lU^gulirungsarbeiten. 

Von W. Koaer, mit emem Nachwort too H. Kiepert 

(Hienm eine ICftrte, Tef. I.) 



Zwei Unternehmen haben während der leisten beiden Decennien 
voisni^weUe die AofmerkBamkeit der handelstreibenden Welt aaf sieb 
gelenkt: anf der Orennchelde von Afrika nnd Asien der Dnrdiati^ 
der Landenge von Suez, in Europa die Regulirung der Donanmün- 
dungen. Beide Unternehmungen sind innerhalb der Gebiete der Be- 
kenner des Islams ron christlichen M&chten, ohne eigentliche Mitwir- 
kung der dabei sunichst betheiligten muhammedanischen Reiche, in*8 
Leben gerufen worden, beide sind gegenwärtig bis zu einem gewissen 
Abschlufs gediehen, und bei beiden bleibt es der Zukunft überlassen, 
über ihre Practicabilitfit ein Drtheil zu f&Uen. 

Wir wollen uns hier mit dem uns zunächst liegenden Unternehmen, 
den Regulimngsarbeiten an den Donanmündungen, beschäftigen, welche 
vorläufig wenigstens beendet, und deren Resultate von der die Ar- 
beiten leitenden internationalen Commissiou in einer Denkschrift j^MS^ 
maire ttir l6$ frsesuff tPamälioration ex^cut^s aux embouckures du D«- 
nube par la Commission europeenne insHtuSe en veriu de rarticie 16 
du traiU de Paris du 30 mors 1856. Oalats 1867^ zusammengestellt 
sind. Derselben, sowie einigen anderen, weiter unten näher sa be- 
zeichnenden Quellen haben wir das Material fSr unsere Mittheilungen 
entnommen, welche als Begleitwort zu der von H. Kiepert entwor- 
fenen Karte der unteren Douaugegenden dienen soll. 

Dafs im Donau -Delta während des Laufes von zwei Jahrtausen- 
den sehr wesentliche Veränderungen stattgefunden haben, ja dais die- 
selben aus einer verhältnifsmäfsig sehr jungen Periode datiren mogen^ 
dafür sprechen die, freilich sehr dürftigen Nachrichten, welche uns das 
Alterthum und die letzten Jahrhunderte hinterlassen haben. Als funf- 
mündig bezeichnen Herodot, Ephorus und Arrian die Donau, während 
Mela, Plinius und Ptolemaeus derselben sechs, Ammianus derselben 
sieben Mündungen beilegen. Diese Verschiedenheit in den Angaben 
bezeugt aber hinlänglich, dafs bereits im Alterthume während eines Zeit- 
raumes von sieben Jahrhunderten neue Mundungsarme entstanden sein 
können, sowie dafs die Kustenlinie eine wesentlich andere Gestalt 



r 



Di« DooanmflQdongwi vad die Be^^nliniiifMrbeileii aa d«r Stflina. 53. 

ucQD^mmeQ haben nag. Deshalb dfirfte aqch ein yei^oeh, die toh 
dm alten Aatoüeo überlieferten Nainen. der Donaamfiodangen den 
beatigen ansupaseen, aof Schwierigkeiten stofeen and eigentlich resnl- 
tadop bleiben. Strabo (VQ, 15) sag^ daft die bedeotendate Mfindqn^. 
HieroD. Stoma (Peuke) genannt wer4e and die erste sei, welche der 
Too linka in den Poqlas Schiffende erblicke. Diese Worte i^arden 
gegenwSrtig awar auf ißu St Georgs -Arm passen; nimmt man aber 
an» dafa die heutige Lagone Razim, die Halmjris Bai der Alten, iai; 
Allertham ein offener Meerbasen gewesen sei, in welchen hent sn Tage 
der ÖBnavets, ein Seitenabflufs des St. Georgs- Arm, mfindet, so. dürfte 
■dt dem Namen Hierön Stoma damals wohl eine südlichere Mündnng 
als der St. Georgß-Arm bezeichnet worden sein« 

Herr Engelhardt, französischer Commissar bei der internationalen, 
Comoiisaion, widmet der Lösung dieser antiquarischen Fragen die Ein- 
kitong an seiner nur in wenigen Exemplaren gedruckten Schrift ^^iudet 
nr les embauckures^ du Danube, Galatz 1863 ^ welche uns leider nicht 
ng&nglich war. In dem ersten Abschnitte dieses Buches, welcher in 
den ^NauveUes Annal d. Voy^ (1863. III. p. 129) abgedruckt ist, sagt 
der Verfasser, dafs im Alterthum die Spitze des Donaudelta bis Isakt- 
eeha, dem Noviodunum der Alten, hinaufgereicht und dafs sich von 
dort aus der südlichste Donauarm abgezweigt habe, welcher sich, ebenso 
wie der Donavetz, in den damals noch offenen Meerbusen Halmyris 
(Lagane Razim) crgofs; dieser Arm, der heute nicht mehr ezistirt, 
dessen sandiges Bett sich aber noch in der Nfthe von Babadagh ver-. 
Mgen ]&fst, sei die von den Alten erw&hnte Heilige Mündung ge- 
wesen. Dafs die Lagane Razim noch im 15. Jahrhundert nach der 
Seeeeite hin offen gewesen, dafür sprächen die an der Westseite der 
Ligqiie bei Jenissala liegenden Ruinen einer genuesischen Befestigung,, 
£e doch ohne Zweifel zum Schutz des Seehandels unmittelbar an der 
Veereaküste angelegt worden sei. Diesen wohl ziemlich unhaltbaren 
Primissen zu Folge würden nach Herrn Engelhardt die antiken Benen^- 
langen der anderen Mündungen sich freilich verschieben, doch weicht 
derselbe anfserdem noch in der Nameifstaufe von der beim Ammianus, 
von Süden nach Norden aufgeführten Reihenfolge der Mündungen ab, 
[ indem er, wir wissen nicht weshalb, den St Georgs» Arm als Narakion 
Stoma, die Snlina als B6reion Stoma und die Kilia als Tbiogala Stoma 
beaeicbnet. Freilich divergirt die von Ptolemaeus überlieferte Reihen- 
folge der Donaumündungen sehr bedeutend von der des Ammianus, 
to dafs es den Anschein hat, dafs im Alterthum in den Benennungen 
da* Mündangen keine Uebereinstimmang geherrscht habe. Pa alle 
▼ersaebe aber, hierin eine Uebereinstimmong herbeitalohreB, in daa 
Reich der Hypothesen fallen würden, so mag es hier genügen, die 



54 ^- Koner; 

Namen der MünduDgen, welche, als nördlich von dem HienSn Stoma 
gelegen, angeführt werden, aafzut&hlen. -Dieselhen heifsen heim Ptole- 
maeus: Thiogala oder Psilon, Boreion, Narakion, Pseodostomon und 
BjJonstoma; beim Ammianus: Narakion (wir fibergehen hier die Lies- 
arten Inarakion, Naraka etc.), Kalonstoma, Pseadostomon , Boreon, 
Stenostoma, endlich eine namenlose, in einen Sumpf sich verlierende 
Mündung. Diese Namen fignriren in der Reihenfolge, wie sie beim 
Plinius und Ammianus erscheinen noch auf den Karten des 17. and 
18. Jahrhunderts. Merkwürdig aber ist die Notiz in dem historisch- 
politischen Atlas von Bruze La Martini^re aus dem Jahre 1745 (T. IV. 
S. 499), in welchem nur von zwei Donaumündungen gesprochen wird : 
einer südlichen von Tschernawoda aus durch den Karasu-See nach 
Enstendsche sich hinziehenden (also parallel mit dem alten Trajans- 
wall) und einer nordlichen, der Kilia, von welcher letzteren gesagt wird, 
daÜB dieselbe, nachdem ihre vielfach sich abzweigenden Canfile sich 
bei Kell (Kilia) wieder vereinigt h£ttcn, der Insel Ranada (Iljn Adasi, 
Schlangeninsel) gegenüber in das Meer sich ergie&e. Es scheint, wenn 
diese Notiz, die wir übrigens auf vielen Karten aus jener Zeit wieder- 
finden, überhaupt eioen Werth hat, daraus hervorzugehen, daPs noch 
vor wenigen Jahrhunderten das Kiliadelta in seiner gegenwärtigen Ge- 
stalt vielleicht noch nicht existirt habe; dafür spricht auch eine in 
der Münchener Bibliothek befindliche, von Thomas herausgegebene 
italienische Manuscriptkarte aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts. 
Bei diesem Mangel an sicheren 'Aufzeichnungen, bleibt mithin die in- 
teressante Frage über die frühere Gestaltung des Donaudeltas ungelöst. 
Werfen wir einen Blick auf die heutige Karte der Donanmün- 
dnngen, so liegt die Spitze des Deltas 24 Kilometer unterhalb von 
Isaktscha, wo beim Tschatal Ismail (Gabelung von Ismail) die Kilia 
nordw&rts abbiegt, während in südostlicher Richtung der Arm von 
Tultscha, anfangs noch ungetheilt, dann in zwei Arme getheilt zum 
Meere abfliefst. Sehr wahrscheinlich gab, wie K. F. Peters in seiner 
Abhandlung über die Dobruds^ha sagt *), ein Ueberrest von alter 
Lehmablagerung mit einer felsigen, dem ,)Stein*^ von Tultscha ana- 
logen Grundmasse schon in sehr frühen Zeiten die Veranlassung zu 
dieser Bifurcation. Ist auch der Lehm allerdings längst fortgeschwemmt, 
so halten doch in der Tiefe die gabelförmig aus einander weichenden 
Rinnen die ihnen zufallenden Stromantheile unabänderlich fest. Da 



') Karl F. Peters, Grundlinien zur Geographie und Geologie der Dobrndscha, 
in den Denkschr. der Wiener Akad. der Wies. Mathem.-natarwiss. Cl. Bd. XXYTT. 
1S67. iCaa ▼•rgl. aach: Den., Beiaebriefe eiaes dantschen Naturforschers aoa der 
Dobradscha, abgedruckt in der Oesterreichiaohen Revue. 186( (Torsocpiweise 1SS5. 
Bd. VI. S. 2 IS ff. VII. S. 206 ff.). 



Di« Donanmnndiiiigon and die Regulirangsarbeiteii an der Sülina. 55 ~ 



die KiUft 17/97 der Wassermenge der Donau &em Meere 
werden, wihrend der Arm von Toltscha nar 10/97 aaJhimmt, 
dsEidbe aber aoterdem wenigstens bis zur Stadt Ismail einen gleich- 
aüing tiefen Rnmsal hat, so ddrfte die Annahme, dafs sie den eigent- 
fidien DoDsnlauf bilde, nicht ungerechtfertigt erscheinen. Vom Tscha- 
tal kmail fliefst der Rilia-Arm in drei grofsen Erilmmnngeu nord- 
w§g»B bis ismail, nimmt hier einen kleinen Abflafs des südlichen Jalpuch- 
8ees(Kagur-Sees) auf, ändert anfangs seine Richtung nach SO., dann wie- 
der mit einem s<^iarfen Winkel, von dessen Spitze ans er einen Yerbin- 
daogs-Ciuial, die Tsdionda, zur Sniina entsendet, nach N., wo er sich 
uterhaib des Klosters St. Nicolans in ein Geflecht von Armen auf- 
löst, das sich bei Alt (Staroi) Kilia, 2|^ Kilometer unterhalb der Stadt 
KiHa, wieder zu einem Hauptstrom vereinigt Sieben Kilometer unter- 
halb dieser Stadt erscheint eine zweite Theilung des Strombettes in 
dr» grofse, unter sich aber durch Seiten -Canäle verbundene, Arme, 
«siehe flidi in einer Entfernung von 25 Kilometer bei den Weilern 
Bazardachyk und Periprav wieder vereinigen. F6nf Kilometer unter- 
halb dieser Stelle findet endlich bei dem jetzt zur Stadt erwachsenen 
Fiecheidorf YOkov (1859 mit 1600 Einw.) die letzte Verästelung des 
Stromes statt; hier beginnt das dem uralten Donaudelta gegenüber als 
seeondäres zu bezeichnende Kiliadelta, welches von N. nach 8. durch 
folgende Arme gebildet wird : Belgorod, Otschakof mit der Seitenmün- 
dang Rakof, Ankndinof, Otnoshino und Peschtschanoje Oirlo (d. i. san- 
dige Mündung), Arm von Stambul mit der neuen und alten Stambul- 
MSndong, und zwischen beiden die Kuban -Mundung. Wie es in dem 
Commlssionsbericht helfet, bietet die Kilia auf ihrem 100 Kilometer 
langen Laufe der Schififahrt keine Hindemisse, und wäre ihrer Tiefe, 
Waesermenge, Breite und geraden Richtung wegen als Wasserstrafte 
dem St. OeorgS'Canal und der Sniina vorzuziehen. Genaue Messun- 
gen der durch die Kilia -Mündungen abfliefsenden Wassermenge im 
Yerfafiltnifs zu der des vereinigten Strombettes bei Vilkov ergeben: 
for den SUmbnl-Arm 22/40, far den Otschakof- Arm 11/40, für das 
Peaditochanoje-Girlo 6/40, für den Ankudinof- und Belgorod- Arm 1/40. 
Trotz seiner grSfsten Wassermenge würde sich aber der Arm von 
Stambul aus dem Grunde nicht als Einfahrt eignen, weil einmal sein 
Lauf ein zu sudlicher ist und dem Meeresnfer zu nahe liegt; dann 
aber, weil die vor seiner Mündung gelagerte Burre nnr etwa 4 FnCi 
Waaaer hat, enorme Summen mithin erforderlich wären, wollte man 
seiner Mfindnng eine andere Richtung geben. Günstigere Resultate 
Ingegen wurde vielleicht die Regolirung des Ots^akof- Armes bieten, 
welcher an seiner Mündung eine Tiefe von 6 Fu£fi hat; doch lassetti 
sieb bei der Veränderung der Küste, welche beispielsweise innerhaU»* 



5^ W. K««Mt 

30 Jahr« wit iva enten nmütdma AvfbalnMni an ^mt 
dietM AisM» ttattgiifandea haben» die Kotlen «iser a a leh c a 
limag nicht einmal aonftheruogaweiae berechnen» anaal da 4aa 
erwiesenennaben aordwirl» Tom St Georgs -Arm an Tiefe bede nte^d 
abmnvt Die Anh&afang der AUavialmaaaen wfirde hier^adthin eine 
weit bedentendere «ein and die D&mme mfifeten hier riel weiter 
in*8 Meer hinana angelegt worden, ala bei den afidüeheren Donaa* 
Annen* 

Wenden wir ans nun cn dem Arm Ton Tulttcha, so bietet der 
anterhalb dieser Stadt gelegene «Stein^ von Toltseba, eine weit io 
den Strom hineinspringende Felsklippe» welche den normalen Laaf 
desselben in eine andere Richtung lenkt, der Schiffiahrt die ersteo 
Hindemisse. Siebsehn Kilometer vom Tschatal-Ismall findet die Bifiuv 
cation des Toltscha- Armes statt (Tschatal-St Geoi^), wo die SdUiia. 
in östlicher, der St Georgs -Arm in südöstlicher Richtung sich ab- 
sweigen. Letsterer, welcher 8/27 der Wassermenge der Deoan cmd 
Meere f8hrt, fliefst anfangs vom Dorfe Prislav in ademlich gerader 
Bichtong bis an den Fnfs der von ihren auffallenden fön£ Spitcen 
Bosch -Tep^ genannten Hügelkette, von wo aus sein Scblangenlanf be- 
gjl&nt» welcher aber bei der Breite und Tiefe des Fln&bettes der Sehiff- 
üshrt nicht eben hinderlich ist. Sechsundviersig Kilometer unterhalb des 
Tschatal'St Cteorg sweigt sich auf seinem linken Ufer das Flnisehen 
DonavetK (d. L kleine Donau) ab, welches sich in violgekrfimmtem Lasf 
in die Lagune Racim ergiefst, dessen geringe Wassermenge aber auf die 
Verminderung der im St Georgs -Arm nur von geringem BinflnCs ist 
In einer Doppelmündung, Chidrillis und Glinka genannt, welche die 
obere und untere Insel Glinka umschlie&t, ergiefst sich der St George* 
Ann in's Meer. Durch die Chidrillis flielst eine etwa doppelt so grofee 
Wassermenge ab, als durch die Glinka (1861: 936 Kub^-Met), nad 
da letstere Mundnng dieselben physikalischen Yerhfiltnisse zeigt, wie 
die Stambnl-Mfindung der Kilia, so durfte eine Stromregnlirung sieh 
nur fSr die Chidrillis als anwendbar erweisen. In senaem gansen Laufe 
hat der St Geoigt-Arm eine durchschnittliche Breite von 1400 Fufe 
bei einer Tiefe von 15 Fnfs, wfihrend die durchschnittliche Br«te der 
Sulina nur 500 Fnls, ihre Tiefe bei niedrigem Wasserstande nur 8 bis 
^ Fnfs betrftgt, und wenn auch ersterer durch seinen geschlfingehen 
^lanf die Sulina an Lftnge bedeutend übertrifft, so liefsen sich doek 
4arch Durchstiche diese Krümmungen um ^ Bedeutendes abkOraea. 

Die Sulina endlieh, welche nur 2/27 der Wassermenge der Denan 
in- sich aufnimmt, wird gleich unterhalb des Tschatal-St Georg von 
ۀaer Sandbank durchschnitten, entsendet einen Zweig, die Girla Pa^ 
BfH^ia, nnd fliefst hierauf über eine Reihe von Untiefen« Argani genannt^ 



Die IHHUNmaiidviigeii ud dto BegalthnigMrbeaten aa der Sdliae. 57 

AoDisMi, som Theil lavfar^Mi GroiKle, welche der SiAiilillirt 
üt grofiilMi HiademiMe in den Weg legeo ' ). Von weÜhlti retdien- 

Soipfi iiedwm gen euigefalst, ergiefet sie eich nftdi eineni Laaf 

d3 Kilometer bei dem Orte Sifinii io'e Meer. Die eintigen Nieder- 
lirnngen an ihren Ufern bilden die elenden, von M okknnen oder eidnin* 
bfliyefthen Schnfblrten bewohnten Hotten der Weiler OörgoTS, sowie 
dm vier I3r die Strompolisei errichteten Hänser. Einen Ihnlichen 
Ghamkter wie an den Ufern der Snlina trägt aoch das ganse ans vier 
nnr^elmfiftig gestnlteten, einen Flftcbenranm von 3500 O Kilometer 
eiaaefamende Stromdelta «wischen der KiKa and dem St. Oeorgs- Arm. 
Ebhe Sehilfwaldangen, hier and da anterbrochen von Seen nnd Mo« 
riMen bedecken die Inseln, nnd nur an der Kilia finden sich einige 
Strecken angebanten Landes^, sowie swei Eichenwaldangen, die eine, 
der LfCti-Wald, südlich von Vilkov, die andere, Kara*Orm&n oder der 
schwarze Wald, «wischen der Sdlina und dem St. Georgs -Arm. Die 
Briiebtiog des Bodens beträgt an der Spitze des Deltas 3,66 Meter and 
srakkt sich bis sar Sälina -MQndang bis auf 46 Centimeter herab. 

Aehnlich wie bei den Deltas anderer grofsen Ströme hat aach 
die Kaste der DonanmSndangen eine halbmondförmige Gestalt ange- 
nommen, vor welcher durch Anhäofang von Sinkstoffen eine Barren» 
biidnng sich gelagert hat, deren Rficken während der Hochwasser im 
FrfifajiAr nnd Sommer beständig wächst, im Winter hingegen in Folge 
der durch die Aequinoctialstfirme bewirkten Anflockerung abnimmt 
Jene Sinkstoffe, welche der Litoralstrom von der bessarabischen Kflste 
heiabföhrt, vereinigen sich canächst mit denen der Kilia -Mfindungen, 
dann mit denen der SAlina, welche rechtwinklig in den Litoralstrom 
einmAndet, nnd hier maftte bei herrschendem Sfidostwinde, welcher 
der Köstenströmnng entgegenbläst, die Barrenbildung um so bedeu- 
tender werden. Ti^enmessangen, welche von der Commission in der 
«weiten Hälfte des December 1856 und während der Monate Janoar 
bin August 1857 angestellt wurden, ergaben jßr die Tiefe der Barre 
vor der MCmdang des St. Geoi^-Arm als Maximum 6 bis 7 Pufs 
(engl.), als Minimum 5 Fufs 9 Zoll bis 6 Puls 6 Zoll, vor der Man- 
dang der SiUina als Maximum 10 Fufs bis 12 Fufs 6 Zoll , als Mini- 
mum 9 Fofe bis 10 Fufs 6 Zoll. Nadiweislicb ist die Biidong der die 
Mfindnug desSt. Georgs* Arms verschliefsenden Barre erst eine neuere *), 
denn während nodi bis vor 70 Jahren dieser Arm aosschliefslich f9r 



■) K. F. Peten schildert Mine Fahrt auf der Siilina in höchst drastischer Weise. 
Vergl. Oestcrreichische Revue. 1866. Bd. VI. S. 221 ff. 

*} Ywf^. M. A. Becker, Zur Geschichte der Sdlina -Regalirang, in den Mit- 
theil. der Wiener geogr. GesellMh. ISSS. & 807 ff. 



56 V« Koaetf: 

die Scküfiriivt beanilit ward«« ygiraandete dk MnDdaag daaud» in Pol^> 
eiaeir aogewdkalicbeii HochwMflers, und seit dieser Zeit weadte Mch^ 
de die Barre vor der Saline- BiäDdoog sieh eis tiefer e r w i ee, der geuBe 
SeldfflUirtoveikehr dieaem Dooatt<-Ann an, . den die Türken dnieh 
wiederikoltes Aufaciiarren der Barre gangbar erhieltMi. Ala aber ia 
Folge dea Vertrages Ton Balta-Liman im Jahre 1849 die Donao- 
furslenthfimer anter ruaaischen Schute gestellt worden, lag es im In« 
teresse dieser Schotzmacbt, den Oetreidehandel von Braila nnd Qmlats 
abaulenken and nach Odessa sa dirigiren. Zwar hatte Ba(sland eich 
darch einen mit Oesterreich am 10. September 1840 aaf 20 Jahre ab* 
gescfaloaeenen Vertrag zur Oewfihrang der vollen Freiheit for die Scfaiff- 
fahrt, Abstellang alier Zoll- oder sonstigen Dorcbfahrtsabgaben, Oe- 
stattang.des Schiffsiehens an beiden Ufern, Errichtang eines Leooht- 
tharms an der Mündang and Herstelloog einer hinreichenden Faluv 
tiefe über die Barre verpflichtet; aber nur der Leachttharm wurde von 
den Rassen erbaut, w&brend die Ausbaggerung der Barre sieh «nf 
einen ersten veronglackten Versuch beschränkte. Bekannt sind die 
traurigen Verhfiltnisse, welche der Krimmkrieg, das von Rulsland im 
April 1853 erlassene Verbot der Getreideausfuhr aos den Donaofursten- 
thwaern, die Zerstörung des Etablissements an der Sülina- üandong 
durch die Englftnder und die bis xum Jahre 1855 dauernde Blocdcade 
der Dooau- Mündungen für die unteren Donaul&nder herbeiföhrten. 
Für Tausende von Freibeutern war das Donaudelta w&hrend dieser 
anarchischen Znstfinde cur Freistatte geworden, welche nngest&t die 
dort lagernden Oetreidevorr&the plünderten. Erst nachdem die öeter» 
reicbische Regierung diesem Räuberwesen kr&flig entgegentrat, and 
durch WiederbersteUung des regelmäfsigen Dienstes auf dem Leocht- 
therm an der Sulina- Mündung, durch Auflockerung der Barre, dorch 
Sprengung der die Passage am meisten hindernden Wracks, sowie 
dorch Attfetellung von Bojen zur Beseichnung der Durchfahrt die 
Hindernisse für die Sehifffahrt wenigstens tbeilweise beseitigt hatte, 
vermochte der Handel sich auf den altgewohnten Bahnen wieder an 
bewegen. Gleichaeitig wurden der österreichische Oberstlieutenant 
Ghilain mit der Untersacbung des St. Oeoi^-Arms mit Rücksicht 
auf dessen Verwendbarkeit für die Schififfabrt, sowie der Ober-Bauratb 
Wex mit Feststellung der physischen Schifilahrtshindemisse an den 
Donau- Mündungen und den Vorschlagen aar Beseitigung derselben 
beauftragt * ). Der ausgezeichnete Bericht des Herrn Wex, in welchem 
er die Regulirung der Sulina- Mündung nur als Nothbebelf bezeichnete,^ 
die Instandsetzung der Mündung des St. Georgs* Arms hingegen als 



1} Vergl. Becker a. o. O. S. SOS. 



Die Donjuimfindongen und die Reguliivngsarbeiten en der StUine. 59 

aflflin von dmoemdeBi Yortbell für die Sclnffiahrt hervorfaob, warde 
aUen twim Pariser Frieden betbefligten iiiebten flbergeben, und niamt 
unter den nuinnig^aehen von der earopäigcbeo DoDao-ConnDiiMioD g^^ 
flUiebteB VorsehUlgeii eine berrorrageode Stelle ein, wenngleich dieses 
TOD der Ssterreicbiscben Regierong wobl mit voUem Reebt begünstigte 
Praject sieb nicht der Majorität der Experten -Coninrission tu erfreoen 
bitte. 

Die Niedersetsang dieser Experten -Gommission war dorch den 
Artikel 15 des Pariser Friedens vom 30. Mine 1856 bestimmt worden, 
and der Zusammentritt der Delegirten der sieben bei dem Frieden b^ 
theiiigten Mächte fend am 4. November 1856 zu Oalatz statt. Da 
wissensebafUiche Aufnahmen des Donaadel tas bis dahin eigentlich noch 
nicht existirten, indem die rossischen Aufnahmen aas dem Jahre 1828 
bis 1835 tfaeils mangelhaft, tbeils wegen der inzwischen eingetretenen 
bjdrographiscben Yerfinderungen im Delta nnbraachbar geworden wa- 
ren, wurden von den Ingenieuren sunächst genaue Aufnahmen der 
Sulina- and St. Georgs- Mündungen und der gansen Küste bis cor 
Otscbakof- Mündung hinauf, sowie Tiefenmessungen veranstaltet, nnd 
gleichzeitig L&ngenprofile des ganzen Deltas entworfen. Wfihrend 
Gapt. Spratt in den Jahren 1856 und 57 die Aufnahmen an den Kilia- 
Mundungen leitete, beschfiftigten sich gleichzeitig die Ingenieure Sir 
Charles Hartley, Wex, v. Fasetti und Nobiling mit den hydrogra- 
phischen Untersuchungen Aber die Wassermenge in den drei Mündungs- 
armen, deren GefSIle, Geschwindigkeit, Flnthverhftltnisse, sowie mit 
meteorologischen Beobachtungen. Auch liefs die Commission in der 
Dobmdscha, in Bulgarien und in der Militärgrense Ermittelungen über 
die Bestände an Bauholz und die Preise desselben, sowie ober die 
Beschaffenheit der in der Nähe von Tultscha gelegenen Felsen an- 
stellen, liefs durch europäische Arbeiter Steinbruche eröffnen und Ver- 
suche zur Bereitung eines hydraulischen Cementes mit den an Ort nnd 
Stelle befindlichen Materialien vornehmen und zog von den Gonsulaten 
genaue Erkundigungen Ober die SchiffTahrts- nnd Handelsbewegungen 
an dor unteren Donau während der letzten 10 Jahre ein. Zum Ausgangs- 
punkt der Untersuchung desjenigen Armes, welcher sich am besten f&r 
die Regulirungsarbeiten eignen wOrde, wurde Tultscha gewählt, dort im 
grofsartigsten Mafsstabe ein technisches Etablissement unter Leitung des 
tfirkischen Oeneralstabs-Ofßciers v.Malinowski angelegt, und unabhängig 
von demselben ein ähnliches zu Sulina; aufserdem wijrden Sulina, TuH- 
sdba, Galatz nnd Ismail durch Telegraphenleitungen verbunden nnd zu- 
Tnltscha und Sulina Hospitäler für die im Dienste der Commission 
stehenden europäischen Arbeiter, we]<^ voranssichüleh viel von den 
endemischen Sumpffiebem za leiden haben wärdsn, eingerichtet. 



Kmch Beettdigasg dl«ter VomrbeitMi, ftber wekhe dtt Mir 185T 
Ungiiig, aehntt aao im FHII|4hr 1868 mt WsU 4«r rar Rugniirong 
w^ besdimnendett Möncloiig. Trc»U ihres, wie wir oben geaeigt haben« 
gi^yGMrea WaaaerveiehlfattiBs und ihrer gfiostigen BiebtaiBg, enlMhlofii 
maa aieh gleich aafiaDga» die Kilia-lffindaagen nicht weiter an berucfe- 
fliditigea. Lange Zeit konnte man sieh aber 3ber die Wahl eines der 
anderen Donau -Arme nicht einigen, bis eifdlich eine im April 1858 
eingesetste besondere teehnische Coramission sich am 26* Augast 1858 
fnr den St Georgs- Arm entschied. Dieselbe verwarf die durch Hartley, 
Nobiling, Wex und ▼. Pasetd ausgearbeiteten Projecte, durch fiindeichong 
der Mündungen mittekt Paralleldfimmen die Schnelligkeit und StXrice 
des Wasserstromes bei seinem Eintritt in die See su regoliren und 
demselben so die Bildung eines Bettes bis tu einer Tiefe von 18 hm 
20 Fufs SU überlassen, und schlug statt dessen die Anlage eines Tom 
St Georgs- Arm cum Meer sich absweigenden und durch Schlenaen 
m schliefsenden Ganais vor. Dieser Vorschlag wurde swar von der 
eoropüschen Commission im December 1868 einstimmig angenommen« 
doch bald darauf durch einen Bericht Hartley's wieder schwankend 
gemacht, da die Kosten eines solchen Canals auf circa 17 1 Millionen 
Francs veranschlagt wurden. Zudem drohte der von einer englischen 
Gesellschaft von Tschemawoda nach Eöstendje unternommene Baii 
einer Eisenbahn den Begulirungsarbeiten am St Georgs -Canal grofsen 
Abbruch su thnn, und so beschlofs man die Einstellung der Vor» 
arbeiten am St Georgs -Canal bis zur Eröffnung der Eisenbahn, um 
den Einflufs derselben auf den Handel absuwarten, während die pr(^ 
visorischen Arbeiten sur Regulirung der Sulina- Mündung, welche ein 
günstiges Resultat versprachen, weiter fortgehen sollten. 

Bedeutend waren allerdings die Hindernisse, welche sich hier dar- 
boten. Nachdem man Hartley's Plan der Eind&mmung der Mündung 
adoptirt und die Summe von 80,000 Docaten fiir die Arbeiten bestimmt 
hatte, — eine Summe, welche nothigenfalls bis auf 166,000 Ducaten vei^ 
mehrt werden sollte — begannen die Arbeiten am 21. April 1868 und 
worden bis aum Jahre 1861, nur mit Unterbrechung des Winters, fort- 
geffihrt Am 31. Juli 1861 waren die Deiche beendet, ein nördlicher 
4631 engl. Fufe langer Damm (291 Fufs Ifinger, als derselbe Ursprünge 
lieh projectirt war), mit einem Leuchtthurme an ««einer Spitae, und 
ein sfidlicher 3000 Fufs langer Damm (100 FuCs Ifinger, als nach dem 
ersten Anschlage). 12,000 Pffthle und 68,000 Kubikmeter Fekblöcke vom 
„Stein ^ von Tultscha waren verwandt worden; die Tannenbölser hatten 
die Waldapgen bei Galatc, die Eichenhölzer die Wfilder der Dobrudsoha 
geliefert. Die Kosten der Dfionue beliefen sich auf 178,000 Ducaten. 
Die Tiefe des Canals, welche an Anfang der Arbeiten 9 Fub engl. 



Di« DoDsimiiliidiuigen nnd die Rigiifimii^Nurbeilea ma der SdUna. 0| 

betrag» im Noim^mt lAS» 10 Fnfii, verueliite adi im Afml IMX) Us 
auf 14 Fois, weldM ¥eitDdeniiig Totiagfeweise dem ndrdliehen Damm 
lu w w d ir dbta war; aaeh dea anberordentlieiiea Floüieii im Aagast 
1860 eaak nrar die Tiefe darch die enormen Maasen der angesehwemnn 
len Sinkeloffe wieder aof 9 Fafr; aber mit der Volleadong des OaaalB 
erhöhte sie sich wieder aaf 14 FnHi nnd enreiohte im Deoember 
1M2 17 PqTiI, im Fi^ljahr 1868 ISFofs. — Man besehHKnkte sidi 
aber nicht aliein aaf die angef&hrten Arbeiten an der MAndang der Si- 
liiia, sondern unternahm es anch an versdiiedenen Stellen des FlaCi- 
ianfes, wo Untiefen die BchüBUnrt gefiKhrdeten, darch Ansbaggening 
nnd Aaffohrang von UferdCmmen das Strombett an regaliren. Der- 
artige Arbeiten erforderten namentlich jene mit dem Namen der grofsen 
nnd kleinen Argaois bezeichneten Untiefen, sowie die unter den Namen 
Batmyschkavak bekannte Section der Sülina. 

Welche günstigen Erfolge nun der Schifffahrt aus diesen pro- 
visonschen Begulirungsarbeiten seit ihrer Beendigung erwachsen sind, 
lehren die Consnlarberichte fiber die Handels- nnd Schifffahrtsbewe- 
gnngen an der unteren Donau während der letsten 10 Jahre, und es 
durfte vielleicht von Interesse sein, sur Yergleichung des Jetzt mit 
dem Ehemals einige Stellen ans einem Bericht des früheren öster- 
reichischen Generalconsols zu Constantinopel, Dr. F. C. Beke, weleher 
im November 1856 die Sülina passirte, hier abzudrucken *). Es beifst 
iki demselben : Als ich am 22. November in Sülina eintraf, war durch 
34 Tage fortwahrend schlechtes Wetter gewesen, so dafe kein ein- 
siges Schiff auslaufen konnte. Aber es lagen mehr als 700 Seeschiffe 
and 300 Lichterschiffe im engen Sülina -Ganal zusammengedrängt, ein 
Mastenwald, durch welchen sich unser Dampfer w&hrend zwei voller 
Stunden durchwinden mufste, ehe er die Ostspitze von Sülina erreichte. 
Es fugte sich nun, dafs am Tage unserer Ankunft ruhige See, ein 
Bogaso mit sanfter Landbrise eintrat, so dads wir eines der interes- 
santesten Seestttcke vor uns hatten. So viele Schiffe, die während 
des langen unfreiwilligen Harrens ihre Ladungen an die Lichter ab- 
gegeben, wollten nun alle auf einmal hinaus Kaum hatte ein 

Schiff einige Faden vorwärts gemacht, so stiefs es an ein anderes, 
die nachfolgenden bildeten einen Knäuel, der sich unter Toben und 
Schreien der Leute mfihsam auflöste, um sieh einige Klafter weiter 

neu zu formiren Das ganze Bild war seewärts eingerahmt 

durch den lichten Meeresstreifen, den die verhängniüivolle Barre bildet, 
über welche 17 Schifiswracke als warnende Wahneichen emporragten. 
Auf diese Weise sind am 22. und 23. November nach der Schätzung 

■) Ytrgl. HittheU. dir Wieavr g«ogr. Q«tell»eb. '1S6B. 8. 81S. 



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W. Kott«r: 



4m HftfeneapitXas bei 80 8«Uffe aber die Bure flekngt Am 84 N«- 
▼eniber OMusble ein friaeber Noidoet den Bogaeo em B»de^ die Nacht 
dtfMif ▼erstAikte aicb der Wind sam Sterme nad von jenen 80 Sebiffon 
•gingen an der infaeren Bbede 28 unier, von Personen aollen nar 70 
4aa Leben gereilet baben. — Naebstehonde Zosammenstellnng, wekfae 
wir dem Commiseionabeiiebt aoetagsweiae entnommen and ans dem 
ConBalarberidit im Preofs. Handelsarehiv (1868. No. 44) vervollatlii- 
digt baben, aoU die Scbiilffifthrtebewegang auf der Snlina, sowie die 
Abnabme der Scbiffbräcfae seit der Regalimng yergegenwlrti^eii. 
Leider feblen in dieser Liste die Angaben fiber die Yerloste an Pabc* 
sengen wibrend der Jabre 1847 — 54 und 1866 und 67. 





Befrachtet 


V^ M 


Zahl 




Befrachtet 


W M 


Zahl 


Jahr. 


aasgelaa- 
fene Segel- 


Dampf- 

packet- 


der 


Jahr. 

1 


ausgelaa- 
fcne Segel- 


Dampf- 

packet- 


der 
Sehiir- 




Sdiiffe. 


UOUliV« 


brttche. 




Schiffe. 


wws» 


brllche. 


1847 


2037 


S6 




1858 


2358 


150 


10 


1848 


1296 


85 


mm^ 


1859 


2542 


162 


22 


1849 


1641 


35 


— 


1860 


3288 


203 


16 


1850 


1449 


40 


— 


1861 


2902 


183 


12 


1851 


2102 


52 


.^ 


1862 


2842 


173 


14 


1852 


2422 


54 





1863 


2891 


208 


6 


1853 


2450 


40 





1864 


3330 


118 


4 


1854 


680 


— — 





1865 


2558 


118 


7 


1855 


2919 


9 


36 


1866 


2321 


110 


— 


1856 


2110 


101 


26 


1867 


1868 


92 


— 


1857 


1797 


141 


18 











Aas dieser Zosammeostellang ersieht man, dafs während der 
Jabre 1855 — 60 128 Segel -Schiffe» seit der Beendigung der Regu- 
lirangsarbeiten an der Barre während der Jahre 1861 — 65 nur 43 Segel- 
Schiffe gescheitert sind. 

Wie bereits bemerkt, hatte sich der österreichische Ingenieor, 
Herr Wez» gegen die Regalirung der Sälioa ausgesprochen, indem es 
anmöglich sei, einen dem gesteigerten Schiffsverkehr entsprechenden 
Hafen zu schaffen und die Stromcorrection selbst wegen des morastigen 
Bodens schwer ausfahrbare Durchstiche und kostspielige Wasserbauten 
erfordern wurde. Nach seiner Ansicht würde eine Reguliruog der 
St. Oeorgs- Mündung den Forderungen einer freien Schifffahrt bei 
weitem mehr entsprechen, indem dieser Arm auf seinem ganzen Laufe 
vom Tschatal-St. Georg bis zu seiner Mündung bei einer durchschnitt- 
lichen Tiefe von 24 — 40 Fufs engl, kein einziges Schifffahrtshindernifs 
darbietet und durch Anlage zweier, weit in die See hinausragenden 



Die DonftnmlttiaBgn vnd die RegoliiiiiigMrbeiten aa der StfUna. fö 

fttfalleMiiilin ein» ▼oUkomiDeD pracdciMe Rinne in der vor der Glif- 
drilUs (der nöedlielien K&ndmg) gelagerten Barre eidi hereteHen Kefbe. 
Anberdem wfirden an dem St Greorga-Arm nur drei Durehed^e er- 
forderildi eein, um demaeiben eine nahesn gerade a6dOetliehe Riehtong 
wm geben, wodoreb bei den dort faerrBchenden Ott* und Nordoetwinden 
for SegelacbüFe die FabrI atromanfirftrts wesendieh erleiehterC würde, 
wibrend der Snlina, aelbst nach eventoeller Vollendiing der die Flafs- 
Windungen absohneidenden Correctionsarbeiten, doch niemels ein ge- 
rader, dieeelbe Riehtnng ▼erfolgender Lanf gegeben werden könnte. 
Ldder bat eine Berfickaichtigvog dieses Projectes, wie schon bemeikt, 
nicht stattgefonden ; man begnfigte sich einstweilen damit, im Jahre 
1864 aof einer der unteren Olinka- Insel gegenüber liegenden Sand- 
bank cdnen Lenchtthnrm (44* dl' 5" nördl. Br., 29* 26' 52" ösü. Lg. 
Or.) an errichten. 

In neoester Zeit ist aber ein neaes Project aa%etancht, welches 
die gleichsam anbeachtet gelassene Wasserstrafse der Kilia wieder an 
Ehren bringen soll. Herr Ernst Desjardin, Professor an der ieole 
normale »upMeure an Paris und bekannt dorch seine trefflichen Lei- 
stai^n aof dem Felde der Archäologie, ist nftmlich, nach einer ge- 
aanen Untersaehnng des Kiliadelta, mit einem von der mm&nischen 
Regiemng nnterstfitaten Plane hervorgetreten, aaüierhalb des von der 
Kilia nnd dem St. Georgs -Arm eingeschlossenen Donandeltas, einen 
12 Kilometer langen SchiffFahrtscanal von dem an der Bai von Djibriani 
gelegenen Ort Kundock in südwestlicher Riehtnng anr Kilia antnlegen, 
welcher oberhalb Yilkov in das dort tiefe und breite Becken der Kilia 
munden und hier cum Schatz gegen die AUuvionen durch eine Schleuse 
geschlosseu werden sollte ■). Dieses Project des Herrn Desjardin rief 
eine Antwort der europäischen Donau -Commission hervor*), in welcher 
aunächst einige irrthnmllche Angaben in Bezug auf die Tiefe der Suiina 
nnd ihrer Mündung berichtigt werden, dann aber das System eines Late- 
ral-Canals bekämpft wird. Selbst wenn man diesem System den Yorsog 
vor dem der Eindfimmang einräumte,, was übrigens die Commission 
weit entfernt sei sn thon, so mSfste ein solcher Versuch aus nautischen 
Gründen und im Interesse des europäischen Handels am St Georgs- 
Arm, nicht aber an der Kilia vorgenommen werden. (Wir erinnern 
an den oben erwähnten Vorschlag der am 25. August 1858 eingesetzten 
technischen Special -Commission.) Die Richtung und Gestalt der West- 
küste des schwanken Meeres, besonders aber die Richtung des St 
Georgs- Arms in Bezug auf die herrschende Windrichtung seien die 



>) BidUU de la 8oe, de Geogr, Y* Ser. XIV. 1S67. p. 129. 
s) Ebda. XV. 186S. p. 268. 



W. K«««rs Di« 

wiehtifilmi Momente» wtUAm bei jeden A^aet 
DoüMi-lMBdvogeQ in eraler Stelle Sb Betraehl gtmogom tpevden müteMi. 
Die gdMtigeii EUfeige, welehe dorcli dee Sjstem der Eiadianmiig d«r 
8oliiMi*MdDdaiig iMefaer eriielt wfiren, wttrden fibiigene die ConiiMi 
eiiMi verattlMSeB, dieeen Arbeiten« welehe biifaer nur ab prorieonseho 
beaeiehiiet waren, einen pemanmiteD Charakter sa geben. 

Anf diese karse Abfertigong Seitoie der Coaimianen liefe natSiiMi 
Herr Denjardias eine aasfGhriiohere Eotgeganng folgen 'X *<^ weteher 
allerdings herrcMnragehen scheiat, dab die tos der Gomniasion 9a- 
rUuBten Erfolge fcLr die Schifflbhrt theilweise wenigateas noch ilki- 
aoiiach seien. Derselbe fuhrt aar Bechtfertigiing seiner Angriffe «a, 
dab die bei dem Donaaverkehr canfichst Betfaeiligten über denselben 
Klage führten, daJb Viele den kostspieligeren Transport des Getreides 
auf der Tschernawoda-Kastendje Eisenbahn der Sehififahrt auf der 
Silina vorx^en, dab die See-Assecaranaen su gewissen Seiten für 
die Fahrt dnrch die Saline nach Oalats eine Prfimie forderten, die ao 
Höhe der von Marseille nach Sdlina fast gleichkomme etc. Die Ua- 
anlfingliehkeit der Arbeiten der Commission, so verdieastlieh dieeelben 
aach s^n mögen, geht aber aach aas einem Briefe des Fregatten- 
Capit&ns de la Richerie henror, in welchem derselbe sagt, dab dfe 
ArbeiteD der Commission nicht den Flnfs, sondern nor einen Hafeo 
eröffnet hätten. Für ans aber möchte der UmsUnd von besonderan 
Oewiebt sein, dab, wie aas obiger stetisUsehen Zosammenstelking dea 
Schiffsverkehrs hervorgeht, zwar die Zahl der Schiffbrüche sich seit 
dem Jahre 1861 durch die Regnliningsarbeiten betrfichtlich vermindert 
hat, die Zahl der befrachteten Schiffe aber, welche die Snlina paasirtea, 
eben keineswegs in Zanahme begriffen ist, dab mithin die Angaben» 
dab der sichere Transport mittelst der Eisenbahn dem aweifelhaftea 
über die Untiefen der Salina bedeutenden Abbrach zoföge, gerediC- 
fertigt erscheinen dürften. Sollten dereinst von der österreichischen 
Begierang die Hindemisse beseitigt werden, welche die Stromschnellen 
awischen Baaiasch und dem eisernen Thor der freien Schifffahrt in 
den Weg l^gen, so durfte die Frage über ein i&ngeres Fortbestehen des 
Provisoriums bei der Sulina-Reguiirong ernster an ons herantreten, 
und dann wohl das eine oder andere Prebet, welches jetet von der 
Commission verworfen worden ist, cur richtigen Gkltung kommen. 



1) Bfdht. de la 80c, de Qiogr, V« 8^. XV. IS6^. p. 271. 



65 



Nachwort zur Karte. 



Die Grandlage der beifolgenden Karte ist die von Officieren der 
britischen Marine unter Oberleitung des Capitains T. Spratt in den 
Jahren 1856—57 aasgefahrte, sfimmtliebe grofsere Flursarme des Deltas 
und den vereinigten Strom bis Oalatz anfnrärts umfassende Aufnahme, 
veröffentlicht in einer grofsen vom hydrographischen Amt der Admi- 
ralit&t herausgegebenen und bis 1865 berichtigten und vervollst&ndigten 
Karte (Malsstab 1 : 160,000). Der Stromlanf mit seinen Inseln und 
beiderseitigen Uferstreifen oberhalb Galatz ist nach der vom militfirisch- 
geographischen Institute in Wien herausgegebenen, aus der Vermes- 
sung durch den K. K. Oesterreichischen Generalstab hervorgegangenen 
Karte der Walachei in 6 Bl. (Mafsstab 1 : 288,000) hinzugeffigt. Nur 
soweit diese beiden Karten das betreffende Areal enthalten, sind in 
unserer Reduction die Bergformen eingetragen und die Namen in ver- 
stärkter Schrift eingeschrieben, um diesen durch wirkliche Aufnahme 
gesicherten Theil gleich auf den ersten Anblick zu unterscheiden von 
dem übrigen mehr skizzenhaft ausgefällten Areal in Bessarabien und 
der Dobrudscha, für welches nur ein an Genauigkeit hinter den oben 
genannten Arbeiten zurückstehendes Material zu Gebote stand, nfim- 
lich die nach den Recognoscirungen der Jahre 1829 — 34 entwor- 
fenen, erst 1863 yeröffentlichten Russischen Karten (Mafsstab 1:420,000) 
mit den wesentlichen Berichtigungen und Vervollständigungen (nament- 
lich auch durch die zahlreichen von uns reproducirten Höhen messnngen), 
welche dieselben auf dem türkischen Gebiete im Süden der Donan 
durch die 1864 ausgeführten Arbeiten des ausgezeichneten Geologen 
Herrn Peters in Graz (Geologische Uebersichtskarte der Dobrudscha 
in den Denkschriften der mathem. natnrw. Classe der K. K. Akademie 
der Wissensch. zu Wien, 1867) erfahren haben. Aufserdem enthält 
der von der Europäischen Donauschifffahrts-Commission in Begleitung 
ihres schon oben angeführten Werkes herausgegebene Atlas (Leipzig, 
Lithographie F. A, Brockhaus, 1867) neben sehr zahlreichen Profilen 
des Sülina- Armes an neuem topographischen Material speciellere Auf- 
nahmen der drei Hauptmündungen, in welchen durch Eintragung der 
in den älteren Russischen Seeaufoahmen von 1830 verzeichneten 
Küstenlinien (unter der allerdings schwerlich völlig zutreffenden An« 
nähme ihrer absoluten Zuverlässigkeit), die durch AUnvion während 
eines Vierteljahrhunderts enstandenen, namentlich an der Mündung 
des mächtigsten nördlichen Flufsarmes stark hervortretenden Verän- 
derungen der Küstenlinie bemerklich gemacht sind; dieses neu ange- 

Z«itsolur. d. OMaUach. f. Brdk. Bd. IV. 5 



gg H. Kiepert: 

schwemmte Land ist danach in unserer redacirten Karte darch Pank- 
tirang beseichnet worden '). Die einzige in jenem Atlas befindliche 
Uebersichtskarte: Plan du DeUa du Danuhe drestS principaiemeni ^on 
prh les levis (sie) faits par Mr. le Cap. Sprait en 1857 ei compleU 
Sapr^ les levis (sie) faiis par les Ofßciers de la Marine Imperiale 
Russe en 1830 ei 57» ainsi que par les arpenteurs de la Commissiam 
saus la direcHon de leur Inginieur en chef Sir Charles Harilef (Mafi»- 
9tab 1 : 300,000), ist, wie schon der Titel und ebenso der Angenschein 
ergiebt, aus demselben Material, wie die nnsrige hervorgegangen; 
wenigstens machen sich die im Titel zuletzt genannten Aufnahmen 
der Feldmesser der Commission durch keine Differenz oder Yervoll- 
st&ndigung gegenüber der Spratt'schen Karte bemerklich; es mufeten 
denn damit die in letzterer nicht enthaltenen, in den Russischen Karten 
zum Theil abweichend dargestellten, kleineren Zwischenarme und Seen 
innerhalb des Flufsdeltas gemeint sein, welche wir zur Unterscheidung 
von der zuverlfissigeren Grundlage der Zeichnung in leichteren oder 
punktirten Linien in unserer Karte aufgenommen haben. Auch einige 
Specialnamen von Wasserläufen (gleichfalls durch unverstfirkte Schrift 
unterschieden) wurden derselben Quelle entlehnt, doch mit Berich- 
tigung der zum Theil arg entstellten Schreibart. Denn es ist in 
den That verwunderlich, dafs die Europäische Commission bei der Her- 
stellang eines auch fiufserlich so glänzend ausgestatteten Werkes, es 
nicht der Muhe werth befunden hat, den Stich der Karte in Beziehung 
auf Correctheit der Namen durch einen des Russischen und Türkischen 
kundigen Sachverständigen prüfen zu lassen, so dafs unter ihrer Auto- 
rität nun eine Anzahl Stich- oder Schreibfehler und Ungenauigkeiten 
figuriren, die sich leicht hätten vermeiden lassen, z. B. regelm&fsig 
/ statt T in Ichamur li statt Tchamurli^ Ichoban statt Tchoban^ Ickir 
boukli statt Tchiboukly, Icheniafha statt Tcherniavka^ sogar in einem 
bekannten italienischen Worte Iramontana statt Tramontana^ Namen, 
die in der Peter'schen Karte sämmtlich richtig geschrieben sind; iife- 
drUles statt Khidr-illis (türkischer Name des St. Georg), Kalo-Ayeros 
statt KaloyeroSy Beigar od statt Bielgorod^ Bmbouchure de Peschanoi 
statt des russischen peschtschanoi girlo^ d. i. sandige Mündung u. dgL m. 



^) Ein noch viel bedeutenderes Mafs der AUuvion nnd des dadurch bedingten 
Yorrttckens der Küste zeigt unter den zahlreichen ähnlichen Deltabildnngen vor- 
züglich der Po, über dessen Mündungsstelle wenigstens Air den einen südlichen 
Hauptarm (Po di Gore) aus dem Verlauf von bereits zwei Jahrhunderten (1647 
bis 1841) genaue Aufzeichnungen in den Venezianischen Archiren erhalten sind, 
welche in einer zu Venedig 1842 ausgeführten und uns durch die Güte des Herrn 
Prof. Th. Mommsen zugekommenen Zeichnung zusammengestellt erscheinen; von der- 
selben geben wir auf Taf. II eine verkleinerte Copie zur lehrreichen Vergleichung 
mit der Donanmündung, fUr die nns leider ältere genaue Aufzeichnungen fehlen. 



Nachwort lor Karte. ß*J 

Die auf deraelben Karte angegebenen, wohl auf neueren astrono» 
mischen Beobachtungen berohenden Positionen der Fixpankte an den 
Mfindnngen (phare de ßt Georges lai. 44* 51' 5", lg. 29« 36' 52", 
pkare de SauHna 45» 9' 6", 29« 40' 37", eorps de Garde d'Otchahoff 
45* 25' 55", 29* 40' 15") weichen dagegen so ooerheblich von den- 
jenigen ab, welche der Spratt'schen Karte zu Grunde liegen, dafs wir 
deshalb an der Orientirung der letzteren für die Reduction nichts zu 
ändern nöthig erachtet haben. H. Kiepert. 



Miscellen. 

Grenz-Berichtigung zwischen den australischen Colonien 
Süd-Australien, Victoria, Neu-Süd- Wales und Queensland. 

Seit Jahren ist die Lage der Grenze zwischen Süd-Aostralien einerseits nnd 
Qaeensland nnd insbesondere Nen-Süd- Wales andererseits eine Streitfrage gewe- 
sen. £8 war bei Pachtcontracten dort gelegener Weiden nnmöglich, mit Bestimmt- 
heit snzageben, wo eigentlich die eine Colonie aufhöre nnd die andere anfange, 
und 80 blieb es natürlich anch zweifelhaft, welche Regierung denn das Recht 
habe, die jährliche Rente des streitigen Territorioms einzuziehen, Es hatte dies 
sn mancheftei Correspondenzen Veranlassung gegeben, die oft nicht die ange- 
nehmsten waren, um so mehr, als es sich im Grunde doch immer nur um kleine 
Summen handeln konnte. Es beschlossen daher die betheiligten Regierungen, diese 
Streitigkeiten ein flir allemal zu ordnen and beizulegen, indem eine sehr com- 
petente Commission ernannt wurde, bestehend aus Mr. Charles Todd, Mr. Ellery 
und Mr. G. R. Smallej, den drei Directoren der Obserratorien in Adelaide, Mel- 
bourne und Sydney. Dem Mr. Gh. Todd, einem ausgezeichneten Astronomen, 
wurde die Leitung übertragen. 

Es handelte sich darum, die Grenzlinie zwischen Süd-Australien und Victoria, 
welche der 141. Meridian O. L. Gr. bilden soll, weiter nach Norden hinaufzufüh- 
ren, um so die westliche Grenze ron Neu-Süd-Wales und Queensland zu reguli- 
ren. Aber da fragte es sich wieder, ob der Punkt am südlichen Ufer des Mur- 
raj River, wo diese Linie endet, wirklich in dem genannten Meridian liege, um 
davon mit Sicherheit ausgehen zu können. 

Die bisher zwischen Süd-Australien und Victoria gegoltene Grenze gründet 
sich auf astronomische Beobachtungen, welche im Jahre 1839 angestellt wurden. 
Da sich jedoch später herausstellte, dafs der Längengrad von Sydney damals un- 
richtig angegeben war, so lag die Vermuthung sehr nahe, dafs auch obige Grenze 
nicht den 141. Meridian repräsentire. 

Mr. Charles Todd proponirte nur, den Grenzpunkt durch den eloctrischen 
Telegraphen zwischen Adelaide und Sydney zu bestimmen, und er selbst wollte 



gg MifloetteDt 

•iob Bach einem nordliehen Orte der jetrigen Grenie begeben, am Zeitaignele mit 
den Obeermtorien in Melboame und Sydney su wecb«etai. 

Aber savor w«r natfirlich sn ennitteln, welchee denn eigentlich der richtige 
Meridian von Sydney und Melboame aei, and Mr. Todd empfahl, dafs eine toI- 
taische Längengradbeatimmang zwischen den Adelaide-, Melboame- and Sydney- 
Stemwarten angestellt werden sollte. Es ergab sich dabei, dafs die Lage der 
Grenzlinie um ein Längenstäck von i Miles differirte, je nachdem man der Cal- 
colatlon die prSsnmirte L&nge von Melboame oder die von Sydney zu Grande 
legte ^). Um diese Schwierigkeit za beseitigen, kam man überein, den Meridian 
von Sydney aaf die Melboame- and Sydney -Beobachtnngen zn basiren, daraas ein 
Mittel za ziehen and dann den Unterschied zwischen den Beobachtungen beider 
Observatorien zu theilen. 

Wahrend Mr. Todd in Sydney war, wurde von den drei Astronomen eine 
sehr sorgfältige voltaische Bestimmung des Unterschiedes in der Länge zwischen 
Melboame und Sydney angestellt, indem man den Durchgang derselben Sterne 
durch die beiden Meridiane beobachtete und die Zeit vom Chronographen notiren 
licfs'). Das Resultat ergab 24' 55|" als Differenz zwischen beiden Orten. 

Nach seiner Rückkehr von Sydney nach Adelaide begab sich Mr. Todd in 
Begleitung von Mr. Cooper, dem stellvertretenden Surveyor-General seiner Colo- 
nie, nach dem Mnrray River. Sie fahrten ein 54 zölliges Transitinstrament und 
mehrere Chronometer mit sich. Das erstere stellten sie am nördlichen Ufer des 
Flusses, eine kurze Entfemung westlich von der alten Grenzlinie zwischen Süd- 
Australien und Victoria auf. Es wurde dann der Durchgang von vorher bestimm- 
ten Sternen durch die Meridiane von Sydney und der Grenze in zwei aufeinander 
folgenden Nächten beobachtet und von dem Chronographen in Sydney verzeich- 
neL Zu dem Ende war ein Draht von der Telegraphenlinie an das .4^lgende des 
Telcscopen geführt, so dafs in dem Augenblicke, wo der Stern die Drähte des 
Transitinstrumentes passirte, der Contact durch den Telegraphen nach Sydney 
transmittirt und vom dortigen Chronographen notirt werden konnte. In zwei an- 
deren Nächten wurden in gleicher Weise Steme über den Meridianen von Mel- 
bourne und der Grenze beobachtet, und die Zeit des Durchganges ebenfalls vom 
Chronometer des Melbourne -Observatoriums vermerkt. So wurde der Unter- 
schied in der Zeit fes^^tellt, und die Differenz der Länge zwischen dem 
Transitinstramente and Sydney ergab 40' 59.778", während die Länge für den 
Ort des Instmmentes selbst 9 h. ^ Min. 49.31 See. auswies. Die Genauigkeit, 



') Bis zum Jahre 1860 war der angegebene Meridian von Sydney um 8 Miles 
«der 12 See. unrichtig, und dieser Irrthum, welcher von wesentlichen Ungenauig- 
keiten in den Lunartafeln und der dem Monde angewiesenen Stellung resoltirto, 
findet sich noch bis auf den heutigen Tag in den Ausgaben des NauHcal Almanac. 
Der correcte L&ngengrad von Sydney und Melbourne ist seitdem durch zweijährige 
Beobachtungen auf den Observatorien beider Plätze, verglichen mit den in denselben 
Trachten in Greenwich angestellten, gewonnen worden. Diese Bestimmung ist also 
4ei von den Irrthümem in den Lunartafeln. 

') Der Chronograph, einem gewöhnlichen Telegraphen sehr ähnlich, ist ein In- 
strument, auf dessen Papierstreifen, wie dieser langsam fortschreitet, die Transituhr 
des Observatoriums jede Zeitsecunde registrirt. 



Grensberichtigung der aiutmlifeh«ii Colonien. — Die Hindus. 69 



wH welcher dieee BestiiiiBiiiiig gesiaeht wurde, kaon daraus ersehen werdsn, daie 
der Unterschied in der Zeit swischen dem Transitinstniinente an der Grenxe und 
dem lfeIboiime*Obseryatoriam bei der Beobaehtang in der ersten Nacht (13. liai) 
16 Min. 3.780 See. nnd in der sweiten (14. Mai) 16 Min. 3.758 See. betmg, also 
nur eine unbedentende Differens von 0.22 See. 

Ans den Beobachtungen, die zwischen den Melbourne- nnd Sydney-Obsem^ 
torien, welche beide, wie bereits erw&hnt, ein Chronometer besitzen» angestellt 
wurden, ergab sich, dafs die Schnelligkeit des electrischen Stromes 15,430 Miles 
die Seeunde betmg. 

Nachdem Mr. Todd dann den Breitengrad seines Standes an der Chrenie ge* 
nau ermittelt, auch noch eine lange Reihe magnetischer Forschungen besfigiieh 
der Declination und Inclination angestellt hatte, wurde die L&nge der Entfernung 
▼om Transitinstrumente bis nach der wirklichen Grenze (141 * O. L. Gr.) genau 
gemessen nnd letztere angemerkt, die Meridianlinie selbst einige Miles die (Frenze 
hinauf Tcrfolgt and diese Strecke ebenfalls sorgfältig bezeichnet. Man iknd, dafs 
das Transitinstroment 2 Miles 44 Mains 68 links westlich von der wahren Grenze 
stand, und es mfifste daher ein solcher Strich Landes Ton der Colonie Neu-S&d- 
Wales und Queensland an die Colonie Süd-Australien abgetreten werden. Die 
Karten von Australien werden danach zu berichtigen sein. 

Wie Tcrlautet, wird in Folge der rectificirten Grenzen das St&dtchen Apsley 
und der Glenelg RiTer, bisher zu Victoria gehörig, an Sud -Australien fallen. 

— ff.— 



Die Hindus. 

(M*Culloch, DtcHonaty geogr,, statisL and hut. New Edition hy F. Martin, 

London 1866. Yol. IL p. 548.) 

Die Hindns bilden sechs Siebentel der Bevölkerung von Hindnstan ; aber der 
fibrige Theil der Bewohner, obwohl vielfach ursprünglich abweichend, ist durch 
Vermisch ang ihnen dermafsen assimilirt nnd hat so die indischen Sitten nnd Ge» 
briinche angenommen, dafs die gesammte Bevölkemng aus einem nnd demselben 
Gesichtspunkte betrachtet werden kann. Was die lUsse angeht, so sind die Hin- 
dus als znr sogenannten Kaukasischen gehörig betrachtet worden und sogar zu 
derselben Familie dieser Rasse, wie die Weifsen Europas. Das ist aber eine 
unrichtige Vorstellung, für welche kaum ein Schatten von Begründung vorhanden 
ist. Die einzigen drei Punkte, in welchen sich eine Aehnlichkeit zwischen Euro- 
päern und Hindns entdecken ISfst, sind die ovale Form des Gesichtes, die Ge- 
stalt des Kopfes und Spnren von einer gewissen Gemeinsamkeit der Sprache. 
In jeder anderon Rucksicht sind die Gegensätze unvergleichlich mehr durchgrei- 
fend, als diese Aehnlichkeit. Der Enrop&er ist weifs, der Hindu dnnkelgefXrbt. 
Der Europaer, und er allein unter allen Rassen in solcher Weise ansgezeichnet, 
zeigt eine unendliche Mannigfaltigkeit der Farbe des Haares vom Flachsfarbenen 
bis zum Schwarz, und eine grofse Verschiedenheit in der Farbe der Iris, Tom 
Hellblau oder Grau bis zum Dunkelbraun; beim Hindu dagegen ist die Farbe 
des Haares stets schwarz und die Farbe des Auges stet« dunkelbraun. Der Euro- 
paei ist gröfser als der Hindu, kräftiger und mehr ausdauernd. Selbst in den 



70 Blucenen: 

ersten Stedien der CivUiMtion hAt der Europfter eine Festigkeit, AnsdAuer nnd 
einen Unternehmungsgeist geteigt, welcher anffellend mit dem schwachen, lang^ 
semen nnd unentschlossenen Charakter des Hindu contrastirt In der Ansf&h- 
mng von gewöhnlichen Arbeiten solcher Art, dafs sie fuglich eine Verg^eichung 
Bulassen, ist die Arbeit Eines Engländers gleich der von drd gewöhnlichen In- 
diem. Drei indische Seeleute werden kaum die Arbeit Eines englischen IIa- 
trosen thun, und drei Bataillons Sipahis wfirden nicht ein einsiges Bataillon Toa 
Europäern ersetsen. Wahrscheinlich würde sich dieselbe Inferiorität bei einer 
Veiigleichung mit einer römischen Legion oder einer griechischen Phalanx erge- 
ben. Wenn man gar die Geschicklichkeit in Anschlag bringt, welche su iigend 
einer besonderen Beschäftigung erforderlich ist, so sieht man den Europäer be- 
fähigt, sich mit verbesserten Instrumenten eu helfen, während der Hindu dies 
weder kann, noch will, und dann scheint die Verschiedenheit noch gröfser. 
Bttcksichtlich der physischen Kraft und der ausdauernden Arbeit steht ohne EVage 
der Hindu nicht nur dem Europäer nach, sondern auch dem Araber und Perser 
und namentlich dem Chinesen. 

In einer physischen Eigenschaft zeigt sich twischen Hindu und Europäer 
eine auffallende Verschiedenheit. • Der Europäer wird mit einer unbeugsamen 
und vergleichsweise starren Muskelfaser geboren, der Hindu aber mit einer bieg- 
sameren und weicheren, als selbst eine Europäerin hat. Der Unterschied ist 
indefs mehr ein Ergebnifs des Klimas; denn diese dem Hindu zugesprochene 
Eigenschaft ist den Eingeborenen aller warmen Klimate gemein, und sie zeichnet 
selbst Creolen schon in der ersten Generation aus. Diese Biegsamkeit in der 
Muskelfaser soll nach «inigen Beobachtern von einer grofser Sensibilität und 
Schärfe der Sinnesorgane begleitet sein, so dafs damit dem Hindu in einigen der 
feinsten EEandgeschickiichkeiten ein merkwürdiges Uebergewicht zufiele. Aber 
diese Hypothese ist eben so unhaltbar, wie etwa die Behauptung, dafs eine Fiun 
durch ihre zarten und biegsameren Finger in Geschick flir Arbeit den Sieg über 
den Mann davontragen müfste. In den feineren mechanischen Künsten verschafft 
die Gewohnheit bald der harten Hand eines europäischen Arbeiters eine Feinheit 
des Gesichts und ein Geschick in der Ausführung, die ein Hindu nie erreicht; 
im Allgemeinen aber besitzt der Hindu mehr Beweglichkeit als der Europäer, 
und seine Schnelligkeit wird durch die Leichtigkeit seines Körpers unterstütst. 
Die Hindu's sind, bis zu einem merkwürdigen Grade, die besten Läufer, Ringer 
nnd Elletterer in ganz Asien. Darin können Araber, Perser und Chinesen nicht 
mit ihnen verglichen werden. Daraus folgt, dafs sie als gemeine Matrosen weit 
geschickter und auch nützlicher sind, als irgendwelche aus einer anderen Nation ; 
indefs ein gewisser Mangel an Festigkeit und Geistesgegenwart macht, dafs sie 
sich ebensowenig zu Offizieren eignen, als zu Steuermännern, nnd in letzterer 
Beziehung sind z. B. die Eingeborenen aus den Philippinen ihnen so vorzuziehen, 
dafs dieselben, wo sie irgend zu haben sind, stets mit Ausschliefsung aller Hin- 
du's verwendet werden. Einen Hindu kann man nicht für eine längere Zeitdauer 
zu irgend einer körperlichen Anstrengung treiben, ohne dafs Mifslingen oder Er- 
schöpfung die Folge wäre. Selbst in ihrem eigenen Lande und Klimate sind die 
Sipahis von den europäischen Truppen geschlagen worden und selbst nach lang 
auf einander folgenden forcirten Märschen. 



Die Hindus. 7J 

Obwohl die gemeinaemen Orandzfige der physischen und iBtdlectaellen Eigen- 
tii&iiilichkeit unter den Hinda's im Allgemeinen deuüieh hervortreten, so bestehen 
doch viele Varietäten, ja vielleicht mehr als nnter den Völkern Enropa's. Dieses 
Abweichen hat man der Verschiedenheit der geographischen Breite nnd dem 
Klima, sowie der Nahrang zugeschrieben, nnd man hat namentlich behanptet, 
dafs die Bewohner des SüdeDS, deren Hauptnahrung in Beifs besteht, kleiner 
und schiriicher als die des Nordens seien, deren hauptsädiliches Brodkom Wei- 
sen nnd Hirse ist. Die Erfahrung zeigt aber, dafs diese Meinung unbegründet 
ist. Die kleinste und schwächste Familie der Hindn's sind die Eingeborenen von 
Bengalen, das zwischen 21 und 26* nÖrdl. Br. liegt; die ein Dutzend Grad süd- 
licher leben nnd dieselbe pflanzliche Nahrung zu sich nehmeU) sind gröfser, stär- 
ker, energischer und kühner. Die Bewohner des Tafellandes, deren pflanzliche 
Nahrung weder Reifs, noch Weizen ist, stehen ebenso keineswegs über den Be- 
wohnern von Kamatik oder der niedrigen, feuchten Malabar- Küste. Die grofsten 
und kräftigsten, aber nicht die rührigsten und schnellsten^ sind die Bewohner des 
oberen Gangesthaies, wo wenige derselben, die sich in besseren Umständen be- 
finden, nur Ton Weizen leben; die Minorität des Volkes nährt sich von Gerste 
oder Hirse. 

Die Quantität und nicht die Qualität der pflanzlichen Nahrung ist es, was 
in Indien ron gröfserem Einflüsse ist; und man darf sagen, dafs in Hindostan 
im Aligemeinen in der physischen Entwickelnng ein gröfserer unterschied zwi- 
schen den wohlhabenderen Klassen und den Armen besteht, als in irgend einem 
anderen Lande. Die Hindu's der höheren und bevorzagten Klassen sind fast 
durchweg gröfser, stämmiger und hübscher, als die armen und niederen Klassen. 
Selbst der unachtsamste Beobachter mnfs bemerken, dafs die militärische, mer- 
kantile und namentlich die priesterliche Kaste über der gemeinen arbeitenden 
Bevölkerung steht. Die Sipahis der bengalischen Armee, welche ans der zahl- 
reichen Landbevölkerung der nördlichen und centralen Provinzen genommen sind, 
erscheinen, obwohl in Bezog auf Stärke und Energie sehr untergeordnet, in 
Wuchs und KÖrperbildnng dem Gros der europäischen'^Truppen gleich, wenn sie 
dieselben nicht gar übertreff'en; und selbst in den Strafsen Galcutta's wird der 
Fremde unfehlbar überrascht durch das verschiedene Aussehen des wohlgenährten 
Kaufmannes oder Brakers und des jämmerlichen, halb verhungerten Arbeiters oder 
Handwerkers. Die Bergbewohner und im Allgemeinen alle halbwilden Stämme 
sind klein, ausgemergelt, krank aussehend, namentlich die, welche sich von der 
Jagd nähren oder vom Sammeln der Waldprodncte , des Honigs, Wachses und 
der Drognen. Wo wenig Sklaven vorhanden sind , also in allen volkreichen 
Theilen des Landes, da macht das körperliche Aussehen derselben etwa den- 
selben Eindruck, wie das jedes anderen Bauern und sie sind von diesen nicht 
zu unterscheiden; wo sie dagegen zahlreich vorhanden sind, und sich ganze 
Stämme in knechtischem Znstande befinden, da kann man sie leicht durch ihre 
Häfslichkeit, kleine Gestalt nnd schwache Constitution von den Uebrigen unter- 
scheiden. Man kann somit als eine allgemeine Regel gelten lassen: das Klima 
und die aUgeraeine Ernährungsweise sei welche sie wolle, — wo das Arbeitslohn 
niedrig ist und das Volk demgemäfs genöthigt ist, von der schiechtesten Nahrung 
an leben oder von der möglichst kleinsten Menge besserer Nahrung, die eben 



1 



72 lfiMeU«Bs 

dM Leben erbalten kann, d« ist die groÜM Menge der Berölkening in der höeb- 
9tm körperliehen oad geistigen Degnulatian. 

Es ist eine ellgemeine, aber irrige Aneicht, dalli die Hindoe fast nnr ▼<» 
Pflanaenkoct leben; das würde der phytiachen Natnr dee Menschen widerrtreiteB, 
der eben ein AUes-EMer ist* Die in der Diät strengsten Hindns geniefsen viel 
Milch und Bntter; Fische werden in der Nähe der SeekOsten nnd der £ln£m£Br 
fiberall in Menge gegessen; nnd kein Indier hiUt diese Emähmngsweise f&r r^r^ 
werfUch, anfser den Bewohnern des Inneren, welche sich diese nicht TersduUSMi 
können. Selbst Fleisch wird von den meisten Hindos, obwohl sie in der Aus- 
wahl heikd sind, gelegentlich gegessen, nnd sie enthalten sich desselben mehr 
wegen Mangels an Mitteln, als wegen ihrer religiösen Bedenken. Wo die Nodi- 
wendigkeit zwingt, gestattet selbst die Religion jede Art von Nahning, nnd in 
einer Hnngersnoth wird selbst ein Brahmine Handefleisch essen. 

In Betreff der intellectnellen nnd mondiscfaen Eigenschaften der Hindna wer- 
den wenige Worte genfigen. Die besser erzogenen Klassen, und nnr aas dem 
Charakter dieser kann man einen einigennafsen gültigen Schlnis ziehen, kann 
man ohne Bedenken ein böses, schlaues nnd scharfsinniges Volk nennen. Der 
henrorragende Charakter derselben ist vielleicht eher List, als Kraft. Obwohl 
sie gute Nachahmer sind, haben sie doch seither noch keine originelle Erfindung^ 
gemacht Sie haben wenig Einbildungskraft» denn die ärmlichen nnd nbertrie- 
benen Träumereien ihrer Theologie und Literatur verdienen diesen Namen nicht. 
Bficksichtlich des gesunden Menschenverstandes stehen sie offenbar unter den 
Chinesen; rücksichtlich der Kraft und Männlichkeit der Seele unter den Aiabem» 
Persern nnd den tatarischen Mohammedanern, durch deren Heere sie fiber&Uea 
nnd besiegt worden sind. Mit den europäischen Yölkem sind sie gar nicht sa 
vergleichen, weil der Abstand zu grofs ist, um irgend eine Parallele zuzulassen. 
Die Gebiete der Industrie, in denen ihre intellectuellen Fähigkeiten am vorthml- 
haftesten erscheinen, und für die sie am geeignetsten sein mögen, sind die Ver- 
waltung der Justiz und der Finanzen, sowie solche Handelszweige, zu denen nicht 
umfassende Kenntnisse und kühner Unternehmungsgeist erforderlich sind. 

Der moralische Charakter der Hindus ist ein Ergebnifs von vielleicht Tan- 
senden von Jahren der Anarchie and Unterdrückung. In einem solchen Zustande 
erstirbt jede Spur von Biederkeit, Bechtschaffenheit oder Freimüthigkeit, nnd 
daher kann man diese Eigenschaften unter den Hindus kaum nachweisen. Banb- 
sucht, Gewaltthätigkeit, Betrug und Ungerechtigkeit charakterisiren den eingebo- 
renen Herrscher; und das Volk ist reichlich versehen mit den üblichen Waffen 
der Vertheidigung, nämlich mit Falschheit, Kunstgriffen, Rechtsverdrehnng und 
List. In der That kann man behaupten, dafs auf Generationen Rechtschaffenh^t 
in Indien nicht zu finden gewesen ist nnd Heuchelei hoch im Preise gestanden 
hat Ehrlichkeit und Biederkeit sind Tugendeo, deren Ausübung sich nicht mit 
der persönlichen Freiheit, mit Leben und Eigenthum vertrug; bei einem solchen 
Zustande der Dinge würde ein Pinsel von ehrlichem Manne unvermeidlich die 
Beute eines Heeres von Schurken geworden und würde ausgelacht nnd verachtet 
worden sein. Im Allgemeinen kann man sagen, dafs die Hindus selten die volle 
Wahrheit ohne Hinterhalt sagen. Richterliche Ungerechtigkeit ist in Indien viel- 
leicht in ausgedehnterer Weise üblich, als in irgend einem Lande der Welt Man 



Die romiiche Station bei Plewna in Balgarien. 73 

bat die brititelien GeriehtihQfe getadelt, weil sie das Verbrechen ermnliiigten, nnd 
viftBaieiit ist dem so in gewisser Aasdehnnng; aber im Gänsen kann man sie 
nur einfach als eine Streitbahn für die Aufdeckung dieses Lasters in grofsartigem 
Mftftstabe ansehen. Fialschheit nnd Zweideutigkeit sind unzertrennlich tou ^nem 
soeialen Zustande, wie der Indiens ist, und sie haben die Sitten der Hindus ge- 
kemneiehnet ron dem Augenblicke an, wo die Europaer zuerst authentische Nach- 
richten über sie erhielten. Die Schilderung, welche Bemier, einer der suver- 
Hasigsten Beisenden, tou den Hindus unter Aurenzib giebt, passen vollstindig 
nodi anf die gegeniHbrtigen Zeiten. Sir Will. Jones, welcher oft ihr entschie- 
dener Lobredner ist, sprach seine Ueberzeugung dahin aus, dafs eidliche Aus- 
tagen fiber jede denkbare Thatsache in den Strarsen und Märkten Calcutta's eben 
so leicht zu haben seien, wie jeder andere Handels -Artikel; und in Betreif der 
Eäde fiigt er hinzu, dafs, wenn man selbst die allerbindendste Form f&r die Ge- 
wissen der Menschen finden könnte, doch wenige Hindu -Gewissen durch dieselbe 
gebunden werden würden. 

Zu den besseren Eigenschaften der Hindus kann man'Mäfsigkeit, Geduld, 
Gelehrigkeit und selbst Fleifs ziUilen. Aber die erstere dieser Tugenden nähert 
sich in vielen Fällen zu sehr dem Geize. Dies ist eine Eigenschaft des Hindu- 
Charakters, welche nicht leicht zu erklären ist Die gewöhnliche Wirkung einer 
schlechten Begierung, welche das Eigenthum unsicher macht, ist die, dafs sie 
das Volk yerschwenderisch macht und wenn auch nicht gleichgültig gegen Be- 
sitz, doch unter allen Umstiinden sorglos in Betreff der Ansammlung. Unzwei- 
felhaft ist das Resultat bei den Hindus das entgegengesetzte gewesen. Ein den- 
kender Schriftsteller, der dies zu erklären versucht, sagt: Die Sklarerei hat die 
natüiliche Feinheit aller Geister in Asien geschärft. „In Folge der Schwierig- 
keit, zu erhalten, und der grofseren Schwierigkeit, zu bewahren, sind die Hindus 
nnermfidlich im Geschäft und Meister in der ausgesuchtesten Verstellung in allen 
Dingen ?on Bedeutung.* Dies giebt das Factum sehr genau an, läfst aber die 
Ursache ▼öllig unerklärt; denn es steht fest, dafs die Sklaverei nicht dieselbe 
Wirkung anf die Araber, Türken, Ferser, Chinesen, oder auf die Mohammedaner 
in Indien hervorgebncht hat. — Auch die Gelehrigkeit der Hindus ist der Passi- 
vität sehr nahe verwandt; fast eben so leicht sind sie dahin zu bringen, sich der 
Unterdrückung und Raubsucht zu unterwerfen, als eine Verbesserung ihrer Lage 
SU versuchen. v. Kl. 



Die römische Station bei Plewna in Bulgarien. 

Herr G. Lejean hat in der Nähe der Bulgarischen Stadt Plewna die Ruinen 
einer römischen Station aufgefunden» in welcher er nach einer Vergleichung mit 
der Pentinger'schen Tafel die dort unter dem Namen „Dorionibus" aufgeführte 
Befestigung zu erkennen glaubt (Reime arch^log, XVIIL 1868. S. 81). Bei sei- 
nem Aufenthalte in Plewna hörte er nämlich von den Ruinen einer in nicht 
weiter Entfernung nach Süden im Thal des Baches Kigalyk gelegenen genue- 
sischen Befestigung, ein Name, mit welchem die Türken so häufig Beste des 



75 MiflceUen: 

Alterthninfl zu besdchnen pflegen. Bei niherer Untennchiiog fand der Reitende 
«af der Spitse eines in das Thal des Eigalyk steil abfallenden Hügels die genau 
rechtwinklig angelegten Snbstmctionen einer Akropole» deren westliche Seite, 
als die allein vom Plateau ans angreifbare, anfserdem noch Fon einem Wall- 
graben geschützt war. Eine der Buigmaner sich anschlieisende, am Bande des Hü- 
gels hinlaufende Bingmauer diente zum Schutz der Stadt, und nur am steileii 
südlichen Abfall scheint diese Mauer zu fehlen. Zahlreiche Substnictionen klei- 
nerer Gebäude, sowie Beste Ton Ziegeln bedecken den inneren, etwa 1^ Hectaren 
grolsen Banm der Stadt. Das Fehlen von Cistemen und Wasserleitungen erklärt 
Lejean daher, dafs in Friedenszeiten der um den Fufs des Hügels sich windende 
Bach, sowie eine an der gegenüberliegenden Thalwand ans einem unterirdisebeD 
Felsresenroir hervorspmdelnde Quelle — heutzutage noch der Wallfahrtsort der 
Bewohner von Plewna an Feiertagen — die Besatzung hinreichend mit Wasaer 
versorgen konnten. In Kriegszeiten freilich hätte der Ort eine längere Belagenmg 
nicht aushalten können, doch genügte er jedenfalls in Verbindung mit anderen 
festen Plätzen als Bollwerk gegen die Einfalle der Barbaren. Da inschriftliche 
Denkmäler sich bis jetzt nicht vorgefunden haben, so versuchte I^ejean den Nar 
men des Platzes aus der Tabula Peutingeriana zu ermitteln. Die Endpunkte des 
Strafsenzuges zwischen Nicopolis und Oescus Colonia scheinen ziemlich fest- 
zustehen: ersteres ist das heutige Niküp (Nikopi) in der Nähe von Tmowa, wo 
sich noch grofse Ruinenfelder befinden, letzteres das heutige Ghighi am Isker. 
Von Niküp fuhrt eine von den Türken als Bömerstralse bezeichnete Karawanen- 
strafse in gerader Linie auf das bulgarische Dorf Studena und von da in west- 
licher Richtung am Fufs des Berges Utscha vorbei nach Plewna und zu der von Le- 
jean gefundenen Römerstation im Thale des Kajalyk. Die Entfernung dieser Ruinen 
von Niküp stimmt nun genau mit der Distanzen -Angabe auf der Peutinger'schen 
Tafel überein, nämlich: Nicopolistro L, Melta X — Dorionibus — so dafs es ziem- 
lich sicher erscheint, dafs unsere Bergfeste die von den Römern angelegte Sta- 
tion «Doriones^ ist. Von »Dorionibus* würde sich dann der Strafsenzug in NNO.- 
Richtung nach Oescus ziehen. Für diese Strecke bringt die Peutinger'sche Tafel 
folgende Entfernungen: Oesco — Ad Putea YU — Storgosia — Dorionibus XI. 
Nach Lejean stimmt auch diese Distance von Plewna bis Ghigi mit den alten 
Angaben über die Entfernung zwischen Doriones und Oescus vollkommen überein. 
In den in nicht weiter Entfernung von dem Dorfe Ghighi gelegenen Brunnen 
würde die Station „Ad Putea" zu erkennen sein, während freilich die Lage von 
Storgosia für jetzt noch nicht bestimmt angegeben werden kann, doch hoffi 
Lejean seine Untersuchungen über diesen Ort in diesem Jahre wiederholen zu 
können. — r. 



Die Eisenbahnen in der Colonie Neu -Süd -Wales. 

Die zu Ende des Jahres 1868 in Neu Süd -Wales fertigen Eisenbahnen 
hatten eine Länge von 250 Miles erreicht, waren also fast genau so lang, wie 
die der benachbarten Colonie Victoria. Die einzelnen Bahnen sind folgende: 

1) Die Great Southern, welche von Sydney über Paramatta bis Mamlan, in 



Die EisenbalmeB in der Colonie Nea-S&d-Walee. 



74 



der Länge yon 115 Miles, dem Sffentlidien Verkehr übergeben ist and in 5 Sinn- 
den 35 Blinvten befahren wird. Diese Bahn soll einstweilen nnr bis Gonlboom, 
der ProTinzialhanptstadt des Districtes Argyle, fortgeführt werden, und die noch 
fehlende Strecke bis dahin (17 Miles), sn Anfang des nächsten Jahres fertig sein. 
Die Fortsetzung der Great Southern bis an die Grenze der Colonie Victoria ist 
nur noch eine Frage der nächsten Zeit. Meetings sind in letzter Zeit mehrfach 
in Deniliquin und Moama am Murray R. abgehalten worden und haben dieselben 
das dort gewählte Pariamen tsmiliglied instruirt, seinen ganzen Einflnfs -in diesem 
Sinne zu verwenden. Wird die Great Sonthern bis Moama fortgesetzt, so ist 
damit eine Tollständige Verbindung zwischen Sydney und Melbourne erreicht, da 
bekanntlich die Bahn tou Melbourne bis Echuca am Murray, Moama gegenüber, 
schon seit 1865 fertig ist Freilich liefse sich diese Verbindung auch dadurch 
gewinnen, dafs man von Goulboum aus auf Albury baute, da die Regierung von 
Victoria jetzt eine neue Eisenbahn von Melbourne nach Belvoir am Murray, Al- 
bnry gegenüber, anlegen läfst. Jedenfalls wird es über den eventuellen Anschlufs 
noch sehr lebhafte Debatte in Neu Süd-Wales setzen. 

2) Die Great Western, welche bestimmt ist, Sydney, vi& Paramatta und Blue 
Mountains, mit Bathurst zu verbinden, aber erst bis zum Mount Victoria in der 
Lange von 76 Miles, welche in 5 Stunden zurückgelegt werden, fertig ist '). Die 
noch fehlende Strecke ist bis Kelso, 2 Miles von Bathurst, an verschiedene Bau- 
herrn in Contract gegeben, und herrscht daselbst die gröfste Thätigkeit. 

3) Die Richmond Bahn, welche von Sydney via Paramatta nach Richmond 
fuhrt. Sie ist 37 Miles lang und wird in 2 Standen 25 Minuten befahren. 

4) Die Great Northern geht von Newcastle an der Mündung des Hnnter R., 
berühmt durch seine Kohlenbei^gwerke , ab und ist bis Singleton, 56 Miles ent- 
fernt und in 2« Stunden erreichbar, dem Verkehr übergeben. Die Strecke von 
da bis Muswellbrook mufs, dem Contracte gemäfs, Ende December 1868 fertig 
sein, und nach dem Stande der Arbeiten dürfte auch keine Verzögerung zu er- 
warten sein. Von Muswellbrook ab ist eine weitere Strecke bis Murrurundi auch 
schon contractlich verdungen, die Arbeiten daselbst sind jedoch noch wenig vor- 
geschritten und werden namentlich dadurch zurückgehalten, dafs in dortiger 
Gegend kein passendes Material für die Anfertigung von Mauersteinen aufzufin- 
den bt. 

Zur bessern Uebersicht des Ganzen möge die folgende Tabelle, welche die 
einzelnen Stationen und deren Entfernung einschliefst, dienen. 

Paramatta-Bahn. 



Stationen. 


Entfer- 
naDg 

in 
Miles. 


Stationen. 


Entfer- 
nung 

in 
Miles. 


Sydney 

Newtown 

Petersham 

Ashfield 


2 
3 
5 

7 


Burwood 

Homebusch 

Haslem Creek .... 
Paramatta Junction . . 


7 

8 

11 

13 



^) Man vergleiche meine Mittheilungen in dieser Zeitschrift. Bd. 8. p. 477. 



76 



Kleinore geognphiicbe Mitth«iliuigea. 



Fairfield 
Liverpool 
Campbelltown . 
Menangle . • 
Picton . . • 



L Gnat Southern. 




Stationen. 



Mittagong . . 

Bowral • . . 

Sntton Forest . 

Mamlan . . . 



Entfer- 



m 

MiUs. 



77 

80 

86 

115 



Paramatta 
Blacktown 
Booty Hill 



2. Great Wettern. 



14 
21 
25 



Soath Creek 
Penrith . . . 
Moant Victoria 



29 
34 
76 



Blacktown 
Biverstone 
Mnlgraye 



3. Riebmond Line. 



21 

28 
32 



Windsor . 
Richmond 



34 
37 



4. Great Horthem. 



Newcastle . . . 
Honeysuckle Point 
Waratah .... 
Hexbam . . . • 
East Maitland . . 



West Maitland . 
Wollombi Road 
Lochinvar . . 
Branzton . • 
Singleton . . 



56 



— flF. — 



Kleinere geographisclie Mittheilongen. 

Gerhard Rohlfs meldet vom 13. December 1868 seine gluckliche Ankunft 
in Tripoli, wohin er sich über Philippeviile , Bona and Tunis begeben hat. In 
Bona hatte er die Bekanntschaft des früheren französischen Gonvemears, General 
Faidherbes, in Tunis die des dnrch seine Reisen in Arabien nnd Nordafrika be- 
kannten Baron y. Maltzahn gemacht Rohlfs Aufnahme in Tripoli war eine sehr 
ehrenvolle; sämmtliche Consulate hatten in Anerkennung seiner Verdienste um 
die Geographie Afrika's ihre Flaggen aufgezogen. Ende December gedenkt der 
Beisende in Begleitung des aus Berlin mitgenommenen Photographen zunächst 
nach Benffbasi und von- dort nach der Cjrenaica zu gehen. Fraulein Alexine 



Kleinere geogrephisehe Ifittheilimgen. 77 

TSme hilt eieh, wie Bohlfs uns ndtiheilt, gegenwirtig in Tripoli «nf, wo sie 
jedcMh nur mit Eingebornen Terkehrt. Sie soll eieh zn einer Beise nach Mnrank 
oder Khat rOeten. 

Von Dr. Schwoillflirth sind mehrere an seine hiesigen Freunde gerichtete 
Briefe ans Chartöm von Mitte November 1868 eingetroffen, deren Inhalt» soweit 
er sich auf Botanik nnd Zoologie beucht, wohl anderweitig mitgetheilt werden 
durfte. Aus seinen fibrigen reichhaltigen Beobachtungen wollen wir hier nnr 
Folgendes mittheilen. Ueber Chartüm schreibt er: Die Stadt, welche noch in- 
mitten der Wustenregion gelegen ist nnd hinsichtlich ihrer Bodenverhältnisse sich 
in Ifichts von dem änfserst gesunden Schendy und Berber unterscheidet, die sa- 
dem weitlauftig gebaut, mit grofsen Platzen, zahlreichen Gärten und Dattelhainen 
ausgestattet ist, hat ihre Ungesundheit nur der mangelhaften Strafsenpolizei zu 
verdanken. Nicht dafs die Strafsen an nnd für sich auffallend unsauber sind, 
allein die ganze Westseite, auf welcher sich eine bis zum weifsen Nil gehende, 
eine Stunde breite, beim Hochwasser überschwemmte Ebene ausdehnt, bietet dem 
Auge nichts als ein endloses Schlächtereifeld. Das Blut der geschlachteten Thiere, 
das die Moslemims verachteten, rinnt in die Erde, mit Hautstücken und zahllosen 
Knochen- und Eingeweiden -Resten ist der Boden besäet, und die Leichen von 
Hunderten von gefallenen Thieren erzeugen die bösartigsten Miasmen, sobald bei 
steigendem Nil der dürre Boden in der Tiefe aufweicht und während der Regen- 
zeit die vorherrschend feucht-heifsen Süd- und Westwinde über ihn hinstreichen. 
Sobald der Nil fallt, die Trockenheit der I^uft auch allgemeiner wird und Nord- 
winde vorherrschen, schrumpfen jene Millionen von Hautstücken zusammen, die 
fetterfullten Knochen bleichen in der Sonne, während sie in ihrem Innern dio 
Keime der Malaria, welche die neuentstehende Feuchtigkeit wachruft, für künftige 
Aussaat aufbewahren. Dazu kommt, dafs auf der Westseite der Stadt auch die Be- 
grabnirsplätze liegen, von welchen aus, bei der mangelhuten Art der Anlage der 
mnselmännischen Gräber, die Luft gleichfalls verpestet wird. — Ueber den Reisenden 
Le Saint schreibt Schweinfurt, dafs derselbe, wie er von dessen Diener Francesco 
gehört hat, in Folge widersinnigen Gebrauchs von Brech-, Purgir- und Stopfmit- 
teln seinen Tod selbst herbeigeführt haben; seine Grabstätte liegt neben der 
V. Hamier's. — Schweinfurth wollte sich auf seiner Reise an den Gazellen- 
flufs anfänglich den Leuten des Scheichs Ahmed Agäth, des gröfsten Kaufmanns 
nnd Sclavenhändler im Sudan (vergl. über denselben, sowie über den Sclaven- 
handel in Chartüm unsere Zeitschr. 1867 S. 472) anschliefsen, der über 40 Nil- 
barken und 700 Bewaffnete gebietet, und seine Handelsverbindungen nicht nur 
bis zu dem Njäm-Njäm, sondern auch über Darfur, Kordufan, Fasogl, den Rachat, 
Gallabat nnd Taka ausgedehnt hat. Nach den neuesten Nachrichten vom 10. De- 
cember wird sich aber unser Reisender auf Empfehlung des General-Gouverneurs 
des Sudan, Dschiaffer -Pascha, einer Handels -Expedition des koptischen Grofs- 
bändlers Ghattas anschliefsen, welcher 30 Meilen südlich von der Maschera el 
Beq am Ba^r-el-Ghaz&l eine Faktorei besitzt Ueber den letzten an Herrn Profi 
Braun gerichteten Brief werden wir später ausführlich berichten. 

Der schon von Livingstone's erster Reise her bekannte H&nptlilLg der 
KatebeleSy Koselekatse, ist, wie der Tranmaal^Argus meldet, in hohem Alter 



78 Kleinere geognphiiche 

gestorben nnd Imt vor leinem Ende seinen Sohn Kniumaa sn seinen Nacbfolgpttr 
ernannt. Moselekatee wer, wie Fritscb (Drei Jehre in Siid-Afinka 8. 388 C) 
sclireibt, im Allgemeinen freundlich gegen die Missionare gesinnt, and besonder« 
hatte der alte Moffat, Liyingstone's Schwiegervater, bei ihm einen grofsen Stein 
im Brett, aber die angeborene und anerzogene Wildheit des Matebele's bewirkte, 
dafs die Erfolge der geistlichen Herrn bis jetzt nur gering waren. Sie durften 
im Lande umherziehen und nach ihrem Belieben schalten und walten. Sie sehaffiBn 
Qutes, so viel sie Termögen, durch Bath und That, aber die Zahl der durch ihren 
Eifer zum Christenthum Bekehrten ist wohl nur sehr gering. Ein grolser Segen 
f&r diesen Stamm, den sie allein den Missionären verdanken, ist die EinfHhrang 
der Inoculation des Rindviehes gegen die Lungenseuche, deren Erfolg sich hier 
glänzend bewiesen hat Uebrigens wird Moselekatse als ein Despot gescfailderty 
dessen Wort unabänderliches Gesetz war und dem nur zu widersprechen for seine 
ünterthanen ein todtwUrdiges Verbrechen war. Eine Reihe blutiger VemichtangB« 
kSmpfe, welche er gegen die Nachbarstämme ilihrte, hatte seinen Namen zu einem 
der gefürchtetsten in Sudafrica gemacht. 

Keineswegs günstig lauten die Nachrichten des Missionars EugO Halm 

fiber die Znstande der Missionistation Otymbingfae im Herer<5iandey 

welche in den letzten Tagen des Jahres 1868 hierher gelangten. Nachdem der 
letzte furchtbare Angriff der Namaqua's auf die Station glücklich zurückgeschlagen 
war und die Angreifer am darauf folgenden Tage fast gänzlich vernichtet worden 
waren, hatte ein anderes Streifcorp^ der Namaqua's die Niederlassung in der 
Walfish-Bai überfallen ; ein zur Züchtigung der Schuldigen in die Bai abgesandtes 
englisches Kriegsschiff hat leider nichts ausgerichtet. Unter den HereriTs selbst 
aber ist eine Reaction g^egen die Civilisationsversuche Hahns, welche nach jahre- 
langen Mühen scheinbajLvon den besten Erfolgen gekrönt waren, aufgetreten. Die 
meisten Häuptlinge, welche Otymbingue bisher als Schutzwehr gegen die Nama- 
qua's betrachtet hatten, haben die Station veriassen, so dafs dieselbe auf eine 
geringe Anzahl Vertheidiger beschränkt ist, und Hahn sich genöthigt gesehen hat, 
den nun entvölkerten Theil der Niederlassung niederzubrennen und die Verschan- 
zungen um die Wohn- und Waarenhäuser enger zusammenzuziehen. Wohl wäre 
ts wünschenswerth , dafs diesem energischen Manne eine wirksame Hülfe von 
aufsen her käme. 

Der Uebertritt der nach dem Gebiet Ssenuretechensk ausgewanderten 

Chinesen zum Christenthum macht grofse Fortschritte. Es sind bereits 700 Indivi- 
duen getauft. Die Kommune der Stadt Wjernoje wünschte eine Kirchenbrüder- 
schaft zu gründen, um den Neubekehrten eine Unterstützung zu gewähren und 
so auch den uebertritt der anderen zn fordern. Es sind auch bereits 5000 R, 
zum Bau einer Kirche und zur Anstellung eines Priesters fdr die Neubekehrten 
angewiesen. Aufserdem ist auch das Geld zum Bau eines Schnlhanses zusam- 
mengebracht worden. 



In dem an Gold, Silber, Zinn tmd Eisen so reichen Tnuisbaikalien hat 
man im Bezirk Bargusinsk in den Namaoninschen Bergen auf beiden Ufern des 



Kleinere geographiiehe Mittheflnngen. 79 

lÜTseheBa Oktonito Kvpferene in der Gestalt von Kiei, Malachit and Grfin- 
ipan, in 8tflcken bis sa 15 Pnd, anfgefunden. — Im Syr-DaiiarCtobiet lieferte 
dM am Ak-tatty-bnlak entdeckte Steinkolilenlager im J. 1868 bereits 65,000 Päd 
ftr die Aral-Flottille nnd 5000 Pud für den Verkauf; diese Grabe könnte aber, 
wenn Nachfrage wäre , monatlich 40,000 Päd liefern. Anfserdem bat man noch 
ia der N&he des Dorfes Chodsbokend, 70 Werst Ton Taschkent, nnd im Distrikt 
Kokinessai, 35 Werst von Chodsend reiche Steinkohlenlager entdeckt Desglei» 
eben worden im Gonvemement Ssemipalatinsk in der Tschagnwakowskf sehen 
Wolost anf dem linken Ufer des Irtjsch an zwei verschiedenen Stellen grofse 
Lager guter Steinkohle aufgefunden. 

Der St. Petersburger Zeitung vom Jahre 1868 entnehmen wir folgende No- 
tinn ans dem Kankftgm; Nach einem Bericht aas Kutais soll man im Flafs- 
bett des Ingur reiche Goldsandlager entdeckt haben. — Auf der Halbinsel Man- 
gischlak sind von der DampfschifHahrts - Gesellschaft „Kaukasus und Merkur' 
grofse Steinkohlenlager aufgefunden worden. Diese Entdeckung dürfte wesent- 
lich xur Entwickelang der DampfschiiTfahrt auf dem Kaspischen Meere beitragen, 
der bis jetxt die Theuerung der Brennmaterialien aufserordentlich hinderlich war; 
die Dampfer des Kaspisees gebrauchten bisher donischen Anthracit, der in Astra- 
dian auf 25 — 30 Kop. das Pud zu stehen kam und in Baku und anderen Häfen 
noch theuerer war. — 

Einer amtlichen Mittheilnng über die gegenwärtige Verbreitung der soge- 
nannten Wasserpest, Elodea canadensis Eioh. oder Anacharis Alsi- 

aastnun Bab., über welche C. Bolle in unserer Zeitschrift (N. F. XVUI. 1865. 
S. 188) einen ausführlichen Bericht lieferte , entnehmen wir Folgendes : Die 
Wasserpest, welche vor etwa 12 Jahren zuerst in den Gewässern von Charlot- 
tenhof bei Potsdam auftrat, verbreitete sich in den ersten Jahren unbemerkt in 
«stannlicher Schnelligkeit über sämmtliche mit jenen Gewässern in Verbindung 
itehenden Wasserläufe von Sanssouci und in die Havel hinein. Seit dem Jahre 
1867 erfüllt sie bereits den ganzen Lauf der Havel von der mecklenburgischen 
Grenze bis zu ihrer Einmündung in die Elbe, alle mit der Havel in Verbindung 
Mähenden €iewässer, den Finow- und Werbelliner Kanal, die Templiner und 
Lychener (rewässer, die Spree und ihre Seitenstrafsen, namentlich den Spandauer 
Kanal, den Dämritz- nnd Müggel-See und selbst die Elbe bei Neu- Werben, den 
Wittenberger Hafeui die Karthaune und Stepnitz. Ferner tritt diese Pflanze in 
den Wasserzngen vom Schwieloch- bis zum MüUroser-See und im Friedrich- WU- 
kslms-Kanal bis zum Brieskower See und im Reg. Bez. Stettin in gröfserer Ans- 
dshnung auf dem Dammschen See, vereinzelt hingegen bis jetzt nur in der Oder 
und Dievenow anf. Vom hambnrger botaniachen Garten aus, wo die Pflanze bis 
nm Jahre 1860 nur in Gefafsen im Gewächshause kultivirt wurde, hat sie sich 
in den dortigen Stadtgraben und in das Alsterbassin in grofseren Dimensionen 
fortgepflanzt Alle Mittel, welche bisher angewandt wurden, um die Wasserpest 
anszurotten, wie eiserne Harken mit langen und enggestellten Zähnen, Sensen 
•der Sensenketten etc. haben sich bisher als unzureichend erwiesen. Es steht 
tber SU erwarten, dafs man gegen das Ueberhandnehmen der Verkrautung anserer 



80 Kkuiera geogn^hische Mitthofliuigwi. 

QewAiser energUcher vonchreiteD wird, «obald et geUagt» der V«rw8rtli«Bg dieser 
Pflanie fOr Dnngtwecke allgemeineren Eingang bei den Laodwirthen sn ver- 
scbAffeo. Der Vortheil, welchen man sich Ton der dichten Beetockmig der 
Fflante for da« Laichen der Fische Tersprach, hat eich keinesweges heraaageeteUt. 

Bekanntlich eind nach dem Krimm-Kriege circa 200,000 Tataren und Nogaier 
ani dem OonTemement Tannen nach der Dobmdscha aasgewandert In Folg» 
dessen ist der Kreis Enpatoiia derartig rerödet, dafs die Industrie dieeea wich- 
tigen Handelshafens Tollkommen damiederliegt. Qanse Reihen Ton Magmainett 
sind geschlossen, in denen vor Kurzem noch ein so reges Leben herrschte. Et 
ist daselbst kein Krankenhaus, kein Asyl für Arme und Waisen, keine gute Schule 
vorhanden, weil es an Mitteln fehlt, diese Listitnte zu erhalten« Die neuen An- 
siedler sind kaum im Stande, sich zu ernähren; die Steuerrückstande sind bei 
ihnen sehr bedeutend, die Getreideschulden bis zu einer enormen Höhe gewaeheen. 
Die Gutsbesitzer leiden durch den Mangel an Arbeitskräften und können die 
Rückstände, die bereits die vierfache Höhe des Steuerbetrages erreicht haben, 
nicht bezahlen. Es scheint, dafs die Regierung, welche bereits grofse Kapitalien 
zur Colonisirung- der verödeten Ländereien verausgabt hatt jede Hoffnung, durch 
Kolonial rang das Wiedererblühen jener Länderstriche hervorzurufen, aufgege- 
ben hat. 

Ueber die Ausdehnung des Erdbebens in Califomien bringt der «Califomia 
Demokrat" vom 27. October 1868 mehrere detaillirte Artikel, aus welchen her- 
vorgeht, dafs die Erschütterangen vom 21. October nicht nur in San Francisco, 
sondern an vielen Punkten Californiens sich bemerkbar machten und bedeutende 
Zerstörnngen an Gebäuden verursacht haben, während die Zahl der Getödteten 
und Verwundeten nur eine geringe ist. In San Francisco trat der erste Erdstofa, 
welcher an Heftigkeit den vom 8. October 1865 bei weitem übertraf (vgl. unsere 
Zeitschr. 1866. S. 79), um 6 Minuten vor 8 Ühr morgens mit einem donnerihn- 
lichen Getöse ein; 42 Secunden währte die wellenartige Bewegung des Erdbo- 
dens. Um 9 Uhr 23 Minuten erfolgte, gleichfalls in der Richtung von SO nach 
KW, eine zweite, 5 Secunden dauernde Erschütterung, um 10 Uhr 23 Min. eine 
dritte, kurze und gegen 11 Uhr eine vierte leichte Bewegung. Die Zerstörung 
fand hauptsächlich im östlichen Theile der Stadt statt, wo die früheren Sumpf- 
gegenden ausgefüllt worden sind und die Gebäude auf unsicheren Fundamenten 
ruhen. Auch die im Hafen ankernden Schiffe verspürten die Erschütterang, 
welche sich muthmafslich 10—15 Meilen in die See hinaus erstreckt hat. Drei 
hohe aus dem NW aus ruhigem Wasser sich erhebende Wellen brachen sich an 
der Küste, begleitet von einem aus dem Wasser aufsteigenden, rollenden Schall. 
Sonst wurden die Gewässer der Bai, ebensowenig wie der Flufs, nicht bemerkbar 
erregt; die Fluthmesser an den Govemements-Islands zeigten kein ungewöhnliches 
Steigen der Fluth an. Mehr oder minder bedeutend war der Verlust an Eigen- 
thum an anderen Punkten Californiens. Aus Alameda County, Brooklyn, San 
Leandra, San Jos^ Santa Clara, Gilroy, Santa-Cruz, Sacramento, Oakland, San 
Bafael, Petalnma, Santa Rosa, Healdsburg, Woodland, Centreville, Spmles Lan- 
ding, Grass Valey, Sonora, Redwood, San Juan, Martinez, Mare Island, Marys- 



Kleiaere g«ograplüich« MitfheHungen. 31 

fiOe li«gen Berichte vor, ans denen die weite Verbreitung und zerstörende "Wlt- 
knng der wenige Minuten vor 8 Uhr Morgens erfolgten Erdersehfitterung hervor- 
geht. In Heywood hat sieh quer durch die Stadt eine Erdspalte geöffnet, welche 
nA von dort ans 9 engl. Meilen weit hiuEiehen soll; $0 Erdstofse wurden von 
8 Uhr frfih bis cum Abend yerspllrt, und hier wie an vielen anderen Orten brachen 
Qn^en und Wasserst^me ans dem Erdboden hervor. 

Entdeckungsreisen in West-Anstralien. Nach der Aussage der Ein- 
geborenen soll sich im noch unerforschten Osten von West- Australien ein grofser 
EInfs befinden. Obgleich man im Allgemeinen auf derartige Berichte nicht viel 
geben darf, da die Eingeborenen solche oft verbreiten, um sich kleine Geschenke 
m erschleichen, so haben sich doch im September vorigen Jahres zwei Partien 
aof den Weg gemacht, um diese Sache aufzuklaren und um Überhaupt, so weit 
es möglich, in den Osten vorzudringen und dessen Kenntnifs zu erweitem. Die 
eine Gesellschaft ging unter der Leitung des Btfr. J. H. Monger von York, und 
die andere, angeführt von Mr. N. W. Cooke, vom Irwin River ab. Eine dritte Com- 
pagnie war gleichzeitig noch mit ihrer Ausrüstung beschäftigt» hoffte aber schon 
hl der nächsten Zeit die Reise in den Osten antreten zu können. Der Plan des 
Dr. Neumayer, den Continent Australiens von Westen nach Osten zu durchkreuzen, 
wurde in Perth sehr freudig begprufst, und kann auf jede Unterstützung von dort 
aas bereitwilligst gerechnet werden. — ff — . 

Die Colonie Victoria besitzt ein Areal von 55,644,160 Acres oder 
80,944 GMfles, mit einer Bevölkerung (am 30. Septbr. 1868) von 675,000 Seelen. 
Die City of Melbourne mit Vorstädten zählt bereits 170,000 E. Von diesem 
Areal waren, nach offiziellen Berichten, zu Anfang 1868: Freies Eigenthum 
7,710,438 Acres; zu Agriculturzwecken waren für eine jährliche Rente von 2 und 
S( ah. pro Acre verpachtet: 2,699,758 A. Goldfelder: 226,150 A. Land, als 
Conkmonage besessen, hauptsächlich um die Goldfelder herum: 1,845,444 A. 
Weideland, für die jährliche Rente von 2,07 d. pro Acre an die Squatters 
verpachtet: 20,848,628 A. Unbrauchbares Land, von den Squatters in Veri>in- 
dang mit dem Vorigen besessen 6,850,000 A. Noch nicht verwandtes Land (toaste 
AmA) 15,463,747 A. Total 55,644,160 A. —ff—. 

Bin gefährliches, den Schiffern bisher noch unbekanntes Sandstein- Biff 
itl sechs Miles östlich von King's Island (nordöstlich von Tasmanien) 
aafg«fianden worden. Der nördlichste Punkt desselben liegt 4i Miles östlich von 
dem Sea Elephant Rock, von wo es sich dann mehrere Miles nach Süden hin- 
deht. Die seichteste Stelle hat eine Tiefe von 22 Fufs, und herrscht bei unge- 
stSmen Wetter auf dem Riffe und in dessen Nähe eine sehr gefähriiche See. 

— ff—. 

Fleasant Island und die Frovidence- Inselgruppe. Der Dampfer 

Aibion, welcher am 12. Mai 1868 von Sydney nach Yokohama (Japan) abging 
and diese Strecke — 5824 Miles — in 32 Tagen zurücklegte, lief auf dieser 
Toar am 2. Juni, des Wassers wegen, bei der kleinen Insel, genannt Fleasant 

Z«itaohT. d. GMeUseta. f. Brdk. Bd. IT. ^ 



g2 Kleinere geogn^hiedie liittheiliincco, 

Itlend, ein, welche Ton Wellfifchfehrern öftere beencht wird. Bin Pueegler 
schreibt Folgendes: 

»Eine groise Ansahl der Insnlaner kam an nnaer Schiff, nnd wir fimden eie 
in der Thal nicht so diebisch nnd boshaft, wie sie von dem Cafiitin des Wall- 
fischfahrers Bantipole unlängst im «Melbonmer Argos* geschildert wnrdML Wir 
waren nicht wenig erstaunt» unter ihnen auch swei WeidBC zn sehen, welche eich 
schon seit Jahren auf dieser Insel aufgehalten nnd mit ihrem Loose ganz zu* 
frieden zn sein schienen. Die Eingeborenen waren von kräftigem Baue, geftUigen 
Formen und hellgelber Farbe, und hatten ihr Haar theils schlicht, wie da« der Bia^ 
laien, theils gekräuselt, nach der Art der Papuas. Sie waren aufs Handeln un- 
gemein erpicht, das aber nur ein Tausch war, da sie den Gebrauch dee Goldes 
nicht kannten. Nach Aussage der beiden Weifsen waren dort seit dem 1. Januar 
1868 17 Walfischiahrer eingelaufen. Die Lage der Insel, welche auf den Kar- 
ten als zweifelhaft angegeben ist, bestimmte der Capitän^ auf der Westseite, da- 
hin, dals die Länge 167'' 0' 50" O. Gr. und die Breite O"" 30' S., also einige 
Miles südlicher, als bisher angenommen ward» beträgt. 

Am 6. Juni kam die Providence Inselgruppe in Sicht, und näherten wir uns 
derselben auf ungefähr 8 Miles. Der Name ist einem Schiffe entlehnt, welches 
sie zuerst auffand. Man braucht jetzt nicht mehr an ihrer wirklichen Ezistena 
zu zweifeln, da sie von der Brown's Gruppe völlig verschieden ist Sie besteht 
aus einer Reihe von Inseln» welche in einer O S. 0. u. W. N. W. Richtung, in 
der Länge von 25 Miles, ausgestreckt liegen. Der Capitän suchte mit grölster 
Genauigkeit die Lage dieser Inselgruppe zu bestimmen nnd ergab sich für das 
westliche Ende derselben als 161^ östl. Lg. Gr. und als 9*^ 35 nördl. Br. Damach 
wären diese Inseln bisher ungefähr 15 Miles zu weit westlich angegeben worden. 

— ff—. 

Heno Karte des St. Vincent'f Golf. Der Commodore von H. M. s. 

Beatrice, Mr. Hutchison, war beordert, den St. Vincent's Golf (Süd -Australien) 
einer abermaligen, sorgfältigen Vermessung und Sondirung zu unterwerfen. Der 
Theil der Arbeit, welcher die Küstenlinie von den Hummocks bis Glenelg, in 
der Länge von 175 Miles, umfafst, ward Ende Juli 1868 vollendet, und ist dar- 
über eine Karte in zwei Exemplaren angefertigt, von denen das eine an die süd- 
australische Regierung und das andere an die Admiralität in London eingeschickt 
wurde. Die weitere Veröffentlichung ist ohne Verzug in die Hand genommen 
und dürfte bald erfolgen. 

Es wird von Kennern versichert, dafs die Arbeit ein kartographisches Meister- 
stück im wahren Sinne des Wortes sei, und jeden Capitän in den Stand setze, 
den Golf mit gröfster Sicherheit zn befahren. Der Maafsstab, welcher zu Grunde 
gelegt wurde, ist I Zoll auf die nautische Meile, und die Länge ward durch 
Triangulation nnd mit Hülfe des Chronometers festgesetzt. 

Commodore Hutchison fand, dafs im Allgemeinen die früheren Bestimmun- 
gen des Capitän Flinders aufserordentlich correct waren, wiewohl hier und da 
doch manche bedeutende Irrthümer sich voxTanden. So z. B. ist die Lage von 
Black Point entschieden unrichtig angegeben, ebenso die Bezeichnung «shoals 



Literatur: F. F. t. Dfleker: VorgeMhkhtiiolie Bpnren des Menschen etc. 83 

laddenly* bei Trovlnridge Hill, da das tiefe WaMer &st bis ans Ufer reicht. 
Auch bei Glenelg in Holdfiut Bay ist die See an der Käste entlang Tiel tiefer, 
als Capit&Q Flinders angab. 

Die weitere Vermessung nnd Sondirang der Kaste yon Glenelg ab wird Mr. 
Hatehison im n&chsten Jahre fortsetzen. — ff. — . 



Neuere Literatur. 



Vorgeschichtliche Spuren des Menschen am Wege nach Rügen und auf der 
Insel Bägen selbst. Vom Berg* Assessor Baron F. F. y. Duck er. Ber- 
lin (Stargardt, in Conm.) 1868. 8. (i Thlr.) 

Der in Erforschung unserer yaterländischen Alterthümer yorgeschichtlicher 
Zeit unermüdliche Verfasser untersuchte zunächst im Juli 1868 die Pfahlbauten 
am Poplow-See bei Prenzlau, 11 Meilen nordöstlich yon Berlin. Ein Lager- 
platz der Pfahlbaubewohner über 200 Schritt lang und 100 Schritt breit am See- 
nfer enthielt Kjökkenmödding in einer Stärke yon 5 — 6 Fufs lang; darin 
neben zahlreichen Feuersteingeräthen und Topfscherben gespaltene Knochen yom 
Bind, Hirsch; Reh, Ziege; Schaf und Wildschwein, häufig auch yom 
Torfschwein (Sus palustris), dessen Reste genau mit denen aus dem Küchen- 
schutt yon der Herrn y. Waldaw-Reitzenstein gehörigen, im Lübbens-See bei 
Konigswalde , 8 Meilen nordöstlich yon Frankfurt a. O. , belegenen Inseln über- 
einstimmen. Die Pfähle sind zum Theil noch mit Querhölzern yersehen, meist 
ans 6 — 8 Zoll starkem Eichenholz yon schwarzbrauner Farbe und an der Luft 
lerspringend ^). Ueber dem Pfahlbau liegt ein Hügel yon 12 — 14 Fufs Höhe, 
im Wesentlichen aus Kjökkenmödding bestehend, der so viel Knochen liefert, 
dafs seit längerer Zeit Knochensammler von dort aus Knochenmühlen mit Mate- 
rial yersehen. Ein unvollständiger Menschenschädel ebendaher zeigt eine 
lehr kleine Wölbung. Eine zweite Insel des Sees enthält ähnliche Abfallhaufen. ^ 
In dem südöstlich vom Potzlow-See belegenen Ob er-Ueck er untersuchte Verf. 
sodann eine kleine kranzförmig umwallte, dem Grafen Arnim -Boitzenburg ge- 
körige Insel. Der Wall, von 12 — 14 Fufs Höhe, besteht aus gebrannten, theils 
verschlackten Ziegelmassen einer höchst eigenthümlichen Art, welche ursprünglich 
so stark mit Schilf durchmengt ist, dafs sie nach dem Brennen zum Theil hin- 
länglich leicht und porös wurde, um auf dem Wasser zu schwimmen '). Einige 



'} In gleicher Weise sind mir alle Reste von Eichenstämmen, die ich im Früh- 
jthr 1868 aus den untermeerischen Wäldern der Nordsee bei Sylt gewonnen habe 
(zum Theil in kleine Stücke) zersprungen. 

*) Die gröfseren Gewichtsteine aus den von mir anfgefbndenen Sylter Kjokken- 
modding^m bestehen ebenfalls aus einer ursprünglich mit Schilf gemengten Thon- 
messe. Der Wilde war zu dieser Mischung gezwungen, da er auf andere Weise 



84 Neuere literalW! 

gleiche Ziegelrette fSand Vert am Fofdow- nad H. t. Waldaw im Lftbbeni-See. 
£• eclieiiit hiemeehi bemerkt Verf., dalf dieae Ziegeiert mit eingeknetetem Schilf 
■choB Ton nnBeren halbwilden Vorfahren angefertigt worde «nd dafa anf der 
Inael eine Befeatignng lag, in deren Mitfee die Horden lagerten. Sehliefalich wurde 
sie durch Fener sentörti der Lage nach eoU der Bnrgwall 7 Jahr gebrannt 
haben. — Auf Bfigen, dem Verf. nur einen flüchtigen Besuch schenken konnte, 
entdeckte er an der Hochstrafse xwischen Bergen nnd Sagard, nahe der Lfitzower 
Fihre, swei sehr ausgedehnte Torgeschichtliche Lagerplätze mit Aschen- nnd 
Abiallmassen von 1 — 2^ Fufs Dicke, in denen Feuersteinsplitter, sehr rohe Stein- 
messer und Topfscherben gleicher Beschaffenheit vorkommen. — Die ber&lun- 
teste Alterthfimer- Sammlung, die wohl bekannte des Qastwirths Schepler xn Sa- 
gard, ist fOr Bügen yerloren, indem Herr Alfred Oraser in Berlin dieselbe kfin- 
Uch für 2000 Thfa*. angekauft hat. Nicht übergangen werden darf sehlierslieh 
eine Bemerkung, die Verf. bei Besprechung der Todtenumen des sehr reich- 
haltigen und sehenswerthen Stralsunder Museums macht: »Es interessirte mich 
im höchsten Qrade su sehen, ^a ihre menschlichen Beste genau mit deigenigen 
fibereinstimmten, welche ich iü gleichartigen Urnen bei Saarow, unfern Forsten- 
walde, sowie bei Königswalde und Schönow im Kreise Stembeig gefunden hatte 
nnd welche femer im Berliner Museum au sehen sind. Es findet sich in den 
Urnen nämlich nicht etwa Asche, wie dies meistens ersählt wird, sondern es sind 
•eharfkaatige, serschlagene Knociiensplitter darin, welche swar meistens die Ein- 
wirkung der Wärme durch eigenthümliche Zerberstung erkennen lassen, dagegen 
aber selten daa Ansehen des eigentlichen Verbranntseins seigen. Deutliche und 
vorherrschende Asche habe ich noch in keiner Urne gefunden; die kleinen 
Ceremonie- Urnen sind meistens nur mit Sand und Erde gefüllt. Die Ausfüllung 
der groben Urnen bildet, aufser den Knochensplittern, ebenfalls Sand oder Erde. 
Die Kttochenreste aa und für sich stammen sehr hanfig von Kindern oder doch 
Ton jugendlichen Individuen her, und seigen durchweg auffallend kleine Dimen- 
sionen. Die gute Erhaltung der Knochen, die scharfkantige Form derselben nnd 
namentlich der Umstand, dafs alle Röhrenknochen sind, haben mich auf den 
Gedanken gebracht, dals unsere Vorfahren die betreffenden Leichen, mochten 
diese nun von Kriegssfigen oder von Opfern oder von sonstigen Mordthaten her- 
jtammen, nicht eigentlich verbrannt, sondern vielmehr gebraten, abgegessen und 
bezüglich der Knochenreste in Urnen bestattet haben [?]. Ich will diese Auf- 
fassung noch nicht positiv hinstellen, doch kann ich aus meiner eigenen Samm- 
lung hunderte von LSagssi^ittem, von Röhrenknochen als Belege vorzeigen, und 
die Gleichmafsigkeit der Reste in den meisten Urnen norddeutscher Proyinzen 
vermag ich mir auf andere Weise nicht wohl zu erkliuren. Hinzufügen kann ich, 
dafs Herr Prof. Carl Vogt, mit dem ich über diesen Gegenstand sprach, sich 
dieser Erklärungsweise zuneigte.* E. Fried el. 



des Bersten grdfserer Thonmassen im Feuer zu verhüten noch nicht verstand. Bei 
den Wilden, welche bereits Getreide bauen, findet sich häufig Stroh zu diesem 
Zwack verwendet. 



I 



Ludwig BayensteiA: 8p«cklkarte ron Deutschland etc. %^ 

Lndwig Ravenstein. Specialkarte ron Dettttcblaad , der Schweis und be- 
nachbarten Ländern. 12 Bl. Hildborghausen (BibL Inst.) 1868. 4 TUr. 

Isa MaaÜBStabe too 1 : 850,000 ansgelHhrt reicht diese neue Karte von Am« 
Herdajn, Lfittieh und Genf im Westen bis Königsberg, Warscha« nnd Siegedla 
>m Osten» seigt im Süden den gansen Polanf Ton Turin bis som Iteere «nd im 
Norden auf 3 Belbfiistchen 1^ und 3^ die Ünfsersten Besitsnngen Pkeufsens gegen 
Diaemark nnd Bufsland hin, eine Einrichtung, welche allerdings dnrch das theil- 
weise Hinansgreifen über den oberen und östlichen Rand und die Beechr&nkuBg 
in Westen, wo die Bhfiinm ttndungen fehlen, kein Töllig befriedigendes Oesammt* 
bild gewähr^ und beweist, da(s die ganse Anlage der Karte nur auf das Deutsche 
Bundesgebiet ror 1866, für welches NordscUeswig und Ostpreufsen entiMhriich 
tthienea, berechnet war. Die Situation und die Schrift, sehr sauber in Kupfer 
gestochen, lassen nichts an Deutlichkeit tu wünschen übrig. Die einsefaMtt 
Buchstaben sind elegant und gefällig; die Namen, auch wo sie dichter stehen, 
wie in den rfaeinisehon Grubenbeairken und in Saclipen, geschickt gestellt, 8o 
dals nirgends der Klarheit Abbruch geschieht, und selbst ein schwaches Auge 
ohne Mühe bei Lampenlicht die Karte benntien kann. 

Das in Farbendruck ausgeführte Kolorit ist gut gewählt und läfst susam- 
mengehörige Gebiete stets erkennen; bei einer grofsen Menge von EndaTen in 
Mitteldeutschland ist der Name des besitsenden Staates hinzugefiigt, was die Be» 
nutzung wesentlich erieichtert — Die (Frühjahr 1868) im Betriebe befindlichem 
und im Bau begriffenen Eisenbahnen sind alle eingetragen; dagegen die sahlrei- 
chen, oft wechselnden Projecte übergangen, — und das ist nur zu loben. 

Schade, dafs wir uns nicht in gleichem Maafse mit der Ausfuhrung des Ter- 
rains einverstanden erklären können, da es zu wenig Ausdruck besitzt, höhere 
Berge nnd Hügel mit gleicher Strichstärke angiebt and namentlich die höchsten 
Erhebungen unserer deutschen Mittelgebirge in den Hintergrund drängt. 

Ohne beigefügte Namen wären Feldberg und Blauen, Brocken nnd Insels- 
berg schwer zu finden. Das tiefe. Thal der Zschopau mit seinen steilen Seiten- 
wänden ist nicht viel anders behandelt, als das offene der Mulde bei Leisnig und 
Grimma. Der Zobten erscheint fast doppelt so hoch, als die um 850 Fnfs höhere 
Eule. Eben so verdienten Taunus, Rhön, Westerwald stärkere Hervorhebung. 
Im Tiroler Samthai ist die östliche Thallehne, deren Abfall eben so schroff ist, 
wie die der westlichen, um vieles schwächer behandelt, so dafs der Charakter 
dieses tief eingeschnittenen Engthaies verwischt wird. 

Sonst aber ist die Karte in jeder Hinsicht zu empfehlen •— und ihr billiger 
Preis sichert ihr auch eine weitere Verbreitung. Wir wünschen ihr eine baldige 
zweite Aufiage und bitten dann um Berichtigung einiger Fehler, die uns beim 
Durchsehen aufgestofsen sind. 

Leoni am Stamberger See liegt nicht nördlich, sondern südlich ron Schlofs 
Berg; das Hummelschlofs nicht südlich, sondern nördlich von der Lewin- 
Reinerzer Chaussee. Statt Liebegöricke (im Oderbruch) ist Lietzegöricke, 
Hblü Stralepitz (im Spreewald) Straupitz, statt Patzauner Thal (in Vorarlbeig) 
PatznaunerThal zu lesen. Station O e y n h an s e n ist als Stadt zu bezeichnen . 
bei Userin ein Stück Havel nachzutragen. Im Luxemburger Gebiete (deutsch 



gg Neaere Lltenitar: 

Lfitsenbarg nach der noch im yorigen Jahrhunderte gebräuchlichen Form, nicht, 
wie gestochen ist, Lützelbnrg), dessen Landvolk noch durchaus den rheinfr&n- 
kischen Dialekt spricht und nichts vom Französischen versteht, begegnen wir 
einer seltsamen Mischung von deutschen und franadsisehen Formen (wenn aach 
nicht so arg, wie in der Karte des preufs. Handelsministeriums}: was aoUen 
Rnmelange, Redange, Sonlez» Noertzange, Fentange, Bonneroye, Bertrang^ neben 
Pettingen, Frisingen, Lintgen etc.? •— ist doch im Elsafs und Deutsch -Lotiunii- 
gen die deutsche Schreibart mit Recht fast ganz durchgeführt, bis auf wenige 
Ungleichheiten, die wir in Zukunft rennieden wünschten, z. B. Doaimemarie statt 
Damerkirchf St, Croix statt Heiliffenhreuz, Ckdtenois statt KeaUnkolz^ la Liepvre. 
statt LeheraUf F4Mtrange statt Finstm^enf Saarburg neben Sarrebcurg als erst 
abstrahirte aber irrige deutsche Form BtkU Saarbrück oder KaufinannS'Scarbriick^ 
wie der Name zum Unterschiede von der gleichnamigen jetzt preufsischen Stadt 
noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts allgemein geschrieben wurde. 

Auf die anscheinend kleine Verbesserung von Samtheim in Samthein 
legen wir Werth, weil man durch erstere Schreibung veranlafst werden kann, 
Sfoit-heim zu sprechen, während der Ort Sam-theln heilst. Die Farbe von La- 
beck mufs über den ganzen Dassower See und das Pötnitzer Wjck ausgedehnt 
werden, da der Stadt darüber Hoheitsrechte zustehen. Auch wäre es wünschens- 
werih, die Schönburg'schen Recefsherrschaften im Königreich Sachsen anzugeben, 
so lange sie noch mit ihren eigenen Justizämtem und ihrem Kanzleidirector, so 
zusagen, einen Staat im Staate bilden. B d. 



Gsell-Fels und Berlepsch, Süd -Frankreich und seine Kurorte. Hildbuig- 
hausen (Bibliograph. Instit., Meyer's Reisebücher) 1869. XXVII, 748 S. 
mit 18 Karten und 21 Stadt -Plänen von L. Ravenstein. 5 Panoramen 
und 25 Ansichten von P. Ahrens. 8. {3 Thlr.) 

Wiederum ist die bereits ansehnliche Reihe deutscher Reisebücher durch 
eine neue Erscheinung bereichert worden, auf welche wir um so lieber aufmerk- 
sam machen, da dieselbe den Namen Berlepsch's, der durch Herausgabe einer 
Anzahl, in demselben Verlage erschienener gediegenen Reisebücher sich bereits 
vielfach bekannt gemacht hat, an ihrer Spitze trägt. Durch das Thal der Rhone, 
durch das südliche Frankreich westwärts bis zur Mündung der Garonne, in die 
Pyrenäenthäler, durch das französische Litorale des Mittelmeeres bis zur Riviera 
di Ponente geleitet uns dieses Handbuch, und schwerlich dürfte uns dasselbe 
irgend einen Ort, irgend ein Monument von einiger Bedeutung vermissen las- 
sen. In wie weit freilich die für ein solches Buch nothwendigen Empfehlungen 
von Hdtels etc. überall den Erwartungen der Reisenden entsprechen werden, 
müssen wir denen überlassen, welche mit diesem Reisebuche in der Hand 
jenen an Naturschönheiten und historischen Monumenten so reichen Boden als 
Tonristen betreten oder zur Herstellung ihrer Gesundheit irgend einen Ort des 



68 6ll-Fel8ii.Berlepsch: Sfid-Fimtikreich. Wichnra: AiuyierWaltÜieileiL 87 

flfidlicheii FIrankreiebfl zu einem l&ngeren Anfentbalt wählen. Für die letstere 
Kntegorie ron Reisenden dürften aber die ron Dr. Gaell-Fels bei den klima- 
tischen Knroiten eingeftigten klimatologischen Tabellen, sowie die Analysen der 
Ifineralqnellen in den Pyren&en von besonderem Werth sein. Sicherlich wird 
diese Bereichemng unserer Reiseliteratnr mit ihrer reichen Ausstattung an sau- 
beren Städteplänen, Panoramen und Ansichten allen Deutschen, welche ihren 
Wanderstab nach Sud -Frankreich richten wollen, ein willkommener Begleiter 
sein, und gewifs wird der Verf. allen denen su Dank verpflichtet sein, die ihn auf 
etwaige Mängel, die sich doch nur durch eigene Erfahrungen herausstellen können, 
aufmerksam machen werden. Der Mejer'scben Buchhandlung möchten wir aber 
hier, wie schon früher von uns geschehen, den Wunsch an's Herz legen» mehr 
Sorgfalt auf die Ausführung der kartographischen Beilagen su verwenden. Ein 
jeder, der die ziemlich kostspielige Reise in das südliche Frankreich unternimmt, 
wurde gewils gern bei einer sauberen kartographischen Ausstattung des Buches 
statt 3 Thaler etwa 3^ Thlr. erlegen. — r. 



Aus vier Welttheilen. Ein Reise -Tagebuch in Briefen von Max Wichura' 
Breslau (Morgenstern) 1868. VII, 456 S. 8. (Mit dem Portrait des 
Verf.) (2| Thlr.) 

Gleichsam als Schluls der von verschiedenen Mitgliedern unserer ostasia- 
tischen Expedition veröffentlichten persönlichen Erlebnisse und Beobachtungen 
wird uns hier eine Reihe von Briefen geboten, welche eines der befähigtsten 
Mitglieder der Expedition, der leider inmitten der Ausarbeitung der botanischen 
Ergebnisse der Reise durch einen jähen Tod im Jahre 1865 uns entrissene 
Regiemngsrath Max Wichura, während seines Aufenthalts in vier Welttheilen 
an seine Mutter gerichtet hat Erscheint es auch mitunter gewagt, derartige 
Reisebriefe su veröffentlichen, namentlich wenn dieselben, unter den mächtigen 
Eindrucken stets wechsehnder Erscheinungen geschrieben, ursprünglich wohl nicht 
für den Druck bestimmt waren und die überarbeitende Hand des Verf. ihnen 
fehlt, 80 müssen wir doch in diesem Falle gestehen, dafs es ein Unrecht ge- 
wesen wäre, die Publication dieser Tagebücher uns vorzuenthalten, und wir sind 
deshalb dem Bruder des Verstorbenen, dem Hauptmann A. Wichura, welcher 
sich der Veröffentlichung derselben unterzog, zu besonderem Dank verpflichtet 
Freilich finden wir, wie nattiriich, auch. in diesen Briefen so manche Wieder- 
holungen der bereits von anderen Mitgliedern der Expedition geschilderten land- 
schaftlichen und ethnographischen Bilder; aber es tritt bei Wichura's Schilderun- 
gen ein anderes, wohlthnendes Element hinzu, nämlich die lebensfrische Beob- 
achtungsgabe des Naturforschers, durch welche er seinen Skizzen, vorzugsweise 
aber seinen Vegetationsbildem , ein eigenthümliches Colorit zu geben weifs. 
Führte doch den Botaniker sein Pfad oft abseits von den grofsen Strafsen, wo 
inmitten einer üppig wuchernden Vegetation seinem Ange sich die Schätze der 
Tropenwelt erst erschlossen. Aber auch für alle ethnographischen Verhältnisse 



seigl der Verl ein gleich offeaee Ange» «ad des feine QefÜkl für Knast» weleiMe 
sich aemeaüich in den setnea Briefen eiagestreuten mnsikaUsclien Bemerkung«» 
ausspricht» gewehrt, den früheren PnbUcationen fiber die Expedition gegeafiber, 
einen eigenen Reit. Möge durch diese Briefe des ehrende Andeakea «a den 
80 frfih Dehiageschiedeaen aoch in weiteren Kreisea wteh erhaltea werdea. — r« 



G. Theo bald nnd J. J. Weilenmann, Die Bader von Bormio und die sie 
umgebende Gebirgswelt. 1. Thl. Landschaftsbilder, Bergfahrten nnd nator- 
wissenschaftliche Skixzen. . St Gallen (Scheiüin nnd Zollikofer, in Comm.) 
1868. 146 S. 8. (16Sgr.) 

Wer Ton Trafoi kommend anf der neben den ewigen Gletschern nnd Elrnoi 
der Ortlergmppe in Zickzack ansteigenden Konststralse die PaTshöhe des Stüfter 
Joches erreicht hat nnd abwärts, bei der ersten italienischen Grenzwache, der 
Cantoniera St* Maria, vorbei, der allmälig in das Veltlin sich senkenden Chanss^ 
gefolgt ist, wird sich wohl des grofsartigen Eindmckes erinnern , den da, wo die 
von NW. kommende Adda ihren Lauf südwärts lenkt, der erste Blick auf das 
inmitten grünender Matten und Gärten liegende Bormio hervorruft: ein paradie* 
sisches, von lauen Lüften durchwehtes Thal inmitten einer grofsartigen Alpen* 
weit, die sich terrassenförmig um dasselbe aufbaut. Bis in die graue Vorzeit 
hinauf reicht der Ruf von Bormio's Heilquellen, welche aus den in das Addathal 
sich herabsenkenden Dolomitfelsen hervorbrechen; mahnen doch die malerisch 
gelegenen, bnrgarttg gruppirten Gebäude, welche mit dem Namen der bagni vecclii 
(4460 Par. Fufs) bezeichnet werden, noch in ihren änfserea, sowie in ihrer inneren 
Einrichtung an längst vergangene Zeiten, Südlich von diesen Anlagen bat 
aber die Neuzeit auf dem hügeligen Plateau zwischen der Stra&e und dem Ab-^ 
hange gegen die Adda eine neue, allen Anforderungen auf Comfort genügende 
Bäderanlage, die bagni nuori (4125 Fn£i), geschaffen, deren Lage an der Grenie 
der Alpenregion gegen das Cnlturland den Vortheil bietet, dafs dieser Punkt 
nächst den wohlthädgen Wirkungen der Heilquellen, durch seine frische, kühle 
Alpenluft gleichzeitig sich als klimatischer Kurort empfehlen dürfte. In die 
Reize dieses Thaies und der dasselbe umgürtenden Alpenwelt führen uns die 
oben genannten Skizzen Theobald's und Weilenmann's, und der Name des ersteren 
leistet wohl schon hinlängliche Bürgschaft, dafs uns hier mehr and Gediegeneres 
als in gewöhnlichen Reisehandbüchern geboten wird. Von ihm sind die land* 
schaftlichen Skizzen aus der Umgebung von Bormio, die kurzen zoologischen 
Notizen, sowie die treffliche geologische Cebersicht, welche in ihrer klaren Dar» 
stelltmg selbst den Laien in das Verständnifs des Baues dieser vom Engadin her* 
überstreifenden Partie des grofsen Kalkgebirges einzuführen vermag. Für rüstige 
Gebirgswanderer, deren Wünsche und Kräfte höher streben, als die Erreichung 
der äufsersten Vegetationsgrenzen, hat Weilenmann eine Anzahl Bergfahrten in 
der Umgebung von Bormio: die Besteigung des Cima di Gobbetta, des Monte 
Confinale, der Cima di Piazzi, des Ortler und der Königsspitze hinsnnigt, welche 



O. Tkeobftld und J. J. WeiUnmann: Die Bftder von Bormio. 89 

bk ihrer «nspreehenden Sehildenmg wohl in manchem Wanderer die Lnat cn 
dner WalHhhrt nach den lehnee- nnd etsbedeekten Gipfeln dieser Bergriesen 
erwecken darften. Dem Reisenden, welchem die beigeftgte Karte vielleicht sn 
Uein erseheinen scAte, empfehlen wir die im Mafsstebe von 1 : 200,000 nach 
den Generalstabsanfiiahmen heransgegetoene Tonristenkarte der ostrhätischen Kur- 
orte, insbesondere der Bäder von Bormio, welche in der topographischen Anstalt 
von Wnrster, Randegger A Co. in Winterthnr erschienen ist und allen Anfor- 
demngen an Cebersichtlichkeit nnd Dentlichkeit entspricht — r. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

vom 5. Dezember 1868. 

Der Vorsiiiende, Herr Bastian, überreicht die Geschenke nnd begleitet sie 
mit eingehenden Bemerkungen. 

Hierauf hilt Herr Baeyer einen Vortrag über die Arbeiten des Central- 
bvrean's der europaischen Gradmessung, von welchem Folgendes die Hauptpunkte 
sind. Das Personal der PreuTsischen Gradmessnngs-Commission ind. des Cen- 
feralbnrean's besteht gegenwärtig, unter dem Vorsits des Bedners, aus den Herren: 
Prof. Dr. Peters, Director der Sternwarte in Altena, Prof. Dr. Wittstein in Han- 
nover, Prof. Dr. Schering in Göttingen, Prof. Dr. Börsch in Cassel, Prof. Dr. 
Bmhns, Director der Sternwarte in Leipzig, Prof. Dr. Sadebeck, Dr. Bremiker 
nnd Dr. Weingarten. Die vier letztgenannten Herren bilden das Centralbnreau 
un engeren Sinne und haben nach Bedürfnifs fünf bis sechs Gehülfen zu ihrer 
Diaposition. Director Bmhns hat seit dem Frühjahre die Leitang der astrono- 
mischen Arbeiten des Centralbureau's übernommen, nachdem sie der Director der 
Kgl. Sternwarte zn Berlin, Prof. Dr. Förster, überhäufter Gesch&fte halber, nie- 
dergelegt hatte. I. Praktische Arbeiten von 1866. A. Hanptdreiecke. In Hol- 
stein hat Prof. Peters die Punkte der Schuhmacher'schen Gradmessung, die ver- 
loren gegangen waren, wieder hergestellt und die Nachmessung der Braaker Grund- 
linie vorbereitet. Die Wiederherstellung der Schuhmacher'schen Gradmessungs- 
Dreiecke geschieht auf den Wunsch der permanenten Commission, weil die Braa- 
ker Basis aufser den Holsteinischen auch den Ganfsischen, Kurhessischen, Däni- 
schen und Mecklenburgischen Dreiecken zur Grundlinie dient. Sie wurde i. J. 
1821 gemessen nnd erfüllt nicht ganz mehr die Anforderungen der Gegenwart. 
Für die europaische Längengradmessung unter dem 52. Pamllel wurde an zwei 
Stellen triangulirt. Am Rheine, zwischen Köln und den Kurhessischen Punkten 
Dftnsberg und Hasserot, arbeiteten Dr. Bremiker und Dr. Fischer, in der Provinz 
Sachsen, zwischen Berlin und Leipzig, Prof. Sadebeck und Albrecht. B. Haupt- 
Nivellement. Die allgemeine Conferenz hat beschlossen, dafs die Gradmessnngs- 
Commissionen von den verschiedenen Meeren, der Ostsee, der Nordsee, dem at- 



90 Siliangib«iic]ü d«r BerUii«r geogiKpbücheA GeseUschaft. 

lantUchen Oomo^ dem mitteUändischen nnd ftdrUtiMliea Moere, HMi|ii-NlTell»> 
mentt nach der Schwds aasf&hren eollen, am die Ni?eaii-VerhältniMe dieser 
Meere definitif feftsnsteUeo. Zu diesem Zweck« hat der Vortngeode in Swin»- 
mUnde die Brrichtang eines registrirenden Pegels nnd swischen diesem nnd deoi 
niyellitiscben Hanptnetee des Königreich» Sachsen ein Hanpt-NiTeUement aag^ 
ordnet C. Ein Vervicbnifs der Instrumente nnd Meüs-Apparate, welche im laa- 
fenden Jahre angescha0l worden. D. Maafsverglcichnngen. Im Berliner Lagerfaanse 
wird ein neuer Comparator nach BesseFs Principi aber mit unabhängig tief im Boden 
fnndamentirten Fixpunkten gebaut, zur Vergleichung von Meterstäben mit der 
Toise und zur Bestimmung von absoluten Ausdehnungen. In demselben Lokal 
wird ein zweiter Comparator zur Vergleichung der Mefsstangen (für Basismessun- 
gen) mit der Toise aufgestellt, so dafs das Centralburean bis zum nächsten Früh- 
jahre auch in dieser Beziehung den Anforderungen wird genügen können. 
E. Astronomische Beobachtungen und Intensitätsbestimmnngen der Schwere. 
Zwischen Berlin und Lnnd wurde die Längenbestimmung ausgeführt. Azimnthal- 
bestimmungen auf dem Seebei^e bei Gotha mufsten ungünstiger Witterung wegen 
aufgegeben werden. Pendelbeobachtungcn konnten noch nicht stattfinden, weil 
der Apparat noch nicht fertig war. Schliefslich spricht der Vortragende den 
Wunsch ans, dafs die in das Ordinarium des Staatshaushalts-Etats aufgenommene 
Snmme Ton dem Hanse der Abgeordneten genehmigt werden möge, damit ee 
mög^ch sei, das gröfste wissenschaftliche Unternehmen dieses Jahrhunderts ram 
Bnhme und sur Ehre Preufsens zn Ende zu fähren. 

Herr Dieterici bespricht des Grafen von Wartensleben Buch über gegen* 
wärtiges nnd Tcrgangenes Jerusalem und weist nach, wie durch die beiden Höhen- 
züge, durch das von ihnen eingeschlossene Jordanthal und durch die anliegende 
Knstenebene Nomadenleben und sefshaftes Leben hier von der Natnr des Laadee 
bedingt sei. 

Herr F ritsch berichtet über seine, behufs der Beobachtung der Sonnen» 
finstemifs nach Aden unternommene Reise. Man nahm den Weg durch Aegyp- 
ten und das rothe Meer und langte am 1. August am Bestimmungsorte an. Aden 
wird als änfserst öde, die Vegetation auf den vulkanischen Felsen als höchst un- 
bedeutend geschildert. Der Kraterrand soll auf der Südseite 1600 Fu(s Höhe 
haben. Das Wetter war ungünstig und der S.-W. Monsoon so heftig, dafs das 
aufgestellte Femrohr zitterte. Am 18. August war um 4 Uhr Morgens der EUm- 
mel mit dichtem Gewölk bedeckt, doch wurde später die Totalität der Sonne 
sichtbar und es gelang, sechs Aufnahmen derselben zu machen, von welchen vier 
vollkommen brauchbar waren. Der Vortrag wurde durch Photographien erlänterk 

Herr Vogel, Mitglied derselben Expedition, sprach über Aden und seine 
Umgebungen und legte verschiedene photographische Ansichten dieses Ortes, 
einige ethnographische Photographien nnd auch die gewonnenen photographischen 
Bilder der Sonne vor. 

Herr Zenker schilderte den noch in der Ausführung begrifienen Suezkanal, 
welcher Suez am reihen Meer mit Port Said am Mittelmeer verbindet nnd den 
der Vortragende in seiner ganzen Länge befahren hatte. Nach der Ueberzeugung 
des Letzteren wird der Kanal nach seiner im nächsten Jahre zu hofifenden Voll- 



Sitaaiigsbericbt der Berliner geogmphiechen GeBeUtobaft. 9f 

eftdimg die Stelle einer Meerenge vollkosmien ersetsen. Er hat eine Lange von 
160 Kilometer, d. b. 22 Meilen, und eine Tiefe von 8 Meter. Die Breite der 
Sohle iflt änf 22 Meter, die Breite der Oberfläche auf 58 bis 120 Meter berecb* 
net Die Frage, ob der Kanal in Zukunft der Versandung ausgesetzt sein weide, 
glanbt der Vortragende Temeinen zu dürfen, da an allen Punkten, wo man den 
alten Kanal aufgefunden bat, derselbe, mit Ausnahme einer einzigen Stelle, frei 
von Sande gewesen ist. An dieser Stelle würden sich aber, meint man, durch 
ein dreimonatliches Baggern die Massen ohne Schwierigkeit hinweg schaffen las- 
sen, die sich Tielleicht in einem Jahre angehäuft hätten. Ob die ganze Land* 
eqge in einer Hebung begriffen sei, ist noch nicht erwiesen, doch soll während 
des Baues in Port Said das Meer um einen Fufs gesunken sein, was auf eine 
Hebung hindeuten konnte. Die Kanalbau- Gesellschaft rechnet, weil die Winde 
im rothen Meere häufig ungünstig sind, besonders auf den Verkehr der Dampf- 
schiffe, und will 10 Frcs. pro Tonne Kanalgeld erheben. Schon jetzt erfreut sich 
der Kanal durch den Kohlentransport nach Port Said eines lebhaften Verkehrs. 
Der Vortrag wurde durch eine Karte erläutert 

An Geschenken gingen ein: 

1) Heinr. Rohlfs, Medicinische Reisebriefe ans England und Holland 1866 
n. 67. Leipzig 1868. — 2) Meitzen, Der Boden und die landwirthschaft- 
lichen Verhältnisse des preufsischen Staates nach dem Gebietsumfange vor 1866. 
Tbl. I. Berlin 1868. — 3) Denkschriften des K. Russ. topographischen Bureaus. 
Bd. XXIX. St Petersburg 1868. — 4) Beiträge zur Statistik Mecklenburgs. 
Bd. V. Heft 4. Schwerin 1868. — 5) Hann, Die Temperatur -Abnahme mit 
der Höhe als eine Function der Windesricbtung. (Sitzungsber. d. Wiener Akad. 
d. Wies.) 1868. — 6) Hann, Zur Charakteristik der Winde des adriatischen 
Meeres. Ebds. — 7) Jahresbericht am 24. Mai 1867 dem Comit^ der Nicolai- 
Haniptstem warte abgestattet vom Director der Sternwarte. St Petersburg 1867. 

— 8) Derselbe vom 24. Mai 1868. Ebendaselbst 1868. — 9) Struve, Tabulae 
auxiliarea ad transitua per planum verticale redvcendos inservientes. Petropoli 1868. 

— 10) Beiträge zur Kenntnifs des Rassischen Reiches und der angrenzenden 
Länder Asiens. Bd. XXV. St Petersburg 1868. — 11) Statistische Mitthei- 
Inngen über den Civilstand der Stadt Frankfurt a. M. im Jahre 1867. Frank- 
furt a. M. 1868. — 12) Jelinek u. Fritsch, Jahrbücher der K. K. Central- 
Anstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus. N. F. HI. 1866. Wien 1868. 

— 13)Schetelig, On the Natives o/Formosa, {Ethnograph. Transact, Vol. VII.) 

— 14) Schloenbach, Ueber Belenmites rugifer Schhenb. sp, nov. aus dem 
ocenen Tuffe von Ronca. (Jahrb. der K. K. geolog. Re'ichsanstalt XVII.) — 
15) Biber, Carl Vogt*8 naturwissenschaftliche Vorträge über die Urgeschichte 
des Menschen. Berlin 1868. — 16) Pete rmann 's Mittheilungen. 1868. Heft XL 
Gotha. — 17) Jahresbericht des Frankfurter Vereins für Geographie und Sta- 
tistik. 1866/67. — 18) Bulletin de la Soci€t€ de Geographie. V' S^r. 1868. 
Septembre. Paris. — 19) Revue maritime et coloniale, T. XXIV. Novembre« 
Paria 1868. — 20) Murray, Journal of Travel and Natural History, Vol. L 
No. 4. 5. London 1868. — 21) Zeitschrift für das Berg-, HüUen- und Salinen- 
wesen in dem Preufs. Staate. Bd. XVL Lief. 4. Berlin 1868. -- 22) Jahrbuch 



92 Sllraiigibericht der BeiUner gMgnpbiMhen QweUfchAlt 

der K. K. geologischen Relchsanstelt. XVni. 1868. No. 3. Wien. — 28) Sia^ 
tele M drcoh gwgrqfico itaUaiw. Tonne 1868. — 24) Circoio geogrqfUi» Um- 
Uano. R^laghne del PrmdmU C. Peroglio aW auembUa gtmeraU ordvMria dei 
9oen tenuta ii 16 /«ftnkwo 1868. Torino 1868. — 26) Peroglioi Inauffura-^ 
stone deUa tntwa »ed» del ciroolo geogrqfico itaUano, Torino 1868. — 26) Bo- 
Utim € amaes do Conselho ultram€arino, No. 84. 41. 42. 46—48. 76—77. 121. 
139—141. — 27) Gaea Nator und Leben. Jahrg. IV. Heft 8. 9. Cöln 1868. 

— 28) JelinelL nnd Hann, Zeitschrift der österrelehischen Oesdlaehaft Ar 
Meteorologie. lU. 1868. No. 9—20. Wien. — 29) Prenfs. HandeUarchiv. 1868. 
No. 46—47. Berlin 1868. — 30) Colonie- Zeitung. 1868. No. 23—82. Joinntte. 

— 31) Masera, Trento, Bovereto, Biva, Arco. Tar. I. Trento. 1 Bl. Treiito 
1868. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

vom 2. Januar 1869. 

Der Vorsitzende Herr Bastian eröffnet die Veraammlang damit, dafs er 
dem iLürzlich verstorbenen Herrn von Martins einige Worte des Andenkens 
widmet. Hierauf theilt derselbe mit, dafs nach einem soeben eingelaufenen 
Briefe der Beisende Herr Rohlfs glücklich in Tripolis angekommen sei und dem- 
nächst von dort nach Cjrene aufbrechen werde. Nachdem noch die Geschenke 
durch den Vorsitzenden vorgelegt und besprochen worden waren, hielt Herr 
Spiller einen Vortrag über Erdbeben. Unter der Voraussetzung, dafs alle 
Weltkörper, die sich um ihre Axe drehen, hohl sind, und dafs die Erde, wie 
die Zunahme der Wärme nach dem Innern hin beweist, von einer feurig -flüssigen 
Masse erfüllt ist, leitet der Redner die Erschütterungen der Erdrinde von der 
Bewegung jener eingeschlossenen feurig -flüssigen Masse ab. Er macht daranf 
aufmerksam, dafs sich die Erdbeben besonders beim Voll- und Neumonde ein- 
stellen, dafs das grofse Erdbeben auf der Westküste Amerika's vom 13. — 16. Au- 
gust V. J. ebenfalls kurz vor der grofsen Sonnenfinsternifs , d. h. kurz vor dem 
Neumonde stattgefunden habe, und versucht, alle bei Erdbeben vorkommenden 
Erscheinungen, wie da^ Zurücktreten des Meeres, das Entstehen nnd Verschwin- 
den von Quellen und Seen aus gleicher Grundursache zu erklären. Die Protn- 
beranzen der Sonne, welche sich nach des Redners Annahme da zeigen, wo 
vorher Sonnenflecken waren, führt derselbe auf die aus dem Sonnenkörper hervor- 
dringenden Gase zurück. Schliefslich deutet er darauf hin, dafs die Milde des 
gegenwärtigen Winters mit den Prozessen des Inneren der Erde möglicher Weise 
in Zusammenhang stehe. 

Herr Wolf er 8 macht in Bezug auf den vorangehenden Vortfag die Bemer- 
kung, dafs der milde Winter des gröfseren Theiles von Europa sich dadurch 
ausgleiche, dafs gleichzeitig in Haparanda — 24® R. beobachtet würden, und 
dafs in Amerika der Mississippi nnd Missouri zugefroren wären. 



Sitcttagsb^richt der Berliner geographischen GedeUschaft. 93 

Herr Friede! legt Allerthümer von der Insel Sylt for, welche in mancherlei 
Werksengen nnd Gerathen von Qoarz nnd Fenerstein bestehen, neben welchen 
■lieh sertrfimmerte Töpfe, Kohlen» Asche nnd Thierknochen gefanden worden. 
Der Fundort ist der Westrand der sogenannten rothen Kliffs. Der Vortiagende 
1ka% durch Gründe dar, dafs alle diese Gegenstände nicht ans Gräbern, sondern 
ans Wohnstätten herrühren* und weist sie der neolithischen Periode der Steinaeit 
n. Von Metallen findet sich keine Spnr. Nach Allem erscheint der Bildnngs- 
instand der damals Lebenden dem der Bewohner der ältesten Pfahlbauten gleich 
SU sein. 

Herr Wallis berichtet über seine Reisen in Südamerika im Jahre 1866, 
welche sich über das Marauonthal nnd über die CordiUeren Yon Peru und Co- 
himbia ausdehnten« Während der Reisende vorzugsweise botaniaehe Zwecke ver- 
folgtet schenkte er auch den Eingeborenen seine besondere Aufmerksamkeit. Er 
besuchte nach einander c. 500 Stämme, und wenn auch Anthropophagen darunter 
waren, so rühmt er doch die Empfänglichkeit derselben für Cultar und Civilisa- 
tion. Sie bethätigen dies im Ackerbau, in der Weberei und dergl. und zeigen 
eine solche Ausdauer, dafs an einer und derselben schwierigen Arbeit sich nach 
einander Vater, Sohn und Enkel betheiligen. Demgemäfs legt der Vortragende 
dem Marauonthale eine grofse ethnographische Bedeutung bei. 

Herr Dove machte auf Grund des durch Herrn v. Freden in Hambui|f über 
die deutsche Kordpolar -Expedition ihm zugesandten meteorologischen Materials 
darauf aufmerksam, dafs, wenn sich der NO.- und SW.- Strom der Atmosphäre 
hn Ganzen compensiren, dies nicht stattfindet, sobald der erstere sich in einen 
Ost- und der letztere in einen Weststrom verwandelt, indem sie dann in nord- 
sfidlicher Richtung neben einander liegen. Dies Letztere war im verflossenen 
Sommer der Fall und darum die Temperatur im nördlichen Deutschland um 
5 Grad zu ho$h, in den Polargegenden aber um 5 Grad zu niedrig, wodurch das 
Vordringen der Nordpolar -Expedition verhindert wurde. Ferner sprach derselbe 
über die Fortpflanzung der Erdbebenwelle bei dem vorjährigen grofsen amerika- 
nischen Erdbeben und wies nach, dalJs dieselbe die Strecke von der Westküste 
Amerika's nach Neu -Seeland in 19 Stunden zurückgelegt nnd sich folglich mit 
derselben Geschwindigkeit wie die Fluthwelle über den Grofsen Ocean fort- 
gepflanzt habe. 

Herr Hart mann macht einige Mittheilungen aus einem von Dr. Schwein- 
fnrth d. d. Khartüm, den 5. November 1868 eingelaufenen Briefe. Eb werden 
in demselben einige auf die Hausthierkunde Nubiens bezügliche EVagen beant- 
wortet und ELlage darüber geführt, dafs das Erwerben menschlicher Schädel 
grofsen Schwierigkeiten unterliege; nichtsdestoweniger will der Stamm der Eava* 
bisch gegen eine Belohnung von 100 Thlm. eine Anzahl Schädel herbeischaffen. 
Schliefslich wird in dem Briefe das Treiben der in Khartüm lebenden Europäer 
eharakterisirt. Ein Paar Photographien Eingebomer werden zur Erläuterung vor- 
gelegt. 

An Geschenken langen ein: 

1) Maestro, Compte-rendu des trtwaux de la VP Memon du Congri» 
uUerrMthntU de atatUtique riuni h Fhrence, Elorenoe 1868. — 2) Lens, For* 
jchnngen im östliehen Persien nnd im Lande fierat 1. ThL St. Petersburg 



94 Silmigibericht der Berliner geogrsphlicfaen OeeeUediAft. 

1868. (Basaitch.) — 3) K&sel, Die Gegend nm Backow nnd dasDUnriiiiii toh 
Schlegentin. Progr. Berlin 1868. — 4) Van der Tnnk, Makiaeh hetboek. 
's GraTenhage 1868. — 5) Graf Wartensleben, Jemsaleni, gegenwirtiges and 
▼ergangenes. Berlin 1868. ~ 6) Bijdragm tot de teuil^, land^ en voüceMlamde 
van NtderlantUek IndUi. 3. Volg. D. HI. St 1. 2. 's Qmvenhage 1868. — 7) Zeit- 
schiift der Gesellschaft für Erdkunde. 1868. Heft 6. Berlin. — 8) Peter- 
mann's Mittheilnngen. 1868. Heft XH. Gotha 1868. — 9) Le Glohe. Jaumal 
g6ographiqu€, 1868. Mars-Jnin. Gen^e 1868. — 10) Revue maritime et eoio- 
male. T. XXIV. 1868. D^embre. Paris. — 11) Mittheilnngen der E. K. geo- 
graphischen Gesellschaft in Wien. 1869. No. I. — 12) Verhandinngen des bota- 
nischen Vereins für die Provinz Brandenburg. Jahrg. VQI. Berlin 1866. — 
13) Schweinfnrth, Vegetationsskissen ans dem sfidnnbischen Küstengebirge. 
(Botan. Zeit 1868. No.50.) — 14)Prenrs. Handelsarchiv. 1868. No.48— 50. 
— 15) Colonie-Zeitnng. 1868. No. 37— 30. JoinviUe. 



Aufserordentliche Sitzung der geographischen Gesellschaft 

zu Berlin 

am 15. Januar 1869. 

Der Vorsitzende» Herr Bastian, eröfihet die Versammlung » indem er den 
Tod des Naturforschers James Forbes snr Anzeige bringt. 

Hierauf theilt Herr Ascherson einen Brief des Dr. Schweinfurth, d. d. 
Khartüm, den 18. NoTcmber ▼. J. im Auszüge mit. In dem Briefe wird, im 
'Widerspruche mit der gewöhnlichen Ansicht, bewiesen, dafs Kh'artäm klimatiscb 
kein ungesunder Ort sei; gegenwärtig (November v. J.) zeige sich in der Stadt 
keine Spur von Krankheiten, und wenn der Gesundheitszustand der Stadt nicht 
immer befriedige, so sei dies blos eine Folge der mangelhaften SanitiUspoliiei, 
indem ein i OMeile grofses Feld im Westen der Stadt, das zugleich als Schlacht- 
stätte und Begräbnifsplatz diene, gelegentlich seine schädlichen Ausdftnstungeii 
aber den benachbarten Theil der Stadt verbreite. Der Reisende gedenkt seine 
Sammlungen, die schon mehr als eine Kameeiladung ausmachen, nächstens in die 
Heimath zu senden ; er selbst aber hofft in 20 Tagen von Khartüm aufzubrechen 
und seine Reise in südlicher Richtung fortzusetzen. 

Herr Tietjen berichtete über seine behufs der Beobachtung der Sonnen- 
6n8temif8 nach Indien unternommene Reise. Die Expedition nahm ihren Weg^ 
über Triest, Alezandria und Suez, dann durch das Rothe Meer und den Indischen 
Ocean. Auf jenem hatten sie bei der Hinreise nur ein Maximum von + 28* R.y 
auf dem letzteren nur von +26* R. zu ertragen. Am 21. Juli kam man schon 
vor Bombay an. Von hier aus ging die Reise mit der Eisenbahn bis Pöna und 
dann weiter über Land nach Byzapur. Zum Ort der Beobachtung wählte maat 
Mulwa. Am Morgen des 18. August war der anfangs heitere Himmel kurz vor 



SitrangilMrieht der Beffilner geographitekeii CtoteDsehaft 95 

fiatritt d«r TotaUt&t der FiDstemifs mit dichten Wolken bedeckt, und ent gegen 
dM finde der Ffnstemirs entstand ein RtTs in den Wolken , der 5—8 8ecimden 
dM Phänomen beobiushten liefs. Die Thennometer xeigten eine merkliche Ab- 
Hnlüne. Die Eingeborenen glaubten, dafs das Gänse snm Vergnfigen des an- 
wesenden OoaTemenrs veranstaltet sei und entsendeten daher eine Deputation 
nit der Bitte, das Schauspiel noch einmal veranstalten sn wollen. Am 22. Au- 
gust wurde nach Bidjapnr aufgebrochen, einer ehemals reichen und grofsartigen 
Stadt, deren alte Bauwerke kolossale Verhaltnisse zeigen; jetst hat sie circa 
10,000 Einwohner. Aufserhalb derselben ziehen sich die Trftmmer Meilen weit 
hin. Die Eisenbahn fiber die Ghits, welche die Reisenden benutzten, vergleichen 
ae mit der über den Semmering. Zu den Eigenthfimlichkeiten Bombays gehört 
dn Hospital fftr Thiere, die daselbst bis an ihren Tod sehr sorgfUtig gepflegt 
Verden. Was die Protuberanzen betrifft, so sind sie nach der Ansicht des Vor- 
tragenden glfihende Dämpfe, die von der Sonne ausgehen; die ^ ganze Sonne ist 
von solchen Dämpfen umgeben. 

Herr Jagor erläuterte in einem Vortrage die von ihm aus den Philippinen 
mitgebrachten und im Saale aufgehängten Skizzen, die sich namentlich auf Ma- 
niUa und Umgegend beziehen. Der Hafen dieser durch das letzte Erdbeben fast 
zerstörten Stadt wird, trotz seiner günstigen Lage, von fremden Schiffen wenig 
besucht, da veraltete Verordnungen den Verkehr anfserordentlich beschränken. 
Die Stadt selbst, am Pasig gelegen, ist ein trauriger Ort, das Leben daselbst 
theuer und die unmittelbare Umgebung nicht schön. Dagegen ist der Aufenthalt 
auf den Philippinen im Allgemeinen sehr angenehm. Die spanische Herrschaft 
war, im Gegensatz zu der in Amerika, hier immer sehr milde; ein eingeborenes 
Ehepaar zahlt jährlich nur eine Abgabe von 2 Thlm. 12 Sgr. und ist aufserdem 
nur 40 Tage im Jahr zu öffentlichen Arbeiten verflichtet. 

Herr Spill er erinnerte daran, dafs die auf ihren ersten Grund bis jetzt 
noch nicht zurückgeführte Compensation der Wärme verschiedener Orte auf der 
Erdoberfläche und namentlich der bisher noch nicht hinreichend erklärte Um- 
itand, dafs diese Compensation theils nach Längen, theils nach Breiten statt- 
findet, nicht gegen, sondern für die von ihm /infgestellte Theorie der Erdbeben 
spreche. Wenn z. B. die vorjährige Nordpol -Expedition eine um 5^ R. zu nie- 
drige Temperatur antraf, so lag der Grund davon darin, dafs sich in dieser Zeit 
die inneren Gluthmassen wegen der Stellung des Mondes zur Erde vorzüglich 
in der Aequatorialzone zusammengezogen hatten und dadurch den Ausbrach des 
grofsen Erdbebens gerade dort veranlafsten. Femer beweist der höchst merk- 
würdige Umstand, dafs die Erdbebenfluthwelle im Stillen Ocean von der west- 
amerikanischen Küste aus nach Neuseeland genau die Zeit iune hielt, welche die 
gewöhnliche Wasserfluthwelle braucht, sehr klar und bestimmt, dafs diese beiden 
zusammenfallenden Wasserfluth wellen über der inneren feurig -flüssigen Welle 
fiegen, und dafs sie somit alle der Gravitation des Mondes bei der Axendrehung 
der Erde folgten. 

Herr Maurer hielt einen Vortrag über die von ihm beobachteten Bewohner 
Bosniens tmd der angrenzenden Provinzen. Unter den dort lebenden Zigeunern 
unterscheid^ er zwei Rassen, nämlich eine sehr kräftige, starkknochige und 
eine sehr schmächtige, feine, mit ebenmäÜBigen Gesichtszügen. Die letztere 



96 SitooncilMridU d«r Berliner saognphiaohem OMelUebaft. 

ut, den Antdrock der Geneinlieit abgerechnet) teluHi tu nennen i aber bebmlM 
sehwnrx. Sie geberden lieh aU Mnbammedaner, gehen aber nicht in die ICoe* 
heen. In Bosnien sind die Zigenner sefshafti streifen aber dabei als Aersta^ 
Schmiede nnd dergl. im Lande nmher. Die dortigen Jnden sind spanischer Her- 
kunft nnd bedienen sich der spanischen Sprache, daneben sprechen sie das Kroa- 
tische, Serbische n« s. w. accentfrei. Sie haben eine lange, eingedrflekte nnd na 
der Spitae breite Nase nnd feine Lippen, im AUgemeinen eine sehr wenig semi- 
tische Physiognomie. Sie sind Handwerker Terschiedener Art, besonders aber 
Dragomans; fnr Nenemngen sind sie empfänglich, der Bildungsgrad der Fhmen 
ist aber sehr gering. Die Kroaten nnd Serben dieser Lander unterscheiden siek 
in der Sprache nur dialectisch, in der Kleidung gar nicht. Die Männer ron 
beiden Stämmen sind sehr hübsch, mit herrlichen Köpfen, die Franen weniger 
8ch5n. Sehr abweichend in der Sprache und im Aenfsem sind die Bewohaer 
der Sagoija; man erkennt sie an ihrer stumpfen Nase und an den hervorst^Mn- 
^en Backenknochen. Die Kroato- Serben diesseits der Sare weichen Ton denen 
jenseits des ilusses erheblich ab; die ersteren haben mehr europäische Sitten 
und pflegen, so oft sie sich niederlayen, stets zu sitsen, während die letsteren 
allezeit hocken. Eigenthfimlich wird bei diesen das Kopfnicken als Vemeinung 
und das Kopfschfitteln als Bejahung gebraucht. 





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^^' Das Vorrücken der Küste 



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geil zwei Jahrhunderten 



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IV. 

Zur Geschichte der Geographie. 

Von Dr. Breusing, 
Direetor der Stettemuuintsebala in Bremen. 

(Schlafs von S. 51.) 



2. Regiomontanus, Martin Behaim und der Jakobsstab. 

Homboldt sagt im Kosmos (II, 297): ^Ak Vasco de Gama an 
der Oatkuste von Afrika landete, fand er, dafs die indischen Piloten 
in Melinde den Gebrauch der Astrolabien und Balestilhen kanntien^, 
und verweist dabei auf Barros Dec. I. Lib. IV. 6. Durch Homboldt 
verleitet, sagt dann Oscar Peschel (Geschichte der Erdkunde, 350): 
Vasco de Gama fand den Jakobsstab bei arabischen Indienfahrern 
in Gebrauch und brachte ihn 1499 nach Europa. — Bekanntlich ist 
baiesiilha der portugiesische Name für den Jakobsstab, der bei den 
deotschen Seefahrern „Gradstock^, bei den englischen cross-staff^ bei 
den französischen arbalete hiefs. 

Vergleichen wir nun aber die Stelle beim Barros, so lautet die- 
selbe ^): 

„In Melinde kam auch ein Maure, ein Guzarate von Geburt, Na- 
mens Malemo Cana, an Bord, welcher ebensowohl des Vergnügens 
wegen, das er im Verkehr mit den Unseren fand, als auch um dem 
Könige von Melinde gefällig zu sein, der einen Lootsen für sie suchte, 
einwilligte, mit ihnen zu fahren. Mit der Kenntnifs dieses Mannes 
aber war Vasco de Gama, als er mit ihm in Verkehr trat, sehr wohl 
zufrieden, besonders als er ihm eine Karte der ganzen Küste von In- 
dien zeigte, die nach Art der Mauren^ nämlich in sehr kleine Meri- 
diane und Parallelkreise eingetbeilt war ohne weitere Strichrose. Da 



') Die Xsia des Joao Barros in wortgetreuer Uebertragung ▼on Dr. £. Feust. 
l^ttmberg 1844. 4". 

Zcittchr. d. GeseUsch. f. Brdk. Bd. IV. 7 



98 Breoting: 

nun das Quadrat Jener Meridiane nnd ParallelkreiM sehr klein war, 
fand sich die Küste nach den beiden Strichen Nord^Sfid und Ost- 
West sehr genau dargestellt, ohne jene yielfachen Kompaßstriche un- 
serer Karte eu enthalten, wie sie anderen cur Oruodlage dient Und 
als ihm Vasco de Oama das grofse hölzerne und andere metallene 
Astrolabien zeigte, mit welchen er die Sonnenhöhe nahm, wunderte 
sich der Maure gar nicht darüber, sondern sagte, einige Steuerleute 
auf dem Rothen Meere bedienten sich dreieckiger Instrumente von Blech 
nnd der Quadranten, mit denen sie die Höhe der Sonne und nament- 
lich des Sternes mäfsen, den sie vorzugsweise zur Schifffahrt brauchten. 
Er aber und die Seeleute von ganz Cambaja und Indien nähmen, 
weil ihre Schififahrt sich sowohl nach gewissen Sternen in Nord und 
Süd, als auch nach anderen groCsen Sternen, welche von Ost nach 
West über den Himmel ziehen, richtete, ihre Entfernung nicht mit 
ähnlichen, sondern mit einem anderen Instrumente auf, dessen er sich 
bediente. Dieses zeigte er ihm auch sogleich, und es bestand aus drei 
Platten.** 

„Und weil ich in meiner Geographie in dem Capitel der nan- 
tischeii Instrumente von der Gestalt und dem Gebrauehe derselben 
handele, so genüge es hier, zu wissen, dafs sie ihnen zu derselben 
Beobaohtnng dienen, zu welcher man bei uns ein Instrument 
braucht, das die Seeleute den Gradstock (balestilha) nen- 
nen, und von welchem gleichfalls in dem angezogenen Ca- 
pitel, sowie auch von seinen Erfindern die Rede ist^. 

Hat Humboldt nichts weiter sagen wollen, als dafs die indischen 
Steuerleute Höbenmessungen der Gestirne gekannt hätten, so läTst sich 
dagegen niohts einwenden. Sollen seine Worte aber das bedeuten, 
was Oscar Peschel und jeder Unbefangene mit ihm darin findet, daüi 
das Astrolabium und der Jakobsstab im indischen Oceane bei Ankunft 
der Portugiesen bereits bekannt gewesen seien, so geht aus Harros 
Worten offenbar das Gegentheil von dem hervor, was Humboldt darin 
gelesen hat. Die Seefahrer des Rothen Meeres und des Indischen 
Oceans hatten weder das Astrolabium noch den Jakobsstab ; jene ge- 
brauchten dreieckige Instrumente von Blech und Quadranten, diese 
ein Werkzeug, welches ans drei Platten bestand. Dafs die Portugiesen 
Instrumente zur Höhenmessnng besafsen, wunderte eben deshalb den 
Mauren aus Melinde gar nicht, weil sie ebenfalls zu demselben Zwecke 
Instrumente, wenn auch von anderer Constraction ' ) benutzten. Barros 



*) Instrument und Karte der Mauren deuten offenbar auf das Triquetrum des 
Ptolemäus und die Projectian des Marinus Tyrius, die ja den Arabern längst bekannt 
sein moTsten. 



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Zar Gesehichte der Gk^gruphi«. 2. Regiomontoniu etc. 9g 

spricht sich darfiber ganc deatlich aus, indem er sagt: Ihre loetni- 
mente dienen ihnen au derselben Beobaditang, in welcher man bei 
aas ein Instroment gebraucht, weldies die Seelente den Gradstock 
oennen. 

Vasco de Gama aber hatte nm so weniger ndthig, den Oradstock 
oder Jakobsstab nach Europa au bringen, als dieser dort schon seit 
einem Menschenalter benutet wurde, und «war ist sein Erfinder kein 
geringerer, als der grojbe Astronom Johannes Malier, nach seinem 
Geburtsorte Regiomontanus genannt. Er giebt die Beschieibnng des- 
«elben in der von ihm, wie man glaubt, bei Gelegenheit des im Jahre 
U72 erschienenen groben Kometen yerfafoten Schrift ■), die yon Joh. 
Schoner in Nürnberg saerst 1531 allein und dann später mit mehreren 
anderen Schriften Regiomontanus vereinigt noch einmal im Jahre 1544 
heraasgegeben wurde. Es heifst dort im Probl. XII: 

„Um den scheinbaren Durchmesser eines Kometen su bestimmen, 
nehme man einen glatten Stab AB und theile ihn von A ans in gleiche 
Theile, je mehr desto besser. Befestige an ihm unter rechtem Winkel 
Tcrschiebbar einen Querstab CD^ dessen beiden Arme gleich lang 
sein müssen. Theile ihn genau in eben solche Theile, wie rie anf 
dem Stabe AB eingeschnitten sind; befestige in den Punkten A und C 
und D drei feine Yisiernadeln , und das Instrument ist fertig. Die 
Beobachtung aber geschieht so: Lege das Ende A an das rechte Auge, 
Bchlieise das linke, richte den Längsstab A B anf den Mittelpunkt des 
Kometen und verschiebe den Querstab bis er den Durchmesser des 
Kometen gerade deckt. Darauf lies die Anzahl der Theile ab, wekhe 
swischen dem Punkte A und dem Qaerstabe CD liegen und gehe 
damit in eine eigens dafür bestimmte Tafel ein, deren Berechnung ich 
an einem anderen Orte erklären werde, und du findest den Durch-* 
messer des Kometen.^ 

Diese Beschreibung des Gradstockes ist so verständUcb, dafs es 
nicht einmal nöthig erscheint, die Figur beizufügen, die der lateinische 
Text enthält. Nur mag erwähnt werden, dafs Regiomontanus den 
Qaeistab in 210 Theile theilt und dafs die Theilung auf dem Längs- 
stabe bis zu 1300 geht. Was die erwähnte Tafel betrifft, so unter- 
liegt es wohl keinem Zweifel, dafs damit die Tafel der trigonometri- 
schen Tangenten gemeint ist, auf der ja die Berechnung der Winkel 
bei diesem Instrumente beruht und die unter dem Namen > y^Tabula 
foeeunda^ von Regiomontan in die Wissenschaft eingeführt ist 

Wenn aber diese Schrift über den Kometen wirklich erst im Jahre 



*) Johannis de Monteregio: De cometae magnitudine longitudineque ac de loco 
e;»t vtro problemaia XVI. 

. 7# 



^ 



100 Breoting: 

1472 abgefa&t ist, so mafo die Erfindung des Oradstoekes doch schon 
froher fallen. Denn in den von Schoner im Jahre 1544 heraiugege- 
' benen Beobachtungen Regiomontan'a findet sich anter dem Jahre 1471: 

Die 9. Septembris mane Mars ab humer o dexiro Orionis 210 : 674; 

a capiie Gemini praeced. ^ septentr. 210 : 662. 
wo die Zahl 210 die des Qnerstabes am oben beschriebenen Orad- 
stocke ist. E^ geht aus dieser Beobachtung augleich hervor, dads Re- 
giomontan mit dem Jakobsstabe keineswegs bloüs den Dnrchmesser 
des Kometen gemessen hat, sondern dafs er ihn schon zu der noch 
von Tycho Brahe h&ufig angewendeten Ortsbestimmung eines Ge- 
stirnes durch Messung seines Abstandes von zwei anderen benutzte. 

Wahrend seines Aufenthalts in Nürnberg (1471 — 1475) hatte Be- 
giomontan in dem reichen Bürger Walther einen Freund und Schüler 
gefunden, der die Mittel zur Anfertigung mathematiBcher und astro- 
nomischer Instrumente lieferte und sogar eine eigene Druckerei grün- 
dete, um die Schriften seines grofsen Lehrers zu veröffentlichen. Aber 
der frühzeitige Tod desselben liefs die gehegten Entwürfe nicht zur 
Ausführung gelangen. Walther blieb im Besitze von Regiomontan'e 
Instrumenten und handschriftlichen Werken, benutzte jene auch ferner 
zu fleifsigen Beobachtungen, hielt diese aber geheim und Jedermann 
nnzugfinglich. Und als bei seinem im Jahre 1504 erfolgten Tode der 
Nachlafs von den Erben verkauft und die wertbvollen Instrumente 
an Handwerker um den Metailwerth zum Einschmelzen verschleudert 
wurden, war es ein Glück für die Wissenschaft, dafs der Rath der 
Stadt wenigstens die Handschriften erwarb, so dals sie nun von den 
Gelehrten benutzt und später theilweise auch noch veröffentlicht wur- 
den. Der Nürnberger Mathematiker Johannes Werner fand darin 
eine unvollendete Uebersetzung der Geographie des Ptolemäus, arbeitete 
das 1. Buch derselben um und gab es im Jahre 1514 mit Anmerkun- 
gen und Zusätzen versehen heraus '). In diesem Werke nun wird, 
wie allgemein bekannt ist, zum ersten Male der Vorschlag gemacht, 
geographische Längen durch Monddistanzen zu bestimmen, und zu ihrer 
Beobachtung der Jakobsstab empfohlen. Werner zeigt die Construc- 
tion desselben auf geometrischem Wege und bringt dabei die Ver- 
besserung an, dafs die Gröfse des Winkels, wie sie sich aus der Stel- 
lung des Querstabes ergiebt, unmittelbar auf dem Längsstabe abgelesen 



*) Nova translaiio primi libri geographiae Cl. Ptolemaei. Fol. Norimbergae 
1614, zugleich mit mehreren anderen Schriften Wemer's. Auf Fol. i. verso findet 
sich: Johannes de Regiomonte reliquit geographiae Cl. Ptolemaei novam inlerpre- 
tationem atque ejusdem geographiae primi libri commentationem^ quam ego ex tntegro 
componens, nii praefatua fueram^ complevi edidique. Es wird sich schwerlich aus- 
machen lassen, was in diesem "Werke Eegiomontan und wa« Werner gehört. 



Zar Geschichte der Geographie. 2. Regiomontanns etc. 101 

wird. Diese Gonstmetion ist denn auch nnver&ndert in alle Lehr^ 
bücher der Naatik and Kosmographie übergegangen. Das Instrument 
wurde von den Astronomen Apianus, Schoner, Gemma Frisias n. a. 
in besonderen Abhandlangen beschrieben und empfohlen and brach 
sich bald allgemein Bahn. Regiomontan hatte ihm keinen Namen 
gegeben; in Walther*s Beobachtungen beifst es recianguhim astrono- 
wncum; Werner nennt es radius i>isoriu$ oder observatorius ; Apian 
baculus astranomicus and radins astronomicus ; letzterer Name ist dann 
unter den Astronomen der gcbrfiuchliche geworden. Aach in nicht 
Mtronomischen Kreisen fand es Aufnahme and Verbreitang. In des 
Oppenheimer Stadtsehreibers Jakob Köbel: ^Geometrey^ ^) finde ich 
liierst den Namen: Jakobsstab. Woher derselbe genommen sein mag, 
ist unbekannt. Schwerlich wird KöbeFs Vorname dazu Veranlassung 
gegeben haben; sollte vielleicht darin eine Anspielung auf Genesis 
32, 10 liegen, auf den atlantischen Ocean als Jordan, and die neae 
und die alte Welt als die beiden Heere? Dafs die Spanier diesen 
Namen spfiter gern gebrauchten, erklärt sich daraas, dafs St. Jago ihr 
Nationalheiliger ist. 

Obwohl von allen erwähnten Schriftstellern Niemand des Regio- 
montan als eigentlichen Erfinders gedenkt '), so war derselbe als sol- 
cher doch noch nicht so vollständig vergessen, als dies heutzutage der 
Fall ist; und es ist von besonderer Bedeutung für uns, dafs sich ge- 
rade in Portugal sein Andenken erhalten bat. Nonius sagt in seinem 
Werke: De regviis ei instrwnentis (Conimbr. 1546) Lib. II. Cap. 6, 
wo er den Gradstock beschreibt: E^ys fabricam atque u$um tradidit 
Johannes de Monieregio in Hbro de Cometa. 

Wenn man bedenkt, dafs der Jakobsstab während dreier Jahr- 
hunderte nebst dem Kompafs das wichtigste Werkzeug in den Händen 
der Seeleute gewesen ist, so wird man es schon deshalb verzeihlich 
finden, dafs ich mich über Ursprung und Namen desselben so weit 
verbreitet habe. Aber das Vorstehende wird ein erhöhtes Interesse 
gewinnen, wenn dadurch eine in der Geschichte der Geographie viel 
besprochene Frage, wie ich glaube, ihre Lösung findet, die Frage näpi- 
lich nach dem Antheile, den unser berühmter Landsmann Martin Be- 
haim an der bekannten astronomischen Junta genommen hat, die von 



'} Jakob Köbel: Geometrey, vom kUnntlichen Mesflen u.s.w. Mainz 1536. 4*. 

') Besonders anfnUlig ist dies bei Werner und Apian. Sollte sich auf sie be- 
ziehen, was Schoner in: Tractatus Georgii Purhackii etc. Korimberg. 1541. Fol. 
Bit Beziehong auf die Ausnutzung der Schriften Regiomontanns sagt? Admirttti4m€ 
dignum ttt, fuisse quosdamf qui hujiu doctissimi viri laboresj tanqvam ingenii sui 
foeluras, sui nominia inscriptione ^ suppresso interim nomine Regiomontani publicare 
non embverintf «eeu# facitnUB^ quam facert dtctt honot vircf. 



102 BremiiBf: 

d«Bi Könige Johann IL tob Portogai niedergeftetit wurde, iiid den 
poitogieebchen Seeleuten das ^Fahren nach Sonnenhöhen* sn lehren. 
Der uiaprfingliche Beriehteretmtter Barroa, den alle späteren ohne 
eigentliehe KenntnUe dessen, woranf es ankommt, aosgeechrieben haben, 
sagt darüber in der Aßia Dee. I. Lib. IV. Gap. 3 Folgendes: 

«Das erste Land, wo er (Vaseo de Oama) vor seiner Ankunft 
am Vorgebirge der guten Hoffnung anlangte, war die Bai, die wir 
jetst St. Helena nennen, fünf Monate nachdem er von Lissabon ab- 
gesegelt war, und hier stieg er an das Land um Wasser einzunehmen 
und Eugleich die Sonnenhöhe cu messen. Denn da sich die Seeleute 
dieses Reiches erst seit kurzer Zeit xu diesem Geschäfte des Astro- 
labiums bedienten und die Schiffe klein waren, so getraute er sich 
wegen des Schlingems derselben nicht recht die Höbe an Bord su 
nehmen, besonders mit einem hölzernen Astrolabium von drei Palmen 
Durchmesser, das man auf einem Dreifufse befestigte, um die Sonnen- 
Itnie besser bestimmen und die wahre Höhe jenes Ortes genauer und 
richtiger angeben zu können, obwohl man auch kleinere Astrolabien 
von Messing hatte. So einfach begann diese Kunst, die der Schiff- 
fahrt so sehr fruchten sollte. Und weil dieselbe in diesem Reiche 
zuerst auf die Schifffahrt angewendet wurde, so wird es nicht un- 
passend erscheinen, wenn ich (obwohl ich in meiner Geographie in 
dem ersten Buche diesen Gegenstand ausfuhrlich behandele) berichte, 
wann und von wem sie erfunden wurde, da diese Arbeit nicht weni- 
ger lobenswerth ist, als die anderer neuer Erfinder, welche zara Ge- 
brauche der Menschen dienliche Sachen hergestellt haben. *^ 

jtZvLv Zeit als der Infant Heinrich die Entdeckung von Guinea 
begann, geschah alle Schifflfahrt längs der Küste, die sie zur Richt- 
schnur nahmen; von dieser hatten sie ihre Kenntnifs nach Zeichen, 
aus denen sie „Segelan Weisungen^ machten, wie man sie ähnlieh noch 
jetzt in Gebrauch hat; und für jene Art zu entdecken genögte dies. 
Aber sobald sie die entdeckten Reiche so befahren wollten, dafs sie 
die Kfiste aus dem Gesichte verloren und in die Gbhe See steuerten, 
erkannten sie, wie sehr sie sich in der Schätzung und Bemessung 
nach Tagfahrten, die sie auf ihre Weise dem Schiffe auf 24 Stunden 
Wegs beilegten, sowohl in Folge der Strömungen als anderer Ge- 
heimnisse, die das Meer birgt, dem Irrthume aussetzten, während die 
Sonnenhöhe den wirklichen Weg ganz zuverlässig angiebt. Wie nun 
die Noth alle Künste lehrt, so vertraute der König Johann II. dieses 
Geschäft in seiner Zeit dem Meister Rodrigo und Meister Josepe, 
einem Juden, beide seine Aerzte, und einem Martin von Böheim an, 
der aus jenem Lande gebürtig war und sich rühmte, ein Schüler des 
Johannes Regiomontanus zu sein, "^ines unter den Kennern dieser 



Zar Geschichte der 6eognq;iliie. 2. Regiomontanas etc. |08 

Wiaseasebaft berfihmteD AstroaoaieD. Diese erfanden nun diese 
Weise, nach den Meridianhöhen der Sonne in fakren — 
ond machten hierüber Tafeln nach der Abweichung derselben — wie 
es jetst onter den Seeleuten im Brauche ist, und zwar ge- 
nauer als SU Anfang, wo man sich noch dieser grofsen hol- 
xeroen Astrolabien bediente.^ 

Man mufs Ohillany Recht geben, wenn er in seinem Leben Martin 
Bebaims klagt, dafs Barros in diesem Berichte nicht gans klar ist '}• 
Und doch scheint es nicht unmöglich, Elariieit in die Sache su bringen. 

Es war der Junta die Aufgabe gestellt, Mittel an die Hand lu 
geben, wie man die Breite aus Meridi&nhohen der Sonne bestimmen 
könne. Nun verlangt diese Aufgabe zu ihrer Losung die Kenntnilk 
Ton zwei Orofsen, deren eine die Mittagshöhe und deren andere die 
Abweichung der Sonne ist. Ist eine dieser beiden GröHsen ungenan, 
80 geht diese Ungenauigkeit mit ihrem ganzen Fehlerbetrage in die 
Brdtenbeetimmung über; wo also die Möglichkeit eines Fehlers am 
gröfsten war, da hatte die Junta ihr Hauptaugenmerk auf Abhülfe «u 
richten. In dieser Besiehung aber waren die beiden Gröften einander 
sehr ungleich. Was die Abweichung der Sonne betrifft, so gaben 
selbst die Alfonsinisehen Tafeln — von denen Regiomontan's gan« 
zu schweigen — den Ort der Sonne damals sdion so genau, dafi» der 
Fehler sich nur nach Minuten berechnete; hätte es sich nur um dieses 
sBlronomische Element gehandelt, die Breitenbestimmungen im Zeit- 
alter der £«ntdeckungen h&tten unmöglich um ganze Grade fehlerhaft 
sein können, wie sie dies doch thatsfichlich waren. Die hauptsfich- 
liehe, man möchte sagen, die einzige Schwierigkeit lag in der Beob- 
achtung der Sonnenhöhe, lag in den zu der Höhenbeobachtung ge- 
branohten Instrumenten, denn die kleinen Berichtigungen für Strahlen* 
breehnng a. s. w., die damals audi noch wenig bekannt waren, falieo 
hierbei gar nicht in's Gewicht. Nun braucht man aber den Bericht 
bei Barros nur ganz oberflächlich zu lesen, um sofort zu erkennen, 
dafis auch dieser die Instrumente in den Vordergrund stellt. Nur ein- 
tmal, im letzten Satze, wo ihm einfällt, dafs die Höhenmessung nicht 
das einzige für die Breitenbestimmung nöthige Element ist, erwähnt 
er nebenbei und recht eigentlich in Parenthese, die Junta habe selbst- 



') 'Besonders, wenn man so unrichtig Übersetzt, wie Ghillany dies thut. Er 
behtnptet, Barros sage: Das Astrolabium sei zuerst in Portugal zur Schifffahrt be- 
Botit. Davon steht im Barros nichts. Dieser sagt im Gegentheil: »So einfach, mit 
dem Astrolabium, begann diese Kunst, die — mehr ausgebildet — der Schifffahrt 
•0 sehr fruchten sollte. Und weil diese — so vervollkommnete — Kunst in diesem 
Beiehe snertt auf die Schififahrt angewendet wurde*" u. s. w. Verglaieht d«ii g«^ 
«pmcan Tast oben. 



104 BremsiDg: 

Teretindlich «neh Tafeln für die Abweichung der Sonne berechnet. 
L&fot man diesen Zwiechensats weg, so heifst es: 

,, Diese erfanden nan diese Weise nach den Meridianhöben der 
Sonne su fahren, wie es jetzt anter den Seeleuten im Branche ist, and 
swar genauer als sa Anfang, wo man sich noch dieser hölzernen 
Astrolabien bediente^. 

Mag man auch sonst aber die Unklarheit des Berichts Klage za 
führen Ursache haben, aber den Sinn dieses Satzes kann kein Zwdifel 
sein. Barros sagt ganz deatiich : Die Junta habe die Weise zn beob- 
achten gefunden, wie sie zu seiner Zeit, wo er schrieb, unter den 
Seeleuten üblich war, und diese jetzt gebräuchliche habe den Vortheil 
der gröfseren Genauigkeit vor der früher im Gebrauch gewesenen Be- 
obachtung mit Hülfe von Astrolabien. Barros sieht den Gegensatz 
zwischen früher and jetzt allein in den angewendeten Instrumenten. 

Und was war die Beobachtungsweise der Seeleute zu der Zeit, 
als Barros schrieb? Wir verweisen in Bezug darauf auf die im Ein- 
gänge mitgetheilte Stelle, wo es hiefs: 

„Die Seeleute im rotben Meere und indischen Oceane bedienen 
sich ihrer Instrumente zu derselben Beobachtung, zu welcher man 
bei uns ein Instrument braucht, welches die Seeleute den 
Gradstock nennen.^ 

Es unterliegt für mich keinem Zweifel, dafs Martin Behaim, der 
sich rühmte, ein Schüler Regiomontans zu sein, das Instrument Re- 
giomontans, den 'Gradstock, in die portugiesische Marine einführte. 
Und so hat Barros Recht, wenn er sagt, diese neue Kunst sei in Por- 
tugal zuerst auf die SchifF&hrt angewendet worden. 

Er hätte es nicht sagen dürfen, wenn er von der Beobachtang 
mit dem Astrolabium gesprochen hätte. Raymundas Lullus in seiner 
Arte de navegar hatte zwei Jahrhunderte vor Behaim das Astrolabium 
beschrieben, und in der Marine der) Catalanen und Mayorkaner waren 
seit langer Zeit nautische Instrumente üblich , um die Zeit durch Stem- 
höhen zu finden. Barros sagt selbst, wo er von dem Gebrauche der 
messingenen und hölzernen Astrolabien spricht: „So einfach begann^ 
diese Kunst. ^ Es sind ihm das nur die Anfänge, und nicht ohne 
einen Anflog von Nationalstolz weist er darauf hin, dafs die vervoll- 
kommnete Kunst des Beobachtens — wie sie jetzt unter den Seeleuten 
in Gebrauch ist, und zwar genauer als zu Anfang, wo man sich noch 
der hölzernen Astrolabien bediente — zuerst von seinen Landsleuten 
geübt ist 

Wüfsten wir das auch nicht von Barros, wir könnten es ander- 
weitig nachweisen. Um dieselbe Zeit, wo der Portugiese Nonius 
schrieb, dafs der von Regiomontan erfundene Gradstock zum Beob- 



Zar Greschichte der Geographie. 2. Regiomontanus etc. 105 

achten »of See diene, erschien in Spanien das seiner Zeit berühmte 
Werk von Medina über Steuermannskunst. Er beschreibt das Astro* 
labiam, aber den Oradstock kennt er noch nicht. 

Vielleicht läfst sich noch mehr ans dem Berichte bei Barros, wenn 
jwch nur zwischen den Zeilen lesen. Als die Junta zusammengesetst 
warde, sah ma^ sich nach solchen M&nnern am, die von verschiedenen 
Seiten her vollständige Sachkenntnifs herbeibringen konnten. So wird 
I^i^o gewählt sein, weil er mit den nautischen Kenntnissen der Ca* 
taianen and May orkaner vertraut war; Josepe, der Jade, wie Barros 
eigens deshalb hinzusetzt, weil er die astronomischen Schriften der 
Araber lesen kannte ; endlich Behaim, weil er aus dem Lande stemmte, 
welches die Wiege der neueren Astronomie war. Es ist nicht unwahr- 
scheinlich, dafs die beiden ersteren das damals schon gebräachliche 
Afitrolabiam empfahlen and die gröfsere Genauigkeit durch die Ver- 
gröDserung des Instruments erzwingen wollten, denn bei grofserem 
Halbmesser war allerdings eine genauere Ablesung möglich. Bisher 
waren sie ans Messing gemacht, aber wegen des sonst zu grofsen Me- 
tallgewichts nur in kleinerem Mafsstabe aasgeföhrt So schlugen sie 
denn hölzerne Astrolabien vor, und als Vasco de Gama seine Reise 
aotrat, nahm er, aufser den gewöhnlichen kleineren, messingenen Astro- 
labien auch ein grofseres hölzernes an Bord. Aber auf See liefs sich 
ihre Genauigkeit nicht vergleichen. Ihr Grundubel lag darin, dafs sie 
aaf dem schaukelnden Schilfe, selbst wenn sie in freier Hand gehalten 
worden, fortwährend hin und her schwankten. Wurde nicht die ge- 
nauere Ablesung des gröfseren Instruments durch dessen gröfsere 
Schwankungen wieder aufgehoben? Um dies zu untersuchen, nahm er 
in der Nähe der St. Helena Bai einige Mittagshöhen auf See und stieg 
dann an das Land, wo der feste Boden eine sichere Aufstellung ge- 
stattete. Und hier fand er, was er finden mufste, dafs die Beobach- 
tongen, welche er in See mit dem grofsen Astrolabium gemacht hatte, 
ebenso, wenn nicht noch ungenauer waren, als die mit den kleineren. 
War Behaims Vorschlag auf Einführung dus Gradstocks vorher nicht 
durchgedrungen, nach diesen Erfahrungen Vasco de Gama's mufste 
man sich entschliefsen. Versuche damit anzustellen. Die Uebung liefs 
seine grofsen Vorzüge erkennen, und Portugal erwarb sich das Ver- 
dienst, das neue Instrument zuerst in die Schifffahrt eingeführt zu 
haben. 

Es darf uns nicht Wunder nehmen, dafs der Gradstock nicht so- 
fort allgemein Eingang gefunden hat and z. B. in Spanien noch um 
da$ Jahr 1550 unbekannt war. Hat es doch mehr als 50 Jahre be- 
durft, ehe ein im Verhältnifs ungleich vollkommeneres Instrument, als 
es der Gradstock im Vergleiche mit dem Astrolabium war, ehe der 



106 Breiiiing: 

Hadiey'flche Spief^eloctant den Oradstock and den Dansqnadranteii 
▼erdW^ngt hatte. 

H&lt man noch einoial Alles zneammen: An der einen Stelle er» 
sählt Barros, dafs er in dem ersten Boche seiner Geographie ^Ton den 
BrBndem der nenen Beobachtangskunst^ sprechen wolle, an einer an- 
deren Stelle, dafs er in diesem Buche ^von den Erfindern des Orad- 
Stockes^ sprechen werde; dafs er bei Erwähnung Martin Bebaims auf 
Regiomontan hinweist und dafs Nonius, der am dieselbe Zeit wie Barros 
sdirieb, anter den Instromenten, welche die Seefahrer damals braodi- 
ten, ebenfalls den Oradstock and aosdrucklicb den Regiomontan als 
seinen Erfinder nennt — ich möchte glauben, der Antheil, den Martin 
Behaim als Mitglied der astronomischen Junta an der Porderong der 
Scbifffahrt gehabt hat, ist damit mehr als wahrscheinlich gemacht. 

Man möge es mir erlassen, solche Behauptungen zu widerlegen, 
wie die, dafs Behaim ein grofses Astrolabium an den Mast befestigt 
habe. Solche Abgeschmacktheiten sollte man nicht einmal einem Ma* 
trosen zomothen, und in Barros Schriften ist davon kein Wort zu lesen. 
Und wenn Ghillany die Vermuthung wagt, Behaim könne Tielleieht 
das Meteoroscopinm des Regiomontan für den Seegebraoch eingerichtet 
haben, so zeigt dies nur, dafs es ihm an jeglicher Sachkenntnifs dessen 
fehlt, worauf es gerade bei nautischen Instrumenten ankommt. Nor 
ein einziger Punkt könnte noch der Erörterung unterliegen, die Frage 
nfimlich, ob Regiomontan Behaims Lehrer gewesen sein könne. Aber 
gerade diesen Punkt hat Ghillany bis zur Evidenz erledigt: ^Es ist 
nicht der entfernteste Grund vorhanden, die eigene Aussage Behaims, 
dafs er ein Schuler Regiomontans gewesen sei, in Zweifel zo ziehen.* 

^. Die Catena a poppa bei Pigafetta und die Log^e. 

Im Kosmos IL, 469 Anm. 65 sagt Humboldt: 
Die Messung der gesegelten Distanz durch Auswerfen der Logge*) 
ist, wenn auch das Mittel an sich unvollkommen genannt werden mofs. 



*) Humboldt sagt „das Log*, aber die deutschen Seeleute nennen das Werk« 
zeug «die Logge*, und deshalb habe ich das deutsche Wort statt des undeutschen 
in den Text gesetzt. Auch in England hatte man noch bis um die Mitte des 
1 7. Jahrhunderts neben the log die Form tke logge ^ und zwar kommt das letztere 
Wort vorzugsweise in der Bedeutung unseres „Loggescheits* oder «Loggebrets* Tor. 
So hat z. B. Norwood in seinem durch die darin mitgetheilte Gradmessung be- 
rühmten Werke: The Seamans Practice (London 1686) auf S. 55: And although he 
which veeres the Logline he carefull to orerhale it so tlacke, that it mag not draw 
forwards the Logge, gst no doubt it doth loöse some wag. Sollte unsere SeemannS' 
spräche schon um diese Zeit das ursprünglich unzweifelhaft englische Wort auf- 
genommen und so bewahrt haben? Jedenfalls ist es in seiner deutschen Form sprach- 
lich richtig gebildet. Wie fag zur Flagge und dog zur Dogge wird, so mnfs log 
deutsch zur Logge werden. 



r 



Zar Gktehichte der Geographie. 3. Die Catena a poppe. 107 



doch FOD so groOier Wichtigkeit i9r die Kenntnifs der Schnelligkeit 
QDd Richtong oceanischer Stromangen geworden, dafs ich sie su einem 
Gegenstände sorgfältiger Untersudiongen habe machen müssen. — Es 
ist io allen Schriften über Schifffahrtskande, die ich untersucht, die 
irrige Meinung Ferbreitet, als sei die Logge aar Messung des suruck- 
gelegten Weges nicht früher angewendet worden, als seit dem Ende 
des 16. oder im Anfange des 1 7. Jahrhunderts. Die erste Anwendung 
des Loggens finde ich in einer Steile von Pigafetta's Reisejournal der 
Magellanischen Weltumsegelung, das lange in der Ambrasianischen 
Bit^thek in Mailand unter den Handschriften vergraben lag. Es 
bdbt darin im Januar 1521, als Magellan schon in die Sudsee gelangt 
war: Seconda la mUura^ che facevamo del f>iayg\o coUa catena a poppa 
toi percorrevamo da 60 in 10 leghe al giorno. Was kann diese Vor- 
richtang der Kette am Hintertheil des Schiffes, ^deren wir uns auf der 
ganten Reise bedienten, um den Weg za messen^') anders gewesen sein, 
als eine unserer Logge Shnliche Einrichtung? 

Humboldt spricht hier die ursprünglich von AmoretU, dem Heraus- 
geber des Pigafetta'schen Tagebuches aufgestellte Behauptung,*) dais 
die eaUma a poppa unsere Logge sei, so zuversichtlich nach, dads man 
nicht geglaubt hat, daran zweifeln zu dürfen, und doch verhält sich 
die Sache anders. Die caiena a poppa^ die wir zu deutsch am besten 
mit „Schleppleine^ wiedergeben, diente dazu, den Kurs des Schiffes 
genau tu bestimmen. Der Kurs aber wurde dazu benutzt, um die 
Distanz zu messen. 

Um dies nachzuweisen, mufs ich einen kurzen Ueberblick über die 
Httlfsmittel geben, die dem Seemann- von den ältesten Zeiten an bis 
ur Pigafetta zu Gebote gestanden haben, um den Ort des Schiffes auf 
der See zu bestimmen. Das erste und viele Jahrhunderte hindurch 
^ einzige war die Schätzung der gesegelten Distanz. Erst mit der 
Erfindung des Kompasses wurde es möglich, neben der Oröfse des zu- 
rockgelegten Weges auch seine Richtung genau zu bestimmen; und als 
eDdlich die Metboden der astronomischen Ortsbestimmung hinreichend 
vervollkommnet waren, konnte der Seemann mit Hülfe des gesegelten 
Kurses auch die Distanz abmessen. 

' Schon im Alterthume rechnete man nach Tagfahrten, indem man 
die Distanz schätzte , welche das Schiff während 24 Stunden zurück- 
pAtigL hatte. Die Möglichkeit, eine solche Schätzung auf hoher See« 
vo sich dem Auge nichts als Luft und Wasser zeigt, mit einiger 



') Durch die Anftthrungszeichen scheint Humboldt andeuten zu wollen, es seien 
^ die eigenen Worte Pigefettas. Ich finde sie aber im ganzen Tagebuche nicht 

*) Ameretti: iVimo viaggio ttc. (Milano ISOO. 4''.) p. StS. 



108 Breasing: 

Sicherheit voraehmea en können, mag Manchem zweifelhaft yorkom- 
man, und doch ist es Thatsache, und Jeder, der einmal eine Ifingere 
Seereise gemacht bat, wird es bestätigen, dafs der erfahrene Schiffer 
diese P&higkeit in hohem Grade besitzt. Und es ist gerade die Schiff- 
fahrt in ihrem noch unentwickelten Zustande als blofser KüstenÜEibrt, 
welche dem Seemann von Alters her die beste Gelegenheit bietet, sich 
darin zo nben. Dorch die Fahrt zwischen Eüstenpunkten , deren ge- 
genseitige Entfernung bekannt ist, lernt man ans der Bewegung des 
Schiffes durch das Wasser auf seine Geschwindigkeit schliefsen, und 
das mittelländische Meer, wo keine Strömungen in bestimmter Richtan^ 
vorherrschen, eignet sich zu dieser Beobachtung ganz besonders. In 
dem niederdeutschen Werke über die Steuermannskunst von P. von der 
Horst (Lübeck, 1673. 4.), dem ersten, welches in Deutschland erschie- 
nen ist, heifst es im zweiten Hanptstücke, welches davon handelt: 
,,u-o man den Weg des Schepes sal gissen^^^ auf die Frage: 

^^Warhy kan men tteien^ u>at Fahrt dai ein Schip in de See 
tnaketr' 

,yfVe» men erst mit ein Schip tithfaret und men langest de WaU 
(der Küste) ofte siinst van ein Land na dat ander segelt^ dar men 
weet^ tro feren dat de ein Plats ran den andern gelegen is, ook dat men 
weet, dat dar wenig Strom gaht, so mut men Achtunge hebten, in wo 
veel Tieds men mit solkem Fortgang desüMgen Milen segelt,^' 

Man sieht, dafs diese einfache Methode, die Geschwindigkeit des 
Schiffes schätzen zu lernen, so alt sein wird, wie die Schifffahrt selbst 
Begreiflich wird sie anfangs weniger genau und von Hause aus am 
so ungenauer gewesen sein, je weniger genau die gegenseitige Entfer- 
nung der Kostenpunkte bekannt war, und es darf uns darum nicht 
Wunder nehmen, dafs die Angaben über die durchschnittlichen Tag- 
fahrten eines Schiffes, wie sie sich bei den alten Schriftstellern ver- 
zeichnet finden, sehr verschieden sind. Aber doch waren diese Tag* 
fahrten das einzige Mittel, welches der Seemann besafs, um sich über 
seinen Ort auf hoher See zu vergewissern, wenn er einmal die Küste 
verlassend quer über das Mittelländische Meer fahren mufste. Und er 
hätte damit immerhin zu einem leidlich befriedigenden Ergebnifs ge- 
langen können, wenn ihm nicht leider das zweite zu dieser Art der 
Ortsbestimmung nöthige Element, die Kenntnifs des eingehaltenen 
Kurses gefehlt hätte. Bei der mangelhaften Mechanik der Scfaiffs- 
takelung war die Benutzung eines Seitenwindes oder, wie der Seemann 
sagt, das ^Segeln am Winde ** im Alterthume nicht bekannt, und so 
mufste man im Hafen warten, bis der Wind gerade nach dem Be- 
stimmungsorte hinwehte. Hielt nun der Wind an, so konnte man 
allerdings mit Hülfe der Tagfahrten nicht nur den ungef&hren Ort, 



Zur Geschichte der Geographie. 3. Die Catena a poppa. 109 

wo mui sich in See befand, Aondem aaoh den Abstand zwischen dem 
Ab&hrts- and Bestimmungsorte mit einiger Sicherheit berechnen. Aber 
solche Fälle bildeten die Ausnahme, und wie rathlos man dei der Di- 
Btancberechnung war, wenn das Schiff nicht auf geradem sondern auf 
gebrochenem Kurse segeln mufste, davon können wir als schlagendes 
Beispiel auffahren, dafs der grofse Geograph Ptolemäus unter solchen 
Umständen, um den geradlinigen Abstand zu erhalten, die auf Um- 
wegen gesegelte Distanz einfach um ein Drittel zu kurzen pflegte, ein 
Terfahren, das selbstverständlich jeder wissenschaftlichen Methode bar 
ond ledig ist Trotzdem konnte im Alterthume bei dem groüsen Mangel 
an astronomischen Beobachtungen die geographische Lage der Orte in 
den meisten Fällen nur auf diese Weise durch ^Gissung^ d. h. erfah- 
rapgemäfsige Schätzung der Distanzen festgelegt werden. 

Eine neae Zeit brach an, als Flavio Gioja durch Erfindung des 
Scbiffskompasses dem Seemann ein Werkzeug in die Hand gab, wo- 
darch es ihm möglich gemacht wurde, einen festen und bestimmten 
Kars einzuhalten. Hatte er sich bis dahin damit begnügen massen, 
oor die Grofse des zurückgelegten Weges und auch diese nur nach 
dem AogenmaOse zu veranschlagen, so konnte er jetzt wenigstens die 
Rlcbtang desselben genau beobachten. An die Stelle einer blofsen 
Schätzung trat eine wirkliche Messung, und durch die Anwendung der 
Loxodrome nahm die Ortsbestimmung einen ungeahnten Aufschwung. 
Lange bevor diese für die Schifffahrt so wichtige Linie ihren Namen 
erhielt und auf ihre Eigenschaften wissenschaftlich untersucht wurde, 
verstanden die Hydrographen des Mittelmeeres sie zu benutzen, und 
wie grofs der Erfolg war, das zeigen uns ihre Karten, die durch ihre 
Schönheit and Genauigkeit noch heute das Staunen des Kenners er- 
regen. 

Auch kann erst seit dieser Zeit von einer eigentlichen Steuer- 
mannskunst die Rede sein. Wir haben oben erwähnt, wie willkürlich 
man im Alterthume verfuhr, um aus mehreren auf gebrochenem Kurse 
gesegelten Distanzen den geradlinigen Abstand zwischen Anfangs- und 
Endpunkt abzuleiten. Jetzt bildete sich dafür jsine wissenschaftliche 
Methode, die der deutsche Seemann als das „Koppeln^ der Kurse be- 
zeichnet. Auf der loxodromischeo Karte von Andrea Biancho (1436) 
findet sich eine Tafel, Toleta de Marteloio genannt*), die genau der 
s Strichtafel ^ in unseren Handbüchern der Steuermannskunst ent- 
spricht: 



*) Vergl. Vinc. Fonnaleoni: Saggio auUa nautica aniica de Venetiani. Venet. 
1788. p. 9. 



JIO Br«tttiBg: 



3mma de mmtteMo ptit kaemäer: 
per «HM quaria do vetUo a iargo e atmiteo 

mim 20 98 

per 2 38 92 

per 3 65 83 

per 4 71 71 

per 5 83 55 

per 6 92 38 

per 7 98 20 

per S 100 

Man siehl, dafs diese Tafel angiebt, wie viel man mit 100 Meilen 
Fabrt anf einem seitlichen Korse voraas (meaneo) and wie Tiei man 
car Seite (a largo) kommt Dadurch erhielt der Seemann die Ifog* 
lidbkeit, alle seine im Zickzack gesegelten Distanzen anf die gerad- 
linige an besiehen. Er konnte jeden Augenblick seine ^Abweitong^ 
Tom geradlinigen Knrse berechnen, and wufste, wie viel Meilen er 
bei der ersten gSnstigen Gelegenheit wieder seitlich sa machen hatte, 
am zum directen geradlinigen Kurse zurückzokehren. Wie fhidtbar 
Reehnungsmethode fSr die Loxodrome und damit f&r die Orts- 
gewesen ist, davon liefern eben jene Karten den beaten 
Beweis. 

Aber selbst IBr die Schfitzung der gesegelten Distanz sollte der 
Kompafs ein nenes Hfilfsmittel bieten. In dem oben bereits erwShn- 
ten niederdeatsehen Werke ober Steoermannskonst heiTst es anf S. 2J : 
^fUp grote Fakrwaieri mag men ieren, gude Gissnng maken^ so men 
alU Dage bequem Weder heffi, dai men kann Höehie an der Sün» und 
Steren nemen; den uth de Veranderunge der Brede und Weienschop von 
dat KorSy dai men segelt, mag men erkennen y wo veel Milen dai men 
up de Tied gesegeU hefft. 

Aus der Rectification der Loxodrome ist es bekannt, dafs in einem 
rechtwinkligen geradlinigen Dreiecke, in welchem der Kurs den spitzen 
Winkel und der Breitenunterschied die Kathete bildet, die loxodromi- 
sehe Distanz in alle^ Strenge durch die Hypotenuse gemessen wird. 
Nun hatte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts, besonders gegen das 
Ende desselben, mehr und mehr das „Fahren nach den Meridianhohen 
der Sonne^ ausgebildet. Hatte man aber von Mittag zu Mittag die 
Breite astronomisch bestimmt, so brauchte man nur den im „Etmal^, 
so nennt der deutsche Seemann die Zeit von Mittag zu Mittag, ge- 
segelten Kurs auf der platten Karte unter dem richtigen Winkel zwi- 
schen den beiden Breitenparallelen auszuziehen und man erhielt un- 
mittelbar die gesegelte Distanz nach demselben Mafsstabe, nach welchem 
die Breitengrade auf die Karte gelegt sind. Dafs sich die für den 



Zur OMehichte der G«ogxapbie* 3. Die Caten» a poppa. 1| ] 



SeemaoD der frfihereii Jahrhunderte so überRns widitige Aafgabe, die 
gesegelte Distans sa finden« so leieht ond genau mit Holfe der platten 
Karte losen liefs, ist ein' wesentlicher Ornnd mit gewesen , dafs sich 
diese noch so lange Zeit nicht nur neben der loxodromischen, sondern 
selbst neben der Ifercator'schen Karte im Oebranche erhalten hat 
Die eratere trug nSmIich ihrer Entstehung gemfi(s, weil sie durch blo&e 
Zeichnung der Loxodromen entstanden war, überhaupt keinen Breiten- 
mafsatab; die letstere aber hat ihrem Principe nach einen Yeränder* 
liehen nnd das befremdete nicht nur, sondern erschwerte auch ihren 
Ckbranch« Um auf ihr aus dem loxodromischen Dreieck die wahre 
Distans su bestimmen, war noch eine besondere Constmotion erfor- 
derlich. 

Es leuchtet ein, wie viel bei dieser Methode der Distanzmessung 
dem Seemann darauf ankommen mufste, den gesegelten Kurs genau 
su wissen. Und dazu genügt keineswegs die blofse Ablesung desselben 
auf dem Kompafs. Was man auf dem Kompafs abliest, ist die Rieh- 
taug des Kieles. Bei einem seitlichen Winde aber bewegt sich das 
Schiff nicht in der Richtung des Kieles, sondern wird mehr oder min- 
der seitlich abgetrieben und deshalb mufs die Orolse dieser ^ Abtrift*^ 
gemessen werden. In neueren Zeiten, wo bei der Vervollkommnung 
^ astronomischen Ortsbestimmung die Kursrechnung so viel von ihrer 
Bedeutung verloren hat, beschr£nkt man sich darauf, das Kielwasser 
tv peilen. Früher war das anders und in den filteren Werken fiber 
Sienennannskunst findet man weitlfiuftige Anweisungen, wie die Abtrift 
lu messen ist. Da sind z. B. Regeln, wie sie aus der Segelfuhrung 
bestimmt werden kann; sind die Bramsegel weggenommen, so soll 
man einen Strich rechnen; sind die Marssegel geborgen, drei und ein^i 
halben Strich u. s. w. Ganz besonders aber und mit Recht wird em- 
pfohlen, dem Schiffe eine Leine nachschleppen zu lassen; der Winkel, 
den diese mit dem Kiele mache ^ sei die Abtrift. In dem berühmten 
Spiegkel der Zeevaardi door Luc, Jans*. Waghenaar (Leyden 1584) 
werden für die Distanzmessung keine Vorschriften gegeben, aber in 
Bezug auf die Abtrift hei£Bt es, dieselbe werde am sichersten gefunden: 
äoor eene Looiiffne mei een hau$ ofie anders achter uyt te laaien gaa»; 
man soll ein Stuck Holz oder etwas anderes an die Lothleine stecken 
und hinten nachschleppen lassen. 

Eine solche Schleppleine, um den Kurs genau zu messen und 
nichts anderes war die catena a poppa, von der Pigafetta spricht. Hätte 
er die Distanz gemeint, er würde nicht den Ausdruck viaggio gebraucht 
kaben, den er gerade da anwendet, wo er von der Richtung des ein- 
zoschlagenden Weges spricht. Einige Seiten vorher, wo er berichtet, 
dab Magellan in der von ihm entdeckten Stratse für die suruckgeblie- 



112 Brensing: 

bene Victoria ala Sigoftl einen Flaggenstoek aufgerichtet und am Fufae 
deeselben in einem Topfe einen Brief niedergelegt habe, um jenem 
Schiffe den Kurs ansoieigen, auf dem es dem Geschwader folgen solle, 
laaten die italienischen Worte : una Idtera, in cui imdieatse il viaggio 
cICerasi siabilito (U fare. Man braucht kein Seemann cu sein, nm ein- 
susehen, dafs hier die Bedentong von Distans für viaggio durchaus 
unsnlftfsig ist. Es ist su bedauern, dafs Amoretti nicht neben der ita- 
lienischen Uebersetaung auch den Urtext des Pigafetta in seiner ur- 
sprünglichen Gestalt herausgegeben hat Um die Sprache des See- 
manns SU verstehen, mnfs man vollst&ndige Sachken ntnifs dessen 
besitzen, worauf es ankommt und diese stand Amofetti, wie sich aus 
seinen Anmerkungen ergiebt, nicht zu Gebote. Nun ist es fraglieh, 
ob Pigafetta das Wort maggio wirklich gebraucht hat Ist dies der 
Fall, so hat er es offenbar, wie aus der angezogenen Parallelstelle 
hervorgeht, in der Bedeutung „Kurs^ angewendet. Er könnte indefs 
auch einen noch bezeichnenderen Ausdruck gebraucht haben. Und zu 
dieser Yermuthung veranlafst mich Folgendes. Zugleich mit der ita- 
lienischen Uebersetzung i«röffent lichte Amoretti auch eine französische, 
die mir leider nicht zu Gebote steht. Aber von dieser franzosischen 
Ausgabe lieferten Jakobs und Kries eine deutsche Uebersetzung (Gotha 
1801. 8.), und in dieser lautet (S. 57) die fragliche Stelle: Zufolge des 
Fahrstriches unseres Schiffes, den wir mittelst einer am Hintertheile 
desselben befestigten Kette u. s. w. Hier also ist viaggio ausdrucklich 
mit Kurs, denn das ist Fahrstrich, übersetzt. Es ist beinahe unbe- 
greiflich, dafs die Uebersetzer trotzdem Amoretti darin beistimmen, 
hier sei von der Logge die Rede. Aber in seem&nnischen Dingen 
mufs man gelehrten Herren viel zu Oute halten. 

Es mag der Erwähnung nicht unwerth erscheinen, dafs das Ver- 
fahren, von dem Pigafetta spricht, bis auf den heutigen Tag auf allen 
Schiffen geübt wird, die nicht in der Lage sind, Langenbestimmungen 
durch Chronometer oder Monddistanzen zu machen. Auf jedem noch 
so kleinen Seeschiffe wird nämlich wenigstens die Meridianhöhe der 
Sonne beobachtet, so dafs man den Breitenunterschied von Mittag zu 
Mittag genau kennt. Glaubt man dann sich auf seinen Kurs verlassen 
zu dürfen, so wird die Distanz so berichtigt, dafs sie dem Breiten- 
unterschiede und dem Kurse entspricht. Auch noch heute ist es eine 
durchaus richtige seemännische Ausdrucks weise, wenn man sagt: ,)dem 
Kurse nach, den wir genau mafsen, mufsten wir täglich so und so viel 
Meilen Distanz zurückgelegt haben.*' 

Die Logge ist unzweifelhaft eine englische Erfindung aus der Mitte 
des 16. Jahrhunderts. Sie findet sich zuerst erwähnt in dem Werke von 
William Borne (Bourne): A Regiment for ihe Sea, London, L")77. 4®. 



r 



Zar Cteachichte der Geographie. 3. Die Catena a poppa. ^l^ 



ffier bafst es (Sth'Bdition. 1592. p. 4Sy)t To know ihe skippet 
wof some doe nse tkii, whieh (a« / $ake if) i$ very good: theg have a 
peece of wood and a line to vere out over board, of a greai length, 
whkk they tnake fast at one ende^ and at tke other ende and in tke 
mddle tkey kave a peeee of a line, wkick tkey make fast witk a smali 
tkread to stand Igke unto a crow foote: for tkis purpose, tkat it skould 
iri^e a steame as fasty as tke skip dotk go away firom it^ ahnaies 
hating tke line so readie tkat it goes out so fast, as tke skippe goetk. 

In lyke manner tkey kave eitker an koure glasse of a minute or 

ehe a knowen part of an koure, by some number of words or suck 

olker hke, so tkat^tke line being vered out, may be stopt iust witk tkat 

fime, tkat tke glasse is out, or tke number of words spoken, wkick done 

tkey kale in tke logge or peece of wood againe and looke kow many 

fadam tke skip katk gone in tkat time: tkat being knowen, wkat part 

of a league so ever it be, tkey multiply tke number of fadames by tke 

porcion of Hme or part of an koure, Wkere by you may know iustly 

kaic many leagues and parts of a league tke skip goetk in an koure etc. 

As for example tkis: I kating a minute glasse, but it is better for to 

kave a porcion of tyme by some number of words, and tke lesser part 

of time tkat you kave, it is tke better, for if tkat tke sKippe doetk go 

tery fast, you skall not kave to muck lyne out, and if tkat tke skip 

doetk go but slowly, tken you may double tke lengtk of time by speaking 

ike words twice or tkrice over and for to work it tmely doe tkis : First let 

downe your logge kandsomely into tke water and tken let tke line be 

wutrked according unto tke skippe^ a two or tkree fadame from tke log 

eecordingly, tkat it be so farre a steame tkat it commetk into quick 

water, tkat tke edie of tke steame doetk not stay it, tkat being done, 

tken begin to speah your wordes and stay it iust at tke ende of tke 

words and tken kale in your logge againe and measure kow many foote 

or fadames tkat you kave verred or put out in tkat time etc. etc. 

Eine weitere Erw&hnung der Logge findet sich erst wieder in dem 
Jahre 1607, and zwar in einer von Parcbas veröffentlichten ostindi- 
sthen Reise*): 

Journal of tke tkird voyage to tke East-India set out by tke Com" 
pany of tke Merckants^ trading in tkose parts, in wkich voyage were 
imployed tkree skips viz. tke Dragon, tke Hector and tke Consent and 



') Herr Capitän-Lieutenant Stenzel von der Königlich -Dentschen Kriegsmarine 
hatte die Güte, mir bei seiner Anwesenheit in London auf dem britischen Museum 
die fragliche Stelle auszuziehen. Das Boume'sche Werk ist so selten , dafs sich die 
beiden ersten Ausgaben selbst in dieser reichen Bibliothek niobt vorfinden. 

•) Pürcbas: His pilgrime, Fol. London 1625. First part. Lib. III. . 

ZeiUchr. d. Ge^eUsch. f. Brdk. Bd. IV. ^ 



}|4 Brensing: 

tu ikem ihe Number of ikree hundred and ten persom or there abouU 
fcriiien by William Keeling, ckiefe Commander there of. 

Hier heifst es aaf pag. 188: 

This moming ihe fourth of August 1607 we saw many fiowres, a 
tigne of land and this evening we had g round from twentie eighi to 
sixieene fathome 0*y, but no sight of land, 

I hoysed out my schiffe and sent her to ride near us, to prove ihe 
set of the current; she found by ihe Log-line the current io sei South 
East by East two miles a watch; how be it^ the schiffe roade windward. 

Seit dieser Zeit begegnen wir der Logge öfter, aber zunächst nur 
in englischen Werken. In Spanien mufs sie erst nach dem J. 1633 
Eingang gefauden haben. Duflot de Mofras sagt darüber ^ ) : Don Pedro 
Porter de Casanate dans le discours. quil publia en 1633 sur rimperieuse 
nicessiti de corriger les erreurs, qui nuisaient ä la navigationy examina 
aussi les diff6renies mithodes proposies pour determiner la longilude 
et il les jugea difficiies et prisentant peu de securiiä aux pilotes. On 
ne connaissait pas encore dans la marine espagnole temploi de f utile 
insirument nommä le loch, qui sert ä mesurer la distance parcourue 
par le navire. In Frankreich mufs sie erst um die Mitte des 17. Jahr- 
hunderts bekannt geworden sein. Wir haben dafür einen vollgültigen 
Zeugen in dem seiner Zeit berühmten Hydrographen Fournier, der als 
Almosenier der königlichen Flotte Reisen nach Ost- und Westindien 
gemacht und reiche Erfahrungen gesammelt hatte. Er spricht in sei- 
nem Werke') über die Methoden, die gesegelte Distanz zu messen, 
and nachdem er die von Vitruv vorgeschlagene aber wohl nie in An- 
wendung gekommene erwähnt hat, fährt er fort: Depuis quelques an- 
nies les Anglois se sercent d^une praiique, qui h'en est pas beancoup 
eioignSe. Ils prennent une ligne ou cordeau auquel on fait des noeuds 
de 7 brasses en 7 brasses ou de \{) en \ 0, comme vous voulez, A cette 
cordelette en attache une petite palet te ou nacelle de bois de chesne 
d^environ un pied sur 5 ou le pouces de large, qui est charge sur far- 
ri^e d'une petite bände de plomb, Aux coslez on attache deux petits 
iuyaux de bois pour la soustenir mietix^ en sorte qne fextremite ou est 
le plomb enfoncä et Vauire paroisse touiours hors teau. Cela fait on 
la laisse tomber en mer au derriere du vaisseau sur le sillon ou hoüage 
du vaisseau et laissant librement filer ce cordeau selon la ritesse du 
naeire eile demeure comme immobile au Heu ou eile est tombie; puis 
voulant sgavoir le cinglage du vaisseau, on prend garde, combien de ces 



*) Doflot de Mofras: Recherche» sur les progres de Vastronomie et des sciences 
nautiques cn Eapagne. Paris 1839. 8*. p. 36. 

•) Fournier: Hydrographie. Paria 1648. Fol. p. 707. 



Zur Geschichte der Geographie. 3. Die Catena a poppa. |]5 

noemds oni eouU dans Cean Vetpace cTune ou deux horloges. — DaTs 
die Eenntnifs dieses Werkzeuges wie nach Frankreich so auch nach 
Italien von England ans gelangt ist, ergiebt sich daraus, dafs es von 
den italienischen Seeleuten wie von den französischen mit seinem eng* 
tischen Namen loch genannt wird. 

Schliefslich mochte ich noch auf einen Irrtbum aufmerksam machen, 
dem man in deutschen Uebersetzungen von Reisebeschreibungen und 
selbst in geographischen Werken häufig begegnet und der wohl m> 
äprnnglich von nautischen Dilettanten veranlafst ist. Es ist vielfach 
die Meinung verbreitet, als ob die Ortsbestimmung aus der Logge- 
rechnung von den Seeleuten „Gissung^ genannt werde. Dem ist nicht 
so. Gissung ist die erfahrungsmSfsige Schätzung des zurückgelegten 
Weges ohne Anwendung eines Mefswerkzeuges. Wenn ein Land- 
reisender nach der Geschwindigkeit seiner Schritte und nach der ver- 
iossenen Zeit die Anzahl der zurückgelegten Meilen veranschlägt, so 
ist das eben auch eine Gissung. Wenn aber der Feldmesser denselben 
Weg mit der Mefskette aufnimmt, so mag immerhin der Geodät eine 
solche Messung als höchst ungenau und z. B. für eine Basis zu einer 
Gradmessung als unbrauchbar verwerfen, der Feldmesser wird doch 
immer das Recht haben seine rohe Messung für eine Messung gelten 
zu lassen und nicht für eine Schätzung. So wird sich auch der See- 
mann es nicht nehmen lassen, seine Distanz gemessen zu haben, wenn 
er die Logge anwendet Gissung, Loggerechnung und astronomische 
Ortsbestimmung sind drei verschiedene Stufen der Genauigkeit. Auf 
die Gissung war man angewiesen, so lange die Logge nicht erfunden 
war; seitdem der Seemann diese anwendet, ist die Gissung so gut wie 
gänzlich aufser Gebrauch gekommen. 



8 



116 



V. 

p. V. Ssemenof s Forschungsreisen in den Trans- 
Ilischen Alatau und zum Issyk-Kul, 

auBgef&hrt in den Jahren 1856 und 1857. 

Nach dem Bnssischen von F. Marthe. 



Im Jahre 1850 drangen rassische Heerestheile zam ersten Male 
in den Landstrich südlich vom Ui vor, im Jahre 1853 war die Occa- 
pation des ^Trans-Ilischen^ Gebiets vollendet, und im Jahr 1854 
wurde an derselben Stelle, wo einst Almatu (f)die Apfelstadt^) an 
den Ufern der in den Keskelen (Nebenfluss des Ili) sich ergieüsenden 
Almatinka stand, der Grund zur Festung Warn oje gelegt, die seit- 
dem der Stützpunkt der rassischen Macht in jenen Gegenden geblieben 
und der Ausgangspunkt zu den bekannten grofsartigen Annexionen 
im Sfiden und Südwesten geworden ist. Kurz nach dem Entstehen 
der neuen Zwingburg im Kirgisenlande traf der seitdem bekannter 
gewordene russische Naturforscher P. v. Ssemenof, der Uebersetzer and 
Fortsetzer von Ritter's Asien, dort ein, um die angrenzenden Theile des 
Thian-Schan zu durchforschen. Einen in jeder Beziehung interessanten 
Bericht hierüber, den der trefTHche Beobachter in russischer Sprache 
erst jetzt veröffentlichte,*) um damit die Berichte Ssäwerzofs über die 
im Westgebiet des Himmelsgebirges unternommenen Forschungen so 
vervollständigen, geben wir im Folgenden ziemlich vollständig wieder, 
damit auch unseren Mittheilungen*) über Ssäwerzof die nothwendige 
Ergänzung nicht fehle.') 

Der Expedition, deren Verlauf wir zunächst erzählen, lag fol- 
gende Veranlassung zu Grunde. Im Juni 1856 hatte der kara- kir- 
gisische Stamm der Ssara-Bagisch nicht nur einen russischen 



') 8. SapiBki der K. B. Geogr. Gesellschaft. AUg. Geogr. (Sectionen f. phjs. 
n. matfa. Geogr.) Bd. 1. S. 181—264. 

•) 8. Bd. n, Heft 1 (S. 79 flg.) und Bd. III, Heft 5 (S. 421 flg.) dieser 
Zeitschrift. 

*) Der erste Bericht ttber Ssemenof s Reisen erschien in Petermann's Geogr. 
Bütth. 1868, S. 861 flg., begleitet von einer Karte. Von diesem unterscheidet sich 
der jetzige darin, dafs er auf ein engeres Gebiet beschränkt mehr in's Detail geht. 
Namentlich ist in der hier zu Grunde liegenden Darstellung der botanische Theil 
bei weitem vollaULndiger; nicht minder der ethnographische, welcher zur Geschichte 
der vor 12—16 Jahren am nordlichen Thian-Shan bestehenden VölkerverhÄltnisse. 
sowie zur Aufklärung der die russische Occupation herbeifUhrendcn Ursachen einen 
wohl nicht uninteressanten Beitrag liefert. 



P. T. Ssemenof 8 Forschungsreisen in den Trans -Ilischen AlaUn. ] ] 7 

TVansport fiberfallen, sondern aach den unter rassischer Botmäfsigkeit 
stellenden Stamm der Dnlat rein aasgeplSndert. Zar Yergeltang war 
im Angust desselben Jahres ein rassischer Streifzag in das cavor nie 
betretene Thal des Tscha, die damalige Weidest&tte der Ssara-Bagisch, 
ansgefohrt worden und hatte erwünschten Erfolg gebracht, d. h. es 
waren eine Anzahl Feinde getödtet and verschiedene Heerden ihres 
Viehes weggetrieben worden, *.— freilich nicht ohne einige Verluste, 
da die anfangs überraschten Steppenbewohner sich ermannt and ihre 
Gegner aaf dem Rückmarsche darch die unbekannten Defile's am 
Saook-Tubbe angegriffen hatten. Seitdem war etwa ein Monat ver- 
flossen, und der Kommandant zu Wfirnoje wünschte zu erfahren, wel- 
eben Eindrack der jüngste Rachezag auf die Ssara-Bagisch gemacht, 
and wie überhaupt die Verhältnisse am Tscha st&nden. Es sollte also 
eine „friedliche^ Recognoscirung, natürlich mit militärisch ausreichen- 
den Kräften (einer halben Ssotnie Kosaken), dahin veranstaltet werden, 
und die Führung derselben wurde Ssemenof angetragen, der sie, wie 
natürlich, mit Freuden annahm. 

Am 3. October (neuen Stils) 1856, früh 10 Uhr versammelte sich 
das kleine Ezpeditionscorps auf dem Marktplatze zu Wärnoje vor der 
im Bau begriffenen Kirche; es wurde nach rassischer Sitte eine Messe 
gelesen und Weihwasser gespendet, dann setzte sich der Zug, ver- 
stärkt um die nothigen Lastpferde und Kameele, geleitet von kirgi- 
sischen Wegweisern, in Bewegung. Die Reise ging westwärts, immer 
am Fufee des in Wolken gehüllten Alatau, der vorerst links liegen* 
blieb, um später an geeigneter Stelle überschritten zu werden. Das 
Wetter war warm und trübe, bald fiel Regen. So waren etwa vier 
Meilen zurückgelegt, Ssemenof ritt mit 2 Kosaken um eine halbe Werst 
dem Zuge voran , der ein melancholisches Lied sang, da wurde 
plotslich von vorn ein furchtbares Schreien vernehmbar. Rasch sprengte 
der Reisende mit seinen Begleitern einen Hügel hinan, und ein an- 
erwartetes Schauspiel bot sich seinen Blicken dar. Eine Schaar kir- 
giscber Reiter suchte in aller Hast ans einem Haufen schreiender und 
gesticulirender Menschen herauszukommen und jagte spornstreichs 
davon. Der zurückgelassene Haufen von Menschen und Thieren be- 
fand sich in einem malerischen Durcheinander auf dem Abhänge eines 
andern Hügels. Einige Kameele lagen auf der Erde, andere standen 
ohne Last da, hier waren einige Pferde zusammengekoppelt, dort liefen 
andre fr^i umher, ihrer Last entledigt, oder es war diese theilweise 
aufgebunden. Von den 10 Ssarten (Kaufleuten aus Taschkend), welche 
die Karawane bildeten, lagen zwei gebunden am Boden, ein Graubart 
aof den Knieen , andere liefen halbentkleidet ihren Rettern entgegen. 
Obwohl die Dolmetscher hinten beim Zuge waren, konnte die Scene 



]|g Marthe: 

doch keinen Au|^nblick mifsverBtanden werden« Eine kara-kirgieiaohe 
Baranta (R&uberschaar) von beiläufig 30 Mann hatte die Eaufleote 
übeifalien, ihr Gep&ck mit Beschlag belegt, ihnen ihre im Ourtel, aaf 
der Brost, in den Schaben versteckten Kostbarkeiten abgenommen and 
würde ihr einträgliches Geschäft zu £nde geführt haben , wenn sie 
nicht die nahenden Klänge eines Kosakenliedes stutzig gemacht und 
der Anblick dreier russischer Reiter in die Flucht gejagt hätte. Das 
Gros der kleinen Armee war unterdefs herangekommen, and ihr Führer 
forderte Freiwillige zur Verfolgung der noch sichtbaren Räuber aof. 
Fünfzehn Mann meldeten sich, und es begann nun eine Hetzjagd, die 
zuletzt damit endigte, dafs sieben Verfolgte aof müden Pferden im 
Schritt voran, und drei Verfolger einzeln und ebenfalls im Schritt in 
ziemlicher £ntfernang hinterherritten, bis diese, um dem Schicksal der 
Guriatier zu entgehen, sich entschlossen, umzukehren, wobei sie noch 
die von Jenen weggeworfenen Waffen und Oberkleider einsammeln ond 
als Trophäen zum abendlichen Bivonac zurückbringen konnten. Mit 
dieser ethnographischen Erfahrung schlofs der erste Reisetag. In den 
folgenden Tagen klärte das Wetter sich auf, ond der schneebedeckte 
Kamm des Alatau trat zur Linken in aller Pracht hervor, um 2 Uhr 
Nachmittag zeigte das Thermometer am 5. October 18 ^ C. in einer 
Höhe von etwa 3000' über dem Meere. Auf der Hochebene, in der 
hier gerastet wurde, bestadd die Vegetation aus hohen, theils ver- 
brannten, theils vertrockneten Kräutern. Einige Pflanzen standen noch 
in Blüthe, so die hohe wilde Stockrose {Allhaea nudißora)^ die Lava- 
thera thuHngiaca^ Cichorium inlybus, Glycyrrhiza asperrima und So- 
phara alopecuroides, ferner auf sandigen Hügeln Peganum harmaia und 
Calligonum. Das Nachtlager wurde an diesem Tage in einer Meeres- 
höhe von 3600 Fufs am Ufer des Kaste k aufgeschlagen. Von War- 
noje bis hierher waren etwa 11 Meilen zurückgelegt. Am 6. October 
ging die Reise in dem gewundenen Thale des Kastek aufwärts in der 
allgemeinen Richtung nach Süd. Das Wetter war klar; um 7 Uhr 
Morgens 10,3 Grad C. Rechts lag der abgerundete Gipfel des Ssook- 
Tübbe, etwa 9000 Fufs hoch, links die Berge Ssary-Tschebyr. 
Nach einer Stunde Wegs traten an den hohen Bergseiten des Thaies 
die ersten festen Gesteine zu Tage, anfangs dunkler Kalk, dann grob- 
körniger Granit, der sich auf 4 Stunden Wegs hinauf erstreckt, indem 
er zuletzt den Glimmer verliert. Nach fünfstündigem Marsche gelangte 
der Zug an die Stelle, wo der Kastek aus 2 Quellbäcben zusammen* 
flielst'). Man folgte dem südöstlichen Laufe, da der südwestliche zu 



') Im untern breiten Theile des Kastek-Thales war es, wo Ssäwersof (s. Bd. II, 
Heft 1, S. 82 dieser Zeitscbrilt) die ersten Sparen ehemaliger Gletscher, Moränen- 



P. V. Sse^enofs Forschungsreisen in den Trans-Ilischen Alatau. ] ( 9 

nahe an die damals noch cbokandsche Festung Tokmak gefShrt hätte. 
Bald trat Homstein xu Tage, das Aufsteigen wurde immer steiler, 
ferner zeigten sich zwischen den Granitmassen auch Adern und Stücke 
TOD Porphyr. Dieser Porphyr nmschlofs auf graulicher Grundlage 
kleine rothe Krystalle von Feldspath, hellgraue Oligoklase, war aber 
frei von Quarz. Weiterhin nahm der Porphyr eine dunkle, fast schwarze 
Grundfarbe an, aus der nur hellgraue Krystalle von Feldspath hervor- 
stachen. Nach mehr als sechsstündigem Marsche näherte man sich 
der Spitze des Passes, den die Wegweiser Beissenyn-Assy nannten. 
Zuvor noch wurde Gneifs bemerkt, der im Thian-Schan und beiden 
Alatau selten auftritt. Dieser grobkörnige Gneifs zeigte sehr deutlich 
seine charakteristische Schichtung und war reich an Glimmer. Bald 
darauf stiefs man auf einen kunstlich aufgeschütteten Haufen Steine^ 
aus dem trockene Zweige mit daran gehängten bunten Lappen (Opfer- 
gaben für die Berggeister) hervorragten; so bezeichnen, sagt Ssemenof, 
die Kirgisen gewöhnlich die Spitzen ihrer Gebirgspässe. Auf der Höhe 
des Passes bestanden die Felsen aus porphyrartigem Granit, dessen 
Grundlage hellrother Feldspath bildete, in welchem Krystalle desselben 
Feldspaths und Quarzkörner eingestreut waren. Die Vegetation war 
hier verwelkt, das Thermometer stand etwas unter Grad, der Wind 
war kalt und schneidend. Die Höhe des Passes schätzte der Reisende 
auf etwa 7600 Fufs. Klar erkennbar war von hier die Theilung des 
Trans-Ilischen Alatau in 2 Parallelketten, die sich nach links in die 
Ferne verloren, auf der Höhe mit Schnee bedeckt. Nach vorn hin, 
aber auch zur linken Hand, fiel der Blick in die dunkle Oeffnung der 
Schlucht von Buam, gerade aus erhob sich die Wand des Kirgisnyn- 
Alatau, welcher von dieser Schlucht aus die südliche Parallelkette des 
Trans-Ilischen Alatau nach Westen fortsetzt; zu Füfsen lag das ziem- 
lich breite Thal des Tschu mit dem Silberbande des vielfach gewun- 
denen Flusses. Der Weg abwärts führte nach { Stunden in das enge 
wilde Thal des Beissenyn-Bulak, in welchem auf einer Höhe von 
6500 Fufs das Nachtlager genommen werden mnfste. 

Am andern Morgen war das Zelt des Reisenden bereift, das 
Thermometer zeigte früh 7 Uhr — 1,5 Grad C, es schneite. Nach dem 
Aufbruche ging es 2 Stunden steil abwärts auf einem mit Granit- 
blöcken besäeten und theilweise mit frischgefallenem Schnee bedeckten 
Wege. Dann zeigten sich vertical erhobene Schichten von aufser- 



bilduDgen fand. Es sind hohe Steinwälle auf der linken Seite des Flusses, zu- 
weilen bifl 200 Fufs hoch, die au den Stellen, wo Querspalten vom Ssuck-Tübbe 
zum Kastek hinabgehen, senkrecht durchschnitten sind von ähnlichen Wällen. Sae- 
menof hat, wie wir im Voraus bemerken wollen, Erscheinungen dieser Art hier und 
anderwärts unbeachtet gelaasen. 



]20 Marthe: 

ordentlich festem, dickscbichtigem, dankel-graogranlichem Schiefer, nach 
diesem wieder Granit, bestehend aus weifsgrunlichem Feldspath, dun* 
kelgranem Glimmer und sehr wenigem Quarz. Nach ^stündigem 
Marsche wurde das enge Thal des Beissenyn rasch weiter, und bald 
Standen die Beisenden in dem breiten Thale des Tschu. Der Schnee 
hatte sich allm&hiich in Regen verwandelt, and hier horte auch dieser 
auf. Das Thal des Tschu erwies sich Öde und verlassen, die Ssara- 
Bagisch waren wahrscheinlich aus Furcht vor neuen Angriffen hinweg- 
gezogen, nicht einmal frische Sparen vereinzelter Reiter waren zu ent- 
decken. Ssemenof zog nun mit seiner kleinen Armee eine Meile weit 
in diagonaler Richtung auf den Punkt zu, wo der Tscha aus dem 
Querspalt von Buam in sein breites nach West gerichtetes Thal tritt; 
es wurden dabei passirt die Flufschen Dschenschischke-Earassu, Ssche- 
ianaschtsch und der kleine Kebin. Am Spalt steht der Hügel Borol- 
dai, der aus graulich -violettem Porphyr mit ziemlich gleichmäfsig 
eingesprengten glänzenden kry stallischen Qnarzkornern gebildet ist. 
Vom Boroldai ging es, immer noch auf dem rechten Ufer des Tscha, 
in die Schlacht hinein. Bald aber wurde diese so eng, und die Por- 
phyrfelsen traten so dicht an den Flufs heran, dafs auf dem rechten 
Ufer nicht mehr fortzukommen war. In dichtgedrängter Masse, mit 
den Eameelen und Saumthieren in der Mitte, wurde der Uebergang 
über den tosenden und schäumenden Strom glücklich, wenn auch 
mühselig, bewerkstelligt. Die Führer nannten die Berge auf dem 
rechten Ufer Turaigyr, auf dem linken Enyrgan. In Wirklichkeit 
ist es ein und dieselbe Bergkette, die durch den tiefen Querspalt der 
ßuam-Schlucht wie mit Gewalt auseinandergerissen ist, jetzt auf der 
linken Seite des Tschu als Eirgisnyn - Alatau oder Alexandergebirge, 
rechts vom Tschu als südliche Parallelkette des Trans-Ilischen Alataa 
aufgefafst wird. 

Wilde Erhabenheit ist der Charakter der Buam - Schlucht. Der 
schmale Fufspfad, auf welchem unsere Recognoscenten nur einzeln 
vorwärts kommen konnten^ tritt bald so nah an den Flafs heran, dafs 
ihn die schäumenden Fluthen desselben bespritzen, bald schmiegt er 
sich gleichsam in die steil abfallenden Porphyrfelsen ein, bald verliert 
er sich in Felsen- und Steinhaufen. Aus den Felswänden stehen hier 
und da Sträucher: Hippophae rhamnoides ^ Halimodendron argentevm 
und die für Mittelasien so charakteristischen Calligonum hervor, ferner, 
dem düstern Charakter des Ortes entsprechend, Wachholder (Junip.pseudo- 
sabind). Die dicken, gekrümmten Stämme des letztern kriechen gewohnlich 
über das Gestein hin, erheben sich aber bisweilen zu malerischen Bäumen 
von 15 — 17 Fufs Hohe, die mit ernstem, dunklem Grün bekleidet sind. 

Nach anderthalbstündigem Marsche stand man der Mündung des 



r 



P. V. Ssemenofs FonchangsreUen in den Trans-nisehen Alataa. ] 2 1 

grofsen Kebin, der von Ost her in den Tschu fällt, gerade 
gegenüber. Aber der Plan, an diesem hinauf- and so zuruckza- 
gefaen, erwies sich auf den ersten Blick als anausfuhrbar. Der 
grofse Kebin, der in einem ziemlich breiten, schönen Längenthaie 
fliefst und den Trans- üischen Alataa in zwei Parallelketten scheidet, 
verliert sich aaf den letzten Wersten seines Laafes, so zu sagen^ in 
eine Sackgasse, in eine so enge, mit so steilen, dicht zusammentreten» 
den Porphyrw&nden eingefafste Schlucht, dafs auch nicht Raum mehr 
zu einem Fufspfade bleibt. Der Mundung dieser Eebin-Schlucht standen 
unsere Reisenden in der Buam -Schlucht gegenüber, und zwischen 
ihnen und dem Kebin flofs noch dazu mit wildem Laufe der Tschu, 
über den der Uebergang hier gar nicht möglich gewesen wäre. So 
beschlofs man, bis ans Ende dieses Engpasses vorzudringen, der zu- 
letzt in die westliche Ufergegend des Issyk-Kul fuhren mufste. 

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die Thalschlucht des 
Tscha wurde immer wilder und romantischer. Auf den Porphyr- 
massen, die denen des Boroldai ähnelten, zeigten sich eigenthumliche 
bogenförmige Schalen von grobkörnigem Conglomerat. Weiterhin 
zeigte sich Gneifs und begleitete die Reisenden etwa 1^ Stunden weit. 
Darauf wurde der Gneifs wiederum von Conglomerat abgelöst, das 
diesmal kleinkörnig sich einige Stunden weit hinzog. Die aus Con- 
glomerat bestehenden Felsen zeichneten sich durch phantastische 
Formen aus. An einer Stelle wurde der Weg von den Felsen in den 
Flufs selbst hineingedrängt, und es galt nun, an die Felswand sich 
stützend, etwa 10 Klaftern weit dem Strom entgegen zu dringen. Ein 
anderes Mal, als man bequem in dem Thal, das sich ansehnlich er- 
weitert hatte , daherzog , brach plötzlich die Uft^rebene , wie eine 
Treppenstufe steil ab, und es mufste 5 Fufs tief hinabgesprungen 
werden. Hinter diesem Absatz war das wieder verengerte Thal mit 
zahllosem Gestein kleinster und gröfster Art, hauptsächlich aus Por- 
phyr bestehend, und von den hohen Thalwänden, wie die eigene Erfahrung 
lehrte, herabgestürzt, — völlig übersäet. Bald folgte die schlimmste Stelle ; 
die Tbalwände fielen steil zum Flusse ab, und ein schmaler Fufspfad 
wand sich einige hundert Fufs in die Höhe, zuweilen fast über dem 
Abgrunde schwebend, in dessen Tiefe der schaumspritzende Flufs 
toste. Nach Ueberwindung dieser Porphyrklippe befand man sich in 
einem kleinen, engen, mit Weiden bestandenen Kessel, der jenseits 
durch eine ganz ähnliche Klippe, zur Rechten (also im Westen) durch 
eine 2— 2500 Fufs hohe Felswand geschlossen war. Hier wurde das 
Nachtlager aufgeschlagen, indem man auf den beiden Porphyrvor- 
sprüngen Wachen ausstellte. Um 1 Uhr gaben diese das für den Fall 
einer Gefahr verabredete Zeichen. Schweigend sprangen die Kosaken 



122 Marthe: 

auf die Fafse and gfiflfen nach den Gewebren. Ssemenof begab sich 
auf den vordem Felsen, und der wachestehende Kosak deutete schwei- 
gend die Felswand hinauf, von der kleine Steine und FelstrGmmer 
herabrollten. In der klaren, mond- und sternhellen Nacht sah man 
einen Trupp Menschen und Thiere, etwa 1000 Fufs über dem I^ger 
der Russen an der Felswand sich hinwinden. Es waren offenbar 
Kara - Kirgisen , welche den Russen aus dem Wege gehen wollten. 
Nach einer Stunde war die Erscheinung vorüber, die Ermüdung der 
Russen aber so grofs, dafs sie sich ohne Weiteres wieder zur Ruhe 
legten. 

Am 8. October früh war das Zelt des Reisenden wieder bereift. 
Es wurde zunächst der andere „Bom^'), der erwähnte zweite Fels- 
verschlufs des zur Rast gewählten Thalkessels, leichter überschritten. 
Nach halbstündigem Marsche war der Terek-Ty, ein linker Zufials 
des Tschu, erreicht, das Thal begann nun sich allmählich zu erwei- 
tern und wurde von den Führern Ssary-Dala (gelbes Thal) benannt. 
Noch bestanden die Bergwände aus Porphyr, aber bei einer Oertlich- 
keit, Namens Ala-Basch (buntes Haupt), traten am linken Ufer des 
Tschu eigenthümliche Felsbildungen hervor. Es waren Reihen vertical- 
gestellter, unregelmäfsiger Säulen, von Zeit zu Zeit durch horizontal- 
liegende Querriegel durchschnitten, die nach dem Bericht aus ziemlich 
festem Thon bestanden. Am rechten Ufer zeigten sich gleichzeitig 
kleine konische Hügel aus weifsem Thon. Nach 2 1 stündigem Marsche 
von Ala-ßasch aus traf der Zug auf einen neuen linken Zuflufs des 
Tschu, der Utsch-Kurükel genannt wurde. Das Thal wurde immer 
breiter uod ging allmählich aus seiner meridionalen Richtung in eine 
west-östliche über. Gleichzeitig verloren die Berge an Höhe und nah- 
men den Charakter von Terrassen an, welche aus Schichten des Con- 
glomerats bestanden, das rings die Umgebungen des Issyk-Kul bildet 
Dies Conglomerat besteht aus groben Quarzkornern, in welche un- 
zählige, mehr oder weniger abgerundete Steinstücke von Quarz, Por- 
phyr, Granit, Diorit u. a. eingestreut sind. Dabei ist das Conglomerat 
so schwach verkittet, dafs es zuweilen zu Pulver zerrieben ist, jeden- 
falls leicht mit dem Hammer, Beil oder Brecheisen gleich dem Tuff 
der Grotte des Posilippo sich abbrechen läfst. In dem breiten Thale 
wurde auf das rechte Ufer des Tschu übergesetzt, und der Weg zog 
sich hier eine halbe Stunde lang durch ein dichtes Gebüsch von 



*) Born beifsen im Altai Engpässe, wie die hier bescbriebenen, und Ssemenof 
stellt damit den Namen Buam in Zusammenhang, ebenso den Namen des Flasses 
Tschuja (vom System des obern Obj) mit dem des Tschu, als Beweis, wie einst 
wohl dieselbe Sprache and Nationalität vom Altai bis znm Thian-Schan benscbte. 



P. ▼. Ssemenofs Fonchangsreisen in den TraDS-Ilischen Alatau. 123 

Weideo, Doraarten (Crataegus pinaxiifida^ Hippophae rhamnoides), 
Haämodendron argenieum^ Lycium u. a. Bald nach dem Verlassen 
<)i«8e8 Dickichts stiefsen die Wanderer aaf einen kleinen kara- kirgi- 
sischen Aul von 4 Jurten, in dem sie aber nar Weiber und Kinder 
fanden, da die Mfinner beim ersten Wahrnehmen der Russen in das 
Gebirge gesprengt waren. Von den todbleichen, in Todeserwartung 
auf den Knieen liegenden Kirgisinnen erfuhren sie, dafs die Ssara- 
Hagisch zum Issyk-Kul übergesiedelt seien. Es waren bis zum See 
nur noch 4\ Meilen (30 Werst), der Weg dahin beqaem, und so ging 
es rasch vorwärts, um so mehr, da mau fürchtete, dafs die Geflüch- 
teten am See Alarm schlagen möchten. Nach 2 Stunden Ritt wichen 
die Berge noch weiter zurück, uud es war der Wendepunkt des Tschu 
erreicht, wo der Flnfs seine vorher nordöstliche Richtung plötzlich in 
eine westliche verwandelt. Von hier traten die Reisenden in die weite 
westliche Uferlandschaft des Sees hinaus, welche an dieser Stelle den 
Namen Kutemaldy führt. Rechts konnte man in das schöne Thal 
des Thian-Schan hineinblicken, aus welchem der Oberlauf des Tschu, 
derKoschkar, hervorströmt. Beim Austreten aus diesem Thale 
empf&ngt der Flufs den Namen Tschu, strömt noch eine Zeitlang in 
NNO dem See zu, getrennt von ihm durch einen niedrigen Doppel- 
Höhenzug, bis dieser sich völlig abplattet, tritt dann in die Ufer- 
niederung selbst ein und macht hier plötzlich, an einer etwas ge- 
neigten Ebene entlang fliefsend, die Schwenkung nach Westen, die 
ihn in das Gebirge und weiter in den Engpafs von Buam führt. Die 
Distanz vom Wendepunkte des Flusses bis zum See beträgt etwa 
1 — 1\ Meilen, 7 — 10 Werst. Auf dieser Strecke liegt ein kleiner 
Sumpf, genährt, wie es scheint, vom durchsickernden Wasser des Tschu, 
und aus diesem Sumpfe fliefst zum See ein Wasserlauf ab, der, wie 
seine Umgebung, Kutemaldy heifst und zuletzt so dürftig wird, dafs 
er niehr einem Aryk (einem künstlichen Bewässerungsgraben) gleicht. 

Darauf reducirt sich, wenigstens jetzt, der von den 
früheren Geographen*) angenommene Zusammenhang des 
Tschu mit dem Issyk-Kul. 

Als Seemenof sein Reitthier von der Winkelspitze des Tschu hin- 
weg zum See wandte, war er überrascht von dem Anblicke, der sich 
darbot. Vor ihm erstreckte sich in unabsehbare Ferne der blaue 
Spiegel des See's , rechts erhob sich am Südufer des Sees die 
gigantische Reibe der Berggipfel des Himmelsgebirges, die mit 
glänzender Schneehülle umkleidet waren. In der breiten Uferland- 
scbaft und an den Abhängen der Vorberge des Himmelsgebirges 



•) 8. C. Bitter, Erdkunde v. Asien, Bd. 1, S. 895—898, vgl. S. 888. 



124 Marthe: 

waren sahllo8e kirgiaische Auls serstreot Der ganse Stamm der 
Ssara-Bagisch war offenbar hier beisammen, und sie halten keine Ah- 
nung von dem ihnen bevorstehenden Besuche. Friedlich weideten 
zahlreiche Heerden auf der ganzen Strecke zum See hin und ver- 
sperrten den Weg. Ein Dolmetscher wurde mit 2 Kosaken znm 
Manap (Sultan) Umbet-Ala vorausgeschickt, um die friedliche Absieht 
der Ankömmlinge kundzugeben. Bald waren diese insgesammt beim Aul 
desselben angelangt, von wo ihnen eine geraumige Jurte gleichsam 
von selbst entgegen wandelte, sie wurde nfimlich von Telenguten, d. h. 
Sklaven im Innern getragen. 

So waren denn die fanatischen Feinde von neulich, die eben sich 
anschickten, wie man später erfuhr, den Asch, d. h. das Todtenfest 
zum Andenken an die im Kampfe mit den Russeu Erschlagenen au 
feiern, jetzt in freundliche Gastgeber verwandelt. Bei den Kara-Kir- 
gisen steht überhaupt das astrecht in so hohem Ansehen, dafs an 
den Wettrennen und WettkSmpfen, welche ihre Asch und sonstigen 
Feierlichkeiten begleiten, stets auch die Batyr (Helden) feindlicher 
Stämme Znlafs erhalten. Aber wenn die Russeu dem Frieden ihrer 
Wirthe nicht recht trauten, so diese noch weniger ihren Gästen; darum 
hielten sich auch der Ober-Manap Umbet-Ala und der Manap Dschan- 
tai kluglicli fern. Im Namen des ersteren empfingen ein Oheim und 
zwei Brüder desselben die ungebetenen Gäste. 

Umbet-Ala war ein Sohn des durch Tapferkeit und Unterneh- 
mungsgeist hochberuhmten Urman, der mit dem Nachbarstamme der 
B o g u lange Zeit Krieg führte, obwohl die körperlich und geistig ana* 
gezeichnete Tochter Urmans mit dem Sohne Burambai's, des Ober* 
Manaps der Bogu, vermählt war. Die Geschichte dieses Elriegea ist 
wichtig und interessant, nicht nur, weil in Folge desselben zuerst die 
Bogu, später auch die Ssara-Bagisch in den russischen Unterthanen- 
verband traten und dadurch die Russen zu Herren des schonen See* 
beckens Issyk-Kul machte, sondern auch, weil dieser Streit die inter- 
nationalen Verhältnisse mittelasiatischer Nomadenstämme charakteri- 
stisch widerspiegelt. 

Den ersten Anstofs zu den Feindseligkeiten zwischen zwei Stäm- 
men liefert gewöhnlich ein Privatstreit. Dergleichen Streitigkeiten 
beziehen sich entweder auf bewegliche Sachen (bei Kauf und Verkauf, 
Entrichtung des Kalym), oder unbewegliche, auf die Grenzen von 
Land- und Weidestrecken. Die ersteren werden gewöhnlich von den 
Bijs (Beys) geschlichtet. Bij, Friedensrichter, ist entweder das Stam- 
meshaupt selbst, oder ein Mann, um den sich freiwillig eine Gefolgschaft, oft 
von Angehörigen verschiedener Stämme, gebildet hat, und den die öffent- 
liche Meinung des Nomadenlandes dieser Ehre für würdig erkennt. Es 



P. T. Stemenofs FonehungsreMen in den Trans-Üischen Alatau. 125 

hingt iroD den atreitenden Parteien ab, an welchen der Bijs sie sich 
wenden wollen. Der Bij verurtheilt den schuldig befundenen Theil 
cnm Schadenersats, ansgedrackt durch eine gewisse Anzahl Schafe, 
die hier, etwa im Werthe eines Rubels, die Münzeinheit bilden. Der 
Sprach des Bijs wird in der Regel getreu ausgeführt, Ififst aber die 
Appellation an den Manap zu. Der letztere besitzt nur die Macht 
der Cassation; er fibergiebt die Sache den ihm n&chstwohnenden B\js, 
deren Batscheidung für definitiv gilt Wenn die streitenden Parteien 
verschiedenen Stammen angehören, so wendet sich jede an den Manap 
ihrea Stammes, und der Procefs kann nur in einer Zusammenkunft 
beider Manaps, wobei die Bijs ihrer Stfimme sie begleiten, ausgetragen 
werden. Auf solchen Zusammenkünften läfst es aber die gegenseitige 
Scammeseifersncht selten zu einem Ausgleich kommen. Dann sucht 
die beschädigte Partei den ursprünglichen Urtheilsspruch mit Gewalt, 
d. h. durch Raub der ihr zugesprochenen Stückzahl Vieh in Vollzug 
zu setzen. Dabei wird es aber selten mit der Zahl genau genommen, 
der rSuberische Uebcrfall trifft den ersten besten Unschuldigen des 
andern Stammes, man setzt sich auch zur Wehr, es fliefst Blut, Todte 
bleiben auf dem Kampfplätze, die Ursache zur Stammesfehde ist da. 
Das Menschenleben wird auf eine bestimmte Anzahl Schafe geschätzt 
(etwa 100, Wergeid I Man wird überhaupt hier vielfach an altgerma- 
nisehe Verhältnisse erinnert), jeder Stamm fuhrt genaue Rechnung 
über seine Verluste und setzt die Baranta fort, bis er vollständig 
entschädigt zu sein meint So entsteht häufig aus der Baranta, dem 
Raabzage, der wirkliche Krieg — D schon. 

Die Ssara-Bagisch und der mit ihnen engverbündete Stamm der 
S sei tu betrachteten als ihr Eigenthum den kleinern westlichen Theil 
des Seebeckens von Issyk-Kul und die obern Thäler des Tschugebietes, 
namentlich die des Koschkar und des Kebin. Die Bogu hatten den 
gröGsern ostlichen Theil des Seebeckens und die oberen Thäler des 
Tekes (oberen Ili) und des Naryn (Oberlauf des Syr) inne. Die 
Volkszahl der Ersteren wird etwa auf 80—90,000 Seelen beiderlei 
Geschlechts, die der Bogu auf 60,000 geschätzt, doch wollen die Bogu 
vor dem Ausbruch der Fehde zahlreicher als die Ssara-Bagisch ge- 
wesen sein. Als der Kampf etwa um das Jahr 1853 begann, fiel 
der Sieg beständig dem klagen und tapfern Urraan zu, die Bogu ver- 
loren die Lieblings- Weidestätten ihres hochbetagten Manap Burambai 
bei Kysyl-Ungur, mufsten das Südufer des Sees ganz räumen und 
hielten sich nur mit Mühe am Ost- und Nordostende desselben. Da 
beschlofs Urman den Krieg mit einem Schlage zu beendigen , er 
wollte den Aul Burambai's überfallen und dessen Familie in seine 
Gewalt bringen. Nur 600 Reiter nahm er zu seinem kühnen Unter- 



126 Mftrthe: 

nehmen mit und fahrte den ersten Theil desselben glQcklich so Bnde, 
der Aul Barambai's fiel in seine Gewalt, aber auf dem Rückwege 
wurde er mit Uebermacht angegriffen und volist&ndig amsingelt. In 
dankler Nacht entbrannte nan am Flufschen Schaty anf der Sod«- 
Seite des Sees ein erbitterter Kampf. Urman fand an Elytsch, dem 
an Sohnesstatt angenommenen ältesten Neffen Barambai's, der sp&ter 
wegen seiner Wildheit den Beinamen des Tigers von Issyk-Kul 
empfing, einen ebenbürtigen Oegner. Tödtlich von diesem verwandet 
gerieth er in Gefangenschaft, warde in die Jarte des Emirsak, des 
Sohnes von Burambai, getragen und gab hier in den Armen der ge- 
liebten Tochter, die dessen Weib war, seinen Geist aaf. 

Durch den Fall Urman's ermathigt, sammelten die Boga ihre ge- 
sammte Streitmacht und rückten am Terskei, d. b. Südafer des 
See's vor. Ihnen entgegen zog ebenfalls mit gesammter Macht Umbet- 
Ala, der älteste Sohn und Nachfolger Urmans. Ein tiefer und reifsen- 
der Bergstrom trennte allein noch die feindlichen Parteien, aber keine 
wagte im Angesicht des Feindes überzasetzen und anzugreifen. Ver- 
gebens ritten die Batyr, die Heldenjünglinge beider Stämme, sum 
Flusse^vor und forderten durch Spott und Schimpf den Feind smn 
Kampfe heraus; mehr als eine Woche verging in Unthätigkeit Da 
ersann Umbet-Ala einen Streich, der ganz seines Vaters würdig war. 
Im Lager liefs er einige hundert Reiter zurück und befahl ihnen, jede 
Nacht dieselben Wachtfeuer anzuzünden, er selbst aber brach in 
dunkler Nacht mit einer erprobten Schaar aaf, nmritt den See an 
seinem Nordufer, dem Kungei, und gelangte so zu den wehrlosen 
Auls Barambai's, die sich damals an der Mündung des Tab am Ost- 
ufer befanden. Hier waren nur Frauen, Kinder und Sklaven zurück- 
geblieben, daher konnte Umbet-Ala nicht nur Pferde- und andere 
Viehheerden in Menge, sondern auch einen grofsen Theil der Kinder 
und Frauen aus der Familie des Burambai, darunter seine eigene 
Schwester, das Weib Eniisarks, als Beute entführen. Als einige Telen- 
guten Burambai's mit der Nachricht dieses Ueberfalls in das Lager 
auf dem Terskei sprengten, war die Bestürzung und die Wuth hier 
grenzenlos. Burambai eilte sofort mit seiner ganzen Macht zurück, 
traf aber seine Auls verödet und vermochte auch nicht mehr die 
Ssara-Bagisch auf dem Kungei einzuholen. Nur der Nacbtrab der 
letzteren, etwa 50 Mann, wurde von Klytsch erreicht, zur Ergebung 
gezwungen und sodann ohne Gnade niedergesäbelt. Umbet-Ala rückte 
nun von Neuem in's Feld, am Nordostende des Issyk-Kul stellten sich 
ihm die Bogu, und es kam zur blutigen Entscheidungsschlacht. Die 
Letzteren wurden geschlagen und mufsten mit ihren sämmtlichen Auls 
und dem Ueberrest ihrer Heerden an den Tekes und den Karkara 



P. r. Ssemenofs Forschungsreisen in den Trans-Üischen Alatan. ] 27 

Üocbten, indem sie die ihnen verbliebenen Kostbarkeiten ihren Nach- 
barn, den ehrlichen Kalmücken, zar Aufbewahrung übergaben. Yer* 
gebens ging der alte Burambai, der den rothen Knopf an der 
Mutze trng nnd folglich einen bedeutenden Titel unter den Chinesen 
fahrte, die chinesischen Behörden um Hülfe an^ diese hatten 
schon seit einigen Jahren die üblichen Inspectionsreisen zum Issyk-Kul 
eingestellt und wollten von den dortigen Händeln nichts wissen. So 
blieb dem alten Lehnsmanne Ghina's nichts übrig, als sich in die Arme 
der Russen zu werfen; die Bogu sind seitdem Unterthanen des weifsen 
Zars, der durch sie sein Reich an das Ostufer des Issyk-Kul aus* 
dehnte. 

Seine Familie mufste der hartgeprüfte Patriarch für schweres 
Losegeld freikaufen. Nur die Schwester wollte Umbet-Ala nicht 
wieder einer Familie zurückgeben, welcher der Mörder seines und 
ihres Yaters angehörte. Anders jedoch dachte das heldenmüthige Weib 
selbst, welches durch treue Erfüllung seiner Pflichten den Vater besser 
zu ehren meinte, als durch Untreue gegen den Stamm, dem doch der 
Yater selbst es zugeführt hatte. Nach einigen Monaten, als die Auf- 
sicht weniger streng geworden war, entfloh die Gefangene in Gesell- 
schaft einer Stammgenossin, welche ebenfalls das Weib eines Bogu- 
Mannes gewesen war. Die armen Frauen nahmen als Speise nur 
eine Schüssel voll Hirse mit, schlugen sich sofort in die Gebirge am 
Südrande des Issyk-Kul, wanderten hier 17 Tage zu Fufs durch die 
wildesten Thäler und Schluchten des Thian-Schan, indem sie sich nur 
von ihrer Hirse und Wurzeln nährten und gelangten endlich bleich, 
abgezehrt, barfufs und mit zerrissenen Füfsen an den Tekes, zu den 
Jurten ihrer Männer. Die muthige Tochter Urmans bot nachher alles 
auf, um der blutigen Fehde der beiden Stämme ein Ende zu machen, 
erreichte ihren Zweck jedoch nicht eher, als bis die Ssara-Bagisch — 
wir wissen nicht, ob gezwungen, oder vielleicht klugerweise freiwillig 
— sich ebenfalls dem weifsen Zaren unterwarfen, was zwei Jahre 
nach Ssemenofs Reise, also im Jahre 1858 geschah. 

Wenden wir uns zu dem Reisenden selbst zurück. In seinen Un- 
terredungen mit dem alten Oheim Umbet-Ala's erfuhr er, dafs dieser 
schon einmal am Ende des vorigen Jahrhunderts in Peking gewesen 
war, um den Tribut seines Stammes zu überbringen, dafs die Ssara- 
Bagisch im zweiten Viertel dieses Jahrhunderts in die Unterthanen- 
schaft Chokands getreten und mit dieser wegen der Erpressungen der 
Beamten sehr unzufrieden waren. — Am Morgen des 8. October, früh 
7 Uhr zeigte das Thermometer in der Luft -1-3,2 Gr. C. , im See 
-*-5,3 Gr. Dafs die Temperatur aber vorher unter gestanden haben 



128 Marthe: 

mufste, bewiesen einige mit dünnem Eise belegte Wasserlachen in der 
Nfihe des Sees. 

Der See Issylr-Kal liegt in einem ungehearen Becken oder Lings* 
thale zwischen dem Himmelsgebirge (Thian-Schan) im Süden und dem 
Trans • Itischen Alatau im Norden. Die Länge dieser von riesigen 
Berggipfeln umkrSnzten Einsenkung beträgt von dem Punkte im Westen, 
wo der Tscha in den Engpafs von Buam tritt, bis zu dem Bergpasse 
Ssan-Tasch im Osten 250 Werst = 36 Meilen, die Breite 70 — 80 
Werst, also 10 — 11 Meilen. Den tiefsten Theil dieses gewaltigen 
Kessels nimmt das Wasserbassin des Sees in einer Länge von etwa 
180 Werst = 26 Meilen (von WSW. nach NON.) und einer Breite 
von etwa 50 Werst ^ 7 Meilen ein,') indem seine Oberfläche sich 
etwa über 105 □ Meilen oder 5145 QWerst ausdehnt (ein Umfang, 
der den des Grofsherzogthums Oldenburg ohne seine Nebenländer 
noch um 5 Q Meilen übertrifft!). Aus dem eben Gesagten ergiebt 
sich, dafs zwischen der Uferlinie des Sees und dem Fufse der am- 
gebenden Gebirge ein Raum frei bleibt, der bald eben, bald mäfsig 
ansteigend in einer Breite von 1^ — 3 Meilen sich nordlich und sudlich 
vom See ausbreitet. Dieses Uferland heifst im Norden des Sees, w^ie 
schon bemerkt wurde, Kungei, d. h. der nach Sud gerichtete Ab- 
hang, im Süden Terskei, d. h. der nach Norden gerichtete Abhang. 
Nach dem ersteren nennen die Kirgisen vom Issyk-Kul den Trans- 
Ilischen Alatau — Eungei- Alatau, meinen aber damit nur die Südkette 
dieses Gebirges, weshalb dieser Name nach Ssemenof s Meinung besser 
von der geographischen Nomenclatur ausgeschlossen wird, ebenso wie 
der unbestimmte Name Eirgisnyn- Alatau, mit welchem die Kir- 
gisen die Yorberge und die Vorkette des Thian-Schan auf dem Terskei 
sowohl wie weiter westlich jenseit des Tschu benennen.') Die Hohe 
des Seeniveau's bestimmt Ssemenof nach der Temperatur des siedenden 
Wassers zu 4540 russ. F. Es ist diese Ziffer das Mittel aus verschie- 
denen Beobachtungen, die an beiden Enden des Sees angestellt wur- 
den. Golubef erhielt aus barometrischer Beobachtung 5300 F. Sollte 
die Wahrheit in der Mitte Hegen, so würde man etwa eine Hohe von 
4900 F. über dem Meere für den Issyk-Kul anzunehmen haben. 

Vom Kungei aus erhebt sich der Trans -Ilische Alatau durch- 

M Diese Angaben stimmen aufTallend genau mit denen früherer Karavanen- 
berichtei welche Ritter a. a. O. S. 388 für zu grofs hielt 

^) Ob nicht Kungei -Alatau, der einheimische Name, nach dem Grundsatze 
pars pro toto besser wäre aU Sa-Ilischer Alatau (Sa im Russischen: jenseit, über, 
tranSf daher z. B. Sa-Balkanski, Sa-KünlUnski) , ist mir nicht zweifelhaft. Den 
Namen Rirgisnyn-Alatau hat Ss&werzof aber wohl definitiv auf die den eigentlichen 
Kungei-Alutau, d. h. die Südkette des sogonannteu Trans- Ili.sch«n i.:i. li V»'csten fort- 
setzende Bergkette fixirt. 



P. ▼. Ssemenoffl Forschungsreisen in den Trans-Ilischen Alatan. 129 

«dwicdioli etMra &500— 6M)Ö Fqüb frber den Spiegel des Sees, d. h. 
10—11,000 Fafs aber den Spiegel des Meeres. Höher jedoch ist der 
mittlere Theil des Gebirges auf einer Strecke von 50 — 60 Werst 
= ^'^^ Meilen, deon hier steigt das Gebirge bis 12- und 14,000 Fofs 
auf und überschreitet die Schneelinie. Doch Hegt der ewige Schnee 
immer nur stellen- und fleekenweise, daher mit Recht der Name des 
Gebirges: das bunte, fleckige (Alatau). Zu solchen Hohen nun 
steigt das Gebirge steil und schroff empor, Yorberge sind fast nicht 
Torlianden, nur kurze, rasch abfallende Contrcforts scheiden eben so 
yiele kurze Querthfiler von einander, in denen kleine, aber sturmische 
Gebirgsbiche von der Scbneelinie über Stein und Fels zum See hinab- 
stfircen. Nur eines dieser Contreforts tritt, aber bedeutend erniedrigt, 
so hart an den See heran, dafs kaum ein Durchgang übrig bleibt; 
diese Stelle heifst Kesse-Ssengir. Was dem Alatau vom Kungei 
her ganz den Anblick einer Mauer giebt, das ist namentlich der Mangel 
jedes irgendwie bedeutenden Ausschnittes in seinem Kamme und die 
Höhe seiner PSsse. 

Anders stellt sich am Terskei das Himmelsgebirge dar, das 
10-11,000 Fufs über den See, d. h. 15—16,000 Fufs über das Niveau 
des Meeres ansteigt. Der Abfall des Thian-Schan ist zwar steil, doch 
oiebt so übermäfsig steil, wie der des Alatau, eine Vorkette und Yor- 
berge erscheinen ziemlich selbstständig, einzelne Gruppen sind indivi- 
doalisirt und verdecken zum Theil selbst, vom Terskei aus gesehen, 
die hinter ihnen stehenden Schneeriesen des Hauptkammes, welche 
äbrigens nicht nur an der Spitze der tiefeingeschnittenen Querthäler 
siditbar sind, sondern überall dort hinter der Yorkette hervortreten, 
wo diese etnigermafsen absinkt. Yom Eungei aus gesehen, tritt jedoch 
der riesige Hauptkamm in seiner geraden Erstreckung von Ost nach 
West in ganzer Majestät hervor. Yon hier aus erscheint der Kamm 
des Himmelsgebirges als eine endlose Reihe riesiger Berggipfel, die in 
glänzender, nirgends durch dunkle Streifen unterbrochener Schneehülle 
strahlen. Wenn es in der That möglich wfire, eine Wanderung auf 
dem Kamme des Thian-Schan, von den Quellen des Eoschkar (Tschu) 
bis KU der erhabenen Gruppe des Chan-Tengri und des Passes 
Massart, auszuführen, auf einer Strecke von 400 Werst = 57 Meilen, 
der kühne Wanderer würde höchstens 6 Mal die Schneedecke unter 
seinen Füfsen weichen sehen, dreimal auf Bergübergängen, die eben 
nur zur Schneegrenze, d. h. zu einer Höhe von 11,500 Fufs hinan- 
reichen und dreimal in den Fngthälern von Flüssen, die auf der 
Nordseite des Thian-Schan entspringend, den Hauptkamm desselben 
durchbrechen, um nach Süden hin abzufliefsen. 

Grofsartig ist die Landschaft, die dem Blicke des Reisenden sich 

ZtlUcbr. d. Gesellsoh. f. Brdk. Bd. IV. ^ 



130 Marthe: 

darstellt, wenn er vom Eongei aos über den See nach Sfidea iohanC 
Der dunkelblaue Wasserapiegel kann in seiner Saphirfarbe knhn sich 
mit dem Genfersee messen, nur dafs er eine fünfmal gröbere Flfiche 
bedeckt als dieser, und der unvergleichliche Hintergrund dem Bilde 
eine Erhabenheit giebt, die der Genfersee nicht besitzt. Während 
hinter diesem die Vorberge der Savoyischen Alpen aufsteigen und die 
majestätische Gruppe des Montblanc vollständig verdecken, erstreckt 
sich hinter dem doppelt so breiten Issyk-Kul eine auf etwa 40 Mei- 
len übersehbare ununterbrochene Schneekette. Die scharfen Umrisse 
der Vorbergo, die dunklen Spalten der sie durchschneidenden Quer- 
thaler, alles dies wird gemildert durch den leichten und durchsichtigen 
Wasserdampf des über dem See schwebenden Nebels, aber um so 
klarer, um so bestimmter in den geringsten Einzelheiten ihrer Con- 
to uren, um so glänzender zeichnen sich auf dem dunkelblauen Grunde 
des wolkenlosen mittelasiatischen Continentalhimmels die vom Sonnen- 
lichte übergossenen grauen Häupter der Bergriesen ab, die aus dem 
durchsichtigen Nebeldampfe scharf sich abheben. Steht man bei 
dieser Schau im westlichen Theile des Kungei, so nimmt gerade ge- 
genüber die Decke des ewigen Sshnees etwa y der über den See- 
spiegel emporragenden Gebirgshöhe ein, wendet sich der Blick süd- 
östlich, so sinkt der schneelose Theil des Gebirges mehr und mehr 
in die dunkelblaue Wasserfläche, bis endlich im Osten die Wogen des 
Sees unmittelbar den Schnee der gigantischen Gruppe des Chan-Tengri 
zu bespülen scheinen. Nur der Vordergrund dieser Landschaft er- 
reicht bei weitem nicht die Aumuth schweizerischer Seelandscbaften. 
Statt der Uferterrassen mit den prächtigen Gärten, statt der blühen- 
den Städte und Dörfer, der poetischen Villen und Schweizerhäusdien, 
sieht der Wanderer am Issyk-Kul eine traurige, öde Fläche vor sich, 
ohne allen Schmuck dessen, was die Hand des civilisirten Menschen 
anzupflanzen und hervorzubringen vermag. Unfruchtbar, mit zahllosen 
Steinen besäet, im Ganzen ohne Baum wuchs liegt diese Uferfläche da; 
nur an den Ufern der muntern Gebirgsbäche, hie und da auch am 
Seeufer, trifft der Blick auf Gruppen kleiner Bäume und hoher Ge- 
sträuche, meistens Sanddorn (ßippophae rhamnoides) mit schmalen 
silbernen Blättern und Zweigen, die mit hellrothen Beeren dicht be- 
setzt sind, dazu Crataegus pinnatifida und zwei oder drei Weidenarten. 
Zuweilen schauen aus solchen Gruppen die weifsen Filzjurten kirgi- 
sischer Hirten oder der lange Hals eines zweihöckrigen Kameela 
hervor, noch seltner bricht aus dem die Baumgruppen umsäumenden 
dichten Rohrgebüsch eine zahlreiche Heerde wilder Schweine oder der 
furchtbare Beherrscher dieser Rohrdickichte — der Tiger. 

Die Seegestade selbst sind nicht überall flach, im Gegentheil an 



P. T. Ssemenofs Forschungsreisen in den Trans-Ilischcn Alatau. 131 

vieien Stellen abschüssig, wenn auch nicht hoch. Aber auch von 
diesen Dferterrassen scheinen die Gewässer des Sees allmählich zu- 
rückzuweichen , als ob der Wassergehalt desselben im Abnehmen 
wäre. Die alten und die jetzigen Ufergehänge des Issjk-Kul, ebenso 
der Boden des Sees an seinen Rändern bestehen aus dem oben be- 
»ehriebenen , schwach verkitteten röthlichen Conglomerat , dessen 
Schiften zum Seebecken hin schwach geneigt sind, während sie zum 
Gebirge hin sich erheben und den Fufs desselben ganz überdecken, 
an einigen Stellen in den Thälern des Thian-Schan bis zu mehreren 
btmdert Fufs hoch, so z. B. an der Oertlichkeit Kysyl-Ungur, wo in 
die mächtigen Conglomeratschichten geräumige Höhlen eingewölbt 
sind. Da diese Conglomerate in discordanter Schichtung gegen die 
paläozoischen Gesteine des Thian-Schan und Alatau liegen, und, soweit 
Ssemenofs Beobachtungen reichten, auch den Seegrund bilden, so 
schliefst derselbe, dafs sie die Niederschläge des Sees selbst seien. 
Dann würde ihre im ganzen Seebecken wahrnehmbare, über den 
jetzigen Seespiegel hinausgehende Höhe beweisen, dafs dieser einst 
bedeutend höher stand und eine bedeutend gröfsere Oberfläche bedeckte. 
Dafür scheint auch die Entstehung des Engthaies von Buam zu 
sprechen, denn schwerlich kann diese einem Durchbruche des im Ver- 
häknifs zu unbedeutenden Koschkar zugeschrieben, sondern wohl nur 
aas einem Dorchbruch der Gewässer des ganzen Issyk-Beckens, dessen 
Niveau dann sofort fallen mufste, erklärt werden. Nach diesem Er- 
eignifs konnte der Tschu noch lange der Abflufs des Issyk-Sees sein, 
bis die fortdauernde Niveau- Erniedrigung des letzteren diesen Abflufs 
unmöglich machte, worauf dann der bisherige Zuflufs des Sees, der 
Koschkar, zum Oberlauf des Tschu wurde. Die fortgesetzte Abnahme 
des Seeniveaus war aber dadurch bedingt, dafs, seitdem in Folge des 
immer troekner gewordenen Continentalklima's die Schneelinie sich 
höher schob, die Zuflüsse des Sees an Wasser verarmten und die 
. durch Verdampfung entstandenen Verluste des letzteren nicht mehr 
genagend ersetzen konnten. 

Der Issyk-Eul scheint aufserordentliche Tiefe zu haben, In- 
seln sind nach Ssemenofs Wahrnehmungen in ihm nicht vorhanden; 
sein Wasser hat salzigen Geschmack und ist zum Trinken ziemlich 
untanglieh. Der Winter bezieht nur einige Buchten und Einschnitte 
mit Eis, niemals friert der ganze See zu. Davon erhielt er seinen 
kifgisischen Namen Issyk-Kul, chinesisch Dje-Hai, d. h. warmer See; 
Mongolen und Kalmüken nennen ihn Temurtu-Nor, den eisenhal- 
tigen (nach Ritter weil an seinen Ufevn Eisenminen liegen, von denen 
indeis Ssemenof nichts erwähnt). Die Ursache des Nichtgefrierens 
mols, wie beim See von Choktschinsk im Kaukasus, der so?ar 1000 F. 



132 Marthe; 

höher^ dafür aber 1 Gr. südlicher liegt, in der Tiefe des Sees einer- 
seits und der Höhe der umgebenden Berge andererseits gesucht werden . 
Reich ist der Issjk-Kul an Fischen, welche sich in manchen Buchten 
in erstaunlicher Menge zusammendrängen und von den Kirgisen g&r 
nicht gefangen werden; ein grofser Reichthum an Arten derselben 
scheint aber den See nicht auszuzeichnen, welcher darin der ihm be- 
nachbarten Steppe hinsichtlich ihrer Flora gleicht; Ssemenof fiog ioamer 
nur Ssasane, eine Earpfenart. 

In den See munden an 40 Flusse. Die bedeutendsten sind die 
östlichen: der T üb und der Dschirga lan, welche am ewigen Schnee 
des Tbiau -Schan entspringen und die letzten 7 oder 8 Meilen in der 
östlichen Verlängerung des Seebeckens flielsen, geschieden von ein- 
ander durch den niedrigen Höhenzug Tasma, welcher zwischen den 
beiden FlufsmunduDgen als Halbinsel in den See vorspringt and 
in dieser Gestalt Kuke-Eulussun heilst. Von den übrigen Zu- 
flüssen des Sees sind die südlichen im Allgemeinen bedeutender als 
die nördlichen. Zu den ersteren gehören: der Earakol, der Dschity- 
Ugus, Eysyl-Ssu, Sauku, Tschischkak, Ak-Terek, Schirgatschal, Schar- 
pildak, Ten, Konurulun u. a., zu den letzteren: der Taldy-Bulak, Tu- 
raigyr, Dürenyn-Ssu, Tschugan-Aty, Eesse-Ssengir, der kleine und der 
grofse Ak-Ssu, Ssurekgyr, Eudurgu, Eurmety etc. Im Winter sind 
alle diese Flüsse wasserarm, füllen sich aber im Frühling und Sommer, 
selbst noch im Herbst, und werden dann stürmisch und rauschend, wäh- 
rend ihre Betten mit Baumgruppen eingefafst sind. Wo der Boden nicht 
allzu steinig ist, und Bewässerungscanäle aus den Flüssen abgeleitet 
werden können, ist Ackerbau möglich und gewährt vorzügliche Ernten» 
aber der zum Feldbau geeigneten Ebenen sind wenige, sie werden 
kaum den 10. Theil des unter dem Eungei und Terskei begriffenen 
Territoriums bilden. Auch Gartenbau würde in allen auf den ^Nord- 
hang^ und den „Südhang^ mündenden Thälern betrieben werden 
können, wie dies ein von Burambai angelegter Garten im Thale des 
Sauku und eine Anpflanzung von Apfelbäumen am Ak-Ssu, einem 
linken Zufiufs des Dschirgalan, beweisen. Die Rebe würde schwerlich 
"^ ^tnn Issyk-Eul zur Reife gelangen. 

Am 10. October trat die russische Recognoscirungstruppe ihren 
Rückmarsch an, zuerst in der Richtung nach ONO, dann NO, schräg 
über den Eungei weg in allmählicher Steigung zum Gebirge hin. Die 
ganze Oberfläche des Eungei war dort, wo der Weg ging, mit kleinen, 
rund geriebenen Steinen besäet, theils von Porphyr, theils und zwar 
häufiger von Diorit, seltener von Granit. Auf dem steinigen Boden 
standen viele dornige Gewächse, so die dornigen Arten von Astra- 
galns^ Lycinm, AcanthophyUum spinosum und das neuentdeckte Acan- 



P. V. Ssemenofs Forschangsrcisen in den Trans-Ilischen Alatan. \ 33 

tkophyllmn paniculatum. Von den kleinen Wasserläufen , die man 
darcbscbnitt, war nur der Taidy-Bulak durch eine Reihe von Weiden 
and Sanddorn bezeichnet. Nach mehr als 2 Meilen (15 Werst) Marsch 
auf der geneigten, steinigen Ebene des Kungei gelangte man zu den 
ersten Hügeln oder Vorbergen des Alatau. Diese Hügel bestanden 
zuerst ans Diluvialboden, wurden aber bald hoher und liefsen krystal- 
iinisches Gestein, namentlich Syenit, zu Tage stehen. Zwischen diesem 
zeigten sich auch Ausgärige von Diorit und Diorit-Porphyr. Ein ge- 
wundener Pfad führte durch diese nackten, steinigen und, wie es 
schien, völlig unfruchtbaren Vorberge nach einer Meile an den Flufs 
Taraig}T, wo unter den gröfsten Vorsichtsmafsregeln , da die Russen 
ja nach dem Verlassen der kirgisischen Auls den heiligen Charakter 
Ton Gästen verloren hatten, übernachtet wurde. 

Die Nacht verging ruhig, und am 11. October geschah der Auf- 
bruch früher als gewöhnlich, da der schwierige Üebergang über die 
Sudkette des Alatau bevorstand. Vom Turaigyr ging es nach NO 
aber die Ausläufer des Gebirgs, welche die Bäche Turaigyr, Kysyl- 
Bolak, Kabyrga-Bulak und Dürenyn-Ssu von einander trennen; an dem 
ersteren stand rother Granit, an einem der späteren Diorit zu Tage. 
Nach 4 stündigem langsamen Aufsteigen war der Dürenyn-Ssu erreicht, 
wo Halt gemacht wurde,* um — eine Saujagd abzuhalten. An den 
Rändern des Flusses stand dünnes Eis; auf seiner Ostseite erhob sich 
dn hoher und steiler Felsenkamm von rothem Granit, an dessen Fufse 
sich ein Snmpfstrich hinzog. Aus diesem brach eine Heerde Wild- 
sch^reine hervor, auf welche die Kosaken Jagd machten und glücklich 
einen Eber von ungeheurer Gröfse erlegten. Längs des eben erwähn- 
ten Granitkammes ging es endlich wieder in die Höhe, auf der andern 
Seite des Baches zog sich Gneifs hin. Der Weg wurde allmählich 
immer steiler, war jedoch noch erträglich, so lange er dem Bache zur 
Seite blieb. Als dieser jedoch links liegen blieb, und in gerader nörd- 
licher Richtung der steile Granitberg, welcher das Thal schlofs, er- 
klömmen werden sollte, wurde die Sache selbst gefährlich. Furcht- 
bare Gneifsfelsen, zum Theil mit lockerem Schnee bedeckt, lagen im 
Wege, and es dauerte 3 Stunden, ehe die Höhe des Passes erreicht 
war. Ein Kameel und drei Pferde mufsten in dieser Wildnifs ihrem 
Schicksal überlassen wetden, da sie nicht weiter zu bringen waren. 
Den Pafs nannten die FÖhrer Dyrenyn-Assy, und Ssemenof schätzte 
Mine Hohe auf etwa 9000 Fnft. Von einem an den Pafs angrenzen- 
den Olpfei hielt Ssemenof noch einmal im Abendsonnenschein Üm- 
Khan und Rückschau. Die Schneeriesen des Himmelsgebirges er- 
glänzten bell im Strahl der untergehenden Sonne in allen Regenbogen- 
Nuancen. Als höchste erschienen die, welche dem Meridian der West- 



154 Marthe: 

Spitze und der Mitte dee Sees entsprachen; zwischen diesen Meridianen 
scheint der Kamm des Thian-Schan etwas zu sinken. Die ganze blaoe 
Oberfläche der Westhalfte des Sees erschien so deutlich, wie 'aaf einer 
Karte, mit ihren Buchten, Yorsprungen and Binschnitten. Im Norden 
oder vielmehr im Nordosten war in den klarsten Umrissen und dabei 
ziemlich nahe der dreigipfiige Hauptstock der nördlichen Kette des 
Alatau, der schneebedeckte Talgarnjn-Tal-TschokajZu erkennen, 
dessen Höhe nach annähernder Sch&tzung sich auf 14,500 — 15,000 F. 
belaufen wird. 

Das Niedersteigen vom Durenjn-Assy war fast noch gefährlicher 
als das Aufsteigen. Im Anfange war der Weg so steil und felsig, 
dabei die Zwischenräume der schlüpfrigen Felsen so mit Schnee über- 
deckt, — am Nordabhange lag fiberhaupt mehr lockerer Schnee als 
auf dem südlichen — dafs die Pferde am Zügel gefuhrt werden 
mufsten, und doch Menschen und Thiere fortwährend stürzten, den 
Abhang in malerischer Unordnung hinabrollend. Zum Glück kamen 
die einen wie die andern ohne ernstlichen Schaden davon. Der Steil- 
hang, der so zurückgelegt wurde, bestand aus Gneifs. In einer Senke 
sammelte sich die Karavane, links von ihr in einer andern Einsenkang 
lag der kleine Alpensee Dürenyn-Kitschkene-Kul. Vor ihr zeigte 
sich in der Tiefe das Längsthal des Kebin, welches den westüchen 
Flügel des Alatnu auf einer Strecke von 100 Werst =s 40 Meilen in 
zwei Parallelketten, eine nördliche und eine südliche, scheidet Nach 
kurzer Erholung ging es beim Mond licht, immer noch furchtbar steil, 
weiter hinab, bis nach 2{ Stunde die obere Grenze des Baum Wuchses 
und ein Gebirgsbach, der nördliche Dürenyn-Ssu, der mit ungewöhn- 
lich raschem und stürmischem Fall durch ein kleines enges Qnertbal 
in das Längsthal des Kebin fliefst, erreicht war. Das wilde, roman- 
tische Thal des nördlichen Dürenyn ist mit malerischen Gruppen und 
Wäldchen hochstämmiger Fichten (picea Schrenkiana) besetzt. Unter 
solchen wurde, nachdem noch I7 Tausend Fufs von der oberen Grenjce 
der Baum Vegetation zurückgelegt waren, das Bivouac aufgeschlagen, 
und lustig brannten zum ersten Male wieder seit dem Uebergange 
über den Ssuok-Tübbe die Feuer, über welchen die Kessel mit Eber- 
fleisch brodelten. Am Himmel stand der Mond und übergofs mit 
hellem Lichte die Berggipfel, während die eingeschnittenen Schluchten 
und Klüfte im tiefsten Dunkel lagen. Da lebten die Kosaken wieder 
auf, sangen ihre muntersten Lieder, und es regte sich ihr Unterneh- 
mungsgeist; zwei von ihnen fehlten beim Appell, ihre Kameraden 
kicherten, und am Morgen waren sie da, beladen mit — Branntwein, 
den sie aus Wärnoje jenseit der Nordkette, 7 Meilen weit, herbei- 
geschafft hatten! 



P. r. Ssemenofs Forschungsreisen in den Trans-Discben Alatau. (35 

Am 12. October zeigte das Thermometer 8 Uhr Iruh —-2,5 Or. C. 
bei heiterm Himmel. Für das Nachtlager am DGrenyn-Seu, das etwas 
oberhalb seiner Mündung in den Kebin lag, ergab sich eine Höhe 
TOD 5962 Fa£s, danach mttfste das Thal des Kebin an der Mündung 
dieses Beiflusses auf 5500 Fafs absolute Hohe geschätzt werden. Der 
QiUDittelbar über dem Lager etwa 2000 Fufs steil ansteigende Berg- 
grat liefs Schiefer von grangrunlicher Färbung, dessen Schichten von 
0. nach W. strichen und sich nach N. unter einem Winkel von 65 Or. 
senkten, zu Tage stehen. In einer halben Stunde war der Kebin 
erreicht Das Thal desselben war hier etwa ^ Werst breit; vom 
Nordabhange der Sndkette ging in dasselbe ein hochstämmiger Fichten- 
wald hinab. Der Kebin ist ein rauschender, an Wasserfällen reicher 
Fhiis, der hier eine Breite von etwa 50 Fufs hat. Nachdem er in 
einer Furt passirt war, begann das Aufsteigen an der Nordkette in der 
Riebtang nach Nordost Das Gkstein war derselbe Schiefer wie an 
4er Südkette mit fast derselben Streichung von Ost nach West (nur 
um 5 Or. abweichend in der Richtung von OSO nach WN W), fiel 
aber hier nach S. unter einem Winkel von 55 Or. Diese synklinische 
Lige der Scbieferschichten im Kebinthale beweist offenbar, dafs das 
Gebirge auf beiden parallelen Linien gleichzeitig gehoben wurde. Was 
die geologische Epoche dieses Schiefers betrifft, so ist er sehr alt, 
palfiozoisch, and obwohl wegen Mangels an Versteinerungen die For- 
aatioD, zu der er gehört» nicht genau zu bestimmen war, so möchte 
«r doch in eine der beiden älteren paläozoischen Formationen zu 
letzen sein; wenigstens jm östlichen Flügel des Alatau liegt auf ähn- 
Keben Schiefern Kalk mit Yersteinerungen der devonischen Periode, 
dieser aber wieder anter Bergkalk (aas der Steinkohlenformation}. 

Der Marsch aus dem Kebinthale zur Höhe des Passes Kes- 
kelen dauerte 5 Standen. Die Schieferschichten nahmen bald ein 
Bade, und man traf hellen grobkörnigen Oranit an, welcher steile, 
felaige Abstürze bildete. Das kleine Querthal, in dem man aufstieg, 
bob sich rasch in steilen Stufen and war durch einen starken Oranit- 
kaom geschloeseD. Ein wild raasebender Bach, dessen Ränder schon 
stark beeist waren, führte an den Fufs der hoben Oranitwand, wo er 
seinen Uiaprang nahm. Ueber 1000 Fufs hoch war diese letzte Stufe 
des Anfbtiegs und aas hellem ond rothem Oranit zusammengesetzt. 
An der Orenze beider Varietäten ging der Weg im Zickzack aufwärts, 
taletst mit lockerem Schnee bestreut Die Oebergangsstelle bildet 
«nen kleinen Aasschnitt in dem Oebiftgskamme, dessen nächste Oipfel 
«twa d--ÖOO Fufs ober den höchsten Punkt des Passes, welcher 
10,400 Fafe fiber dem Meere liegt, hiaausstehen. Links, d. h. west- 
lieh vom Passe erheben sich abschfissige Felsen von hellem Oranit, 



136 Marthe: 

die mit einem sehr schmalen, scharf omrissenen) gezackten Kamme 
gekrönt sind, rechts ein etwas abgerundeter Gipfel von rothem Granit. 
Diesen erklomm unser Berichterstatter ohne viele Mühe und konnte 
auf dem welligen, zackigen Kamme desselben in der Richtung nach 
Osten einherspazieren. Ueberall lag lockerer Schnee, wo nicht steile Ab- 
hänge das Aufliegen desselben verwehrten. Unter dem friscbgefallenea 
Schnee und namentlich auf dem Nordabhange des Kammes waren ver- 
eiste, vieljahrige Schichten ewigen Schnees erkennbar, doch bildeten diese 
nur Felder von kleinerem Umfange. Die Aussieht gab an Grhaben>- 
heit der vom Fanlhorn in den Berner Alpen nichts nach. Ringsiim, 
namentlich im Süden, Südosten, Osten und Nordosten starrten zer- 
rissene, zackige Gipfel empor, deren dunkle, kahle Steilhänge einen 
scharfen Contrast zu dem blendenden Weifs ihrer auf ebneren Stellen 
liegenden Schneedecke bildeten, ein Contrast, der den einheinaisitben 
Namen des „bunten" Gebirges hier vollständig rechtfertigte. Vom 
Issyk-Kul war nichts zu sehen, wohl aber tauchten zwischen den 
Gipfeln des Alatau aus bläulichem Nebel die Schneehäupter des Him* 
melsgebirges im Süden auf. Nach Norden zu drang der Blick dorcfa 
das enge, wilde Thal des Keskelen weit in die ebene, endlose Steppe 
des Ili. 

Die Abfahrt war wiederum schwieriger als die Auffahrt. Schnee 
und Steine lagen chaotisch durcheinander^ die vereiste Rinde des 
ewigen Schnees machte das häufige Fallen von Menschen und Thleren 
gefährlich; dazu ging es sehr steil abwärts. Am Ende dieses steilen 
Abstiegs entdeckte Ssemeaof zwei Adern von Diorit im Granit. Die 
zweite derselben fiel durch ihre grobkörnige Zusammensetzung und 
darin sich abhebenden Krystalle von grünlicher Hornblende auf. Hier 
traf man auf einen der Quellbäche des Keskelen, der schon vottstän- 
dig zugefroren war. Sein Thal war mit mäCsigem Fall nach NO ge- 
richtet und lag an der Grenze der obern alpinen und der Zone der 
Alpensträucher, d. h. in einer Höhe von 9500 — .9000 Fufs, an den 
Abhängen trat schon Juniperus pseudosabina auf. Nach 20 Minuten 
Weges in diesem Thale war wieder ein steiler Absatz in fiberwinden. 
Bei 8000 Fufs absoluter Höhe zeigten sich woUgewachseae Fichten, 
zwischen denen die beiden Qaellbäcbe des Keskelen rauschend zn- 
sammenflossen. Das enge Thal des westUcherea war im Hintergrunde 
von Schneeg^pfeln geschlossen. Das Hauptthal des Keskelen, in wel- 
cb.em es nun weiter ging,, war mit schöner grüner Vegetation ge» 
scbmucki und wuriie. aufserord^üich maleriBch und romantiscb. Naeh 
24^ stündigem MarscKe von der Höbe des Fasses her wurde endlieh 
in einem Fichten wäld«ben 9 etwa 6000 Fufe hoeb) das leiste. Bivouao 
aufgeschlagen. 



r 



P. ▼. Ssemenofs Forschungsreisen in den Trans-Ilischen AlAtan. ]37 



Am 13. Octöber war<len etwa Docb 2 Meilen (15 Werst) ioi Ge- 
birgie und -f Meile (5 Werst) in den Verbergen zurückgelegt, immer 
far Seite des Kesfeelen. Die ersten 8 Werst lagen gröfstentheils in 
einem Fichtenwalde, zu Tage stand auf dieser Strecke rother Granit* 
Weiterbin, jenseit eines Nebenthälcbens, aus dem von rechts her ein 
Zaflnis des Eeskelen hervorstromte, ging der Granit zu Bnde und 
warde von grauem Sjenit und Diorit abgelöst, auch der Fichtenwald 
hörte auf; man trat in die Zone des Aprikosenbaumes (Urfik), d. h. man 
war unter 5000 Fufs herabgekommen. Nach 12 Werst vom Nacht- 
lager ans horte auch der Syenit unter Diluviaiboden auf; noch 3 Werst 
veiter deboachirte der Zng aus den hohen Bergen' and gelangte in die 
hügelige Vorgebirgslandschaft des Alatau. Die Hügel derselben waren 
Tollst&ndig mit Diluviaiboden und mehr oder weniger grofsen, zuweilen 
selbst ungeheuren Steinen von Granit, Syenit, Diorit ujid Diorit^Por- 
phjr bedeckt. Zwei Werst nach seinem Auatritt in die Vorberge 
bricht der Keakelen durch dieselben in einer sehr engen Schlucht, deren 
St^lw&nde ans röthlich -violettem Porphyr bestehen, der auch Schich- 
ten von Kieaelschiefer gehoben und stärk metamorphosirt hat Diese 
Schichten streichen von OSO nach WNW mit einer Abweichung von 
aar 10 Gr. vom Parallel und fallen nach Norden, Nach Durcbziebung 
dieser Schlucht trat man endlich in die untere Ebene ein, wandte sich 
Bscb Ost und gelangte nach einem Marsche von 30 Werst glücklich 
vieder nach Wärnoje. 

(Schlafs folgt,) 



VI. 

Titulaturen und Würden in einigen Centraineger- 

ländern. 



Von Gerhard Rohlfs. 



Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nord- 
lichen Centralafrikas fast fehlen^ so findet mah doeh bei . den Tebu, so 
wenig sie dieselben ausgebildet haben mögen, feste gesellschaftKche Einr 
ncfakongen. Von alleo WusteBbewöbnern sind sie die einBigea, welche 
^m stabile* monarebisehe Begierungsform babeti, obseban m\t seSir be- 
•chnnkter Gewalt; die Tebn bilden gewissermafseit den Udi>ergang cti 



138 Gerhard Rohlfs: 

der despotischen Staatsform der grofsen Negerreiehe nördlich vom 
Aeqoator and jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Toareg-, 
Araber- nnd Berber Triben sudlich vom grofsen Atlas theils nomadi- 
siren, theils feste Wohnsitze haben. 

Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tubesti, 
Borgn, Uadafdnga, Elaaar und einige andere kleine Oasen sind ihre 
Domänen, im Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das 
Ostufer des Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sefs* 
haft in kleinen Ortschaften, von denen die grofste wohl kaum tausend 
Binwohner erreicht, sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein 
erwachsener Teba-Mann verbringt die Hälfte seines Lebens auf den 
oft unsichtbaren Pfaden der endlosen Wüste, oder in den Steppen und 
Wäldern, welche die Sahara von den eigentlichen fruchtbaren Liändem 
Innerafrikas trennen. 

Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, 
und zwar folgt die Herrscherwurde nicht auf den jedesmaligen 8ohn<, 
sondern auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der 
König heifst ^derde^ (Barth: dirde bus), jedoch hört man ebenso oft 
den Kanuri- Ausdruck ^mai^. Für Brbprinz, obgleich das nicht der 
Sohn ist, er müfste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männ- 
liche Spröfeling sein, haben sie den besonderen Ausdrude ^derde koti- 
heki^; die Übrigen männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Na- 
men Prinzen ^maina^. Die Königin hat den Titel ^derde*ädebi^. 

Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtnngen 
existiren, so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Char- 
gen, welche damit verknüpft sind, keine Namen. Indefs nennen sie 
den Oberanführer einer Truppe „bni-hento'^, einen Unterbefehlshaber 
^es^gede-hento^. Auch für Unterhändler oder Gesandten haben sie den 
besonderen Ausdruck „iari-kek^ntere^. Ihre religiösen Beamten haben 
mit der Religion von den mohammedanischen Arabern ihre Namen in 
die Teda-Sprache mit hinüber genommen. Als besonders mufs noch 
erwähnt werden, dafs die Tebu einen eigenen Ausdruck für den Schatz- 
meister haben, oder denjenigen, welcher bei den Grofsen die Aus- 
gaben verrechnet, er heifst ''rezi ukil-henoa^ Mit dem eigentlichen 
Schatze oder mit dem Gelde hat er indefs nichts za thun, denn dies 
vergraben die Grofsen und Reichen eigenhändig, und sind viel zu be- 
sorgt und mifstrauisdi, nm den Platz, der meist weit w^ von der 
Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine 
«weite Person wissen zu lassen. 

So einfach wir nnn auch die Tebn->Ejinrfchtangen änden, nm so 
-complieirter «eigen sich die der ihnen nahe verwandt^i Staimnesvöl- 
ker, der Kanari oder Bewohner von Bornn. Diese und mit ihnen die 



r 



Titolaturen und Wärden m einigen Centralnegerländern. ]3!) 



Hofe der Pullo-Dynastien, an der Spitze Sökoto, haben offenbar Ein- 
xichtnngen, welche von allen Negerstaaten am meisten denen der ge- 
sitteten T51ker nahe kommen. Dafs mit der EHnfubrang des Islam 
eine bedeutende Aenderung vor sich gegangen ist, Ififst sich aber auch 
oieht weglaugnen. W&hrend z. B. früher in Borna der Purst, der den 
T^tel ,)mai^ hat, sich nicht einmal seinen Orofsen zeigte and stets hinter 
^nem Vorhange sprach, ist derselbe jetzt öffentlich sichtbar fSr Jeder- 
mann, spricht sogar in gewissen Fallen selbst Recht. Trotzdem hat 
sieh in naheliegenden Ländern, wie in Bagirmi, Mandara und anderen 
die Sitte erbalten, dafs die Grofsen, wenn sie mit dem Könige reden, 
ihm den Rücken zuwenden, zum wenigsten müssen sie das Antlitz 
abwenden. Ja in Kuka selbst gebort es noch zum guten Ton, mit 
abgewandtem Gesicht den ^mai^ anzureden. 

Sehr einflufsreiche Stellongen in Borna haben die jedesmalige 
Motter des mai, welche den Titel ^magera^ fuhrt, und auf die politischen 
Yerhandlangen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim ver- 
beiratfaet das Gluck hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu 
bringen; diese heifst ^gumsu^. Sie ist zugleich Leiterin des ganzen 
Harem, der in einem so grofsen und mächtigen Staate wie Bornu 
jedenfalls nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, 
ond somit zu zahlreichen Intrigoen und Ränken Gelegenheit giebt. 

Seit dem Sturze der Sefna - Dynastie durch die Familie der Ka- 
nemi^n hat man angefangen eine directe Nachfolge einzufahren, ob- 
wohl der mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet 
ist, immer befürchten lassen mufs, dafs Ausschreitungen vorkommen. 
Der Thronfolger hat den Titel ^y6ri-ma*") (nicht tata mai kara, wie 
Barth sagt, was blofs ältester Sohn des Königs heifst, auch nicht 
tarö-ma). 

Die einflufsreicbste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann 
lui&chst der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern Übersetzt 
hat. Dieses ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des 
Inneren, des Aeufseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach un- 
seren Begriffen das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich 
sind in einem Lande, wo alle Geschäfte und Beziehungen fast round- 
lidi gemacht werden, diese der Art, dafs Ein Mann aasreicht, um die- 
selben abzuwickeln. Uebrigens bat der Dig-ma auch seine Gehülfen, 
von denen der Brste den Titel „ardJino'^na^ führt 

Mehr für das eigentliehe Hauswesen, besonders für dSe intimen An- 

') Bartb giebt in seinem YocabnlArium dies Wort unter den xw51f großen Hof- 
bntem von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm können wir nicht 
«&hren, was y^ri-ma ist; mir wurde es als der Titel des Thronfolgers genannt von 
«UMDL Ifanne, der selbst Höfling war und gut arabisch sprach. 



140 Gerhard Rohlfs: 

gekgenheiten des Sultans dient der Oberste der Banuchen, ^mistra-m«^. 
Gewöhnlich gelangen diese zu grofsen Reichthumern , da um ii^esd 
eine Gunst vom Sultan eu bekommen, alle Beamten bestoichen werden 
müssen und hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht nberbmapt 
den Eunuchen und dem Eunuchenobersten ihre Reichthömer, da er nach 
ihrem Tode so wiie so ihr Erbe ist. Man glaube indefs ja nicht, daTs 
diese unglücklichen Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zn 
wollen; nicht nur, dafs sie stolz und reichgeschmückt die wildesten 
Pferde besteigen und Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiber^ 
barem, und der Mistra-ma hat sicher ein ebenso grofses Harem wie der 
Dig-ma. Mit dem Mistra*ma, jedoch lange nicht eine so wichtige Per- 
sönlichkeit, rangirt der Oberaufseher der königlichen Sclaven, welche 
in der Regel in einer Anzahl, die zwischen 3 — ^00 Köpfen schwankt, 
vorhanden sind; sein Titel ist „mar-ma-kullo-be^. 

Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sul- 
tans betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn 
man weifs, wie grofs die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, 
Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man 
andererseits einen E^ü* blick getban hat, welche Menge von Lebensmitt^n 
alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden mufs, um die ho- 
merischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den köaiglicheD 
Rath und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der 
königlichen Küche gespeist werden, zu fallen, so wird man sich gestehen, 
dafs das Amt eines Mainta kein unwichtiges ist Der Mainta hat xa- 
gleieh die Aufsicht über Küche und Köcbe. Weniger bedeutend ist die 
Function des Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Weinr 
oder Biertrinken für ein Yerbrechen gilt, läfst sich das leicht erkifiren. 
In Bornu besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam 
als Staatskirebe proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale 
mit Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu prfisentiren. Vor 
dem Essen und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu 
bringen, worin der Mai seine HSnde abspült. 

Das Heer in Bornu ist in drei grofse Abtfaeilnngen getheilt: Reiter, 
Infanterie« welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zom Theil mit 
Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung ; alle ffibren aufoer- 
dem Spiefse Und S&bel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. Was die 
Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde d« oorps; 
ihre Waffe isA ein Warfeisen von der Länge von zwei Fafs unld mit 
sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen. Der Reiteroberst hat 
den Titel „kets^lla-blel**, der Infanterieoberst heifst „katsella-nbursa^, 
der Schangermangeroberst ^yalla*ma^. Die übrigen Offiziere haben 



Titulaturen und Würden in einigen Oentralnegerländern. 141 

flchleehlweg den Titel ^katsella^, die Hnlfsoffiaiere oder Adjutanten 
heifsen ^kre-ma^. 

Als besonders mfissen die Commandanten zweier St&dte hervor- 
gehoben werden, der von Ngorna ond der von Yo. HauptsächKch ha- 
ben diese wohl deshalb einen besonderen Titel, weil der Mai manch- 
mal aofser in Koka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der 
Statthalter von Ngomu heifst ^faga-ma^, der von Yo hat den Namen 
^kasal-ma^. Alle Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemein- 
samen Titel ^billa-ma^, and nach Barth auch „tsi-ma^, wahrend Eoello 
letzteres Wort mit Abgaben Sammler übersetzt. 

Alle Sohne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Be- 
febUhaber des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die 
flkognäua* (pl. von kogna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des 
Mai und bilden den grofsen Rath, nokna genannt. Natürlich vom Mai 
in eigener Person präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegen- 
über ohne alles Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und 
Masik den Saal erst, wenn Alle versammelt sind, ein „kingaiam^ oder 
Herold kündet seine Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich 
erhebt, und sich erst wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen 
bat Gewissermafsen haben die Eognäua höheren Rang als die Be- 
üehlshaber der Armee und der Dig-ma, denn erstere dürfen bedeckt 
bleiben vor dem Mai, während letztere und auch der Mistra-ma nur 
nah blofsem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, Reich th um und 
Einflafs sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten nach dem 
Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, und 
ibr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch. 

Obgleich Barth behauptet, dafs die Communalverfassungen in dem 
grofsen Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für 
die Reiche, welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, 
dafs ich im Jahre 1867 die Einrichtungen der Staaten Bautsi, Eefü- 
abd-es-Zenga und Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, 
möglich auch, dafs seit der Zeit schon eine Umwandlung vor sich ge- 
gangen war, oder in den nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner 
rahmvoUen Reise nach Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht 
80 scharf ausgeprägt waren. 

Das grofse Pullo-Reich Zokoto zerfällt in viele Staaten, die alle 
loebr oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber den- 
noch alle den Kaiser von Zokoto, der „baba-n-serki*^ heifst^ anerkennen 
and ihm jährlichen Tribut zahlen. Der Bäba-n-serki gilt ihnen nicht allein 
^ weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt 



142 Gerhard Rohlfs: 

als solcher den arabisehen Titel ^hakem-el-momeDin^ oder Beherrscher 
der GlSnbigen. 

Im Lande Bautsi, von den Arabern Jacoba (auch Vogel und v. Benr* 
mann nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indefs Bautfi) 
genannt, steht an der Spitze der Regierung ein König, ^lamedo^ genannt« 
Obgleich unumschränkter Herrscher, bat er doch mit vielen unterwor- 
fenen Stämmen eine Art Vertrag machen müssen^ durch welchen die 
Abgaben, welche zu entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was 
sehr wichtig ist, gleichzeitig festgesetzt wurde, dafs von ihm im eigenen 
Lande keine Sclavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lamedo 
hält alle Tage offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei ver^ 
hört und aburtheilt. 

Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden 
wir die eigen thümliche Erscheinung, dafs die Eisen- und Silberschmiede- 
wie eine ausgestofsene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die 
Tochter eines Schmieds heirathen, kein Schmied bekömmt die Tochter 
eines freien Tebu. Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit^ 
weil er eben von den übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungs- 
fähig gehalten wird. Es liegt hier unwillkührlich der Gedanke nahe: 
sind die Schmiede bei den Tebu vielleicht anderen Stammes, vielleicht 
unter die Teda eingewanderte Juden? Aber weder in Sprache, Haar^ 
Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden sie sich auch nur im allermin- 
desten von den übrigen Teda, und diese selbst behaupten, sie seien 
von ihrem Fleische und Blute, nur das Handwerk mache sie verächt- 
lich. — Gerade das Gegentheil nun sehen wir in Bautsi; hier hat der 
Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang nach dem Lämedo, 
sein Titel ist „serki-n-ma-kera'^, was man durch Grofs-Eisenmeister über- 
setzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke in diesem Staate, 
der von Pullo*s regiert wird, aber zum gröfsten Theile Haussa-Ünter- 
thanen bat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge hervor, dafs 
alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein Meister 
steht, der den Namen Fürst hat, denn „serki** heifst Fürst oder Prinz. 
So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider, „serki-n- 
dümki^, einen Fürsten der Schlächter, „serki-n-faua**. 

Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und un- 
serem Ministerium entspricht, versieht in Bautsi der „galadima**, aber fast 
ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lamedo, der den 
Titel „beräya^ hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen^, 
falls der Lamedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstvei^ 
ständlich nur vom Obersten der Eunuchen Yinkona betreten werden. 
Obgleich alle PuUofürsten für gewöhnlich äufserst einfach gekleidet sind,, 
und sich in Nichts von den sie umgebenden Grofsen unterscheiden, so 



1'itiüaiiiren imd Würden m einigen Centralnegerländern. 143 

bftben sie doch ein eigenes Amt för den Mann geschaffen, der sie bei 
festlichen Gelegenheiten mit den dann allerdings prächtigen Gewän- 
dern bekleidet, er faeifst Zoraki. Wichtige mit der Person des Lamedo 
verknüpfte Aemter sind ferner das des Obersten der Vorreiter, madaki 
genannt, des Palastgouvemenrs „uombe'^ and des Schatzmeisters „adzia^. 
Naturlieh ist in diesen Staaten, wie das ja früher auch bei uns war, 
der PriyatschatE des Königs zugleich der des Landes, indem das ganze 
Land als Eigenthnm des Königs betrachtet wird. Anders verhält es 
sidi mit den Waffen, von denen Bogen, Pfeile und Säbel in einem 
eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden nur als öfifentliches 
Eigen thum betrachtet und der Hüter davon ist immer ein ansehnlicher 
Beamter, er hat den Titel „bendoma'^. Nicht unwichtig ist der Posten 
des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter ist und „serki- 
n-ara^ heifst. 

Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus 
hervor, dafs man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu 
diese auch auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stel- 
lang, ihr Titel ist ^serki-n-kurmi^. 

Als Truppengattung finden wir in Bautsi nur Reiter und Infan- 
terie, letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen, und Schanger- 
manger namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Eiidge wenige 
der Reiter haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. 
Die Pfeile der Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit 
Gift aus Euphorbien. Der Befehlshaber der Fufstruppen heifst „serki- 
n-jaki^, der der Reiterei „serki-n-dauaki^. 

Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uosse, 
nämlich „serki-n-dütsi^ ; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der süd- 
lichen heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner -der Hauptmann 
sämmtiicher nicht PuUovölker, uud da diesen in Bautsi eine grofse 
Zahl von Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er 
heifst „sennoa^. 

Auch in dem * PuUo - Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das mili- 
tjurische Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden 
Seiten des mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine 
bedeutende Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen 
bemannt sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, 
der „etsu*' heifst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt „bargo-n- 
gioa**, wörtlich „Spiegel der Elephanten^. *) Die Königin, obgleich 



*) Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium dieae 
Worter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von einem ganz zu- 
verliraigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt in Loködza ist, über- 
setzt worden. 



144 Gerhard Rohlfs; Titalatnren and Worden etc. 

dieselbe in Nape ganc obne Einflufs ist, hat denselben Titel wie der 
ELönig. Mit der Stelle eines Admirals ist augleich die des Obersten 
der ScUven verbanden, wobl aus dem Omode, weil die Ruderer der 
Schiffe alle aas Sclaven besteben. 

Es kommen dann der Reibe nach zaent der ^damraki^, der erst« 
Rathgeber des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereimgend. 
Nach ihm natürlich der Eunnchenoberst, ^indatoraki^, dann der Ober- 
polizeidirector, der zagleich, wie überall dort, die Auszeichnung hat, 
Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist ^serki')-n-dogäli^. 
Da aber auch in den Nigerl&ndern wie in Yoruba die Sitte des Pfäh- 
lens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es nicht leicht ist, 
einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge nach durch 
den Körper zu schieben, dafs der Pfahl durch Hals und Mund heraus- 
kömmt, so hat er natürlich einen ganzen Schwärm von Helfershelfern. 
Nach diesem kommt dann zunächst der Fremdenvorfuhrer ^serki-ii- 
fada% eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu finden 
scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter n^^gS^^9 ^^^ Ober- 
koch „serronia^ und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen 
Namen „liman^ hat 

Da der König von Nupe fast immer im Felde ist,, so hat er einen 
Stellvertrete'r in der Hauptstadt creiren müssen ; oft ist dies sein vor- 
bestimmter Nachfolger sein Titel lautet „zitzu^. Der Rath um den König 
besteht aus den Grofsen, „seraki'^ (pl. von serki) genannt, und das Heer 
wird von einem Obergeneral angeführt, der ^^maiaki" genannt wird. Die 
beiden Waffengattungen, Reiter und Fufsvolk, heifsen ^bendoaki^ 
und „serki-n-karma^. Ganz in der Nfihe des englischen Einflusses 
könnte der Nupe-Staat einer grofsen Zukunft entgegen gehen, und 
gerade hier, von der englischen Colonie Lokodza aus, sollten Missio- 
näre dem jetzt eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden 
worden katholische Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein. 



') Der Name ist serki und die Genitivform d ist aus dem Haussa in diese 
Sprache übergegangen. 

A n m. / SS seh, z ss fr, g vor e oder t, der Accent dient blos zur Betonung 
der Silbe. 



145 



V 

VIL 

Beiträge zur Geographie von Hoch -Armenien. 

Von Herrn Wilh. Strecker, 
Oberst In tfirkiscben Diensten. 

(Hierzu zwei Karten, Taf. ÜI n. IV.) 



1. Die Ebene von Erzerum. 

Die Ebene von Erzeram hat, wie ein Blick auf die Karte erkennen 
UÜst, eine sehr anrege! mäfsige Form, weshalb für ihre Ausdehnung kaum 
bestimmte Zahlen angegeben werden können. Sie wird im Süden 
Ton der Palandöken-Eette und ihren Verzweigungen und im Norden 
ron dem Gebirgsstock der Trapezunt-Erzerumer Handelsstrafse — wie 
man denselben manchmal nannte — eingeschlossen, ßeide Oebirgs- 
sjsteme sind als solche and in ihren Gliederungen den Geographen 
Doch ziemlich unbekannt geblieben. Ich hatte Gelegenheit sie vielfach 
zu bereisen. 

Die Palandöken- Kette bildet, soweit sie unsere Karte berührt, die 
Wasserscheide zwischen dem nordwestlichen Enphrat und dem Araxes 
and weiter westlich hauptsächlich zwischen den beiden Hauptarmen 
(dem nordwestlichen und dem südöstlichen) des Euphrat. Sie gehört 
zu dem grofsen Taurnssystem und ist dieselbe Kette, welche westlich 
oberhalb Egin Tom Euphrat durchbrochen wird. Ich benenne sie hier 
Palandöken-Kette, da in der Türkei wohl einzelne Berge, aber fast nie 
ganze Gebirge Gesammtnamen tragen, und zwar nach einem ihrer 
höchsten, nahe an Erzerum gelegenen und bekanntesten Punkte, dem 
steilen nnd zerrissenen Trachytberge Palandöken d. h. der „Sattel- 
abschüttelnde^, so benannt wegen der um seine Spitze herum herr- 
schenden heftigen Winde, denen die Lastthiere kaum widerstehen kön- 
nen , welche die in der Nfihe der Spitze nach Ghinis und Musch fuhrende 
Strafse emporklimmen müssen. Ich fand die Höhe der Bergspitze 
10,485 englische Fufs über dem Meere, um 250 Fufs höher als den 
höchsten Punkt des Bingöl-Dagh '). Die Kette verflacht sich nahe bei 



') Diese Angabe erscheint mir doch höchst zweifelhaft; P. v. Tschichat- 
scheff hat den höchsten Felsen- Gipfel des Bingöl-Dagh, den er nur mit Zurück- 
lassung der Pferde erklettern konnte, am 1. August 1858 barometrisch 8760 Meter, 
t\sQ 12,300 engl. Fufs hoch gefunden; auf dem Wege dahin mufs er den Pälan. 
ddken-Dagh (ein Name, den er nicht nennt) überstiegen haben, ohne dafs er eine 
so bedeutende Hohe, wie nach der oben mitgetheilten Messung zu erwarten, andeutet; 

Z«itMhr. d. GeMllscb. f. Erdk. Bd. VI. ^^ 



1 



J46 Strecker: 

dieser Spitze, nach Nordosten sa dem langgestreckten Passe Dewe- 
Bosjan (Eameelhals) nnd setzt sich nordöstlich weiter, von den alten 
Schriftstellern als moschisches Gebirge bezeichnet, bis nach Colchis 
nnd Georgien fort. Gegen Süden ist sie von dem Bingöl-Gebirge durch 
die tief eingeschnittenen Thfiler des Araxes und des Litschik-Su ge- 
trennt. In ihr mag der Berg Abos der Alten gelegen haben, da auf 
ibr alle Quellbäche de^ nördlichen Araxes-Armes, des Hassankale-Su, 
zum grofsen Theil östlich fliefsend, nahe denen des gen Westen strö- 
menden Euphrat entspringen. Die wirklichen Hauptquellen dieser bei- 
den Ströme waren wahrscheinlich auch im Alterthume nicht allgemein 
bekannt, und es wurden andere Zuflüsse und zu verschiedenen Zeiten 
verschiedene für dieselben angenommen, wie das heute noch geschieht, 
da, wie es scheint, niemand vor mir die Quellenregionen besucht oder 
genaue Mittheilungen darüber gemacht bat. 

Das Gebirge nördlich der Ebene von Erzerum ist der Paryadres 
der Alten, Parchar der Armenier. Es zieht sich zwischen den Djoruk- 
QuellfluTsen and dem Euphrat hin und steht östlich oberhalb der 
Euphratquellen mit dem Palandöken-Gebirgszuge in Verbindung; seine 
Ausdehnung nach Westen gedenke ich, ebenso wie das Palandöken- 
Gebirge in einem spateren Tbeile meiner Arbeit zu besprechen. 

Diese Gebirge fallen theils direct in die Ebene von Erzerum ab, 
theils ziehen sich Verzweigungen oder Vorhöhen, mehr oder weniger 
flach sich verlaufend, in dieselbe hinein; daher ihre unregelmafsige 
Form. Tschichatscheffs Bezeichnung derselben als eine „weite hori- 
zontale^ Ebene durfte sich aber kaum rechtfertigen lassen. 

Sie wird von den Quellflüssen des Eupbrat durchströmt, welcher aos 
verschiedenen Quellbfichen entsteht, die im Norden und Nordosten Erze- 
rums auf den die Ebene einschliefsenden Gebirgen ihren Ursprung haben. 
Tournefort, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts diese Gegenden 
besuchte, gab von denselben nur ein verworrenes oder vielmehr un- 
richtiges Bild, da er von zwei östlich von Erzerum entspringenden 
Quellflüfsen spricht, von welchen die Stadt eingeschlossen würde. Der 
eine dieser seiner Quellflüfse ist nämlich das südwestlich jenseits der 
Ebene entspringende Tuzla-Su, ein bedeutender linker Nebenflufs 
des Euphrat, dessen Lauf zu beschreiben aber nicht in das Bereich 
dieser Arbeit fällt. Ferner ist Tonrnefort's zweiter, von Süden nach 
Norden und später unter der Brücke von Ilidje hindurchfliefsender 
Quellarm wieder ein ganz anderer als der wirkliche Hauptquellarm des 



auch kein anderer Reisender erwähnt hier im Süden von Erzerum einer Bergkette, 
die bei der angegebenen Hohe die Aussicht auf den Bingöl-Dagh vollkommen ver- 
decken mUfste. Kiepert. 



Beitrftge znr Geographie tob Hoch- Armenien. J47 

Fioases, welchen er vom rothen Erlöster (Kisil-Wankb auf der Karte) 
aoB ao&achte. Wie er znm Kloster des heiligen Georg (Snrp. Lnsa» 
woritsch), dessen Beschreibung richtig ist, gelangte, ist nach seinem Be- 
richte unmöglich zu bestimmen, ebenso wie es anbegreiflich ist, wenn 
er die Entfernung dieses Klosters von £rzerum auf eine Tagereise 
aogiebt 

Die Richtung des Hauptthaies, welchem zahlreiche krystallklare 
and meist forellenreiche Bfiche zueilen, ist oberhalb der Ebene im All- 
gemeinen NNO. — SSW. Sobald der Flufs in die Ebene einge- 
treten ist, wendet sich derselbe im Bogen gegen Westen und dnrch- 
flieJBt mit geringer Geschwindigkeit den Sazlyk-Scbilfwald; sein 
trübes Wasser mag wohl die Ursache sein, daÜB er hier den Na- 
men Eara-Su (Schwarzwasser) erhält Er verl&fst, durch viele Zuflüsse 
verstärkt, die eigentliche Ebene in west-süd- westlicher Richtung ein 
weoig unterhalb Ilidje, von wo ab dann auf beiden Ufern die Berg- 
abb&nge näher an ihn herantreten, im Süden direct bis zum Flufs hin 
sieh verlaufend, im Norden in Form einer niedrigen Terrasse, auf wel- 
cher die Dörfer Agaver und Aladja liegen, gegen ihn abfallend. — 
Ich habe auch den ersten eigentlichen Nebenflufs des Enphrat, das 
Sertscbeme-Dere-Sn (Sertscheme- Thal -Wasser), in die Karte einge- 
leichnet, weil ich dasselbe mehrfach als Quellflufs, soger als den haupt- 
siehlichsten , angeführt gefunden habe; Hauptquellflufs kann dasselbe 
aber aus dem Grunde nicht sein, da sein Lauf kürzer ist und beim 
Zosammenflasse weniger Wasser enthält als der Frat, wie nun dort 
der Flufs schon bfiufig genannt wird, der auch viel zahlreichere und 
stärkere Zuflüsse aufgenommen hatte. Das Sertscheme-Dere-Su ent- 
springt ungefähr 12 Stunden nördlich von Erzerum, in grofser Nähe 
der Quelle des östlichen Djoruk- Armes, in dem kleinen Bezirk (der 
«Nahia*') Owadjik, d. h. ^kleine Ebene^ und wird deshalb in seinem 
oberen Laufe Owadjik-Su genannt; es durchfliefst mit starkem Gefälle 
ein enges, tiefes Thal, das erst bei Mejmansur sich etwas erweitert 
■od mündet oberhalb des Dorfes Böjuk-Egagdaritsch in den Frat. 

Die Ebene von Erzerum bildete, wie aus ihrer Form hervorgeht 
nnd zahlreiche Muschellager bestätigen, einst ein grofses Seebecken, 
welches sich jedoch weit über ihre heutige Ausdehnung hinaus, bis zu 
der Stelle erstreckte, wo der Frat jetzt, ungefähr 15 Stunden von Er- 
lemm, zwischen hohen Gebirgen in tiefer Spalte sich hinwindend, den 
Ausweg in die Ebene von Terdjan sucht, welche er mit einem Gefalle 
von ungefähr 900 engl. Fufs, von der oberen Ebene von Erzerum an 
gerechnet, erreicht. Ebenso war der etwa 30 Stunden von Erzerum 
stromabwärts gelegene Thalkessel von Erzingjan einst ein See; der 
Flofs strömt stundenlang, bevor er in ihn eintritt, in einem engen 

10» 



]48 Strecker: 

tiefen Thale, meist Sn einem felsigen Bett, hie ond da von Strom* 
schnellen in seinem Laufe gehemmt and darchbricht dann beim Aas- 
tritt die das Thal von finerum südlich einschliefiienden Gebirge* 

In administrativer Besiehnng dehnt sich der Kreis von Erzeram, Owa 
d. h. ,) Ebene*' genannt, auch heute noch ungef&hr so weit aas wie das 
ehemalige Seebecken. Derselbe zählt, abgesehen von der Hauptstadt, in 
160 Dörfern eine Bevölkerung von 42,876 Seelen, wovon 29,400 Ma- 
hammedaner und 13,475 Christen, gregorianische Armenier, mit Aus- 
nahme weniger Hundert armenischer Katholiken, die in einigen Dörfern 
eigene Kirchspiele bilden. 

Die Bevölkerung war vor der rassischen Invasion (i. J. 1829) be- 
deutend stärker und wurde damals durch die, vermittelst Ueberredang 
und Drohungen bewerkstelligte Uebersiedelung zahlreicher christlicher 
Familien nach Rufsland, wodurch einzelne Dörfer völlig entvölkert 
wurden, aufserordentlich reducirt. Nur ein geringer Theil der damals 
nach Rufsland verpflanzten Familien hat die Schwierigkeiten, welche 
einer Rückkehr von dort entgegenstanden, überwinden und sich wieder 
in die alte Heimath zurückbegeben können. Gegenwärtig ist jedoch 
die Bevölkerung wiederum in Zunahme begriffen. 

Die Dörfer in der Ebene selbst haben meist nicht unter 50 Hauser, 
mehrere derselben haben sogar mehr als hundert; das gröfste, Kjan, 
hat 400 Feuerstellen. In den meisten wohnen die Christen vermischt 
mit Muhammedanern auf gut nachbarlichem Fufse. In vielen sind 
die Ersteren viel zahlreicher als die Türken, während in den Berg- 
thälem, wo viele rein muhammedanische Dörfer existiren, die Christen 
bedeutend in der Minderzahl sind. 

Der Humusboden der Ebene, welcher zum grofsen Tbeile der Ver- 
witterung vulkanischen Gesteins seine Entstehung verdankt, ist fast 
durchweg fruchtbar. Bedeutende Strecken Landes sind jedoch noch 
uncultivirt. Denn abgesehen von den, an den beiden Ufern des Kara- 
Su und auch am Ilidje-Sn bei Oesbek sich hinziehenden Sumpfwiesen 
lösen auch die zahlreichen Gewässer von den unbewaldeten Gebirgen 
mit Leichtigkeit grofse Mengen von Gerolle ab, zerstreuen dasselbe 
hauptsächlich über die höhere Ebene und legen so der Cultur bedea- 
tende Hindernisse in den Weg. Nichtsdestoweniger vergröfsert sich 
das cultivirte Gebiet mit jedem Jahre und würde noch in viel bedeu- 
tenderem Maafse zunehmen, wenn durch Herstellung billigerer Trans- 
portmittel, d. h. durch Anlegung fahrbarer Strafsen, die Ausfuhr 
erleichtert würde, die nach Trapezunt, dem nächsten Hafenplatze, ge- 
genwärtig noch sehr gering ist. Die Ebene nährt jetzt ihre Bewohner, 
einschliefslich die 60,000 Einwohner von Erzerum, und versorgt aufser- 
dem die grofse Menge durchgehender Karawanen für mehrere Tage 



Beiträge zur Geographie you Hoch-Armenien. ]49 

mit Fatterbedarf. Bei stärkerer Ausfohr nach Trapezunt, wie sie in 
Folge voD hohen Preisen manchmal eintritt, vermehrt sich die sonst 
ganz anbedeutende Einfuhr aus der befiachbarten Ebene von Passin. 

Die vorzüglichsten Feldproducte sind Weizen und Gerste, beide 
ihrer Qualität wegen berühmt, wenig Korn, Hirse und Leinsaat; Rüben, 
gelbe Rüben und Runkelrüben von vorzüglichem Zuckergehalt, Klee 
and Wicken, Gurken und Bohnen, wenig Erbsen und Linsen; Kohl 
aod seit mehreren Jahren auch Kartoffeln werden in weiten Gemüse- 
garten gezogen, sowie auch kleine Wassermelonen in einigen Dörfern 
am Fnfse den nördlichen Berge, wo die rauhen Nord- und Ostwinde 
weniger EinBufs üben. Obstbäume gedeihen in der an 6000 engl. Fufo 
über dem Meere gelegenen Ebene nicht. 

Da der Winter sehr lange dauert, so bleibt den Feldfrüchten nur 
wenig Zeit für ihre Entwickelnng. Die Saatzeit fällt in das Ende des 
April, oft auch erst im Mai; in den August wird das Getreide schon 
geschnitten. Korn wird im Herbst gesäet, Weizen nur selten, weil er, 
wenn das milde Wetter erst spät eintritt, bei der wechselnden Tem- 
peratur des Nachwinters der Gefahr zu verfaulen ausgesetzt ist. Das 
Erdreich wird durch einen Pflug mit eiserner Spitze, von einfachster 
Construction geöffnet und die Saat mit der Hand ausgestreut. Anstatt 
der Egge wird ein beschwerter Baumstamm quer über den Acker ge- 
zogen. Obschon der Boden bei Beginn des Sommers reichlich mit 
Feachtigkeit getränkt ist, so wird er doch bald durch die Sonnenhitze 
aasgetrocknet, welche einerseits sehr viel dazu beiträgt, das Getreide 
schnell reifen zu machen, aber um so mehr auch eine künstliche 
Bewässerung der Felder erfordert, da es in den Sommermonaten, 
mit Ausnahme einiger Gewitter, nie regnet. Solche kunstliche Be- 
wässerung ist in Hocharmenien nicht nur in den gröfseren Ebenen, 
sondern auch in den Thälern und auf den kleineren Plateaus auf den 
Gebirgen selbst durch die klimatischen Vorbältnisse geboten. Die durch 
die Stadt Brzerum fliefsendeu Bäche führen den unterhalb gelegenen 
Gemüsegärten und Feldern reichlicben Düngerstoff zu; sonst wird auf 
Düngen durchaus nicht die nötfaige Aufmerksamkeit verwendet. Aus 
diesem Grunde und in Anbetracht der Lage der Felder geben diese 
einen ganz verschiedenen Ertrag und zwar die dem Gebirgsfufse und 
dem Bereiche der Gerolle nahe gelegenen, je nach der Düngung, drei- 
und vier- bis höchstens sechsfachen, die in der horizontaleren Ebene 
gelegenen aber acht- bis zehnfachen und ausnahmsweise zwölffachen 
Ertrag. Wie fast überall in der Türkei und anderwärts im Orient wird 
aach hier das Getreide nicht aasgedroschen, sondern die Körner wer- 
den aasgeprefst , indem eine aus starken Brettern zusammengesetzte, 
einige Fafs lange und länglich viereckige, an der Stirn etwas schmälere 



150 Strecker: 

Holsplatto, in deren untere Flache spitze Steine eingeschlagen sind and 
die oben beschwert wird, über die auBgestrenten Hakne durch vorge- 
spannte Ochsen hinweggeschleift wird.*) Za diesem Zwecke werden in 
der Nähe der Felder oder in den Dörfern kreisförmige Plfitze geebnet 
um als Tenne zn dienen. Da die Arbeit fast durchweg im Freien vor- 
genommen wird, so ist sie von der Witterung abhängig, die vor, 'wäh- 
rend und nach derselben günstig sein mufs, denn das Getreide bleibt, 
sobald es geschnitten ist, meistentheils noch einige Zeit auf dem Felde 
liegen, bevor man es auf den Dreschplatz selbst bringt, und • wenn die 
Arbeit auf diesem beendet ist, erhält der Eigenthümer wieder nicht eher 
Erlaubnifs, dasselbe einzusacken, als bis es dem Pächter des Zehnten 
gefallen hat, den ihm zukommenden Antheil zn verificiren. Verzoge- 
rangen in der Operation und Schaden an verdorbenem Getreide treten 
darum nicht selten in Folge ungünstiger Witterung ein. Ein anderer 
Nachtheil dieser Methode ist, dafs bei ihr die Strohhalme in karxe 
Stücke zermalmt werden, in und zwischen welchen sich, ebenso wne 
an den Körnern, viel Staub und Schmutz ansetzt, der später nur nn- 
vollkommen entfernt wird. Die Körner werden dadurch von dem Stroh 
gesondert, dafs man nach dem Ausquetschen der ersteren die gemischte 
Masse schaufei weise in die Höhe wirft, worauf beim Niederfallen die 
Körner mehr senkrecht zur Erde fallen, das leichtere Stroh in Folge 
des Luftzuges entfernter niederfällt und der Staub theilweise noch weiter 
weggeführt wird. Zur besseren Reinigung werden die Kömer meist 
noch einmal gesiebt. 

Das Rindvieh in der Ebene von Erzerum : Ochsen, Kühe und Büffel, 
ist von mittlerem, gutem Schlage und gut genährt, aber nicht genügend 
gepflegt. Die Schafe gehören der in ganz Anatolien verbreiteten Art 
mit Fettschwänzen an und ünden überall gute Weide. Die Pferde, 
welche nur zum Reiten und Lasttragen benutzt werden, gehören zu 
der in ganz Kleinasien bis an die russische Grenze und nach Persien 
verbreiteten Race, welche Reisende fälschlich die turkmanische zu nen- 
nen pflegen. Die turkmanischen Pferde sind jedoch in Bau und Eigen- 
schaften von jenen bedeutend verschieden und finden sich hier gar 
nicht; man könnte deshalb wohl fuglich die in Hocharmenien verbreitete 
Race als kurdische bezeichnen, da die weit verbreiteten Kurden haupt- 
sächlich es sind, welche für die Pferdezucht eine Vorliebe zeigen. 

Von der Stadt Erzerum ausgehend durchziehen verschiedene 

') Ebenso wirrt in CTpern der Weizen ansgedroscben ; vgl. Unger uad Kotschy, 
Die Insel Cypern, Wien 1865, wo auf S. 440 sich die Abbildung eines solchen 
Dreach- Schlittens befindet, welcher ToUkommen dem von Varro beschriebenen tri^ 
biUum der alten Bomer gleicht. , Bed. 



r 



Beitrage zar Geographie Ton Hoch- Armenien. 15 J 

Strafsen die Ebene: i) eine sudweatlicbe über Jaghmurdjik, Charput und 
Diarbekir (von Paul Lucas 1705 benutzt); 2) der Sommerweg nach Ghinia 
und Muscb, sudlich um den Palandöken-Dagh herum; 3) eine östliche 
über den Dewebojun in die Ebene von Passin (und Ton dort weiter, 
sich tbeilend nach Kars und nach Bajezid — Persien); 4) eine nord- 
östliche, welche zwischen Tawt und Tschipach die erste Brücke über 
das Eara-Su überschreitet, nach Georgien und 5) eine nordwestliche 
nach Trapezunt. Die letztere gebt über Ilidje, dann durch eine Furt 
über das Kara-Su und über die Dörfer Mejmansur und Cboschabpun- 
gar nach Baiburd. Nur bei Hochwasser müssen die Karawanen von 
Erzerum ans die Richtung über das Dorf Tscbiftlik einschlagen ^ um 
das Kara-Su dann auf der schönen steinernen Brücke Karars-Köpru 
in überschreiten. Die Brücke bei Ilidje fuhrt über das Ilidje -Su, 
welches die Mehrzahl der früheren Reisenden (neuerdings auch noch 
TschichatschefF) für den eigentlichen Frat (oder Kara-Su) hielten, wo- 
durch auch Carl Ritter zu demselben Irrthum verleitet wurde. Aufser 
den beiden erwähnten Brücken über das Kara-Su existiren noch: eine 
dritte halbzerfallene Steinbrücke über einen Arm desselben im oberen 
Sazlyk, eine vierte sehr gut erhaltene Steinbrücke über dasselbe, dem 
Dürfe Tiwnik gegenüber, und eine fünfte, hölzerne, bei Agawer. — 
Nahe bei Ilidje zweigt sich von der Trapezunter Strafse die westlich 
über Mamachatun nach Erzingjan führende Strafse ab und von dieser 
bald die, auf das rechte Ufer des Frat übersetzende, dann demselben 
durch das Thal von Schog folgende und weiter über Kelkit und Kara- 
hissar nach Siwas führende; diese letztere war, bevor die Dampfschiff- 
fahrt auf dem schwarzen Meere die kürzere Linie von Erzerum nach 
Trapezunt schuf, die Hauptkarawanenstrafse für den europäisch -per- 
sischen Handel, ist als solche aber jetzt ganz veHassen. 

In der Entdeckung von Alterthümern war ich während meines 
mehrjährigen Aufenthaltes nicht sehr glucklich, fand aber doch man- 
ches Interessante. Meine ersten Ausflüge in die Ebene hatten den 
Zweck, Spuren des alten Zimara, welches nach Ritter's Erklärung 
der plinianischen Quelle hier in der Nähe der Euphratquelle gele- 
gen haben dürfte, aufzufinden. Abgesehen von Fundamenten und 
weiten Friedhöfen, welche überhaupt darauf hindeuten, dafs viele Ort- 
schaften im Norden des Kara-Su in alten Zeiten viel ausgedehnter 
waren als heutzutage, deutet nichts direct den Ort an, auf welchem 
die alte Stadt gestanden haben könnte. Nur die beiden grofsen Stein- 
brüdcen, welche den Ortschaften Tiwnik und Karars gegenüber noch 
heute existiren und wahrscheinlich seit den ältesten Zeiten an dersel- 
ben Stellen die Yerbindnng zwischen den beiden Flufsufern vermittelten, 



j52 Strecker: 

geben die Richtung an, in welcher einst die wichtigsten Orte in dem 
mehr bevölkerten Theile der Ebene nördlich vom Kara-Sa gelten 
haben. 

Zur armenischen Zeit war der Oau Karin, welcher ungefUir 
den heutigen Kreis Erzerum umfafste und so nach dem Orte Karin, 
dem späteren Theodosiopolis und dann Erzerum benannt worden war, 
in die 4 Districte Mertschak, Blur, Ardzathi und Ardan getheilt ' ). Die 
Lage des ersteren konnte ich nicht ermitteln, er durfte wohl der west- 
lichste gewesen sein. Die Namen Plur und Ardzate (Ardziti) fuhren 
heute noch zwei auf der Karte verzeichnete Dörfer und Ardzn, einst 
ein wichtiges Handels^Emporium und die berühmteste Stadt in weitem 
Umkreise, lag auf der Stelle des Dorfes Karars. Noch Koch suchte 
dieselbe weit aufserhalb des Gaues Garin, während armenische Schrift- 
steller ganz bestimmt angeben, dafs sie am Euphrat in der Ebene von 
Garin und dieses selbst von ihr gegen Sonnenaufgang gelegen habe. 

Von Ardzn berichtet Aristakes von Lastivjer, dafs diese Stadt als 
^Weltstadt ^ zählte, sowohl ihrer Schönheit und' des grofsartigen Han- 
dels wegen, welcher in ihr getrieben wurde, als auch um des Reich- 
thums und der Bildung ihrer Bewohner willen. Sie zahlte ungeheure 
Steuern und lieferte in Zeiten der Noth dem Könige bedeutende Unter- 
stützungen. Es herrschte früher in derselben ein aufserordentlicher 
Gemeinsinn, alle Einwohner waren von demselben Geiste belebt, sie 
kannten im Handel keine Luge, liehen kein Geld auf Zinsen, übten 
Gastfreundschaft und unterstutzten die Armen reichlich ; Bestechlichkeit 
der Beamten war in ihr unbekannt Als aber die Griechen sich in 
immer gröfserer Zahl in der Stadt niedergelassen hatten, lernten auch 
die Armenier von ihnen List und Lug und Trag; die Grofsen wurden 
zu Dieben, führten Sklaven ein, nahmen selbst Geld für die Besorgung 
der Angelegenheiten von Waisen und liefsen die Armen vor Noth um- 
kommen. Als dann die feindlichen Perser im Jahre 1049 n. Chr. von 
vier Seiten gegen die Stadt anrückten, begann man in den Elirchen seu 
Gott zu beten und ihn um Errettung anzuflehen. Darauf zogen die 
streitbaren Männer, nachdem sie ihre Reichthümer in den Kellern ver- 
borgen und Weiber und Kinder in die Kirchen geflüchtet hatten, gegen 



') Dem YerfaBser ist diese Hittheilung wohl von einheimischen Gelehrten anne> 
nischer Nation gemacht worden; die veröffentlichten Werke armenischer Erd- und 
Reisebeschreiber wissen nichts davon, namentlich habe ich den ersten Namen ver- 
geblich sowohl inNersesSarkisean's Reise (Venedig 1864} and der dazu gehöri- 
gen Specialkarte der Ebene von Ersemm, als in den ttberaas vollständigen compiU- 
torischen Werken Indjidjean's gesucht; dieser nennt zwar (Alt- Armenien, Venedig 
1822, armenisch p. 56) Ardsathi, Plön, Maragaj (sollte dies das obaa Mertschak 
geschriebeue sein?) and Ardzn, aber nnr als Dörfer, nicht als Districte. Kiepert 



Beiträge sar Geographie toq Hoch- Armenien. 153 

den Feind aoB, wurden aber, da sie ohne Mithülfe von wirkiicfaen Sol- 
daten kfimpften, bald geschlagen ond zogen sich in die Stadt surßck, 
dieselbe mit dem Mutbe und den Mitteln der Verzweiflung von Hans 
zo Haas vertheidigeud. In den Strafsen flössen Ströme von H)at. Die 
Perser bieben Alles, was Widerstand leistete, ohne Gnade nieder, 
aetiten sich in den völligen Besitz, der Stadt, zerstörten sie nnd zün- 
deten sie an, so dafs sie bei starkem Winde zu Asche verbrannte, 
wobei zahllose, zuletzt in die Keller geflnchtete Einwohner umkamen. 
150,000 Menschen, darunter 160 höhere Geistliche kamen bei diesem 
Zerstörungswerke um, 800 Kirchen worden verbrannt. Der erwähnte 
Schriftsteller berichtet, dies selbst gesehen und mit thränenden Augen 
niedergeschrieben zu haben. Wer von den Einwohnern sich hatte 
retten können, liefs sich nachher in dem nahen Garin (Theodosiopolis) 
nieder, das seitdem aufblühte und von da ab, wie viele Armenier, viel- 
leicht nicht mit Unrecht, behaupten, zur Erinnerung an die zerstörte 
Motterstadt den Namen Ardzn-Rum (Erzeram) erhielt. 

Der Name des Dorfes Karars*) giebt in der Endsilbe fast völlig 
den der zerstörten Stadt wieder und aufscrdem finden sich in seiner 
Umgebung zahlreiche Ruinen ; ich glaube mich darum gewifs nicht zu 
irren, wenn ich das alte Ardzn dorthin verlege, um so weniger, als 
ich in meintfr Meinung durch die Traditionen bestärkt werde, welche 
sieh unter den Bewohnern selbst erhalten haben, sowie unter denjeni- 
nigea Armeniern in Erzerum, Geistlichen und Laien, welche überhaupt 
eme Ahnung von der Geschichte ihrer eigenen Nation haben. Das 
gröfstentheils von Christen bewohnte Dorf liegt ungefähr eine Viertel- 
Btande vom rechten Ufer des Kara-Su (von manchen Karars-Su genannt) 
und von der über dasselbe fahrenden Brücke entfernt. In seiner näch- 
sten Umgebang sind noch die Fundamente verschiedener Baulichkeiten 
exkennbar, von denen die eine die „grofse Rom-Klisse^, d. h. die grie- 
chische Kathedrale gewesen sein soll. Auf einem, vom Dorfe südlichen, 
vielieicht kunstlichen Hügel existiren die Grundmauern eines kleinen 
ntoden Baues. In der Nähe des Dorfes befandan sich einst grofse 
Friedhöfe; ich fand viele sehr alte Grabsteine, einzelne Katafalken 
ihnlich, andere Thierfiguren darstellend, aber ohne Inschriften. Im 
Dorfe selbst sind einige Zijarets (Wallfahrtsorte), unter denen einer 
•nf dem Platze, auf welchem einst die armenische Kathedrale gestan- 
den haben soll, durch eine Menge über einander geworfener Kreaae 

') QenAaer, indem wir den weichen Zischlaat mit » beseichnen, Karars, wei- 
chet tnch lüdjidjean (Neu- Armenien, Venedig 1806, p. 77) fUr eine Composition 
n$ kar (ein Wort, welches aber im Armenischen Iceine Bedeutung hat) nnd arz 
*Ubt, doch Mcht er das alte Ardzn nicht hier, sondern östlicher in der Stadt- 
rune Awjer-Khaghakh bei Kalla am oberen Araxes (ib. p. SS). Kiepert. 



154 Strecker: 

beseichnet, eine besondere YerehruDg genieüst. Bysandnische Münsen 
werden von den Baaern beim Umpflfigen der Aecker nicht selten ge- 
funden, doch keine neueren, über das 11. Jahrhundert hinausgehende. 
Inschriften bekam ich nicht zu Gesicht 

Das Dorf Aladja liegt jedenfalls auf oder nahe der Stelle, wo 
Alaeddin Eaikobad die gleichnamige Stadt erbaute. Ungef&hr 2 Stan- 
den ron ihm entfernt finden sich am linken Ufer des Frat die Rainen 
eines grofsen Geb&udes, von dem Volke Chan des Sultan Murad ge- 
nannt (ihm und den Genoesem, Djenewix, werden eben alle grofseren 
Bauten hier zu Lande zugeschrieben) und nicht weit von ihm das Törbe- 
Grabdenkmal einer persischen Prinzessin. 

In dem Dorfe Djinis, welches mit Nerdiban und PertSn in einer 
kleinen, sehr fruchtbaren, terrassenförmig zum Euphrat abfallenden 
Ebene liegt, hat man Xenophon*s Ojmnias erkennen wollen; diese 
Annahme iet aber eine irrthümliche, da von dort aus im Winter ein 
Heer mit Trofs in 5 Tagemärschen an keinen Punkt gelangen kann, 
von dem aus das Meer zu erblicken wfire. Die Einwohner des Dorfes 
behaupten, dafs es einsteine grofsere Stadt gewesen sei; noch vorder 
Invasion Paskiewitsch's habe es mehr als 300 Hftuser gehabt 'X ^^^^ 
christliche Einwohner znr Auswanderung gezwungen worden. Jetit 
wird es von ungefl&hr hundert, meist türkischen, Familien bewohnt In 
dem Dorfe sind keinerlei Ruinen vorhanden ; an seinem Westende be- 
findet sich ein anscheinend kunstlicher Sandhngel, in welchem die 
Einwohner manchmal Ringe und Münzen finden, von welchen sie mir 
jedoch keine vorzeigen konnten. 

Jaubert wollte, auch irrthumlich, in dem Dorfe Aschkale, welches, 
etwas westlicher als unsere Karte reicht, am rechten Frat- Ufer 5658 
Fafs über dem Meere liegt, Qymnias wiedergefunden haben und nennt 
es Jinnes- Aschkaie, eine Benennung, welche ich weder an Ort und 
Stelle, noch sonst wo gehört habe. Uebrigens hat das Dorf seinen 
Namen nicht etwa von einer wirklichen Feste (Kaie), sondern von 
einem Sand- und Kieshügel, an seinem Südende dem Flnfse nahe 
gelegen, dessen kleinkörnigen Bestandtheile, nach der Ansicht der Ein- 
wohner, der Hauptsubstanz ihrer taglichen Suppe, nehmlich einer Art 
Graupen gleichen, weshalb Hügel und Dorf den Namen Aaehkale er- 
hielten. ,)Asch^ bedeutet nämlich ^Speise^ im Allgemeinen, hier zn 
Lande jedoch im Besonderen „Suppe.^ Von diesem Dorfe geht eine 
Strafse über die Dörfer Taschagbyl und Kop nach Baiburd, welche früher 
als Haupt verbin düng zwischen Baibnrd und Erzerum diente. 



*) So auch Indjidjeaii (Nea-ArmonIeD p. 7S), der den Namen Aschchala, 
schreibt Kiepert. 



Beiträge sur Geographie von Hoch-Annenien. ]55 

In dem Kreise Erzerum liegen drei armenische Klöster: Ghatschka 
Wankh, Oarmir Wankh und Mfidirge Wankh. Ueber die Entstehung 
des ersteren werde ich bei Beschreibung der Euphratquelle eine Mit- 
tbeilang geben. Das zweite ist das von Toumefort im Jahre 1700 
besuchte ^rothe Kloster", armenisch ^Garmir Wankh" und türkisch 
^Kizil Wankh". Der armenischen Legende zufolge erschien einst dem 
Hairabet Narses im Traume die Jungfrau Maria, das Haupt in einen 
"^ rotben Schleier gebullt, mit dem Christuskinde auf dem Arme; auf 
der Stelle, wo er diese Vision gehabt, liefs der Patriarch später ein 
der heiligen Jungfrau (Surp Asduadzadzip) geweihtes Kloster bauen, 
welches von dem rothen Schleier und zum Unterschiede von anderen 
Klöstern derselben Heiligen benannt wurde. 

Das Mudirge- Wankh liegt mit schöner Aussicht oberhalb des 
Dorfes gleichen Namens auf einem Auslfiufer des Palandöken-Gebirges, 
welcher unter dem Kloster steil zur Ebene abfällt. Es ist ein geräu- 
miger Bau, von Ringmauern umgeben, welche Wohn- und Wirthschafts- 
gebände, sowie zwei Kirchen, eine alte und eine neue, welche erst vor 
wenigen Jahren an der Stelle einer älteren aufgebaut worden ist, ein- 
schliefsen. Das Kloster dient dem Erzbiscbof von Erzerum zum Som- 
oeraufenthalt Dasselbe ist dem Surp Lusaworitsch, St. Gregor dem 
Erleucbter, geweiht, welcher der Legende zu Folge während seines 
Transportes in die Gefangenschaft auf Befehl Tirdat's von einer hier 
einheimischen Fürstin, die auf der Stelle des heutigen Klosters eine 
Villa beaafs, 4 Tage lang in einer brunnenartigen Vertiefupg einge- 
kerkert gehalten worden war. Ein grofses gemauertes Loch in der 
geräumigen neuen Kirche halten die gläubigen Armenier noch heutd 
für den damaligen Kerker ihres grofsen Apostels. Die alte Kirche 
wird nicht benutzt und ist völlig vernachläfsigt ; die an ihren Wänden 
befindlichen Fresken sind fast gänzlich verwischt. 

Jedes dieser Klöster wird von einem oder zwei Geistlichen be- 
wohnt. Alte Handschriften sind in keinem vorbanden und es durften 
^eren überhaupt in ganz Armenien nur wenige existiren, da sie für 
die unwissende Geistlichkeit nur werthloses Papier vorstellen. Man 
bat mir mehrere Beispiele von der Vernichtung aufgefundener Manu- 
Scripte, deren alte Schrift die Finder nicht entziffern konnten, erzählt. 

Aoch unter den Dorfkirchen befinden sich mehrere, viele Jahr- 
banderte alte und einige datiren, jedoch gewifs nicht in ihrer heutigen 
Gestalt, der Yolksfiberliefernng zu Folge, aus der Zeit vor den feind- 
lichen Invasionen in Armenien; Inschriften aus jenen fernen Zeiten 
finden sich nirgends. Eine der ältesten ist jedenfalls die kleine Kirche 
inSaladsort in welcher eine stark verwischte Inschrift aas dem 13. Jahr- 
hundert vorhanden ist. Man zeigte mir in derselben ein merkwürdiges 



156 Strecker: 

Curiosum, ein roh lithographirtes, in hoher Verehrang stehendes Hei- 
ligenbild unter Glas und Rahmen, mit spanischer Unterschrift und tu 
Anfang des vorigen Jahrhuhderts in Peru angefertigt. Dasselbe durfte 
iwobl durch die Vermitteluug von katholischen Missionaren ans dem 
entfernten streng romisch-glfiubigen Lande seinen Weg su den gre- 
gorianischen Armeniern gefunden haben. 

Erzerum's Umgebung ist reich an Mineralquellen, die jedoch meist 
nicht sehr kraft ig sind. Sie enthalten gewöhnlich Schwefel und etwas' 
Eisen und Salze. Zwei, an der grofsen Strafse nach Trapczunt bei 
dem danach benannten Ilidje gelegene, welche schon von vielen Rei- 
senden beschrieben worden sind, geniefsen den Vorzug, durch einen soli- 
den Bau umschlossen und überdeckt zu sein ; ihre Temperatur ist 31 ^R. 
Der Grund, auf welchem der Bau sich erhebt, ist wahrscheinlich noch 
derselbe, welchen Anatolius legen liefs, der Feldherr Theodosius des 
Jüngeren und Erbauer der Festung in dem St&dtchen Karin, das darauf 
Theodosiopolis genannt wurde. Aufser den anderwärts erwähnten Mi- 
neralquellen von Ardziti und Souktschermuk giebt es noch einige viel- 
fach besuchte bei Hindskh und bei Kewgiri, welche auch Kohlensäure 
enthalten. Was die Benutzung der verschiedenen Bäder betrifft, so 
sind dafür weder die mineralischen Bcstandtheile der Quellen oder ihre 
Temperatur, noch di^ Krankheiten der Besucher maafsgebend; der pri- 
mitiven Anschauungsweise der Einwohner zu Folge müssen sie alle 
für alle Krankheiten heilsam wirken. 

Aufser Bädern, Klöstern und Zijarets — zu welchen letzteren für 
die Türken das Grabmal eines Heiligen, Abderrahman Gazi, auf dem 
vegetationsreichen Abhänge des Palandöken-Gebirges gelegen und von 
einzelnen Reisenden erwähnt, und für die Christen ein Bassin voll hei- 
liger Fische bei dem Dorfe Söjütly (daher auch Balykly, das fischreiche 
genannt) gehört — bilden auch einige bei dem Dorfe Umudum — i- ^ 
^ meine Hoffnung^ — gelegene Felshöhlen die Ziele and Vorw&nde 
für die Belustigungsausflüge der Bewohner der Ebene im Sommer. 
Der Sage nach hielten sich Ferhad und Schirin eine S^eitlang in den 
Höhlen auf, in Wirklichkeit aber dürften sie die Wohnungen von Bin' 
Siedlern gewesen sein. 

Es ist vielleicht nicht ohne Interesse hier noch zu erwähnen, dafs 
Tournefort sich nicht täuschte, wenn er aus der Formation der Erzeram 
umgebenden Gebirge schlofs, dafs dieselben Steinkohlen enthalten dürf- 
ten. Man hat solche wirklich gefunden. Schwierigkeit des Transports 
jedoch, mangelnde Kenntnifa über ihre Benutzung, sowie besonders 
Mangel einer Initiative von Seiten der Regierung oder reicher Prtvs^ 
leute sind die Ursachen, dafs die wahrscheinlich reichen Kohlenlager 
noch unbenatzt bleiben. 



Beitrage zur Geographie von Hoch •Armenien. |57 

8. Ein Ausflug zu der Quelle des Euphrat auf dem 

Dumly-Dagh* 

In der stfirkenden Frische eines schönen Juli- Morgens brach ich 
in Begleitang eines Bekannten za Pferde frßbzeitig von Erzeram anf, 
um aosern gemeinsamen Freund, den dortigen rassischen Konsul, Staats- 
rath Jaba in Ardziti, einem ungef&hr 3 Stunden von der Stadt ent- 
fernten Dorfe zu besuchen und von dort mit ihm am nächsten Morgen 
einen Ausflng auf den Dumiy-Dagh und zu der in ihm gelegenen 
QnelJe des Euphrat zu machen. Herr v. Jaba, ein gediegener Orien- 
talist*) und Numismatiker pflegte, da die mit der strengen Kälte des 
Winters in grellem Kontrast stehende Hitze in der bäum- und schatten- 
losen Stadt Erzerum mit ihrer staubgeschwängerten Atmosphäre wäh- 
rend der Tage des Hochsommers den Aufenthalt in ihr zu einem höchst 
unangenehmen macht und hemmend jeder andauernden geistigen Thä- 
tigkeit entgegentritt, in jedem Jahre die heifsen Monate auf dem Lande 
zuzubringen, d. h. an einem der zahlreichen über klaren Kiesgrund 
lastig dahin rieselnden Bäche und unter dem Schatten einiger Bäume 
seine Zelte in der Nähe eines Dorfes aufzuschlagen; denn in den Woh- 
nungen selbst sich niederzulassen, dürfte wohl niemandem einfallen, der 
auch nur den geringsten Anspruch an Gomfort und Reinlichkeit macht. 
Die Luft in ihnen ist im Sommer verpestet, weil sie nach uralther- 
kSmmlicher Manier und hauptsächlich mit Rücksicht auf den für ihre 
Bewohner, Menschen und Vieh, gefährlichen Winter gebaut sind. Rei- 
fende in jenen Gegenden ziehen darum immer vor, im Sommer in 
Zelten zu campiren und betreten im Winter die ihnen zum Nacht- 
quartier bestimmten Räumlichkeiten erst nach vorgenommener gründ- 
licher Reinigung und Lüftung. 

Wir ritten den Pufs des Top-Dagh (Kanonenberg), welcher hier 
die Ebene von E^zerum südöstlich begrenzt, entlang und gelangten bald 
zu dem eine Stunde von der Stadt entfernten Dorfe Souk-Tschermuk 
(Kaltes Bad), so genannt von einer kalten, schlammigen^ wenig mineral- 
l^itigen Quelle, die in ein enges, offenes Bassin gesammelt als Bad 
benutzt wird. Sie geniefst bei den Einwohnern eines hohen Rufes, 
weil sie meinen, dafs sie im Sommer kalt, im Winter aber warm sei. 
Wir hatten ihre Temperatur früher schon 16,5* R. bei einer Luft- 



^) Herr Jaba, jetzt als wirklicher Staatsrath pensionirt, benutzte die Muf.>e- 
standen während seines langjährigen Aufenthaltes fn Erzerum hauptsächlich dazu, 
die Sprache der Kurden an das Licht zu ziehen, und es gelang ihm mit grofser 
Mühe und Ausdauer, ein aufaerordentlich reichhaltiges Wörterbuch, sowie eine Gram- 
matik zusammenzustellen. (Der Autor schreibt sich mit J nach französischer 
-Aussprache.) 



158 Strecken 

Temperator von 26,6* R. gefunden. Sonk-Tscbermiik hat angef&hr 50 
Häaser, Ton Christen and Muhammedanern bewohnt and gleicht fofaer^ 
lieh allen Dörfern der armeniechen Hochebene. Die Wohnungen in 
denselben sind plomp nnd werden meist, weil das Herbeischaffen von 
Steinen, besonders aus grofserer Ferne, zu kostspielig sein wurde, aus- 
Erde au^efuhrt, d. h. die Erde wird auf und um den Bauplatz herum 
ausgegraben, angefeuchtet, mit etwas kleinem Stroh vermischt, in grofs» 
Ziegelformen geprefst und einige Tage an der Luft getrocknet. Blit 
diesen wenig consistenten Luftziegeln werden die Mauern hergestellt 
und über diese kommt eine Lage starker Querbalken, welche dann mit 
festgetretener und durch eine Walze zusammengeprefster Erde von 
2 Fufs und mehr Höhe bedeckt werden. In Ermangelung starker 
Balken werden dünnere B&i}me benutzt und, der entstehenden Zwischen- 
räume wegen, sowie, um diese Basis für die darauf zu lagernde Erd- 
masse haltbarer zu machen, vorher mit einer Schicht Reisig überdeckt,, 
durch welche dann aber fortwährend abgelöste Erdklumpen die Decke 
hindurch auf die Bewohner fallen > was dieselben jedoch nie in ihrem 
Phlegma stört Regen und der schmelzende Schnee durchdringen 
dieselbe häufig. Für Luft und Licht bleiben Oeffnungen in den Mauern, 
die im Winter tnit geöltem Papier verklebt werden. Bei Ueberflufs an 
Steinen werden diese als Baumaterial für die Mauern, als Mörtel wird 
angefeuchtete Erde verwendet, welche ganz bezeichnend den Namen^ 
Tschamur, ^Schmutz^ führt Alle diese Dörfer mit wenig Ausnahmen,, 
ohne Gärten und Bäume, gleichen übrigens bei regnerischem Wetter, 
aus der Ferne und besonders aus der Höhe gesehen, völlig grofsen 
Schmutzhaufen. Die Wohnungen in den Dörfern an den Bergabängen 
werden häufig mit noch geringerem Aufwand von Material hergestellt;, 
man baut sie grofsentheils in den Bergabhang hinein, so dafs sie von 
weitem kaum sichtbar sind oder doch nur grdfsen Maalwurfshaufen 
gleichen und selbst diese Form verlieren sie noch bei starkem Schnee- 
fall. Xenophons Angabe, dafs man diese Wohnungen nicht eher be- 
merke, als bis man in sie hineinträte, hat mithin für den Winter auch, 
heute noch seine Gültigkeit. 

Bis Souk-Tschermuk war die Richtung unseres Weges nördlich 
mit geringer Abweichung nach Osten und von dort ab nördlich mit 
etwas westlicher Abweichung bis zu dem genau nördlich von Brzerum 
gelegenen Dorfe Ardziti. Bei Souk-Tschermuk betraten wir die glatte 
Ebene, welche sich nur sehr wenig über das Bett des Euphrat erhebt 
und im Frühjahr, wenn zur Zeit der Schneeschmelze und Regen- 
güsse der FluTs seine niedrigen Ufer übersteigt meilenweit für viele 
Wochen unter Wasser gesetzt wird. Nach und nach verliert sich 
das Wasser, welches auf dem überschwemmten Lande fast überall 



Beiträge sar Geographie Ton Hoch- Armenieo. 1 59 

eioen fippigen Schilfwochs befördern hilft. Dies ist die Ursache der 
EDtotehiing des Schilfwaldes, von welchem Moses Ton Chomi ond an- 
dere alte Schriftsteller sprechen und welchen auch Ritter mehrmals 
erw&hot. Derselbe verschwindet aber im Monat Jali, das Schilf wird 
gem&ht, die Sonne sangt die letzte Feacbtigkeit aus der £rde und macht 
dieselbe vielfach bersten. Tausende und aber Tansende von Yö- 
gelo, wilde Gfinse und Enten, Kraniche, Kibitze, Hühner, Schnepfen, 
Reiher etc. — wir haben dort einige Male einen schwarzen Storch und 
soDst in der Ebene auch rothe Staare gesehen — beleben das gainze 
Jihr hindurch diese Gegend. Die Angabe bei Moses von Chorni, dafs 
die Anwohner von den Eiern dieser Vogel leben, ist aber eine Hy- 
perbel. 

Wir überschritten eine halbe Stunde von Souk-Tschermuk den 
Bophraty welcher hier Kara-Su, d. h. Schwarzwasser, wohl wegen sei- 
nes mit geringer Geschwindigkeit dahinfiiefsenden trüben Wassers ge- 
nannt wird, an einer Stelle, wo er ungefähr 15 Schritte breit ist und 
das Wasser den Pferden etwas bis über die Eniee reichte. Wenige 
Minoten weiter durchritten wir einen andern schmaleren Arm des 
Flusses, der sich in der flachen Ebene theilt und einige Inseln bildet. 
Sein Bett ist nicht überall gleich tief, in dem weichen Schlammboden 
der Ebene jedoch an wenigen Stellen fnbrtbar und tiefer als nach sei- 
nem Austritt aus derselben, wo er, wieder den Charakter eines Ge- 
birgsatromes annehmend mit mehr Gefälle und grofserer Geschwindig- 
keit in dem mit Gerolle angefüllten breiteren Bette in häufigeren 
Windungen dahinfliefst, um darauf in schmalem Thale und von hohen 
Gebirgsketten eingeengt, den Lauf bis zu seiner ersten südlichen Enie- 
biegaug in die Ebene von Terdjan fortzusetzen. 

Die 14- Stunde lange Strecke vom Euphrat über das Dorf Tsitaug ' ) 
nach Ardziti legten wir in der Ebene schnell zurück und kamen hier 
um 10 Uhr 'bei einer Temperatur der Luft von 16 Grad R. Schatten 
an. Das Dorf liegt, von einigen Baumgruppen umgeben, freundlich 
am Abbaqge der Berge, welche unmittelbar unter demselben sanft in 
die Ebene abfallen. 

Unser Freund hatte seine Zelte an dem anmuthigsten Plätzchen 
aofgeschlagen und empfing uns in gewohnter gastfreundschaftlicher 
Weise, welche alle Reisende von und nach Persien, deren Route Er- 
zeram berührte, kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Am Abend des 
beifsen Tages, an welchem die Temperatur bis 28 Gr. R. gestiegen 
▼ar, nahmen wir ein Bad in dem Bassin einer nahen Mineralquelle 



*) Genauer bei Indjidjean p. 78 Dsithahogh, d. i. OUvenboden — ein sehr 
uneigentlicher Name an einer Stelle, wo Oliven niemals wachsen konnten. Kiepert. 



160 Strecker: 

mit einer Temperatar von 25 Gr. nnd bestiegen den oberbalb des 
Dorfes gelegenen Kapellenberg, von welchem wir eine weite Aussicht 
auf die Ebene und einige Seitenth&ler des Euphrat hatten. Die ihn 
krönende verfallene Kapelle ist ein Wallfahrtsort für die Icatholischen 
Armenier. 

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang und einer empfindlichen 
Kuhle setzte sich unsere kleine Karawane wieder in Bewegung, nm 
die nordwärts gelegenen Berge zu ersteigen. Dieselben bestehen in 
der näheren Umgebung Ardziti's aus secund&rem Gestein, in welchem 
überall in Hocharmenien die aufserordentlich zahlreichen Mineralqael- 
len zu Tage treten; die Gebirgsketten selbst sind meist plutonische 
Bildungen, welche jene durchbrochen. Je mehr wir emporstiegen, desto 
prächtigeren und grüneren Alpenboden fanden wir. Wenig unter der 
Einsattelung, die wir nachher überschreiten mufsten, um dann ostwärts 
zu den Quellbäcben des Euphrat zu gelangen, hatten wir nach Westen 
eine weite Aussicht auf die Gebirgsspalte, in welche der Flufs ca. 15 
Stunden von da eintritt und auf weitere, chaotisch durch- und über- 
einander gelagert erscheinende, zum Theil Schneestreifen tragende Ge- 
birge und unmittelbar unter uns, in derselben Richtung, in einige 
wilde, von schroffen Felsen eingeschlossene Thäler, in denen kleine 
ZuOüsse desselben tosend der Ebene von Erzerum zueilen. Bei unse- 
rem Aufbruch von Ardziti vom schönsten Wetter begünstigt, sahen wir 
jetzt über unseren Häuptern drohende Ansammlungen von Wolken; 
dieselben umhüllten uns nahe der erwähnten Einsattelung und jenseits 
derselben trieb ein heftiger und eisiger Nordostwind uns feine Hagel- 
körner fast horizontal ins Gesicht; es wurde immer dunkler und mein 
Horizont erstreckte sich bald nicht viel weiter als bis zu dem Schweif 
des Pferdes, welches unser Führer ritt. Ich begriff jetzt, dafs in der 
Ebene von Erzerum manchmal Ende Juni und Anfangs Juli fufsboher 
Schnee fallen konnte, wie mir die Einwohner versichert hatten, wo- 
von mich persönlich zu überzeugen ich aber während meines Anfent- 
haltes keine Gelegenheit gefunden hatte. Den Anblick des schönen, 
östlich streichenden Alpenthaies, welches wir jetzt durchritten, konnte 
ich erst auf dem Rückwege geniefsen. Bei der Hanptquelle angekom- 
men, wurde schnell ein kleines Jagdzeit aufgeschlagen ; der ^itknecht 
des Herrn v. Jaba, ein russischer Armenier, hatte glücklicherweise einen 
grofsen persischen Schafspelz mitgebracht, unter welchem zu Dritt hin- 
gestreckt wir bald mit Hülfe eines reichlichen Frühstücks unsere er- 
starrten Glieder wieder zu beleben vermochten. Nach einer Stunde 
verzogen sich die Wolken und Luft und Himmel wurden wieder rein 
und klar. 



Beiträge Eor Geographie Ton Hoch- Armenien. \Q\ 

AiDjFafae de« südlichen Tbalhaogee quillt in 8567 engl. FoDs 
Meereahohe, welche Hohe wir vernaittelst des Siedepunktes von destil* 
üctem Wasser fianden, in einem, ans übereinander gelagerten Steinen 
gebieten geräomigen Bassin eine Quelle klaren, frischen und wohl- 
schmeckenden Wassers. Keine Bewegung desselben Ififtt sieb wahr- 
nehmen, weder auf dem ruhigen, klaren Grunde noch an den W&nden 
des mehr als 2 Fufs tiefen Bassins, kein Sprudeln deutet an, von wo 
der immerwfihrende Zuflu£B des Wassers stattfindet, und doch ist der- 
selbe so stark, dafs die Quelle unmittelbar nach ihrem Austritt aus 
dem Bassin sofort einen 5 — 6 Fufs breiten, zwischen üppigem Gras- 
wachs dem viel wasserärmeren Rinnsale der nahen Thalsohle, welcher 
bei der mehrmals erw&hnten Einsattelung seinen Ursprung hat, plfit- 
schemd zufliefsenden Bach bildet. Die Quelle zeigte bei 9| Gr. der 
Laft Dar 2| Gr. R. Sie bildet die Hauptqnelle des Euphrat und ist 
an sich selbst und in Verbindung mit der sie umgebenden Alpensce- 
nerie gewük wardig des biblischen „Stromes, dessen grofse und wilde 
Wasser allenthalben über seine Ufer treten, Juda überschwemmen und 
das ganze breite Land umschliefsen werden.^ Doch ist dieser ganze, 
nordwestliche, Euphrat -Arm sicher nicht das Paradies der Genesis, 
denn in der Nähe seiner Quellen entspringen keine andere Strome; 
dagegen fand ich solche, nach den vier Himmelsrichtungen fliefsend, 
Ton welchen drei ganz nahe an einander entspringen, auf dem BingÖl- 
Gebirge, wohin die Armenier das Paradies zu verlegen lieben: den 
Tscbarbuhnr, einen der Hauptquellflüsse des südöstlichen Euphrat 
(Morad), den Araxes, das Chinis-Tuzla-So und den Phison (so 
noch heute von den dortigen Armeniern, von den Türken Bingol- 
ond weiter abwärts Litschik-Su genannt, der Phasis des Xenophon). 
Die armenische Sage giebt unserer Quelle einen viel neueren Ursprung. 
Nach ihr gelang es den Griechen, zur Zeit des Kaisers Heraclius, das 
in den Händen der Perser befindliche wahre Kreuz Christi diesen zu 
entwenden. Um ihren Nachstellungen zu entgehen, waren sie genö- 
äugt, es auf dem Heimwege 2u verbergen. Sie vergruben es auf dem 
Domly-Dagh, von wo sie es später nach Constantinopel retteten. Dort 
machte der Kaiser Heraclius einer armenischen Fürstin, bei welcher 
er einst in Erzerum Gastireundschaft genossen, auf ihre Bitten ein 
Stückchen des Kreuzes zum Geschenk, das sie in das Fundament des 
▼on ihr in der Ebene von Erzerum gegründeten Chatschka-Wankh 
(Kreuzkloster) einmauern liefs. An der Stelle, wo das Kreuz eine 
Zeitlang auf dem Dumly-Dagh vergraben gewesen, sei aber, so wie 
man dasselbe aus der Erde zog, die Quelle hervorgesprudelt. Sie steht 
darum auch jetzt noch bei den Armeniern und selbst bei den Türken 

ZdtMhr. d. OesttUseh. f. Erdk. Bd. IV. H 



162 Strecker: Beitrige cur Geograpliie ron Hoch -Armenien. 

m hoher Yerehrang. Abwaschungen in derselben sind dem Hefle des 
Korpers wie der Seele gieieh satrS^^ich; wer aber mit irgend einer 
Sdnde belastet in derselben ein Vollbad nimmt , stirbt sofort. Zu 
dieser aberglfiubischen Idee bat jedenfalls die finfserst niedrige Tem- 
peratur der Quelle Veranlassung gegeben; der erwähnte Reitknecht 
trotzte dieser und seinem etwaigen Schnldbewurstsein und badete sich, 
was nur gute Polgen ffir ihn gehabt cu haben scheint 

Die Armenier, welche das Wallfahren nach ihrer Art lieben, pil- 
gern gern und besonders im Monat August, in welchen die Festtage 
des nahen Chatschka-Wankh fallen, nachdem sie dieses besucht, auch 
zum Ghatscha-pajt, d. i. Ej-euzesholz, oder zu der Quelle, welche 
der Legende zufolge ihm ihre Entstehung verdankt. Der fromme Zweck 
tritt dabei bald in den Hintergrund; tanzend, schmausend und Raki') 
trinkend geben sie sich dann dem „E^f^ (Freude, Zustand des Wohl- 
behagens) hin und alle die zahlreichen Zijarets (Wallfahrtsorte) wer- 
den so zu Versammlnngsplfitzen für die rohen und einfSrmigen Ver- 
gnügungen dieser auf einer sehr niedrigen Stufe der Civilisation stehen- 
den Nation. 

Auf dem Heimwege, den wir bei Sonnenschein um 2 Uhr Nach- 
mittags antraten, bemerkten wir neben dem Wege einige ungeheure 
Steinhaufen; die Armenier aus unserer Begleitung warfen neue Steine 
darauf und meinten dadurch die bösen Absichten ihrer Feinde zu 
Schanden zu machen, da unter der Steinmasse böse Geister gefangen 
gehalten wurden. 

Wir kamen um 5 Uhr wieder bei den gastlichen Zelten des Herrn 
V. Jaba an, wo wir eine Temperatur von 10 Gr. R. fanden und er- 
fuhren, daüs dort den ganzen Tag hindurch das Wetter herriich ge- 
wesen sei. 



Die Ebene von Erzingjan, welche die zweite der beigegebenen Karten dar- 
stellt, ist bereits in dem im Jahre 1861 (Bd. XI der Zeitschrift für allgemeine 
Erdkonde, N. F.) vom Herrn Verfosser mitgetheilten Aufsatz aosführlicb , beschrie* 
ben, welchem derselbe jetzt nichts neues beizufügen hat» nur dafs er die damals 
mitgegebene unvollkommene Kartenskizze im Verlauf der späteren Jahre durch 
die yorliegende genaue topographische Aufnahme ersetzt hat. 



M Raki heifst der in der TOrkei gebrftuchliche Branntwein, zu dessen Fabri- 
kation im allgemeinen das Mastixharz benutzt wird; das Volk in Armenien, desi 
dieser in Folge des weiten Transports zu thener zu stehen konunt, versetzt sidi j^ 
doch meist mit Hülfe eines aus Maulbeeren bereiteten abscheulichen Fosels in den 
erwülmten Znstand. 

(Schlufs folgt.) 




163 



Miflcellen. 

Die zweite Deutsche Nordpolar -Expedition. 

Im Aaschhiri tat den rom Cupt Koldewey in tier Iffirz* Sitzung der Geseil- 
lehaft f&r Brdknnde gehmltenen Vortrag Aber seine vorjährige Nordpolar- Reise 
voOen wir TorÜLofig unsere Leser anf die f&r dieses Jakr beabsiehtigte nene 
Poltr- Expedition anfmerksam machen, deren Zwe«Ac nnd Ziel Prof. Dr/ A. Feter- 
■MB m einer dnrefa die TagesblKtter bereits pnblidrten Ansprache nseinander- 
gtNtrt hat. Dieselbe soU von Bremerhafen ans in der ersten Woche des Jnni, 
vo möglich am 1. Jnni, In See gehen nnd wird ans einem Schranbendampfer 
m 90Fnls Unge, 22^1fu[k Breite nnd 11 Fnfs Tiefe Ton 120 Tonnen nnd 
mit dner Dampfinasohine Ton 30 Pferdekraft, nnd dem Schiff der ersten Expe* 
diaon, einer Segel -Jacht Ton 80 Tonnen, bestehen. Diese wird den Name» 
vGronland*, das nene Schiff den Namen ^Gonnania* führen. Die ganze Bxpe^ 
öiiion wird nnter dem Befehl des Capt. K. Koldewey stehen, der sich im vorigen 
Jahre in jeder Besiehnng so trefflich bewfthrt hat Um diese Expedition für die 
Wissenschaft möglichst nntzbringend zn machen, werden die beiden Astronomen 
BDd Physiker, die Herren Borgen un^ Copeland von der Konigl. Sternwarte in 
Göttiiigen, der ausgezeichnete Hochgebirgs- Forscher K. K. Oesterreichische Ober- 
BevteDttut Jnlins Payer ans Wien (für (Geologie, Detail -Anfhahmen nnd Oletscher- 
fonehmigen) und ein Arzt (hanpts&chlich Chirurg) für Zoologie dieselbe be- 
gleiten. Das ganze Personal auf dem Hauptschiff wird ans 17 Mann bestehen. 
Die Bemannnog nnd wissenschaftliche Be^eitong der «Ghrönland* ist noch nicht 
genau festgestellt. 

Die wissenschaftlichen Instrumente nnd Apparate sind zum Theil seit vori- 
gem Herbst in Arbeit, die Dampfmaschine der j, Germania" wird constmirt vom 
Htnse Waltjen in Bremen, der Bau d^ Schiffes selbst geschieht anf der Werft 
des Schiffsbaumeisters Franz Tecklenborg in Bremerhafen. Das nene Schiff ist 
ueh den sorgfEltigsten Berathnngen und mit Rücksicht auf die reichen Brfah- 
rangen der ToijSJuigen Expedition in der Bisschiiffahrt bis anf die geringsten 
Gnieiheiten entworfen nnd witd, anfgetakelt nnd gemalt, bis zum 1. Mai toII- 
tfbiaig fertig gefiefert 

Zweck nnd Ziel dieser zweiten Expedition sind dieselben wie beim Toxj&hri- 
gn Versudi, nimlich: Erforschung und Entdeckung der arktischen Central -Re- 
gion Ton 75* nördl. Br. an, auf der Basis der dst-grönl&ndischen Küste. Aber 
liewird dies Mal nicht eine blofse nautische, auf die Monate Jnni bis 
September beschr&nkte Sommerfahrt sein, sondern soll in möglichst 
lioher Breite eine Ueberwinternng effectuiren und Toraussichtlich erst im 
October 1870 heimkehren. Die «Grönland* Jedoch, die als Begleit- und Transport- 
Bddff f^giren, sowie znr Communication zwischen der Expedition nnd Europa die- 
nen wird, soll schon zum kommenden Winter zurüddcehren nnd alle bis dahhi 
ci)t&g:ten Resultate und veranstalteten Sammlungen heimbringen. Das Hauptsehiff, 
ab TSllig unabhängig in sich, soll zu geeigneter Zeit im Herbst 1870 nachfolgen. — 
tnter den speciellen in Aussicht genommenen wissenschaftiichen Arbeiten befindet 



]g4 Miscellen: 

sich eine Gradmearang in möglichst hoher Breite; alle bisherigen Messungen 
dieser Axt zur Bestimmung der Gröijs^ und Geßt^Jl. unserer Erde erreichten noch 
nicht das europäische Nordcap ^ etira '^1^ HdiH^ Bi'., und nachdem die Eng- 
lander seit beipahe 50 Jahren und die Schweden seit 10 Jahren die Messungen 
in Spitzbergen wo möglich bis sum 80^ nördl. Br. fortzuführen sehnlichst ge- 
tnachtet haben, wird von dieser Deutschen Expedition nunmehr der erste emst- 
iMfte Versuch dasu in möglichst hohen Breiten an den zu erforschenden Polsr- 
hüsten gemacht werden. 

Natürlich erfordert die Ansrüstung dieser in grofsartigerem Maßstäbe beab- 
sichtigten und einen für die Wissensebafi wirklidieii Erfolg yeraprechenden Ex- 
pedition bedeutende Geldmittel, indem die ans den voijiluigeii Sammlungen noch 
Torhandenen Summen bei weitem nicht auareichen, am die Kosten .des neuen 
Unternehmens zu decken. Diese aufzubringen, bedarf es der Zusammenwirkung 
Vieler. VertrauungsroU wenden wir uns deshalb zunächst an die Leser unserer 
Zeitschrift, ihr Schärfletn zur Förderung dieses wissenschaftlichen Zweckes selbst 
beizutragen und in Freundeskreisen Sammlungen zu Teranstalten. Die unter- 
zeichnete Bedaction ist bereit, die Beiträge in Empfang zu nehmen und dem 
Herrn Dr. Petermann in Gotha zu übersenden, der seinerseits die Veroffeot- 
lichung der dai|;ebrachten Gaben bewirken wird. 

Die Bedaction der Zeitsehrüt der Ö^gellsehaft für Erdkunde zu Berlii. 

Prof. Dr. Koner (Lindenstr. 14). 



Farbe der Alpenseen und Alpengewässer. 

Herr Wallmann stellt in seiner trefflichen Arbeit über die Seen in den Alpen 
(Jahrb. des Oesterreioh. Alpen* Vereins. IV^ 1868) die Alpenseen nach ihrer 
Farbe zusammen. Die meisten Hochseen zeichnen sich <Larch ein frisches Grün 
oder dunkles Blau aus. Grüne Färbung hAben der Boden-, Züricher, Vier- 
waldstatter, Chiem- und vordere Langbathsee, der Mattsee 5 der Alt-Ausseer-, 
Grundl- und Erlafsee. SmaragdgrUn, erscheinen der Königssee, Kochelsee, 
Caldonazzosa und der hintere Gosausee. Dunkelgrün spiegeln der Haüstadter 
und Traunsee, vordere Gosausee, Veldessee, Tappenkarsee, Levicosee, Neuen- 
burgersee, Comersee und Mondsee. Malachitartiggrün und blau zeigt sich 
der Wolfjgangsee. — Andere Seen schmeicheln dem Auge durch ihre schöne 
blaue Färbung. Hellblau ersoheinen: der Waller-, Irr>, Alm- und Aleghesee, 
dann der Piller- und Lunzersee. Tiefblaue ^arbe haben: der Atter-, Achen-, 
FuschN, Garda-, hintere Langbath-, Turracb-» Wocheiner- und Walchensee. 
Der Achen- und besonders der G^rdasi^e sind wegen ihrer tiefblauen Farbe be- 
rühmt* Viele Seen haben «wei Farben. So sind die soeben genannten dunkel- 
blauen Seen am änüsersten seichten Uferrande von einem etwas grünlich schil- 
Ißmden Saume eingefaiJBt. Der Lago niaggiore hat im nördlichen Arme grünes, 
im südlichen tiefblaues Wasser. . Der Mondsee wechselt häufig seine Farbe rpm 
hellsten Grün in dus dunkelste Blau, oder in's Gelbgrane, oder selbst in's Graue. 
Der Attersee ist häufiger dunkelblau als hochbku. Bei vielen Seen bemerkt man 



Farbe der Alpenseen tatä Alpengewäseer. 155 

•a den seichteren üferstelles g^egen den Ufemind eine hellgrüne, bei grösserer 
Tiefe eine smaragdgrüne nnd endlich in den Kreisen gegen den Mittelpunkt 
eine tiefblaue l^bnng. Aach mancher in einem Felsenkessel gelegene Hochsee 
sogt einen hellgrünen Ring am Uferzamde, dann folgen immer dankler grün wer- 
dende Kreise und endlich im Centram ein dnakler blaner Kern. Diese Farben- 
kreise sind bei Mnldenseen moht selten. Man beobachtet auch eine Aenderong 
der Seefarbe ans mancherlei Ursachen. So ist es ziemlich bekannt, dals die 
blane Seefarbe in der Kälte and bei trübem kühlen Wetter intensiver erscheint; 
anch die grüne Farbe soll in manchen Seen bei Kälte und Witterungswechsel 
dunkler werden. Bei Stürmen geht die blane Farbe nicht gelten in eine grüne 
über und umgekehrt; auch werden in einem solchen Falle die seichteren Stellen 
durch den aufgewühlten Grandschlamm getrübt; daher dann ein See mit ungleich 
tiefen Steilen häufig gelblich gefleckt, oder mancher blaue oder grüne See ringsum 
die Dfer von einem gelben oder grauen Rahmen eingefafst erscheint. Die aus 
den Ürgebirgen kommenden Bäche sind die reinsten grünblauen Gewässer, deren 
heller Grundfarbe blos manchmal durch aufgelöste Schiefeitheile Eintrag gethan 
wird. In den E^lkalpen haben die Bäche eine blaugraue oder blaugrüne Farbe, 
welche durch den kalkerdehaltigen Zusatz eine weifsliche seifenartige Tinte be- 
kommt. Bei starken Regengüssen, nach Gewittern, oder bei der Schneeschmelze 
gewinnt dieser Zusatz die Oberhand und verdrängt fast ganz die blaugruqe Fär- 
bung. 80 sind die Isar, der Lech, die Hier, die Reichenhaller Saale u. a. m. 
beschaffen. Hingegen zeigen die Berchtesgader Ahn, die Traun, die Mangfall, 
die Alp u. a. eine prächtige smaragdgrüne Färbung; denn diese Flüsse kommen 
aas den Alpenseen, in denen sie ihre Fluthen geläutert haben. Der Genfersee 
vnd die ihn durchströmende Rhone haben ein schönes Blau; der Rhein und 
Bodensee sind grün; die Tratm, sowie der Hallstädter und Traunsee dunkelgrün. 
Anders gefärbt erscheinen uns der Inn, die Salzacb und alle in der Eiswelt ent- 
standenen Flüsse; es sind Eisströme, die ihre grauen milchigen Wogen, verbun- 
dea mit einem champagnerähnlichen schäumenden Gezische, in der warmen Jahres- 
idt einherwälzen und dem am Ufer stehenden Beobachter Kühlung gewähren, 
m kalten Winter aber bläulichgrün nnd klar erscheinen. Alle Gletscherbäc^ie 
gleichen einem mit Milch versetzten Wasser, und es ist bemerken swerth , dafs 
diese Erscheinung Naclmiittags und im Sommer stärker wird. In Folge des Ein- 
stromens solcher Eisbäche (Kaswasser oder Gletschermilch ) bleiben manche 
Hochseen während des Sommers milchig gefärbt. So sieht ein Hochsee im Muhr- 
Winkel wie gewässerte Milch aus und heifst auch Kaswassersee. Welchen Ein- 
flafs die in die Seen sich ergiefsenden verschieden gefärbten Bäche nnd Flüsse 
aof die Seefarbe haben , ist noch unbekannt Es läfst sich aber deren Einflnfs 
kaum wegleugnen, denn nicht selten bemerkt man, dafs die Strömung in einem 
See ganz anders gefärbt erscheint als das Wasser der ruhigen Seestellen, ^s 
ist auch denkbar, dafs die aufsteigenden Grundquellen auf die einfallenden und 
austretenden Lichtstrahlen eine Wirkung üben. Bei Entwicklung von Grund- 
qaellen und bei der Wellenbildnng überhaupt in Folge von Winden sehen wir 
an verschiedenen, besonders seichteren Stellen Modificationen der ursprünglichen 
Färbung eintreten. — r. 



1(6 MUoeltoa: 

Entdeckung von Goldlagern im Osten von Bolivia. 

Die Zeitung ^El Eeo de BoUvia* bringt folgende Mittheilung: 8eit undenk- 
lichen Zeiten weifs ein Jeder bei uns, dnf« im O. der Republik Bolim Qold* 
iager existiren; ja verschiedene Dokumente im Staatsarehir sprechen mit Be- 
stimm theit davon. Die bekannten Minen von Chnqniago de la Paz, Sorata, 
Snches, Carabana im N.» sowie die von Chayanta, Chichas nnd Rinconada im 8., 
von denen viele gegenwärtig noch bearbeitet werden, kommen hierbei natSrUch 
nicht in Betracht. Um nnn jene anfsnfinden, wurden in den letzten 10 Jahren 
wiederholt Expeditionen nach dem O. veranstaltet» deren Endresultat aber üut 
nie den gehegten Erwartungen entsprach. Allein zuletzt ist dennoch die Aus- 
dauer belohnt worden» nnd sind reiche Goldlager »placeres de oro* aufgefunden 
worden, welche den ergiebigsten in anderen L&ndem in Nichts nachstehen sollen. 
In der Qnebrada de Santa Rosa sind in diesem Augenblicke circa 700 Menschen 
beschäftigt, nnd man hat Klumpen des reinsten €k}ldes bis zu einem Gewicht 
von 42 Unzen gefunden. 

Zur Orientirung mögen folgende Daten dienen: Chiquitos war früher ein 
Departement der grofsen Provinz Santa -Cruz, die heute, in 2 Theile getheflt, 
an die brasilianische Provinz Biattogrosso stöfst, und die Namen Prado und Ve- 
lasco fuhrt. Die erwähnten »placeres* liegen zwischen dem 15. und 16. Grad 
sfidl. Br. und 64. und 65. Grad westl. Lg. vom Meridian von Paris. Die Qne- 
brada de Santa Rosa, von der am Meisten die Rede ist, liegt ziemlich 60 Le- 
guas von der Stadt Santa -Cruz de la Sierra, und der sie durcheilende Flnfs 
gleichen Namens fallt in den Flufs San Miguel. Letzterer, der eigentlich immer 
schiffbar ist, fuhrt seine Wassermaasen dem grofsen Flufs Guapor€ zu, welcher 
seinerseits in den Mamor^ mündet, einen Nebenflufs des Madeira, der sich be- 
kanntlich in den Amazonenstrom ergieftt. 

Der „ Constitucianal*^ von La Paz de Ajacucho giebt ferner folgende Details: 
Die Existenz der Minen von Chiquitos ist nicht nur eine nnumstöfsliche Wahr- 
heit, sondern das Gold ist im Ueberflnfs da und vom feinsten Gehalt. Trotz der 
lApractischen und primitiven Manipulation wurden im Jahre 1867 dennoch über 
5 Arrobas Gold gewonnen (1 Arroba = 25 Pfd.). Im Jahre 1868 sind bis zum 
9. October bereits über 2 Arrobas zu Tage gefördert, wenngleich die aufgefun- 
denen Goldklumpen nicht von derselben GrÖfse wie im vergangenen Jahre waren, 
da nur 4 Stücke von einem Gewicht über 1 Pfd. zum Vorschein kamex. 

Die Grenzen dieser Goldregion zu bestimmen, ist gegenwärtig noch un- 
möglich; bis zum Flufs San Miguel hin enthält sowohl der O. als auch der K. 
Gold in grofser Menge. In der trockenen Jahreszeit ist das Arbeiten sehr leicht, 
tmd in der Qnebrada de Santa Rosa findet man Gold in einer Tiefe von 3 bis 
15 Fufs. Das kostbare Metall ist entweder mit einer gelblichen Thonerde ver- 
mischt, oder in Qnarzstücken von verschiedener Grofse, oder auch in glänzenden 
Schieferplatten enthalten, welche wie mit Lack überzogen aussehen. Letztere lie- 
gen stets unter einer Schicht röthlicher Thonerde und streichen in schräger Rich- 
tung. Die Qnebrada von Santa Rosa ist mit einer kolossalen und dichten Wald- 
vegetation bedeckt. v. Conring. 



Die Fidschi -Inseln nnd die P^Hyneslsche Compagniie. 167 



Die Fidschi- Inseln und die Polynesische Gompagnie. 

Die Fidschi-Inseln, vom Ufer der See bis zu den Gipfeln der Berge in be- 
ständig reichem Grün jeder Schattimng gekleidet ^ gewähren dem Ange einen 
infserst lieblichen nnd freundlichen Anblick. Auf der ungemein fruchtbaren 
Ackerkrume des Bodens wächst Alles, was der Region der Tropen angehört, in 
entaonlicher üeppigkeil Einwanderer, welche die geringen Mittel zum Ankaufe 
Ton ein oder zwei Hundert Acres mitbringen) können letztere schon nach Ver- 
lanf Ton einigen Monaten zu einem blühenden und comfortablen Besitzthum ein- 
gerichtet haben, welches Jahr ans, Jahr ein, ohne auch nur eine Handroll Dung 
zum Entgelt zurückzuerhalten, für die Erfahrung, die Energie und das kleine 
Kapital» welches darauf rerwendet worden, eine reichprocentige Rente zahlt. Die 
Häuser der Fidschi-Insulaner sind aus Bambusrohr angefertigt und luftig und ge- 
riomig, mithin für das Klima aufserordentlich zweckmäfsig. Die Eingebomen 
stellen so eine Wohnung*, in der Grofse von 50 bis 60 Fufs bei 30, für den 
Preis ?on 5 bis 6 £ gerne her. 

Der Werth des Landes war noch vor zehn Jahren rein nominell, und 1 d., 
d. i. 10 Pfennige, pro Acre wurde willig acceptirt. Solche Preise bestehen freilich 
heut zu Tage nicht mehr, und 5 s., d. L 1 Tblr. 20 Sgr. dürften als der Durch- 
schnittspreis für den Acre guten Landes anzunehmen sein. Indefs sind auch 
höhere Verkäufe abgeschlossen, und in dem kleinen Seehafen von Levoka auf 
der Insel Oyara, in dessen unmittelbarer Nahe sich eine Ansiedlung, bestehend 
US 20 Häusern und Läden, befindet, wurde sogar bei guten Baustellen der Fufs 
Fronte ausnahmsweise mit £ 4 bezahlt. Aber das sind in der That doch noch 
immer sehr niedrige Preise, wenn man das reiche Allunajlannd der Fidschi- 
hueln mit dem ausgesogenen Zuckerlande auf der Insel Mauritius yergleicht* 
▼elches dessenungeachtet dort nicht für weniger zu haben ist, als £ 20 pro Acre. 

Die grofseren Inseln sind reich an Wasser und werden von mehreren Flüssen 
durchzogen, unter denen der Rewa River, auf ungefähr 100 Miles schiffbar und. 
ond zwar auf 60 Miles für Fahrzeuge, die einen Tiefgang von 5 bis 6 Fufs 
haben, der bedeutendste ist. An diesem Flusse entlang hat sich eine nicht un- 
heträchtliche Anzahl von Colonisten mit ihren Frauen und Kindern nieder- 
gelassen, die hier gesund, glücklich und in Wohlstand leben, wiewohl sie meist 
mit sehr geringen Mitteln eintrafen. In Folge der sehr günstigen Berichte, 
welche nach Australien gelangt sind, steht schon in den nächsten Monaten eine 
nicht unbedeutende Einwanderung bevor, und es ist dieselbe um so leichter aus- 
fahrbar, als die Fidschi-Inseln von Melbourne aus in zehn, und von Sidnej nnd 
Nea-Seeland aus in acht Tagen pr. Dampfschiff zu erreichen sind. 

Obgleich der tropischen Zone angehörig, erfreuen sich diese Inseln eines 
Semäfsigten und gesunden Klima's. Das Thermometer zeigt im Laufe des 
Jahres zwischen 65 und 92 Gr. Fahrenheit, und die jährliche mittlere Temperatur 
beträgt 80 Gr. Mit Ausnahme von Dyssenterie, von welcher auch nur -haupt- 
sächlich Einwanderer in Folge diätetischer Unvorsichtigkeit befallen werden, 
hemchen keine klimatische Krankheiten, kein Fieber u. s. w., und es unterliegt 
keinem Zweifel, dafs die Colonisten auf den Fidschi -Inseln ein eben so hohes 



168 Bfisc^en: 

QD^ comfortables Alter erreichen, wie nur irgendwo auf der Erde. Die Monate 
Mai, Jani, Juli sind navergleichHch schön, wahre Wonaemoottte; dagegen herr* 
sehen im December, Januar, Febrnar und März Orcane oder wenigstens heftigo 
Winde vor. 

Was die Erzeagnisse des Bodens anlangt, so gedeihen alle GemOse, welche 
in England fortkommen; eijciheimisch aber sind: Orangen, Limonen, Ananas^ 
Guavas, Bananen, Munnny-Aepfel, Shaddock (citnu decutnana\ Cocospalme, eine 
Frucht, genannt nVein", Ton köstlichem Geschmacke, eine Art Haselnufs, Mua- 
catnufs, Arrowroot, Ingwer n. s. w. Der Taback, wenn richtig behandelt, kommt 
dem in Cnba nnd Süd-America gewonnenen vollkommen an Gfite gleich. Ueber- 
Haupt wfirden auf den Fidschi-Inseln alle oSt- und westindischen Früchte, wie 
Sapadillo, Mango, Mangosteen, Granatiipfel, Tamarinde u. s. w. vortrefflich fort- 
kommen. Baumwolle wird mit dem besten Erfolge cultivirt, und dürfte die diesjährige 
Ernte von 100 Acres einen Reinertrag von £ 1,200 sichern. Dasselbe gilt vom 
Kaffeebaome. Zuckerrohr insbesondere gedeiht ausgezeichnnt ; 1000 Acres, 
welche in diesem Jahre damit bepflanzt sind, werden mindestens 30,000 Tonnen 
Bohr oder 3000 Tonnen Zucker liefern. — Noch bleibt zu erwähnen übrig, dafs 
Cement, dem Portland völlig ebenbürtig, Reifsblei, Kupfer und selbst Gold auf 
den verschiedenen Inseln aufgefunden worden, sowie dafs beche de mer oder 
Trepang, der nach Sidney und von dort nach China verschiftt wird. Perlmatter 
nnd Schildpatt an der Küste in Ueberfiufs vorhanden sind. 

Die Insulaner, wenn gutig und gerecht behandelt und von ihrem Stamme 
entfernt, können mit Leichtigkeit zu nützlichen Dienern und Arbeitern heran- 
gebildet werden, und man rühmt ihnen nach, dafs sie treu nnd zuverlässig sind. 
Während in Jamaica und Barbados, wie auch in Demerara der Arbeitslohn^ 
welchen ein Neger dort erhält, sich auf £ 30 bis 35 pro Jahr stellt, würde der- 
selbe auf den Fidschi-Inseln nur £ 4 bis 5 betragen, und dürfte auch für die 
nächste Zeit an ein Steigen nicht zu denken sein. Der Lohn, welchen ein In- 
sulaner für eine einzelne Tagesarbeit empfangt, beträgt 6 d. oder 5 Sgr. Die 
Bevölkerung dieser Inseln wird von den dortigen Missionären (Methodisten) auf 
200,000 geschätzt, und sollen davon 90,000 zum Christenthume bekehrt sein '). 
Aber mit dieser Bekehrung hat es gewöhnlich nicht viel auf sich, sie ist mehr 
nominell. 

Schon seit längerer Zeit waren Melbonmer Kapitalisten und Speculanten 
damit umgegangen, sich auf den Fidschi-Inseln ausschliefsliche Privilegien zu er- 
werben. Da trat inzwischen der Fall ein, dafs Unterthanen des Oberhäuptlinga 
Thakombau, gewöhnlich König genannt, Waarenvorräthe, welche nordamerikani- 
schen Bürgern gehörten, überfielen, plünderten nnd in Brand steckten. Die Re* 
gierung von Washington forderte Genugthnung, und der König mufste sich zur 
Zahlung einer Entschädigung von £ 9,000 verpflichten , ohne zu wissen , wie er 



'} Nach den Berichten der dortigen Missionäre betrug zu Ende des vorigen 
Jahres die Zahl der wirklichen Kirchenmitglieder 18,000, und diejenigen, welche 
Überhaupt dem Gottesdienste beiwohnten, zählten zusammen 90,000 oder die Hälfte 
aller Bewohner dieser Inselgruppe* 



Die Fidschi -Inseln und die Polynesische Compagnie. "f 59 

dies je mdglich madhen sollte '). Es war ein dort lange ansässiger Colonist, Na- 
hens Carl von Denune, der zuerst Melbonrner Kanflente aaf diese gute Ge- 
legenheit, ein gl&nzendes Geschäft abzoschliefsen, aufmerksam machte, und letztere 
Bogerten auch nicht, die Messrs. Brewer und Evans zu diesem Zwecke dahin zu 
MDden. Es gelang in der That beiden Herren, einen äulserst günstigen Vertrag 
zo Stande zu bringen, der jedoch nachtriiglich an dem Widerstände des briti- 
schen Consttls und einiger Colonisten scheiterte. Die Sache fiel damit einst- 
weilen, am aber Mitte dieses Jahres wieder aufgenommen und am 23. Juli 1868 
mn gültigen Abschlüsse gebracht zu werden. Der Vertrag ist in Form alles 
Rechts von Thakombau, dem anerkannten Oberhanpte der Inseln, sowie von 
ünf Häuptlingen einerseits und von Messrs. John L. Evans, William H. Brewer, 
Andrew Lyell und Frederick Cook, als trustees der PoUfnesia Company anderer- 
seits unteradchnet. Der Inhalt besagt im Wesentlichen Folgendes: 

Es werden 200,000 Acres, mit Allem, Was darin etwa noch verborgen ist» 
also auch der Mineralreichthnm, als freies Eigenthum an genannte Compagnie 
abgetreten, und zwar : 1) eine Strecke Land von ungefähr 40,000 Acres, die, ein 
QnadraC bildend, von Kuknruku R. in Vlti Levu Bay ausläuft, der Küste in 
der Richtung von Bau bis zum Stadtchen Veidrala folgt und von da landeinwärts 
geht; 2} ein Stück Land von einigen GMiles, welches der Häuptling Thakandrovi, 
Natavai Baj, Island of Vanna, seinem Freunde Thakomfoau in dieser Stunde der 
Noth geschenkt hat. Von dem Städtchen Tivo aus geht es der Küste entlang 
und erstreckt sich dann in derselben Länge landeinwärts; 3) die herrliche Insel 
M. Benga, von ungefähr 1500 Eingeborenen bewohnt und bisher an Rewa gehörig. 
Die Rewa -Häuptlinge haben dieselbe als ihren Antheil an obiger Schuld, für 
die sie mit ungefähr einem Drittel zu haften haben, abgetreten. Aufserdem auch 
noch die Inseln Motnniki, Levuka, Maluma und Nannkn; 4) ein Areal von 
100,000 Acres aufserordentlich reichen und tiefen Alluviallandes auf Viti Levu, 
der gröfsten unter den Inseln dieses Archipels. Dasselbe bildet die Perle in der 
ganzen Cession und schliefst den ausgezeichneten Hafen von Suva ein, von wo 
das Land, welches von drei mehr oder weniger schiffbaren Flüssen, die sich 
anch in diesen Hafen ergiefsen, bewässert wird, in allmäliger Hebung ansteigt 

Die Compagnie erhält femer auf 21 Jahre das ausschliefsliche Recht, an 
beliebigen Plätzen der Insel Banken zu gründen, und sollen die zu emittirenden 
Banknoten überall als legal tender, d. i. gesetzliches Zahlmittel, gelten. — Sollte 



*) Dio Sache ist di^se. Von einem nordamerikanischen KaufTahrteischiffe, 
welches bei den Fidschi Inseln anlegte, waren drei Matrosen desertirt, die später von 
den Insulanern erschlagen und verzehrt wurden. Als dieser Cannibalisnius zu Ohren 
der nordamerikanischen Regierung kam, verlangte sie Genngthnong und man einigte 
sich dahin, dafs eine .bestimmte Summe an Geld die Unthat ausgleichen sollte. Die 
erste Rate ging auch ein, aber mit der zweiten hatte es keinen Fortgang, einfach» 
weil der Konig den Betrag nicht aufbringen konnte. Er war daher zu Ende des 
vorigen Jahres gezwungen, seine Inseln, zur Sicherstellung der Forderung, auf drei 
Jahre an Amerika zu verp Anden, während dieses es übernahm, Seine Majestät fUr 
diesen Zeitraum gegen jede Usurpation von anfsen in Schutz zu nehmen. Man be- 
greift also, da(s die Compagnie, bevor sie überhaupt an ihr Unternehmen gehen 
konnte, erst die Auseinandersetzung mit Amerika herbeiftlhren roufste. 



*|]20 Miacelleii: 

der König Theile Mine« Reiches an andere Parteien Teranljem wollen, so steht 
der Gesellschaft das Vorkanfsrecht zn. — Auf imporürte nnd ezportirte Pro- 
ducte and Waaren darf anter keinen Umständen ein Zoll gelegt werden, nnd 
findet überhaupt eine £infahrang von Stenem nicht Statt. — Endlich Tetpfilchtet 
sich seine dunkle Majestät, die Colonisten anf dem cedirten Tenritorinm gegen 
etwaige Angriffe and sonstige Belästigungen von Seiten der Eingeborenen zn be- 
schützen nnd zu vertheidigen. 

Dafs König Thakomban mit der Unterzeichnung «dieser Urkunde den ge* 
wissen nnd baldigen Untergang der Fidschianer besiegelt hat, wird er sich wohl 
nicht überlegt haben, ist aber ein schweigendes Selbstverständnifs. . 

Diesen Zugeständnissen gegenüber übernimmt die Gesellschaft folgende Ver- 
pflichtungen: 1) sie zahlt an die Vereinigten Staaten Nord- Amerika's die Summe 
▼on £ 9,000 , und zwar £ 2250 sofort und den Rest nach Verlauf eines Jahres. 
Erst nach Berichtigung der ganzen Schuld ist es gestattet, einzelne Theile des 
als Eigenthum überwiesenen Areals tu. veräufsem; 2) König Thakombau erhält 
auf Lebenszeit eine jährliche Pension im Betrage von £ 200, — und wird wohl 
jedenfalls in den obigen legal tender notea ausgezahlt werden. — Thal sum, heUst 
es, 18 equal to a ^Kingsransom*' in the fair and fertiU Islands of Fiji, 

Der Zweck der Polynesia Compcmy {limited) geht dahin, die reichen und 
noch unbenutzten Quellen der Inseln der Südsee, nach dem Muster der alten 
ostindischen Compagnie, aufzuschliefsen und zu verwerthen, und soll der Anfang 
eben mit den Fidschi-Inseln gemacht werden, weil sich hier besonders günstige 
Verhältnisse für eine Colonisation darbieten und auch bereits seit längerer Zeit 
Colonisten daselbst residiren. Denn, — so hat der Honorable H. L. Correy, 
erster Lord der Admiralität, kürzlich auf einem australischen Zweckessen in 
London gesprochen — der Colonie Victoria scheint es Yorbehalten zu sein, die 
Inseln des indischen Archipels zu erobern und zu dyilisiren, d« i. ihrem Interesse 
dienstbar zu machen. 

Obige Compagnie hat sich unter einem provisorischen Directorium consti' 
tuirt, welches namhafte Persönlichkeiten in Victoria, hauptsächlich in Melbourne, 
mit dem Mayor dieser City, dem Mayor von BaUarat nnd dem General Latham, 
Consul der Vereinigten Staaten, an der Spitze, zählt, und gründet sich auf ein 
Kapital von £ 100,000, welches in Actienfä £ 2 ausgegeben ist Die Promo- 
toren beanspruchen für ihre bisherigen Kosten, ihre Mühe nnd den von ihnen 
erzielten Erfolg 10,000 Actien, die als voll bezahlt, paid-up shareSf gelten sollen. 
Für jede 10 Actien, die Einer zeichnet, wird noch ein free grant von 40 Acres 
Agriculturland , und für jede 25 Actien ein halber Acre Stadtland als Prämie 
gewährt. 

Die Gesellschaft beabsichtigt nun, sowohl Bank- als Handelsgeschäfte zu 
betreiben. Sie wird die Producte der Inseln aufkaufen oder auch Vorschüsse 
darauf leihen, dieselben nach Australien oder andern Plätzen verschiffen und 
ihre Schiffe mit gut verkäuflichen Waaren zurückbeordern. Von Zeit zu Zeit 
soUen Landauctionen, wobei ein Minimalpreis festzusetzen ist, stattfinden, theils 
in der GrÖfse von Farmen, theils in kleinen Parceüen, wenn es sich um Anlegung 
von Dörfern und Städten handelt. Dabei wird für | der Kaufsumme Credit 
auf ein oder zwei Jahre, gegen Vergütigung von 8 pCt. Zinsen, gestattet werden. 



Die Insel Swaln oder Solitaria. 171 

Wo günstige Gelegenheit sich darbietet und das Interesse der Compagnie es 
erfordert, soll ron den Südsee-Insnlanem neaes Areal erworben werden. Endlich 
wird ohne Versog bei der britischen Begiemng beantragt werden, dafs dieselbe 
die SoQTeriinitat über die Fidschi-Inseln aceeptire und gleichzeitig die erlangten 
Rechte der Compagnie, sowie der früheren alten Ansiedler anerkenne. ' Konig 
Ihakomban nnd die Häuptlinge haben auch daxn ihre Einwilligung gegeben. 

Cebrigens ist man in Australien schon seit Jahren die englische Regierung 
rergeblich angegangen, die Gruppe der Fidsdd-Inseln, wo durch die Missionäre 
englische Cultur auf Kosten der Eingeborenen sehr rasche Verbreitung gefunden, 
unter britischen Schutz zu stellen, zumal da die Franzosen (Neu-Caledonien, 
Ufa, Oparo etc.) und die Amerikaner sich immer heimischer in der Südsee 
Bischen. Jedenfalls ist es jetzt um die Selbstständigkeit der Fidschi -Inseln ge- 
sehahen, denn entgehen sie den Amerikanern, so verfallen sie zweifellos der 
obigen Compagnie, welche mit der den Engländern eigenen Energie, Aasdauer 
md Colonisatiosbefähigung, unter Zuhfilfenahme von allerlei schriftlichen Docu- 
menten, deren juristische Spitzen die Insulaner nicht verstehen, das noch Feh- 
lende sehr bald nachholen wird. — ff. — 



Die Insel Swain oder Solitaria. 

In Petermanns Mittheilungen (1869. S. 44) beklagt sich Herr Grunde- 
mann darüber, dafs ich in meiner Arbeit über die Tokelaugruppe behauptete, er 
habe die Insel Swain des Kap. Hudson (Mendanas Solitaria), welche die Be- 
wohner dieser Gegend Olosenga nennen sollen, mit der gleichnamigen der Gruppe 
Manila in Samoa verwechselt. Ich habe das jedoch nicht gesagt; die Anklage 
beruht auf einem Mlfsverständnifs, das ich aufrichtig bedauere ; ich kenne Herrn 
Gnmdemanns Gründlichkeit aus seinem Missionsatlas zu wohl, als dafs es mir 
jemals in den Sinn hätte kommen können, ihn eines solchen Versehens für fähig 
za halten. Der Zusammenhang ist aber folgender. Wenn ich in der von Herrn 
Gnmdemann dtirten Stelle (in dieser Zeitschrift Th. 3, S. 119, Anm. 3) sagte: 
Herr Grundemann giebt als Namen der Insel an Olosenga, gestützt auf einen 
Bericht des Missionar Bird; das ist jedoch der Name, mit welchem die Samoaner 
eine der Manuagruppe bezeichnen, so habe ich, damit blt>Is meinen Zweifel gegen 
die Richtigkeit der Behauptung Birds aussprechen wollen, dafs die Insel bei den 
Eingebomen Olosenga genannt werde. Und diese Zweifel bestehen bei mir noch 
jetzt; ich kann es nicht verstehen, dafs diese Menschen einem 12(X) FuTs hohen 
steüen, vulkanischen Berge, wie Olosenga ist, nnd dem winzigen flachen Land- 
fleckchen, der Mendanas Namen Solttaria mit dem vollsten Recht fUhrt, densel- 
ben Namen gegeben haben sollen. Meinicke. 



3 72 Miscellen : 

" Marokko. 

Ueber Prodacftion, Handel nnd Schifffahrt Marokko's schreibt ein daselbit 
lebender Deutscher (Preufs. Handelsarch. 1869. No. 4fF.}: Der ergiebige Boden 
vermag nicht nur eine mit der Gröfse des Landes im Verhältnifs stehende Be* 
völlLerung zu ernähren, sondern wurde bei gehöriger Bearbeitung noch eines 
erheblichen Ueberschufs zum Export gewähren nnd das Elend, unter dem gegen- 
wärtig das Reich seufzt, in Wohlstand verwandeln. Von Getreidearten wird Wei- 
zen am stärksten angebaut, doch eben nur so viel als zum Unterhalte erforderlich 
ist; besonders günstig für die Cnltur desselben sind die sudlichen Provinzen Fem- 
sua, Schi€dma, Dukkftla nnd Abda, welche in ungünstigen Jahren auch die nörd- 
lichen Provinzen damit versorgen. Gerste, an Qualität geringer als die vom 
Schwarzen Meere und Eg^pten, wird nur als Viehfutter benutzt; dieselbe würde 
bei einer rationelleren Behandlung des Bodens unstreitig besser gedeihen. Haopt* 
nahrungsmittel ist die Durrah, ohne welche in Jahren des Bfifswacbses die Be- 
völkerung der Hungersnoth anheimfallen würde. Hülsenfrüchte werden erst seit 
einigen Jahren angebaut und bilden, seitdem im Jahre 1855 Sultan Abd-el-Rah- 
man die Ausfuhr gestattet hat, einen Hauptexportartikel. Reiscultur findet sich 
nur in den Provinzen von Fez, wo die Ueberschwemmangen des Flusses Sebu 
dem Anbau zu Hülfe kommen; von den Mauren wird jedoch dieser Kultur bis 
jetzt wenig Sorgfalt zugewandt. Baumwolle war in Marokko bis 1856 ganz un- 
bekannt; erst seit jener Zeit, wo das englische Konsulat in Tanger den Grund- 
besitzern unentg^tlich Samen lieferte, ist der Baumwollencultur Eingang verschafit 
worden, und steht zu erwarten, dafs die glänzenden Resultate, welche die ersten 
Anpflanzungen geliefert haben, zur Nacheiferung aufmuntern werden. Zum Ta- 
baksbau ist das Land durch die Fruchtbarkeit seines Bodens und seine klima- 
tischen Verhältnisse wie geschaffen; dennoch ist der dort gebaute Tabak von 
schlechter Qualität und der Consum desselben sehr unbedeutend, da der Maare 
den Genufs des Khaschisch^s, eines ans getrockneten Hanfstengeln bereiteten nar- 
kotischen Pulvers, dem Tabak vorzieht. — Oelbäume wachsen in ganzen Wäl- 
dern wild in den Provinzen Mequenez, Mogador, Sus und Tafilct. In den süd- 
lichen Provinzen kommt ein anderer Baum vor, welcher Argan genannt und nur 
in Marokko gefunden wird. Er wächst ohne jede Pflege und bildet sehr dichte 
immergrüne Wälder; ans seinen Nüssen bereiten die Mauren eine grofse Menge 
Oel, welches reichlich den Bedarf des ganzen Landes deckt Ebenso grofs ist 
der Beichthum an Orangen, welche in der Umgebung von Tetnan eine Höhe 
von 35 — 40 Fufs erreichen. Auch der Weinstock gedeiht sehr gut, wird aber 
nur wenig angebaut, weil der Islam die Weinbereitung verbietet. Die südlichen 
Provinzen und besonders Sus besitzen unermefsliche Pflanzungen von süfsen und 
und bitteren Mandeln. Femer ißndet man grofse Wälder von Dattel- und anderen 
Palmen; in den Provinzen Lakha, Sus nnd Tafilet ernährt die Dattelpalme Men- 
schen und Thiere. Dieselben Provinzen erzengen auch ohne Pflege verschiedene 
Gummibäume und solche, welche Euphorbiumharz, Gummiarabicum und Sandrak 
von ausgezeichneter Güte liefern. — Die Atlaskette ist mit unerschöpflichen Wäl- 
dern von Eichen, Lärchen, Korkeichen, immergrünen Eichen, Tannen, Pistazien, 
ferner einer Art Wachholder, Arar genannt, bedeckt. Die Eichen liefern Rinde 



Marokko. 1 73 

in gro&er Mei^ zu Gerberei, in ivelcher die Mauren Meister Bind. Die Ans- 
fakr der Eiche ist Monopol der Regierung, Der Arar, aus wekhem Weihrauch 
gemacht wird» und der eine Höhe von mehr als 40 Fufs erreicht, ist seines 
harten, unTerwüstlichen Holzes wegen sehr geschätzt; doch hat die Regierung 
die Aoafuhr und selbst die Ueberfuhrung desselben yon einem Ha&n des Landes 
zum anderen yerboten. 

Heerden bilden den Hauptreichthum des Landes > nnd unter diesen nehmen 
die Schaf heerden die erste Stelle ein. Hammelfleisch wird am meisten gegessen, 
und Arm nnd Reich tragt Gewänder aus inländischer Wolle ; dieselbe steht jedoch 
bis jetzt der spanischen, englischen und deutschen nach, da die Einwohner sich 
am Veredlung der Racen nicht kümmern) obgleich man In. wenigen Jahren das 
kolossale Kapital, welches in den Schaf heerden steckt, Terdreifiichen könnte. 
Unterrichtete Männer, welche in Algier eingehende Studien über die afrikanischen 
Bacen gemacht haben, versichenii dafs das Merinoschaf ¥on Afrika nach Spanien 
eingeführt wprden sei und dafs der Urtypns desselben noch in einigen Grenz- 
districten am Rande der Wüste ejustire. 

Ceber die mineralischen Bodenschätze Marokko's ist bis jetzt wenig bekannt; 
was man von Gold • und Silberminen erzählt, beruht lediglich auf Vermutfaungen. 
Die Regierung hat ans Furcht, der Reichthnm könnte die Trägheit und Unwissen- 
hdt der Einwohner zum Besseren wenden oder die Habsucht der Christen an- 
k>eken, alle Nachgrabungen bei Todesstrafe verboten. In den unabhängigen Pro- 
vinzen fördern die Mauren auf einfache und kunstlose Weise Kupfer, Eisen, An* 
timon nnd Salpeter. In der Provinz Tetuan hat man zwei Antimongruben auf- 
gedeckt, die eine im Süden, in der Richtung, nach dem Rif, die andere im Nor- 
den unweit Genta. Zwei maurische Cksellsehaften erlangten durch reiche Ge- 
schenke, welche sie dem Sultan machtet, die Erlaubnifs zur Ausbeutung dieser 
Gruben; die Arbeiten, wurden durch europäische Ingenieure geleitet nnd mehrere 
Ladungen des Erzes gelangten zur Verschifung nach Marseille und England. 
Aber sei es nun, dafs der Sultan anderer Meinung wurde^ oder dafs die Gesell- 
schaft den zu überwindenden Schwierigkeiten gegenüber den Muth verlor: That- 
sache ist, dafs ihr der Sultan zur Entschädigung für die auf das Unternehmen 
bereits verwandten Kapitalien die Erlaubnifs zur Getreide -Ausfuhr ertheilte, und 
daCi man die Förderung einstellte. 

Mit Ausnahme vort Gerste und Weizen, deren Ausfuhr verbpten ist, kommen 
alle bisher angeführten Landesproducte zur Ausfuhr. Vorzugsweise lebhaft ist 
der Export der Wollen, doch dürfen die in den Seehäfen ansäfsigen europäischen 
Kaoflente dieselbe nicht auf den Märkten des Binnenlandes kaufen, sondern 
mnsaen die Ankäufe durch jüdische oder arabische Agenten ausführen lassen. — 
Dem europäischen Handel geöffnet sind die Häfen Tetuan, Tanger, El -Arisch, 
RabAt, Casablanca, Mazighftn, S&fi nnd Mogador. Tetuan dient, da der dort mün- 
dende MartU selbst Bur Flnthzeit nur eine Tiefe von 6 — 7 Fufs hat, nur als 
Hafen für Küstenfahrzeuge. Grolse Schiffe müssen auf der Rede Anker werfen, 
wo Bie bei Ostwind, nicht liegen Ueiben können. Tanger mit seinem ziemlich 
guten Hafen ist aber nur Inr lateinische Barken von 80 Tonnen zugangtich, wäh- 
rend gröTsere Schiffe in der sehr geschützten Bai vor Anker gehen müssen. El- 
^rlsch, an 4er Mündung des Lukkos; bietet. für Schifft bis zu 200 Tonnen einen 



174 Miscellen: 

sehr Bicheren Hafen; gröfBere Ffthnenge hingegen mfissen aofferiialb der die 
ilafBmfindnng reisperrenden Baire ankern. Reb&t, an der Mfindong des Bn- 
Begregf hat einen prachtroUen Hafen, der aber, wegen einer vor der Fliüamfindniig 
liegenden Barre mit nnr 15 Fafii Wasser, fBr gröftere Bchiffe ToüstSndig nnpne- 
ticabel ist Ohne diesen üebelstand würde Reb&t, bei seiner geringen Entfer- 
nung von Fez, der wichtigste Hafenplats des Kaiserraches sein. Casablanea» 
Maiagan treiben, obgleich an swei vor den Westfnnden nicht geschtttsten Golfen 
gelegen, dennoch einen lebhaften Exporthandel mit Wolle und Getreide, ebenso 
wie der Hafen von Sftfi. Der wichtigste Hafen ist jedoch Mo|;ador, das Empo- 
rinm der südlichen Provinzen des Reiches nnd des nördlichen Central-AfHka'a 
(vergl. diese Zeitschr. II. 1867. S. 470). 

Was die Hauptstadt Bftarokko betrifi%, so verweisen wir anf eine Beschrd- 
bung derselben, welche Mr. Paul Lambert im Bullet, de la Soe. de Cr^ographiu 
(V* S6r. XVI. 1868. p. 490) so eben yeröffentlicht hat Der Verfasser dieser 
Arbeit hat' während der Jahre 1863 — 68 in der Hauptstadt gelebt, und ist ea 
ihm gelungen, einen ziemlich genauen Plan der Stadt zu entwerfen, wenigstens 
in Bezug auf die Hauptstrafsen, Pl&tze und öffentliche Gebäude, während die 
Beschreibung eigentlich wenig Neues bringt. Dieser Plan zeigt allerdings wesent- 
liche Abweichungen von dem von Oapt Washington im Jahre 1830 gezeichneten,, 
der auf Taf. I im VIH. Bde. der N. F. unserer Zeitschrift, 1860, reprodutirt 
worden ist. Die männliche muhamedanische Bevölkerung wird anf circa 16,450 
Seelen angegeben, imd zählt man zu dieser die Frauen und Kinder hinzu, sowie 
die etwa 6000 Seelen starke jfidische Bevölkerung, so dürfte die Einwohnerzahl 
etwa 50,000 erreichen. Die einstmals so bedeutende Industrie Hegt gänzlich 
danieder, und nur die Gterber und Lederarbeiter, deren Zahl anf circa 1500 an- 
gegeben wird, haben ihren alten Ruhm behauptet Cochenille, Rakahüt und die 
Schale des Granatapfels werden zum Färben der Felle benutzt; die Einführung 
des Fuchsin durch die Franzosen drohte aber jene Farbestoffle zu verdrängen> 
wenn nicht der Gebranch des Fnchsin sofort verboten worden wäre. — r. 



Die neuen StraXsenanlagen in der Herzegowina. 

Nach einem Consularbericht unseres Consnls Dr. Blau in Serajewo ist in 
der Lage der Herzegowina ein sichtUdier Fortschritt zum Besseren ericennbar^ 
vorzugsweise durch den von der türkischen Regierung eifrigst betriebenen Nenbaa 
von fahrbaren Strafsen. Die wichtigeren von diesen sind 1) die seit 1863 fiihr- 
bare Chaussee von der Hauptstadt Mostar nach Metkowi^ zum Ansehlulii an die 
Dabnatische Heerstrafse. 2) Die in den Jahren 1867 und 68 gebaute Strafse 
von Bilek nach Trebinje, welche von letzterem Punkte nach Ragusa weiter ge- 
führt wird. 3) Die soeben vollendete Strafse von Mostar nach Ljnbnschki, welche 
über Vergoraz nach Makarsa in Dalmatien flihrt 4) Die halbfertige von Mostsr 
über Stolaz nach Kiek führende Strafse, welche die Berührung des Oesterrei- 
chischen Territoriums vermeiden soll. 5) Die EEauptstraise von Mostar längs des 



r . 



Die neuen Strafsenanlagen in der Herzegowina. {75 



KtrentA-'Iluües nach Konjits-, die eigentliche Verbindung swischen der Herze- 
gowina und Bosnien. Zn ihrer Vollendung, welche wohl Anfang 1870 zn erwarten 
flieht, bedurfte ea bedeutender fiflassen ron Arbeitskraften. Es galt nämlich dnich 
die 4 — 6000 FoTs hohe, Bosnien von der Herzegowina trennende Bergkette eine 
Fihntra(se herznstellen. Die Strafse zerfallt in zwei Sectionen, die nordliche 
rra 8erajewo bis Koi^itz an der Narenta, die sfidliche ron da bis Mostar. Die 
flfstere Section, 8 Meilen, welche bereits fahrbar ist, läuft, nachdem sie zuerst 
1^ Meilen weit der Brooder Chaussee gefolgt ist, in das Thal der Zujerina bis 
nach Fasari^ (2 Meilen), umgeht dann in westlichem Bogen die Vorberge der 
Ivan-Flanina und steigt jenseits Tartschin aOm&lig das Gebirge hinan; wendet 
flieh auf der Höhe (2 Meilen) in das Teschajnitze Thal hinüber und folgt dem- 
selben 2^ Meilen weit bis nahe vor Konjitz. Der Pafs von Bradina wird in 
einer Hohe von circa 2800 Fnfs fiberschritten. Die sudliche Strecke der Knnst- 
stiafse folgt Ton Konjitz ab in der Hauptsache dem Narenta -Thale. Die Ter- 
ninschwierigkeiten bestehen hauptsächlich darin, dafs die Strafse fast überall in 
die Felsmassen gesprengt werden mufste» die das Strombette stellenweise in jäher 
Hohe Ton 2 — dOOOFufs einengen, dafs femer die Pafshöhe des Jablanitza-Qe- 
Mrges (1800 Fu(s) überschritten werden mufste, um den grofsen Bogen, den die 
Nsrenta hier macht, abzuschneiden, und endlich thalabwärts yon da die Narenta 
fweimal zu fiberbrücken. Die 4 Meilen von der Brficke über die Biela bis Mostar 
sind fertig, am weitesten zurück ist die Strecke tou Koigitz bis Unter -Jabla- 
nitxa, an der zwei Bataillone Infanterie und 5 — 600 Tagelöhner arbeiten. Es 
steht fest, dafs dieses Strafsennetz für die strate^sche Beherrschung und die 
commerzieUe Entwickelung der Provinz von unberechenbarem Nutzen sein wird; 
schon jetzt weist der Aus- und Einfuhrhandel bedeutend höhere Ziffern auf als 
ror wenigen Jahren, und überall hat sich die Bodenkultur und Productionsfähig- 
kdt des Bodens wesentlich gehoben. — r. 



Ban in der Colonie Victoria aufgefundenes Eohlenlagen 

Ein ansgezeichnetss Spedmen bituminöser Kohle» im Gewichte von einer 
balben Tonne, welches aus einem zwischen Cape Patterson und GrifBth's Point 
(Western Port) in Victoria jüngst entdeckten Kohlenlager genommen war, kam 
m April Torigen Jahres in Melbourne zur öffisntlichen Ausstellung. Das Lager 
i>ir kun suTor durdi Zufall von einem Sdiäfer, Namens James Cavan, welcher 
mf der dort gelegenen Station eines Mr. Godfrey im Dienste steht, aufgefunden 
Verden.') Derselbe wollte nämlich fischen gehen und um sich einen weiten 



') Die australischen Schäfer, unter denen, beiläufig bemerkt, der Adel und 
MiaDer von Bildung reichlich vertreten sind, weil solche Leute selten für eine 
jonge Colonie etwas taugen, sind schon Öfters die Entdecker wichtiger Minerallager 
geworden. So wurde z. B. die ausgezeichnete Moonta Kupfermine auf Torke's Pen- 
iasida in Süd -Australien, welche durch ihren enormen Beichtham die bedeutendste 
der Erde ist und bisher im Stsnde war, regelmäfsig jedes Quartal eine Dividende 



17$ Kleinere geographische Mittheilungen. 

Umweg zn erspareOf beschloß er, den Felsen binnntermUettem, mtechte aber, 
beyor er noch den Boden erreichee konnte, tau und fiel« gleyishccitig «ne grofiM 
Masse Erde nnd Steine mit sich fortreilsend. Der Mann kam glücUidifirwdse, 
ohne irgend welche Verletzungen zu erleiden, mit dem blofsen 6<diredcen daTcn, 
und als er sich die Strecke seines geföhrlichen Falle» besah, war er nicht wenig 
überrascht, dafs ;er in der Höhe von etwa 25 Fnfs ein ans dem Felsen henror- 
tretendes, durch das QeröUe freigelegtes Kohlenlager bemerkte. Auf gescheheae 
Anzeige davon wurde der Ort sorgfältig untersucht, und es eingab siich, da(a eine 
Kohle von ganz vorzüglicher Qualitiit dort lagere. Die Mächtigkeit decselben 
beträgt da, wo sie am Felsen sichtbar wird, zwei FuA zwei Zoll and wweiteit 
sich in der ungefähren Entfernung von 200 Fnfs landeinwärts zu swei Fuüi vier 
ZolL Die Bearbeitung dieser höchst werthvollen Mine steht schon in nächster 
Zeit bevor. Uebrigens hat das ganze dortige Terrain entschieden das A%BsebeD 
eines sehr ausgedehnten Kohlenfeldes. — Die Kosten des Transportes vom Lager 
aus nach dem Bass River werden auf 6 s., und von da weiter nach Melbourne 
auf 7 s. pr. Tonne zu stehen kommen. — ff. — 



Kleinere geograpMscIie MittheilmigeiL 

Auswanderung aus den Häfen Bremen, Hamburg, Antwerpen 
und Liverpool im Jalire 1868. Es wurden befördert: Von Bremen 

direct: nach New York 36,279 Passagiere in 64 Dampfschiffen und 15,461 Pass. 
in 62 Segelschiffen; nach Baltimore 5558 Pass. in 23 Segelschiffen und 5028 Pass. 
in 10 Dampfschiffen; nach Quebec 1673 Pass. in 5 Segelschiffen; nach New 
Orleans 834 Pass. in 9 Segelschiffen und 264 Pass. in 2 Dampfschiffen; nach 
Galveston 856 Pass. in 8 Segelschiffen; nach Charleston (Süd - Carolinü) 
278 Pass. in 1 Segelschiff; nach Montevideo nnd Buenos -Aires 51 Pass. in 
1 l^egelschiff; es wurden also von Bremen in 169 Schiffen 66,272 Pass. be- 
fördert. — Von Hamburs direct: 43,628 Pass. und indirect über HuU uad 
Liverpool 6422 Pass., im Ganzen 50,050 Pass. — Von Antwerpen direct: 
1528 Pass. und indirect über Liverpool circa 3000 Pass., im Qim^en 4528 Pass. t 
Von lilwerpoel (unter der Acte) 111,367 Pass. und in kurzen Schiffen 
8306 Pass., im Ganzen 119,673 Pass. Die Gesammtanswanderung auf obigen 
Häfen beträgt mithin 240,523 Personen. 

Nach den amtlich veröffentlichten statistischen Mittheilungen {Norges offi- 
cielle Statistik, udg, i a. 1868) über die Volkszählnng in Norwegen betrag 



von 100 pCt. zu vertheilen, ebenfalls von einem Schäfer, Namens Bradj,. vor.lO Jah- 
ren aufgefunden. Der gute Mann hat sich aber darüber sehr bald, in Brandy to. 
Tode getnmken. 



r 



Ekdaen giogi«|piiisdit Mblh«il«igM. 



m 



Bmmmnmg «i L Jomuur 1866 1,701,7M 8a<l»n, im Mire 1855 1,490,047. 



fliaatoaMO Amt 



Obiiiluiis 



wUk nack Aemlem: 
. . 98,863 Biaw. 
. . 107,422 - 
. . 57,382 . 
. . 120,442 - 
• • 124,980 - 
. • 99,275 - 
85,432 ' - 



JuUberg- und Laurrik 

Bntsbei^ 82,037 

Badraaes 68,052 

Lisler* and Mandal . 73,785 



Stavangar Amt . . . 104,868 Eisw, 

Slidl. Bergenhai . • 113,406 • 

Bargea 27,703 • 

N5rdi. Beigenhas • . 86,803 - 

Bomsdal 104,362 - 

Sftdl. ThroDdljem . . 109,123 - 

Nördh Throndhjem . 82,489 - 

Nordland 89,668 - 

Flnmarken .... 65,667 - 



Baf^nmonfO in OMrra JMtnjL Harm. r. Seblaghitwait bezaiolmet in 
dem 80 oben enchienanen 1. Bande seiner Reiaen in Indien und Hoebasien (8. 528) 
diB Menge der NIedenchläge, welche während der von Mitte Mai bis Ende An- 
gast oder Anfang September anhaltenden Regenseit in der 4125 Fnfs hoeh auf 
dmi oberen Rande des Steilabhanges des Kh^sia- Gebirges gelegenen Station 
Ch^rra Maji fallt als die gröfste bis jetat auf dem Erdkreis beobachtete. Die- 
selbe betragt daselbst nach mehrjährigen genaoen Anfteichnnngen 600^620 Zoll. 
lUr das I>^khan wird das anf der Kante der westlichen Ghatkette gelegene Ma- 
hibal^hTaar als der regenreichste Ort genannt, wo die ndtüere Regenmenge nach 
mahrjähiigen Beobachtungen 254 Zoll beträgt, während sie im dstliohen Hhna- 
Uya nur 100 — 180 Zoll erreicht. Wie in Mahabal^hFar, ist auch in Ch^rra 
Pdnji die Ursache localer Regenanhäufang dem Widerstände von Gebirgsmassen 
gegen die horisontale Fortbewegung des Windes anansehreiben. Längs des Kam- 
■es des Ohata bietet der westliche Abhang dem Monsdn den ersten Widerstand» 
der eine Bichtong des Lvftstromes nadi anfvrärts aar Folge hat, nnd da warme 
ieadtte Lnftströme, je rascher sie in höhere nnd etwas kältere Regionen auf- 
steigen, destomehr an ihrem Wassergehalt durch RegenCall verlieren, wird die 
grolse Regenmenge auf dem Rande der Ghats erklärbar. Ebenso wird im Kh^ssia- 
Gebiige die horixontale Richtung des Windes durch die Steilabfälle des Gtebiigei 
vctt ihrer Bahn abgeleitet. Mit den Lufbonassen zugleich wirbelt auch ihr Dampf- 
gehalt an einer grofseren Entfernung tou der Oberfläche empor und wird dadurch 
so well abgekühlt, dafs nun jene ungewöhnlich grofsen Niederschläge eintreten, 
«ie sie in Europa für die Alpen an Tolmeezo (96 engl ZoD), für Norwegen an 
Beigan (88,7 Z.), für Portugal zu Coimbra (118,9 Z.) stattfinden. 

Herr G. Bohlff schreibt uns am Tripoli (8. Februar 1869), dafs er wider 
Erwarten zwei Monate in Tripoli hat zubringen müssen, da der Abgang der Gafla, 
welche die Geschenke des Königs von Frenfsen an den Sultan ron Bomn mit- 
nndmien bestimmt ist, sich bis zum 14. Februar verzögert hat. Dr. G. Nach- 
tigal, welcher bisher als Arzt in Tunis gelebt hat und den Lesern unserer Zeit- 
schrift durch eine Mittheilung über ein Erdbeben in Tunis am 14. Sept. 1863 
(Z. f. allg. Erdk. N. F. XV. 1863. p. 359) bekannt sein dürfte, wird die Geschenke 
nadi Knka überbringen nnd beabsichtigt, von dort später weiter nach Süden vor- 

XtlUchr. d. CkstUsch. f. Brdk. Bd. IV. 12 



178 Klaiiian g«ogrftphi«ehe IfittheilugttA. 

codriicnL Bolllii^ tr«toh«r aai 15. Fobmar m Sduff» nadi Be^gkaii av^Bbio» 
eben ist, hat die Zeit seiner unfreiwilligen Mni^ in Ansiiten nadi den Eufcnm 
rofi Sabnitn nnd Leptjs magna banntet, nnd an letalerem Orte eine Amalil pbe- 
togzaphlacbar Anfpahmen gemaeht, lieber ITrünleiA Tinne schreibt er vl 9Uj dala 
dieselbe mit einem Train von 76 Kameelen nach Beni Dlid anfgebrodieB ad« 
Rohlfs besweifelt aber sehr, daA sie mit einem solchen Gefolge, walehea aoa 
zwei HoUändem, einem Dentscben nnd einer Menge von Araberinnen imdN»* 
gerinnen» lanter nnnntaen Snbjeoten, besteht, mit heiler Hant Bomn wird erreielMB 
können. 

Nach dem iwisehen den Vereinigten Staaten and der Begiemng Ton Colnaa- 
bia (Neu -Granada) abgeschlossenen Vertrage erhalten erstere das anaschlieAfiche 
Recht, den Ilthmilt TOÜ Darian an einem beliebigen Punkte behnfS H0I^ 

•tellimg emei intorocaaiiiseheii Xanala i« dnrohttadidn. Die eoiom- 

bische B^emng tritt 6 Meilen Landes zu beiden Seiten des Kanals, deaaeii 
Kosten anf 10 Millionen Dollars yeranschlagt sind, ab, eibalt daffir wShrend der 
ersten 10 Jahre lOpCt. des Nettoeinkommens nnd, nachdem die Koeten de« 
Kanals gedeckt sind, bis znm Ablauf des anf 100 Jahre lautenden Charters, 
25 pCt. des Beittgewinnes« Der Vertrag muTs ron den Vereinigten Staaten inner- 
halb 10 Monate ratificirt, die Vermessung vor 2 Jahren nach erfolgter fialificatioii, 
nnd der ganze Kanal Tor Ablauf von 15 Jahren vollendet sein; im andern Falle 
erlischt der Charter. Die ControUe des Kanals fallt den Vereinigten Staaten so. 
Wahrend Fdedenszeiten soll der Kanal allen Nationen offen stehen, im Falle 
eines Krieges aber den kriegführenden Mächten geschlossen sein. 

Der WeiAbaa in MiMOnri macht bedeutende Fortschritte. Es hat sich 
eine Gesellschaft gebildet, die sogenannte Blufften -Company, um anf Actien uid 
mit einem Kapitale von 150,000 Doli, ein Weinstädtchen am linken Ufer des 
Missouri zu gründen. Die Mitglieder können dort als Weinbauer und Geschäfito- 
leute sich niederlassen, oder auch zerstreut im Staate wohnen, während die Ge- 
sellschaft selbst an Ort und Stelle eine grofiie Weinbau -Musterwirthschaft er- 
richtet hat und unterhält, eine Weinbau -Zeitung heransgiebt und für eine grofse 
.Weinniederlage in St Louis gesoxgt hat. Hier sollen die Weine zur höchsten 
Vollkommenheit und dann von hier aus auf den Markt gebracht werden zu sol* 
chen Preisen, dais man die fortdauernde ungeheuere Importation dennoch nicht 
zu fürchten hat. Schon jetzt kann man dort ein Dutzend Arten ganz verachi^ 
dener Weine antreffen, wie sie das dortige Klima liefert, alle aufs Sorgfältigste 
behandelt und vortrefflich nach ihrer besonderen Weise« (Deutsche Answande- 
rungs- Zeitung aas Missouri. 15. Juni 1868.) 

Im April 1868 erschieu in Adelaide eine von Mr. W. Owen entworfene 
und von Mc Bolton in Melbourne litfaographirte Karte VOD. Süd-Austrar 
lien in der Dimension von sechs Fufs bei vier Fufs sechs Zoll und nach der 
Scala von zwölf Miles auf den Zoll. Die Städte, Fleken, Chausseen, Vicinal» 
wege, Eisenbahnen und Telegraphenlinien sind genau verzeichnet und die Gren-» 
zen der Counties durch besondere Farben angezeigt. Das Northern Territory ist 



r 



Kleinere geogfmpbische Mitlheiltingen. f 7f 

te IhlMibe ton 40 lülei saf den Zoll dargestellt, die Retnltate der dortigen 
Biplomlionett neoetten Dataina sind mit allen geographisefaen Besonderheltett 
djesor interessanten Gegend anfs sorgflUtIgste aufgenommen nnd die Kfistenlinie 
iit idiarf markirl Die ganse Arbeit maebt dem Kartographen wie dem Lifho« 
graphen alle Bhra nnd Terdient hiermit bestens empfohlen sn werden. Was wir 
iDeiii Termissen, ist die wohl mehr sofiUlge Auslassung einiger Telegraphen« 
BmeSf welche schon Tor etlichen Jahren angelegt wurden, sowie die nicht ge« 
Mbehene Andentang einer oder zweier Eisenbahnen, die in neuester Zeit in Ar* 
bdt genommen sind. — Eine andere, ebenfalls in Adelaide im Mars vorigen Jahres 
peblieirte Karte Süd-Australiens ist f\u8€iPa New Squatimff and Oweral Map of 
SoKtk AnüraHa. Selbige empfiehlt sich durch grofse Genauigkeit , sumal durch 
die besondere Auflnerksamkeit, welche den Squatting Rüim erwiesen wird. 

— ff.— 

Gold«zport aus der Colonie Victoria. Im Jahre 1868 wurden ans 

dar Colonie Victoria 1,937,760 Unzen Gold ezportirt, welche den Werth von 
514 Bfillionen Thaler repräsentiren. Im Jahre 1867 erreichte der Export die 
Höhe Ton 1,788,423 Unzen, mithin 204,338 Unzen weniger, als im Jahre 1868* 

— ff.— 



Neuere Literatur. 



Reisen in Indien und Hoehasien. Eine Darstellung der Landschaft, der Cultnr 
und Sitten der Bewohner in Verbindung mit klimatischen nnd geologischen 
Veihiltnissen. Basirt auf die Besultate der wissenschaftlichen Mission von 
Hermann, Adolph undBobert t. Scblagintweit, ausgeföhrt in den 
Jahren 1854 — 56. Von Hermann t. Schlagintwelt-SaküDlflnski« 
Bd. L Indien. Jena (Costenoble) 1869. XVm, 568 8. gr. 8. 

Zehn Jahre sind Teigangen, seitdem die beiden Ueberlebenden der drei mit 
einer wissenschaftlichen Mission nach Ostindien betrauten Brüder t. SchlagintweiC 
mit Huren reichen, fttr Geographie, Ethnographie und Naturwissenschaften gleich 
wichtigen Beobachtungen und Sammlungen nach Europa zurückgekehrt waren. 
Fttr die Publication dieses wissenschaftlichen Materials wurden neun B&nde Text 
md ein auf 120 Tafeln berechneter Atlas bestimmt, von denen bereits vier Quar- 
tuten, welche die astronomischen und magnetischen Beobachtungen, die Hypso- 
metrie, die Topographie des westlichen und nördlichen Hindostan nebst einem 
phiblogischen CHossar geographischer Namen und die erste H&lfte der meteoro- 
logischen Beobachtungsreihen, endlich 43 Tafein des Atlas in englischer Sprache 
wfer dem Titel „/2e«u/to of a Scientific Mission to India and High Asia etc." ent- 
halten, erschienen sind. Die Kostbarkeit einer so grofsartig angelegten Publication, 
welche mit ihren bis ins Minutiöseste ausgeführten Specialforschnngen doch immer 
Bor auf einen beschränkten Leserkreis zu rechnen haben dürfte, liefs es aber wfin- 
sdienswerth erscheinen, den Gang der Heise und die auf ihr gewonnenen BesnI- 

12* 



|gQ Nwera Idtemtair: 

mto im mnu ittMniolitttch«ii nad haadlicheren Form ma «riiftltML Dar 
iHiet foldMii chionologiaGh-detcriiitiTeii EeiMberiditiy welcfatr im den tafing^üfitai 
Fkn der PabUoAlioa«ii fireUich nichl mit wifge&ommMi war, Imfc neh Herwiim 
T. Sehlagintweit uitenogMi, «tne Arbeil, welche dnieh die geschickte Behendhng 
dee Stoffes, sowie durch du richtige MaTs and die Auswahl der BeobachlmgeD aish 
gewifs der allgeaseinen Anerkeunmg an erficeaen heben wird. Unähnlich Tiden 
aaderen Reiseberichten, in denen gewöhnüdi die Eriebnisse von Tag an Tag ver- 
aeichnet an werden pflegen nnd avaammengehörige Beobachtungen nicht aelien 
getrennt werden« ist hier der Stoff über grofse geographische Gebiete gruppixt md 
homogenes Material au einem Gesammtbilde sosammengesogen, eine Behnndlnni^ 
weise, welche schon deshalb geboten schien, weil die Brttder selten gemeliiina 
ihre Forschungsreisen unternahmen, sondern das Beobachtnngsterrain gleiehsaB 
unter sidi getheilt hatten. Aus diesen yerschiedenen, von rerschiedenen Himmeb» 
richtungen auf geographisch susammengehörenden Gebieten angestellten For- 
schungsreisen wurde ein für die physicalisch^geographischen YeriittlDiiaey sowie 
Ar die Ethnographie wichtiges Besum^ gewonnen. Das vorliegende Werk lietet 
nns deshalb so au sagen grofse landschaftliche, ethnographische nnd natnrwiaaen- 
schaftliche Charakterbilder, ans denen die eigentlicfaen Boutlers nur hie und da 
wie dünne Fäden henrorschimmem, alle jene „persatuU Adoentwrei'^ aber, mit 
denen Reisende so häufig auf die Phantasie der Leser speculiren, und an denen 
es unseren Reisenden gewifs auch nicht gefehlt haben wird, yoUkommen in den 
Hintergrund treten. Das Buch ist eben ein streng wissenschaftliches, in dem aber 
Alles in einer allgemein verständlichen und ansprechenden Form gegeben wird, und 
in dem Überall das ernste Streben, die an die Verfiuser gestellte wissenschaftüidie 
Aufgabe zu erfüllen, sich kund giebt« So wird uns gleich au Anfang auf der 
Ueberiandstour von Southampton nach Bombay, statt der gewöhnliehen Reme 
Über die Schiffseinrichtung und die Passagiere, eine Anzahl physicalisdier PUL- 
nomene erläutert: auf dem Mittelmeer das durch Infusorien bewirkte Meeres- 
leuchten, inünterägypten die durch Luftspiegelung hervorgerufene Sinnestäuachnng, 
wie solche in den indischen Wüsten wegen der Temperatnrschwanknngen kein 
Analogen findet Im 2. Capitel erhalten wir zunächst eine detailllrte, lebensfriadie 
Sohildemng von Bombay und seiner Bevölkerung, sowie von den kleineren Inaein 
mit ihren berühmten Tempelgrotten. Während uns bei Bombay vorangsweis^ die 
Charakteristik des Bildungsgrades der Eingebomen interessirt, verdienen bei der Be- 
sohreibung der Grottenbauwerke auf der Insel Elephanta die Bemeikungen besonders 
hervorgehoben an werden, wie diese Höhlentempel mit geschickter Benutzung der 
geologischen Structur der Felsen aus dem festen, basaltähnlichen Eruptionsgestein 
ausgearbeitet worden sind. Leider haben diese Monumente unter der mnthwilli- 
gen Zerstörungssncht der Besucher sehr gelitten. Hieran reiht sieh eine Vege- 
tationsskiaae dieser Gegenden, welche sich voraugs weise auf die verschiedenen 
Pafanen beschränkt — Zu Ende des Jahres 1854 war die Ausrüstung der Brüder 
snr Landreise beendet, welche zunächst mit der Ueberscbreitung der teirmsaen- 
förmig aufsteigenden Ghidinie nach dem als Sanitarium und Gamisonsplata wich- 
tigen Püna begann. Interessant sind hier die Beobachtungen über die nngleidie 
Vertheilung der Regenmenge in diesem Theile des D^khan. Während dieselbe 
in Pdna 25—40 Zoll nnd an den übrigen Stationen 20—30 Zoll beträgt, steigt 



EL, A. und B, Schlagiatweit: Beisen in Indien und HodiMien. lg| 



in dem nicht entfernten, auf dem Kamme der Obits geleg;enen Dorf« 
Mahabal^hTar auf 254 Zoll, hingegen in dem nur 4 Miles, gleichfalls auf dem 
des Gebirges gelegenen Malcolm-Pet anf 170 Zoll. Von hier folgten die 
der StnUse über Pnrandhir, Sattfra nacff Anapnr, dnrchkrensten das 
UmI der Ktjshna nnd Terweilten Behofs magnetischer Beobachtnngen längere 
Zeit ia Kalidghi. In BelUri, einem der Hanptorte des durch den Vertrag von 1800 
dem Nizam von Haiderabid an die Engländer abgetretenen Districts, trennte 
Adolph Yon seinen Brüdern znr Untersnchang der Diamantdistricte Ton KA« 
dapa, während diese sich in südlicher Bichtnng über Bangalür nach Madras 
umndten. Bei der Beschreibung dieser Stadt wird anch des gemeinschaftlichen, 
periodischen Aoflenchtens der Lampyrideen, gefolgt von einer ebenfalls gemein- 
sefaaftitehen Unterbrechnng des Lenchtens, gedacht, ein Phaenomen, welches lange 
aagesweifelt, aber durch neuere Beobachtnngen in den Sumpfiiiederungen des Ira- 
vaddi-Deita vollkommen bestätigt worden ist — Anfang Mars 1855 schifften sich 
die Reisenden nach Calcntta ein ; die Beschreibung der Reise im Gangesthal folgt 
jedoch erst in späteren Abschnitten, während sunächst zur VenroUständigung 
des Gesammtbildes des D€khan die Reisen in der Halbinsel sich anreihen. Nach 
einem Ezcnrse über die geologischen Verhältnisse des D€khan, in welchem das 
charakteristische Auftreten der Trappformation, sowie der Diamanten eingehend 
erörtert wird, führt uns das 4. Capitel in die östlichen Gebiete Central - Indiens, 
dvrch B^ndelkhind und die Gondväna-Plateaux , welche im Winter 1855|56 Ton 
Adolph and Robert, nach ihrer Rückkehr aus Tibet und den südlichen Theilen 
des Himalaya, besucht wurden, zuerst bis S&gar gemeinsam, dann getrennt, indem 
Robert über NSrsinghpur im Narbädathale nach J&blpur, dann durch die Gebirge- 
legionen des Gonds oder Sohigpur und Rüna nach Allahab£d zog. Besonderes 
Imeiesse gewährt auf dieser Tour seine Beschreibung der noch von wenig Rei- 
seaden besuchten Plateaux-Gebirge von Malva, der Hauptwasserscheide für Central* 
bdlen; nur unter grofsen Schwierigkeiten gelang es ihm, sich einen Weg durch 
die Wildnisse zu bahnen, wo überdies die Ungastlichkeit der Gebirgsstämme, der 
G<nids, Kols und Bhils, die äufserste Vorsicht erheischte, und den heiligen Qnell- 
teiefa des NlSrbAdy, Panch-Kund genannt, zu erreichen. Adolph hatte unterdessen 
dueh Mdlra nnd Berir seinen Weg in südlicher Richtung nach dem Godtfreri-Deha 
sa der westliehen Küste des bengalischen Meerbusens genommen und auf diesem 
die durch ihre GrÖfse und ihren Handelsrerkehr wichtige Stadt N6gpur besucht, 
welche mit ihrem Gebiete als die eigentliche Kornkammer für D4khan angesehen 
werden kann; jedenfalls würde Central-Indien im Stande sein, weit gröfsere Massen 
Ton Getreide zn produciren, wenn nicht die Baumwollencultur gegenwärtig so 
grefse Landstrecken in Anspruch nehmen würde. Ueber das an der Spitze des 
Godlkveri-Delta gelegene Rajamandri gelangte der Reisende znr Meeresküste, wo 
er si^ bei dem im Anfblflhen begriffenen Hafen Kokonäda nach Madras ein- 
s^fito. Von hier braeh derselbe Ende Februar 1856 auf, g^ng über Pondish^rrl 
nd die Anslänfer des östUohen Ghäts nach den ihrer Tempelbanten wegen be- 
lihmten Inseln Seringbam nnd Kaveri nnd der Stadt Trichindpoli, richtiger ge- 
s^iiebea TrichinapÜM. Die Nilgiris, über deren Charakter und Bewohner wir 
Mtr so manches Nene erfhhren, haben in neuerer Zeit durch die auf ihren Höhen 
geiegeneB Sanitarien für die Europäer eine besondere Wichtigkeit erhalten. Die 



182 Neuere 

drei wichtigsten dieser Stationen sind: Uta-Kamiad 7490 FoTs hoch, Koteq^^rri 
6100 Fofs und Wellington bei dem Dorfe JakattflU, 5860 FuHb hoch gelegelk; 
ftUfser diesen sind noch Sirlu 3500 Fofs, Jakuniri 5000 Fnfs und Kanür 5360 Fofii 
hoch für die Anlage von Saflitarien in Vorschlag gebracht MeteorologiadKe «ad 
geologische Bemerkungen über Ceylon, welches Robert und Hennann in äma 
letsten Jahre ihrer Reise besuchten, bilden den 8chlu(s dieses Abschnittes. 

Nachdem mit diesen Ezcnrsionen die Beschreibung der eigentlichen vorder^ 
indischen Halbinsel ihren Abschlufs gefanden hat, wendet sich der Verf. der 
Präsidentschaft Bengalen su, wohin sich ja bereits im Frül^ahr 1855 die Brfider 
Ton Idadras aus gewendet hatten. Hier bot Calcutte zunächst viel Anziehendes, 
und werden hier so manche Punkte berührt, welche, wenn auch eigenüich nur die 
persönlichen Verhältnisse der Reisenden betreffend, doch auch von allgemeinerem 
Interesse sind. Recht geeignet war es auch, hier auf die Eigenthümlichkeit der 
Transportmittel in Indien, die Reisen auf dem Elephanten und im Pälki (PaUnkin) 
näher einzugehen, indem dadurch so manche sonst unvermeidlichen Wiederholungen 
▼ermieden worden sind. Es folgen nun zunächst Hermann's Bootfahrten durch das 
von dem weitverzweigten Flufsnetz des Ganges bewässerte Ost-Bengalen, deren 
Fortsetzung östiich nach Assim hin einem späteren Abschnitt vorbehalten bleibt» 
während hier zunächst der Besuch der westlichen Theile der Präsidentschaft folgt, 
der uns eine reiche Belehrung über den landschaftlichen Charakter, sowie 
über die Cnltur des Indigo, Opium und Hanf liefert. Besonders möchten wir 
speciell auf die Erosionstheorie und Deltabildung aufinerksam machen, deren 
EntWickelung, hier speciell auf die grofsen indischen Flüsse angewendet, beige- 
bracht wird. Ebenso aber, wie alle Momente hervorgehoben werden, aus welchen 
ein Gesammtbild für die phjsicalische Geographie Bengalens und Hindostäns au 
gewinnen ist, erhalten wir auch in den Schilderungen der Städte Patna, Benlures, 
AUahabad, Lakhnäu, Agra, Ddlhi und der Militärstation Sahiranpur eine Charakteri- 
stik der Bewohner. Der Verf. sagt: »Das Bild von Hindostän in seinen Städten 
und Monumenten zeigt sich bestimmter als in jedem andern Theile Indiens als 
das Resultat der sich bekämpfenden Culturstufen der EUndüs und der Mussalmans. 
Europäischer Einflufs macht sich hier fast nirgends noch fühlbar; der Umstand, 
dafs das Hindostini als die vorherrschende Sprache des Landes hier uberaU sieh 
erhalten hat, hat darauf wohl ebenfalls bedeutenden Einflufs.* Nicht unerwähnt 
lassen möchten wir hier auch die historischen Notizen über den Bau des 310 Miles 
langen Gangescanal, dessen gegenwärtigen Zustand und hydrographische Ver- 
hältnisse, welchen derselbe seine Entstehung verdankt; Notizen, die, wie wir 
glauben, in keinem deutschen Werke bis jetzt so vollständig gesammelt sind. 

Cap. Vni. enthält die Touren durch das Paigib, welches in der Boden- 
beschaffenheit seines südöstiichen Theiles sich nicht wesenüich von Hindostin 
unterscheidet, während gegen Westen die Trockenheit der Luft sowie des Bodena 
annimmt. Das Klima nimmt zugleich einen mehr extremen Charakter an, mit 
grölserer Kälte im Winter, aber auch bedeutend gröfseier Hitae im Sommer. 
Wohl bebaute Uferländer mit wechsehider Breite ihrer ertragsfähigen Strecken, 
auch dicht bewohnt auf diesen Strecken, aber unter sich meist durch Sendet^ 
pen getrennt, die gegen Süden zu ausgedehnten Sand- und Felsenwüsten werden, 
dazu die einige Wochen nach dem Beginn der heilsen Jahresaeit beginnenden 



H^ A. und B. Schlagintweit: R«lf«a in Indien und Hochasien. f B3 
Sttwlwtarai«» das sind die landschaftlichen Eigenthümlichkeiten des westlichen 



Mit der Untennehang des nördlichen nnd westlichen Theiles dieses Landes 
war Adolph betrani, der sich in Raolpindi, leider anf Nimmenriedersehen, von 
aeinen Bridem trennte. Eine Znsammenknnft Sir John Lawrence's mit Dost 
Mohammad, dem Emir von Kabnl, anf der Ebene zwischen Peshaner nnd dem 
Khüberpafs gew&hrte durch den Zosammenflufs der verschiedenen Nationalitäten 
«in reiches Material för die ethnographischen Samminngen, wahrend fBr die Geo- 
logie ein Besuch des Salzgebirges, welches sich von den südöstlichen Ausläufern 
des Hindnküsh bis an den Jhflunflufs hinsieht, von grofsem Interesse war. 
In diesem Gebirge lagern colossale Mengen von Steinsalz in gröfster Reinheit; 
in dem westliehen Theile tritt es in so grofsen Flächen zu Tage, dafs gerade 
längs des Laufes des Indus ganze Wände und Wälle von Salz sich zeigen. — 
Hennann zog von Raulpfndi über den Jhflunflufs durch das Jech- nnd B^chna- 
duäb nach Lah<$r, welche Stadt mit der grofsen Zahl ihrer monumentalen Ge- 
bäude ans der Zeit des Islams einen gewifs noch vortheilhafteren Eindruck her- 
vorrufen wurde, wenn dieselben nicht von den Sikhs arg beschädigt worden wären. 
Bangit Singh war es, der von hier eine grofse Menge Schätze nach Amrftsar, 
der nenen Hauptstadt des Sikhsreiches, schaffen liefs, welche im J. 1864 bereits 
1^0,000 Einwohner zählte und nicht nur der gröfste Markt des P^njäb, sondern 
aach eine der ersten Handelsstiidte Ober- Indiens geworden ist. Den sndwest- 
lidien Thetl des Pinj&b endlich, sowie die Provinzen Sindh, KSch und Gijr&t 
durchwanderte Robert Diese drei Provinzen sind der ungünstigen Bodenverhält- 
nisse die am wenigst dicht bevölkerten der ganzen indischen Halbinsel, indem 
hier anf die deutsche Q Meile nur 700 Einwohner kommen, auf der indischen 
Halbinsel hingegen 2636 E. Nach statistischen Erhebungen zählt Sindh auf einer 
Oberfläche von 54,403 QMUes.nur eine Bevölkerung von 1,795,594 Seelen. 
Ueber die klimatologischen Verhältnisse der Indusländer war es möglich, ausführ- 
liche Beobachtungsreihen von 25 dem P^igab und von 15 zum grofsen Theil be- 
reits der Tropenzone angehörenden Stationen zu geben; und aus diesen hat der 
Verf. uns ein höchst anschauliches Bild der Temperaturverhältnisse nnd ihrer Ur- 
sadien f&r die oberen nnd unteren Indnsländer entworfen. 

In den beiden letzten Abschnitten dieses Bandes werden wir in die östlichen 
Theile Vorderindiens versetzt, in das auf beiden Seiten des Brahmaputra sich 
ausdehnende Assäm, ein Gebiet von geringer Verschiedenheit in seiner Terrain- 
gestaltang, in dem Hermann den Winter 1855/56 zubrachte. Von Gohätti, der 
Ehnptstadt dieser Provinz, wurden verschiedene Jagdexcursionen untemommen» 
sodann eine Tour nach dem am Fufse des Himälaya gelegenen Üdelgür und nach 
T^nr, dem Sitz der indischen Oivilbehörde über den District Däriing. Dorthin 
war hn J. 1824 durch die Bemühungen Bobert Bmce's der im Gebiet der Sing- 
phos wildwachsende Theestrauch verpflanzt worden, und hat seitdem die Cnltnr 
dieser Pflanze die erfreulichsten Fortschritte gemacht. Von T^pur unternahm 
der Verf. anf einem Dampfer eine Flufsfahrt stromaufwärts, welche trotz ihrer 
Langsamkeit, da mit dem Einbruch der Nacht jedesmal geankert werden mufste, 
f&r die Einziehung von Erkundigungen und Beobachtungen am Flufsnfer sich als 
höchst forderlich erwies. Bis Dibrughir dehnte sich diese Flufsreise aus, welche 



]84 H«Mf« Litontv: 

TOD da rückwärts in fleidber Weis« «mgeAlin wurde. Ak Fhickt dieser Beiae 
erhalten wir ninSchet eine detaiUirte Beichreibnng der hydrogrephifchen Veriiil^ 
niste dtB mittleren Brahmaputra sowie des oberen Ir&vadi, dann eine Zosaaunen- 
iteUnng der klimatischen YerhiltDisse Assams nnd schliefslich die Uaterviiehui* 
gen fiber die Bewohner dieses Landes, welche sn •}• der Berölkernng SMia Hindna 
bestehen, nnd die sich bis jetst jedem Einflols des Islams verschlMsen haben» 
Bei dieser Gelegenheit giebt Emil von ScUsgintweit eine recht durchdachte Ent- 
Wickelung ftber die Entstehung der indischen Kasten, £nr welche, weaigstens in 
Besug anf die sweite Einwanderung arischer Stämme, die Traditionen in den liei» 
ligen Büchern der Inder, vornehmlich das Gesetzbuch des Mann, einen festen 
Anhalt bieten. — Eine Beise in das Khasaiagebiet, welches einen Theil jener 
Gebifgsländer bildet, die sich in ununterbrochener Reihe in einer Lange Toa 
500 nnd einer durchschnittlichen Breite von 55 Miles dem Brahniap6tratliale ent- 
lang siehen, bildet den SchlnCi dieses Bandes. Plateanxbildungen, welche meisl 
bM einer Höhe tou 4 — 5000 FuTs ansteigen und steil zum Flachlande abfallen» 
sind im Khissiagehirge Torherrschend, welches längs des indischen Randes ans 
Sandsteinformationen mit tertiären Kohlenlagern besteht, gegen Assäm hin aber 
aus mächtigen Granitmassen. Als höchste gemessene Gipfel werden der M^Mt 
6694, der Chillongpeak 6662 und der Sararfm 5909 Fn£s beseichnet. Die Menge der 
Niederschläge, welche zur Regenzeit von der Mitte Mai bis Ende Augnst längs 
des sädlichen Randes jedes Jahr fallt, dürfte wohl als einzig dastehend anf der 
ganzen Oberfläche der Erde erscheinen, indem dieselbe nach mehxjährigen sa 
Ch^rra Pünji angestellten Beobachtungen 600—620 Zoll betriigt, also c. 346 Zoll 
mehr als zu Mahabal^var im D^khan. Vom Rande gegen das Innere nimmt die 
Regenmenge sehr rasch ab, eben deshalb, weil die Luft bei der ersten Berfihruag 
mit dem steilen Khassia-Rande bereits so viel yon ihrer Feuchtigkeit verliert. 
Die Regenmenge sinkt bald auf 200, in der Nähe Ton Assim auf 150 Zoll. Eth- 
nographische Schilderungen der Khassias und Nägas, letztere ein wilder Stamm 
in den nordöstlichen Theilen der Gebirgsgegenden, endlich der die Vorberge des 
Himalaja bewohnenden aboriginen Stämme, welche sämmtlich auf einer mehr 
oder minder niedrigen Entwickelungsstufe der Cultur stehen, wie solche in den 
religiösen auf Fetischdienst und Ezorcismen beruhenden Begriffen, sowie in dem 
Mangel an festen Banden im Familienleben am schroffsten hervortritt, bilden den 
Schlafs des Bandes. Zur Veranschanlichung sind eine Anzahl Tafeln mit etfano* 
graphischen Charaktergruppen, landschaftlichen Bildern und Abbildungen mona- 
mentaler Bauwerke beigefügt; im Text freilich wird häufig auf die Tafehi des 
grolsen Atlas, welcher einen integrirenden Theil der englischen AuBgßbe der 
nResuUs' bildet, der aber den wenigsten Lesern aus den oben erwähnten Grün- 
den zugänglich sein dürfte, hingewiesen. Es wäre deshalb im allgemeinen In- 
teresse wünschenswerth, wenn der zweite Band, welcher die Reisen in Hochasien 
umfassen wird, in Bezug anf Illustrationen etwas reichlicher bedacht würde. 

— r. 



Q. StQder: Ueber £u und Schnee. 135 

G. Stnder» Ueber Eib und Schnee. Die höchsten Gipfel der Schweiz nnd 
die Geschichte ihrer Besteigung. 1. Abthl. Bemer Alpen. Bern (Dalp) 
1869. 300 S. 8. 

DfM Streben» die höchsten Gipfel der Alpen zu erklimmen, sei es im Inter- 
der Wissenschaft, sei es, wie es so häufig der Fall ist, aus Sucht, durch ge- 
fihrroUe Unternehmungen und durch das Bewnfstsein, der Srste gewesen zu sein,, 
der von einer fast unerstei^^chen Höhe einen Blick in die grofsartige Alpenwelt 
gethan hat, zu Jansen, hat in den letzten Decennien eine Reihe mehr oder min- 
dsr gififtklich geführter Besteigungen yeranlafst, deren Resultate theils in besonders 
enchienenen Monographien, theils in den Schriften der verschiedenen Alpenver«- 
dne oder in Zeitschriften yeröffenUicht worden sind. Es war daher gewifs eine 
ganz glückliche Idee, dalJB ein mit den Verhältnissen der Alpenwelt vertrauter 
Mann eine Zusammenstellung der wichtigsten dieser Unternehmungen veranstaltete» 
Die Hanptspitzen der Bemer Alpen sind es, mit welchen wir in dieser 1. Ab« 
theilnng bekannt gemacht werden, und die genauen hypsometrischen Angaben^ 
die reichhaltige Literatur, vorzugsweise aber die 77 Seiten lange Einleitung, in 
welcher der Verf. ein neues System für die Gruppirung der Schweizer Alpen 
entwirft, sichern dem Buche eine würdige Stelle in der wissenschaftlichen Lite- 
ntar aber diese Gebirgsketten. Für die Eintheilnng unserer älteren Geographen, 
«ie der Verf. in der Einleitung sagt, in gnüische, penninische, lepontische und 
ihätische Alpen, wurden durch Ebel die Bezeichnungen: AJpes summae, Alpß» pttht^' 
niaat (vom Col de Bonhomme über den Montblanc, den Gr. St Bernhard, den 
Combin und Mont Cervin bis zum Monte Rosa), Ä^es Lq^ontitte, auch Aduhe 
(die Strecke vom Monte Rosa über das Gotthardsgebirge bis zum Moschel- 
hozn nnd Bemhardin), Alpes rheticae (vom Bemhardin durch Graubündten und 
Tyrol bia zum Dreihermspitz an der Grenze von Salzburg und Kämthen und 
südlicher bis zum Monte Fellegrino) in Vorschlag gebracht Ebels unbestimmte 
imd willkührHche Eiotheilung konnte aber weder in geographischer noch in po- 
litischer Hinsicht den Forderungen der Zeit genügen, noch entsprach sie den 
Inlseren physiognomischen und orographischen Verhältnissen der Alpen. Meyer 
' TOD Knonau sonderte die Schweizeralpen in drei hinter einander liegende Ketten 
ab, eine Sonderung, welche nicht consequent und scharf durchgeführt werden 
kann. Stnder gruppirt nach geologisch hervortretenden Centralmassen, indem er 
eine Mittelzone annimmt, welche das Gebiet der centralen Gneismassen nnd der sie 
umschlieraenJen Schiefer umfafst, nnd zwei sie begleitende Nebenzonen neptnni- 
■cher Gieateine, nnd Desor hat, dieses System auf die ganze europäische Alpen- 
kette anwendend, 38 abgesonderte kxystallinische Centralmassen aufgestellt Eino 
10 grofse Berechtigung nun auch dieses auf Creologie basirte System haben mag,. 
•0 genügt dasselbe doch weder den durch die Natur selbst gegebenen Abgrenzun- 
gen, noch der populären Anschauungsweise, ebensowenig wie die Vermittelung des 
geologischen mit dem geographischen Element, wie solche von Berlepsch versncht 
ist Der Verf. nun sucht die von der Natur selbst vorgezeichneten Abgrenzungs- 
merkmale, welche theils in den einzelnen hervorragenden centralen Massenerhe- 
bongen mit ihren Ansläufem, theils in den orographischen Verbindungen und 
Uaterbnchiingea des Alpenreliefs durch Wasserscheiden und Thaleinschnitte zn 



|g0 Sitrangibericlit der Berliner geogn^hiichea Gegfllechaft. 



fluchen sind, all Basi« ftr eine Ginppeneintheilnng hinsnsteUen, Rhone, Teerin 
nnd Rhein bilden die Abgrensnngen der drei Omppen» welche der VerL nie 
Nordalpen, Sfidalpen nnd Oil- oder Bhatische Alpen beseichnet Da es aber 
sn weit führen wurde » hier diesen anf Autopsie nnd grfindlichem Stndinm der 
treffHchen chartographisehen Anfnahmen nnd Uteraiischen H&lfsmittel badrenden 
Untersuchungen sn folgen, so mag es genfigen, die geographische Gruppimng der 
Schweizeralpen, wie solche auf 8. 67 übersichtlich zusammengestellt ist, wieder- 
sugeben. Den Nordalpen wird das Gebiet zwischen Rhone, Rhein und der 
oberen Schweis angewiesen; sie zerfallen in die Einzelgmppen: Bemeralpen, Tom 
Dent de Mordes bis zur Ghrimsel; Umeralpen, von der Grimsel bis zum UriroÖi- 
stock; Olameralpen, rom Reussdurchbruch bei Andermatt bis zum Calanda; Slntia- 
gruppe. — Zwischen Rhone, Tessin und der piemontesischen Ebene, der Dora 
Baltea und Savoyen liegen die Sfidalpen, ffir welche folgende Einzelgruppen 
bestimmt werden: SaToyeralpen, Ton den Deuts d'Oche bis zum Col de Ferrex; 
Walliseralpen, Tom Col de Ferrex bis zum St Giacomopafs ; Tessineralpen, Tom 
St Giacomopaft bis zum Flzzo dell* Domo bei Bellinzona. Das Gebiet der 
Rhätischen Alpen liegt zwischen dem Tessin, Lago Maggiore, der lombaidi- 
schen Ebene, dem Comersee, dem VeltUn, dem Trafoithal, dem Etschthal bis rar 
Rechenscheidegg, dem Inn von fi^astermfinz bis nach Landeck hinaus, dem Fas- 
nauner- und Montafuthal, dem Rhein stromaufw&rts bis zur Oberalp, dem Unem- 
thal, dem obersten Theil des Rhonethaies und dem Eginenthal. Diese Hanptgmppe 
zerfällt in folgende Einzelgmppen : Adulagebiige, von Nufenen bis anf den Monte 
Generöse; die Albulagruppe, rom Splfigen bis zur Einsattlung des Val Torta; 
die Silvrettagruppe, vom F^knis bis zum Sattelkopf bei Landeck; der Bemina, 
vom P. di Prata bei Chiavenna bis zum P. Lat bei Nauders. Ob diese Tom 
Verf. versuchte Gmppirung sich in unsere geographischen Lehrbücher einbfirgwn 
wird, müssen wir der Zukunft überlassen, hoffen aber, dafs diesem neuen System 
die gebührende Anerkennung nicht versagt werden wird. — r. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

vom 6. Februar 1869.. 

Nach üeberreichung der Geschenke durch den Vorsitzenden, Herrn Bastian, 
hielt Herr Dümichen einen Vortrag über die von ihm in Ober-Aegypten atu- 
geführten photographischen Anfnahmen. Dieselben waren theüs im Serapeum auf 
dem Pyramidenfelde von Sakkira, theils im Tempel von Denderah, im Tnnpel 
von Kainak , im Tempel von MedYnet Habu u. a. Orten — im Ganzen einige 
siebzig — gemacht worden* Der Reisende legte eine grofse Anzahl der* 
selben vor, darunter auch solche, welche in unterirdischen R&nmen mit Hülfe 
Bfagnesinm- Lichtes hergeetelH worden waren. Von den um das Serapum heram- 
liegenden Gr&bem, die bald in Freibanten, bald in Felskammem bestehen, sind 
viele wohl eriialten; doch verdienen sie eher den Namen von Grabkiqpellen als 



flümigibarieht d«r BmUii« geogmpliisöhea OeeeUtehaft. 187 

«n Gittern, dm il« nicht die BMtimmnng hatten, den Todten selbst aufsnnehmen, 
dir viefanehr in efaMm Sehncht in der NKhe Tersteokt zu sein pflegt. Der Vor- 
taagende eigrilT die Gelegenheit, seine Ansichten fiber den Thierdienst der alten 
Aegypter in entwickeln. Br eridart denselben flir einen sinnbildlichen, da den 
Aegjptani der Begriff Gottes nicht fremd gewesen sei. 

Herr Ascherson machte Mittheilnngen ans einem kürslich eingelanfenen 
Briefe des Beisenden Dr. Schweinfnrth. Derselbe beabsichtigte am 1. Januar 
d. J. Xharlim zn Terlassen nnd nnter dem Schatze eines reichen koptischen 
Kanfinaanee, mit dem er einen Vertrag abgeschlossen hat, den Weifsen Nil bis 
FMchoda, etwas nnterhalb der Sobitmfindnng, hinaufzufahren. Von da will der 
Beisende mit Hilfe von Trigem 80 deutsche Meilen weiter bis zur Maschera el Bek 
gehen, um hier, wo drei Hütten fBr ihn erbaut werden, Garten- nnd Ackerbau 
tu treiben, zu welchem Zweck er sich mit den nöthigen S&mereien versehen hat. 
Die NilbariLe kostet allein 7000 Piaster an Miethe, die Träger erhalten 5000 Piaster 
nnd andere 5000 Piaster smd fOr die drei Hütten erforderlich. 

BSernnf sprach Herr Zenker, anknüpfend an einen früheren Vortrag, über 
den Sneskanal. Br beschrieb den Hafen von Port- Said, dessen Molen des seichten 
Seegmndes halber eirca 8500 Meter weit in das Meer hinausgebaut werden mufsten. 
Die dani verwandten Steinblöcke sind künstlich ans Sand und Kalk hergestellt, 
heben eine genügende B&rt» nnd ein Gewicht von je 400 Gtr. Sie sind unregel- 
maiaig über einander geworfen, indem man sie von dem Deck eines Bootes auf 
einer sehiefen Ebene hinabgleiten liefe. Die Molen des Hafens von Suez sind 
dagegen ans Kalkgestein erbaut. Eine Strömung wird in dem Canal nicht statt- 
finden, da der Niveannnterschied der beiden Meere nur 6 Zoll und nicht, wie 
■an früher meinte, 30 Fnfs beträgt. Auch die Bewegungen der Ebbe nnd Flnth 
werden ans dem Bothen Meere nur bis zu den Bitterseen vordringen, Seen von 
drei deutschen Qnadratmeilen Oberflüche, welche in den grofsen Vertiefungen 
der Landenge bei dem Eindringen des Meerwissers entstehen werden. Obwohl 
der Verkehr durch den Snezcanal nur mit Dampfschiffen stattfinden kann, so ist 
der letatere doch für die kostbareren Waaren Ostasiens der vortheiihaftere Weg 
nnd daher für den europäischen Handel von der gröfsten Wichtigkeit Die meisten 
dieser Artikel werden dann auch per Eisenbahn über die Alpen zu importiren 
sein nnd wird namentlich der Weg fiber Venedig und die Brennerbahn Wichtig- 
keit eriaagen. ' Den norddeutschen Häfen würde die ägyptische BanmwoUe eine 
vortfieilhafke Bückfracht gegen westphälische oder en^sche Kohle bieten. 

Herr Jagor hielt einen Vortrag über die Insel Luzon. Diese Insel besteht aus 
von N. nach S. nnd einem von W. nach O. gerichteten Stück; beide Theile 
in der Nähe von Manfla, zn beiden Seiten des Binnensees, nur durch' zwei 
sdunsde Laadstreifen zusammen. Das südliche westöstlich streichende Stück wird 
in seiner Mitte durch zwei tiefe Buchten fast in zwei Hälften getheüt, deren öst- 
liehe von den Bicol bewohnt wird, einem Volksstamme, der sich durch seine 
Sprache nnd manche andere Merkmale sowohl von den westlich angrenzenden 
Tagnlen als von den Bisayem unterscheidet, welche letztere die östlichen Inseln 
bewohnen. In der Mitte des Bicollandes erhebt sich auf breiter Basis der Isaro, 
ein über 6000 Fnik hoher erioschener Vulkan, dessen dicht bewaldete Abhänge 
fon einer interessaaten Bevölkemng bewohnt werden, die von den Eingeborenen 



18$ Stomifsbttiehl des BeiüMr gMcn^biieheii O ai H l l i Blwft , 

d« £bea« mirsbr&iicfaUeli Cimammwi, Bemontedog oder l0ori9t«B gtoMiiit, «1» 
ein Best der alten Bicol betnushtet werden mfiaien, wekhe aioli der e p e ai i ifh iai 
Herrschaft noch nicht onterworfen haben. Der Vortragende edlaftorte feiaer die 
orographischen nnd hydrographischen VerhältoiMe des Itarogebietea , verscheb 
aber die Vollendung seiner Scfaildenmg der Torgeriiekten Zeit wegen anf «M 
spätere Sitavng. 

An Geschenken gingen ein: 

1) StatiMtica del regno <ritaUa, IVaitura tklia 9€la^ anno 1866. VSrenxe 
1868. — 2) StatUtica <kl regno ctltaHa. Le opere pU ml 1861. Fiienee 1868. 

— 3) Statiatica del regno tPItaUa, ElexiüM politiche s amMtnittrattve. Ami 
1865. 66. Firenze 1867. — 4) Statiatica M ragnö tTItaHa, Caaae di ruponmo. 
Anno 1864. Firenxe 1867. — 5) Norgea OffieUU StoHatik udgwen i Aarat 
1868. C. 1. ReauUaten af Folketaellingm i Norga i Januar 1866. C. 3. Ja« 
haller vedkommende Norgea Handel og Skihafart i A. 1866. C 4. ßereinmg om 
Sundhedatillatandm etc. t. A, 1866. C. 8. DrifiaberatUng far Norgea offmtUga 
Jambaner fot A. 1867. D. 1. Oüeraigt wer Kongeriget Norgaa Indta^ter og 
üdgißer i A. 1866. K 2. Den Norake Brwpoet Statiatik for A. 1866. Christia- 
nia. — 6) Meteorologiake Jagttagelaer paa CkriMtiama Obaervatorivm, 1867. 
Christiania 1868. — 7) Norak Meteorologiak Aarbog for 1867. Christiama 1868. 

— 8) Statistische Nachrichten von den Prenfs. Eisenbahnen. Bearb. von den 
technischen Eisenbahn -Bnrean des Ministeriums. Bd. XV. Berlin 1868. — 
9)^ Hirsch et Plantamonr, Nivellement de pricUion da la Suiaee. 2* livr. Ge- 
n^ve et Bftle 1868. — 10) Kon er, Ueber die neuesten Entdeckungen in Afrika. 
Berlin 1869. — 11} Proceedinga ofHuRoy. Geogr. Soc. Vol. XH. No. V. Lon- 
don 1868. — 12)Petermann'sMittheilnngen. 1869. Heft 1. und Erginnings- 
heft No. 25. Gotha. — 13) Bulletin de la SocUt^ de Geographie, 1868. Ocfeo- 
bre. Paris. — 14) Revue maritime et coluniale, 1869. Janrier. Paris. — 15) Gaes. 
Natur und Leben. Jahrg. IV. Heft 10. 1868. Jahrg. V. Heft 1. 1869. Cöhi. 

— 16) Notizblatt des Vereins für Erdkunde zu Dannstadt. 3. Folge. Heft VI 
Dannstadt 1867. — 17) PubbUeazioni del cireolo geografico itaUano. Fase. 1. 
Torino 1868. — 18) Mimoirea de la Soditi dea adeneea ph/eiquee et natureliea 
de Bordeaux, Vol. V. Bordeaux 1867. — 19) Jahrbuch der K. K. geolog. 
Beichsanstalt 1868. No. 4. Wien. ~ 20) Mittheilungen der K. K. geogr^ihi- 
sehen Gesellschaft in Wien. 1869. No. 2. Wien. — 21) Zeitschrift der östei^ 
reichischen GeseUsohaft für Meteorologie. Bd. UL No. 21 — 24. Wien 1868. 
--. 22) Preufsisches Handelsarchiy. 1868. No. 51. 52. 1869. No. 1-.3. Berlin. 

— 23) Piano topograpkico de la dudad de Buenoa Airea y de todo aa Mwneipio, 
levantada por DepartametUo topogrqfico 1867, conatruido per C. Glade. M. 1 : 8000. 

— 24) PUn Ton Yeddo. (Japanisch.) 



189 



Neunter Bericht der Carl Ritter -Stiftung. 



Nachdem sich das Capital der Carl Ritter -Stiftcmg in erfreulicher Weiae 
«mrait Termehrt hat, dala es möglich geworden ist, ans den Zinsen derselben eine 
Jahrli<Ae Beiseontentutsang yon 400Thlm. zu gewähren, wurden auf Antrag 
des Vorstandes der Stiftung und nach eingeholter Znstinunnng der Gesellschaft 
ISr Erdkunde dem mit den Mitteln der Humboldt -Stiftung diesmal ausgerüsteten 
Botaniker, Herrn Dr. Schweinfurth , die Summe von 365 Thlm. zur Förderung 
semer 'wissenschaftlichen Zwecke übergeben. Dr. Schweinfurth, welcher bereits 
auf seiner ersten Heise längs den Küsten des Rothen Meeres und durch die 
abTaeinischen Orenzländer bis nach Chartüm eine kleine Beisteuer aus unserer 
Stiftung erhalten hatte, gedenkt diesmal den Schanplati seiner Thätigkeit nach 
den südlich vom Bahr-el-Qhasil gelegenen, fast noch unbekannten Gegenden 
-xn Terlegen, wo midiin demselben die doppelte Aufgabe zufallen wird, in gleicher 
yreise ffir geographische wie für naturwissenschaftliche Forschungen seine Thätig- 
keit SU entfallen. Wohl bewufst ist sich Dr. Schweinfurth der grofsen Gefahren, 
weiche in dem Sumpfregionen des Ghazellen- Flusses seiner warten — waren 
doeh unser Landsmann Steudner und in neuester Zeit der Franzose Le Saint 
^ort dem Fieber erlegen — , aber seine früher erworbenen Kenntnisse der afri- 
kanischen Verhältnisse, seine Besonnenheit und sein persönlicher Muth dürften 
ihn Tielleicht glücklich jene Gefahren, welche ihm durch Klima und Fdndselig* 
kdt der Einwohner drohen, überwinden lassen. Hoffen wir, dafs die Eingebo- 
renen jener Gegenden, welche leider den Weifsen fast nur in seiner gehässigen 
Beschältignng als Sklarenjäger kennen ra lernen Gelegenheit haben, dem fried- 
lich BeiBenden keinen Hafs entgegen tragen, und daüs es ihm gelingt, den In- 
irignen solcher Europäer zu entrinnen, welche ihre unehrenhafte Thätigkeit als 
Jfensehenhändler in den Nimbus geographischer Forschungen einzuhüllen pflegen. 
Unter günstigen Anspielen ist bereits die Reise eröffnet, und wohl darf die freund« 
lidie Aufnahme und Förderung seiner Zwecke durch den Viceköniglichen General- 
-Gonyemeur des Sudan, Dschiaffer Pascha, auch einen ferneren günstigen Fort- 
gang des Unternehmens hoffen lassen. 

Als Act der Dankbarkeit für die treuen Dienste, welche dem Herrn Gerhard 
Rohlfs sein marokkanischer Diener Hamed geleistet hatte, wurde der Wittwe des 
inzwischen verstorbenen Dieners eine Unterstützung von 34 Thlm. und .5 Sgr» 
•aus den Zinsen unserer Stiftung gewährt, welche Summe dem englischen Consul 
SU Tanger zur Weiterbeforderung zugesandt worden ist. 

Endlich gedenken wir noch dankbar eines Legats von 500 Thlm. , welches 
der Cari Ritter -Stiftung durch den verstorbenen Commerz- und Admiralitäts- 
Rath Herrn Abegg testamentarisch im Laufe des Jahres 18S8 zugeflossen ist 

W. Koii^r. 



let 



Recbniiiig ftber di« Riiwahmen der Cari lUtter-Stiftaiig. 



Rechnung 

über die Einnahmen und AoBgaben der Carl Ritter-Stütang 

für das Jahr 1868. 



EiiBahMeB, 




Baar 



I. Bestand. 

Staatsschnldscheine mit Zinsen Tom 1. Januar 1868 ab . . 
Staatsanleihe von 1856 mit Zinsen rom 1. Janvar 1868 ab 



2te 



1857 . 
1859 . 
1864 - 
1867 D. 



Oetober 1867 - 



1000 

2300 

700 

4000 

500 

400 



rasammen 



8900 



73 



IL Beiträge inr Stiftung. 

Von den in dem beigefügten Verzeiehnisse 

genannten Personen • 101iBKc20J^ 

Legat des verstorbenen Commerz- und Ad- 

miralit&ts-Raths Abegg . . . . . 500 « — - 



snsammen 



601 



m. Angekaufte Effecten. 
Staatsanleihe tou 1868 B. mit Zinsen vom 1. Oetober 1868 ab 



700 



IV. Zinsen von den Effecten. 



Von 1000 Sai^ Staatsschuldscbeinen li 

dipCt. für das Jahr 1868 . . . 35iB9k— J^ 
Von 2300 iOS&c Staatsanleihe von 1856 k 

44 pCt. für das Jahr 1868 . . .103 
Von 700 SOA^ Staatsanleihe von 1857 

^ 4i pCt. für das Jahr vom 1. Oet. 

1867—1868 31 

Von 4:0OOSaU 2te Staatsanleihe von 1859 

a ^i pCt. für das Jahr vom 1. Oct. 

1867—1868 180 

Von 500,^3%«; Staatsanleihe von 1864 ^ 



-// 



. 15 - — - 



- 15 . — . 



4A pCt. iur das Jahr vom 1. Oct. 
1867 — 1868 



22 . 15 . — - 



19 



20 



Bechnuog über die Binnahineii nad Aufgaben dor Carl Bitter -Stiftong. 1-^1 



KfinalmeB. 



Von 400 sau StaatBanlelhe von 1867 D. 
1^ A\ pCt. ftlr das Jahr Tom 1. Oct. 
1867—1868 18JBak— Jfr— /yf 

gimammm 



Summa der Eimiahmen 




Aiugabei. 


Baar 

sau \:^ff 


I. Für die angekauften Effecten. 








Für die anter Titel 111 vereinnahmten 
700 3BU Staatsanleihe von 1868 B. 

Kn94pCt. 658iS&c— J^— // 

und an Stückxinsen zu 4^- pCt- vom 

1. October bis 17. Dezember 1868 6 - 19 - 6 - 


664 


19 




BOMunmen 


6 


n. Reise-Ünterstütznng. 


/ 






1) An Dr. G. A. Schweinfnrth Zuschufs 

zn den Kosten seiner Reisen in Afrika 365 3tthc — J^ — ff 

2) An die Wittwe von Gerbard Rohlfs 

afrikanischen Diener Hamed £5 es 34 - 5- — - 


399 


5 
24 






— 


Summa der Ausgaben 


1063 


6 



Balance. 

Einnahme 9600 SOhc Effecten und 1065 SOhx. 24 <>^ 4>e/ baar 
Ausgabe — - 1063 - 24 - 6 - - 

Bestand 9600 Sakx, Effecten und 1 SOht. 29 J^ 10// baar 



Berlin, den 31. Januar 1869. 



Arndt, Bechnungsrath, 
Rendant der GeMlIscliafl Ar Brdkniide. 



192 



Teneielixiif« der BeHrttge der Carl Ritter*Sti 



Neuntes Verzeichnils 
der Beiträge zur Carl Ritter-Stiftung. 



8na» KöBigL Hoheit der Prin« Adtlbert von Preofsen 50 Thlr. Gold 
Herr Ober-Ptitoident a. D. ron Beormann auf Oppin bei EUle 

• (leheimer Commeruenrath Mendelssohn in Berlin .... 

- Qeiienl«>Siiperiat«iid«D( Dr. Hofimaim in Berlis .... 

Summa 




lRUrkli«fo. rirEtJlLBi.ffi:. 






TafJl 






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vin. 

Bjritische Miscellen zur Geographie. 

Von Prof. Dr. Reuse hie in Stuttgart 



I Das M aass der Kttstenentwickelan^ und Grenzentwickelnngs« 

Goefacienten überhaupt. 

Man hat die bekannte Art, die EGBtenentwiökelttng eines Landes- 
ranms anzogeben, indem man die Anzahl seiner Quadratmeilen durch 
diejenige der Eüstenmeilen dividirt (resp. diese Anzahl durch jeue)» 
uigegnjffen „als auf einer Begriffsverwirrung beruhend*^. So kurzlich 
Oberstudienrath Dr. Riecke im zweiten Heft seiner mathematischen 
Unterhaltungen (1868), wobei er sich auf den inPetermann^s geo- 
graphischen Mittheilnngen (Jahrgang 1863) von Dr. Keber gemachten 
Angriff auf diese „geographische Unsitte^ zuruckbezieht. Dieser An- 
• griff ist auch in der That vollkommen berechtigt, wenn man meint, 
mit jener Division eine absolute (unbenannte) Zahl, einen physika- 
fisdien „CoSfficienten^ ermittelt zu haben, nach Art der specifischen 
Gewichte, der Wärmecapacit£ten, der Ausdehniings-Goefficienten u. s. w., 
was sammtlich absolute Zahlen sind, unabh&ngig von jedem Lfingen- 
oder anderem Maafs, nachdem man einmal die zu Grunde gelegte Ein- 
heit gehörig definirt hat Und nicht minder trifft die Berufung auf 
den Grundsatz, dafs nur Gleichartiges in Verhältnifs gesetzt werden 
kann, womit Riecke beginnt, diejenigen, welche sich so aussprechen: 
^der Flficheninhalt verhält sich zur Eüstenentvnckelung in Afrika wie 
152 : 1 u. s. w. 

So lange man aber das Resultat jener Division so ausdruckt: da 
der afirikanisch» Continent 532,200 geogr. Quadrat- Meilen ') mifst, der 
Kfistennmfang, den man hier in runder Zahl mit dem ganzen Umfang 






*) Wenn nicht ausdrücklich das Gegentheil bemerkt wird, so soll sofort unter 
•Heil«** stets die geographische (16 anf 1 Erdgrad) verstanden sein. 

Mtsehr. d. Oesellsoli. f. Erdk. Bd. IV. 1^3 



194 Renschle: 

identificiren kann , 3500 M. , so kommen aaf 1 M. Enste 152 Q.-M. 

Land, oder (bei der umgekehrten Division) auf 1 Q.-M. Land 0,oo6 M. 

Küste: so kann ich darin nichts Widersinniges finden. Die Division 

ist dann als eine eigentliche Theilung (nicht als eine Messung) zu 

betrachten, ganz nach Art des gewifs richtigen Schlusses, dals, wenn 

jemand ein jährliches Einkommen von 2000 Thalern hat, auf den Tag 

2000 

— — - = c. 51 Thlr. kommen. Aber der Quotient ist hier wesentlich 

eine benannte Zahl, die mit dem angewandten MaaCs sich ändert. Ja 
man kann selbst von hier aus zu wirklichen „CoSfficienten^ der Küsten- 
entwickelang gelangen, indem man für die Gröfse „Küstenentwickelung*^ 
eine Einheit definirt. Setzt man z. B. fest, dafs die Einheit der Küsten- 
entwickelung diejenige Küstenentwickelung sein soll, bei welcher auf 
eine bestimmte Fläche, z. B. aaf 100 Q.-M. Land,. 1 M. Küste kommt, 

100 
so bekommt man far Afrika den Coefücienten t^ = 0,66, für Earopa 

100 

^fC = 2,56,* was nun absolute Zahlen sind, die sich nicht mehr än- 
dern, wenn man irgend ein anderes Meilenmaafs bei der Angabe der 
Küstenlängen und Flächeninhalte zu Grunde legt und dasselbe gleicher- 
weise in die Definition der Einheit einführt. 

Ein Unterschied besteht nun allerdings zwischen der Division der 
Quadratmeilenzahlen darch die Küstenmeilenzahlen und zwischen der 
Division der Thalerzahl durch die Tagezahl in obigem Beispiel. Wenn 
nämlich hier die Geldeinheit geändert wird, so ändert sich darum die 
Zeiteinheit nicht, da beide von einander unabhängig sind; wenn aber 
die Küstenlänge nach -einem anderen Meilenmafs ausgedrückt wird, 
so wird man auch den Flächeninhalt nach dem Quadrat dieser anderen 
Meile angeben (obwohl auch die Ausdrucksweise mehr nur unpractisch 
als geradezu falsch wäre, wenn man z. B. sagte „auf 1 £alometer Küste 
kommen so und so viel geographische Quadratmeilen Land^). Diese 
Bemerkung führt uns aber sofort zu einer neuen Seite, von welcher 
die Sache sich betrachten läjGst, und von welcher aus wir die obige 
Art, die Küstenentwickelung zu messen, gerne wieder fallen lassen, 
nachdem wir übrigens nachgewiesen haben, dafs sie nicht widersinnig 
ist. Jene Division der Quadratmeilenzahl durch die Küstenmeile nzahl 
hat nämlich noch eine andere geometrische Seite. Da das Prodact 
aus den Längenzahlen zweier nach einerlei Längenmaafs gemessener 
Strecken den Flächeninhalt des aus den beiden letzteren gebildeten 
Rechtecks ausdrückt (für das Quadrat jenes Längenmafses als Flächen- 
einheit): so kann man sich unter jenem Quotienten die eine Seite 
(Breite) eines Rechtecks denken, dessen andere Seite (Länge) gleich 



Kritische Miseellen zur Geographie. {95 

dem Eüstenamfaog und dessen Inhalt gleich der Fläche des betreffen- 
den Landesranmes ist. Man kann daher z. B. für Afrika sagen : denkt 
man sich die Fläche des afrikanischen Continents in ein Rechteck ver- 
waodelt, dessen Länge gleich seinem Eüstennmfang ist, also 3500 M. 
betragt, so beträgt die Breite 152 M. Und setzt man dann wieder 
fest, dafs die Einheit der Kustenentwickelung diejenige Eüstenent- 
wickelang sein soU^ bei (welcher die Brdte des betreffenden Rechtecks 
100 M. beträgt, so erhält man auch von dieser Seite die obigen Kästen- 
entwickelangs-CoSfficienten wieder. 

Allein die vorliegende geometrische Betrachtang fuhrt weiter. 
Denn waram gerade ein Rechteck? Ich kann mir ja den Landes- 
räum auch z. B. in eine Ellipse verwandelt denken, deren grofse Axe 
seiner Kustenlänge gleich ist, deren kleine Axe alsdann durch den 
Fl&chenraum und die grofse Axe der EUlipse nach der bekannten For- 
mel E =^ in ab (wo E die Fläche der ElUpse, a und b die beiden 
Axenlängen, n das Kreisverhältnifs) bestimmt wird und sofort eine 
7on der vorhergehenden verschiedene, übrigens nicht sehr abweichende 
Grundlage für die Beurtheilung der Kustenentwickelung darbietet 
Stellt nämlich (für die geographische Meile als Längeneinheit) f die 
Flachenzahl des Landesraumes, k die Längenzahl -seiner Küste vor, 

so würde nun an die Stelle des Quotienten -r der Quotient ^ treten, 

welcher, weil 4"7^j etwas gröfser ist als der Quotient -r- Man er- 

# 4 
^ hielte so für Afrika, anstatt 152, vielmehr — . 152 = 193,5, für Eu- 

4 

ropa, anstatt 39, — . 39 = 49,7, d. h. die kleinen Axen jener Ellipsen 

wfiren für Afrika 193,5 M., für Europa 49,7 M. *ünd wird die Küsten- 
atwickelung, bei welcher die kleine Axe = 100 M., zur Einheit ge- 
nommen, so wären die CoSfficienten der Kustenentwickelung für Afrika 

-jjQ— = 0,51, für Europa -^^ = 2,oi. Es sind also hier mehrere 

Arten, die Kustenentwickelung»* Goefficienten zu bestimmen, gleich 
möglich, und überdies enthält die Festsetzung der Einheit eine will- 
kfihrliche Zahl, unsere 100 M., mit deren Veränderung auch die Coef- 
fidenten sich verändern. Diese kann zwar dadurch gewissermafsen 
eüffiinirt werden, dafs man die Kustenentwickelung eines der ver> 
gHchenen Landesräume selbst zur Einheit nimmt, z. B. diejenige Afri- 
ka'8 als die kleinste, d. h. dafs man 152 (resp. 193,5, wenn man statt 
des Rechtecks die Ellipse nimmt) an die Stelle von 100 setzt. Allein 
die Einheit ist darum immer noch willkührlich und das absolute Maals 
der Enstenentwickelung ist damit noch nicht gegeben. 

13» 



1 



IgS Reufohle: 

Die Brocke sa demselben bietet der YorechUg tob Bothe dar, 
welcher auf den oben erwähnten Angriff von Keber hin in demaelben 
Jahrgang der Gothaer geographischen Mittheilangen gemacht wnrde, 
um den Vorwarf su beseitigen, da(s man in den fiblichen Angaben 
der Eüstenentwickelongen ungleichartige Oröfsen in Yerh&ltnifs setce. 
Zn dem Ende soll nach Bothe statt der Flächencahl f deren Qoadrat- 

worsel oder die Lfingenzahl M f mit der Lftngensahl k des Knsten- 
oin&ngs ▼erglichen werden; denn ans bekannten geometrischen Gran- 
den stellt YT die Seite eines Quadrats vor, welches mit dem betref- 
fenden lAndesraom einerlei Flächeninhalt hat. Der wesentliche Fort- 
schritt dieser Aoffassang besteht darin, dafs hier die bei der vorher- 
gehenden Betrachtungsweise nicht au umgehende willkührliche ZaU, 
wofir oben 100 (resp. 152 oder 193,5) gewählt wurde, beseitigt ist, 
und dies beruht darauf, dab an die Stelle einer durch swei Gröfsen 
bestimmten Figur (wie Rechteck, Ellipse) eine durch eine einzige 
Grofse bestimmte Figur (das Quadrat) gesetst worden ist. Die Ein- 
heit der Küfitenentwickelung bestimmt sich dann von selbst als die- 
jenige Kustenentwickelung, bei welcher V/=s Ärist, und allgemein ist 

V7 

der GoSfi&cient, s^i es -y-, in welchem Fall er aber stets Z. 1 würde, 

k 
oder besser p;=, da er dann stets 7 1 wird; man erhält so für Afrika 

— — s=s 4,8, für Europa -tts- = 10,4. Allein das Wahre ist damit 

gleichwohl noch nicht getroffen; denn was hat denn die Seite des 
dem Landesraum flSchengleichen Quadrats far eine innere Bedeutung 
oder Berechtigung, um mit der Eustenlänge verglichen zu werden? 
Sollte man nicht wenigstens den Umfang des Quadrats nehmen? Dies 
wurde in der That die eben nach Bothe angegebenen Zahlen den obi- 
gen näher bringen, indem sie auf den vierten Theil reducirt werden, 
für Afrika 1,2, für Europa 2,6. Könnte man nicht ferner statt des 
Quadrats ein gleichseitiges Dreieck oder eine andere reguläre, — somit, 
was ja das Wesentliche ist, durch sine einzige Grofse bestimmte — 
Figur nehmen, und zwar ihrem Umfange nach? 

Der Ausweg aus dieser Schwierigkeit kann nicht zweifelhaft sein. 
Denn da wir nun wieder in die Wahl zwischen verschiedenen Mög- 
lichkeiten, d. h. zwischen verschiedenen regulären Figuren, in welche 
wir den Flächeninhalt des Landesraumes verwandeln, hineingerathen 
mnd, während alles Uebrige geebnet erscheint, so kann nur die Frage 
sein: welche unter den regulären ebenen Figuren mufs gewählt wer- 
den, und zwar, wie schon bevorwortet ist, nach ihrem Umfange? Und 
die Antwort liegt auf der Hand: es ist der Kreis als diejenige ebene 



Kritische MisceUeii znr Geofipraphie. ]97 

Figur, welche bei einerlei Umfang den grö&ten Inhalt, und bei einerlei 
Inhalt den kleinsten Umfang darbietet. Wie ich nachgehende ans 
einer Notis inv. Eloden's Handbuch der physischen Geographie, die 
ich nachschlng, um seine Zahlen fSr die absoluten Eustenlängen der 
Erdtheile an vergleichen, ersehe: so hat schon vor geraamer Zeit 
Nagel den Kreis in dieser Betrachtang beigezogen, v. Elöden sagt niim- 
lieh, nachdem er die Eüstenentwickelungs- Verhältnisse in der alten 
Weise angegeben hat, „ein Ereis, welcher denselben Flficheninhalt wie 
dner der Erdtheile hat, wurde den möglich kleinsten Umfang für das-> 
selbe Areal angeben; sein Umfang würde sich zu dem wirklichen 
KSstenomfang (wie Nagel angiebt) verhalten, wie u. s. w.^ (es folgen 
die Yerbältnisse für die einzelnen Erdtheile ; man vergl. die unten fol- 
gende Tafel). Leider giebt v. Elöden nicht an, wo der einschlagende 
Artikel von Nagel zu finden ist^ weshalb ich mich darauf beschränken 
muls, die Sache so auszuführen, wie ich sie mir, unabhängig von Nagel^ 
yon Bothe's Vorschlag aus zurechtgelegt habe. 

Ich verwandle also die Fläche f äea betreffenden Landesraumes 
in einen Ereis, dessen Halbmesser r bereits eine reelle innere Bedeu- 
tnog hat, nämjich die Grenze zu sein, welche die Entfernung keines 
Punktes des Landesraumes von der Eüste erreicht, auljser wenn er 
die Tollkommena Ereisgestalt hätte, was in der Wirklichkeit höchstens 
bei kleineren Inseln mit einiger Annäherung vorkommen wird. Der 
Umfang dieses Ereises ist 27rr = 2\nf, weil f=7ir*; ist derselbe 
der EüstenLänge gleich, k = 2V;r/, so findet das absolute Mini- 
mum von Eüstenentwickelung statt und dieses ist die natürliche 
Einheit für diese Gröfse. Der allgemeine Ausdruck des wahren 
Eüstenentwickelungs-Coefficienten c aber ist dann der Quo- 

k 
tient c = ^^- , so dafs also alle c "7 1 werden, aufser fär eine 

kreisförmige Insel, wo o sa 1 ist. Hiernach ist die folgende Tafel 
fnr die Erdtheile berechnet worden, in welche aufgenommen ist: f in 
geographischen Qnadratmeilen , k und r in geographischen Meilen, 9, 
d. L die Anzahl der auf 1 Eüstenmeile kommenden Quadratmeilen 
Landes (so zu sagen das Areal des durchschnittlichen „Hinterlandes^ 
von 1 Meile Eüste) , endlich die Coöfficienten c als absolute Zahlen. 
Die Werthe von f sind nach Behms Jahrbuch zu Grunde gelegt, 
wobei übrigens nur die Continente, ohne die den einzelnen Erdtheilen 
CQgehörigen Inseln, wohl aber mit Einschlufs der Landseen in Betracht 
gezogen werden. Nur wenn Behm bei Asien das kaspische Meer mit- 
rechnet, so könnte ich mich dazu nicht entschliefsen , einmal wegen 
seiner Gröfse (über 8000 Q.-M.), in welcher es als ein wahres Binnen- 
meer dem Ocean gegenüber steht, alsdann wegen seiner intercon- 



198 



Beaschle: 



tinentalen Lage, welche ihm 8o gat ab dem Schwarzen Meere zu- 
kommt und erheischen würde,, dasselbe, wenn man es je bei dem 
Lande mitzählen wollte, zwischen Asien und Europa ungleich za 
theilen. 



• 






. 






c nach 


ErdtheUe. 


/ 


k 


2 


r 


c 


Nagd. 


Europa . . 


167,700 


4300 


39 


231 


2,96 


3,03 


Asien . . . 


754,300 


7700 


98 


490 


2,50 


2,41 


Afrika . . . 


532,200 


3500 


152 


412 


1,35 


1,35 


Australien 


138,500 


1900 


73 


210 


1,44 


1,41 


Sfidamerika . 


326,800 


3400 


96 


322 


1,68 


1,69 


Nordamerika . 


386,100 


6100 


63 


351 


2,77 


2,89 


Ganz Amerika 


712,900 


9500 


75 


476 


3,17 




Asien — Europa 


922,000 


12,000 


77 


542 


3,53 




Ostcontinent . 


1,454,200 


15,500 


94 


680 


3,63 





In der letzten Colnmne habe ich die von Ellöden mitgetheilten 
Nagerschen Werthe des Coefficienten c mit den von mir berechneteo 
zusammengestellt. Die eben nicht bedeutenden Differenzen rühren 
ohne Zweifel von den Daten f und k her, weshalb ich die von mir 
benutzten Werthe derselben in die Tafel aufgenommen habe. Dividirt 
man mit den einzelnen ^ in 152, so erhält man die CoefficienteD in 
der obigen Rechtecktheorie und für die afrikanische Küsten entwicke- 
luog als Einheit Ordnet man hiernach , so folgen sich die Erdtfaeile 
in der Küsten entwickelung (vom entwickeisten zum wenigst ent- 
wickelten) folge ndermafsen : 

Europa, Nordamerika, Australien, Südamerika, Asien, 

Afrika; 

ordnet man dagegen nach den c, so ist die Folge: 

Europa, Nordamerika, Asien, Südamerika, Australien, 

Afiika. 

Sie unterscheiden sich also dadurch, dafs Asien und Australien 
geradezu ihre Plfitze tauschen. * Dafs die letztere Reihenfolge besser 
mit dem Urtheil stimmt, welches sich aas der unmittelbaren An- 
schauung der Karten über die verh&ltnifsmäfsige Gliederung der Erd- 
theile bildet, wird jedermann zugeben. 

Schliefslich mache ich, nach Ri ecke 's Andeutung am oben ei^ 
wfihnten Ort, noch darauf aufmerksam, dafs dieselben Betrachtungen 
auf den allgemeineren Begriff der ^Grenzentwickelung^ Anwendung 
finden, sowohl bei Landes- als bei Meeresraumen , indem dann nor 



Kritische Bdi6C«llen zur Geographie. 199 

aB die Stelle des bisherigen h der Totalamfang des betreffenden Areals 
tritt Näher kann man die so berechneten CoSfficienten , wenn sie 
sich auf Meere und Natarländer (nach Art der Erdtbeile, der gröfsten 
QDter den Natarländern ) beziehen, Gliederungs-Coefficienten 
oenoen, denn sie geben in der That das Kriterium der wagerechten 
Gliederung an die Hand, die (freilich nicht über alle Grenzen hinaus) 
om so vollkommener ist, je grofser der Werth von c ausfällt. In Be- 
fiehong auf Staaten aber und politische Grenzen erscheinen sie als 
Arrondiruugs-CoSfficienten und glänzen durch kleine Werthe, 
denn je kleiner c ist, desto arrondirter ist das Gebiet. So hat Württem- 
berg bei 354 Q.-M. Areal 241 M. Umfang, daher ist sein Arroodirungs- 
Coefficient c = 3,6i und die|Entfernung von der Grenze, die kein 
Punkt des Landes erreicht, r == 10,6 M. ; für Baden ist f = 272^ Q.-M., 
* = 258, daher r = 9,3, c = 4,4i. Für alle Erdtheile, aufser- Asien 
und Europa, sind die c der obigen Tafel zugleich die Gliederungs- 
Coefficienten, weil ihre Landgrenzen nur wenige Meilen betragen und 
daher der Totalumfang vom Küstenumfange nur unmerklich sich unter- 
scheidet. Dagegen beträgt die Landgrenze zwischen Europa und Asien, 
einschliefslich die Grenze am Kaspi, für Europa circa 600, für Asien 
wenigstena 700 M.; man hat also bei der vorliegenden Betrachtung 
für Europa * = 4900 zu setzen und findet damit c = 3,4i; für Asien 
hat man k = 8400, womit sich e = 2,7i ergiebt. Das mittelländische 
Meer endlich hat mit Einschlufs aller Nebenmeere (auch des schwar- 
zen und adriatischen) 69,900 Q.tM. Areal und 2880 M. Umfang; es 
ist daher r «^ 149 M. und sein Gliederungs-Coöfficient c = 3,07. 

n. Die Sonnenstandsmerkmale der Hauptzonen. 

Wenn die grofse Tagzeit im Sommerhalbjahr und die grofse Nacht- 
zeit im Winterhalbjahr, oder die beiden entgegengesetzten Ausnahme- 
zeiten des aufgehobenen Tag- und Nachtwechsels, als die Kriterien 
der Polarzone aufgestellt werden, als Kriterium der Tropenzone da- 
gegen nur die in das Sommerhalbjahr fallende Ausnahmezeit des 
mittäglichen Ueberscheitelstandes der Sonne (d. h. wo die Sonne dem 
Pol zu culminirt, in der Zeit von dem ersten Scheitelstand bis zum 
«weiten) : so mufe es auffallen, dafs die Polarzone in beiden entgegen- 
gesetzten Jahreszeiten Ausnahmestände der Sonne darbietet, die Tro- 
penzonc dagegen nur in der einen von beiden, nämlich im Sommer. 
Und nm so mehr, als der mittägliche üeberscheitelstand der Sonne 
in einer tropischen Breite 6 nach Dauer und Beginn genau entspricht 
der grofsen Tagzeit in der polaren Breite 90 — 6. Hiernach mufa 
entschieden erwartet werden, dafe auch der grofsen Nachtzeit in der 



200 B«iiBchle: ' 

letzteren Breite 90 — b (die ja sogleich mit der grofeen Tagezeit 
gegeben ist) ein Ansnahmeetand der Sonne in der erateren Breite ö 
entsprechen mafs, welcher im Winter stattfindet Dem ist auch in 
der That so. Der Ausnahmexeit im Sommer, wo die Mittagssonne 
im Zenith nnd "über das Zenith hinaus dem Pol sn steht, entspricht 
eine genan gleich lang dauernde Ausnahmezeit im Winter, wo die 
Mitternachtssonne im Nadir nnd nber das Nadir hinaus dem entgegen- 
gesetzten Pol zu steht Und diese winterliche Ausnahmezeit im mittor» 
n&chtlichen Stand der Sonne in der tropischen Breite 6 entspricht 
wiederum nach Dauer und Beginn genau der grofsen Nachtzeit in der 
polarem Breite 90 — b. Damit ist dann die vollkommenste Symmetrie 
zwischen den Eigen thümlicbkeiten der Zonen des Gegensatzes her- 
gestellt, und wenn gewöhnlich jene winterliche Eigenthumlichkeit der 
Tropenzone übergangen wird — ich selbst bin erst seit wenigen Jah- 
ren darauf aufmerksam geworden — : so rührt dies daher, dafs der 
mitternfichtlicbe Stand der Sonne der Beobachtung sich entzieht und 
von keinen auffallenden Folgen für Temperatur und das, was damit 
zusammenhängt, begleitet ist, welche Folgen vielmehr an den Antipodeiin 
orten hervortreten. 

Wenn ich die tropischen Mittagsstfinde der Sonne, welche, anstatt 
nach dem Aequator zu, vielmehr nach dem Pol zu stattfinden, U eber- 
scheite Istfinde nenne, so ist dies durchaus in der Natur der Sache 
begründet Denn wenn man bei Bestimmung der Mittagshöhen der 
Sonne stets von derselben Seite des Horizonts ausgeht, nftmlidk von 
der Aequatorseite , wie dies sein muTs (wobei nur der Aequator aus- 
genommen ist, da er eben so gut der einen als der anderen Halbkugel 
zugerechnet werden kann): so werden die tropischen Mittagshöhen 
der Sonne um die Sommerwende her > 90, nnd diejenige an der Som- 
merwende selbst erscheint als das. Maximum unter allen. Ebenso 
verhält es sich mit den Hypernadirständen um Mittemacht, indem man 
bei den Mitternachtstiefen der Sonne überhaupt von der Polseite dea 
Horizonts auszugehen hat. Um so mehr ist es zn tadeln, wenn se 
häufig nur die beiden senkrechten Sonnenstände als Kriterium der 
Tropenzone angegeben werden. Jedoch nicht minder verfehlt ist es^ 
wenn man die Ueberscheitelstände allerdings in Betracht zieht, jedoch 
nicht als solche, d. b. nicht als eine Steigerung von den Scheitel- 
ständen aus, sondern als einen Rückschlag mitten im Sommerhalb- 
jahr. Dies hat zu der wunderlichen (übrigens auch noch in Kl öden 'a 
Handbuch der physischen Geographie stehenden) Lehre von der »Ver- 
doppelung sämmtlicher oder einiger der 4 Jahreszeiten^ in der Tro- 
penzone gefuhrt, dergestalt, dafs am Aequator 8 Jahreszeiten (2 Som- 
mer, 2 Herbste, 2 Winter, 2 Frühlinge) stattfinden sollen, in der Breite 



KritiBche Miscellen snr Geographie. 201 

-x' = 7| • 6 Jahreszeiten (nur 1 Winter and 1 Frahling, aber 2 Som- 
mer und 2 Herbste), in einer Breite Z. 7f * 7 Jahresseiten (nnr 1 Win* 
ter), in einer Breite 7 7| * endlich 5 Jahreszeiten (nur noch der Som- 
mer zweifach). Höchstens am Aeqaator selbst , dessen Ausnahme* 
steUong schon oben berührt worden ist, konnte von 2 Sommern und 
2 Wintern oder vielmehr von 2 Zeiten höchsten und 2 Zeiten niedrig- 
sten Sonnenstandes (und zwar resp. gleich hoch und gleich niedrig) 
die Rede sein, und der Empfindung oder der Wirklichkeit nach liefse 
sich das über eine Zone ein paar Grade nördlich und südlich vom 
Aeqnatcr selbst ausdehnen. Auch die noch immer gangbare Redens- 
art, ^in den Tropen trete eine Regenzeit an die Stelle des Winters^^ 
ist dahin zu berichtigen, dafs in den Tropen der Gegensatz der Jahres- 
seiten nicht sowohl auf die Temperatur, als vielmehr auf den Nieder-^ 
sehlag sich beziehe; denn die Hauptregenzeit der Tropen fällt ja in 
das Sommerhalbjahr, und zwar in die Zeit der senkrechten Sonnen«^ 
Stande. 

Ebenso mufs hinsichtlich der Polarzone gegen die vielfach ver- 
breitete und auch noch bei v. Klöden vorkommende Redeweise nach- 
drücklich protestirt werden, dafs der „längste Tag*' daselbst Wochen 
und Monate, z. B. 3 Monate in 73,3 ^ Breite, dauere. Das Wort 9,Tag^ 
hat bekanntlich zwei Bedeutungen; die eine ist der constante Zeitraum 
der Axendrehung der Erde oder vielmehr der mittleren Dauer von 
einem Mittag zum anderen (»= 24 mittleren Sonnenstunden); die an- 
dere ist der veränderliche Theil Jener constanten Zeit, während dessen 
die Sonne über dem Horizont steht, mitbin kann dessen Maximum 
(und zugleich das Maximum des „längsten Tages'') nur der Tag im 
ersten Wortsinn sein, oder 24 Stunden. Der Wechsel von Tag und 
Nacht ist vielmehr in jenen Ausnahmezeiten der Polarzonä aufgehoben 
oder sospendirt, was auch die trigonometrische Formel für den Tage- 
bogen der Sonne dadurch anzeigt, dafs sie imaginär wird, d. h. dafs 
der Tagebogen durch einen Cosinus bestimmt wird, der 7 1 wäre^ 
während dessen Maximum = 1 ist, was die Tagesdauer = 24 Stun- 
den giebt. Anstatt also zu sagen, ^in 73*^,3 Breite dauere der längste 
Tag 3 Monate^, mufs vielmehr gesagt werden: ^in 73^,3 findet das 
Maximum der Tagesdauer von 24 Stunden statt, und zwar nicht nur 
einmal, sondern 90 mal nach einander, nämlich an sämmtlichen Ka- 
lendertagen vom 7. Mai bis zum 5. August^. Und dieser ganze Zeit- 
raum darf nimmermehr längster Tag, kann aber passend die grofse 
Tagzeit genannt werden. In dieser Sache werden wohl die Astro- 
nomen AuUNrität seini Nun so vergleiche man die Tafel der Tages- 
längen für die verschiedenen Breiten, welche Auwers in Behm's 



202 Renschle: 

Jahrbuch für 1866 S. 17 mitgetheilt hat, unter ausdrücklicher Bestim- 
mung des Begriffs i^Tageslänge^ als der Zeit zwischen Aufgang und 
Untergang des oberen Sonnenrandes. 

Wo aber eigentlich die letzte Quelle dieser und der vorhin er- 
wähnten, leider so allgemein verbreiteten Mifsbegriffe, die den astro- 
nomischen Grundlehren geradezu widersprechen", zu suchen ist, habe 
ich bisher nicht zu ergründen vermocht. 



m. Die Grenzen der Oceane. 

Wenn der Ocean, d. h. die zusammenhängende Fläche des Meeres, 
in fünf grofse Naturabtheilangen, die Oceane, getheilt wird, so kann 
dieser Bintheilung natürlich nur die Vertheilung von Land und Meer 
SU Grunde liegen, d. h. die Sonderung in jene fünf grofsen Becken 
beruht auf den zwischen ihnen befindlichen Landmassen. Allerdings 
kann man dabei auch an untermeerische Grenzen appelliren, an unter^ 
meerische Gebirge, die zwar an der Oberfläche überfluthet sind, nach 
unten aber gesonderte Becken begrenzen. Ja, in letzter Instatiz wäre 
die Gliederung der gesammten Erdoberfläche oder das Gesammtrelief 
der starren Erdrinde erst vollständig erkannt, wenn man vom tiefsten 
Grunde des Meeres aus alle Unebenheiten, die sich auch hier bald als 
Gebirge, bald als Plateaus darstellen werden, verzeichnen konnte, 
gleich denen des über das Wasser hervorragenden Erdbodens. Allein^ 
wie weit haben wir noch bis dahin? Wie wenig ist noch von den 
Gebirgen und Plateaus unter dem Spiegel der Oceane ermittelt? Und 
wo man bisher dergleichen nachgewiesen und als Grenze zweier Mee- 
resbecken erkannt hat, wie z. B. zwischen dem westlichen und ost- 
lichen Becken des Mittelmeeres der alten Welt, da hat sich die Grenze 
auch stets an der Aufsenfiäche verrathen durch Verengerung des Mee- 
res, wie in unserem Beispiel durch die sicilisch- tunesische Meerenge. 
Kurz man ist zur Zeit fQr die Sonderung der oceanischen Becken noch 
ganz auf die an der Aufsenfläche hervortretenden Grenzen angewiesen. 

Nun gilt es als ein altes, über alle Erörterung erhabenes Axiom, 
dafs der fünfte Ocean das südliche Eismeer und dafs seine Nord- 
grenze der südliche Polarkreis sei. Erst also in 66^ ^ südl. Br. soll 
es ein Meer geben, das ununterbrochen rings um die Erde sich erstreckt 
(^in „Bingmeer^), wie wenn dies nicht schon nördlicher der Fall wäre, 
ja von da an, wo die Südenden der Erdtheile Südamerika, Australien 
und Afrika sich befinden, als derjenigen Erdtheile, welche weiter nord- 
wärts den pacifiscben, indischen und atlantischen Ocean (die «Qaer- 
oceane^) sondern. Und selbst wenn man den Begriff Bismeer premitt 



/ 



Kritische Miscellen zar Geographie. 203 

und dasselbe demgem&fs von anderem Meere durch das VorhandeDsein 
der charakteristischen Eiserschein an gen sondern will, so kann doch 
wohl schwerlich der Polarkreis die Grenze sein. Darober werden 
wir denn aach schlagend belehrt durch die ausgezeichnete Südpolar- 
karte von Petermann, wie sie nun der Jubiläumsausgabe des 
Stieler'schen Handatlasses einverleibt ist. Da sehen wir, wie nicht 
nur die Treibeisgrenze stellenweise sogar über 40^ südl. Br. hinaus 
dem Aequator zu sich erstreckt, sondern auch, wie die Grenze des 
Packeises — und dies charakterisirt ja doch wohl das Eismeer — 
den Polarkreis bedeutend nach Norden zu überschreitet, sowie eben 
damit die „Grenze des Weltverkehrs^, welche Linie auf jener Karte 
der jenseits des Polarkreises sich hinziehenden „Grenze der geographi- 
schen Forschung^ so treffend gegenübergestellt ist; wie endlich die 
Januar- Isotherme von Grad, d. h. die Linie, in welcher die Mittel- 
temperatur des Hochsommers (Januar auf der südlichen Halbkugel) 
den Eispunkt nicht übersteigt, ebenfalls nordlich vom Polarkreis nahezu 
dem Parallel in 60 * südl. Br. sich entlang zieht. Es ist also der Po- 
larkreis keineswegs die physische Grenze der das Eismeer charakterisi- 
renden Frosterscheinungen, somit auch nicht die Grenze des Eismeeres 
selbst gegen anderes Meer; auch ist klar, dafs diese Grenze überhaupt 
nur eine fliefsende sein kann. 

Noch abenteuerlicher aber erscheint die gewöhnliche und durch 
lange Gewohnheit axiomatisch gewordene Lehrweise, wenn man fragt: 
was ist jenes andere Meer, gegen welches das südliche Eismeer 
durch den Polarkreis abgegrenzt werden soll? Die übliche Antwort 
ist bekanntlich : gegen die drei Queroceane, den pacifischen, den indi- 
schen, den atlantischen. Jeder von diesen soll sich also südwärts bis 
zum Polarkreis erstrecken; und doch ist es einleuchtend, dafs von da 
an, wo Afrika aufhört, der atlantische Ocean durch Nichts vom in- 
dischen, sowie dieser von da an, wo Australien aufhört, durch Nichts 
vom pacifischen, dieser endlich von da an, wo Südamerika endet, 
durch Nichts vom atlantischen geschieden ist. Nur der Macht einer 
alten axiomatisch gewordenen Mifslehre kann es zugeschrieben werden, 
wenn auch Petermann in jenem trefflichen Blatt gerade Linien von 
den SSdspitzen der Continente nach dem Polarkreis zieht, um jene 
Oceane gegeneinander abzugrenzen. Nur dann könnten uns diese 
Grenzlinien nicht als imaginär erscheinen, wenn es nachgewiesen wäre, 
dafs von den Südenden der'Erdtheile aus submarine Bergketten gegen 
den Polarkreis hinzögen, also z. B. von Gap Agulhas aus über 30 Brei- 
tengrade oder 450 Meilen weit. So wahrscheinlich es aber auch sein 
mag, dafs die hohen Südenden der Continente noch mehr oder minder weit 



n 



204 Benschle: 

Babmarin sieh fortaetsen dürften, so wenig ist es nachgewiesen, ja 
nicht einmal wahrscheinlich, dals solche ^Ansläafer^ mehrere hundert 
Meilen lange Ketten bilden sollten. 

Ans diesen Granden habe ich mich seit dem Beginn meiner geo- 
graphischen Schriftstellerei oder seit etwa 16 Jahren von dem ge- 
dachten Axiom als von einem anbegründeten Yorurtheil emancipirt 
and folgende Lehre aufgestellt. W&hrend im Norden der Erde die 
beiden Haupteon tinente mit breiten Flfichen sich neben einander lagern 
und durch diesen ^arktischen Lfinderkranz^ das „Ringmeer^ des ark- 
tischen Oceans, zugleich seiner Natur nach des nördlichen Eismeeres, 
absondern, so nimmt dagegen den Süden der Erde von da an, wo 
die Continente in ihre spitzen. Südenden auslaufen, ein ununterbrochenes 
^Ringmeer*^ ein, der Australocean, dessen südlichster Theil seiner 
besonderen Natur nach das südliche Eismeer ist, in welches er übri- 
gens nicht schroff, sondern stetig übergeht. Von diesem Australocean 
erstrecken sich nordwärts zwischen den drei Continenten die drei »Qq^i** 
oceane^, der indische, der pacifische und der atlantische, resp. bis zu dem 
arktischen Länderkranz. Wenn Berghaus in einer kurzen Recen- 
sion meines Handbuchs der Geographie (1858) meinen „Australocean^ 
so aufgefafst bat, als ob ich lehrte, das südliche Eismeer als solches 
sei bis zu den Südenden der Erdtheile auszudehnen, und mich dann 
mit der schlagenden Bemerkung widerlegt, ebensogut könnte jemand 
das nördliche Eismeer bis zu der Strafse yon Gibraltar ausdehnen: 
so zeigt er damit eben so sehr, wie axiomatisch eingewurzelt die alte 
irrige Lehre vom südlichen Eismeer als fünften Ocean ist, als dafs er 
mein Princip gänzlich mifsverstanden hat; denn dasselbe Princip von 
der alleinigen Sonderung der Oceane durch das Land, welches das 
südliche Ringmeer der Erde, freilich nicht als „Eismeer**, sondern viel- 
mehr als „Australocean", bis zu den Südenden der Oceane auszu- 
dehnen fordert, dasselbe Princip verlangt auch gebieterisch, das nörd- 
liche Ringmeer durch den arktischen Länderkranz abzugrenzen. Zu 
einiger Befriedigung hat es mir dagegen gereicht, dafs im ersten Bande 
der Geographie des Welthandels von Andree (1867), wenn gleich 
zunächst die gewöhnlichen fünf Oceane vorausgesetzt werden, eine 
Stelle die richtige Ansicht einigermafsen durchblicken läfst, wenn es 
nämlich S. 469 heifst: „Der indische Ocean füllt den Raum zwischen 
Ostafrika, Südasien und Westaustralien; er hat, je nachdem man 
Theile des „Australoceans** und des östlichen Meeres hinzu- 
rechnet oder nicht, einen Flächenraum von mehr als 1 Mill. Q.-M. 
oder nur 700,000 Q.-M.** 

Dafs es hier heifst „und des östlichen Meeres^, was also der 
pacifische Ocean ist, zeigt, dafs Andree auch in der Grenzbestimmung 



Kritische Miscellen snr Geographie. 205 

swisdien dem indischen und pacifischen Ocean mit mir abereinstimmt* 
Denn anch in dieser mofste ich mich der gebräachlichen Lehre, wie 
sie in Berghaos' physikalischem Atlas, sowie in dem allgemeinen 
Theildes grofisen Handbachs von Stein-Wappaeus vorliegt, entgegen- 
stellen, and zwar hinsichtlich der Strecke zwischen den beiden Con- 
tinenten, dem asiatischen and australischen. Da pflegt man nSmlich 
noch die Molakken and Philippinen als Inseln des indischen Oceans, 
die „Seen*^ zwischen den ostindischen oder australischen Inseln und 
das sodchinesische Meer als seine Glieder und die Flüsse bis zum 
Songka und Sikiang als zum Gebiet des indischen Oceans gehörig zu 
betrachten. £s kann aber die Anschauung kaum zwdfelhaft sein, daOs 
die Halbinsel Malakka mit der, gleichsam zu um so compacterem Ver- 
sddufs, davor hingeschobenen Rieseninsel Sumatra und mit der an 
diese gedr&ngt unter kleinsten Zwischenräumen sich anschliefsenden 
Soodakette die wahre Grenze der beiden Oceane bilden mufs, nicht 
aber eine Linie von Formosa aber die Philippinen und Molukken nach 
Neu- Guinea, die ja gar keine Eettenbildung zeigt und Lücken hat, 
so grofs, wie die Inseln selbst Dazu kommt noch, dafs das Nan-hai 
der Chinesen oder das indo- chinesische (südcbinesische) Meer ersicht- 
lich das südlichste Glied in der Reihe der ostasiatischen Meere ist, 
diesen gleichmäfsig an einander gereihten Gliedern oder Nebenmeeren 
des pacifischen Oceans vom Nan-hai bis zum ochotskischen Meere. 

Schon glaubte ich, in der angefahrten Stelle von Andree die ein- 
zige und überdies erst nur auf Schrauben gestellte Zustimmung zu 
meiner Grenzbestimmung zwischen dem indischen und pacifischen 
Oceane zu haben, als mir so eben aus der Schlufslieferung der Jabi« 
Uomsausgabe des Stieler' sehen Handatlasses das Doppelblatt „Po- 
lynesien und der grofse Ocean^ von Petermann zukommt, woraus 
ich ersehe, dafs diese geographische Autorität das „hydrographi- 
sche Gebiet des grofsen Oceans^ genao nach der Linie über die 
Sundakette abgrenzt. Dieser Erfolg in einem Theile meiner Lehre 
ermuthigt mich zu dem Wunsche, dafs die Männer, welche an der 
Spitze der Kartographie und der Geographie überhaupt in Deutsch- 
land stehen, meine Lehre vom Australocean einer Prüfung unterziehen 
möchten, sei nun das Ergebnils die Billigung dieser Lehre, oder deren 
Widerlegung, aber mit besseren Gründen als die von Berghaus vor- 
gebrachten. Dabei verhehle ich mir nicht die Schwierigkeit, eine Lehre 
umzustolsen, die durch ihre Aufnahme in allen nautischen Werken und 
in der Praxis der Seefahrer gewissercbafsen officiell geworden ist. In- 
dessen könnte man, ohne den Sprachgebrauch der nautischen Praxis 
beseitigen zn wollen, gleichwohl in der Theorie, in der geographischen 
Wiasenschaft die richtigere Lehre vom Australocean aufstellen (bei 



' 



206 Reaschle: 

welchem sofort immer wieder eine pacifische, indische, atlantische 
Seite in einigem AnschlaGs an die alten Bestimmungen su anterschei* 
den wfire), etwa in ähnlicher Art, wie die theoretische Lehre, dafs 
der Alpenstrom Inn der eigentliche Hauptstrom des Donaasystems 
sei, keinen der landesüblichen Namen verdrängen soll. Auch ver- 
hehle ich mir nicht, dafs aalser den oben besprochenen submarinen 
Grenzen der Meere auch noch ein, und Ewar ein an die Oberfläche 
tretendes Element bei der Grenzbestimmung in Betracht kommen 
könnte, nämlich die Meeresströmungen, welche in der That die sonst so 
gleichmäfsigen Meeresflächen weiter einzntheilen geeignet sind. Wenn 
man z. B. den Atlantischen Ocean in zwei Becken theüt, ein nördliches 
und ein südliches, so wird wohl die ostwestliche Aequatorialströmung 
zwischen Afrika und Amerika, die sich hier spaltet, die geeignetste 
Grenze sein. Indessen komme ich auch von dieser Seite vor der Hand 
auf meine Ansicht zurück, indem z. B. die antarktischen Driften von 
der Westseite Amerika*s an bis über die Ostseite Afrika's hinaus eine 
westöstliche Strömungsgrenze bilden, welche den atlantischen und in- 
dischen Ocean einerseits von dem Australocean andererseits scheidet, 
wobei ich zunächst die Weltkarte der Meeresströmungen in der Jubi- 
läumsausgabe des Stieler'schen Handatlasses im Auge habe. 

rv. Städtebevölkeningen in China. 

Im zweiten B^nde von Beb m 's vortrefflichem Jahrbnche (1868)^ 
findet sich (S. 132) ein Verzeichnifs sämmtlicher bekannten Städte der 
Erde von 100,000 und mehr Einwohnern, worin, auTser der Aufnahme 
einiger Negerstädte in Afrika (wie Jakoba mit 1 50,000, Abeokuta und 
Eumasi mit je 100,000 Einw.), die übrigens mit Quellenangabe belegt 
ist und worauf ich nicht weiter einzugehen im Stande bin, die Stel- 
lung der chinesischen Städte, oder wenigstens zweier unter denselben 
demjenigen auffallen mufs, dessen besondere Liebhaberei seit 30 Jahren 
die Städtebevölkerungen waren. 

Wenn eine Millionenstadt, wie Hang-tscheu-fu, Hauptstadt 
der Provinz Tschekiang, verschwindet, und zwar so, dafs sie nicht ein- 
mal mehr als Stadt von 100,000 Einw. erscheint, und eine andere 
Millionenstadt, wie Tschang -tscheu* fu in der Provinz Fukiang 
(Fokien, deren Hauptstadt Fu - tscheu -fa), auftaucht, welche sonst nur 
hin und wieder als Stadt von 1 — 2 Hunderttausenden genannt wor- 
den ist (im Bande ^Asien^ des grofsen Handbuchs von Stein -Wap- 
päus wird sie z. B. gar nicht erwähntj: so ist dies geeignet, den Sach- 
kundigen stutzig zu machen, und die Zweifel sind um so nagender^ 
je mehr Achtung die Autorität verdient, welche sie erregt hat Dafs. 



r 



KritiBche Miscellen zur Geographie. 207 

die anter dem Namen Nanking in Europa altberühmte chinesische 
Stadt von ihrem Glanz, den noch heate der Umfang ihrer Mauern, 
ihrer Monumentalgebäude und ihr Ruf als „der gelehrten Stadt^ ver- 
bürgen, in hohem Grade zurückgekommen ist, besonders vollends durch 
den sogenannten chinesischen Börgerkrieg der neueren Zeit, begreifen 
wir eher, ja selbst, dafs sie unter 100,000 Einw. gesunken sein und 
daher in Behm's Verzeichnifs keine Stelle mehr finden sollte. Weniger 
begreiflich wäre uns ein solches Zaruckkommen bei Hang, dessen Lage 
am Südende des chinesischen Tieflandes, wo dessen Canäle zasammen- 
lanfen, und inmitten der langen Küste zwischen Kanton und Tientsin 
es zar centralen Seehandelsstadt stempelt. Wohl läfst sich denken, 
daffi das Emporblühen des nicht fem von Hang in der Provinz Ejiangsa 
gelegenen Su-tscheu-fu, das jetzt mit 2 Millionen alle chinesischen 
Städte übertreffen soll, auf Kosten nicht nur von Nanking, sondern 
aoch von Hang stattgefunden hat; andererseits dafs zwei andere See- 
handelsstädte, Schanghai nordlich, Ningpo südlich von Hang, mit 
ihrem neuerlichen, ohne Zweifel mit ihrer Eröffnung far den auswär- 
tigen Verkehr zusammenhängenden Aufschwung — (von Ningpo wer- 
den schon von länger her 400,000, von Schanghai bisher nur 200,000, 
im Behm'schen Verzeichnifs 395,000 Einw. gemeldet) — beschränkend 
auf Hang zurückgewirkt haben. Aber in solchem Grade, dafs Hang 
im Verzeichnifs gar nicht mehr erscheint? 

Der Verfasser des Städteverzeichnisses bevorwortet zwar das Feh- 
len mancher sonst sehr vorangestellter Chinesenstädte mit Berufung 
auf die neueren Quellen (S. 132, Anm. 1); allein man könnte den po* 
sitiven Notizen wegen der in das Verzeichnifs aufgenommenen Städte 
gegenüber auch ausdrückliche Nachweise wegen der fehlenden Grofs- 
Städte der nächsten Vergangenheit wünschen, um sicher zu sein, dafs 
das Fehlen nicht etwa auf einem Fehler beruhe, zumal wenn man 
Oegentheiliges liest, wie folgende Zeitungsnachricht aus neuester Zeit. 
In einer Ankündigung der „chinesischen Telegraphen-Com- 
pagnie in Amerika^ ist von einer 900 engl. Meilen langen, zehn 
Städte umfassenden Telegraphenverbindung die Rede, deren auswär- 
tiger Handel zusammen 900 Mill. Dollars betrage, und anter diesen 
10 Städten befinden sich: „Kanton mit 1 Mill., Futschen mit 1| Mill., 
Ningpo mit 400,000, Hangtscheu mit 1,200,000, Schanghai mit 
1 Mill. Einwohnern^, aber kein Tschangtscheu, obwohl dasselbe in der 
Strecke zwischen Kanton und Schanghai liegt Es gesellen sich mit- 
Mn bei unserem Zweifel zu den inneren Gründen auch änfsere. 



208 



IX. 

P. V. Ssemenof s Forschungsreisen in den Trans- 
Ilischen Alatau und zum Issyk-Kul, 

ausgefbhrt in den Jahren 1856 und 1857. 

Kach dem Bauischen tod F. Marthe. 
(Schlnffl ▼on S. 187.) 



Im folgenden Jahre 1857 hatte der treffliche Fahrer, dem wir bis- 
her gefolgt sind, Gelegenheit, seine Kenntnisse vom westlichen Flagel 
des Alatau durch eine Excursion in das Thal des Eebin zu Tervolistün- 
digen. Es war diesmal in besserer Jahreszeit, am 17. August n. St^ 
als er in Begleitung eines höheren Localbeamten mit einer Bedeckuog 
von 5 Kosaken aus W&rnoje aufbrach. Die Reise ging an der Almaty 
oder Almatinka, an welcher bekanntlich W&rnoje liegt, aufwärts und 
war in ihrem ersten Theile die Wiederholung einer Excursion, welche 
Ssemenof schon am 31. Mai im Almaty-Thale bis zur Grenze der 
Waldvegetation ausgeführt hatte. 

Zwölf Werst oberhalb Wärnoje beginnt der Eintritt in die Vor- 
berge des Alatau. Das schone Thal der Almatinka nimmt von hier 
aus bald den Anblick eines künstlich bepflanzten Gartens oder Parkes 
an; Gruppen wilder Apfel- und Aprikosenbfiume sind untermischt mit 
anderen Laubbäumen, namentlich von der neu entdeckten Ahornart 
(Acer SemenotDÜ)^ der gemeinen Vogelbeere (Sorbus aucuparia)^ der 
Espe {Popuhis iremula\ Crataegus pinnatiflda und von Strauchem der 
schwarzen Berberitze {Berberis heieropoda). Zu den in dieser Zone 
wachsenden Gr&sern gehören u. A. Paeonia anomala (ear. hybrida 
forma intermedia), Scrophularia aguatica, Rheum leucorhi^um. Das erste, 
zu Tage stehende Gestein ist Syenit. Nach l\ Stunden Steigens geben 
Flufs und Thal in zwei Aeste auseinander, die Aprikosen- und Apfel- 
bäume hören auf (in einer Höhe von 4 — 4500 Fufs), es beginnt der 
Fichtenwald, immer noch untermischt mit den vorhin genannten Laub- 
bäumen, von denen übrigens der Ahorn bei 5000 Fufs seine Grenze 
erreicht. Die in der Zone der Nadelhölzer vorherrschenden Sträucber 
sind: Geifeblatt (JLonicera tatarica, L. caerulea, £. hispida)^ Himbeere 
{Rubus idaeue)^ Johannisbeere {Ribet airopurpureum und diacanihum). 
Wachholder (Juniperus pseudosabina). Unter den Kräuteri^ der Wald- 
zone fielen dem Reisenden die Vertreter von Familien auf, die im Thian- 
Shan und Alatau selten sind, namentlich aus der Familief der Orcbi- 



P. y. Ssemenof 8 Forschnngsreiten in den Trans-Ilischen Alatau. 209 

deen: CoeloglosMum viride und Goodyera repem^ ferner zwei Speciet 
Fgrola, Aafserdem wuchBen hier: Aquilegia wilgaris, Atragene a^nna, 
CheHäonium tnajuSy Draba incana (tar. habecarpa)^ CerasHwn dahuricumf 
Orohus hUeus^ Lathyrus pinformia, Geranium rectym, Pedicularia verti- 
tUlata, Veroniea biloba. Die Reisenden waren den westlichen Arm der 
Almatinka hinaufgegangen, der steile Pfad führte durch Walddickicht 
ond oDgeheare Stein- und Felsblöcke hindurch. Nach 3 Stunden We- 
ges in der Nadelholzzone trafen sie in einer Höhe ron 7500 Fafs, kurz 
unterhalb der Grenze dieser Zone, Anstalten zum Nachtlager. Die 
Flora trug hier schon den Charakter der sub-alpinen Zone, vorherr- 
Mhend standen hier: Ranunculus rutaefoliuSy Troliius paiulus^ Anemone 
narcissißoroy Aeonihtm Napellus t>ar, racemosa (sonst auch A, Lobehor 
muii), Viola aUaica, K biflora, Parnassia Laxmani, Linum perenne, 
Tkermapsis a^ina, Alchemilla vulgaris , Saxifraga sibirica, Cnidium 
carvifohum, Primula nivalis^ Androsace septentrionalis, Polemonium coe- 
nUeum^ zwei Arten Cur ex u. a. Das Gestein, das am Orte des Nacht- 
lagers austrat, war Syenit. 

Am 18. August kamen die Reisenden nach halbstündigem muh-« 
seligem Marsche durch Syenitfelsen und Fichtenwald aus der Waldzone 
ber&as und betraten zunächst die Zone der Alpenstrfiucher, bald die 
der aasscbliefslichen Alpenkräuter. Die üppige, durch Mannigfaltigkeit 
der Blumen und Lebhaftigkeit der Farben ausgezeichnete Flora der 
Alataaacben Alpenzone bestand aus folgenden -Pflanzen: Ranuncuku 
nUaicus vor. irilobus, Hegemone lilacina, Delpkinium citueasicum par. 
kinuium, Aconitum Napellus, A, Lyeocfonum^ A^ roiundifoUum, Papaver 
o/ptiMim, Corydalis SemenotDÜ, Draba pilosa, D, lactea, Lychnis apeiala^ 
Akine tema, Cerastium trigynum, Geranium saxatile^ Thermopsis al- 
ptna, einige alpine Species von Äsiragaltts und Oxyiropii, Hedysarum 
^searumy PotenlUla fniticosa, Saxifraga hireulus^ S, ßagellaris, S. sibi- 
riea, Aster alpinus, Erigeron alpinum, Leontopodium a^inum^ 2Saussurea^ 
fJoronicum altaicum^ Campanula glomerata^ Primula nivalis^ Ptimula for 
rinosa, SoldaneUa alpinay Myosotis alpestris^ Eritrichium piüosttm^ 
(hfmnandra altaica, 2 Arten Carex. Endlich horte aller Pflanzenwuchs 
auf, und die Reisenden arbeiteten sich durch frischgefallenen Schnee 
gegen Mittag zum Gipfel des Passes hinauf. Das Thermometer zeigte 
hier -f- 3,5* C, als absolute Höhe des Passes ergab sich aus der Tem- 
peratur des siedenden Wassers 10,650 russ. Fufs. 

Ueber ein Schneefeld hinweg stiegen die Reisenden zu einem 
kleinen, hübschen Alpensee hinab^ aus welchem der Ik-Eoi-Ssu, einer 
der Quellarme des Kebin, abfliefst. Der ganze Abstieg war äufserst 
steil. Das austretende Gestein bestand zuerst aus Granit, dann aus 
Syenit, dem endlich Schiefer folgte, welcher von O. nach W. streichend 

2«iUcbr. d. Qes«Il8cb. f. Erdk. Bd. IV. 14 



210 Marthe: 

nach Sud »bfiel. Nach 5 Standen Absteigens war das Thal des Ke- 
)>in erreicht, nicht weit von dem obersten Theile dieses schönen Lftnga- 
spaltes. Beim Hiountersteigen zum Kebin konnte deutlich wahrgenom- 
men werden 9 wie dieser FloXs aas mehreren Gebirgsb&chen entsteht, 
welche haapts&chlich dem Gebirgsjoch entspringen, das die Nord- and 
Südkette des ^^Trans-Ilischen^ Alatau verbindet and die Qaellen des 
Kebin and des ostwärts laufenden Tschilik von einander scheidet. 
Der erste Zuflufs des Kebin von der Südkette her ist der Koi-Ssn. 
Dem Laufe des Kebin folgten die Reisenden in dem ziemlich breiten 
Tbale, dessen Gr&ser von den Heerden der Kara-Kirgisen nach den 
Erfahrungen des vorangegangenen Jahres nicht berührt worden waren. 
Die Richtung war direct westlich. Bis zur Mündung des Ak-Ssai, 
der von rechts in den Kebin fällt, ist das Thal vollständig waldlos, 
einige Alpenpflanzen, z. B. Leontopodium alpinum und Parnassia Lax^ 
mani^ wachsen an den Rändern des Flusses, und unter den Millionen 
hier aufgeschütteter Steine Patrinia rupestris. Die Reisenden setzten 
auf das linke Ufer hinüber und verfolgten ihren Weg am Saume eines 
»Fichtenwaldes, der sich nicht gerade weit den Berg hinaufzog. Kurz 
vor der Mündung des wasserreichen,8chäumenden Aitambet-Tschokn, 
der von links zum Kebin fliefst, gingen sie wieder auf das rechte Ufer 
hinüber. In der Ferne sahen sie auf der linken Seite die Mündung 
der Schlucht, aus welcher sich der uns schon bekannte Dürenyn-Ssa 
in den Kebin ergiefst, und welche auf beiden Seiten mit einem breiten 
Streifen Fichten waldang umkränzt ist Sie sollten nicht bis dahin ge- 
langen. Der mitgenommene kirgisische Führer sah plötzlich mit immer 
ängstlicherer Miene aufmerksam am Boden umher. Die Europäer be- 
merkten hier nichts als frische Pferdespuren; aber der Kirgise behaup- 
tete nach Beendigung seiner Prüfung, dafs an dieser Stelle vor etwa 
einer Viertelstunde eine grofse Baranta, über 100 Mann, der Ssara- 
Bagisch gerastet habe. Und richtig, nicht weit davon stiefs man auf 
einen Haufen noch glimmender Kohlen. Die Kirgisen besitzen über- 
haupt, ähnlich den rothhäutigen Steppenbewohnern Nordamerikas, eine 
erstaunliche Fertigkeit darin, aus gefundenen Spuren zu erkennen, wann 
dort Menschen waren, wieviel und von welchem Stamme. Um das 
Zusammentreifen mit den freien Kindern der Steppe zu vermeiden, 
warf sich die Reisegesellschaft in die erste Schlucht der Nordkette des 
Alatau. Es war ein öder, wilder Querspalt, in welchem sie noch so 
weit hinanstieg, dafs das Nachtlager in einer Höhe von etwa 8500 
Fufs, sicher vor jeder Gefahr, genommen werden konnte. Ein schroffer, 
aus Kieselscbiefer bestehender Felsen schützte vor jeder Ueberraschung. 
Die Nacht war hell und kalt, schon am Abend das Zelt bereift. 

Am Morgen des 19. August um 7 Uhr stand das Thermometer 



\ 

I 



P. T. Ssemenofs ForBchnngsreisen in den Trans-Ilischen Alatan. 211 

aaf 0', riDgsam war der Felsboden mit Reif fibersogen» Die ReiseDden 
gelangten mit grofeer Mühe in 2 Stunden den steilen Kamm hinauf, 
der die Schlacht schlofs and sich als 10,490 Fafs hoch erwies. Aaf dieser 
Höhe wachsen einige Pflansen der oberen Alpenzone, unter apderen 
die kreazbluthige Hutchinsia peetinata Bge. Am Nordabhange zeigte 
nch ein kleines Eisfeld ewigen Schnees. Nachdem die steile Nieder- 
fahrt vom Haaptkamme glücklich vollendet war, wendeten sich unsere 
Reisenden etwas westlich und gelangten bald an den ostlichsten Quell- 
bach des Eeskelen, an dem sie bis zur obem Grenze der Wald Vegetation 
hinabzogen und dann Halt machten, um die Höhe dieser Grenze hyp- 
sometrisch zu bestimmen. Sie stellte sich hier auf 8060 Fufs, eine 
Ziffer, die mit früheren Beobachtungen gut übereinstimmte. Man würde 
danach am Nordabhange des Trans-Ilischen Alatau die äufserste Grenze 
de8 Waldwuchses zwischen 8000 und 8500 Fufs zu suchen haben. 
Höber hinauf, bis 9000 und' 9500 Fufs, gehen alpine Strfiucber, wie 
z. B. Lotticera hispida, Potentilla frtUicosQy Juniperus pseudosabina u. a. 

Als die Reisenden noch weiter hinab, zum Zusammenflusse der 
Qaellarme des Keskelen gekommen waren, befanden sie sich auf einem 
ao8 schon bekannten Wege. Ssemenof hatte diesmal Zeit, die' untere 
Grenze der Nadelhölzer hypsometrisch zu bestimmen. Es fand sich, dafs 
sie hier im Keskelenthale bei 5290 Fufs Meereshöhe liegt. Die Baumvege- 
tation des Thaies wird von da an ärmlich ; das aus sandigem Diluvial- 
boden bestehende Terrain ist trocken und umschliefst eine Menge Steine, 
oft von ungeheuerer Gröfse, die aus Granit und Syenit bestehen und Ver- 
sprengte vom Hauptstock des Alatau sind. Apfel- und Aprikosenbäume 
sind im unteren Thale des Eeskelen nicht häuüg, dagegen fehlt es 
nicht an hohen Sträuchern, namentlich sind vertreten : Hippophae rham- 
noides, Crataegus pinnatifida, Coioneaster muUiflora^ Rosa platyacanfha 
und cinamomea^ Berberis heteropoda. Unter den niedrigen Gewächsen 
des unteren Thaies (von 4000 — 2200 Fufs) überwiegen Glycyrhi%a as- 
perrima, Sophora alopecuroides, Erysitnum canescens, Salvia sihestris 
d. h. solche Pflanzen, welche beweisen, dafs die Steppenflora auch den 
nntern Theil des Thaies beherrscht. 

Als man zuletzt auch die oben beschriebene Porphyrschlucht pas- 
Krt hatte und in die heifse, an das Gebirge sich lehnende Ebene hinaus- 
getreten war, zeigte das Thermometer Abends 8 Uhr nach Sonnen- 
untergang etwas über 17,6* C. Als absolute Höhe dieser Ebene fand 
Ssemenof 2302 Fufs. Auf einer Insel des hellen, rauschenden Keskelen 
▼nrde übernachtet und am andern Morgen der Ruckweg nach Wär- 
noje angetreten. 

Unser Gewährsinann machte im J. 1857 noch verschiedene andere 
Excursionen, namentlich in dem gesicherten Ostflügel des Gebirge?, 



212 Marthe: 

• 

bei welchen er .alle irgend möglichen Bergöbergänge in beiden Ketten 
flu passiren eachte and an Ort und Stelle mittelst der Temperatar des 
siedenden Wassers 35 hypsometrische Bestimmangen ansfahrte. Das 
Resultat dieser wissenschaftlichen Aosfifige fiassen wir mit ihm sam- 
marisch zusammen. 

Der ^Trans-Dische^ Alatan erstreckt sieb in einem mittleren Ab- 
Stande von 50—60 Werst «»7 — 81 Meile südlich vom Flusse Ili in 
der Richtung von ONO. gegen WSW. Hiernach erklfirt sich sein 
Name ^Trans-Iliseh^, der ihn von dem Ssemiretschinskischen (^der sieben 
Flusse^) oder dsungarischen Alatau unterscheidet 0- I^as breite Step- 
penthal des Ili, ans dem der Trans-Ilische Alatau sich erhebt, hat eine 
Meereshöhe von 1000 — 3000 Fu&, indem es vom Bett des Ili bis zam 
Fufse des Gebirges allm&hlich ansteigt (das Niveau des Ili hat am Piket' 
Iljiskoje nach Ssemenofs hypsometrischer Bestimmung 1230 F., nach 
der barometrischen Golubef s 1300 F. absolflter Höhe). Die absolute Hohe 
am Nordfufse des Trans-Ilischen Alatau wird durch folgende Messun- 
gen Ssemenofs bestimmt: am Austritt des Keskelen aus den Vorbergen 
(s. oben) 2302 russ. F., Warnoje 2270 F. (nach barometr. Bestimmung 
Golubef s 2430 F.), am Austritt des Flusses Issyk 2940 F., am Aus- 
tritt des Flusses Turgen 2970 F.» am Austritt des Flusses Tschiiik 
2810 F. Die Hohe am Südfuise des Gebirges ergiebt sich aus den 
oben mitgetheilten Bestimmungen über die Höhe des Seeniveaus im 
Issjk-Kul. 

Vom Ili aus gesehen, erscheint der Trans-Ilische Alatau wie eine 
hohe steile Mauer, ohne alle Vorberge und ohne bedeutendere Aus- 
schnitte in dem welligen Kamme; am höchsten erscheint und ist die 
Mitte des ganzen Zuges, die über die Schneelinie hinausgeht, zu beiden 
Seiten sinkt dann der Elamm allmählich und symmetrisch ab. Na- 
mentlich die Formen des mittleren, schneebedeckten Theiles treten im 
Sonnenlicht bei der durchsichtigen Atmosph&re Gentralasiens, z. B. von 
Iljiskoje aus deutlich hervor, während die unbedentraden Contreforts 
und Vorberge dem Auge völlig in einander fliefsen. 

Als östliches Ende des Trans-Ilischen Alatau nimmt Ssemenof den 
Funkt an, wo der Karkara und Kegen, welche den Tscharyn, 
einen linken ZufluTs des Ili bilden, zusammenfliefsen, als Westende die 
Stelle, wo der Tschu aus der Schlucht von Buam hervorbricht In 
diesen Grenzen hat das Oebirge eine Länge von reichlich 28 geogr. 
Meilen (200 Werst). Doch setzt sich diese Erhebung nach beiden 
Seiten hin fort: nach Osten hin in die chinesische Ili -Provinz unter 



*) Den die Rassen aber consequenter den „Cis-Ilischen" benennen wUrden, 
da er eben nördlich vom Ili liegt. 



F. ▼. SsemenofB ForschaDgsreisen in den Trans-Ilischen Alatan. 213 

Teisehiedenen BenennnDgen (Kailok, Temiriik, TschanpanyD), weiter- 
hin anter dem allgemeinen Namen Nan-Schan, bildet hier über den 
Darcbbrach des Tekes hinaus die V orkette des Tbian-Scban and schliefst 
sich dem gigantischen Bergjoch Bogdo-Oola an. Nach Westen za 
bildet die Verlängerung des Trans-Itischen der Eirgisnjn-Alatau (oder 
das Alexandergebirge), der sieh zwischen dem Tschu und Talas er* 
streckt und mit dem westlichen Thian-Schan (von Ssäwerzof Urtak-Tau 
benannt) durch das Bergjoch in Verbindung steht, welches die Wasser- 
scheide zwischen den oberen Zuflüssen des Koschkar und des Talas 
herstellt Mit diesen ostlichen and . westlichen Fortsätzen bildet der 
Trans-Ilisohe Alatan unzweifelhaft die Vorkette des Thian-Schan, von 
welchem er auch in seinem geognostischen Bau wenig verschieden ist. 

'Wir betrachten hier nnr den Trans-Ilischen Alatau im engeren 
Sinne innerhalb der oben bezeichneten Grenzen. Die höchst charac- 
teristische Eigenthümlichkeit dieses Gebirgszuges ist die merkwür- 
dige Symmetrie seiner orographischen Gestaltung. Das 
Gebirge besteht aus zwei hohen Parallelkämmen, der oft genannten 
Nord- und der Südkette. Beide Kamme sind beinahe im Meridian 
der Mitte des Issyk-Knl darch ein Qaerjoch verbunden, welches das 
tiefe, beide Ketten trennende Längsthal wie durch eine Scheide- 
wand in zwei mit den Spitzen zusammenstofsende Längsthäler abtheilt, 
ans denen nach West in der Richtung nach WSW. der Orofse Kebin 
zun Tschu, nach Ost in der Richtung nach ONO. der Tschilik, ein 
linker Zuflufs des Ili, abfliefsen. Dem Querjoche entspricht in der 
Nordkette der höchste Pankt des ganzen Gebirges, der Talgarnyn- 
Tal-Tschoku, zu dessen beiden Seiten auf je 7 Meilen hin das Ge- 
birge ewigen Schnee auf seinem Racken trägt. Jedes der beiden Längs- 
thäler hat etwa eine Länge von ^ Meilen (100 Werst) bei einer 
Breite von 2^ — 3 Werst. Der Tschilik bricht aus seinem Längsthaie 
dorth einen Querspalt der niedriger gewordenen Nordkette and wendet 
sieh weiterhin nach Norden, der Kebin durchschneidet zuletzt in einer 
wilden Schlucht diagonal die Südkette und strömt im nördlichen 
Theile des Engpasses von Buam in den Tschu ein. 

Es gehört ferner zur Symmetrie dieses merkwürdigen Gebirges, 
dafs die beiden Ketten desselben an ihrem östlichen und westlichen 
finde allnnählich aus einander treten, dafs demnach die beiden Längs- 
thäler in demselben Verhältnifs sich erweitern, und dafs in jedes dann 
eine mit den Hanptketten parallele Zwischenkette eingeschoben ist. Im 
Osten heifst dieser Nebenzag Dalaschik und scheidet von dem Längs^ 
thale des Tschilik das nördliche kürzere Längsthal Dschenischke. 
Im Westen heifst diese Zwischenkette Utsch-Konnr und trennt vom 
Orofsen Kebin den nördlichen, sehr kurzen Kleinen Kebin. (Die 



214 Marthe: 

Yerhfiltnisfie hier im Westen kennt Ssemenof indefe nicht aus eigener 
Anschaaung ' ). 

Der Kamm beider parallelen Haaptketten besteht seiner ganzen 
Lfinge nach aas Granit und Syenit. Am Nordabhange der Nordkette 
erscheinen hie und da Kieselschiefer, die stark zerrissen und metamor- 
phosirt sind von Porphyren, aus denen alle Yorberge des Nordabhanges 
bestehen ; Kalke, aber ohne organische Ueberreste, liegen auf der Nord- 
seite nur im Querthale des Turgen. Zwischen beiden krystallinischen^ 
Ketten breiten sich in den Längsthälcrn Flötzgesteine aus, namentli<^b 
Schiefer, Sandstein und Kalke paläozoischer Formationen, in denen 
sich viele Versteinerungen befinden, in den untern Schichten aus der 
devonischen (z. B. Airypa reticularis)^ in den oberen aus der Stein- 
kohlen-Formation (so z. B. Producius setnireHcuiatus, Pr, cora u. a.). Im 
Thale des Tschilik, wie in dem des Kebin ist der Fall der Flötz- 
schichtungen ein synklinischer, d. h. sie sind durch die gleichzeitige 
Hebung beider Paralielkämme emporgetragen worden. Das Zwi- 
schengebirge Dalaschik besteht ganz aus Flötzformationen , deren 
Schichten eine an ti klinische Falte bilden, die sich in der Mitte des 
Längsthaies, parallel den krystallioischen K&mmen gebildet hat Am 
Sudabhange der Südkette liegen dieselben Kieselschiefer und Kalke, 
auch fand Ssemenof hier Versteinerungen aus der Steinkohlenform ation 
im Thale des Tabulgaty. Porphyre bilden ebenfalls hie und da Vor^ 
berge auf der Südseite des Alataa. Dioritadern begegnen an verschie- 
denen Punkten des Gebirges. 

Nach allem diesem zerfällt das Relief des Trans-Ilischen Alataa 
in drei Haupttheile: 1) die Nordkette mit ihren Vorbergen, 2) die 
beiden Längsthäler mit den einliegenden Zwischenketten und Hoch- 
ebenen, 3) die Südkette. • 

• Die Nord kette ist in ihren allgemeinen Zügen genugsam ge- 
schildert worden. Der besondere, östliche Theil derselben, der vom 
Durebbruch des Tschilik bis zum Tscharyn reicht, ist unter dem Namen 
Taraigyr bekannt. Die Höhe ihres Hauptgipfels, des Talgarnyn- 
Tal-Tschoku, wurde von Ssemenof nicht speciell gemessen, doch 
vermuthet er nach seinen Bestimmungen über die Höhe der Schnee- 
linie und nach einer Vergleichung der schneelosen und schneebedeckten 
Theile dieses Berges, dafs seine Höhe nidbt bedeutend über 15000 rass. 
FoTs hinausgehen könne. Die mittlere Höhe der Nordkette überhaupt 
würde sich ungefähr aus den von Ssemenof gemessenen Höhen einiger 
Bergübergänge ergeben, es sind vom TVilgarnyn-Tal-Tschoku aus im 



') Orographisch betrachtet ist es also die Nordkette, welche sich an ihrem 
6stScheii und westliehen Ende gabelfSrmig theilt. 



P. T. Ssemenors Forschangsreisen in den TranB-Hischen Alataa. 215 

Weetflugel: der Almaty 10,620 F., der Keskelen 10,490 F., der Ssuok- 
Tubbe 7500 F., im Ostflogel : der Turgen-Aßsy 8060 F,, der Turaigyr 
6336 Fufs hoch. Hiernach würde sich die mittlere Eammhohe der Nord- 
kette etwa aaf 8600 Fafs stellen. Den schönen Querthälern des Nord- 
abbanges der Nordkette entströmen rasche, rauschende Oebirgsfljisse, 
7on West nach Ost gezählt: der Eastek, der Eara-Eastek (bei Sse- 
menof beide Maie Eestek), der Eargaly, der Tschemolgan, der Ees- 
kelen, der Ak-Ssai, zwei Almaty, der Talgar, der Issyk, der Tnrgen, 
der Tschebdar, der Tschilik u. a. Alle diese Flösse werden nach 
ihrem Austritt in die Steppenebene durch Bewässerungscanfile stark 
angegriffen und erreichen aufser einigen sehr wasserreichen, wie z. B. 
der Tschilik, nicht den Ili, — Die Porphyrvorberge der Nordkette, deren 
Höhe im Verhältnifs zu letzterer an sich unbedeutend ist, treten zu 
den Vorsprungen oder kurzen Querriegeln derselben so nahe heran, 
daCs sie mit ihnen fast zusammenfliefsen. Nur vom Turgen an nach 
Osten werden diese Yorberge in dem Mafse, als der Hauptkamm sinkt, 
bedeutender, und indem sie sich allmählich ganz vom Hanptkamme 
ablösen, treten sie. östlich vom Durchbrnche des Tschilik als eine be- 
sondere Forphyrkette Bogaty auf, die in dem Bergpasse Sseirek- 
Tas eine Meereshöhe von 4990 Fufs erreicht und von dem Osttheile 
der Hauptkette, dem Turaigyr, durch ein vollstäxidig ebenes Plateau 
getrennt ist, ^Iches letztere bei 15 Werst ^= 2f Meileir Breite eine 
abflolate Höhe von 3580 russ. FuDs hat. 

Was die beiden Längsthäler unseres Gebirges betrifft, so hat 
das Kebinthal bei der Einmündung des Dürenyn reichlich 6350 Fufs 
absolnte Höhe * ), da diese Messung indefs im oberen Theile des Thaies 
aosgeiuhrt wurde, und der Eebin bei seiner Mündung in den Tschu 
schwerlich über 4000 Fufs hoch liegt, so wird als mittlere Meereshöhe 
des Eebinthales 5000 russische Fufs anzunehmen sein. Das Thal des 
Tschilik liegt in seinem obersten Theile nach Ssemenofs Messung 
6550 Fufs hoch, an der Stelle, wo der Tschilik die Wendung zum 
Dnrchbruche macht, 5010 Fufs, seine mittlere Höhe würde sich also 
sof 5700 Fufs stellen. Das mit diesem parallele, kürzere Längsthal 
des Dschenischke lag an einer Stelle, wo Ssemenof es durchschnitt, 
5820 Fufs hoch. Der zwischen beiden Thälern streichende Dalaschik 
hat in dem Fasse Mai-Bulak 7835 Fufs und in seinem höchsten 
Gipfel 9530 Fufs Meereshöhe. Oestlich von der Wendung des Tschilik 
breitet sich zwischen den beiden niedriger gewordenen Hauptketten 
«in hohes, sehr ebenes Steppenplateau aus, von den Eingeborenen 



') Zwisehen dieser Angabe und der obigen (3. 1S5) ist ein Widersprach, den 
ieh nicht zu Idsen vermag. 



216 Marthe: 

Dschelanascbtsch genannt; es liegt im Westen d. h. an der Bie- 
gung deS'Tschilik reichlich 5000. Fufs hoch, in seinem ostlichen Theile^ 
namentlich jenseit der Vereinigung des Karkara ond Regen, 5300 F.^ 
and im N. oder vielroehr NW. am Fafse des Tnraigyr 4570 Fufs. 
Die^e Hochebene nnn ist geologisch und topographisch sehr merkw&r* 
dig. Offenbar war sie ursprünglich ein tiefes, zwischen den Parallel- 
ketten eingesenktes Kesseltbal, welches allmählich durch jüngere Nieder* 
schlage, bestehend aus Sand und Lehm nebst zahllosen Steinen ausge- 
füllt wurde. Das Alles bildet nun eine Art schwach cementirten 
Conglomerats, welches so leicht zerfällt und verwittert, dafs die drei 
Flüfschen Merke, welche dieses Hochplateau dnrchrinnen, sowie femer 
der Karkara und Kegen bei ihrer Vereinigung, endlich der aus letzte- 
rer gebildete Tscharyn sich tiefe Betten in dasselbe gegraben haben. 
Die Thäler dieser Flüsse sind in das I^uptplateau bis in eine Tiefe 
von 700 — 800 Fufs eingeschnitten und gehen mit ihrer Sohle durch 
das Angeschwemmte hindurch bis zum festen Gestein, welches an der 
zweiten Merke aus Bergkalk mit seinen Versteinerungen besteht. Dies 
furchtbar zerschnittene Terrain ist das Haupthindernifs auf dem sonst 
besten Wege, der von Wärnoje zum Issyk-Eul geht und über den 
Sseirek-Tas, den Turaigyr, die drei Merke und den sehr bequemen Pafs 
der Sudkett^ SsaorTasch fuhrt.,. Zur Erklärung jener colossalen Ab- 
lagerungen nimmt Ssemenof an, dafs der Kessel einst i^schlossen war, 
und viele Bergströme Steine, Geröll und abgespülte Erdschollen 
in ihn schütteten, bis der Kessel mehr and mehr sich füllte, das 
Niveau des Sees, der sich in ihm gebildet hatte, stieg und endlich die 
Gewässer einen gewaltsamen Durchbrach nach Norden sachten, wohin 
noch jetzt der Tschiiik und der Tscharyn abfliefsen. Seitdem mnlsten 
sich die drei Gebirgsbäche Merke in dem ebenen Hochplateau, dessen 
Bestandtheile der Kraft eines raschen Bergstromes wenig Widerstand 
entgegensetzen konnten, ihre tiefen Betten eingraben, die endlich bis 
auf das feste Berggestein hinabgelegt vnirden. Die vereinigten Flüsse 
durchwühlten dann auch die harte Felsbank, die unter dem losen Con- 
glomeratgebilde am Boden des Tscharjn-Thales verborgen liegt, und 
es entstanden so in der tiefen Schlucht bei der Mündung der Flüsse 
Merke in den Tscharyn die prächtigen und malerischen Wasserfälle 
des letzteren, welche unter dem Namen Ak-Togoi bekannt sind, ^der 
weifse Strom**, weil das ganze Wasser des. Tscharyn sich hier in silber- 
glänzenden Schaum und Wasserstaub auflöst. 

Die Südkette ist der nördlichen in ihrem Ba« ähnlich, anr 
scheint sie im mittleren Theile niedriger als diese zu sein, fällt dafür 
aber allmählicher auf ihren Flügeln ab, ihre Pässe sind ferner in dem 



r 



F. r. Ssemenof 8 Forschungsreisen in den Trans-Uisehen Alataa. 217 

Haoptkamme sehr wenig eingeschnitten, und so ihre mittlere Kamm«- 
höhe etwas bedeutender als die der Nordkette. Im westlichen Theile 
konnte Ssemenof keine hypsometrischen Bestimmangen ausfahren ; den 
von ihm Sberschrittenen Pafs Durenyn-Assj schätzte er auf 9000 bis 
10,000 FuTs. Im Ostfiugel mafs er vier Passe : den Eurmety 10620 F.,, 
den Sehaty 10,040 F., den Tabulgaty 8790 F. und den Ssan-Tasch 
5850 Fufs. Danach würde sich als mittlere Eammhöhe 8825 russ. Fufs 
ergeben. Die mittlere Höhe der Bergpfisse in beiden Ketten des Trans- 
üischen Alataa ubertri£ft also die mittlere Hohe der Alpenpfisse, und 
aar die Pässe im Hauptkamme des Kaukasus können bich an Höhe 
mit denen des Alatau messen. 

Zaletzt giebt der ausgezeichnete Forscher eine Uebersicht der 
Vegetationszonen im Trans-Ilischen Alatau. Er unterscheidet de- 
ren fünf resp. sechs, welche eine über der anderen liegen. 

Die erste ist die Steppenzone, welche bis 2000 Fufs hinauf 
d. h. eben nnr an den FuTs des Alatau hinangeht. Wfilder giebt es 
in derselben gar nicht Nur der Rand der Flüsse, des 111 und anderer 
ist hie und da mit Bfiumen umsäumt, Pappeln (Populus pruinoia und 
P. (UversifoUa), Dschidda (Elaeagnus angustifolia) und einer Eschen- 
{Fr(unnus-)Art. Dies sind nach Ssemenof die einzigen «Bäume, welche 
in dieser Zone im Trans-Ilischen Striche vorkommen. Dagegen ist die 
Steppenzone ungleich reicher an Sträuchern. Hierher gehören: Cle^ 
matis soongorica Bge., CL orientalis L., Berberis integerritna Bge., 
Ammodendron Sieversii Fisch., Halimodendron argenteum D. C, Caragana 
fnUescens D. C, C. tragacanthoides , Hultheimia herberifolia Dumort, 
Aosa Gebleriana Sehr., Tamarix ehngata Led., T. laxa W., T, Pallasii 
Mey., T. hispida W., Lycium sp., ferner ^saksaul {Anabasis Ammodenr 
dran), einige Arten Calligonum, Salix und Ephedra, 

Die Flora der Steppenzone unterscheidet sich überhaupt von den 
über ihr liegenden scharf durch ihren , dem europäischen Typus frem- 
den Character. Nicht nnr ist es die starke Proportion reiner Steppen- 
fonnen, wie z. B. der zahlreichen Salsolaceen und Tamariscioeen, von 
I^iUBisoeen — die Astragalus- Arten, ferner Hedysarum, Älhagi^ Ha" 
ümodeudron^ Ammodendron, unter den Doldenpfianzen — die Ferula, 
von den Caryophyllen AcatUhaphylkttn , uoter den Compositen — die 
Smusurea, ferner von Polygonen — die Caüigonum^ endlich Cgnomo* 
mm eocdneum L. u. a. mehr, sondern es ist nicht minder auch 
der Sn&ere Anblick, der Habitus dieser Steppenpftanzen , der dem 
europäischen Wanderer auffallen und nen erscheinen wird. So erblidct 
er halbstrauehartige, yielverzweigte, stechende oder fleischige Formen, 
das Grün oft mehr aschgraufarben, oder wo es fleischig ist,, mit einem 



218 Martlie: . 

granlichen Schmelz, wie bei der reifen Pflaume, aberzogen. Er yermifst 
den zasammenbfingenden Rasen, vielmehr schimmert darch die in Zwi- 
echenräamen von einander stehenden Pflanzen- Individuen der nackte Bo- 
den hindurch, endlich sieht er selten verschiedene Arten darch einander 
gemischt, sondern in der Regel jede einzelne zu mehr oder weniger aus- 
gedehnten Gruppen oder Gesellschaften vereinigt. Europäische Pflanzen- 
formen bilden in der Steppenzone höchstens 1 Procent ihrer Flora, und 
aach diese sind mehr Formen, die den Uferländern des Schwarzen und des 
KaspischenMeeres angehören, wenige, die auch in Mitteleuropa heimisch 
sind. Der gröfste Theil dieser Steppengewächse gehört zur Flora der 
Aralo-Kaspischen Niederung, die sich hier in die Tiefe Mittelasiens, zwi- 
schen die äufsersten nordwestlichen Verzweigungen des grofsen centralen 
asiatischen Berglandes eindrängt Manche dieser Pflanzen gehen aller- 
dings auch über die Grenzen jener Niederung hinaus, theils nach NO. 
in die Barabi nskische Steppe und zum Fufse des Altai, theils sudwest- 
lich nach Persien und ein die südlichen Uferländer des Schwarzen und 
des Mittelländischen Meeres, bis nach Syrien und Nordafrika hin. Da- 
für sind aber auch nicht ^wenige, die bis jetzt nur in den Grenzen der 
Ili- und Balchasch-Niederung gefunden wurden. Es sind: CUfnatis 
soongorica Bge., Farsetia spathulaia Kar., Helianihemum soongoricum 
Sehr., Acanthophyüum paniculatum Regel et Herder, Erodium Seme- 
nomi R. et H., Haplophyllum Sievergii Fisch., ZygopkyUum R. et H., 
Oxytropis Semenowii R. et H., Ästragalus brachypuB Sehr., Ä, cognalus 
Sehr., Ä. sphaerophyia Kar., A. Turczaninovii Kar., A. spartioides Kar., 
A. lanuginosus Kar., A, flexus Fisch., A. lagocepha^us Fisch., A. alopecias 
Fall., A. Semenofoii R. et H., A. ilensis R. et H., A. farctus R. et H., 
A, chlorodontha R. et H., A, halodendron R. et H., Orobus Semenowii 
R. et H., Hedysarum Semenowii R. et H., Rosa Gebleriana Sehr., Eryn- 
gium macrocalyx Sehr., Ferula soongorica PalL, Ackillea trichophylla 
Sehr., Artemisia juncea Kar., Saussurea rigida Led., S, coronata and 
noch manche andere. 

Es lassen sich in der Steppenzone 2 Etagen unterscheiden, die 
anch in ihrer horizontalen Erstreckong zwei besondere Gebiete bilden* 
Die erste, von 500 — iOOO Fufs gehende, ist durch Ssaksaal and über- 
haupt die charakteristischen Pflanzen der Aralo-K aspischen Niederang, 
femer durch locale Typen gekennzeichnet Die zweite von 1000 bis 
2000 Fufs gehende chäracterisirt sich durch Arlemisia und begreift eine 
grofsere Zahl europäischer Typen als die erstere. E^inia and Boden 
der Steppenzone zeichnen sich durch aufserordendiche Trockenheit ans. 
Flosse, welche die drei nächst höheren Zonen als muntere Bergstiöfflc 
durcheilen, nehmen rasch an Umfang ab, sobald sie die Steppenzone 



P. T. Ssemenof s Forschnngsreisen in den Trans-Ilischen Alatau. 2 1 9 

beitihren, bilden lange Trockenstellen oder salzhaltige kleine Seen and 
sterben endlich ganz ab, indem theils der durstige Boden, theils die 
erhitzte Atmosphäre ihr Wasser verschlucken. Für Kolonisation ist die 
Steppenzone darom angeeignet, and die einzige rassische Ansiedelang 
derselben, Iljiskoje an einer Ueberfahrtsstelle des 111, hat keine öko- 
nomische, sondern nar strategische Bedeutung. Dagegen hat die Steppen- 
zone far die Oekonomie der Eingeborenen, der Kirgisen, eine um so 
gröHsere Wichtigkeit, denn sie gewährt ihnen die beste Ueberwinterungs- 
sUUte und gutes Yiehfutter während des kurzen, wenig schneeigen 
Winters, der dieser Zone eigenthümlich ist. 

Die zweite Zone, welche die Kultur- und Gartenzone heifsen 
konnte, erstreckt sich nicht nur am Fufse des Alatau, sondern geht 
auch seine Vorberge und Thäler bis zur untern Grenze des Nadel- 
bolzes hinauf, d. h. von 2000—4500 Fufs am Nord- und bis 5000 Fufs 
am Sudabhange des Gebirges. An Laubwaldungen ist in dieser Zone 
kein Mangel, besonders sind solche Wäldchen in den untern Theilen 
der Querthäler, welche den Nordabbang des Alatau durchbrechen, nicht 
selten and üppigen Parkanlagen zu vergleichen. Unter den Bauoa- 
gattnngen dieser Zone treffen wir auch Obstbäume, die in Sibirien 
völlig fremd sind, so den wilden Apfel- und den wilden Aprikosen- 
banm, im westlichen Thian-Schan auch Pistacien- und Walin ufsbäume. 
Aolserdem gedeihen in dieser Zone : Popuius laurifolia, P, tremula, Be- 
tnia datmrica, die schöne, neuentdeckte Ahornart Acer Semenowii, Sor- 
Ims aucuparia, Prunus padus und Crataegus pinnalißda. Von diesen 
Steigen auch in die folgende Zone hinauf: Birke, Espe und Vogelbeere. 
Sträucher sind ebenfalls in dieser Zone zahlreich vertreten: Clematis 
toongarica Bge., CL orienialis L., Berberil keteropoda Sehr., Caragana 
fmtescens De, C tragacanthoides Poir., C. pygmaea De, Halimodendron 
orgenteutn De, Prunus prosirata Lab., Spiraea hypericifoHa L., S, mul- 
Üßda L., S, crenaia L., S. irilobnta L., Rubus idaeus L., Rosa pimpi" 
neUifoHa De, R. platyacaniha Sehr., R. cinamomea L., R. acicularis 
Und. t>ar, Gmelini, Cotoneasier vulgaris Lindl., C. nummuiaria Fisch., 
Myricaria alopecuroides Sehr., Ribes heterotrickum Mey., Lonicera ta- 
tariea L., Vibumum opulus L., Hippophae rhamnoides L., einige Calli- 
yomm und Ephedra. Die Flora dieser Zone schliefst im Ganzen über 
60 Prooent europäischer Arten in sich, und zwar besonders Vertreter 
der mittelearopäischen Flora. Unter den rein asiatischen Typen ge- 
hören einige zar sibiriscb-altaischen Flora, andere zur Aralo-Kaspischen, 
die meist aos der vorhergehenden Zone hoher hinauf gezogen sind, eine 
dritte Abtheilang endlich bilden die der Dsungarei d. h. den Stafen- 
lindem des Thian-Schan, der beiden Alatau and des Tarbagatai eigen- 



220 Marthe: 

thümlichen PflanzeD, die theilweise aach weiter sfidlich, am Rande des 
asiatischen Hochgebirges d. h. im östlichen Persien verbreitet sind. 

Zar ersten Kategorie zählen: Paeonia anotnala L., Sysimbritm 
brassicaeforme Mej., Cerastium maximum L., C. datniricum Fisch., Ge- 
raninm albißorum Led., Thermopsis lanceolata R. Br., Caragana pyg- 
maea De, C. tragacanihoides Poir., Astrag ahts vicioides Led., A, kyp<h 
gaeus Led., Ä. Arbuscula Pall., A. armatus Kar., Hedysarum polymorphum 
Jjed., Hed, negiecium Led., Spiraea trilobata L., Potentilla pensykanica 
L., P. dealbata Bge., P. muUißda L., P. bifurca L., P. chrysantha L., 
P. sericea L. 

Zur zweiten Kategorie gehören: Clematis orientalis L., ^nemoo« 
biflora De, Ranuncfdus platyspermus Fisch., Papaver arenarium Hieb., 
Glaucium squamigerum Kar., Euclidium tataricum De, Chorispora tenella 
De, Leptaleum filifoliutu De, Goldbachia laetigala De, DianthuS crinitus 
Sm., Z>. recUcaulis Led., Acanthophyllum spinosum Mej., Peganum har- 
tnala L., Trigonelia polycerata L., Glycyrrhiza asperrima L., Halimo- 
dßndron argenteum De, Oxytropis ßoribunda De, Astragalus PaUasii 
Fisch., Prunus armeniaca L , A prostrata Led., Cotoneaster nummufaria 
Fisch., Tamarix PaUasii Deav., Valerianellaplagiostephana Fisch. Einige 
von diesen Arten gehen sudlich über die Aralo-K aspische Niederung 
hinaus und sind auch in Persien heimisch, wie j4n6mone biflora und 
Acanthophyllum spinosum. 

Der dritten Kategorie endlich gehören an : Clematis soongorica Bge., 
Berberis heteropoda Sehr., Heliantkemum soongoricum Sehr., 5»/6ne 5e- 
menotoü R. et H., S. holopetala Bge., Acanthophyllum paniculaUim Reg.» 
ilcer 5emenot0ift R. et H., HapiophyUum Sieversii Fisch., Oxytropis macro^ 
carpa Kar., 0, merkensis R. et H., 0. instans R. et H., Astragalus leueoclä' 
dus Bge., A, lasiopetalis, A, ellipsoideus Led., Ä. Sietersianus Pall., Ä. 
' arganaticus Bge., A, petraeus Kar., A Schrenkianus Mey., Hedysarum 
soongoricum Bong., Onobrychis pulcheUa Sehr., Rosa platyacantha Sehr., 
Crataegus pinnatißda Bge., Myricaria dhpecuroides Sehr., l/m^t/tcM 
platyphyUus Sehr., ^i6e« heterotrichum Mey., Cortim seUtceum Sehr., 
Dipsacus azureus Sehr., /nti/a grandis Sehr., Pyrethrum R. et H., ^rltffni- 
sta O/tftertona, Ligularia maerophylla De und andere. 

Die Kultnrzone ist nicht nar überhaupt für Acker- nnd Gartenbau 
geeignet, sondern aach durch grofse Fruchtbarkeit aasgezeichnet, — aber 
unter der Bedingung, dafs die Möglichkeit künstlicher Bewässerung vor- 
handen ist. Da diese nun von dem Wasserreichchum der aus der Schneö- 
region herabkommendnn Flösse abhängt, so sind innerhalb dieser 
Zone nur die Bergpartieen fruchtbar, welche unter den sckneebedecktea 
oder wenigstens hohen Theilen des Alatau liegen; wo aber der Oe- 



P. ▼. Ssemenofs Forschnngsreisen in den Trans-lUschen Alataa. 221 

bii^kamxn anter 6000 Fafs sinkt ^ wird auch die darunter liegende 
Kaitarzone troi^en und anfrucbtbar und nähert sich dem Steppen- 
diarakter. Ihre besondere Wichtigkeit hat diese Zone für die russische 
Kolonisation, wie denn auch alle rassischen Ansiedelungen mit einer 
Ausnahme innerhalb derselben liegen. Aach die kirgisischen und kara- 
kirgisischen Kulturfelder gehören grofstentheils eben dieser Zone an, 
nicht minder ihre Winterquartiere überall da, ^wo der orographische 
Baa der von ihnen besetzten Territorien ihnen die Benutzung der war- 
men Steppenzone versagt Am Nordabbange des Trans-Ilischen Alataa 
hat übrigens die russische Kolonisation die Kirgisen aus allen gut be- 
wisserten Theilen dieser Zone vollständig verdrängt und ihnen 
nur die trockeneren, unfruchtbaren Theile übriggelassen. Das ist aber, 
meint unser rassischer Gewährsmann, kein Sehade für die so Deposse- 
dirten, denn in ihrem unbestrittenen (?) Besitze sind die für ihre 
Wirthschaft d. h. für die Viehzucht wichtigsten Zonen geblieben, die 
Steppenzone zar Winterweide und die alpine zur Sommerweide. Ihr 
Ackerbau hat natürlich gelitten, dafür ist ihnen die Möglichkeit gegeben, 
gegen die Erzeugnisse des russischen Ackerbaues mit Vortheil die Ueber- 
sehüsse ihrer Heerden wirthschaft umzusetzen, welche letztere dorch die 
seit der russischen Besitzergreifung hergestellte Sicherheit gegen Raub 
und Plünderung einen mächtigen Aufschwung genommen haben soll. Die 
rassischen Ackerbau-Kolonien sind jedenfalls, nach des eben Genannten 
Meinung, vortheilhafter für die eingeborenen Nomaden als militärische 
Posten, da der Bauer-Kosak^ dem nomadidrenden Nachbar nicht mehr 
als Feind ^und Bedränger erscheinen, sondern durch den nothwen- 
digen gegenseitigen Austausch der beiderseitigen Producte freund- 
aachbarliebe Beziehungen mit diesem zu unterhalten geneigt und ge- 
nothigt sein wird. (Die Meinung der in so glückliche ökonomische 
Yerhältnisse gestellten Kirgisen wird nicht mitgetheilt.) 

Die dritte Zone wäre als Zone der Nadelhölzer oder sub- 
slpine zu bezeichnen. Sie erstreckt sich von 4500 oder 5000 Fufo 
bis zu den Grenzen der Wald Vegetation d. h. ,7600 und 8000 Fufs. 
Die vorherrschende Art dieser Zone ist die Fichte (Picea Schrenkiana). 
Dafo auch Laubbäume hier noch vorkommen^ wurde oben schon bemerkt. 
Ta den Sträuchem dieser Zone gehören : Athragene tüpina L., Berberis 
hHeropoda Sehr., Etonymvs Semenowii R. et H., Rhcunnus ccUhartica L., 
Spiraea hypericifolia L., Sp, oblongifolia Wald., Rosa pimpineUifoUa Dc^ 
Coloneasier nummuiaria Fisch., Cot, multifloria Bge., Myricaria datutica 
Ehr., Ribes rubrum L., iR. iUropurpureum Mey., Lonicera tatarica L., 
L xylosteum L., I. microphyUa W., L. hispida Fall., L. caerulea L., 
L. KareUniy L, humilis Kar., Hippophae rhamnoides L., Juniperus pseudO' 
-s^Akta Fisch., zwei Arten Salix, 



222 Marthe: 

Das Verhfiltnifs der earopäischen Gew&chse ist in dieser Zooe 
dasselbe wie in der vorigen, über 60 Procent, es sind aber in den 
oberen Partieen der Zone alpine und polare Typen^ wie s. B. Atragei^e 
alpina L., Anemone narcissifiora L., Papaver alpinum L., Viola grandi- 
flora L., F. bißora L., Alsine vema Bartl., A. ViUarsi Mert, LyekmM 
apetala L., Cerastium alpinum L., Astragalus aipinus L., Hedysarum 
obscurum L., Potentilla nit>ea L., Epilobium latifolium L., Saxifraga 
hireulus L., Neogaya simplex MeissD., Erigeron uniflorus L., Leontopo dium 
aipinum Cass. u. s. w. 

Von den asiatischen Formen, welche 40 Procent dieser Flora bil- 
den, gehört die gröfsere Hälfte sa den Gew&chsen des sibirischen 
Nordens (altaisch-ssajanskische and zum Theil polare Typen), die übri- 
gen stimmen mit denen des Kaukasus und Himalaya oder sind endlich 
locale Formen aus dem Alatau-Thian-Schan-Gebiet. 

Als sibirische Formen sind zu bezeichnen : PulsaUlla albana Spr., 
Eanunculus pulchellus Mey., Trollius altaicus Mey., Chorispora Bungeana 
Fisch., Eutrema alpestre Led., Parnassia Laxmani Fall., Silene grananini- 
folia Otth., Cerastium maximum L., C, Uthospermifolium Fisch., C. da- 
fDuricum Fisch., Geranium albiflorum Led., Impatiens parvißora De, Ther*^ 
mopsis lanceokUa R. Hr., Medicago platycarpos Led., Astragalus altaicus 
Trautv., A, t>icioides Led., Lathyrus altaicus Led., Hedysarum polymor- 
phum L., Sanguisorba alpina Bge., Potentilla bifurca L., P, pensyhanica 
L., P. sericea L., Coioneaster multiflora Bge., Myricaria davurica Ehr., 
Sedum hybridum L., Ribes atropurpureum^NLey.^ Saxifraga sibirica L., 
Bupleurum ranunculoides L., Libanotis condensata Fisch., Archange&ca 
decurrens Led., Chaerophyüum sp haller ocarpos Kar., Aster fiacddus Bge., 
A, aipinus L., Artemisia rupestris L., A, sacrorum Led., Doronicum al- 
taicum Pall., Senecio sibiricus Less., Saussurea pygmaea Spr. (?) u. a. 

Dem Kaukasus-Typus gehören an: Trollius patulus Salisb. (aacb 
in Kamtschatka heimisch), Delphinium caucasicum Mey., Silene saxatilis 
Sims., Dianthus crinitus Sm.^ Alsine globulosa Mey., Cicer soongoricum 
Steph., Cotoneaster nummularia Fisch., Cnidium cartifolium Bieb., Sca-- 
biosa caucasica Bieb., Pyrethrum caucasicum W. u. a. 

Der Flora des Himalaya entsprechen : Anemone Falconeri Thoms., 
Oxytropis Kashmirica, Potentilla Salessowii Bge., Sedum coccineum Royle., 
Carum indicum. Wahrscheinlich wird sich die Zahl dieser Pflanzen mit 
der Zeit noch gröfser herausstelUen. 

Locale Typen des Thian-Schan und Alatau sind : Ranunculus soon- 
goricus Sehr., Corydalis Semenowii R. et H., Silene lithophila Kar., 
Geranium aaxatile Kar., G, rectum Trautv., Evonymus Semenowii R. et H., 
Oxytropis ochroleuca R. et H., 0. inslans R. et H., Astragalus litho- 
philus Kar., A.hemiphaca^ Umbilicus Semenowii R. et H,, Ü, platypkyÜus. 



r 



P. 7. Ssemenofs Forschangsreisen in den Trans-Bischen Alatan. 223 

Sehr., Carum bupleuroides Sehr., Chamaesdadium albiflorum Sehr., Aula- 
CQspermum akUavense R. et H., Semenowia transiUensis R. et H., Peu- 
cedanum transiliease R. et H., Schrenkia vagincUa Fiseh., Lotnatopodium 
Lessingianttm Fisch., Lonicera humilis Kar., L. Karelini^ Rhinactina li- 
momfoUa Leas., Brachy actis tiliata Led., Linosyris scoparia Kar., Tana- 
eetum fruticolosum Led., Saussurea cana Led. u. a. 

Dafs so manche Gewächse der alpinen Zone in der Zone der 
Nadelhölzer auftreten, erklärt sich ans der Migration derselben, inso- 
fern die rasch fliefsenden kalten Bergströme die Samen derselben aus 
der oberen in die nntere Zone hinabtragen and durch fortdauernde 
BespaluDg der Ufer und Inseln mit frischem Schneewasser den hierher 
verpflanzten Gewächsen die nöthigen Lebensbedingungen schaffen. Auch 
diese Zone hat für die russische Kolonisation nnverkennbare Wichtig- 
keit, insofern sie ihr Bau-, Nutz- und Brennholz bietet. Das Bau- 
material liefert fast ausschliefslicb die dortige, kerzengerade zuweilen 
zu gigantischen Verhältnissen erwachsende Fichte — Picea Schrenkiana, 
Die russischen Ansiedler klagen zwar, dafs das Holz derselben mit 
der Zeit leicht Risse und Sprunge bekomme, aber dieser Umstand ist 
weniger schlechten Eigenschaften des Holzes, als der Trockenheit des 
Klimas zuzuschreiben; wenn der in der oberen Zone gefällte Baum 
dort auch längere Zeit zum Trocknen gelegen hat, so ist die Kultur- 
zooe, in welcher er aodann verwendet wird, doch so viel trockener, 
dafs das Platzen des Holzes nicht Wunder nehmen darf. Auch aus 
derNadelbolzzone sind die Kirgisen überall, wo dieselbe zwischen 
der von den Russen besetzten unteren und der alpinen Zone liegt, ver- 
drängt worden. Dafür finden sie dort, wo über dieser Zone keine 
%hneegipfel und unterhalb derselben nicht russische Ansiedelungen 
liegen, auf den subalpinen Wiesen, welche hier den dunklen Fichten- 
wald ersetzen, gute kühle Plätze für ihre Sommerweiden. Diesen sub- 
alpinen Character nimmt die jetzt betrachtete Zone auf den äufsersten 
Flugein des Trans-Ilischen AJatau an, z. B. auf dem Turaigyr, in den 
obern Theilen der Längsthäler des Kebin und Tschilik, auf den Ab- 
hängen der iu diese eingelagerten Zwischen ketten, endlich an vielen 
Stellen auf der Südseite des Gebirges am Issyk-Kul. 

Die vierte Zone, die wir die alpine nennen können, geht von 
der oberen Grenze des Wald Wuchses bis zur Schneelinie, d. h. von 
7600 und 8000 Fufs bis 10,500 und 11,000 Fufs hinauf. Die Baum- 
vegetation bort hier völlig auf. Sträucher kommen im Allgemeinen 
noch bis 9000 Fufs vor, daher könnte diese Zone in eine untere alpine, 
odep Zone der Alpen sträucher und in eine obere alpine oder 
Zone der Alpenkräuter getheilt werden. Doch ist der Unterschied 
dieser letzteren Unterabtheilung von der ersteren aufser dem negativen 



224 Marthe: 

Merkmal des YerBch^ndens aller Sträucher and vieler Kräuter kein 
scharfer, da die characteristischen Kräuter der ober-alpinen Zone auch 
in die unter-alpine hinabgehen. 

Die Sträucher der alpinen Zone gehören folgenden, nicht sahi- 
reichen Arten an : Caragana jubaia Poir.', Spiraea laevigaia L., 6Jp. ob- 
longifolia W. K., Fotentilla fnUicosa L., P. Sahssowii Bge., Myricaria 
davuriea Ehr., Ribes atropurpureum Mey., Lonicera KareUni^ L. kumiHs 
Kar., L. n. sp., Sakx glacialis L., dazu noch zwei andere alpine Weiden- 
arten, endlich auch Juniperus pseudosßbina. Zu bemerken ist, dafs 
Alpenrosen (Rhododendron) weder in beiden Alatau, noch im E[im- 
melsgebirge zu finden sind, was durch die Trockenheit des mittelasia- 
tischen Klimas zu erklären sein wird. 

Ueberhaupt weicht die Flora der Alpenzone in ihren Analogieen 
von der Flora der unter ihr liegenden Nadelholz- und Kulturzone sehr 
ab. Die europäischen Pflanzen dieser Zone betragen etwas über 25 
Prooent, und auch diese gehören meistens dem nordisch-alpinen Typus 
an, so z. B. Tkalictrum alpinum L., Anemone narcissiflora L., Ranuti' 
eulus hyperboreus Rottb., Papaver alpinum (#., Draba hirta L., />. incana 
L., Buirema Edwardsii R. Er., Viola grandiflora L., V, biflora L., Lychnis 
apetala Fisch., Diantkus alpinus L., Alsine vema Barth, A. Vxllarsii 
Mert, A. biflora Wahl.^ Cerastium trigynum Vill. C alpinum L.^ Aslra- 
gahis alpinus L., Hedysarum obscurum L., PotenHlla nivea L., Saxifraga 
hircuhis L., S, flagellaris W., Erigeron uniflorüs L., Leontopodium al- 
pinum Cass. u. a. Nur sehr wenige Pflanzenformen der alpinen Zone 
gehören zu solchen, welche auch in den Ebenen des mittleren Europas 
auftreten, so z. B. Thalictrum minus L., Ranunculus iuris L., Barbarea 
vulgaris L., Stellaria glauca With., Linum perenne L., Spiraea oblongi" 
foUa W. K., Alchemilla vulgaris L., PotentiHa fruHcosa L., Galium ver- 
num L., GnaphaUum silvaticum L. u. a. 

Der gröfste Theil der Pflanzen aus der alpinen Flora gehört zum 
sibirisch-alpinen Typus, d. h. zu den Pflanzen, welche der alpinen 
Zone des altaisch-ssajanskischen Systems und den Polarstrichen Sibi- 
riens eigenthumlich sind, aber auch einerseits auf den Kaukasus, an- 
dererseits nach dem nördlichen Amerika übergehen. Dergleichen sind: 
Pulsatilla albana Spr., Ranunculus pulchelhts Mey., R, Cymbalariae Pursh, 
R. altaicus Laxm. (mit seinen localen Varietäten R. fratemus, R, tri^ 
lobus)y Oxygrapkis glacialis Bge., Callianthemum rutaefolium Mey., Trol- 
lins patuhts Salisb., Hegemone lilacina Bge., Isopyrum grandiflorum 
Fisch., Draba rupestris R. Br., D. pilosa Ad., D, stellata Jacq., D, lactea 
Ad., Thlaspi cochleariforma De, Chorispora Bungeana Fisch., Erysimutn 
cheiranthus Pers. (?), Taphrospermum altaicum Mey., Hutchinsia pectinata 
Bge., Viola GmeUniana Roem., Pamassia Laxmani PalL, Silene gramin4^ 



P. T. Ssemenofs Forscbangsreisen in den Trans-Ilischen Alatan. 225 

füUa Otth., CerasHum HthospermifoUum Fiscb., Thermopsis alpina Led.» 
Caragana juhata Poir., Oxytropis oHgantha Bge., Hedysarum polymor* 
phnm Led., Spiraea laevigata L., Sanguisorba alpina Bge., Potentiüa 
ierieea L., A maUifida L., P, fragifarmis W., Dryadanihe Bungeana Led.^ 
Synearia davurica Ehr., Sedum Ewersii Led., ^»6^« atropurpureum Mey«, 
Ckfysospienium nudicaule Bge., Saxifraga sibirica L., ^rcAnn^e^tca d«- 
cwrefw Led., Libanoiis coridensata Fisch., CaUmeris aUaiea Nees, 7^- 
rtthrumpulchrvm Led., Doronicum aUaicum Fall., Seneeio sibirieus Lep«, 
ilrlMttsta sericea Web., vi. globuiaria Gh., Saussurea pygmaea Spr. (?) 

IL 8. ▼. 

Wenige Pflanzen der hiesigen alpinen Zone werden auch im Hima- 
kja gefunden, n&mlich: >4n6inone micraniha Elotzsch, CorydalisGortscha^ 
koffi Sehr., PoteniiUa Salessotoii Bge., Sedum coecineum. 

Bndlich Localtjpen der alpinen Flora des Alatau and Thian-Schan 
sind: hopyrum anemonoides Kar., Aconitum rotundifolium Kar., Parrya 
stenocarpa Kar., Bryomorpha rupifraga Kslt., Geranium saxatile Ear., 
Oxytropis frigida Kar., 0, amoena Kar., 0, platysema Sehr., 0. heteropoda 
n. sp. (R. et H.), 0. fruticulosa n. sp., 0. cana n. sp., 0. algida n. sp., 
0. rupifraga n. sp., 0. melaleuca n. sp., Astragalus atratus n. sp., ^. 
•iea/is Ear., Onöhrychis pulchella Sehr., Umbilicus piatyp hyllus Sehr, 
(f. dpestris Kar., Sedum gelidum Sehr., Schrenkia vaginata Fisch., I,o- 
fttcfra KareUni L., jL. humilis n. sp., Galium soongoricum Sehr., Fa/e- 
riaaa globularifolia, Brachy actis dliata Led., Pyrethrum discaideum 
Led., Saussurea sorocephala Sehr. n. a. 

Aofserordentlich reich ist die alpine Zone an Wiesen und Weiden, 
and daher steht sie im ökonomischen Leben der eingeborenen Noma- 
den an erster' Stelle. Den letzteren gehört sie auch unbestritten an, 
da die Russen, mit Ausnahme friedlicher Eroberer im Dienste der 
Wissenschaft und weniger kuhner Jäger, sich fast nie in diese Zone 
versteigen. 

Die fünfte Zoäe ist die des ewigen Schnees, welcher mit seiner 
glänzenden Decke alle Berggipfel dieser Zone bekleidet, wenn nicht 
üire felsigen Abhfinge so steil sind, dafs der Schnee sich nicht darauf 
halten kann oder nur in einer so dünnen Schicht, dafs die brennenden 
Strahlen der Sommer sonne, die sich bis auf 17 Grad dem Zenith des 
IsBjk-Knl nähert, ihn zerschmelzen. .Von diesen dunkeln Flecken 
stammt, wie wir wissen, der kirgisische Name des Gebirges — Alatau. 
Die Höhe der Schneelinie wurde von Ssemenof überall da, wo er in der 
zweiten Hälfte des Sommers bis zur Grenze des Schnees vorzudringen 
vermochte, hypsometrisch (mittelst der Temperatur «des siedenden Was- 
sers) bestimmt. Die Resultate vieler Beobachtungen ergaben für den 
Nordabhang des Himmelsgebirges und die Südseite des ^Knngei^- Alatau, 

SflitMhr. d. 0««ellaeh. f. Brdk. Bd. IV. ^^ 



226 Joiaphat Hahn: 

die beide sa der stark sich erhitzenden Hochebene des Issyk-Eal gewendet 
sind, -— 11,500 — 12,000 mss. Fn&, dagegen för den Nordabhang des 
^Trans-Ilischen^ Alatan — 10,500—11,000 mss. Fofs, endlich far den 
Ssemiretschinskisdien Alataa, d. i. Alatan der sieben Flusse — 10,000 
bis 10,500 mss. Fnfs. Im Thian-Schan, namentlich in der majesttti» 
sehen Gruppe des Chan-Tengri, hat der ewige Schnee weitansgedehnte 
Gletscher geschaffen, welche indefs nicht anter 9000 Fnfs hinabreiehen, 
d. h. an der oberen Grenze der Alpenstrfiucher Halt machen. So nn* 
wirthbar aber die Zone des ewigen Schnees ist nnd so wenig zngftng- 
lich dem Nomaden, der nur aaf der Jagd hinter dem Wilde, das hier 
eine sichere Zuflacht sadit nnd findet, bis dahin vordringt, so wichtig 
ist sie, wie wir gesehen haben, dem Gebirgs-Bewohner und Anwdbner, 
da nur dort, wo die helle Schneebinde das Haupt der Bergriesen krönt, 
im Ober- und im Unterlande der Nomade und der Adeerbauer die Be- 
dingungen eines gedeihlichen Daseins vereinigt finden. 



X. 

Die Ovahererö. 

Von Josaphat Hahn. 
(Zweite Abthdlung.) 



Wenn wir im Folgenden eine Charakteristik des Volkes der Ova- 
hererö za geben gedenken^ so werdenr wir einerseits genothigt sein, 
gleichsam als Rahmen zu dem zu entwerfenden Gem&lde, einen kursen 
geschichtlichen Abrifs dieses Volkes zur allgemeinen Charakteristik 
desselben und zur Situation vorauszuschicken und anderseits oft nicht 
umhin können, die hervorstechenden Eigenthümlichkeiten der Ova- 
hererö dadurch besonders hervorzuheben, dafs wir dieses manchmal 
im Gegensatz zu denjenigen ihres nficbsten Nachbarvolkes, der Nama- 
qua, thun. 

Es ist bekannt, dafs unter den Negerstfimmen des Inneren Afrikas 
ein ewiger Kampf und Streit, ein ewiges Völkergedränge, man möchte 
sagen, eine ewige Völkerwanderung, stattfindet, wobei die einielnoD 
Nationen oft ihre nationale Existenz verlieren und gSnzlich von der 
Erde verschwinden, oft' aber auch unaufhörlich ihre Wohnsitee finderUf 
bis sie endlich, wohl Hunderte von Meilen von ihren ursprunglicbes 



r 



Die Orahererö. 227 



Wohnsitzen, wie vom Starme yerschlagen^ änB den Wogen des grofsen 
Völkermeeres auftaachen and auf eine 2^it lang wieder festen Fofs 
fiMsen. Wie rathselhafte Brscheinangen stehen solche Völker ihren 
neuen Nachbarn zur Seite; keiner weifs, woher sie kommen, sie selbst 
wohl ebenso wenig ; oder es taachen wenigstens nor dunkle Ahnungen, 
unbestimmte Erinnerungen von ihren Kämpfen, Wanderungen, von den 
fielen Völkerschaften, mit denen sie in Berührung kamen, unbewnfsty 
sUer historischen Färbung und Genauigkeit entkleidet in dunklen 8a* 
gen, in M&rchen und sonstigen Erzählungen, in ihrem Aberglauben 
0. 8. w. wieder auf. Solch ein räthselhaftes Volk ist auch dasjenige, 
mit welchem wir uns im Folgenden hauptsächlich beschäftigen wollen, 
das Volk der Ovaberero. 

Vor etwa hundert Jahren kam vom Norden her ein mächtiges, 
schönes schwarzes Negervolk, reich an unermefslich^n Rinder- und 
SiIeiDviehheerden und besetzte das oben beschriebene Land, das jetzige 
Land der Ovaberero, welches nördlich von den Wohnsitzen der Orofs« 
N&maqna und zwischen dem atlantischen Ocean und dem Ngamisee 
liegt. Es drängte jenes gelbfarbige häfsliche Hottentotten- oder Na- 
mftqaavolk, welches sich kurz zuvor dort niedergelassen hatte, nach 
dem Süden zurück und besetzte aufserdem noch den nördlichen Theil 
des jetzigen Grofs-Namaqualandes bis hinunter zu den Quellen des Aub 
oder Fischflusses. Dies mächtige Volk, von welchem die Rede ist, war 
das Hirtenvolk der Ovaberero und Ovambandyerü. Vor dieser Ein- 
wanderung und der Besitznahme des jetzigen Hererolandes durch diese 
beiden Volksstämme gehörten jene an grofsen Hochebenen , aber auch 
an gewaltigen Bergmassen und Bergzugen reichen Gegenden theils den 
Namaqua, tbeils waren sie der Sitz eines räthselhaften Vplkes, der 
schwarzen Bergdamras oder Haukoin d. h. „rechte Menschen^ und der 
Bnschmänner oder Saan, auch Aunin d. h. „Spitzen^ genannt. Von 
dem südlichen Theile des Hererolandes, dem Zwachaubgrunde, kann man 
es mit voller Bestimmtheit behaupten, dafs es früher von den Namaqua 
ond den beiden andern Völkern bewohnt wurde, weil sich noch an 
manchen Stellen des Landes die grofsen Steinhaufen der Heizeeibib- 
Oräber finden. Mit diesen Gräbern hat es nämlich folgende Bewandtr 
nife. Heizeeibib ist ein Nationalbeld der Namaqua, an dessen Person 
sich noch viele Sagen und Erzählungen anknüpfen, in denen sich viel 
Menschliches und Uebermen Schliches über ihn vereinigt. Es ist jedoch 
mehr als fraglich, ob Heizeeibib, wie Manche vermuthen, die Gottheit 
der Namaqua ist. Diese mythische Person soll oftmals gestorben und 
wieder auferstanden sein. Grofse Steinhaufen an vielen Orten des 
Landes bezeugen seine Grabstätten, die dadurch entstehn, dafs jeder 
Namab, Annib und Haukoib im Vorbeigehen auf solch eine Stelle oder 

15 • 



n 



228 Josftphat Hahn: 



Grab entweder einen Stein oder irgend einen andern Gegenstand wirft. 
Solche grofse Steinhaufen findet man oft an Stellen, wo weit und breit 
keine Steine sind, woraus man scbliefsen kann, dafs dieselben von den 
Leuten von weit her mitgenommen werden. Es wäre wirklich der 
Mühe werth — leider ist es bis jetzt noch nicht geschehen — , alle 
Sagen von Heizeeibib zu sammeln, denn diese bilden zusammen wahr^ 
scheinlich ein groOses Nationalepos der Namaqua oder wenigstens die 
Fragmente dazu. 

Bei der Elinwanderung der Ovaherero wurden die Aunin zum Theil 
nach den Mundungen des Zwachaub und Kuisib, theils nach den nord- 
östlichen und nordlichen wasserarmen aber grasreichen Ebenen ge- 
drängt, die zwischen dem occupirten Lande und den Ngamigegendeo 
liegen und eine Fortsetzung der EalehariwGste bilden. Ein Theil der 
Haukoin oder Bergdamras- dagegen zog sich mit den Namaqua nach 
Süden zurück und verband sich seitdem aufs engste mit diesen. Die 
f^jj^naqua nahmen ihrerseits das Bundnifs mit solcher Wärme und In- 
nigkeit auf, dafs es den Bergdamras bald allzu lästig wurde; denn das 
anfängliche Band der Freundschaft verengte sich nur zu bald zum 
Nachtheü der Haukoin zu dem der Knechtschaft, obwohl gesagt wer- 
den mufs, dafs diese Knechtschaft nicht überall und immer die 
drückendste war. Der gröfste Theil der Bergdamras oder Haukoin 
indessen floh mit wenigen Annin oder Buschmännern auf die fast un- 
zugänglichen, sehr ausgedehnten, weidenreichen gewaltigen Berplateaus, 
von denen schon in der vorhergehenden Abhandlung über das Land 
der Ovaherero ausführlich die Rede war. — Bei einiger Wachsamkeit 
der Flüchtlinge waren diese natürlichen Bergfesten für die Herero und 
Bandjeru uneinnehmbar. Von diesen aus fügten die Bergdamras den 
mächtigen Eroberern manchen empfindlichen Schaden zu. Alle Augen- 
blicke machten kleine Abtbeilungen der kühnen Bergbewohner Ausfälle 
in die Ebenen, fielen über die Heerden her, raubten Vieh und flohen 
dann zurück auf die hohen Berge, von deren steilen Felswänden herab 
sie die Verfolger verhöhnten, die auch nie weiter als bis zumFufse 
derselben sich heranwagten. Einige herabgerollte Granitblocke wären 
dazu geeignet gewesen, eine napoleonische Armee in Schach zu halten, 
geschweige denn einen Haufen verhältnifsmäfsig so ungeübter Krieger 
wie die der Herero und Bandjeru. — Die beständigen Fehden zwi- 
schen den Herero und Bergdamras haben seitdem bis auf die neneste 
Zeit fortgedauert, wo sie endlich aufgehört zu haben scheinen. 

Merkwürdig ist die Erscheinung, dafs die Bergdamras, sowohl die- 
jenigen, die mit den Namaqua nach Süden zogen, als auch die anderen, 
die getrennt von den Namaqua und ihren übrigen Stammesverwandten 



Die Oraherertf. 229 

auf den Hochplateaas des Hererolandes hausteD, ganz die Sprache der 
Namaqaa angenommen haben. In den nachfolgenden Kriegen zwischen 
den Herero und Namaqaa stellten sich stets die schwarzen Bergdam- 
ras auf Seiten der gelben Namaqaa trotz ihrer unverkennbaren Ver- 
wandtschaft mit den Ersteren ; denn die Bergdamras sind wie die He* 
rero ein Negervolk und es sind unzweifelhafte Anzeichen dafür ror^ 
banden, dafs sie früher vor ihrer Berührung mit den Namaqua auch 
eine Negersprache geredet haben. 

Wie schon bemerkt wurde, sind die Ovaherer6 (Hererö) und 
Ovambandyerii (Bandjeru) als ein und dasselbe Volk anzusehen. Die 
beiden Stämme unterscheiden sich eigentlich nur durch einigt äufserst 
geringe dialectische Verschiedenheiten. Als sie das Land besetzten, 
theilten sie sich in das eroberte Gebiet in der Weise, dafs die HereüS 
sieh in dem westlichen, nach der Seeküste zu gelegenen, die Bandyeru 
dagegen in dem ostlichen, bis zum Ngamisee hin sich erstreckenden 
Theile niederliefsen. Wir können jedoch mit „Herero*^ die gesammten 
Herero und Bandyeru bezeichnen, weil die letzteren durch die späteren 
Kriege mit den Namaqua fast ganz und gar vernichtet worden sind, 
and deswegen kaum in Betracht kommen können. 

Ueber die frühere Geschichte der Herer6 und Bandyeru, über den 
Ausgangspunkt ihrer Wanderungen etc. läfst sich nicht Vieles mit 
voller Bestimmtheit sagen; zumal da sie selbst nur wenig, fast gar 
Qiehts, darüber zu erzählen wissen. Man ist indessen neuerdings durch 
Forschungen ihren Wanderungen und ursprunglichen Heimathssitzen 
einigerma&en näher auf die Spur gekommen. 

Wenn man die Herero selbst fragt, woher sie gekommen sind, 
antworten sie stets: „aus dem Norden^, weiter wissen sie nichts an- 
sogeben. Diese Aussage der Herero erscheint auch um so glaubhafter, 
wenn man sieht, in welchem lebhaften Verkehr die Herero mit ihren 
nördlichen Nachbarn, den Ondonga und Ovambo stehen. Durch die 
Entdeckung des Ngamisee's und die Reisen Livingstone's von der Ost- 
nach der Westküste Südairika's ist man der ursprünglichen Heimatfa 
der Herero und Bandyeru noch näher auf die Spur gekommen. Man 
weifs jetzt, dafs am nördlichen Ufer des Zambesi, verhältnifsmäfsig 
nicht weit von der Ostküste Südafrika's, westlich von den Matabele, 
anter dem 18. Grade südlicher Breite ein an Heerden sehr reiches 
Volk, die Batoka genannt, seine Wohnsitze hat, welches, soweit bis 
jetzt bekannt ist, eine dem Otyiherero (Hererosprache) sehr ähnliche, 
wenn nicht dieselbe, Sprache redet. Ebenfalls findet sich eine auffal- 
lende Aehnlichkeit uiid Uebereinstimmung im Aussehen, den Sitten 
and Gebräuchen jener Batoka mit denen der Herero und Bandyerd. 



230 Jotaphat Hahn: 

Es ist nan wohl mehr als wahrscheinlich, dafs die Herero and 
Bandjeni nar einen kleinen Theil einer groisen Nation bilden and or- 
sprQnglich mit den Batoka vereint ihre Wohnsitce in jenen bezeichneten 
Gegenden anter dem 17. Breitengrade hatten, dafs sie femer mit einem 
sehr grofsen Theile ihrer Stammes verwandten und vielleicht unter einem 
und demselben Goilectivnamen aus irgend einem Qrunde, sei es aus 
Wanderlust, oder, was wahrscheinlicher ist, darch Bewegungen im In- 
nern veranlafst, sich von den Batoka getrennt haben oder von dort 
verdrfingt sind und in ostwestlicher Richtang Südafrika in seiner gan- 
Breite darchsogen haben. Unterwegs müssen sich, worauf wir nachher 
wieder znHIckkommen werden, eine Anzahl St&mme im Innern des 
Landes nordlich und nordwestlich vom Ngamisee an den Ufern der dort 
fliefsenden grÖfseren Ströme niedergelassen haben. Die übrigen Stfimme 
sogen dagegen weiter nach Westen und stiefsen ungefähr unter dem 
17. Orade südlicher Breite bei Benguela auf die Ackerbau treibenden 
Bnnda-St&mme, und es ist mehr als Wahrscheinlichkeit dafür vorbanden, 
dafs der bei Weitem grofsere Theil von ihnen sich dort niederliefs und 
sich theilweise mit den dortigen Stfimmen verschmolz. Die Barondu 
z. B., von den Herero Va-rondu-miti d. h. ,) Baumkletterer ^ genannt, 
und die Vanano, die beide südostlich von Bengaela, nördlich vom Ka- 
none, d. b. wörtlich: ^^am Grofsen^ oder „am Grofsflnfs^ wohnen, 
seheinen mit den Herero der Sprache und den Sitten nach sehr nahe 
verwandt zu sein. Es fuhren z. B. beide genannten Völker mit den 
Herero und Bandyeni dasselbe Nationalzeichen ; die oberen Z&hne sind 
ausgefeilt in der Form einer amgekehren römischen Fünf (A). 

Dafs der Hauptzug sich in jenen Gegenden niederliefs, ist in 
neuester Zeit durch Reisen Anderssons nach Okavango und noch be* 
stimmter durch eine Spätere Reise des Missionars Hugo Hahn im Sommer 
1866 nach dem Eu-nene festgestellt worden, indem Letzterer besonders 
genaue Erkundigungen über eine mächtige Nation nördlich vom Kn-* 
D^ne unter dem Goilectivnamen ,,Ovatyimba^ eingezogen hat, weldie 
nicht nur eine und dieselbe Sprache mit den Ovaherero redet, sondern 
anch diese als Namensbrüder bezeichnet und sie sehr gnt zu kennen 
scheint. 

Nachdem der Haaptzug der Ovatyimba, denn dies scheint früher 
der Collectivname für die ganze ausgewanderte Nation gewesen zn 
sein, sich nordöstlich von Bengaela niedergelassen hatte, scheinen sich 
die beiden Stfimme der Herero und Bandyeru von dem Hauptstamme 
abgezweigt zu haben. Diese beiden Stfimme zogen nun nach Süden an 
Benguela vorbei und umgingen die Ovambo zwischen der Meeresküste 
und den Ongandyera; dann kamen sie südlich in das Kaoko-Gebiet, 
wo sich jetzt noch ganze Stfimme der Herero aufhalten. Es mofs 



Di« Ofaberero. 231 

«eh also damals ein Tbeil von IhDen dort niedergelassen haben ; die 
obrigen dagegen drangen weiter nach Süden vor in das Land, welches 
sie Jetzt noch besitzen. Hiernach haben die Herero ganz Recht, wenn 
sie, wie iraher gesagt wurde, aas dem Norden za kommen behaupten. 

Solche Völkerwanderungen im Kleinen sind, wie za Anfang an- 
gedeutet wurde, im afrikanischen Yölkerleben nichts Ungewöhnliches. 
Man denke z. B. anter anderen an die Dyaga, welche auch Afrika von 
Osten nach Westen durchzogen; an die Mantate oderBasuto, welche or- 
sprfinglich am Ngamisee wohnhaft zuerst nach Süden vordrangen, darauf 
wieder ihre alten Stammsitze aufeuehten, bis sie schliefslich wieder im 
Soden bei den Eaffern dauernd ans&fsig wurden; endlich an die Mata- 
bele oder Amazulu, an die Makololo u. s. w., welche ähnliche Wan^ 
derangen gemacht haben. 

Uqter einem gemeinsamen Oberhaapte scheinen die Hererö und 
Bandjerd niemals gestanden zu haben, ebensowenig wie dies bei den 
Batoka und Ovatyimba der Fall ist. Dafs sie ursprünglich aus dem 
.Osten gekommen sind, wird noch dadurch bestätigt, dafs vor etwa 15 
Jahren sehr alte Leute am Ngamisee noch erzählten, ein grofses Volk, 
iD welchem auch die Herer6 and Bandjern gehörten, sei vor längerer 
Zeit aus dem Osten zum Ngamisee gekommen und von da nach Westen 
weitergezogen. Ueberdies haben neuerdings Reisende und Elephanten- 
jfiger nordwestlich vom Ngamisee an den Ufern des von Andersson 
entdeckten Okavango-Stromes reiche, mächtige and unabhängige He- 
fsnSstämme, wie sie behaupten , aufgefunden , welche sich auf jener 
Wanderung durch Südafrika in den dortigen Gegenden, wie früher 
schon bemerkt wurde, niedergelassen haben müsseri. Man hat nach 
dem Gesagten nicht im Mindesten Grund, an der Richtigkeit der Atis- 
sageo Jener Reisenden za zweifeln. Ferner kennen die am Ngamisee 
iebenden Bayeye und Bakoba, sowie die später eingewanderten Bet- 
tdioana^s die Herero sehr gut; sie haben mit den breiten Spiefsen und 
den furchtbaren Eirri's (Keulen) der Letzteren in früheren Zeiten schon 
sehr unangenehme Bekanntschaft gemacht Als nämlich die Herero 
vA Bandyeru sich im jetzigen Hererolande eben niedergelassen und 
sieh mit ihren gewaltigen Viehheerden fast bis zum Ngamisee hin aus- 
gebreitet hatten, machten die Ovatya6na, denn so nennen die Herer6 
die Betschuanen, verschiedene Versuche, ihre neaen Nachbarn zu ver- 
drfiogen and sie ihrer Heerden zu berauben. Nach einigen Rache- 
tögen hin und her drangen die Ovatya6na bis ^Okahändya^ oder 
üSchmelen's Hope^ vor, wo es zu einer grofsen und blutigen Schlacht 
kam. Das Resultat derselben war, dafs die Ovatyaona mit blutigen 
Söpfen zurückgewiesen worden und seitdem nie wieder die Herero an- 
gagriSen haben. Dies sind die Hauptmomente aus der froheren Ge» 



232 Joaaphftl Hak&: 

Bohiohte der Ovabererö, ehe ihr Name den Earopäom bekannt warde, 
die wir in Erfahrung bringen konnten. 

Da von nan an die Oeschichte der Herero mit deijenigen ihrer 
endlichen Nachbarn, der Namaqua^ unsertrennlich susammenfäU:^ 
wollen wir, ehe wir fortfahren, den weiteren Verlauf derselben mitsa- 
theilen, einen kurzen Rückblick auf den Ursprung und die frühere^ 
ebenso räthselhafte Geschichte der Namaqna werfen. 

Die ursprünglichen Wohnsitze der Namaqua waren südlicher von 
den jetzigen gelegen ; sie nahmen die jetzige Kapcolonie bis zur Büd^ 
liebsten Spitze Afirika's ein. Es fragt sich jedoch, ob die Namaqoa 
die Ureinwohner jener Oegenden waren. Jedem irgendwie aufmerk« 
Samen Beobachter mnfs es sehr auffallend erscheinen, dafs ein darob 
Sprache, Physiognomie, Gliederbau, Hautfarbe, Charakter u. s. w. bO' 
vollstfindig von seinen Nachbarn verschiedenes Volk ganz einsam an 
der äufsersten Spitze Süd- Afrikas zwischen Negervölkern formUch ein- 
gekeilt seine Wohnsitze hatte. Wenn man hinzunimmt, dafs die Na- 
maqua selbst sich durchaus nicht für Autochthonen halten, sondern 
sich als Fremdlinge betrachten, kann man nicht länger zweifeln, dafr 
sie eingewandert sein müssen. Aber woher? 

Die Namaqua selbst erzählen, es sei in grauer Vorzeit eb 
«schwimmendes Haus*' d. h. Schiff, dort gelandet, wo jetzt die Ej^jk 
Stadt ist. Aus diesem Schiffe seien mehrere Menschen mit Rindera 
und Schafen an's Land gestiegen und hätten sich dort niedergelassen, 
und von jenen Menschen stammten sie, die Namaqua, ab. Wenn man 
einer solchen Sage ein Moment von Wahrheit zusprechen darf, so 
würde der Kern dieser Erzählung darauf zu beziehen sein-, dafs die 
Namaqua zur See eingewandert sind. Jedenfalls glauben wir mit vol* 
lem Recht hier ganz davon abstehn zu müssen, diese Erzählung auf 
die alttestamentliche Sündfluthserzählung und die Arche zurückzube- 
ziehn, was von anderen Seiten so gern gesohieht Dafs die Namaqoa- 
zur See eingewandert sind, dafür spricht auch die Beschaffenheit der 
Südspitze Afrika's; denn nichts ist natürlicher, als daJGs man bei irgend 
einer Umschiffung des Kap's gerade an einer so hervorragenden und 
günstig gelegenen Stelle anhielt^ um dort eine Niederlassung zu grün- 
den. Es fragt sich aber nun wieder, wann das Kap von einem Kukur* 
Volke umschifft sein sollte, und wie seitdem von einer dort angelegten 
Kolonie ^ein ganzes Volk hervorgegangen sein konnte. Es mulste 
jedenfalls in sehr früher Zeit geschehen sein. Bekanntlich hat auch 
eine Umschiff ung Afrika's schon in sehr grauer Vorzeit stattgefunden! 
Herodot erzählt von einer solchen, die allen Glauben verdient. 

In dem vierten Buche seiner Geschichte, c. 42, erzählt Herodot 
von den Thaten und Unternehmungen des ägyptischen Königs Neche^ 



Die Oyahcrerd. 233 

der etwa gegen Ende des siebententen Jahrhunderts vor Christo lebte» 
Dieser fafste den Plan, die Landenge von Suez in der Richtung vom 
Nil zum Rothen Meere zu durchstechen, um auf diese Weise die Schiff- 
fahrt im Mittelländischen Meere mit derjeoigen im Rothen Meere in 
Verbindung za setzen. Als jedoch sein Plan an der fortwährenden 
Versandung des Kanals scheiterte, versuchte er die beabsichtigte Ter* 
bindang auf eine andere, nicht minder grofsartige Weise, durch eine 
Umschiffung Afrika's, herzustellen. Deshalb rüstete Necho eine Ex- 
pedition aus unter Leitung von Phoniciern mit dem Auftrage, vom 
arabischen Busen aus in südlicher Richtung stets der Ostküste Afrikas 
entlang zu segeln und durch die Säulen des Herkules nach Aegypten 
heimzukehren. Die Expedition ging ab und traf nach drei Jahren aaf 
dem vorgeschriebenen Wege in Aegypten wieder ein. Beweis genug dafür, 
dafs ihnen die Umschiffung gelang. Aber noch mehr wird diese durch £^ 
Zählung von der Fahrt selbst bestätigt. Im Herbste, so wird erzählt, wenn 
die Vorräthe geschmolzen waren, stieg man an's Land und bestellte 
den Acker, wartete die Ernte ab und fuhr dann weiter mit neuen 
Yorräthen. So seien sie an das entgegengesetzte Ende von Libyen 
(am Kap) angelangt. Da aber habe sich eine seltsame Erscheinung 
gezeigt; als sie sich nämlich westwärts gewandt hätten, habe die Sonne, 
nachdem sie zuvor im Osten aufgegangen ^ei, nicht wie sonst zur 
Linken südwärts herum ihre Tagesbahn vollendet, sondern sie habe 
Mittags ihnen zur Rechten, also nach Norden gestanden. Herodot 
selbst hält dies für eine Fabel und erklärt deswegen .ganz treuherzig, 
das könne man anderen weis machen, er glaube nicht daran. Bei 
unserer fortgeschrittenen Himmelskunde weifs jeder, dafs es nicht an** 
ders Bein konnte, natürlich muTste aber den ägyptischen und phönici- 
scheo Seefahrern jene Veränderung im Stande der Sonne höchlich auf- 
ialleii. Dafs es aber bei der damaligen beschränkten Himmelskunde 
nicht möglieh war, eine derartige Erzählung zu erfinden, wenn sogar 
Herodot, der in einer viel späteren Zeit lebte, dieselbe für unmöglich 
hält, 11^ auf der Hand *). 

Bei jener Umscbiffung Afrikas, die wir als unbedingt wahr an- 
nehmen müssen, und die ohne Zweifel in ägyptischer Orofsartigkeit 
aoagernstet war, ist es gewifs nicht zu kühn anzunehmen, dafs die 
Fbönicier ihrer Gewohnheit gemäfs unterwegs Kolonien angelegt haben, 
woza ihnen die Beschaffenheit der Südspitze Afrikas eine Jbesonders 
günstige Oelegenheit bot 

'} Die Literatur, in welcher die Beweisflihmng ftlr die ümsegelang AfHka's 
unter Keeho dargethan wird, ist eine ziemlich reichhaltige, z. B. Junker, Die Um- 
•chifflEuig Libyens dnrch die Ph5niker, in den: Jahrb. f. Philologie. Snppl. VIII. 
1848. 8. 856. X. 8. 141 n. s. w. 



1 



234 Josaphat Hahn: 

Für die Abstammang der Namaqua von den Aegyptern spricht aber 
noch ein anderes entscheidendes Moment. Wir wollen hier ganz absehn 
von der vorhin erwfihnten Namaqaa-Sage, ebenso von der hellen Haot- 
farbe nnd den beiden hervorstechendsten Charakterzügen: sehr grobe 
InteUigens verbanden mit grofsem Untemehmangsgeiste nnd grensen- 
loser Hochmnth, die beide Volker mit einander gemein haben. Die 
vergleichende Sprachforschung ist es, die in neuester Zeit den 8idle^ 
sten Beweis f5r die enge Verwandtschaft beider Völker geliefert hat 
Der bekannte Sprachforscher Dr. Bleek in der Eapcolonie, der sein 
Haaptaugenmerk hauptsächlich auf die südafri^anischep Sprachen und 
insonderheit auf die Namaqua-Sprache gerichtet hat, weist nach, dab 
die letztere aufs engste mit der koptischen (nea-figyptischen) verwandt 
sei. Er will sogar gefunden haben, dafs die Namaqua-Sprache sich in 
ihrem grammatischen Bau reiner erhalten hat, als die koptische. In 
wie weit aber seine Vermntbung, dafs die Namaqna mitten durch 
Afrika vom äufsersten Norden bis zur sfidlichsten Spitze hindurch ge- 
wandert sind, die richtigere ist, lassen wir dahingestellt Die Beweise, 
die er bisher fSr seine Ansicht gebracht, sind nach unserer Meinung 
durchaus nicht zwingender Art, sondern lassen sich wenigstens zum 
grofsen Theil mit der unsrigen in Einklang bringen; doch wtirde es 
ans zu weit fuhren, wollten wir hier weiter darauf eingehn.- Jeden- 
falls aber steht es auch bei ihm fest, dafs die Namaqua von den 
Aegyptern abstammen und eingewandert sind. 

Die Namaqua bildeten schon ein sehr zahlreiches Volk, als sie 
zum ersten Male mit den Europäern am Ende des 15. Jahrhunderts 
in Berührung kamen. Die ersten Europäer, welche das Kapland nnd 
somit die Namaqna kennen lernteo, .waren die Portugiesen, aber diese 
machten sich nicht viel ans dem Lande, denn sie hatten ihr Auge 
hauptsächlich anf Indien mit seinen Schätzen gerichtet. Den Portu- 
giesen folgten die Holländer, welche die Eapcolonie mit Beschlag be- 
legten und die Kapstadt gründeten (1652). Viele Answandemngslustige 
ans den Niederlanden und vertriebene Hugenotten aus Frankreich theil- 
ten sich in das Land und wurden Boers genannt. Im J. 1795 nahmen 
die Engländer, die damals mit Holland um die Herrschaft zur See 
stritten, die Kapcololonie in Besitz, die zwar durch den Frieden von 
Amiens (1802) für wenige Jahre den Holländern zurückgegeben wurde, 
durch die Capitulation vom 10. Januar 1806 aber wieder der britischen 
Herrschaft überliefert wurde. 

Das Schicksal der Eingeborenen war unterdessen kurz folgendes. 
Die Namaqua waren gerade kein sehr sauberes und fleifsiges, aber 
doch ein sehr gutherziges nnd kluges Volk und ohne Zweifel die recht* 



X 



r 



Die OTahererö. 235 



Difsigen Besitzer des Landes. Aber wie die Volker Europas nie dar- 
nach gefragt habeii, ob sie ein Recht auf die fremden Gebiete jenseit 
der Meere haben oder nicht, so hatten sie auch hier gleich kursen 
Procefs gemacht und ohne viele Umst&nde das Land in Besitz genom- 
men. Die. Art, wie sie es machten, ist überall und zu allen Zeiten 
siemlich dieselbe gewesen. Brst behandelten sie die erstaunten und 
aiglosen Eingebornen aufs freundlichste, lockten sie mit Korallen, 
FUtterwerk und allerlei Tand an sidi; dann setzten sie sich an einem 
festen Platze fest, forderten von den Eingebornen allerlei Dienste, und 
wenn diese nicht gehorchen wollten, redeten sie mit ihnen durch Flinten 
and Kanonen, schliefelich entthronten sie die eingeborenen Fürsten und 
Hioptlinge, setzten andere ein oder machten sich selbst zu Herrschern 
and beraubten die Unterthanen ihrer Güter und ihrer Freiheit. 

Die Namaqua setzten sich den Hollfindern, denn diese waren ihre 
eigentlichen Unterdrücker, zur Wehr, und es entspann sich ein Krieg, 
der fast vierzig Jahre dauerte. Die durchaus nicht unkriegerischen und 
ieigen Namaqoa wehrten sich dem durch Waffen weit überlegenen 
Feinde gegenüber mit dem gröfsten Heldenmuthe und Erbitterung. Es 
war ein blutiger und grausamer Krieg. Wir wollen die entsetzlichen 
Grausamkeiten, die die Hollfinder an den unschuldigen Eingeborenen 
begingen, übergehn. Mit dem Ende des Krieges gingen keineswegs 
die Leiden der unglücklichen besiegten Namaqua zu Ende, sie began- 
oen vielmehr jetzt erst In Folge dieser Sklaverei versank das einst- 
mals so mannhafte and gutherzige Volk in dumpfes Hinbrüten, in 
grenzenlosen Hafs und BüTstrauen gegen alle Weifsen und zum Theil 
auch in sklavische Feigheit bis auf den heutigen Tag. 

Der bei weitem grofste Theil der Namaqua wanderte nach Norden 
«ad liefs sich im jetzigen Grofs-Namaqualande, aber auch südlich vom 
Oariep (Orange-Strom), im Klein-Namaqualande nieder. Andere zogen 
aich scheu in die Wüsten Afrikas, besonders in die Kalehariwüste, bis 
n den Ovambo's und nördlich vom Ngamisee zurück, und führten bis 
anf den heutigen Tag ein wildes ,,Bu8chmannsleben^ ; diese bilden 
heute die so tief gesunkene und weit und breit zerstreute Nation der 
^BuschAfinner**. Der geringere Theil blieb zurück in schmachvoller 

Knechtschaft. 

Die gelben Namaqua sammt ihren östlichen Nachbarn, den Kaf- 
fem, und ihren nördlichen Nachbarn, den Betschuanen, beide schwarze 
Negervölker, waren nicht die einzigen Eingeborenen, die um das Kap- 
hmd umher wohnten. Die Boers hatten zur Bestellung ihrer Felder 
und zur Beaufsichtigung ihres zahlreichen geraubten Viehes sehr viel 



236 Josaphat Hahn: 

OeBinde nöthig; die Zabl der Namaqna oder ^Hottentotten*' oder ^Pe- 
per-Koppe^ (Pfefferköpfe) — zwei Spitznamen, welche die BoerB i]k- 
nen beilegten — , war bei weitem nicht hinreichend, und bei den häufig 
wiederkehrenden Empörungen waren die Namaqna immerhin unzuvei^ 
Ifissige Dienstleute. Deshalb hatten die Boers seit l&iigerer Zeit Neger- 
sklaven eingeführt, namentlich von Mozambiqne; auch mnhamedaniscbe 
Bialaien hatten sie angekauft. Als jedoch die Englfinder das Land er- 
oberten, wurde der Sklavenhandel zwar verboten, aber die nach dem 
Bnchstaben des Gesetzes freien Namaqua wurden nun durch die raf&nir- 
testen Mittel und zum Theil durch die Gesetzgebung selbst an die 
Leibeigenschaft gefesselt. Dabei führten die Boers ein zügelloses 
Lasterleben, und es entstand auf diese Weise im Laufe der Zeit eine 
neue eigenthüm liebe Mestizenrace , schlechthin Bastarde genannt, die 
europäische Väter und Namaquamütter hatten. Diese neu entstandene 
Race ist äufserlich kaum von den Namaqna zu unterscheiden. Den- 
noch wollen Einige, ohne ihrer Einbildung Gewalt anzuthun, die Por^ 
traits der afrikani8ch*bolländischen|Aristokratie in ihr wiedererkennen. 
Uebrigens ist nicht zu verkennen, dafs diese Bastards entschieden ein 
gut Theil europäischen und holländischen Charakters geerbt haben, 
worauf sie sich auch nicht wenig einbilden. 

Da die Bastards sich ungemein schnell vermehrten, wurde bald 
eine Auswanderung nöthig, und es entstanden zwei mächtige Staaten 
von Bastards im Nordosten der Kapcolonie am oberen Laufe des Ga- 
riep oder Orange-Stromes : die Koranna's und Griqua's. Nach Norden 
jenseits des unteren Laufes des Gariep zogen auch ganze Bastard- 
stämme, deren Häuptlinge oder „Capitaine^, wie sie sich am liebsten 
nennen, holländische Namen trugen, wie z. B. „Jonker Affrekander^ 
«David Christian**, „Paul Goliath ^ „Willem Zwartbooi**, „WiUem 
Fransmann ^ u. s. w., und so hatten manche alte und achtbare Boers- 
familien wenigstens das Verdienst, durch ihre Namen zur Veredlung 
der Eingeborenen mitgewirkt zu haben. Diese Bastards, welche nach 
dem Grofs-Namaqualande auswanderten, wurden zum unterschiede von 
den reinen Namaqua, welche das Land schon inne hatten, „Orlam's' 
genannt. Die eigentliche Bedeutung • dieses Wortes ist ^eifelhaft 
Vielleicht ist Orlam eine Verdrehung des holländischen Wortes „o'er^ 
land**, d. h. „Überland *^ nnd bedeutet mithin das Volk, welches „über 
Land** gezogen ist. Im Gegensatz zu den Orlam's werden die ur- 
sprünglichen reinen Namaqua sehr oft „Topnaars** genannt: „die Er- 
sten*^, „die Spitzen**, „die Höchsten**, oder die, welche am weitesten 
vorgedrungen oder zuvörderst in das Grofs-Namaqualand eingewandert 
sind. Nach einer anderen Erklärung soll Orlam ein Spottname sein, 
den die holländischen Boers den Bastard- Na maquas gaben, die sich 



Die Oyaherertf. 237 

mafsig aaf ihren LSndereien nmhertrieben. Das Wort bedeutet eine 
anfrochtbare Schaafmatter, ein Geschöpf , welches weder zur Zucht 
noch zam Mfisten taugt, kurz ein verächtlicher Gegenstand, der keinen 
Notzen abwirft. Alles ist indessen relativ, denn was diese Orlam's in 
den Augen der Boers waren, dafSr gelten die eigentlichen Namaqua 
oder Topnaar's jetzt in den Augen der Orlam's. — Zwischen dem 
eigentlichen Namaqua, Hottentott oder Topnaar und dem Orlam und 
Buschmann ist im Grunde gar kein specifi scher Unterschied, was 
aach hierüber schon gesagt und geschrieben sein mag. Der Topnaar- 
Namaqna ist einfach der etwas civilisirtere Buschmann, gerade wie die 
Orlam's dasselbe rohe Material unter einem etwas höheren Grade von 
Politur darstellen. Nicht allein in Physiognomie und Sprache sind sie 
ein und dasselbe Volk, sondern die übrigen Namaquastfimme erhalten 
oft Zuzug von den Buschmännern. Bei ihrem Eintritt in einen der 
grofseren Stämme verlieren die Buschmänner ihren Namen ,)Saan% 
wie sie sonst von den Namaqua genannt werden * ). Doch genug hier- 
von. Wir geben nun in möglichster Kurze einen Ueberblick über den 
Verlauf der Kämpfe zwischen diesen beiden räthselhaften Nationen, 
die durch ein seltsames Geschick aus weiten Fernen zusammengeführt 
za sein scheinen. 

Nachdem der erste Schreck vor den mächtigen Fremdlingen ver- 
flogen war, griffen die Namaqua bald störend in das harmonische, 
argtose Zusammen- oder vielmehr Nebeneinanderleben der friedlichen 
Hirtenstämme der Ovahererö ein. Den Zankapfel zu den nun folgen- 
den, unablässigen Raubangriffen der Namaqua und den Rachezügen 
der Herero boten die Heerden der Letzteren dar. (Um Irrthümer zu 
▼ermeiden, bemerken wir, dafs die Bezeichnung ,,Namaqua^ als Col- 
lectivname für die reinen Namaqua oder Topnaar's, sowie für die 
Bastard -Namaqua oder Orlams gebraucht wird.) Der Heerdeh- 
reichthum der Herer6 war in der That ein nnermefslicher; mancher 
von ihnen hatte nicht weniger als circa zehntausend Rinder und 
Kleinviehheerden in gleichem Verhältnifs. Kein Wunder daher, wenn 



*) Der engliflche Sttdafrika-Reisende 'Galton, der erste, der im Jahre 1850 
in Begleitung von Anderraon bis zu den Ovambö vordrang, spricht sich in seinem 
Reisetagebnehe ganz in unserem Sinne Über diesen Punkt aus, der der Gegenstand 
so mancher Irrthümer und Verwechselungen gewesen ist und noch ^t. Kurz und 
treffend, wenn auch etwas drastisch, fafst er das Resultat seiner Auseinandersetzung 
in den Worten snsammen: «Wenn ich daher sage: Orlamhottentott oder Buschmann, 
10 muSB ich ganz dasselbe gelbe, plattnasige, wollhaarige, mausende Individuum 
meinem gütigen Leser vor die Seele heraufbeschwören, das sich nur durch Schmutz, 
Widiigkeit^nd Nacktheit, je nach dem eben angedeuteten Ausdrucke, unterscheidet, 
vobei der allerhöchste Punkt des Marsstabes ein Wesen ist, das sich an Sonn- und 
Ollatagen respectabel zu kleiden im Stande ist und etwas lesen und schreiben kann, 
der niedrigste Punkt: ein regelmKfsiger Wilder". 



1 



236 Josaphat Hahn: 

diese fast unglaabliche Menge Viehs die Habgier, and die Schönheit 
des verlorenen Gebietes die Sehnsucht nach demselben in den Na» 
maqna erweckte. Namentlich worden diese zu ihren Bestrebungen, 
sich in den Besitz beider za setzen, ermathigt, als sie durch ihre Yer* 
bindung mit der Eapcolonie den Oebraach der Feuerwaffen kennen 
gelernt hatten. Vierzig bis fünfzig Jahre hindurch mit nur wenigen 
Unterbrechungen mochten diese Raufereien, denn Ton regelrechten 
Kriegen kann nicht die Rede sein, in afrikanischem Phlegma stattge- 
funden haben, ohne in ein bedeutsames Stadium getreten zu sein, als 
etidlicli ein bedeutenderes Ereignifs einen Wendepunkt herbeiführte und 
einen regelrechten Krieg, oder besser gesagt, einen Racenkampf im 
eigentlichsten Sinne des Wortes heraufbeschwor. 

Ungefähr um das Jahr 1825 verbündeten sich die mächtigsten 
Namaquastämme zu einem gemeinsamen heimlichen Angriff gegen einen 
reichen Hererostamm, der am westlichen Ende des Oungoati-Gebirges 
seinen Wohnsitz hatte. Die Ueberrumpelung der arglosen Herero ge- 
lang fast vollständig. Es entwickelte sich ein blutiges Treffen, welches 
zum Nachtheil der an Zahl und Bewaffnung schwächeren Hererokrie- 
ger ausgefallen wäre, wenn nicht die Frauen und Jungfrauen der He- 
rero, welche dem Kampfe zugeschaut hatten, im entscheidenden Mo- 
mente wie Furien unter die Kämpfenden sich gemischt und die beschämten 
Krieger zu neuer Standhaftigkeit angefeuert hätten'). Kurz, die Na- 
maqaa wurden geschlagen, und eine ganze Anzahl mächtiger Herero- 
stämme drang kurz darauf in das Grofs-Namaqualand ein und eroberte 
dasselbe zum grofsen Theil während eines verzweifelten Kampfes von 
drca 10 Jahren. Wiederum trat nun ein Wendepunkt für diesen Racen- 
kampf ein. — Zu den im Norden des Grofs-Namaqualandes unterlie- 
genden Namaquastämmen drang gerade in jener Zeit der gröfsten Notb 
die Kunde von einem mächtigen, jungen und ehrgeizigen Orlam-Ka- 
pitain an den Ufern des unteren Laufes des Gariep, Namens Jonker 
Affrekander. Dieser Affrekander war entschieden der gröfste Namaqna 
seiner Zeit. An Scharfsinn,- diplomatischer Gewandtheit, Herrscher- 
würde und kühnem Unternehmungsgeist kam ihm keiner seiner Zeit- 
genossen unter den Namaqna gleich. Seinen Stamm hatte er ganz 
nach europäischem Muster, soweit es die Verhältnisse erlaubten, or- 
ganisirt. Seine Kriegsschaar bestand aus Reiterei und Fufsvolk, and 
beide Waffengattungen waren vollständig mit Feuergewehren versehen 



') Ein sehr schSner Zug, der uns unwillkührlich an die passive Mitwirkung 
der Frauen nn^ Jungfrauen an den Kämpfen unserer altgermanischen YorfahreD> 
wovon Tacitus berichtet, erinnert. 



r 



-»i 



Die Ovabererd. 239 

and trefflieb darauf eingeübt'). Dieser Jonker Affrekander, der sn 
jener Zeit wegen seiner kübnen Dnternebmungen nacb allen Seiten bin 
nicht nur im Grofs-Namaqualande, sondern aucb in der ganzen Eap- 
eolonie das gröDste Aufseben erregte, wurde von den nördlicben Na- 
maqaa um Hulfb angerufen. Diesem Rufe konnte Jonker's Ebrgeiz 
nicht widerstebn. Jonker sog nacb dem Norden seinen bedrängten 
Laadskuten zu Hülfe und griff mit diesen vereint mit seiner tapferen 
und wohlorganisirten Scbaar die Herero mit unwidersteblicber Gewalt 
an. Die herero leisteten zwar den tapfersten Widerstand, konnten 
aber nicbts gegen die überlegenen Feinde ausrichten und verloren in 
der Zeit von etwa acbt Jahren das von den Namaqua eroberte Gebiet 
Badlicb vom Kuisib. Im Jahre 1842 kam endlicb durcb Vermittelnng 
zweier Rheinischer Missionare, Hugo Habn und Eleinschmidt, ein Friede 
iwischen den beiden kämpfenden Parteien zu Stande. Doch war der- 
selbe nicbt von langer Dauer. Schon im Jahre 1844 griff Jonker 
Affrekander uüter irgend einem nichtssagenden Vorwande, auf An- 
trieb von nichtsnutzigen europäischen Händlern — wie überhaupt 
dieser Abschaum der europäischen Bevölkerung der Eapcolonie in der 
Folgezeit stets die niederträchtigste Rolle gegen die Hererö und die 
ihre Sache vertretenden Missionare spielte — die Herero. wieder an 
and bekämpfte jeden einzelnen Stamm nach der Reihe mit dem besten 
Erfolge. Dieses Manöver wurde ihm dadurch ermöglicht, dais sämmt- 
liche Hererostämme, die, was bereits erwähnt worden ist, unter kei- 
nem* gemeinsamen Oberhaupte standen, im Laufe der Zeit in Zwie- 
spalt gerathen waren und sich unter einander aufs erbittertste befehdeten. 
Der Zankapfel, um den sich diese inneren Streitigkeiten drehten, waren 
wiederum die unermefslicben Viehherden der Herero. Jonker und die 
öbrigen Namaqua hatten jetzt, wie man sich denken kann, ein leichtes 



') Jonker Af&ekander (oder Afrikaner) stAmmte aus einer alten Häuptlings- 
&milie der Nainaqna. JSein Vater, Jager Affrekander, diente mit seinem Stamme 
«inem holländischen Boer, Namens Pinaar, an den Ufern des Elephantenflusses in 
der Capcolonie. Da der Boer die Weiber des Stammes in Abwesenheit der Männer 
anfs Schimpflichste mifshandelt hatte, ktlndigte ihm Jager eines Tages den Gehör- 
niD aaf. Des Boers Antwort daranf war, dafs er diesen mit einem wuchtigen Fanst- 
bi«be besinnungslos zu Boden schmetterte. Der Boer griff nun zu seiner Flinte, 
nm seinem Gegner noch den letzten Rest zu geben, wurde aber in seinem Yorhaben 
gestört, indem Jagers Bruder Piet, der noch zu rechter Zeit herbeieilte, ihm eine 
Kagel durch den Kopf jagte. Dies geschah gegen Ende des vorigen oder ganz zu 
An&Dg dieses Jahrhunderte. Jager zog sofort mit seinem Stamme ab und siedelte 
flcb mit demselben am nördlichen Ufer des Gariep oder Orangeflusses an und wurde 
bald der Schrecken der ganzen Umgegend, bis er sich schliefslich mit seiner ganzen 
Ptmilie von dem bekannten Missionar Moffat taufen liefs und den Namen Christian 
Affrekander annahm. Sein Nachfolger wurde sein eben erwähnter jüngster Sohn» 
Jonker, durch einen Gewaltakt oder Staatsstreich, wenn man es so nennen will. 



1 



240 Josaphat Hahn: 

Spiel mit ihren Gegnern. An Mordgier und Graasamkeit fibertr&fen 
diese Raabzage alle Begriffe, die man sich davon machen kann. Ganze 
HereröstSmme warden bis auf den letzten Mann vom Erdboden ver- 
tilgt, nnd Grausamkeiten an Weibern, Kindern und Greisen fielen vor, 
gegen deren Beschreibnng sich jede Feder sträaben würde. 

Nur ein Hereroh&nptling, Namens Kabityene d. b. ^Blitz^ oder 
^"Wetterleucbten**, verdient hier erwähnt zu werden, weil er mit einer 
seltenen Liebe zu seiner Nation beseelt, in uneigennütziger Weise sich 
derselben opferte, indem er trotz vielfacher Anfeindungen von Seiten 
seiner Landslente, den Namaqua eine Zeit lang wirksamen Widerstand 
leisteten. Eahitjene war dem Jonker an Intelligenz und diplomatischer 
Gewandtheit mindestens gewachsen, an Charakter, Wurde und Ent- 
schlossenheit entschieden überlegen. Dieser griff Jonker an und be- 
siegte ihn, schenkte demselben jedoch, obwohl er ihn bis auf den Tod 
hafste, aus übergrofsem Edelmuth das Leben, weil er einst bei Jonker 
Gastfreundschaft genossen hatte. Doch dieser Edelmuth Eahityene's 
wurde die Ursache seines eigenen Verderbens. Jonker Affrekander, der 
jene Niederlage niemals vergessen konnte, schlofs heimliche Bundnisse mit 
mehreren verrSthörischen Hererohänptlingen gegen Kahityene. In einer 
und derselben Nacht wurden sämmtliche Dorfer des Letzteren von den 
Feinden heimlich überfallen. Eahityene selbst wurde auf Okahandja 
von Jonker umzingelt und angegriffen. Ein schreckliches Blutbad 
wurde unter den Hererö, die nach keiner Seite hin entfliehen konnten, 
angerichtet; nur Kahityene wagte es mit einer kleinen tapferen Scbaar 
sich in die Reihen der Feinde zu stürzen und war der Einzige, dem 
es gelang, sich Bahn zu brechen und zu entkommen. Er ahnte nicht, 
•dafs in derselben Nacht sein ganzer Stamm vernichtet war, und daCs 
Frau und Kinder sich in der Gefangenschaft befanden. Als er hier- 
von Nachricht erhielt, raffte er seine letzten Mannschaften auf und griff 
mit der kleinen Schaar und in Begleitung seines einzigen ihm übrig 
gebliebenen Sohnes die Feinde an. Während des Rampfes verliefsen 
ihn aber seine Krieger, und er selbst fiel mit seinem tapferen Sohne 
nach heldenmüthiger Gegenwehr. 

Mit dem Fall Kahitjene's war das Schicksal der Herero entscbie- 
<len. Der ganze südliche Theil, der am meisten bevölkerte des He- 
rerolandes, mit Ausnahme des zu der Missionsstation Otyikdngo gehö- 
rigen Gebietes, wurde in kurzer Zeit unterjocht und verfiel einer 
•drückenden und grausamen Sklaverei unter den Namaqua. Tansende 
von Herero entzogen sich dieser Knechtschaft durch die Flucht zu den 
Ondonga und Ovambo im Norden, . wo sie, freundschaftlich aufgenom- 
men, eine neue Heimat fanden. — Dieser traurige Zustand der voll* 
«tändigen Zerrüttung und Verarmung (denn die grofsen Viehheerden 




Die OTahererö. 241 

waren in die Hände der Sieger übergegangen) währte bis zum Jahre 
iS63. Zum Rahme der Herero sei es gesagt, dals ihr nationales Selbst- 
gefühl, welches schon ganz erloschen schien, durch jene Knechtschaft 
um so stfirker und reiner wieder erwachte. Im Jahre 1863 erhoben 
«ich die sudlichen Herero Mann für Mann gegen ihre Unterdrücker 
unter Anfuhrung eines kühnen Häuptlings, Namens Kamaharero, der 
das erste Signal zum Aufstande gab. Es kam zu einem verzweifelten 
Kampfe, der bis auf den heutigen Tag noch nicht endgültig entschie- 
den ist. Unter Leitung des bekannten, im vergangenen Jahre (1867) 
verstorbenen Südafrika - Reisenden Charles Andersson und des engli- 
schen Elephantenj&gers Green, erfochten die Herero einen glänzenden 
Sieg nach dem andern. Da Andersson aber in Folge des Verlustes 
eines Beines durch eine feindliche Kugel gezwungen war, im Jahre 
1865 das Land zu verlassen und Green sich auf Reisen begab, con- 
centrirten sich die Herero bis dato auf Otyimbingue, der Station des 
vorhin erwähnten Missionars Hugo Hahn, unter dessen Rath und Einflufs 
die Herero seitdem mit demselben günstigen Erfolge den Krieg in mehr 
defensiver Weise fortfuhren. Die Namaqua griffen zwar viermal diesen 
Platz mit bedeutender Uebermacht an, wurden aber jedesmal mit gro- 
fsen Verluaten zurückgewiesen. Der letzte Ueberfall von Seiten der 
verbündeten Namaqua fand im December 1867 unter Anfuhr ung eines 
' Engländers mit f&nfzehnhundert wohlbewaffneten Namaquakriegern 
statt Dennoch wurden diese, trotzdem dafs der Missionar nur 150 
Mann entgegenzustellen hatte und die Station vollständig überrumpelt 
war, nach einem fast zwölfstündigen Gefechte in die Flucht geschlagen 
und eine Woche darauf fast völlig vernichtet. 

Das wichtige Resultat dieses, obwohl noch nicht völlig beendigten 
Krieges ist, dafs die Freiheit der Herero jetzt fest begründet ist, und 
dafe die Namaqua durchaus keine Aussicht haben, jemals vneder die 
Unterdrücker der Herero zu werden. Ferner lädst sich nicht verken- 
nen, dafs die Letzteren die Namaqua an Kultur und Intelligenz über- 
flügelt haben und in Zukunft wahrscheinlich eine geistige und moralische 
Herrschaft über diese ausüben werden. Zu diesem geistigen nnd mo- 
ralischen Aufschwünge der Herero hat die Mission und ganz beson- 
ders die durch den Missionar Hugo Hahn in den letzteren Jahren 
eingeführte Colonisation des Landes durch Europäer, die unter sei- 
ner Leitung stehen, einen entscheidenden Theil beigetragen, indem durch 
die letztere Unternehmung der demoralisirende und 'barbarisirende Ein- 
flnla der weifsen Handler im Lande vollständig gebrochen ist. Die 
voranasichtlich bald bevorstehende engere Verbindung der Walflschbai 
an der Südwestküste des Hererolandes mit der Kapstadt, zum Theil 
durch die wabrscheinlicb baldige Eröffnung der reichen Kupferminen 

S«ilM^. d. GM«U*ch. 1 Brdk. Bd. IV. 16 



242 Josaphi^t Hahn: 

im Lande ^ wird die kaltarhistorische Bntwickelung der Herero, naeb 
aller menschlichen Berechnung, in ein neues und günatiges Stadiom 
treten lassen*). 



') Kacb den neuesten Nachrichten soll die Regienmg am Cap endlich tm 
Kriegsschiff nach der Walfischbai zur üntersttttzung der Hererd nnd der dortigen 
Golonisation abgesandt haben, um dem leidigen Racenkampf endlich ein Ende an 
machen nnd, wie wir hoffen, um durch BesiUergreiftmg des Landes geordnete Var- 
hältnisse daselbst einzuHlhren. 

Wir erlauben uns im AnschluTs an die vorstehende Anmerkung noch Einig«» 
auf Grund sp&terer Kachrichten ttber den augenblicklichen Stand der Dinge im He- 
rerölande binanxnfllgen. Nach dem letaten, oben berichteten Ueberfalle von Ot^im- 
bingu^ haben sich die Yerhältniase vollkommen ^ders gestaltet, als man allgemeki 
erwarten nnd hoffen durfte. Es sei gestattet, hier einiges aus dem letzten Briefe 
unseres Vaters,' des Missionars Hugo Hahn, in welchem er die augenblickliche Sach- 
lage schildert, wörtlich ancuAlhren. »Die Hererd gaben sich einer tragen Ruhe hin, 
und so geschah es, data auch dieser Sieg gar nicht ausgebeutet wurde und die N»- 
maqua Zeit hatten, sich yom Schrecken zu erholen. Jan Affrekander (Jonker's Sohn 
und Nachfolger) schrieb mir, er wolle keinen Frieden mit den Hererö. Wir Wei&en 
sollten fort, oder sollten die Hererd drtogeu, von Otyimbingn^ fortzuziehen, damit 
sie sich mit ihnen, ohne meine Mithülfe, wo anders schlügen. Jacobus Bovis schrieb 
mir auch und ergofs sich in Schmähungen gegen mich. Nach einiger Zeit ver^ 
nahmen wir, dafs sich die Namaqua auf Rehoboth sammelten nnd, da ich jenen 
Beiden eine abschlägige Antwort geschickt hatte, Otyimbingn^ aufs Nene überfallen 
wollten. Eine bedenkliche Bewegung machte sich in Folge dessen unter den Hererd 
bemerkbar; ich möchte sie eine heidnisch -reactionäre nennen. Die Zauberer hatten 
schon lange rumort, der alte KatjamahA, Kamaharerd's Vater, der auf Okahnndya 
begraben liegt, rufe seinen Sohn und sei über ihn ungehalten, dafs er ihn so ein- 
sam liegen liefse. Er habe aus Zorn darüber im vorigen Jahre so wenig regnen 
lassen nnd aus demselben Grunde seien so viele Hererö bereits auf OtTimbin^^ 
gefallen. Dies war eine blofse List der reactionären Partei, um Kamaharerö mei- 
nem Einflüsse zu entziehen und selbst ttber ihn zu verfügen**. — Die List gelang 
auch, und Kamaharerö siedelte mit seinem Stamme nach Okahandya über. — »Alle 
verliefsen uns, und nur die Getauften harrten bei uns aus. Da ich aber diese wegen 
der grofsen Dürre nicht alle beköstigen konnte, schickte ich die meisten von ihnen 
nördlich zum warum. Flusse, um dort Getreide zu bauen. Unterdessen traf una 
die Nachricht, dafs Jacobus Bovis mit einem Haufen Namaqua uns überfallen wolle, 
sich aber zuvor nach der Bai gewandt, Green und Palgrave und andere Weifse an- 
gefallen und theils getödtet habe. So war es denn auch, und ein Spion von Jaco- 
bus Bovis, der in unsere Hände fiel, bestätigte es. An der Walfischbai hatte die 
Räuberhorde mein Packbaus angegriffen und meinen Agenten Iverssen getödtet. — 
So safsen wir hier, etwa nur 80 — 40 Mann stark. In aller Eile befestigte ich den 
Platz durch Mauern und legte sie so an, dafs eine möglichst kleine Zahl von Leuten aie 
vertheidigen konnte. Alle überflüssigen Häuser, Hecken und Zäune wurden niederge- 
brannt, damit die Feinde keinen Schutz dahinter finden sollten. Einige Weifse schloasen 
sich uns an. Nachts wurde regelmäfsig Wache gehalten und alle möglichen Vor- 
sicbtsmafsregeln getroffen. Einige Zeit darauf liefe Kamaharerö alle Weifaen im 
Lande hier zusammenbemfen und kam selbst zu einer Besprechung. Kamaharerö 
machte eine Menge Verheifsungen, was er zum Schutze der Weifsen thun und wie 
er die Namaqua vertreiben wolle etc. etc. Diese waren hoch erf^ut, aber ich 
kannte Kamaharerö besser und dämpfte ihre Freude, indem ich ihnen die Veraiäie- 
rung gab, dafs Kamaharerö von alle dem, was er verheifsen, nichts halten würde. 
So ist es denn auch wirklich gewesen. Ich sah deutlich, wenn wir nicht aa> 
dere unvermuthete Hfilfis erhielten, uns nichts übrig blieb, als dal^ wir Weilsen mit 
den farbigen Colonialen und den getaiifteii Hererö uns zusammenschaarten und nns 



r 



Die Ovaherer<$. 243 

Dies zof OrieDtirang über die geschichtliche Vergangenheit und 
Gegenwart der Ovaherero. Wir wenden nnn unsere Aufmerksamkeit 



nördlich bis sa den portngieeiachen Besitzungen durchschlttgen^ Die Weifsen stimm- 
ten alle diesem Plane bei, so schwierig auch die Ausfllhning erschien. Natttrlieh 
mnfste dies mit Zurflcklassung fast unserer sämmtlichen Habe geschehen, die allein 
aaf Otvimbingu^ (Gebftulichkeiten etc. mit eingerechnet) auf circa 80,000 £ Ster- 
ÜDg taxirt werden kann. — Begleitet von mehreren Europäern verUefa ich Otyim- 
binga^ und ritt nach Ameib, um die B^obother für uns zu gewinnen und sie davon 
abzubringen, mit den Feinden ein Bündnifs zu schliefsen. Unterwegs erfuhren wir, 
daTs in der Walfischbai ein englisches Kriegsschifi' eingelaufen sei, dessen Mannschaft 
begierig sei, unsere Feinde anzugreifen, aber nicht wttTste, wo dieselben seien. Die 
Hauptsache war nun für uns, mit dem KriegaachifT eine Verbindung herzustellen, 
and ich liefs Kamaharerö wissen, er mSge sich beeilen, sein Wort zu erfüllen und 
Leute zu schicken, die mit Green und Palgrave nach der Bai gehen könnten, weil 
die Gegend zwischen der Bai und hier noch immer unsicher sei. Doch eriiielt ieh 
aastatt desaen einen kläglichen Brief, dafs er sich vor den weifeen Kriegern fürchte, 
sie möchten zu ihm kommen qnd sich mit ihm berathen. Bei den Rehobothem 
(einem neutralen Namaquastamm)* war es jetzt leicht, sie von einem Bündnisse mit 
Jaeobua Bovis abzubringen. Sie waren nun willig genug. Alles zu thun, was ich 
verlangte. Ich rieth daher Palgrave und Green mit den Rehobothem nach der Bai 
zo geben, aber das wollten sie nicht. Die Folge davon war, dafs das Kriegsschiff, 
nadidem es lange gewartet, wieder absegelte. Die Besatzung hatte erst einen Ver- 
lach gemacht, herzukommen, weil es ihnen aber an allen Transportmitteln fehlte 
nnd die Mannschaft mit Munition und Proviant Überladen war, konnte aie nicht über 
die berüchtigte Naarib- Wüste zwischen der Walfischbai und dem Zwachaub kommen 
und kehrte unverrichteter Sache wieder um. In Scheppmannsdorf wollten sie mit 
Het und seinen Leuten kurzen Procefs machen, was auch das Beste gewesen wäre» 
onterliefsen es jedoch auf« die Bitten des Missionars Egerts hin, der diese Namaqua- 
bände für unschuldig ^n dem Morde Iverssens hielt, obwohl Piet das Gewehr des 
Ermordeten im Besitz hatte. Es ist ein Jammer, dafs die Bestraftmg auf dieee 
Weise unterblieb, denn die Umkehr der Engländer wird von den Namaqua als Feig- 
heit ausgelegt, und sie sind jetzt frecher als zuvor. — Zu spät machte sich Pal- 
grare schliefslich auf den Weg zur Bai, wohin ihm Green mit einer kleinen Be- 
deckung folgte. Dagegen benutzte Ersterer die Grelegenheit, mit einem anderen Fahr- 
ze&ge nach dem Gap zu reisen, um dem Gouverneur eine von 147 Weiften im H»- 
reitflande unterschriebene Petition einzureichen. — Unterdessen haben die Hererd 
ein Commando gegen die Namaqua ausgeschickt, von welchem nur zu berichten ist, 
dafs sie wenig ausrichteten, weil die Namaqua überall flohen. Nur an einigen 
Stellen kam es zu Gefechten. Die Herorö sollen an 80 Namaqua getödtet haben. 
Ich halte es für Uebertreibnng. So lange seitens der Regierung nichts Entschei- 
dendes geschieht, bleibt unsere Läge noch immer nicht beneidenswerth. Alle, die 
^tzt auf dem Platze sind, werden von uns unterhalten, was uns ungeheuer viel 
hoileL Thun wir es nicht, so können sie nicht bleiben, und wir mttfsten dann alles 
im Stich lassen, und so bleibt uns keine Alternative. — Sobald Sicherheit für die 
Station da ist, gedenke ich nach dem Cap zu gehen, theils um meiner zerrütteten 
Gesundheit willen, theils weil es gewünscht wird, dafs ich meine Ansichten abgeben 
•oll, wie man in diesem Lande die Ruhe herstellen und erhalten kSnne, was ich 
ftbrigens bereits in einem längeren Schreiben ausgeführt habe. Bin ich im Cap, 
dann kehre ich vielleicht nicht wieder in's Hererdland zurück. Ich bin es recht 
müde. 

Wir sind jetzt kaum besser daran als fHlher, obwohl die Namaqua im GroAen 
und Ganzen doch ihre Bedenken haben werden, etwas geg^en uns Weifte zu unter» 
nehmen. — Von den Ovambö war eine grofte Anzahl hier, die Elfenbein und 
•ödere Sachen verhandelten. Wie aie sagen, soll der berOchtie^e Namaqua -Räuber- 

16» 



244 Josaphat Hahn: 

der apecielleren Charakteristik dieses Volkes zu, wie sie sich mehr 
£aiserlich in ihrer Lebensweise, ihren fiufseren Einrichtungen, Sitten 
und Gebräuchen etc., sowie in mehr geistiger Weise in ihren Fähig- 
keiten, ihren Lebensanschauungen, socialen Verhältnissen, religiösen 
Vorstellungen, Sagen, Märchen und Fabeln etc. kund thut. 

Die Herero sind, wie die meisten Volksstämme Südafrikas, em 
Hirtenvolk. Ihre Viehheerden bilden, oder bildeten vielmehr, ihren 
Hauptreichtbum. Diese Viehheerden verdienen um so mehr mit einigen 
Worten erwähnt zu werden , als sie einen mächtigen Einflufs auf die 
Lebensweise und den Charakter der Herero ausüben. — Die Herero- 
schafe tragen merkwürdiger Weise keine Wolle, dagegen haben sie 
dicke Fettschwänze, die ein sehr vortrefBicbes Schmalz liefern, wel- 
dkes für die Europäer meist die Butter vertritt und sehr schmackhaft 
ist. Diese Fettschwänze sind übrigens nicht so enorm dick, wie oft 
gefabelt wird. Obwohl oft 10 Pfund schwer u,nd darüber erschweren 
dieselben weder den Schafen das Gehen, noch werden sie, wie man 
sogar in Naturgeschichtsbüchern lesen kann, in kleinen Karren nach- 
geschleppt. Nachts werden Schafe und Ziegen, wie auch die Rinder 
in sogenannte ^Kraal's^ (eine holländische Bezeichnung für Hürde) 
getrieben, welche aus Aesten von dornigen Bäumen gebildet werden, 
indem die stacheligen Kronen nach aufsen gekehrt werden, um wilde 
Thiere abzuwehren. — Die Herero-Ochsen unterscheiden sich sehr von 
der europäischen Race. Sie haben einen stark e'ntwickelten Knochen- 
bau, sind aber nicht besonders fett; die Extremitäten sind schlank, die 
Klauen klein, hart und stark. Wegen dieser Eigenschaften werden die 
Herero-Rinder vielfach zu Reit- und Zugochsen abgerichtet und leisten 
als solche vorzügliche Dienste, besonders da sie auch sehr ausdauernd 
sind. Das Haar derselben ist kurz, glatt und glänzend, und das Ende 
des Schwanzes hat ein Büschel langen und sehr buschigen Haares, 
welches fast die Erde berührt Dieser Haarbüschel ist eine Hauptzier 



hanptmanDi der bU zu ihnen vorgedrungen war, vergiftet sein. — Wie die Weifsen 
mich wissen lassen, wollen sie, falls die Regierung nichts zu ihrem Schutze thut, 
das Land verlassen. Ohne Schutz kann die Mission auch nicht gedeihen und wir 
mttfsten dann auch fort. — Soeben schickt mir Kamaharerö Nachricht , dafs eine 
Partie Betschuanen bei ihm sei, um ein BUndnifs mit ihm zu schliefsen. Er will 
sie zu mir schicken.* Soweit der Brief, der von Anfang September 1868 datirt 
ist. Wir fUgen nur noch hinzu, dafs die englische Regierung auf Veranlassung Se. 
Majest&t des Königs von Preufsen hin, dem die berichteten Vorfälle durch eine 
Deputation der Rheinischen Missionsgesellschaft* vorgelegt wurden, sowie durch eine 
directe Petition an den Lord Stanley bewogen, energische Mafsregeln zu Grünsten 
der Europäer im Hererölande in jüngster Zeit in Aussicht gestellt hat. Zu be- 
dauern ist nur, dafs die letzte Ministerkrisis in England die Ausführung jener Mafs- 
regeln voraussichtlich auf einige Zeit verzögern dürfte. 



Die Ovahererd. 245 

an den Assagai's der Herero. Die Homer sind das merkwürdigste 
am Hornyieb. Ihre Lange ist fast anglaublich, denn man trifft oft 
Ochsen, deren Horner an den Spitzen 7 — 8 Fafs von einander abstehn. 
Die Herer6 bestimmen auch meistens den Werth ihrer Rinder nach 
der Grofse der Hörner. — Die Kühe geben wenig Milch, höchstens 
2 — 3 Kannen tfiglich, und wenn die K&lber sterben oder entfernt wer- 
den, geben sie gar keine mehr. Man greift dann zu künstlichen Mitteln, 
am Milch zu gewinnen. So stopft man z. B. die Haut eines Kalbes 
mit Heu oder Gras aus und stellt dieses nachgemachte Kalb so hin, dafs 
die Kuh damit in Berührung kommen mufs. Dies Verfahren verur- 
sacht manchmal ganz lächerliche Auftritte, denn während die Kuh 
ihren vermeintlichen Spröfsling liebkost, wittert sie auf einmal das 
Gras oder Heu, steckt das Maul durch ein Loch in die Haut und ver- 
zehrt mit gutem Appetit den Inhalt. — Wie fast bei allen Stämmen 
in Süd-Afrika kommen auch bei den Herero ihre Heerden dem Werthe 
nach gleich nach Weib und Kind. Die Rinder sind das Lieblingsthema 
in den Gesprächen und Gesängen der Herero; sie sind sein Abgott. 
Hieraus läfst sich die ganz merkwürdige, fast unglaubliche Fähigkeit 
der Herero, sich auf Ochsen zu besinnen, die sie auch nur einmal 
gesehn haben, erklären. Mit der gröfsten Sicherheit findet der Herero 
^wischen Hunderten von Ochsen die seinigen heraus, und wenn es 
auch nur ein einziger wäre, den er Tags zuvor gekauft. Kommt seine 
Heerde von 5 — 700 Ochsen, oder noch mehr, von der Weide nach 
Hause, so wird der Herero, mag sie auch noch so lange ausgeblieben 
sein, sofort merken, nicht nur, ob ein Ochse fehlt, sondern auch 
welcher ausgeblieben ist. Dies merkt er nicht daran^ dafs die Zahl 
der Heerde vermindert ist, sondern es fehlt ihm ein bekanntes Gesicht. 
Ebenso dienen die Farben, die Stimmen und Hörner der Rinder zur 
Erkennung, wenn auch nicht in dem Maafse, wie gerade das Gesicht 
des Rindes. Ebenso werden Schafe und Ziegen vor allem an ihren 
Gesichtern erkannt. 

Dafs diese Heerden auf die Volksverhältnisse einen mächtigen 
und zwingenden Einflufs ausüben, ist ganz erklärlich. Sie sind 
es, mit denen. die Kosten für Bündnisse, für Heirathen, für Einkäufe 
etc. und manche religiöse Ceremonien (worüber später eingehender ge- 
sprochen werden soll) bestritten werden. Wer kein Vieh hat, gilt 
daher als Null unter seinen Stammgenossen. Ihr Sinn und Auge weidet 
sich schon von frühester Jugend auf an den Gestalten, Farben etc. 
dieser Thiere. Die kleinsten Jungen vergessen ihre Spiele, um über 
den Werth dieses oder jenes Ochsen «u debattiren. Ein Hauptver- 
gnügen der Kinder ist es, Ochsen und Kühe in Thon nachzubilden; 
and darin bringen sie es zu einer grofsen Vollkommenheit. Kein 



246 Josaphat Hahn: 

■ 

Wander daher, dafs ihre ganze Einbildungskraft schon von Jagend an 
aaf diesen ihren Abgott gerichtet ist, und dafs die Pflege der Heerden 
eine Beschäftigung ist, welche die angesehensten M&nner für eine 
Ehre halten. Die Sohne der mfichtigsten Hfiaptlinge müssen eine Zeit 
lang das Leben eines einfachen Viehhirten durchmachen. Die Häupt- 
linge selbst kehren von Zeit zu Zeit zu ihren Jugendbeschfiftigungen 
.zurück; besonders ist dies der Fall, wenn entfernte Weideplätze bezogen 
werden. So geschieht es denn oft, dafs ein reicher, angesehener Häupt- 
ling Wochen lang die Aufsicht über seine Heerden führt bei höchst 
einfacher Kost und noch einfacherer Behausung. Der Nutzen, den 
die Herero von ihren Heerden haben, ist ein ganz augenscheinlicher; 
die Heerden sind das Kapital und der Hauptnahrungs- nnd Handels- 
zweig für die Herero. Aber anderseits läfst sich auch nicht verken- 
nen , dafe gerade dieser Hauptreichthum des Volkes die verderblich- 
sten Folgen für dasselbe gehabt hat; sie waren, wie wir bereits 
gesehen, die stete Quelle von Hader und Krieg zwischen der Herero- 
nation nnd den Namaqua, sowie zwischen den einzelnen Stämmen 
unter einander. Eine schöne Heerde lockt in jenen Gegenden, wo der 
Unterschied zwischen Mein und Dein noch nicht so streng geschieden 
ist wie hier zu Lapde, die Habgier eines andern Häuptlings, er über- 
fällt die Hirten und fuhrt im Triumphe die Beute heim. Repressalie^l 
folgen, und oft zieht sich eine Fehde Jahre lang fort, bis sie mit ir- 
gend einem Vergleiche oder einer entscheidenden Demuthigung des 
Einen oder des Anderen endigt. — Man kann es deshalb im Grunde 
nicht als ein Unglück für die Herero ansehen, dafs sie in Folge der 
unablässigen Kriege mit den Namaqua um den grofsten Theil ihrer 
Heerden gekommen sind. Denn erstens ist der Hauptgrund zu den 
ewigen Raufereien, wenn auch nicht ganz fortgefallen, so doch bedeu- 
tend beschränkt worden. Zweitens waren jene enormen Viehheerden 
eine noch gröfsere Plage für das Land und für die dort angefangene 
Cultivirung desselben als die periodischen Heimsuchungen des Landes 
durch die Heuschreckenschwärme. Drittens endlich sind manche 
Eingeborene durch den Verlust ihrer Heerden gezwungen, durch Acker- 
bau und Erlernung von Handwerken ihr tägliches Brod zu erwerben, 
Anstatt faullenzend von Ort zu Ort durch das Land zu wandern. Es 
ist also hierdurch der Cultivirung des Landes ein bedeutender Vorschub 
geleistet, und zwar auf der einen Seite negativ dadurch, dafs die He- 
rero allmählich zur Arbeit gezwungen werden, und anderseits positiv 
durch den sittlichen Aufschwung, welcher einem Volk aus einer energi- 
schen Arbeit und geregelten Lebensweise erwachsen mufs; und hierzu 
ist, wie gesagt, der Anfang bereits gemacht worden. 

Dennoch mufs man sagen, dafs das Leben der Herero mit Aus- 



Die Ovahererd. 247 

nähme derer, die auf den Missionsetationen wohnen and einiger we- 
niger anderer, im Allgemeinen noch immer ein beständiges Wander- 
leben ist wie bei den Bedaiuen. Mit ihren HeeVden ziehen sie von 
Ort zu Ort, je nach der Beschaffenheit der Weiden. Ihre Hatten, 
^e sie aacb immer mitnehmen, wenn sie weiterziehen, sind deswegen 
Iddit^ mit dünnen Stangen in hemisphärischer Form gebaat. Die 
Fraaen sind die Baumeister. Zuerst schneiden sie eine Anzahl von 
^ — 10 PuOs laugen Stocken und streifen auch Quantitäten Rinde von 
den Bäumen, welche sie in sehmale Streifen schneiden und als Bind- 
liden brauchen. Dann werden Locher in einem Kreise von 8 — 10 Fnfs 
im Durchmesser in die E)rde gegraben, und in diese die Stöcke 
aufrecht gestellt; darauf die oberen Enden derselben zusammen- 
gebogen, yerflochten und mit dem BaumbafiFt gebunden. Dies bildet 
das Gerüst. Rund herum wird nun Buschwerk hineingeflochten und 
angebunden, bis das Ganze eine compacte Fläche annimmt, welche mit 
Kahmist in Ermangelung von Lehm bestrichen wird. An einer Stelle 
wird aber ein Loch, etwa 2| Fufs hoch und 2 Fufs breit, als Thüre 
gelassen, durch weiche man auf allen Vieren hineinkriechen mufs, wenn 
man in das Innere der Hütte gelangen will. Ebenso wird oben eine 
kleine Oe£FiDung gelassen, damit der Rauch hindurch ziehn kann, wenn 
Feuer in der Hütte angezündet wird. Da das Dach aber auFserdem 
Ton der Hitze des Feuers und der Sonne sehr trocken wird and springt, 
legt man von Aufsen, besonders zum Schatze gegen den Regen, Ocfasen- 
häute darauf und beschwert diese mit Steinen, damit sie nicht vom 
Winde verweht werden. Sobald die Bewohner Lnftwecfaset' bedürfen, 
stehen sie die Felle auf die Seite, bei Nacht aber, wenn sie die Hütte 
recht behaglich warm zu machen wünschen, ziehen sie dieselben wieder 
darüber. In der Mitte der Hütte befindet sich eine gabelf5rmige Stütze, 
um das Dach zu stützen. 

Die innere Aus stattüng der Hütte, um auch einen flüchtigen Blick 
hineinzuthun, besteht aus einigen Ochsenhäuten, um darauf zu liegen 
oder zu sitzen, mehreren hölzernen Gefäfsen und einigen Kalebasfla- 
«ehea, einem thönernen Kochtopfe, der oft so grofs ist, dafs man we- 
gen der kleinen Thüröffnung die Hütte theilweise abreifsen mufs, um 
Im faineinzuschaffen. Ferner befindet sich in der Hütte ein Sack zu 
iSrd&issen bestimmt, ein Lederbeutel, der etwas Putz enthält, wie 
rothen Ocher odjsr Eisenerde, um sich damit zu bemalen, und ein klei- 
ner JBeutel oder eine Schildkrötenschale mit Fett oder Butter gefüllt. 
Yielleiefat befindet sich auch ein eisernes oder ein Holzspalte-Messer 
^bei; lUles Andere wird von den Bewohnern an ihrem Korper getragen 
<>deT im Geheimen in den Boden vergraben, damit es nicht gestohlen wird. 
— Wenn sie schlafen, liegt die ganze Bevölkerung der Hütte bunt durch 



248 



JoBaphftt bahn: 



einander in jeder erdenklichen Lage nm das kleine Fener heram; um 
sieh zazndecken, haben sie nichts als höchstens einen Karofs (Pek- 
decke ans Schafs- oder Schakalsfellen). Die Kinder werden, bevor 
sie lanfen können, von der Matter in einer Art von Ledershawl, otyi- 
vereko genannt, auf dem Racken herumgetragen; dann Ififst man sie 
für sich selber soi^en und sich ihren Lebensunterhalt unter den Erd- 
nfissen, so gut sie können, suchen. 

Die Kleidungsstücke, Waffen und Schmucksachen der 
Herer6 sind sehr einfach. M&nner wie Brauen bedienen sich nur eines 
oder einiger Schaf- oder Ziegenfelle mit oder ohne Haare, welche sie 
nm die Lenden schlingen. Diese Felle sind, wie die Herero selbst, 
meist mit dicken Massen von rothem Ocher und Fett beschmiert Man 
kann dies Beschmieren mit Fett und Ocher, so seltsam und unsauber 
es auch erscheinen mag, nicht als eine üble Angewohnheit bezeichnen, 
sondern es ist für jenes Klima etwas durchaus Noth wendiges. Die 
Haut bleibt dadurch fortwährend geschmeidig und wird vom Staube 
nicht irritirt, was dort leicht hfifsliche und nicht ungefährliche Hant- 
krankheiten, Ausschläge und dergleichen nach sich ziehen würde. 
Ferner wird man hierdurch vor plötzlicher Abkühlung des Schweifses 
bewahrt. Aus demselben Grunde trägt jeder Europäer dort zu Lande 
eine wollene oder flanellene Jacke auf der blofsen Haut, was eine 
durchaus nothwendige Vorsichtsmafsregel ist. Die Herero gehn nie 
.ganz nackt, denn das gilt bei ihnen für durchaus unanständig. Fast 
jeder Herero hat deshalb aufser jenem Felle um die Lenden ein ,)Ka- 
rofs^ odsr Felldecke, gewöhnlich aus Schaffellen und bei den Reiche- 
ren auch aus Schakalsfellen bereitet. Das Karofs vertritt zugleich die 
Stelle eines Mantels, Bettdecke u. s. w. Die Männer gehen gewöhn- 
lich mit blofsem Kopfe; wenn es aber kalt ist oder regnet, haben sie 
eine Art Capuchon, oder richtiger ein Stück Fell, dem sie jede mög- 
liche Form geben können, als Kopfbedeckung. 

Aufser den erwähnten Pelzen tragen die Weiber eine Art Leib- 
chen, welches aus einer Unzahl kleiner, runder Stückchen von Straufsen* 
eierschalen, die an Fäden gereiht sind, verfertigt ist. Zehn bis zwansig 
oder noch mehr solcher Reihen befestigt man an einander, so dafs der 
ganze Putz schliefsiich ungefähr c^linderformig anzusehn ist. Mehrere 
.Stunden dauert es oft bis dieses Kleidungsstück über Kopf, Arme und 
Brust gestreift ist Uebrigens dient diese Tracht mehr zur Zierde als 
zur nothwendigen Bekleidung. Eigenthümlich ist die Kopfbedeckung 
verheiratheter Frauen. Sie ist recht malerisch und an Gestalt uod 
Aussehen einem Helme nicht unähnlich. — Die Knaben laufen ge- 
wöhnlich ganz nackt, die Mädchen dagegen tragen eine Art kurser 



Die Ovaliererö. 249 

Schurze, an der eine Menge feiner Streifen herabh&ngen, die mit Eisen- 
und Kapferkügelcben verziert sind. 

Die Mftnner tragen wenig Schmuck und überlassen ihn fast ganz 
ihren Frauen und Töchtern wie bei uns zu Lande. Dagegen halten 
ne viel auf eine Unzahl feiner Lederriemchen, die zusammengeflochten 
einen Theil ihrer Bekleidung ausmachen, indem sie dieselben nachläfsig 
aber nicht ohne Geschmack um ihre Hüften schlingen. An diesen 
Biemen, die oft 100 FuDb lang sind, befestigen sie ihre Kirri's oder Keu- 
len. — Die vermögenden Herero tragen als Schmuck auf ihren Pelzen 
grobgearbeitete Eisen* und Kupferkügelchen von verschiedener Gröfse. 
Jeder Häuptling legt eine besondere Perlschnur, die hauptsächlich aus 
Eisenperlen besteht, und woran man seine Hfiuptlingswürde erkennt, 
als Kette um den Hals. Die reicheren Hererö tragen auch eine lange 
Schnur von Elfenbeinkugeln, die sie wie eine Halfter umlegen. Sie 
baumelt vom Nacken den Rücken herunter bis zur Erde hinab. Die 
Qröfse dieser Kugeln, welche sehr sorgfältig gearbeitet sind, geht von 
der eines Billardballes bis zu derjenigen einer Hasel nufs herab. Die- 
ser Sehmuck wird ^ornhumba^ genannt 

Weiber, welche die Mittel dazu haben, tragen eine grofse Menge 
Eisen- and Kupferringe um die Handgelenke und die Fufsknochel. 
Gold und Messing hat wenig Werth bei ihnen, einen um so höheren 
aber das Eisen. ' " 

Als Fufsbedeckung tragen die Herero ganz schlichte und einfache 
Sandalen, d. h. blos die Männer. Merkwürdigerweise aber gebrauchen 
die Herero ihre Sandalen nie beim Gehen auf Reisen, sondern blos, 
^enn sie- zu Hause in Ruhe und Unthätigkeit sind. Ehe ein Herero 
die Wohnung eines anderen betritt, legt er jedesmal zuvor nach orien- 
talischer Sitte an der Schwelle seine Sandalen nieder. 

Die Bewaffnung der Herero besteht aus Assagai's oder Spee- 
ren, Kirri's, Bogen und Pfeilen; sehr viele haben jetzt auch Schiefs- 
gewehre. Manche tragen auch einen sclbstfabricirten Dolch in einer 
ledernen Scheide bei sich. 

Die Spitse der Assagai's ist von Eisen, sehr breit und wird ge- 
wöhnlich sehr blank gehalten. Das Eisen ist weich, so dafs die Spitze 
sehr leicht geschliffen und ausgebessert werden kann, wenn sie sich 
abgenntst hat. Der Stiel ist manchmal auch von Eisen, noch öfter 
aber von Holz und gewöhnlich ziemlich am Ende mit dem Büschel 
eines Odisenschwanzes versehn. Seiner Breite wegen ist der Speer 
recht gat zur Stofswaffe, der Schwere wegen nicht recht zum Werfen 
geeignet. Man benutzt diese etwas unbeholfene Waffe meist als Messer. 



1 



250 JoiAphat Hahn: 



Sie ist swar ein ungeschickter Stellvertreter desselben, kann aber den- 
noch als solches gebraucht werden. 

Der ^Kirri*^, aus eisenhartem Holz oder Bhinooeroshorn, ist eine 
Lieblingswaffe der Herero, die sie mit grofser Geschicklichkeit fuhren, 
nnd mit der sie mit grofeter Sicherheit Vögel in der Lnft and kleine 
Yierfufsler, wie Hasen, im vollen Laafe erlegen. In einer getbten 
Hand ist der Kirn eine furchtbare Waffe, da ein einziger wohlgezielter 
Wurf oder Schlag den stfirksten Mann zu Boden zu strecken vermag. 
Verfolgt der Herero einen Feind und hat einen Eirri bei sich, so 
wird ihm der Flüchtling selten entgehn, denn ans weiter Entfemuog 
aohmettert er denselben mit dem Eirri zu Boden. 

Bogen, Pfeil und Köcher sind zwar die bestandigen Begleiter des 
Herero, aber sie sind in seinen H&nden nicht so wirksam, wie sie es 
aein könnten; ein Herero wird selten ein vollendeter Schütze mit 
Bogen und Pfeil. Etwa auf 30 — 40, höchstens 50 Schritt schieisen sie 
sicher, aber in größerer Entfernung vermögen sie wenig. Dies ist um 
so mehr zu verwundern als die Herero mit Flinten ausgezeichnet sicher 
schiefsen. — Jeder Hererokrieger schmückt sich, wenn er in den Krieg 
zieht, mit einem besonderen Kriegsschmuck, bestehend aus einem Strau- 
fsenfederbnschel, welcher auf dem Kopf befestigt wird und dem Krieger ein 
sehr martiales Aussehen verleiht — Einen Dolch, wie gesagt, trägt 
fast jeder Herero in einer ledernen Scheide an den Lenden. Den 
Dolch gebraucht man aber höchst selten als Waffe, sondern mehr zam 
Schlachten (was übrigens auch mit dem Speer geschieht) und zu Hob- 
nnd Lederarbeiten. 

Die hauptsächlichste Nahrung der Herero besteht nichtf. wie man 
meinen sollte, aus Fleisch, sondern aus Milch, welche jedoch seltener 
süfe, sondern gewöhnlich sauer und in einem Kalebas gerüttelt, ge- 
nossen wird. Es ist dies übrigens eine aufserordentlich nahrhafte 
Speise, bei welcher man ohne alle sonstige Zukost sehr gut leben 
kann. Die Herero trinken oder essen ihre Milch immer aus einem 
und demselben Holztopfe, der niemals ausgewaschen wird, sondern den 
man höchstens dann und wann von Hunden reinlecken läfst Dies ge- 
schieht in Folge eines Aberglaubens. Denn die Herero glauben fest, 
wenn man die Holztöpfe mit Wasser oder anderswie reinigte, dann 
würden die Kühe keine Milch mehr geben. 

Mit Ausnahme von erlegtem Wilde essen die Herero sehr wenig 
Fleisch, denn Hornvieh schlachten sie selten, und das geschieht aadi 
fast nur bei Hochzeiten, bei Oeburtsfestlichkeiten , was man bei nns 
Kindtaufen nennen würde, bei Begr&bnissen, bei der Bescbneidnng von 
Knaben und einigen anderen religiösen Ceremonien und politischen 
Festlichkeiten. Hierüber aber anderen Ortes ein Näheres. — Die ver^ 



Die OvBhererd. 251 

«rmteD Herero, welehe keine Milch, am davon zu leben, haben, leben 
Ton Erdnassen oder Saanüssen, die das Ausaehen and die Gröfee rou 
wilden Kastanien haben and in Asche geröstet sehr wohlschmeckend 
sind, doch mafs man sie in grofsen Quantitäten essen, am satt davon 
m werden. Aach Wurseln und wilde Zwiebeln oder Oentjes, die 
ebenfalls in Asche gebacken einen guten Oeschmack erhalten, dienen 
als Lebensmittel. — Nicht selten jagen die Herero des Nachts mit 
Feuerbrfinden in den Händen dem Löwen seine Beute ab und lassen 
sie sich selbst wohl schmecken. Ein gans merkwürdiges Nahrungs- 
mittel bei den Herero wurde bereits in der Abhandlung über „das 
Land der Oyaherero^ erwähnt, nämlich der Gummi von der Acttcia 
karrida. Er quillt in sehr grofsen Quantitäten aas dem Stamme die- 
ses Baumes hervor und hat einen sehr angenehmen süfsen Geschmack. 
Versdiiedene Arten Beeren, die auf Sträuchern wachsen, einige Pilz- 
arten und wilder Honig und besonders auch Heuschrecken dienen den 
Eingeborenen zur Speise. 

Die Herero sind auch leidenschaftliche Raucher. Eine Art and 
Weise bei ihnen, zu rauchen, ist sehr merkwürdig und unterscheidet 
sich sehr von der bei den Hindu's, Mohamedanern und Europäern üb- 
lichen Methode. Anstatt einfach den Rauch etnzuziehn und dann durch 
den Mund oder die Nase herauszulassen, verschlucken sie ihn oft ab- 
sichtlich. Dieses Verfahren ist zu merkwürdig, als dafs wir ohne 
Weiteres darüber hinweggehn könnten. Man giefst, um den Rauch 
abzukühlen einiges Wasser in ein grofses Antilopenhorn von mehreren 
Paus Länge. Eine kurze Thonpfeife, die entweder mit Tabak, oder 
wenn dieser nicht aasreicht, mit einer Mischung von Tabak und trocke- 
nem Kuhmist oder Dadia^ (wilden Hanf-) Blättern gefallt ist, wird 
fast am äufsersten Ende in das Hörn gesteckt, wo sich ein Loch be- 
findet, welches mit der inneren Höhlung in Verbindung steht Wäh. 
read die grofse Oeffnung am Hom zugestopft ist, ist durch die äufiserste 
Spitze ein Loch bis in die innere Höhlung hineingebohrt und an dieser 
Oeffnung wird beim Rauchen gezogen. Mit der in dieser Art con- 
strairten Pfeife setzen sich die Anwesenden in einen Kreis und beob- 
achten feierliches Stillschweigen. Wenn der Häuptling sich dabei be- 
findet, thut er den ersten Zug aas der Pfeife. Sobald ein solcher 
Raachdub seine Beschäftigung angefangen hat, scheint jedes Mitglied 
allen Sinn für die Aufsenwelt verloren zu haben und überläfst sich 
ganz dem Genufs. An demjenigen, der den Rauch verschluckt, wäh- 
rend die Pfeife anter tiefstem Stillschweigen durch den Kreis wandert, 
werden die Folgen davon bald bemerkbar. Er verzerrt das Gesicht, 
die Augen werden gläsern und ausdruckslos und nach einiger Zeit 
Hegt der Raucher der Länge nach auf dem Boden. Jetzt giefst man 



1 



2S2 Joiaphat Hahn: 

Wasser anf ihn, reifst ihn gewaltsam am Haar und scbl&gt ihn ohne 
Umstände mit der Hand aaf den Kopf. Alle diese, freilich unange- 
nehmen Manipulationen haben gewöhnlich den Erfolg, dafs der Be- 
täubte nach einigen Minuten wieder zu sich kommt. Man hat indefs 
auch Fälle, dafs der mit dem giftigen Qualm angefüllte Raucher aaf 
der Stelle todt blieb. Uebrigens rauchen die Herero gewohnlich aas 
hübschen, zierlich gearbeiteten Thonpfeifen mit Rohrstielen, und zwar 
ohne den Rauch zu verschlucken. 

Trotzdem, dafs die Herero sehr viel mit ihren Wohnsitzen wech- 
seln, was freilich nicht aus Wanderlust, sondern stets ans irgend einem 
localen Grunde geschieht, ist dennoch die Liebe zur Heimath and 
zum Grund und Boden bei ihnen, wie nur bei irgend einem ande- 
ren afrikanischen Volke sehr stark ausgeprägt Anf dem heimatblichen 
Boden, dem sie mit wahrhaft rührender Liebe zugethan sind, erschei- 
nen die Herero als ein munteres und sorgenloses, aber nicht leicht- 
sinniges Volk, das an Gesang und Unterhaltung, an Musik und an 
Schaugepränge seine kindliche Freude hat, — Dabei ist jedoch das 
einzige musikalische Instrument, welches sie besitzen, ihr langer 
Bogen. Sie binden ein dünnes Stück Lederriemen um die Sehne and 
den Griff, etwa in der Mitte des Bogens und schnüren sie fest an 
einander, bis sie sich beinahe berühren. Dadurch wird natürlich die 
Bogensehne ganz straff angespannt. Während nun der Musikant mit 
einem Stöckchen an die gespannte Bogensehne schlagt, hält er den 
Bogengriff horizontal mit der anderen Hand bald gegen die Z&hne, 
bald hält er ihn mit den Zähnen selbst, indem er die Lippen abwech- 
selnd an den Griff prefst und, um ihn nicht zu berühren und hellere 
Tone zu erzielen, wieder zurückzieht, was natürlich stets die furcht- 
barsten und komischsten Grimassen verursacht. Ferner hält der Vi^ 
tuose den Bogen nicht nur an einer, sondern an verschiedenen 
Stellen (bald in der Mitte, bald am Ende) gegen die Zähne und mit 
denselben. Durch das beschriebene Manöver weifs er die verschieden- 
sten Töne, auch crescendo und minttendo, forte und piano dem Bogen 
zu entlocken. Um einen solchen Spieler herum lagern sich unter einer 
gewaltigen Giraffenakazie oder im Schatten der Mimose in den Nach- 
mittags- und Abendstunden eine Menge Zuhörer, die Bewohner des 
Dorfes. Ein guter Praktiker kann mit seinem Spiel eine grofse Wir- 
kung hervorrufen. In allen Stücken tritt aber die Melodie gegen den 
Rythmus sehr in den Hintergrund. Mit ihrer Musik ahmen sie haupt- 
sächlich das Galopiren und Traben der verschiedensten Thiere, und 
zwar mit grofser Vollendung, nach. Das plumpe Geplärr des Pavians 
ist das Meisterstück, und wenn es gut ausgeführt wird, bricht die ganze 



Die OTAhererö. 253 

Corona in ein brauendes Gelächter aas. — Die Herero lieben sehr 
den Gesang, doch singen sie nicht zusammen im Chor. Dagegen 
werden Soli's bei ihren Liedersingereien und zwar glefoh aus dem 
Stegreif gesungen, indem der S&nger Text und Melodie zugleich er- 
findet. Bisweilen fSllt dabei der Chor brummend und des S&ngers 
Worte wiederholend ein. 

Vor allen Dingen liebt der Herero Erzählungen, die ebenfalls 
bei solchen gemuthlichen Abendversammlungen von einem Erzähler er- 
fanden und vorgetragen werden. Die Art und Weise und der Inhalt 
solcher Erzählungen ist sehr charakteristisch. Angenommen, Einer will 
zeigen, wie die Feuerwaffen oder der Branntwein von Europa nach 
Afrika gekommen sind, so hält es der Erzähler, um diesen Zweck zu 
erreichen, der Muhe werth, möglichst weit auszuholen und in allerlei 
Nebenumständen und Vorbereitungen sich zu ergehen, ehe er zur 
eigentlichen Pointe kommt. Es tritt diese Eigenthümlichkeit des 
Erzählens besonders bei den Fabeln und Märchen hervor, von 
denen manche so lang ausgesponnen werden, dafs der Erzähler 
eine oder gar zwei Stunden damit ausfüllt, und wenn man dann 
auf den Schlufs gespannt ist, verläuft der Strom der Erzählung 
gewöhnlich im Sande, weil die Phantasie des Vortragenden zu Ende 
ist, und derselbe meist schon längst vergessen hat, worauf er ursprung- 
lich mit seiner Erzählung hinauswollte. Er hat mit seiner Erzählung 
vielleicht nur darthun wollen, warum der Schakal gerade so heult, 
wie er heult, und nicht anders. 

Ueber die allgemeine Verfassung der Ovaherero ist wenig zu 
sagen. Ein gemeinsames Oberhaupt haben sie nicht und scheinen nie- 
mals unter einem solchen gestanden zu haben. Dagegen sind sie in 
eine Menge gröfserer und kleinerer Stämme von mehreren hundert bis 
einigen tausend Seelen getheilt, und jeder Stamm ist für sich vollstän- 
dig unabhängig und steht den' übrigen durchaus gleichberechtigt zur 
Seite. Trotz dieser Zersplitterung fühlen die einzelnen Stämme ihre 
Znsammengehörigkeit in dem stark entwickelten Bewufstsein, zu einer 
and derselben Nation zu gehören. Obwohl die einzelnen Stämme 
durchaus nicht durch gemeinsame Institutionen in Beziehungen zu 
einander gesetzt sind, kann man durchaus nicht sagen, dafs sie als 
ganz bestimmt abgegränzte Corporationen einander gegenüberstehen. 
Dazu ist das gemeinsame Nationalgefuhl der Herer6 zu stark, und so 
kann es oft vorkommen, dals Unterthanen eines Häuptlings aus den 
verschiedensten Motiven ohne besondere Veranlassung ein anderes Ober- 
haupt ausersehn, indem sie zu einem anderen Stamme übergehn; und 
dieser Freizügigkeit sind durchaus keine Schranken gesetzt. Aufser- 



1 



254 Josaphat Hahn: 

dem aber ist durch das Kastenwesen ein bedeatungsvoUer innerer 
Wechselverkehr zwischen den verschiedensten Stftmmen hergestellt 
Doch hierfibet wird anderen Ortes aosfuhrlicher die Rede sein. 

Die Organisation nnd Verfassung der einseinen St&mme 
ist eine sehr einfache. An der Spitxe eines jeden Stammes steht du 
Häuptling, von den Hererö ,,0muh6na^ genannt: dieser Titef kommt 
ausschliefelich dem Häuptling zu! Jeder Stamm besteht aus einer 
mehr oder minder grofseo Anzahl Dörfer, von denen das Hauptdorf, 
in welchem der Häuptling oder Omuhöna seine Residenz hat, ^Ohona^ 
genannt wird. Die übrigen kleineren Dörfer, die alle mit einem Doni- 
veriian umgeben sind zum Schutze für das Vieh, welches Abends in 
die Dörfer hineingetrieben wird, heifsen entweder ^Oogandä^ oder 
^Ozohambo.^ (Das z ist zu sprechen wie das weiche englische tk in 
dem Artikel the,) 

Die Verfassung der Herero innerhalb der einzelnen Stämme kann 
man eine patriarchalische nennen, ähnlich wie bei den Beduinen. 
Obwohl aber der Häuptling unumschränkter Herr über Leben und 
Eigenthum aller seiner Unterthanen ist, so ist doch seine Macht durch 
das Herkommen beschränkt, und da jeder seinen Häuptling verlassen 
und sich einem andern anschliefsen kann, so ist dies mit ein Motiv bd 
den Häuptlingen, nicht zu streng gegen ihre Unterthanen zu verfahren. 
Im Ganzen jedoch hängt die Stellung und die Machtvollkommenheit 
bei jedem Häuptling von seiner eigenen Persönlichkeit ab. Ein ener- 
gischer, kraftvoller Häuptling braucht derartige Rücksichten, wie sie 
oben angedeutet wurden, nicht zu nehmen. Die Verfassung bei den 
Namaqua dagegen ist eine ganz andere als bei den Herero; m«i 
könnte sie eher eine republikanische nennen. Kein Namaqua- 
hänptling hat die höchste Gewalt in seinem Stamme, wenigstens for- 
mell nicht Die Namaqua als höchst zähe Republikaner bestehn darauf, 
dafs ein Rath* der Aeltesten endgültig Alles, was von dem Häuptling 
vorgeschlagen wird, prüft und nach Gutdünken bestätigt oder verwirft 
Selbst Jonker Affrekander, der oben mehrmals erwähnt wurde, zo 
seiner Zeit der mächtigste und einflofsreichste Mann im ganzen Na- 
maqualande, mufste sich dieser Form unterwerfen. Nur bei Vorfällen 
von grofser Bedeutung soll er sich der Berathungen mit den Aeltesten 
des Stammes entzogen haben. 

Beim Tode eines Hererohäuptlings gebt seine Würde und sein 
Reichthum, oder die Erbfolge nicht immer auf seinen ältesten Sohn 
über, sondern oft auf den Sohn seiner Schwester. Bei der Theilung 
seiner Habe ist der Schwestersohn meist der Haupterbe, eine Sitte, 
die sich in Afrika bei mehreren Völkern wiederholt. 

Wir können hier, wo von der Verfassung und Organisirung der 



r 



Die Oyahererö. 255 



Hererost&nme die Rede iat, jcuni Schlufs eine Bemerkung über die 
Entstehang einzelner Stfimme hinzufügen. Es ist nfimlicb bemerkens* 
wertfa, wenn es auch sehr selten vorkommt, dafis in Folge einer eigen- 
thomlichen Landessitte sich im Laufe der Zeit neue Stfimme bilden 
köoDen. Da die Herero Nomaden sind, wird das ganze Land von 
ihnen als gemeinsames Eigenthum betrachtet, es gehört deshalb Allen 
and doch Keinem. Da aber aus diesem Grunde leicht Streitigkeiten 
iwischen verschiedenen Stämmen um einen bestimmten District oder 
eine Weide oder Quelle entstehen konnten, hat sich zur Verhütung sol- 
cher Ffille folgender, fester Brauch ausgebildet Wenn sich n&mlich 
ein Stamm oder auch nur ein einzelner Hererö (und auf diesen letz- 
teren Fall kommt es uns an) zuerst an einer Quelle niederlifst, s6 
wird er als der alleinige rechtmäfsige Eigenthümer des Wassers und 
des dazu gehörigen Weidegebietes angesehen, so lange es ihm geffillt 
dort zu verweilen, und Niemand wird sich erlauben, sich an derselben 
Stelle niederzulassen, ohne vorher die Erlaubnifs des Eigenthümera 
eingeholt za haben. Ertheilt nun ein solcher Quellbesitzer auch An- 
deren die Erlaubnils, sich bei seiner Quelle niederzulassen, so werden 
diese Hinzugekommenen, aufser wenn es ein ganzer Stamm ist, fortan 
Unterthanen des Qnellbesitzers und dieser wird ihr rechtmäTsiger 
gOmnfaona^ oder Häuptling. Wie aber gesagt, kommen solche Fälle 
höchst selten vor, um so mehr aber ist es zu verwundern, dafs die 
Herero mit Fremden, die sich auf diese Weise in ihrem Lande etabli- 
ren, keine Ausnahme zu machen scheinen. Der Missionar Hugo- 
Hahn wurde ohne sein Wissen und Wollen auf die eben geschilderte 
Weise Omnhona eines Stammes. Dies ist freilich der einzige der- 
artige Fall, der uns bekannt geworden ist 

Die Herero gehören zur Negerrace, obwohl sie selten die cha- 
rakteristische;! Grundformen der Neger in ihrer Physiognomie ha- 
ben, auch haben sie nicht die dicken Lippen, die man den Negern zu- 
schreibt Die meisten zeigen eine auffallend kaukasische Oesichtsbildnng, 
ond wer sich an ihre dunkle Hautfarbe und das krause Haar gewöh- 
nen kann, der wird sehr viele wirklich hübsche Leute unter ihnen 
finden. Die Herero sind im Allgemeinen lang, zierlich gebaut, mns- 
kolöe und vollkommen aufrecht Ihr Kopf ist gut zurückgeworfen und 
ihr üppiges, wolliges Haar um die freie Stirn wohl gehäuft Ihre Züge 
und meistens schön geformt, doch ist der Ausdruck oft mehr oder 
minder roh, was bei ihrer ganzen Lebensweise nicht sehr zu verwun- 
dern ist Ihr Körper glänzt von Fett oder Butter mit rothem Ocher 
Tennischt, was, wie schon oben bemerkt, als Präservativmittel für die 
Haut dient. Die der reicheren Erlasse Angehörenden sind sehr gut, wenn 
auch einfach, aufgeputzt und bieten auf ihren l^peer oder Bogen ge- 



256 Josaphat Hahn: 

stfitzt, mit dem Köcher auf dem Rücken einen imponirenden, fast 
bildsäulartigen Eindruck'). Andersson beschreibt die Hererö mit fol- 
genden Worten: Im Allgemeinen sind die Herero ein schönes Volk, 
ond es ist gar nicht selten, dafs man unter ihnen Leute yon sechs 
Fafs und mehreren Zoll Länge findet, die in jeder Hinsicht wohl pro- 
portionirt sind. Ihre Angesichter sind ebenfalls schon und regelmfiCsig, 
und manche können als wahre Muster menschlicher Schönheit gelten. 
Ihr Wesen und Leben ist angenehm und ausdrucksvoll. Aber obgleich 
sie aufserlich sehr kräftig aussehen, können sie doch im AllgemeiDen 
in dieser Beziehung keinen Vergleich selbst mit mäfsig starken Euro- 
päern aushalten. (Wir bemerken hier, dafs in der letzteren Aenfserang 
wohl zu viel gesagt ist, und dafs die Herero bei körperlichen Arbeiten 
sowie auf anstrengenden Reisen sich als sehr ausdauernd bewähren.) 
Ihre Augen sind schwarz und haben einen sanften Ausdruck. Die 
Hautfarbe ist dunkel, obwohl sie nicht ganz schwarz ist.^ — Es ist 
hier hinzuzufügen, dafs in der Hautfarbe einige Abstufungen und Unter- 
schiede zu bemerken sind. Die Herero selbst machen einen Unter- 
schied zwischen ^^Ovathorondii^, Schwarzen und ,)Ovatherandu*^, Rothen. 
Zu den Ovathorondu gehören im Allgemeinen die eigentlichen Herero, 
zu den Letzteren, den Ovatherandü, gehören dagegen im Grofsen und 
Ganzen ihre Brüder und Stammesverwandten, die Ovambandyeni. Doch 
läfst sich dieser Upterschied nicht stricte durchführen. 

Im Hererolande kommen auch, wenn auch selten, Albinos vor; 
wir selbst haben nur einen gesehen. Uebrigens werden alle Kinder 
fast ganz weifs und mit ziemlich langen, schlichten schwarzen Haaren 
geboren. Die Farbe verändert sich aber in den ersten Wochen und 
-das schlichte Haar fällt bald aus und an seine Stelle tritt dann das 
krause. 

^Die Frauen sind,^ nach Anderssons Beschreibung, „meist fein und 
symmetrisch gebaut, mit vollen, runden Formen und sehr kleinen Händen 
und Füfsen. Ihr unsicheres Leben aber und der beständige Aufenthalt 
unter einer brennenden Sonne u. s. w. ist der Grund, dafs ihre Schön- 
heit bald verschwindet, und in vorgerücktem Alter werden sie oft die 
abscheulichsten und häfslicbsten Wesen, die man sich denken kann.*' 

Ganz grundverschieden von den Herero sind die Namaqua in 
ihrem Aeufseren. Sie haben eine ziemlich hellgelbe Farbe, so dafe 
-der von der Sonne verbrannte Europäer oft noch dunkler als viele 
unter ihnen aussieht. Sonst aber sind die Namaqua die häfslicbsten 



') Fast mit denselben Worten beschreibt der bereits erw&hnte Qalton die 
Hererö, doch fügt er, da er kein besonderer Freund derselben ist, Einiges hinzu, 
n^as nicht der Wirklichkeit entspricht und deshalb hier fortgelassen ist. 



Die Ovaherer<5. 257 

Menschen, die mao sich auf dem Brdboden denken kann. Man stelle 
sich D&mlich ein mittelmäfsig grofses Individuum vor, von scbmotzig 
gelber Hautfarbe, mit kleinem, rundem Kopfe ond eingedrückter Stirn, 
mit kleinen, stechenden, schwarzen, stets unruhigen Augen ^ platter, 
kaum sichtbarer Nase und weit aufgerissenen Nasenlöchern, hervor- 
stehenden Backenknochen, mit spärlichen wolligen Haaren auf dem 
Kopfe, und man hat einen leibhaftigen Hottentotten oder Namaqna vor 
ach. um sie jedoch für so viel Häfslicbkeit einigermafsen zu entschfi- 
digeo, hat die Natur ihnen die allerniedlichsten, kleinsten Hände und 
FSlse gegeben, welche die elegante Welt sich nur wünschen könnte. 

Die Kleidung des Namaqua besteht aus ledernen selbstfabri- 
«irteo Mocassins, einer Lederhose, Lederjacke (ebenfalls eigene Fabri- 
kate), einem Pilz-, Stroh- oder Lederhute mit herabhängender Krampe. 
Ferner trägt der Namaqua stets ein Messer, eine Zunderdose und einen 
Stahl zum Feuerschlagen nebst dem dazu gehörigen Feuersteine, ein 
Stock Tabak oder Dacha (wilden Hanf) bei sich. Ist der Namaqua 
mit allen diesen Gegenständen versehen, so dünkt er sich reich wie 
ein König. 

Da die Namaqua, wie die Herero, Nomaden sind, fuhren sie die- 
selbe nnregelmäfsige Lebensweise wie diese. Viele Tage streifen 
sie umher ohne hinreichende Nahrung. In solchen Hungerszeiten wird 
der Schmachtriemen um den Leib gebunden und ein Knoten über den 
Magen gedreht, dessen Druck den Heifshunger in Ermangelung besserer 
Mittel mäfsigen mnfs. Dann verschlingen sie wieder, wenn sie im Be- 
sitz von Nahrungsmitteln sind, eine ungeheure Mahlzeit, welche fast 
für die ganze nächste Woche 'vorhalten mufs. Dann, ohne Speise ir- 
gend einer Art zu geniefsen, trinken sie einige Tage hindurch blos 
stark berauschendes Honigbier von eigenem Fabrikat oder Branntwein, 
weoD sie es haben können, betauben sich durch Dacha, der die Ge- 
sundheit zerrüttet und wie das Opiumrauchen entnervend auf den 
Korper einwirkt, bringen den gröfseren Theil der Nacht schlaflos mit 

IOeechwätz, Tanz, Lärm und Unfug zu. Eine bessere Darstellung des 
iolce far nienie kann man nirgends finden als in den Binsenhütten 
der Namaqua und in ihren Dörfern. Denn den ganzen Tag thun sie 
^ gar nichts, aufser, wenn die gröfste Noth sie bedrängt, sondern 
%%tVL träge umher in oder vor ihren Binsenhütten, indem sie abwech- 
'tslod schlafen, rauchen oder auf einer Kalebasvioline stundenlang einige 
monotone Töne fiedeln. Dabei ist nicht zu läugnen, dafs die meisten 
Namaqua ein grofses musikalisches Talent besitzen. Kann der Na- 
•Mqwt eine Oeige erlangen, so wird er in kurzer Zeit ein Virtuose, 
dab er oft ein Stück, welches er nur einmal gehört hat, mit der 

Ziiticlir. d. GMttUicb. £. Brdk. Bd. IV. 17 



258 Josaphat Hahn: Die Ovahererd. 

bewundernswerthesten Präoisioo und dem entfiprechenden Ausdrucke 
wiederholen kann. 

Reich iat der Namaqna, wenn er ein altes Gerippe ron Ochsen- 
wagen besitzt, dessen R&der und Speichen der besseren Haltbarkeit 
wegen mit Riemen durchflochten sind. Mit 12 bis 20 Ochsen davor 
(möglichst alle von derselben Farbe, denn so liebt es der Namaqoa) 
werden rüttelnd und krachend, als ob der Wagen jeden Augenblick 
susammenstürzen könnte, ungeheure Strecken durch sandige Wfisten 
und über Berg und Thal etc. zurückgelegt. Natürlich geht es nadi 
Schneckenart. Gewöhnlich ist der Wagen ziemlich schwer mit allerlei 
Artikeln beladen, die sie in der Eapcolonie absetzen, weil sie im eigeDen 
Lande schlechten Markt dafür haben. Die Handels- oder Tauschartikel 
bestehen hauptsächlich aus Fellen verschiedener Antilopenarten, Rhi- 
nocerosfellen und Peitschen aus diesem Stoffe, sogenannten „Sambocks^; 
ferner aus Springbockmatten, Schakalspelzen und grofsen Stücken Ser- 
pentin, weichem, marmorirtem Seifenstein, der mit Leichtigkeit auch von 
den Eingeborenen in allerlei Formen geschnitten, aber vorzugsweise 
zu Pfeifenköpfen und Gigarrenspitzen (woher auch die BezeicbooBg 
j,Pfeifenstein^) verarbeitet wird, endlich aus Straufsenfedern, Ochsen-, 
Antilopen und Rhinoceroshömern etc. — Die Fracht vertauschen die 
Namaqua gegen Bagatelle, z. B. für Pulver und Blei, besonders aber 
für Tabak und Branntwein; die beiden letzteren Artikel werden von 
ihnen besonders leidenschaftlich gesucht Die Branntweinsucht der 
Namaqua ist so notorisch, dafs sie in der Kapcolonie sprfichwörtüdi 
geworden ist. Für einen Schnaps, sagt der Kapl&nder, i6t der Nama« 
qua jederzeit dienstfertig; für eine Flasche Branntwein reitet er die 
ganze Nacht Courier, verkauft sein Weib und begeht einen Mord'). 



') Diese Skizze von den Namaqua haben wir zum Tbeil frei nach Kreteschmv 
gegeben, wobei aber anch manches aus demselben Gmnde, der vorlun in Betreff 
Galton's angeführt wurde, fortgelassen werden mnfste. 

(Schlufs folgt) 



r 



259 



XI. 

Hohlenbauten aus der jüngeren Steinzeit auf Sylt. 



Vom Assessor Ernst Fr i edel. 



. AafSylt, der gröfsten Insel der nördlichen Uthlandsfrieseo, gebt, 
wie an manchen anderen Orten des deutschen und scandin avischen 
Nordens, die Sage von einem zwergartigen Urvolk» das einst das Land 
bevölkert und das später durch ein gröfseres und kräftigeres Geschlecht 
nicht ohne blutige Kämpfe verdrängt worden sei. C. P. Hansen, 
der fleifsige Sammler nordfriesischer Sagen, giebt an, wie der Ueber- 
lioferung nach viele der Hügel auf der hohen Braderup-Kamper*Haide 
als Wohnstätten eines derartigen Menschenstammes anzusehen seien. 
Als ehemalige Wohnstatten dieser Art gelten u. A. der £nnenhoog 
imd der Lünghoog, und als Residenz des Zwergkönigs Finn der Reise* 
hoog nordÜch von Braderup. Als gemeinschaftliche Grabstätten vieler 
im Kampfe gegen das Urvolk gefallenen Friesen bezeichnet man die 
Border bei Kampen, und als Grabbügel des friesischen Königs Bröns 
and seines Sohnes, welche von den sich tapfer vertheidigenden Skrä- 
lingen erschlagen wurden, nennt man die Brönshügel unmittelbar bei 
dem grofsen Kamper Leacbtthnrm am Rothen Kliff. Naeh der Sage 
ist der König auf seinem goldenen Wagen sitzend da bestattet, wo 
er gefallen, und ein grofser Erdwall herumgeschüttet. Die Sylter hät- 
ten nach diesem Kriege da, wo der Hauptkampfplatz gewesen war, 
das Dorf Kampen und in der Gegend , * wo sie den Sieg gewonnen 
hatten, den Ort Wonstadt oder Wenningstedt angelegt. 

Uns interessirt bei dieser Sage hauptsächlich der Hinweis auf ein 
aasgestorbenes Urvolk, das in seiner Gestalt von der späteren Bevöl- 
kerong gänzlich verschieden ist. In der That ist auch das Vorhanden- 
sein einer untersetzten, kleinhändigen Race, welche in mancher Be- 
ziehung zu einem Vergleiche mit gewissen Polarstämmen einladet, aus 
Graber^nden der neuern Stein- und der Bronze-Zeit «of Sylt festge- 
stellt Das Material hierzu haben die erwähnten und andere Hügel 
geliefert, die, wenn man erwägt^ wie viel gegenwärtig die Insel im 
Westen durch Flnth und Sturm eingebüfst, als ursprünglich auf 
der östlichen Hälfte der Insel belegen bezeichnet werden müssen 
und die, nach dem Ergebnifs der bisherigen Forschungen, wohl 
^nmitlich als Begräbnifsstätten, nicht als Wohnstätten von 
Menschen anzusehen sind. 

So gewöhnlich nun auch die Existenz vorgeschichtlicher Begrab* 



1 



260 Ernst Friedel: 

nifs Stätten in Europa ist, so selten läfet sieb bis jetct das Vorbanden- 
sein vorgescbicbtlicber Wohnstfitten nachweisen, namentlich sind 
diese Nachweise bis jetzt überaus spärlich in Deutschland. Ehe man 
Pfahlbauten auch im Norden unseres Vaterlandes entdeckte, waren 
hierselbst sichere Spuren von Wohnst&tten der Urbevölkerung fast nir- 
gends bekannt. 

Diese Thatsachen, sowie der Umstand, dafs man von Seiten der 
Alterthumsforscher dem Westrande der Insel Sylt so auffallend wenig 
Beachtung geschenkt hat, mögen es entschuldigen, wenn ich es ver- 
suche, die Aufmerksamkeit auf zwar nicht sehr ausgiebige, aber doch 
ziemlich zuverlässige Spuren von Wohn Stätten aus der jungem 
Stein zeit auf Sylt zu lenken.. Die Ursache, dafs die dänischen Alter- 
thumsforscher, welche doch so viele Hügel im Osten der Insel geöff- 
net, den Westrand derselben aufser Acht gelassen, mag darin liegen, 
dafs die Ostseite jetzt der eigentlich bewohnte und leicht zugängliche 
Inseltheil ist, auf welchem die meisten Dörfer und die meisten Orab- 
hfigel liegen, während der unwirthliche und öde Westrand, dessen 
weites einst mit Sumpf, Torf und Wald bestandenes Vorland längst 
in die Nordsee versunken ist, seit mindestens drei Jahrhunderten anter 
Wander-Dünen begraben liegt, die mit ihrem dichten weifsen Todten- 
schleier alle Spuren geschichtlicher und vorgeschichtlicher Menschen- 
thätigkeit verhüllen. 

Der Umstand, dafs man am Westrande des etwa eine Meile 
langen Rothen Kliffs häufig Steinwerkzeuge, welche zum Tbeil gut er- 
halten, zum Tbeil auch durch langen Gebrauch abgenutzt und zer 
brocben waren, gefunden hat, sowie die Mittheilung eines alten Insu- 
laners, dafs sich in jenem seit unvordenklicher Zeit nicht mehr bewohnten 
Landstrich Spuren von eigenthümlichen Pflasterungen und Steiobanten 
gezeigt hätten, bewogen mich im Frühjahr 1868 Untersuchungen an- 
zustellen, welche mich schliefslich , wie ich glaube nicht mit Unrecht, 
überzeugten, dafs dort nicht allein reger Menschenverkebr in vorge- 
schichtlicher Zeit stattgehabt hat, sondern dafs sich dort auch Spuren 
neolithischer Wohnungen erhalten haben. 

Das Rothe* Kliff wird gebildet aus einer Diluvial -Drift, die aas 
lockeren, wenig deutlich geschichteten Ablagerungen von Lehm, von 
Sand, der zuweilen durch Eisenhydrate rothbraun gefärbt und in Klam- 
pen fest zusammen gebacken ist, femer von Kies, Geschieben und 
Felsblöcken, deren abgeschliffene Flächen auf Gletscher- und Eistrans- 
port schlielsen lassen, zusammengesetzt ist und oben von einer Lage 
Ton Rollsteinen bedeckt wird, welcher eine magere höchstens 5 Fufs 
dicke Erdschicht, das sogenannte Geestland, anfliegt Hier befindet 
sich nun ein langer, schmaler und ebener Absatz, dem Strande pa- 



HÖhlenbanten ans der jüngeren Steinzeit .anf Sylt 261 

rallel laufend, gleichBam eine Stufe vom Strande aus nach der Krone 
des Kliffs bildend und dadurch hergestellt, dafs die Ackerkrume, die 
Geestschicht und das Rollsteinlager fast glatt abgekämmt ist. Begrenst 
wird die hierdurch gebildete Plattform ostlich durch die senkrechte 
Wand des mit einer spärlichen Grasnarbe bestandenen Kliffs, während 
sie westlich so steil zum Strande abfiSllt, dafs man sich dem Rande 
nicht ohne Gefahr hinabzustürzen, nähern kann. Nach der Meerseite 
ist die Sohle dieser Stufe früher viel breiter gewesen ; jede Sturmfluth 
bricht nämlich von ihrem Fnfse etwas ab, Frost und Regen wirken 
nicht minder verderblich von oben her und haben so allmälig auf 
Kosten der Plattfonn und ihrer Alterthumer einen beträchtlichen Theil 
des Vorstrandes angeschüttet, auf welchem ich vom Meere abgeschliffene 
Stein Werkzeuge , sogenannte Goast-Finds (Küstenfindlinge) '), schwer 
zu bestimmenden Alters, sowie besser erhaltene Stein Werkzeuge und 
Reste sehr grober Töpferwaare gefunden, welche der neueren Stein- 
zeit angehören und wahrscheinlich früher auf der Plattform innerhalb 
alter Wohnstätten gelegen haben, deren letzte Reste bereits hinunter 
gestürzt nnd damit verwischt sind. Ob dieser Einschnitt von Men- 
schenhand herrührt oder ob man bei Anlage der Wohnplätze, was 
mir wahrscheinlicher däucht, eine bereits vorhandene Bodensenkung 
benutzt und ausgetieft und planirt hat, wird sich kaum mehr entschei- 
den lassen, weil die Contouren der Stufe zu sehr von der Witterung 
gelitten haben, um ein sicheres Urtbeil zu ermöglichen. Der Boden 
der Plattfonn selbst ist zum grofsen Theil wieder von Dünensand und 
von herabgerutschtem Gerolle bedeckt^ doch an vielen Stellen, nament- 
lich nach anhaltenden Winden, die den Flugsand oft von grofsen 
Strecken fortfegen, noch deutlich erkennbar und so tief gelegen, dafs 
man aufrechtstehend von dem Rande des Kliffs überragt und verdeckt 
wird. 

Auf der Sohle dieses Einschnitts befinden sich an verschiedenen 
Stellen, zum Theil freiliegend, zum Theil vom Dünensand fufshoch 
fiberschüttet, Steine von mittlerer Gröfse in so eigenthüm lieber Weise 
gestellt und geschichtet, dafs man die Thätigkeit der Menschenhand 
hier nicht verkennen kann. Verschiedene Steine sind kreis- oder 
eifSrmig geordnet, als wenn sie die Grundlagen von Gebäuden wären, 
andere sind zusammengeschichtet, als wenn sie zu Sitzplätzen oder 
Feuerherden gedient hätten. Die Eingänge der Hütten oder Höhlen, 



') DergL werden an den Kttsten der Nerd- und Ottsee, sowie anderer Meere 
nnter dem Geroll gefunden ; sie sind von der See angesptthlt and mehr oder minder 
durch das Walzen auf dem Meeresgrunde und am Ufer abgeschliffen, so dafs, wie 
Nilsson und Sir John Lubbock hervorheben, weder ihre ursprüngliche Gestalt, 
noch ihr Alter mit Sicherheit bestimmbar erscheint. 



262 Ernst Friedel: 

welche hier vorhanden sein mochten, scheinen gegen Osten oder Sa- 
den gelegen zu haben, so dafs sie von der Morgen- nnd Vormittags- 
sonne beschienen warden. Sehr auffallend ist ein schmaler nach Osten 
mundender Pflasterstreifen Ton kleineren Feldsteinen, die in der Mitte 
so gesetzt sind, dafs sie eine Art von Rinne bilden. Dieser Pflaster- 
streifen scheint den Eingang zu einem nach Westen belegenen Ge- 
bäude gebildet zu haben, das aber jetzt mit einem Theil des zugehö- 
rigen Erdreichs g&oziich verschwunden ist. Ob der Pflasterstreifbn 
dasselbe hohe Alter, wie die vorhandenen Qang- oder Gallerie- Wohn- 
stätten hat, mag dahingestellt bleiben. 

Dafs wir es hier nicht mitGräbern zu than haben, dafür spre- 
chen folgende Anzeichen. Einmal sind die verwendeten Steine erheb- 
lich kleiner als diejenigen, welche man zu den Gräbern der Steinzeit 
wie überall im Norden so auch auf Sylt verwendet hat und in der 
Regel Exemplare von ausgesuchter GrÖfse sind. Dann fehlt jede Spar 
von Decksteinen, wie sie in den betreffenden Grabhügeln stets vor- 
handen sind, während bei den neolithischen Wohn statten, die man 
auf den dänischen Inseln, den Orkaden, in Schweden und anderen 
Orten entdeckt hat, ebenfalls keine Decksteine verwendet sind. Diese 
Wohnungen waren vermuthlich mit Holz, Reisig, Rohr, Rasen oder 
ähnlichen Sachen bedeckt, welche im Laufe der Jahrtausende natnriieh 
verwittert und völlig verschwunden sind. Sodann sprechen für be- 
wohnte Niederlassungen manche der eigenthSmlich geschichteten Stein- 
haufen, welche wohl Feuerherde waren. Durch Nachgrabungen habe 
ich bei mehreren derselben nicht unbeträchtliche Massen von Asche, 
Kohle nnd Enochenstücken, sowie vom Feuer geröthete Kochtöpfe xa 
Tage gefordert, in welchen die Bewohner jener grauen Vorzeit Fische 
und Fleisch zubereitet haben mögen. Ebenso sind dort Schalen von 
mancherlei Weichthieren , die noch jetzt in der Nordsee lebend vor- 
kommen, gefunden, namentlich von Cardium rtMltcum, MytUus eduliSy 
Modiola vulgaris, Ostrea hippofws und Buccinum undaium. Diese Scha- 
len sind zum Theil beim Oeffnen zertrümmert, zum Theil mit den 
Thieren auf Kohlen gerostet worden und in Folge dessen calcinirt 
Die erwähnten Gefäfse, die leider in dem feuchten Erdreich sehr ge- 
litten haben, sind sämmtlich zertrümmert, aber deutlich erkennbar von 
derselben ungeschlämmten, mit Kies vermengten und ohne Drehscheibe 
mit den Händen roh geformten Marschthonmasse , aus welcher die 
Todtenurnen der Sylter Grabhügel neolithischer Zeit bestehen. Diese 
letzteren Urnen sind gar nicht oder doch nur schwach gebrannt, daher 
an den Bmchfiächen der Scherben schwarz, während die Scherben 
der — übrigens auch flacheren — Kochtöpfe sich an den Brnchflächen 
.braunroth zeigen, als Folge lang andauernden Gebrauchs der Oe- 



Hohlenbanten aus der jüng^eren Steinzeit auf Sylt 263 

sebfirre im Kochfeuer. Unter den Topfen fanden sich Kohlen von 
verschiedenen Holzarten, meist zu einer breiartigen Paste zusammen- 
gedruckt, zum Theil aber auch noch so wohl erhalten, dafs man die 
Holzart noch bestimmen kann. Auch unter den Steinen des letzt er^ 
wfihnten Pflasterstreifens, die übrigens behutsam wieder an geh5riger 
Stelle eingefügt worden sind, fanden sich Spuren von Asche und Kohle, 
welche vielleicht mit dem Regenwasser zwischen den Steinfugen ein- 
sickerten. Dergleichen Holzkohlen finden sich aber in den betreffen- 
den Gräben in dieser Weise nicht. — Zwischen den Scherben lagen 
Reste von Tbierknochen, freilich nicht viele, da die meisten, den 
Binflussen des Bodens preisgegeben, Ifingst verwittern mufsten. Men- 
schenknochen fehlen gänzlich. Endlich sprachen dafür , dafs wir 
hier nicht mit Grabstellen, sondern mit von Menschen und zwar lange 
Zeit hindurch benutzten WohnstStten zu thun haben, die zahlreichen 
tbeils unmittelbar innerhalb der Steinkreise und Steinhaufen, theils in 
deren nächster Umgebung von mir und Anderen gefundenen Werk- 
:Miige. Dieselben bestehen u. A. in zwei grofsen, über einen Fufs 
langen, geschickt behauenen, aber nicht geglätteten Feuerstein äxten, 
ferner in Beilen, Hauen, Keilen, Meifseln, Bohrern, Pfeil- und Lanzen^ 
spitzen, Messern und ähnlichen schneidenden Werkzeugen, sämmtlich 
aus Feuerstein oder Quarz, sodann in Klopf-, Reibe- und Schleifsteinen 
von Granit, Lava und Quarz, in Senksteinen und Netzbeschwerern, 
^eils aus durchbohrten flachen Sandsteinen, wie man sie am Strande 
findet, theils aus durchbohrten, runden, wulstformigen Thonscheiben, 
die ungeschlämmt, sehr roh geformt und nur unvollkommen gebrannt 
sind, femer in sogenannten Wirtelsteinen oder wohl besser Amuletten 
oder Sehmucksteinen, die man vermuthlich an einer Schnur um den 
Hids trug >), endlich aus einigen Stein- und Thongeräthcn, deren Be- 
dentnng ich nicht zu enträthseln vermag und welche zum Theil viel- 
leicht Kinderspielzeuge sind *). Alle diese Sachen zengeti von schar- 
fem, fortgesetztem Gebrauch; sie sind zum Theil schartig, abgenutzt 
und abgebrochen und scheinen hie und da als unbrauchbar fortgewor- 
fen zu sein, während man in den Gräbern den Todten auf die Reise 
in's Jenseits die schönsten und neuesten Werkzeuge und Waffen 
mitgab. 

Wenn es hiernach keinem wesentlichen Bedenken unterliegen mag, 
dafs hier nicht Ruhestätten von Todten, sondern Wohnplätze von Le- 



') Zorn Theil werden sie auch f&r Knöpfe gehalten; Nilsson: Tk« primitivt 
»habitamts of Seandinavia, übers, von Sir John Labbock, III. Anfl., 18 BS, mit 
Vorwort von Nüssen und Einkitnng Von Labbook. S. 82—84 a. 102. Abbildan- 
gen Taf. IX. Fig. 191—194. 

') Nilsson 8. a. 0. 



264 Ernst Friedel: 

beodigen vorliegen, so drängt sich als zweite Frage auf: welcher 
Zeit gehören diese Wohnstätten an? 

Neben den zahlreichen Gegenständen aus Stein ond Thon haben 
sich in den sehr roh erbaaten Wohnstätten durchaus keine Spuren von 
Metall entdecken lassen, auch sind die gefundenen Thoasachen, wi& 
bereits geschildert, von unvollkommenster Art und aus dem grobstsn 
Material. Nach alle dem gehören die Menschen, welche hier als Jäger 
und Fischer hausten, der Steinzeit an, und es bliebe nur noch m 
untersuchen: ob der paläolithischen oder der neolithischen 
Epoche? 

Meines Erachtens gehören die besprochenen Wohnstätten der 
neuer n Steinzeit an. 

Man characterisirt bekanntlich die paläolithische und neoütische 
Epoche durch die Verschiedenheit der Steinwerkzeuge '). Die palSo» 
Utbischen Werkzeuge sind äufserst unvollkommen, oft hat man an den 
von der Natur gelieferten Feuersteinknollen nur mit einigen Schlägen 
eine ganz rohe Spitze oder Schneide zu Wege zu bringen versucht; 
von dieser Art sind die in den Kiesgruben zu St Acheul und Abbe- 
ville in der postpliocenen Diluvialdrift des Sommethals bei Amiens ge^ 
fnndenen Werkzeuge, welche jetzt bereits aus dem ganzen Westen 
Europa's (Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, England, Schottland^ 
dagegen noch nicht aus Scandinavien ') bekannt sind und die man 
durchweg Stein Werkzeuge vom Amiens-Typus nennt. — Die neolithi- 
sehen Werkzeuge dagegen sind erst behutsam im Groben vorgeklopft 
und dann durch Schleifen und Feilen geglättet, auch oft in höchst ge- 
fällige Formen gebracht. Diesen letztem Typus tragen nun die von 
mir auf Sylt gefundenen Steingeräthe. Zwar sind einzelne Feuerstein- 
splitter, die man für Bohr- und Schabe- Werkzeuge hält, von sehr roher 
dem Amiens-Typus ähnlicher Arbeit, allein dergleichen rohe Steinsacben 
kommen erweislich noch in der Bronze- und Eisenzeit vor; sie waren 
billig und leicht herzustellen, und dabei zugleich ebenso brauchbar, als 
wenn man sie in feinerer Qualität angefertigt hätte '). Ferner kennt 



So Lubbock und Nilason a.a.O. S. Xfl ff., S. XXIII ff., 8. ( ff. 
Lyell (Alter des Menschengeschlechts, deutsch von Büchner, 1867} S. 74. Lyell 
giebt die Abbildungen der Amiens- Werkzeuge vom palilolithischen Typus (S. 75 
u. 76) in halber, Lubbock a. o. O. (8. XVII, XIX u. XX) in voller Gröfse. — 
Derselbe in: Prehütorie TTme», p. 96. 

') Nilsson a. a. O. S. VH ff., 161, 268. — Aus der Abwesenheit wirklich 
der palttolithischen Zeit angehöriger Werkzeuge folgert Kilsson u. A., daTs Scan- 
dinavien erst während der neolithischen Epoche bevölkert wurde. 

') Siehe dergl. ans Schweden und der jüngeren Steinseit sugehörig bei NiU- 
son a. a. O. Taf. IL Fig. 23, 26, 28, 88; Taf. V. Fig. 84, 85; Taf. VL Fig. 141; 
Taf. XVL Fig. 266 — 268. — Femer: Daniel Wilson: PrehUtoric Man. Re- 



Höhlenbanten ans der jüngeren Steinzeit aaf Sylt 265 

man in der paläolithiscben Zeit keine eigentliche Töpferwaare; end- 
lich benutzte man 8tatt der schon ziemlich künstlichen Amulette und 
Schmucksachen aus Bernstein und Stein, wie sie der neolitbischen Zeit 
eigen, viel rohere, womöglich gleich fertig von der Natur gelieferte 
Sachen, wie die Cosninopora globularis d'Orb. (= OrMulina Parker 
a. Jones), eine kugelichte Versteinerung aus der Kreide, die h&nfig 
durchbohrt vorkommt und von den Yerfertigern der Amiens-Steinwerk- 
leage in Schnüren um den Hals getragen sein mag. Gleichwohl ist 
das Alter dieser Sylter Höhlen Wohnungen noch immer ein sehr bedeu- 
tendes, wenn man erwfigt, dafs die jüngere Bronzezeit in Scan- 
dinavien, wie competenter Seits angenommen wird '), bereits der Vor- 
geschichte angehört '}. 

Wie die Binnenlandbewohner der jungern Steinzeit vorzogen, zum 
Schutze gegen räuberische Angriffe ungesunde und unbequeme Zufluchts- 
st&tten sich auf Pfählen und im Wasser zu bauen, so versteckten die 
Küsten bewohner, um sich gegen Angriffe von der Seeseite zu wahren, 
sich gern in Hügeleinschnitten, und zwar oft, wie auf Sylt, in form- 
lichen mit rohen unvermauerten Feldsteinen ausgesetzten Gruben und 
Höhlen, welche zwar dem Auge deer Feindes leicht entgingen, dagegen 
aber dumpfig und feucht, auch für Fischer, welche ihren Unterhalt auf 
dem Meere suchten, nicht gerade bequem gelegen waren. Der Typus 
der gefundenen Werkzeuge, namentlich der thönemen Gewichtsteine, 
von welcher Art sich zwei höchst ähnliche aus den Robenbausener 
Pfahlbauten im Berliner Museum befinden, so wie der Amulette und 
Topfscherben, weist auf einen den ältesten Pfahlbauten paral- 
lelen Bildungszustand hin. Da aber die menschliche Gultur in 
den verschiedenen Völkern und Ländern Kuropa's sich in ganz ver- 
schiedenen Zeiten entwickelt hat, so berechtigt die Gleichartigkeit der 
Artefacte aus den Schweizer Pfahlbauten der Steinzeit und der Arte- 
&cte aus den Sylter Höhlenbauten der Steinzeit uns noch keineswegs, 
die Entstehung derselben in dasselbe Jahrzehend oder auch nur in 
dasselbe Jahrhundert zu setzen. 

Die von mir beschriebenen Wohnstätten gleichen, was schliefslich 
noch erwähnt werden mag, den von Sven Nilsson zuerst genau un- 
tersuchten und beschriebenen sog. Gang- oder G all erie- Wob nun - 
gea {gaüery-dwellvngs)^ welche sich in Scandinavien noch zahlreich 
erhalten haben, und deren Gestalt sich noch jetzt in den Wohnungen 



«aorcA««, mto the origin of civilisaHon in the old and tke new toorld, 11. ed. Lon- 
don ise5. p. ISS ff. 

M KiUson S. XXXVI, S. 257 ff. 

') Kenerdings wieder von Rougemontin seinem Bronzealter bestritten. 



266 Ernst Friedel: Höhlenbauten aus der jüngeren Steuueit auf Sylt. 

der heutigen Eskimos wiederfindet. Das Gbaracteristische dieser Wohr . 
aongen ist ein ans Steinen erbaater, bedeckter enger Eingang (poHery), 
welcher oft so niedrig ist, dafs man darin mehr kriechen wie gehen 
mols, nnd welcher gewöhnlich nach Osten oder Süden mündet. Die 
Oestalt der eigentlichen Hütte ist gestreckt rechtwinklig, oder nind, 
oder eiförmig. Oft sind die W&nde solcher Eskimowohnnogea aas 
rohen Steinen ohne Mörtel zusammengeschichtet, fast niemals aber ist 
die Hütte mit dergleichen Steinen gedeckt >). — Derartige Galleriewoh- 
aungen vorgeschichtlicher Zeit sind nunmehr in Scandinavien, in gani 
Westeuropa, in Asien und Afrika, in der Erimm, dagegen innerhalb 
Deutschlands, wie es scheint, erst auf der Insel Sylt mit Sicherheit 
nachgewiesen. 

Ob hier im äutsersten deutschen Norden einst ein den Polanröl- 
kern Ähnlicher Jager- und Fischer*Stamm gehaust hat, mag dabin ge- 
stellt bleiben. Nicht unwahrscheinlich ist es, dafs das Volk, wekhee 
seine Küchenabf&Ile, die von den Dänen sogenannten KjökhenmÖddin^er^ 
ia Form von gewaltigen Schalen- und Enochenmassen an den dänischen 
Ostküsten anhäufte, demjenigen verwandt und gleichaltrig ist, wel* 
ehes am Bothen Eliff auf Sylt hauste'), dessen ,)Ejökkenmöddinget^ 
aber an den Westküsten bis auf wenige Spuren von den rasenden 
Fluthen des deutschen Ooeans verschlangen worden sind, ein Schick- 
sal, welches vermutblich dereinst die Insel Sylt und die sfimmtiicbeD 
friesischen Uthlande treffen winL. 



1) Nilflson a. a. O. S. 124 ff., S. 14a ff. Abbildnngeü Taf. XIV. Fig. 84s6 
bis 251. Nilsson bemerkt ausdrücklich: „Trotz der auffallenden Aebnlif^keit un- 
serer Gangg^ttber mit den Winterhütten der Eskimos, glaube ich doch nicht, daft 
erstere von dem genannten Volke errichtet sind, sondern, von einem Stamme, itA- 
eher d amals auf denselben Colttiretuft stand , wie heat zu Tage die Eskimos. — 
"^ ""ISskimSBchädel sind hier im Lande nie gefunden. Was die Lappen betrifft, so 
haben dieselben keine Monumente hinterlassen können, weil sie allem Anschein nach 
keine errichtet haben". — Uebrigens ist zu beachten, dafs nach Retsina die Es- 
kimos dolichocephaUprognath, die Lappen brachycephal-orthognath 
sind. 

') Auch nach L üb bock (a. a. O. S. XXTir u. ÜtXVI), sowie nach Steen- 
strup und Lyell (a. a. O. 8. 12) gehören die KjSkkenmoddinger od^ shell-mounds 
der jüngeren Steinzeit an. Lubbock: Prehutorio Timea, p. 96. — Interessant 
erscheint, wie hier nachschriftlich bemerkt werden mag, die uns mündlich zugegan- 
gene Mittheilung eines langjährigen Mitgliedes der Gesellschaft für Erdkunde zu 
-Berlin, wonach im Sommer 1868 auch auf der Naclibarinael F5hr in einem Gartsa 
des Hauptortes Wieok beim Nachgraben gebrauchte Topfreste, Knochen , Kohlen, 
Asche etc. von sehr hohem Alter aufgeftinden worden sind. 



i 

f 

t 



267 



MiscellexL. 

Crocodile in Pjalftstina. 

Das noch gegenwärtige Vorkommen ron Crocodilen in Palästina wurde lange 
Zeit beiweifeU, während för ihre einstmalige Existens in diesem Lande die von 
Strabo ond Plinias erwähnte, Ewischen Caesarea und Akka gelegene Stadt Kro- 
kodllon, sowie ein gleichnamiges Eästenflürschen , endlich mannigfache Notizen 
bei mittelaltrigen nnd neueren Schriftstellern Zeugnifs ablegen. Diese Zeugnisse 
hat Titufl Tobler (Dritte Wandemng nach Palästina im J. 1857. Gotha 1359. 
S. 376 fT.) und nach ihm Sepp (Jemsalem and das heilige Land. Bd. II. Schaff- 
bansen 1863. S. 476 f.) sorgsam gesammelt. So erwähnt Vinisanf nm 1192, 
da£s zwei Soldaten beim Baden im Crocodilflofs von einem Crocodil verschlungen 
worden seien; ebenso schreibt Jakob von Vitry nm 1210 (in Bongarsii gesta Dei 
per DrcmeoM 1103), dafs im Flnfs von Caesarea, wahrscheinlich also in der vier- 
iig Minuten nördlich von dieser Stadt mündenden Zerka, jene Thiere in grofser 
Zahl vorkämen. Thietmar spricht nm 1217 gleichfaOs von den Crocodilen, welche 
in dem vom Karmel herabstromenden Bache lebten; er meint unstreitig den Ke- 
ndscbi. d'Avienx erzählt (im Jahre 1660), dafs auf dem Wege von Tartüra 
(Tantftra, Dor) über Kaisaria nach Ali Ben Aalam in der Richtung nach Ramleh 
ein See liegt, welcher seinen Namen, Mujet-et-Tamsah oder Crocodilsee, daher 
erhalten habe, weil ein in demselben hausendes gewaltiges Crocodil einen belade- 
aen Esel verschlungen habe. Im Jahre 1674 meldet Nau, dafs in dem zwei 
Lieues südlich von Tantüra liegenden kleinen, aber ziemlich wasserreichen Mühl- 
baoh, Naher-e^Temasieh oder Crocodilflufs« sich Crocodile fänden, welche den 
Yiehheerden grofsen Schaden zufügten; dieser Flufs würde daher mit dem Ke- 
ndscbi (Choradsdie) fibereinstimmen. Pococke sagt, dafs man auf dem Wege 
von Tartnra nach Caesarea zuerst den Flufs Coradge (Eeradschi), dann den Flufs 
Zirka (Zerka) überschreiten mufste, welcher letztere um so mehr für den Kroko- 
dilon der Alten gehalten wurde, weil man in Erfahrung gebracht habe, dafs in 
der Zerka Crocodile lebten; einige von diesen seien nach Akka gebracht worden, 
was von allen dort lebenden Europäern bestätigt wurde; diese Crocodile seien 
nicht über 5 — 6 Fufs lang, und man vermuthete, dafs eine Colonie aus Aegyp- 
ten ^ese Thiere vom Nil dorthin verpflanzt hätten. Im J. 1767 spricht Mariti 
von dem sechs italienische Meilen südlich von Tantftra ^iefsenden und von klei- 
nen Crocodilen bewohnten Naher-et-Temasieh. Seetzen, 1806, (Reisen II. S. 73) 
sagt: er habe sich, da es ihm nicht möglich war, eigene Untersuchungen über 
das Vorkommen von Crocodilen in diesem Thefle der palästinensischen Küste an- 
mstellen, darauf beschränken müssen, Erkundigungen über diesen interessanten 
aatnrhistorischen Gegenstand einzuziehen, und sei ihm von mehreren Personen 
die Bzistens dieser Saurier bestätigt worden; so habe ein griechischer (Christ von 
Haipha erzählt, dafs in der etwa eine halbe Stunde südlich von Tantüra mün- 
denden Zerka zahlreiche Crocodile vorkämen; eine uralte Sage vorsichere, einst 
Mi ein Paar Crocodile von Aegypten hierher gebracht, und dieses habe sich hier 
•o vermehrt. Da man die Gefährlichkeit dieses Thieres kennt, so mache man 



268 MisceUen: 

erst ein grofses Geschrei, bevor man den Flnfs passirt, welcher nahe an seiner 
Mündong seicht ist nnd keine Brücke hat. Derselbe Gewährsmann versichert, er 
habe ein erschossenes Crocodil am Ufer der Zerka gefanden, welches 20 Fnfs 
lang und so fett gewesen, dafs sein Fett den Boden tränkte; die Beschreibang, 
welche er von der Gestalt des Thieres dem Reisenden Seetsen gab, lafst es anlser 
Zweifel, dafs dasselbe wirklich ein Crocodil gewesen ist — Alle diese hier bei- 
gebrachten Zeugnisse geben aber nur geringe Bärgschaft för das noch gegenwär- 
tige Vorhandensein in den Kustenflussen südlich vom Karmel, und Robinson sagt 
in seiner, nach seinem Tode erschienenen ^physischen Geographie des Heiligen 
Landes", Leipxig 1865, S. 189: es knüpfe sich an den Flufs Zerka die Volks- 
sage, dafs er von Crocodilen bewohnt sei, weshalb ihn die Eingebomen mitanter 
noch Maat Temsäh, Crocodil- Wasser, nennen ; diese Sage trete erst zur Zeit der 
Kreuzzüge anf und werde später von Reisenden bis auf die neueste 2^it erwähnt; 
obgleich die Behauptung sehr positiv sei, so scheine es* dennoch, dafs Niemand, 
weder ein Eingebomer noch Ausländer, je selbst in dieser Gkgend Wirklich em 
lebendiges Crocodil gesehen habe. Einen sicheren Anhalt für die heutige Exi- 
stenz des Crocodils in jenen Küstenflüssen gewähren jedoch die Nachrichten 
zweier Reisenden. So berichtet Johannes Roth im J. 1857, welcher während 
seiner Reise in Palästina starb, dafs er am Ufer der Zerka im Sande den deut- 
lichen Abdruck eines Crocodils von 6 Fufs Länge entdeckt und selbst den Ca- 
daver eines solchen Thieres mit nach Jerusalem gebracht habe. Auch gaben die 
Eingebornen an, dafs sie oftmals Crocodile fänden und tödteten, weil sie den am 
Ufer weidenden Schafen und Ziegen Schaden zufügen : auch hätte der Prenfsische 
Viceconsul Ziffb in Kaipha bisweilen Exemplare erhalten (Athenaeum 1857. p. 1623 
vgl. Petermann's Mittheil. 1858. S. 112). Endlich lesen wir in der »Times* vom 
5. April 1869, dafs auch in dem in die Bai von Akka mündenden Khison Cro- 
coclile leben sollen. Ein Engländer, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit 
einem leichttransportablen Boot gegenwärtig die Gewässer Palästina's zu befahren, 
hatte, nach BeschifTung der Küsten des Sees von Tiberias und des Jordan, seinen 
«Roh Roy" in den Khison bringen lassen und hat hier dicht neben seinem Boote 
ein Crocodil auftauchen sehen, welches nicht übel Lust zu haben schien, nach 
der Hand des Reisenden zu schnappen. Weiter unten entdeckte er anf einer 
Schlamrobank zahlreiche Fufstapfen von Crocodilen und während er noch mit der 
Untersuchung derselben beschäftigt war, setzte ein wahrscheinlich unter dem Boote 
kriechendes Crocodil dasselbe in eine schwankende Bewegung. Auch will der- 
selbe zu Nazareth ein Crocodil gesehen haben, welches vier Monate früher Inder 
Zerka getödtet worden war. Consul Wetzstein, welcher den Khison in geringer 
Entfernung von seiner Mündung überschritt und sogar ein<e Nacht an seinem Ufer 
zubrachte, hat freilich nichts von diesen gefräfsigen Amphibien gehört, obgleich 
sein Führer aus dortiger Gegend geburtig war; er schildert uns das Bett des 
etwa 150 Fufs breiten Flusses als schlammig und zu Anfang Mai mit so wenig 
Wasser bedeckt, dafs dasselbe den Reitthieren nur bis unter die Brust reichte; 
möglich dafs weiter oberhalb Crocodile hausen, die aber jedesfalls bei der gerin- 
gen Wassermenge nur sehr klein sein können. — Ob auch der Jordan Crocodüe 
enthalte, ist sehr zweifelhaft. Zwar erzählt Salignac in seinem Itinerar (1522), 
dafs sein Pilgergefährte beim Bade im heiligen Strome vor seinen Augen von 



Crocodile in PaTästina. 269 

eioem Seedrachen yerschlongen worden sei (Sepp U. S. 478), und der Bericht- 
entatter in der Times behauptet, dafs noch vor einigen Jahren Crocodile im Jor- 
dan gesehen worden wären, aber Spuren derselben hat unser Engländer bei seiner 
Fahrt auf diesem Flnfae nicht entdecken können, da das Wasser damals zu hoch 
stand und die genauere Untersuchung der Sandbänke und Gebüsche unmöglich 
machte. 

In Anschlufs an diese Notizen wollen wir auf eine in den Memoiren der St. 
Petersburger Akadetnie der Wissenschaften (VII* Sdr. X. N. 13) erschienene Syn- 
opsis der gegenwärtig lebenden Crocodiliden ^es Zoologen Alex. Strauch auf- 
merksam machen, aus welcher ein Ton L. Lungershausen gemachter Auszug (Aus- 
land 18G9. S. 490) uns vorliegt. In dieser fleifsigen Arbeit StraucVs wird Pa- 
lästina allerdings nicht unter die Faunengebiete, in denen Repräsentanten aus der 
Familie der Crocodiliden vorkommen, erwähnt. Als asiatische Faunenge- 
biete, auf* welchen sich folgende Crocodilarten : Croeodilus palustris, Or. siamen- 
sis, Cr. hicorpatusy Cr, pondicherianus, und die Gavial- Arten: Gavialis Schlegelii 
und G. gangenticus vertheilen, werden genannt: die sädasiatischen Küstenländer 
von Vorderindien östlich bis zur Halbinsel Korea, die grofsep und kleinen Sunda- 
Inseln, Moluken, Philippinen, Neu -Guinea, ein Theil der Nordküste Australiens, 
namentlich um den Golf von Carpentaria herum, und ein Theil der oceanischen 
Inseln. Das gefahrlichste dieser Reptilien ' ist das Leistencrocodil {Cr. bicorpatus)f 
welches vorzüglich häufig in Vorder- und Hinter-Indien, dann auf den Sunda-In- 
seln, auf den Nikobaren, Philippinen, Pelew- und Fidschi -Inseln, westwärts auf 
den Seychellen, Amiranten und Mascarenen und nordwärts bis Korea vorkommt; 
sein Verbreitungsbezirk reicht von 35^ nördl. Br. bis 20^ südl. Br. nnd von 75** 
östl. L. bis 195^ östl. L. von Ferro. — Das afrikanische Verbreitungsgebiet 
umfafst den ganzen Continent, mit Ausnahmes des Stückes, welches nordwärts einer 
von der Breite Thebens bis zum grünen Vorgebirge gezogenen Linie liegt. An 
Specieszahl ist dieses Gebiet das ärmste, indem es nur 8 Arten aufzuweisen hat : 
Cr. frontatus, Cr. vulgaris und Cr. cataphractus, Dafs das Nilcrocodil im Alterthum 
nördlich von Theben vorgekonmien sei, weist der Verf. zurück. — Das nordame- 
rikanische Faunengebiet, in welchem nur der Mississippi-Kaiman {Alligator 
nississippiensis) auftritt, umfafst die Staaten Nord-Carolina, Georgia, Florida, Ala- 
bama, Mississippi, Louisiana und Texas oder den Ländercomplex zwischen 24 
bis 35' nördl. Br., und westlich begrenzt durch den Rio del Norte. Der nörd- 
lichste Punkt, an dem der Mississippi-Kaiman auftritt, ist das Flüfschen Nense 
in Nord-Carolina. Eine ungleich gröfsere Ausdehnung als das nordamerikanische 
nimmt das südamerikanische Fannengebiet ein, welches den grofsten Theil 
des südamerikanischen Continents, Central-Amerika, Mexico und Westindien umfafst 
und von sechs Alligatorenarten {Alligator niger, A, latirostris, A, sclerops, A. 
punctatusy A. palpebrosus nnd A. trigonatus)' und von drei Crocodil-Arten {Cro&h' 
dibu rhombi/er^ Cr, Morslitii nnd Cr. acutus) bewohnt wird. — r. 



270 MiflceDea: 

Ortsbestimmimgen in TOridst&n. 

In Bd. II, 1867, S. 80, Anm« 1 dieser Zeitschrift gaben wir Mittheiliuig tos 
den bis dahin bekannten Ortsbestimmungen in Türkist&n. Wir fögen jetst die 
neaerdings (im Rechenschaftsber. der Kais. Boss, geogr. QtB, ffir 1868, S. 24 der 
Beil.) mitgetheilten hinzu, indem wir die früheren dabei reproduciren. 

Breite Länge ÖetL ▼. Pnlkowa. 

Törkistän . . 43 17 40 37 57 19 

Ütsch-Knjuk 43 13 34 37 29 49 

Steinkohlenlager am Flusse Bogon 43 .2 57 39 32 9 

Anlie-Ata 42 53 44 41 3 34 

Festung Merke 42 52 20 42 49 19 

Festung Tokmak 42 50 25 44 54 34 

Ak-Ssu 42 50 20 43 46 50 

Tschimkend 42 18 8 39 16 19 

Taschkend 41 18 40 38 56 49 

Tschinas 40 56 2 38 26 34 

Festung Keleutschi 40 53 53 39 9 

Chodschend 40 17 2 39 17 20 

Festung Nan . 40 9 7 39 2 30,5 

Disak 40 9 5 37 28 28 

Jany-Kurgan 40 6 50 37 II 50 

Kairagatsch 40 3 20 39 24 6 

Festung Samin 39 58 4 38 2 42 

Üra-Tübe 39 55 16 38 38 23 

Samarkand 39 38 45 36 38 54 

Buchara 39 46 '45 34 7') 

M. 



. Notizen Über die Goldminen Californiens. 

Nachbenannte Goldminen wurden im Jahre 1868 bearbeitet: In der Almador- 
Mine (38*^ 5' nÖrdl. Br.), gegenwärtig in Besitz einer Compagnie, wurden jährlich 
gegen 200^000 Tonnen Quarz zu Tage gefordert, die zum Preise von 20 D. brutto 
nnd 14 D. netto per Tonne von 2000 PJiind einen Gesammtwerth von 430,000 D. 
brutto und 300,000 D. netto reprasentiren. Das Erz wird in einer Tiefe von 
1200 Fufs unter der Oberfläche des Bodens und 300 Fufs unter der Meeres- 
böhe gewonnen. Die Ader selbst zeigt bei einer Breite von 12 FtLCs überall 
denselben reichen Quarz; das Oold kann leicht durch Almagamation geschieden 
werden. — Die Eureka-Mine in Grass -Valley (39* 15' nördl. Br.) liegt circa 
2500 Fufs über dem Meere; sie ist gegenwärtig die ergiebigste Mine Californiens 



*) Die Länge von Buchara ist annähernd aus den Marschrouten von Samtr- 
kand nach Buchara und mit Berücksichtigung der Breite berechnet. M. 



Notizen über die Goldminen Californiens. 271 

«nd liefert jährlich circa 375,000 D. brutto #der 850,000 D. netto. Da ihre 
Qnarzader aber aar 4 Fafs mächtig ist, so dürfte in der Zukanft die Alnuidor- 
Mine ihr den Rang streitig machen; sie wurde im Jahre 1857 aufgeschlossen. — 
Die Sierra Butte- Mine (39"* 30' nördl. Br.), in der N&he von DownieviUe, 6000 
Fuis über dem Meere gelegen, wurde seit 1851 bearbeitet; vor 1857 wurden 
dmn^schnittUeh 1500 Tonnen Erz, von 1866 -* 68 14,000 Tonnen Erz per Jahr 
▼erarbeitet. In Betreff der Menge des Torhandenen Erzes und der Leichtigkeit 
der Förderung- steht diese Mine über jeder anderen; dagegen bietet ihre hohe 
Lage an einer steilen, für Wagen unzugänglichen Bergwand manche HindemisBe 
dar, und ist sie zudem gelegentlichen Schneelawinen ausgesetzt — Die North 
Star -Mine in Grass -Valley lieferte in den vier Monaten vom 19. Juni — 19. Sept. 
1867 aus 3116 Tonnen En eine ^Ausbeute von 97,000 D. zum durchschnittlichen 
Werthe von 31 D. per Tonne. — Der Mariposa Grundbesitz mit einem Areal yon 
44,000 Acres Land . und dner Anzahl Quarzminen wurde lange Zeit für einen 
der werthvollsten Minendiistricte gehalten; derselbe wurde im Jahre 1847 vom 
Gouverneur Alvarado an Capt. Fremont verkauft. Letzterer kam aber erst in 
den vollen Besitz seines Eigenthums, nachdem er, um seine Anrechte bestätigt 
SU erhalten, eine Klage gegen die Verein. Staaten geführt und später die Streitig* 
keiten mit den Squatters, welche sich ohne seine Erlaubnifs auf seinem Grund 
und Boden angesiedelt hatten, abgewickelt hatte. Nach einem geringen An- 
schlage hatten diese Eindringlinge aber inzwischen 5,000,000 D. herausgezogen, 
von denen Fremont nie einen Cent zarück erhielt. Wenn nun auch Fremonfs 
Bemühungen, seinen Besitz zu verwerthen, seit dem Jahre 1860 von glücklichem 
Erfolge gekrönt waren, so zwang ihn doch die Schuldenlast, welche auf seinem 
Eigenthume haftete, dasselbe im Jahre 1863 an eine Compagnie zu verkaufen, 
welche aber sehr schlechte Geschäfte machte. Gegenwärtig stehen die Minen 
unter Administration, welche die auf 3 Millionen Dollars angewachsenen Schulden 
zo tilgen hat und das Gmndstück dann an die Gesellschaft zurückgeben soll. — 
Das Goldwaschen nimmt in Califomien immer mehr ab, da die goldhaltigen 
Lagen in den älteren und neueren Flnfsbetten erschöpft sind. Das meiste Wasch- 
gold wird heut zu Tage aus den Betten von Strömen gewonnen, die seit Jahr- 
tsuseaden ihren Lauf veränderten. Es folgen diese in paralleler Richtung der 
Sierra Nevada, jedoch 30 — 35 Meilen von dem Höhenpunkte dieses Gebirges, so 
da(s die jetzigen Flüsse sie rechtwinklig durchschneiden. Während der langen 
dazwischenliegenden geologischen Periode haben sich die Bergketten gehoben 
und die ihnen entspringenden Gewässer weiter nnten die Felsen durchbrochen, 
so.dafs der relative Höhenunterschied zwischen den altern und heutigen Flüssen 
oft 1000 — 1500 Fufs beträgt. Die gewöhnliche Richtung dieser vorhistorischen 
Ströme, die besonders zwischen dem 39. und 40. Parallelgrade sehr zahlreich 
sind, ist von Norden nach Süden. Sie sind breiter als irgendwelche der hentigen 
benachbarten Flüsse, sie besitzen, wie diese, ihre felsigen Uferränder, ihre Strom- 
sehnellen, ihre tiefen Ablagerungen von Kiessand, ihr Treibholz, ihre Wirbel und 
3ire vom Wasser blofsgelogten Goldtheilchen , sind aber, ungleich den neueren 
Strombildungen, alle mit Alluvialschichten, mit Sand, Lehm und Lava überdeckt, 
wekhe letztere aus den längst erloschenen Vulkanen herrührt. Diese tiefen 
Schiebten von Sand und Lava, die das Herausnehmen des edlen Metalls aus der- 



272 Bfiscellen: 

«rtigen alten Flafsbetteii zu 6meiii.4iar8er8t schwierigen und kostspieligen machen, 
fichfitsen sie zugleich vor zn rascher Ausbeutung. Die nutzbringenden Minen in 
solchen älteren Strömen sind diejenigen , deren Bett ans goldhaltigem Riessande 
von 100 — 150 Fufs Tiefe besteht, ohne die oben erwähnte Ueberschüttnng von 
Sand, Lehm etc. Solche Plätze wurden u. a. bei Gold<Run an der Facific-Bahn,- 
3000 Fufs über dem Meere, gefunden. Die Bearbeitung dieser Minen, deren jede 
gewöhnlich ein Areal von 2 Acres einnimmt) geschieht durch Wasserströme, die 
über den Hügel hinweg und die steile Felswand hinunter in eisernen Röhren bis 
zum Fufs der Anhöhen geleitet werden, wo kleinere Röhren das Wasser gegen 
die Bergwände spülen. Das aus jeder Röhre geschleuderte Wasser kostet 10 bis 
15 D. per Tag, und wird dasselbe per Zoll verkauft, worunter eine Menge rer- 
standen wird, die aus einer Oeffhung von einem DZoll Weite fliofsen kann, die 
an der Seite eines Kastens angebracht ist, welcher 6 Zoll Wasser über diesem 
Loche eifthült. Ein Zoll füllt in 12 Stunden 50 Behälter und kostet gewöhnlich 
ca. 10 — 12 Cents. Eine solche Wassermasse zerbröckelt und reifst 5 — 10 Ton- 
nen Erde in die Canäle (Sluices) herab, in denen dann das Gold zurückbleibt 
Der tägliche Verbrauch von Wasser in Uncle Ab > Mine belief sich auf 13,000 
solcher Behälter s=s 1000 D. per Monat, während die Ausbeute die Summe von 
4000 D. in derselben Zeit erreichte. Im Allgemeinen geht indessen die Hälfte 
des Gesammtertrages in den Auslagen für Wasser auf. — r. 



Die mittlere Pacific -Eisenbahn. 

Eine der bedeutendsten Unternehmungen der neuesten Zeit ist jedesfalls die 
mittlere Pacific-Bahn, die bestimmt ist, eine Verbindung zwischen Omaha am Missouri 
(4r 20' nördl. Br.) mit San- Francisco (37* 48') herzustellen. Die Länge der 
abgemessenen Strecke (vergl. Th. Jacoby's Califomischer Staats -Kalender, 1869, 
S. 18) zwischen diesen beiden Endpunkten beträgt 1846 engl. M. und bildet, 
mit der bereits vollendeten 1454 M. langen Bahn von Omaha nach New Torkf 
einen ununterbrochenen Schienenweg von 3299 engl. M. Von San -Francisco 
aus läuft die Bahn auf einer Strecke von 450 M. bis Winnemucca (41^) in nord- 
östlicher, die übrigen 1400 M. in nahezu östlicher Richtung nnd berührt keinen 
Punkt nördlicher als 40"* 70' und keinen südlicher als 40"* 31'. Sie durchschneidet 
die Coast- Range in Califomien, die Sierra Nevada und die Rocky Mountains. 
Den Rücken der Coast- Range übersteigt sie 49 M. von San -Francisco in eiqer 
Höhe -von 734 Fufs, die Sierra Nevada 229 M. von San - Francisco in einer Höhe 
von 7042 Fufs und die Felsengebirge in einer Höhe von 7534 Fufs, 1155 M. ron 
jener Stadt. Die höchste Steigung, 8242 Fufs, findet beim Ueberschreiten eines 
Ausläufers der Felsengebirge, am Evans -Pafs, 1297 M. von San -Francisco ent- 
fernt, statt. Von Shady Run an, 197 M. von San -Francisco, beträgt für die 
Strecke von 1150 M. in östlicher Richtung, die Bodenerhebung, auf der die Schie- 
nen gelegt sind , an keiner Stelle weniger als 4000 Fufs Meereshöhe. Die erste 
Section dieser Bahn (229 M.) zieht sich von San -Francisco an dem westlichen 
Abhänge der Sierra Nevada entlang; die zweite, 721 M., liegt im Plateau des 



Die mittlere Pacific -Eisenbahn. 273 

Saliseebeckens, die dritte, 205 M., fallt in da« Gebiet de« Rio Colorado, der 
«eine Gewässer dem 60I& von Californien zafobrt, die yierte, 691 M., begreift 
das Flofiigebiet des Platte, eines Nebenflusses des Missouri , in sieb. Auf der 
guten 1846 M. langen Strecke ^om Stillen Ocean bis Eum Missoori überschreitet 
die Bahn nur drei g^öfsere Flüsse, den Sacramento, den Grreen- River» einen 
Nebenflufs dos Colorado, und den nördlichen Arm des Platte. Von einem Punkte, 
SSM. westlich yom höchsten Gipfel der Sierra Nevada ausgehend, bis zu einem 
snderen, 322 M. östlich vom Felsengebiige, eine Entfernung von 1286 M,, war 
auf der ganzen Bahnlinie früher keine Spur einer Ansiedelung, während jetzt 
auf dieser Strecke Hunderte von Plätzen entstanden sind, deren Namen so fremd 
UiDgen, dafs aufser den Bahnarbeitern schwerlich sonst Jemand sie behalten 
kuin. Der Bau der Bahn ist von 3 Compagnien ausgeführt; die 124 M. lange See- 
tion Ton San- Francisco nach Sacramento ist von der Western Pacific -Compagnie 
gebsQt, die zweite, östlich von Sacramento, durch die Central -Pacific -Compagnie, 
4ie dritte, westlich von Omaha, von der Union -Pacific -Compagnie. Namentlich 
eilig sind die Bahnstrecken der beiden letzteren Compagnien gebaut, indem jede 
täglich etwa 6 M. Schienen legte , während im Allgemeinen eine halbe M. als 
ein gutes Tagewerk angesehen wird. Am 14. November 1868 hatte die Central- 
Pacific- Compagnie 400 M., die Union -Pacific -Compagnie .850 M. vollendet. Die 
Compagnien versprachen am 4. Juli 1869 Passagiere per Wag^n von San -Fran- 
cisco nach New York zu befördern. Die letzte Schiene wurde am 8. Mai 1869 
gelegt und durch die mit dem zuletzt eingeschlagenen Bolzen nach allen Haupt- 
punkten der Union in Verbindung gesetzten electrischen Telegraphen die Vollen- 
dnng dieses Riesenwerkes bis zum fernsten Osten und Westen hin verkündet. 
Die anfserordentliche Hast, mit der die Arbeit betrieben wurde, hatte ihren 
Gnind in einem Versprechen der Regierung, für jede ausgebaute Meile der 
Bsbn 12,800 Acses in Ländereien zu schenken und 12,800 Dollars in Bonds 
leihweise vorzustrecken. Der Qesammtbetrag dieser Vorschüsse belauft sich 
aof circa 60 Millionen D., der der abzutretenden Ländereien auf circa 23 Mil- 
fionen Acres, und würde der der Eisenbahn geschenkte Grund und Boden die 
eine Hälfte eines Landstriches von 20 M. Breite, 10 M. an jeder Seite der 
Bahn, begreifen, dessen andere Hälfte zum Preise von 2,60 D. per Acre aus- 
geboten werden soll. Die Compagnie ist nicht veipfilchtet, zu diesem Preise zu 
Terkaufen, wird aber jedesfalls kein Land unter demselben abgeben, und da nun 
12,800 Acres, zu 2;&o D. gerechnet, genau 32,000 D. ausmachen, so müssep die 
Lindereien die Bonds und diese ihrerseits die Bahn bezahlen. Da jener Vor- 
BchoTs der Regierung von 32,000 D. pro Meile nach 30 Jahren mit 6 pGt jährlichen 
Zinsen znrückbezahlt werden sollen, die Kosten für Beförderung der Post und 
Begierungsgegenstände davon aber abgezogen werden, so ist zu berechnen, dafs 
dnich vorgenannten Länderverkauf die Compagnie nach Ablauf von 30 Jahren, 
ebne alle eigene Auslagen, die Nutzniefsung des Bahnbetriebes und eines Capitals 
TOB 60MlUionen D. gehabt haben und sich nebenbei in unbestrittenem Besitt 
der Bahn selbst sehen wird. Die Reise von New Tork nach San -Francisco wird 
6 Tage 17^ Stunden dauern» der Preis eines Durchbillets wird sich auf etwa 
115 Dollars stellen; die Fahrt von England nach San -Francisco würde 17 Tage, 

ZeltMikr. d. GeteUteb. f. Brdk. Bd. lY. 1^ 



274 MiseeUen: 

naeli den SandwiehinBeln 26 Tage, nach Japan 84 Tage nnd nach Hongkong 
40 Tage dauern. 

Jedesfallfl hat diese, in diesem AugenhKcke bereits vollendete mittlere Pa- 
dflc*Bahn insofern eine gesicherte Znknnft, weil die greisen Minenplatse hi 
nicht allsn grofser Entfernung yon derselben liegen; so liegen die Washoe- 
Minen nur 30 M., die Reese Rivers, sowie die Pike's Peak -Minen 50 M.; Seit 
Lake City nur 3 M. in südlicher Richtung, nördlich hingegen die Idaho -Silber- 
minen in einer Entfernung von 100 M., die Idaho- Goldminen von 15011., 
die Montana- Goldminen 200 M. , nnd dürften diese Plätze mit ihren Neben- 
districten und einer Gesammtbevölkemng von 200,000 Seelen durch ihren Handel 
eine nicht unwichtige Stelle im Bahnbetriebe einnehmen. — Weniger günstig 
gestalten sich die Aussichten ffir den Bau der Northern und Southern Pacifie- 
Bahn, deren entere den Continent bei 4Y^ nördl. Br. durchschneiden nnd den 
Lake Superior mit dem Puget Sound verbinden, die andere eine Verbindang 
zwischen St. Louis und San -Francisco herstellen und die Felsengebirge iroter 
dem 85. Grad fiberschreiten soll. Beiden Bahnen sind vom Congrefs 12,800 Acre 
Land pro Meile augesichert, aber keine Bonds -Vorschüsse. Der Bau der Nortfaeni 
Pacific -Bahn hat noch nicht begonnen; von der Southern Pacific -Bahn, welche 
die längste der drei Bahnlinien ist, sind aber bereits von St. Louis ans mehr 
als 100 W. und mt der Californischen Seite 80 M. von San -Jose bis Gilroy 
ToUendet und dem Verkehr übergeben. — r. 



Mittheilungen über den Aufenthalt der französischen Com- 

mission in der Provinz YOnnan. 

(Aaszug aus einem Vortrage des Lieut. Garnier: Revue des ctmrs UiUrairea, 

1869. No. 3S.) 

Am 34. December 1867 traf die franaösische Commission, 184 Monate nadi 
ihrer Abreise von Saigon, in Yünnan, der Hauptstadt der Pronna gleicfa%nr Na- 
mens, ein und fand hier endlich unter dem Schutz der chinesischen Regierang 
zuerst die so lang ersehnte Ruhe nach dem mit grofsen Beschwerden ▼erknüpften 
Marsehe durch die unbekannten, zwischen Cambodia,und den (jkenzen des chine- 
sischen Reiches liegenden Gegenden. BcTor die Commission aber zu neuen Un- 
ternehmungen aufbrach, zog sie erst genaue Erkundigungen über die Lage der 
politischen Verhältnisse der Provinz ein. Zwölf Jahre wülhete bereits der Auf- 
stand der mnhamedanischen Berolkerung in den südlichen Grenzdistricten geges 
die chinesische Regierung; durch einen plötzlichen Ueberfall hatten sich die Em- 
pörer der Hauptstadt Yünnan bemächtigt und sich, nachdem sie durch die chine- 
sischen Truppen eine Niederlage erlitten hatten, auf Ta-ly, die zweite Hauptstadt 
der Provinz, geworfen, hier eine befestigte Stellung eingenommen und eine im- 
abh&ngige Regierung constituirt. Ohne Furcht ror den kaiserlichen Truppen be- 
reiteten sie sich damals von Ta-ly aus zu einem neuen Angriffe auf die Provin- 
zen Yünnan und Kuei-tscheu vor. Zur Zeit, als die Commission in Yünnan ein- 
traf, näherten sich zwei Heere der Aufständischen der Hauptstadt; das ganze Land 



Mittheilnogen über den Aufenthalt der französischen Commission etc. 275 

zwischen Ta-ly and Yünnan war durch Streifcorps der beiden feindlichen Armeen 
Yerwüstet Trotz dieser für die Förderung eines wissenschaftlichen Zweckes so 
nogänstigen Verhältnisse unternahm die Commission die Reise nach Ta-ly, da 
gerade dieser Ort den Hauptpunkt auf der Handelsstrafse zwischen Birma und 
China bildete. Mit einem Empfehlungsschreiben des Leopapa oder Oberpriestert 
der Muhamedaner in Yünnan an seine Glaubensgenossen in Ta-lj versehen, bra- 
chen die Franzosen am 8. Januar 1868 nach dem 180 Eilom. nordöstlich von 
Tännan gelegenen Tung-tschhuan auf, wo sie am 18. Januar eintrafen. Die win- 
terliche Kälte wirkte auf den durch den langen Aufenthalt in dem heifsen Klima 
geschwächten Gesundheitszustand der Franzosen günstig ein, während die anami- 
tische Escorte viel darunter zu leiden hatte. Leider wartete aber hier der £x- 
p<>dition ein schmerzlicher Verlust, indem der Führer derselben, Commandant 
Lagr^e, an einem Leborlelden schwer erkrankte und unter der Pflege des Dr. 
Joubert und von vier Mann der Escorte zurückgelassen werden mufste. Lagfr^« 
erlag in Tung-tschhuan am 12. Mäiz 1868 seinen Leideui bevor noch seine Ge- 
lahrten von ihrer Excursion nach Ta-ly zurückgekehrt waren. 

Am 30. Januar war die Expedition, bestehend aus vier Officieren und einer 
Escorte von 5 Anamiten, von Tung-tschhuan aufgebrochen» und erreichte am fol- 
genden Tage die Ufer des Kin-scha-kiang ( Jang-tsy-kiang) , welcher an diesem 
Tbeile seines Oberlaufes bis dahin noch von keinem Europäer besucht worden 
war. Am 1. Februar wurde der Flufs, welcher an dieser Stelle 200 Meter breit 
und dO — 40 Meter tief ist, überschritten und auf geschlängelten, durch die Felsen 
geba&enen gefährlichen Pfaden, welche durch einen zwei Tage dauernden Schnee- 
fall stellenweise fast nnpassirbar geworden warea, die Reise fortgesetzt Da es 
miftlich schien, in einem durch die kriegerischen Verbältnisse so unsicheren 
Lande ohne einen sicheren Führer weiter vorzudringen, liefs Garnier den katho- 
fiscben Priester Lu, einen Chinesen von Gtoburt, welcher lu Maohong residirte 
und zur Mission von Szy-tschuan gehörte, zu einer mündlichen Unterredung zu 
och einladen. Der Geistliche stellte sich auch ungesäumt ein > seine Schildenm- 
gen, welche er vom Zustande der Gegenden, durch welche die Expedition ihren 
Weg nach Ta-ly zu nehmen gedachte, entwarf, waren aber keineeweges tröstlich. 
Nach seiner Aussage führte die Hauptstrafse zwischen Szy-tschuan und Ta-ly 
ober Tong-pe, eine bedeutende Stadt am Ufer des Blauen Stromes; abe( gerade 
die Gegenden, welche diese Strafse berühre! wären in letzter Zeit in Folge des 
Krieges vollständig verwüstet worden; zahlreiche Banden durchzögen plündernd 
das Land, und anfserdem sei es höchst wahrscheinlich, dafs der muhamedanische 
Befehlshaber in Yong-pe die Reisenden so lange zurückhalten würde, bis die Be- 
fehle des Sultans in Ta-ly in Bezug auf die Fortsetzung der Reise eingetroffen wären. 
» Es gäbe jedoch noch eine zweite, weniger besuchte Strafse, welche die Berge 
am rechten Ufer des Blauen Stromes durchschnitte und sich mit der ersteren drei 
Tagereisen vor Ta^ly vereinigte ; ganz in der Nähe der Vereinigung dieser beiden 
Wege lebe seit 14 Jahren ein französischer Missionar, der P^re Legnilcher, des- 
sen genaue Bekanntschaft mit der Gegend und den Verhältnissen der Expedition 
von grofsem Nutzen sein könnte; freilich sei dieser Weg sehr mühevoll, ohne eile 
Hqi£Bquel)en und nur deshalb vorzuziehen» weil die Reisenden hier der Gefahr 

18* 



276 MisceUen: 

entgehen würden, bis in der Nähe von Ta-ljr auf Vorposten der Anfstandiaehen 
zn stofsen. 

Diesen Weg beschlofs die Expedition einzuschlagen. Am 17. Februar nber- 
sehritt sie den Flufs und erreichte am 28. nach einem höchst beschwerlichen 
Marsche, jedoch unbehelligt, den Wohnsitz Leguilcher's, welcher nicht wenig durch 
die unerwartete Ankunft von Landsleuten überrascht war. Seit Beginn der Re- 
volution war er nicht nach Ta-ly gekommen und hatte seine Anwesenheit im 
Lande möglichst geheim gehalten. Durch die von den Muselmännern verübten 
Grausamkeiten hätten sich dieselben den Hafs der Bevölkerung, im höchsten Grade 
zugezogen, aber der Schrecken, den sie überall verbreiteten, hindere die Unter- 
jochten, das verhafste Joch abzuschütteln. Nur einige Stämme in den Gebirgen 
setzten den Muselmännern einen energischen Widerstand entgegen, und bei die* 
sen fände er denn und die Mitglieder seiner Gemeinde zeitweise Schutz. Uebri- 
gens hielt Leguilcher den von dem Leopapa in Yünnan ausgestellten Empfehlungs- 
brief für genügend und entschlofs sich sogar, die Commission selbst nach Ta-lj 
zum Uen-choai oder Sultan zu begleiten, indem er sich von diesem Besuche einen 
günstigen Erfolg für seine eigene Lage und die seiner Gemeinde versprach. Nach- 
dem der Commandant des in der Nähe gelegenen Städtchens Eaang-tscha-pin die 
Beisenden benachrichtigt hatte, dafs der in der Festung Tschan-knang (32 Kilom. 
von Ta^ly entfernt) residirende Mandarin ihre Bitte um eine Audienz bei dem 
Sultan wohl vermitteln würde, wurde sogleich ein Courier mit dem Recomman- 
dationschreiben des Leopapa an den Mandarinen abgesandt, während die Expe- 
dition gleichzeitig dorthin aufbrach. Von der Spitze des Berges, an dessen Fufee 
Tschan-kuang liegt, erblickte man am 29. Februar den blauen Wasserspiegel des 
Sees von Ta-ly inmitten einer fruchtbaren, mit Gärten und Dörfern besetzten 
Ebene ; hohe schneebedeckte Bergketten begrenzten den Horizont. Die Ortschaf- 
ten aber, durch welche der Weg führte, boten überall ein Bild der Zerstörang 
' durch den Krieg, während merkwürdigerweise die wohlbebauten Felder keine 
Merkmale von Verwüstungen zeigten. Nach wenigen Stunden wurde das am Ost- 
ufer des Sees gelegene Tschan-kuang erreicht, wo jedoch der Mandarin .den Rei- 
senden die Weiterreise nicht eher gestatten wollte, bevor nicht die Antwort des 
Sultans von Ta-ly eingetroffen wäre. Da am folgenden Tage ein günstiger Be- 
scheid einlief, brachen die Reisenden am 2. März mit einer Escorte auf und 
durchzogen zunächst die Stadt, welche, in einem von den Ufefn des Sees und 
den Bergabhängeu gebildeten Deüld erbaut, den Eingang zur Ebene, in der 
Ta-ly liegt, schützt. Ein gleiches Defil^, yon der Festung Tscha-knang ver- 
theidigt, liegt an der Südspitze des Sees, sodafs Tschan-kuang und Tscha^kuang 
als die beiden befestigten Eingangspforten von Ta ly angesehen werden können. 
Am Abend desselben Tages zog die Commission in die Hauptstrafse , welche 
Ta-ly von N. nach S. durchschneidet, ein, umdrängt von einer gaffenden Volks- 
menge, und fast wäre es vor dem Palast des Sultans zu einem blutigen Rencontre 
gekommen, wenn nicht durch die entschlossene Haltung der anamitischen Escorte 
und durch das Einschreiten zweier Mandarinen die Aufregung beschwichtigt wor- 
den wäre. Am Südende der Stadt aufserhalb der Mauern erhielten die Franzosen 
ikr Quartier, wo sich auch sogleich ein hochgestellter Mandarin im Auftrage des 
Sultans bei ihüen einstellte, um sich über den Zweck ihrer Reise zu erkundigeo. 



Aufenthalt der französischen Commission in der Provinz Yünnan. 277 

Mit Hülfe des Dolmetschers Leguilcher setzte Garnier dem Mandarinen die fried- 
liehen Zwecke seiner Reise auseinander: anf die Nachricht von der Gründung 
eines neuen Reiches seien sie nach Ta-ly gekommen, um den neuen Sultan zu 
begrofsen und ein Handels- und Freundschaftsbündnifs zwischen ihm undJBirank-' 
reich anzuknüpfen und gleichzeitig die Hülfsquellen seines Reiches wissenschaft- 
lich zn erforschen ; es sei mithin ihr Wunsch, dem Sultan Yorgestellt zu werden, 
wobei ihnen aber das orientalische Ceremoniel bei der Begrüfsung erlassen wer- 
den mfifste. Am folgenden Morgen liefs jedoch der Sultan den P^re Leg^lcher 
ZD sich bescheiden und eröffnete ihm, dafs er den Franzosen die verlangte Audienz 
verweigere und dafs dieselben am folgenden Tage sofort seine Residenz und sein 
Land auf demselben Wege, auf welchem sie gekommen seien, zu verlassen hätten. 
Diese offenbar feindselige Eüütung des Sultans erheischte die gröfste Vorsicht, 
und da weitere Veriiandlnngen nutzlos gewesen waren, so beeilten sich die Fran- 
losen, am folgenden Morgen ihren Rückmarsch nach Tschan-kuang zu bewerk- 
stelligen. Hier sollten sie nach den vom Sultan gegebenen Befehlen innerhalb 
der Stadt einquartiert werden; da Garnier aber wohl nicht mit unrecht in der 
fluien gebotenen Gastfreundschaft Verrath witterte, so erzwang er sich den Durch- 
sog durch die Stadt und schlug jenseits derselben an derselben Stelle, wo er auf 
seinem Hinmarsche den Bescheid des Sultans abgewartet hatte, sein Lager auf. 
Durch diese entschlossene Haltung war es dem kleinen Häuflein gelungen» seinem 
Untergänge zu entgehen. Begleitet von dem Pbre Leguilcher, dessen längeres 
Verweilen in diesem Lande für seine Sicherheit gefahrbringend gewesen wäre, 
wandten sich die Franzosen zunächst nach Sntscheu-fu, betraten am 15. März 
wieder das kaiserliche Gebiet und erreichten am 2L März Hong • pu - so , am 
34. März Huy-lj-tscheu, am 31. Man Monku und am 2. April Tung-tschhuan, 
wo, wie bereits gesagt, der dort krank zurückgelassene Commandant Lagr^e in- 
iwischen gestorben war. 

Wir iugen hier noch eine Notiz ans einem Resum^ hinzu, in welchem Lieut. 
Garnier (nBulL de la Soc. de G^gr^ XWIIL 1869. p. 97) die Arbeiten der fran- 
sosischen Comnussion zusammengestellt hat. Von dem 6720 Kilom. betragenden 
Rontier sind 1180 K. durch den Commandanten Lagr^e, 5000 durch Garnier. 
450 dorch Delaporte und 30 durch Joubert aufgenommen worden. 58 Orte, von 
denen 50 vollkommen neu, wurden astronomisch bestimmt (25 in Cambodia and 
dem siamesischen Laos-Gebiet, 10 im birmanischen Laos-Gebiet, 23 in China); 
femer wurde der Mekong von Cratieh bis Kemarat sondirt und zahlreiche Höhen- 
messungen ausgeführt; ein meteorologisches von Garnier und Delsporte nach täg- 
lich vieruMil angestellten Beobachtungen zusammengestelltes Journal verheifst in^ 
teressante klimatologische Aufschlüsse für die indo - chinesische Halbinsel. In 
trcbäologischer Beziehung gewährten die zahlreichen Ruinenstädte zwischen Ang- 
kor und Bassac eine reiche Ausbeute, und wurden aufserdem Vocabnlarien über 
26 Dialecte zusammengestellt. Bis Luang-Prabang wenigstens wurden von dem 
Geologen Joubert und dem Botaniker Thorel auf ihrer Hinreise reiche Samm- 
langen angelegt ; von dort an verhinderte freilich der Mangel an Transportmitteln 
die weiteren Sammlungen. Nicht minder reich sollen auch die Aufnahmen von 
Gegenden, Monumenten, Costümen e%c, sein, welche durch Herrn Delaporte an- 
gefertigt worden sind. Das ganze Material wird auf ca. 100 genaue chartogra- 



278 • Kleinere geographisehe Mitlheilungen. 

phtsche , ca. 20 photogjaphische Aufnahmen ,50 — 60 Grnndrisse von Mona- 
menten , 4 — 500 Zeichnnngen , 250 geologische Proben , ein Herbarinm von 
3—^000 Pflaneen, ca. 100 Inschriften und Proben einheimischer Sprachen berech- 
net, deren Pnblication gegenwartig vorbereitet wird. — r. 



Kleinere geographische Mittheilnngen. 

• Eine uns mitgetheilte amtliche 1 abelle über die Auswandenmg TOIL 
Hamburg nach Brasilien im J. 1868 nnd April 1869 bestiltigt, daTs trotz 
so mancher Prohibitivmarsregeln nnd gehässiger Zeitungsartikel, welche in voll- 
st&ndig ungerechtfertigter Weise gegen den ehrenhaften Character des Dr. Blu- 
menau geschlendert werden, die Answandernng in die bereits von Deutschen eo- 
lonisirten südbrasilianischen Provinsen in Zunahme begriffen ist. Im J. 1808 
wanderten über Hamburg nach Brasilien aus: 3400 Personen, im April 1869 
19dO Personen auf 44 Schiffen. Von diesen 5330 Personen gingen nach Bln- 
menau 2208» nach Doüa Francisa 900, nach Rio Grande do Sul 1486, nach Bio 
Janeiro 350, nach Sta. Leopoldina 332, nach den Colonien am Mncnry 54. Nach 
Nationalitäten geordnet, waren unter den Auswanderern: Alt-Preufsen 399 1, Ha- 
noveraner 41, Holsteiner und Oldenburger 192, Hessen 8, Sachsen und Thüringer 
621, Braunschweiger 57, Anhaltiner 44, Mecklenburger 8, aus den Hanse-Stiidfcen 
17, Oesterreicher 155, Bayern 20, Württemberger 14, Badenser 19; anfserdem 
21 Schweiser, 120 Schweden, 1 Däne, 1 Brasilianer. Auf diese 5330 Personen 
kamen mithin 5137 Deutsche (darunter 4132 Preufsen) und 143 Nichtdeutsche. 

Am 31. März 1868 wurde swischen der Pforte und dem Hause Van der 
Eist & Co. ein Vertrag abgeschlossen! durch welchen der genannten Firma eine 
auf 90 Jahre lautende Concession zur Anlage eines EiienbahnnetSei in d6r 
Tärkei und dessen Betrieb zugesichert worden ist. Dieses Eisenbahnnetz soll 
aus folgenden Linien gebildet werden: eine Hanptlinie von Eonstantinopel über 
Adrianopel, Tatar-Bazardjyk, durch Bosnien bis zur Save. Diese Linie soll fol- 
gende Zweigbahnen h.iben : nach Nowipazar an der serbischen Grenze, nach Sa- 1 
loniki, von Enos an der Mündung der Maritza nach Adrianopel, von Adrianopel i 
nach Warna. Für die Hanptlinie ist den Erbauern ein jährlicher Reinertrag von 
21,000 Fr., für die Nebenlinie von 22,000 Fr. p. Kilometer zugesichert, und ist 
ihnen gleichzeitig gestattet» die in einer Entfernung bis zu 10 Kilom. von dem. 
Bahnkörper gelegenen Minen und Wälder gegen eine Abgabe von 10 und 20 Fr. 
vom Reingewinn an den St8;at auszubeuten. Jene Concession ist jedoch iniwi> 
sehen an den Grafen Lagrand Dumonccan abgetreten worden. Wie es in der 
«Mittheilungen der Wiener geograph. Qesellsch.'' 1869. S. 310 heifst, ist die An 
schlufsfrage zwischen dem türkischen nnd ungarischen Eisenbahnnets aber nick 
gehörig präcisirt worden. Das Bestreben der ungarischen Regierung geht dahii 
die Haupüinie, anstatt über Bosnien mit theilweiser Umgehung Ungarns, in d« 
jLti über Serbien zu führen, dafs dieselbe von Konstontihopel Über Adrianop< 



BUeinere geographische Mittheüangen. 279 

Philippopel, Tatar Bazarc^yk, Sofia nach Nisch an der serbischen Grenze, und 
«ine Seitenlinie über Nowipazar nach Brod an der Save zum AnschluTs au die 
OBgarisch-croatische Linie angelegt werde. 

Ueber den Stand der Au&ahme und Beichreibimg des adriatisehea 

Jleerei berichtet Herr y. Hochstetter in dem der 'Wiener geograph. Gesellschaft 
Toigelegten Jahresbericht (1869. S. 7), dafs im Jahre 1868 die ganze Ktiste von 
der Grenze Italiens an aber Istrien bis Bnccari» der Westseite von Veglia nnd 
Chemo an^nommen nnd im Anschlnfs daran die Mappimng bis Sebenico nnd 
das nordwestliche Ende von Zori fortgesetzt worden ist. Das ungünstige Wetter 
aber verhinderte, da(s ' die hydrographischen Arbeiten mit der Mappimng gleichen 
Schritt hielten. Vier Mappeurs vom Seefache und ebenso viele vom geographi- 
schen Institute waren thätig, während diis hydrographische Abtheilung 11 Perso- 
nen zahlte, wozu in der Mitte der Arbeiten die Mappeurs der Seefächer geschla- 
gen wurden. — Die ausgelothete Etistenentwickeloag betrug 1015^ Meilen, ein- 
schliefslich der 28 bewohnten und 426 unbewohnten Inseln, die Zahl der avf 
dieser Strecke gemachten Lothungen 48,dB2f wovon 15,233 fizirte Hauptsonden, 
die übrigen Zwischensonden sind. Die gelotheten Untiefen belaufen sich auf 205* 
Das Areal der Mappirung betragt 468.4 Q Seemeilen. Zu diesen Arbeiten gehört 
auch noch die Aufnahme nnd Lothung der Strecke von Porto Bnso bis Caorle. 
Seit Juni war ein Marine-Offizier als Tiiangulator in Istrien detachirt, um in An- 
schlufs an die in den J. 1854 und 1861 gemessenen Seiten Opschina, Slaunig, 
Monte Maggiore das Netz bis an die Küste zu führen und die Sternwarten von 
Triest und Pola mit diesem Netz zu verbinden. Endlich wurden in Triest, Per 
reozo, Pola, Lussin, Zengg, Zara, Ponte Blanche und Zuri magneitische Beob- 
achtangen angestellt. Die neuen Küstenaufhahmen haben namhafte Differenzen 
in den Conturen, gegenüber den in den J. 1853 — 54 von den dalmatinischen Mi- 
Ütair-Anfnahmesectionen gemachten, ei^ben. Wichtig ist auch die Eitichtung 
einer Anzahl meteorologischer Beobachtungsstationen, deren Resultate, namentlich 
in Bezug auf die physikalischen Verhältnisse des Meeres, vorzugsw^se der Schiff- 
ahrt auf dem adriatischen Meere zu statten kommen werden. Die gewählten 
Stationen sind: Triest, Fiume, Zara, Lesina, Bagusa, Castelnnovo mit Megline 
und Punta d'Ostro im Golfe von Gattaro und Dnrazzo. SäknmtUehe Stationen 
sind anf Kosten des k. k. Handelsministeriums errichtet, und ist ihre wissenschaft- 
liche Leitung einer von der Akademie d. Wlss. eingesetzten Commisaion anver- 
traut. Die der Kriegsmarine bisher zugeordneten Stationen Pola und Lissa sollen 
^eichfalls ihre Beobachtungen jener Commission untergeordnet werden, pie me- 
teorologischen Daten laufen allmonatiieh an die ständige Commission, diejenigen 
Aber Ebbe nnd Flut an den Director Schaub in Triest. 



Telegraph Bwiseheii HabaHa und Omoa, Verschie- 
dene Projecte waren während der letzten 12 Jahre zu einer submarinen Verbin- 
dvng der westindischen Inseln tmter sieh und mit dem Festlande von Nord- und 
Sfidamerika aufgetaucht. So hatte sidi im Jahre 1856 in New York unter Mr. 
Cooper eine Gesellschaft gebildet, um Cuba mit Cap Sable, der Südspitse Florida's, 
durch einen unterseeischen Telegraphen zu verbinden, während der dänisdie CapC 



280 Kleinere geogntpluiche Mittheilnngeii. 

BaaslÖff die Hentellnng eiaer Linie beabsichtigte, welche einerseits von St. Thomas 
fiber die Bahama-Inseln bis nach Sl Angnstine an der Ostseite yon Florida rei- 
chen, andererseits über St. Lncia, St. Vincent, die Grenadines nnd Trinidad bis 
nach einem Punkte von Venezuela geleitet werden sollte; ein anderer Vorschlag 
endlich war, den Telegraph von St Thomas fIber Barbadoes, Tabigo nach De- 
merara tu legen. Eis scheint aber, dafs man s&mmtUche Projecte fallen liefe, na- 
mentlich weil darch den unebenen, felsigen und mit scharfkantigen Riffen best»- 
ten Meeresboden swischen den Antillen die unterseeische Leitung sehr gefährdet 
werden mnfste. Oegenw&rtig nun taucht ein neues Project auf, indem die Re- 
gierung von Hondaras die Legnng eines submarinen Kabels zwischen Habana anf 
Cnba und Omoa in Honduras beschlossen hat; von Omoa sollte sodann über Land 
die Leitung bis an die Bucht von Fonseca geführt werden, so dafs alsdann eine 
Telegraphenrerbindung swischen dem Stillen Ocean nnd Cnba bestehen wurde. 

Nach den neuesten Berichten s<^ die im J. 1850 nach dem Osten ron Tmi- 
nesiae verpflaiiste Theecnltor in gfinstigster Weise gedeihen, und hofli 
man die Theestaude mit gleichem Erfolge auch in anderen Sfid Staaten einführe» 
au können. 

Expeditionen nach den südafrikanischen Goldfeldern. Wie Dr. 

Petermann in seinen Mittheilungen (1869. S. 109} berichtet, ist am 3. Desem* 
her 1868 von Falmoudi eine wohlausgerüstete Expedition unter Leitung Tho- 
mas Baines', welcher an der Livingstoneschen Zambesi -Expedition theilgenom- 
men hatte md später von der Walfisch-Bai nach dem Ngami-See gegangen war, 
sowie des Schweden Nelson, welcher 11 Jahre in Califomien als Digger gelebt 
hat, nach den Goldfeldern Sfidafrika's abgegangen, welche Mauch zwischen dem 
Zambesi nnd Limpopo entdeckt haben will. Es wird also die Aufgabe dieser 
Expedition eein, ni constatiren, in wieweit Manch's Angaben, die -wohl etwa« in 
Miscredit gekommen sind, sich bewahrheiten. — Ein ähnliches Ziel scheint eine 
in diesen Tagen von einem hamburger Handelshause nach dem Zambesi «na- 
gesandte deutsche Expedition zu verfolgen, für welbhe zwei Greognosten und ein 
Arzt engagirt worden sind. Dieselbe wird mit einem eigenen Dampfer den Zam- 
besi befahren. Die Dauer dieser Expedition ist vorläufig auf etwa acht Monate 
festgesetzt Wie die neuesten Berichten melden, soll aber der Ertrag der 
Goldfelder weit hinter den Erwartungen zurückbleiben, welche man sich naeb 
Mancfa*s ersten Berichten von demselben versprach. 



In Hobart Town, der Hauptstadt Tasmanien's oder Vandiemenslands, wie dU 
Insel von Abel Tasman, ihrem ersten Entdecker (1642), genannt wnrde, Ist der 
letzte Tasmanier, ein gewisser BUly Lanny oder König Billy, gestorben; er 
lebte daselbst als Walfischfahrer und galt für einen lustigen Kumpan. Noch im 
Jahre 1803 bei dem Beginn der Colonisation zählte die In^el mehrere Tausend 
Ureinwohner, die aber in Folge der gransamen Vertilgungskriege im J. 1835 attf 
.200, im J. 1857 auf 11 Männer und 5 Frauen zusammengeschmolzen waren. In 
gleicher Weise geht die Urbevölkerung auf vielen anderen Inseln der Südsee ihrem 
Aussterben entgegen. . -*r. 



Kleinere geographische MittheilangeD. 281 

Eine neue Eisenbahn dnrch. die Colonie Victoria. Je weiter die 

ColoDisation in Australien von der Küste ab nach dem Innern vordringt, desto 
dringender macht sich das Bedürfnifs nach gnten Commnnicationswegen geltend, nnd 
das nm so mehr, als dieser Continent bekanntlich an schiffbaren Gkwässem von 
einiger Bedeutung anfserordentlich arm ist. Es vemothwendigen sich daher Eisen- 
bahnen, and ee scheint in der That, als ob die einzelnen Colonien gegenwärtig 
sich in der Anlegung derselben einander den Bang ablaufen wollten. Die Colo- 
nie Victoria beginnt jetzt wieder den Bau^ einer grofsen Eisenbahn, mieten durch 
ihr Land, von Melbourne vift Essendon, Kilmore, Broadford, Seymour, Wanga- 
latta, Beechworth nach Belvoir am Murray R., in der Länge von 190 Miles, und 
find die Kosten auf £ 720,000 veranschlagt Dazu würden noch £ 42,000 für 
den Ankauf der schon fertigen kurzen Strecke von Melbourne nach deasen Vor- 
stadt Essenden kommen. Die Bahn wird durch die fruditbarsten Agricultur- und 
Pastomldistricte der Colonie laufen und alle 10 oder 12 Miles auf ein blühendes 
Städtchen stofsen, imter denen Beechworth jedoch eine der gröfsten, schönsten 
und lebhaftesten Landstädte Victoria's ist. Was der Bahn aber noch eine beson- 
dere Wichtigkeit giebt, ist der umstand, dafs dieselbe die reichen Ovens Digs^ngs 
zwischen Beechworth und Albury durchschneidet, bis wohin, der schlechten Wege 
wegen, die Tonne Fracht jetzt oft £ 120 kostet Diesen Qoldfeldem wird nun 
ohne Zweifel ein grofser Impuls gegeben werden, da die oberen AUnvialdiggings 
noch lange nicht erschöpft und die tieferen Gänge noch gar nicht einmal berührt 
smd. — ff — 



Sitzung, der geographischen Gesellschafti zu Berlin 

vom 6. Mfirz 1869. 

Die Sitsung, welcher Se. Königl* Hoheit der Kronprinz beiwohnte, vmrde 
durch den Vorsitsenden Herrn Bastian eröffnet, indem er einige Geschenke vor^ 
legte und dieselben in Kürze besprach. 

Hierauf hielt Herr Koldewey, als Gast anwesend, einen Vortrag über die 
Breignisse Und Resultate der vorjährigen Nordp olar -Expe dition. Er entwickelte 
sun&chst, dafs die Fahrt nur eine vorbereitende gewesen sei, die allerdings die 
Erforschung der Ostküste Grönlands von 75* nördl. Br. an aufwärts im Auge 
gehabt habe, deren Hauptzweck aber gewesen sei, für eine zweite, grölsere und 
nach allen Seiten ausgerüstete Expedition Erfahrungen und Kenntnisse zu. sam- 
meln. Die Aufgabe sei eine zu grofse, als dafs man hoffen könne, in einem 
einsigen Jahre die Polarfrage endgültig zu lösen; Arktische Entdeckungen mnfsten 
daher systematisch mit gröfster Umsicht nnd vorheriger Ueberlegung über die 
.geeignetsten Mittel und Wege gefördert werden. Kleine Schiffe eigneten sich 
am besten dazu, da dieselben bei einer leichteren Manövrirfahigkeit auch den 
Vorzug von verMltnifsmäfsig gröfserer Festigkeit hätten und in Folge ihres ge- 
ringen Tiefganges lange nicht so sehr der Gefahr ausgesetzt wären, in sich er- 



( 



282 Sitzongsbericht der BerÜDer geographischeii Gteaellschatt. 

drückt sn werden. Danpfkraft sei übrigens unbedingt erforderUeh , am mehr 
sa erzielen, fds man bisher yermocht habe. Der Vortragende sprach dann ober 
das Schiff I dessen Gröfse, Ausrästung und Bemannang und die Ereignisse der 
Reise, wobei die Hanptbeobachtttngen und Resultate mitangefiihrt wurden, Ton 
welchen der werthvolle Beitrag zur Erforschung des Golfstroms, die Kustenaof-. 
nähme von Ostspitzbergen und die angestellten LoAungen die wichtigsten sind« 
Zum SchluTs wurden die Gründe entwickelt, die ffir die Efiste von Ostgrönluid 
als beste Basia zum Vordringen in das^arktische Centndgebiet sprechen, und dann 
der Plan für die nächste Fahrt dargelegt. Ein Schiff von 90 Fnis Lsoge, 22\ Fnfs 
Breite und 11 FuTs Tiefe mit Schonertakelung und einer Dampfmaschine von 
30 Pferdekraft werde eigens für den Zweck gebaut, die Gelehrten seien bereili 
bis auf einen Arzt engagirt und für wissenschaftliche Instrumente Sorge getragen, 
kurz; alle Vorbereitungen getroffen, damit die Expedition Ajn&ngs Juni segda 
könne. Die noch nöthigen Geldmittel würden hoffentlich bald aufgebracht wer- 
den, so dafs guter Grund vorhanden sei, zur Ehre der deutschen Nation und 
deutschen Flagge das Unternehmen zu einem guten Ende zu fuhren. 

Herr W. Gentz, von einer Studienreise in Aegypten zurückgekehrt, legte 
eine Anzahl von 60 dort gezeichneten Köpfen der verschiedensten afrikanischen 
Völkerrassen vor. Er machte von Kairo ans eine Reise nach der Oase Fay&m 
und schilderte in seinem Vortrage die malerische Seite ägyptischer Landecbaftea 
mit ihrer üppigen Vegetation und ihren gleich Termitenhaufen ans Nilschhnim 
erbauten Dörfern sammt deren Bewohnern, den schmutzigen, aber deutlich «a 
ihre Vorahnen, die alten Aegypter erinnernden Fellachen. Ferner schilderte der- 
selbe das grofsartige Sandmeer der Wüste und die sie darchzieheuden Beduinen, 
ihr häusliches, wie ihr Nomadenleben, mit ihrem an die biblischen Patriarchen 
erinnernden Heerdenreichthnm, desgleichen die von unzähligen Vögelschaaren 
belebten Seen Fayüm's. Schliefslich theilte er einige charakteristische und humo- 
ristische Züge der Art und Weise mit, wie man in Aegypten reise, sei es auf 
der Eisenbahn, sei es mit Karawanen, und zeigte, unter- wie erschwerenden Um- 
ständen ein Maler dort seine Studien machen müsse. 

Herr Hartmann sprach über .den Inhalt der von dem Dr. Theodor Kotschy 
in .Wien hinterlassenen Tagebücher und schilderte nach Anleitung dersdben den 
Kampf der Türken um Kordofän, sowie eine von dem Verstorbenen im Früljafar 
1839 von Chartüm aus unternommene Reise. 

Zum Schlufs legte Herr Blau einen Tbeil seiner IstndscfaafUicIien Skinen 
ans Bosnien vor und gab zur Erläuterung derselben eine Schilderung der von 
ihm bereisten Route von Brod nach Serajewo. Von Brod über Dariiend föhrt 
die Strafse durch ein hügliges Vorland in das Bosnatfaal und dann meist dioht 
am Unken Ufer derselben aufwärts bis Zenica; die Städtchen Doboi, Uifj^ und 
Wranduk haben malerisch gelegene Burgen, welche theilweise auf dem Zuge des 
Prinzen Eugen 1697 zerstört* wurden. Von der Architektur eines bosnischen 
Stiidtchens giebt Zepse ein Bild. Der Einflufs der türkischen Herrschaft auf 
die Bauart ist namentlich an den gröfseren Moscheen bemerkbar, die den byssor 
tittischen Kuppelbauten in ihrer Anlage verwandt sind, während fUr die kleineren 
-Bloscheen in den Gebirgsdörfem die altbosnische Bauweise beibehalten ist Bei- 



SiUHiBgsbericht der Berliner geographischen Gesellschaft. 283 

■piele daf&r sind die Moschee Ton Magiig und eine kleine Moschee bei Vites. 
In Besag auf Flora nnd Bodenformation tritt ein auffallender Wechsel bei M%lij 
ein, Ton wo ans hauptsächlich Serpentin, Talkschiefer und Thonschiefer und 
weiterhin krjstallinischer Kalk und Dolpmit gebirgsbildend auftreten. Bei Lenica 
TBriaTst die Strafse das Bosnathal und rereinigt sich bei dem Han von Vites 
mk der Strafse, die von der früheren Hauptstadt 1'rawnik nach Serajewo fuhrt. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

▼om 10. April 1869. , 

Der erste Theil der Sitsung war der Wahl der Beamten und der neuen 
Mitglieder gewidmet. Hierauf legte der Vorsitzende, Herr Bastian, die einge- 
gangenen Geschenke vor. 

Herr I)ove sprach mit Bücksicht auf die vorgelegte Abhandlung von Sabine 
fConiributions to terrettrial metgnetiame** über die magnetischen Verhältnisse der 
Erde and äufserte sich bei dieser Grelegenheit sehr anerkennend ü^er die von 
W. V. Freeden so eben bekannt gemachten bezüglichen Beobachtungen der nord- 
deutsdien Seewarte in Hamburg. 

Herr Ascherson machte einige Mittheilungen aus einem kürzlich eingelau- 
fenen Briefe, des Dr. Schweinfurth , welchei^ bis Faschoda vorgedrungen ist und 
▼ersdiiedene Sammlungen, insbesondere eine bedeutende Sammlung von Schädeln 
zusammengebracht hat und demnächst in die Heimath befärdem wird. 

HerrBaeyer berichtet über einen neuen von Dr. Steinheil in München er- 
fundenen Mefsapparat. Nachdem der Vortragende das Mefsverfahren der Alten, 
namentlich der Aegypter, Griechen und Araber ausführlich gewürdigt, die beiden 
filteren, sowie die dritte Gradmessung von Femet im Jahre 1525 und die Bjp- 
findung der Triangulation durch Snellius im Jahre 1615 berücksichtigt hatte, 
verweilte er bei Condamine und Bouguer, welche durch Winkel- und Basismes- 
sung die directen Messungen verdrängten und ein neues Mefsverfahren einführten, 
welches an Genauigkeit das bisherige um das Zwanzigfache übertraf. Zu den 
drei Mefsapparaten, welche bisher für die Basismessung in Gebrauch waren» 
kommt nun durch Dr. Steinheil ein vierter hinzu, welcher durch Anwendung des 
Bades die Intervalle zwischen den Mefsstangen gänzlich beseitigt Die Maschine, 
an welcher sich die Temperatur leicht berücksichtigen und messen lafst, welche 
femer durch einen Pendelapparat die Steigung registrirt, endlich durch eine an- 
gebrachte Vorrichtung die Umgänge des Bades zählt und somit die ganze Mefs- 
kunde auf einen neuen Standpunkt erhebt, wurde von dem Vortragenden in 
einem Modell vorgezeigt. 

Herr Stamm sprach über medicinische Geographie und Ansrottungsmog- 
lichkeit ^er Pocken. Derselbe beginnt damit, die vollkommene Unrichtigkeit der 
Hypothese einer allgemeinen canstitutio epidemica der Atmosphäre als Pocken- 



284 Sitznngsbericlit der Berliner geographischen GeseUicbAft. 

Ursache nachzuweisen; dann zeigt er ans zahlreichen Daten, dafs in Nord- und 
Westasien, in Europa, in Nordafrika, in ganz Amerika und in Aostralien die 
Krankheit eingeschleppt worden sei. Zweifellos sei der bei weitem gröfste Tlieil 
der Erde mit dem Pockengift erst durch den Menschenvei^ehr künstlich infidift 
worden. Die ältesten Nachrichten über das Vorkommen der Blattern stammen 
ans dem südlichen Ostasien und ans China. Ob sich noch hente hier oder anch 
im tropischen Afrika antochthone Heerde für das Entstehen der Blattern finden, 
mufs erst spätere Forschung entscheiden. Das Pockengift sei jedenfalls ein orga- 
nisches Gebilde. Die blofse Berührung eines Pockenkranken theile Niemandem 
die Krankheit mit; das Einathmen der Krankenatmosphäre in der Nähe des 
Kranken sei das Entscheidende für die Mittheilnng. Jede neue Vergiftung bilde 
aber einen neuen Infectionsheerd. Die Milderung der Pockenepidemien in Europa 
einzig und allein der Impfung beizumessen, sei irrthümlich, obgleich dieselbe 
einen relativ bedeutenden Schutz gewähre. Die Vaccination direct von Küheo 
scheine Vorzüge zu verdienen, wenn es anch «lehr als wahrscheinlich sei, daA 
die Pocken am Euter der Kühe ursprünglich durch Uebertragung vom Menschen 
entstanden seien; der Vortragende habe weder in Deutschland noch sonst wo 
eine einzige Kuh mit originären Pocken am Euter oder an anderen KörpertheOen 
auffinden können. Daraus ziehe er den berechtigten Schlnfs, dafs dies jedenfalls 
nur höchst ^selten vorkommen könne, und dafs es auf der Erde gar keine Knh- 
pocken- Epidemien von weiter Verbreitung gäbe. Die Pocken wären übrigens 
nicht sehr zu furchten, wenn man die Kranken in ihren Wohnungen mögUehst 
isolire und sobald als möglich nach freistehenden, gut ventUirten Pockenspitälem 
bringe; es komme hier, wie so oft, hauptsächlich auf Isolation, Desinfection mid 
Ventilation an. Schliefslich dringt der Vortragende darauf, durch den Volksnnter- 
richt und anderweitig dahin zu wirken, dafs dergleichen mittheilungsfahige Sea- 
•chen wo möglich gänzlich ausgerottet würden. 

Herr Koch zeigt ein gespaltenes Stück Eichenholz aus der Gegend von 
Dessau vor, in dessen Innerem ein sehr deutliches lateinisches Z zu erkennen ist. 
Der Vortragende erklärt die Erscheinung dahin, dafs das Z zu Anfang dieses 
Jahrhunderts eingehauen sein müsse, und dafs es durch Ueberwachsen von der 
Oberfläche in das Innere verlegt worden sei. 

Herr Wolfers überreicht eine kleine Abhandlung, in welcher die Temp^ 
raturverhältnisse des vorjährigen Sommers (1868) mit denen von fünf frühersn 
Sommern verglichen werden. 

Es ergeben sich folgende Verhaltnisse: 



1868 



Dauer des Sommers Sommertage 
1868 137 Tage 84 
1865 laO - 56 


Periode 
19 Tage 
11 - 


Regentage 
27 
42 


1859 


125 - 


78 




11 - 


44 


1857 


121 - 


74 




14 - 


22 


1846 


114 . 


67 


* 


22 - 


19 


1842 


104 • 


53 




30 - 


18 


Juli 1—10 
Aug. 11—20 


Min. tägl. Temp. 
13,9 
20,7 


Minimum ) . 
Maximum ) 


allen 6 Jahren 






r 



Sitzungsbericht der Berliner geographischen Qeselischaft. 285 

* 

Die drei Monate Jani, Jnli, August sb Sommer. 

Mitt. tägl. Temp. 
1868 1834 1842 1846 1857 1859 1865 
16,6 16,9 15,1 15,9 15,6 16,1 14,6 

Herr Kiens sprach über die Krankheit des Seidenwurmes in 'Italien und 
ober den Einflufs dieser Erscheinung auf die finanziellen Verhältnisse des Landes. 
Seit dem Jahre 1863 hat sich nämlich der Ertrag des Seidenbaues in dem Grade 
Tsningert, dafs der Unterschied des jetzigen jährlichen Ertrages gegen 1863 
77 MilL Lire ausmacht. So betrug z. B. im Jahre 1866 der Ertrag der Seiden- 
cultur im Neapolitanischen nur iV nnd in Sicilien nur -^ des Ertrages ron 1863. 
lok Jahre 1867 hat sich die Epidemie um etwas vermindert. 

An Oeschenken gingen ein: 

1) Perrot, Quillaume et Delbet, Exploration archiologique de la Ga- 
laik et de la Bithynie. Livr. 18 — 21. Paris. — 2) £ey, Geahüe et les rives 
du L€man, 2* ^dit Gen^ve et Baie 1869. — 3) Dum i eben, Die Flotte einer 
ägyptischen Königin aus dem XVII. Jahrhundert Tor unserer Zeitrechnung. Leip- 
lig 1868. — 4)dePuydt, Percement de Vlsthme du Danen par un Canal de 
gnmde navigationf scms tunnel et actru icluaes, Chatillon-sur- Seine 1869. — 
5) C. C. von der Decken's Reisen in Ost- Afrika in den Jahren 1859 — 65. 
finähknder Theil. Bd. I. Leipzig und Heidelberg 1809. — 6) Statistica del 
Ttgno ttItaUa. Indusiria mineraria, Firenze 1868. — 7) Dasselbe. Amministra- 
zione pubblica, Firenze 1868. — 8) Dasselbe. Movimtnto della navigaxione nei 
perti del regno. Anno 1867. Firenze 1868. — 9) Dasselbe. Mommento della 
namgazione itaUana alV estero. Anno 1866. Firenze 1868. — 10) Dasselbe. 
Morti molente. Anno 1866. Firenze 1868. — 11) Dasselbe. Le opere pie nel 
1861. Firenze 1868. — 12)Hnnter, A Comparative Dictionarg of the Lan^ 
gnages of India and High Ana with a Dissertation, London 1868. — 13) Lo- 
renz, Statistik der Bodenproduction von zwei Gebietsabschnitten Oberösterreichs. 
Wien 1867. — 14) Lorenz, Bericht über die Bedingungen der Aufforstung 
und Cnltivirung des croatischen Karstgebirges. Wien 1860. — 15) Lorenz, 
Instruction zu den Beobachtungen über Temperatur nnd Salzgehalt des Meeres^ 
f&r die Österreichisch - adriatisohen Beobachtungs - Stationen. Wien 1868. — 16) L o - 
renz, Karten und Apparate für Geographie und Kosmographie. (Sitzungsber. 
d. Wiener Akad. d. Wiss.) — 17) Lorenz, Brakwasser- Studien an den adria- 
tischen Küsten. (Sitzungsber. d. Wiener Akad. d. Wiss.) — 18) Lorenz, Ein 
Tiefen -Thermometer von mehrfacher hydrographischer Verwendbarkeit. Wien 
1863. — 19) Lorenz, Grundsätze für die Aufnahme und Darstellung von land- 
wirthschaftlichen Bodenkarten. Wien 1868. — 20) Lorenz, Die Bodencultur- 
Veihältnisse Oesterreichs. Wien 1868. — 21) ▼. Hochstetter, üeber das Erd- 
beben in Peru am 13. August nnd die dadurch veranlafsten Fluthwellen im Päd- 
fischen Ocean etc. (Sitzungsber. d. Wiener Akad. d. Wiss. 1869.) — 22) Rüge, 
Ueber Compafs and Compafskarten. Dresden 1868. — 23) Liebe, üeber die 
geographische Verbreitung der Schmarotzerpflanzen. Berlin 1869. — 24; Aus 
don Leben eines Gletscherführers. Blätter der Erinnerung an Cyprian Grau- 
biehler, genannt «Cyper*. München 1869. — 25) Welda, Dos proyectos sobre 
fimdaeion de eolonias nacionale» jr evtrangeras en Mexico, Morelia 1865. -~ 



286 Sitsang9bericht der Berliner geographischen Qesellfchaft. 

26) Welda, Michoacan y la introducion tU nnjoraa, Morelia 1868. — 27) Wol- 
fers, Vergleichnng des Sommers yon 1868 mit den Sommern 1842, 1846, 1857, 
1859, 1865 in Berlin. Halle 1869. — 28) Stein, Ueber das Vorkommen von 
phosphorsanrem Kalk in der Lahn- und Dillgegend. Berlin 1868. — 29) D'une 
n^uvelU mitKode pour d€terminef la paralaxt du aoleiL Florence 1869. — 30) In. 
stmction Pix die fachmännischen Begleiter der K. K. Mission nach Ostasien^ md 
Südamerika. Wien 1868. — 31) Mahr, Der Seeschrecken anf den Answandereiw 
Schiffen. Oldenburg 1869. — 32) Zeitschrift der Gesellschaft für Erdknode so 
Berlin. IV. 1869. Heft 1. 2. BerUn. — 33) BuUeiin de la Soc. de GiöffrapkU, 

1868. Novembre et D^cembre. 1869. Janvier. Paris. -^ 34) Proceedings of iU 
Roy, Geograph, Soc. Vol. XIII. No. 1. London 1869. — 35) Revue maritim 
et coloniale. T. XXV. F^vrier. Mars. 1869. Paris. — 86) IV. n. V. Jahres- 
bericht des Vereins für Erdkunde sn Dresden. Dresden 1868. — 37) Bastian 
nnd Hartmann, Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. I. 1. Berlin 1869. -^ « 
38) Ärchives des MtMsiona scient\fiques et litUraires, 2* S€r. T. V. Livr. 1. 
Paris 1868. — 39) Mittheilnngen der K. K. geographischen Gesellschaft in Wien. 

1869. No. 3. 4. — 40) Bulletin de VÄcad^ie Imp&iales des aciencea de Su P4- 
tersbourg. T. XHI. No. 1— -3. St» P^tersbonrg. '— 41) Bulletin de la Sociiti 
imp&iale des Naturalistes de Moecou, 1868. No. 2. Moscou. — 42) Jahres- 
bericht der norddeutschen Seewarte f&r das Jahr 1868, erstattet y. W. r. Sree- 
den. Hamburg. — 43) Gaea. Natur nnd Leben. Jahrg. 1869. Heft 2. Köln. ^ 
44) Zeitschrift für das Berg-, Hütten- nnd Salinenwesen in dem Preufsischeo 
Staate. Bd. XVI. Lief. 5. Beriin. — 45) TranaacHons and Proeeeding* of ihe Roy, 
Society of Victoria, IX. 1. Melbourne 1868. -* 46) Preufsisches Handelsarehiv. 
1869. No. 4 — 14. Berlin. — 47) Abyssinia, Line of March of the Army unier 
Lieut. Gen, Lord Napier of Magdala, 1868. 5 Bl. London 1^69. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

am 8. Mai 1869. 

Nach Ueberreichung der Geschenke durch den Vorsitaenden Herrn Bastian 
fibergab Herr Gustav Fritsch der Gesellschaft als Beitrag su der Sawmlaug 
anthropologischer Photographien Bwei Tafeln, enthaltend Araber-, Somali- nnd 
Indier-Portraits, tou ihm aufgenommen während seines Aufenthaltes in Aden snr 
Beobachtung der Sonnenfinstemifs. Er gab alsdann einen knrsen Abrifs der Be- 
Volkerungsverhältnisse von Aden unter Angabe der besonders charakteristischen 
Merkmale der einzelnen Stämme. Es wurde darauf hingewiesen, wie dieser Ort, 
vermöge seiner eigenthfimlichen Lage, als Knotenpunkt alter Verkehrsstra&en 
zwiscten Asien und Afrika, besonders durch den Sklavenhandel viele Elemente 
seiner Bevölkerung aus Afrika erhalten habe, vornehmlich Somali nnd Sidi, wel- 
cher letztere Ausdruck meist ohne weitere Unterscheidung ftir Bewohner des öst- 
lichen Centralafrika's gebrancht wird. Stamme, welche sich nicht als Sklave» 



Sitznngabericht der Berliner geographischen Qeeellschaft. 287 

verwenden lassen, wie die Galla, sind nnter der Einwohnerschaft nur ansnahms- 
weise vertreten. Die originalen Bewohner, die Araber, unterscheiden sieh durch 
ihr Aussehen und ihre Tracht sehr wesentlich, je nachdem sie dem Orte selbst 
ssgsfaören, oder aus dem Innern Arabiens herabkommen. Aber abgesehen von 
diesen mehr auf Familienähnlichkeiten und Lebensweise gegründeten Unterschied 
den, ist der ganse Ebtbitus dieser Stämme durchaus abweichend yon dem der so* 
genannten Araber Aegyptens. Die Veigleichong ergiebt als unzweifelhaft, dafs 
die letzteren viele reiiT ägyptische Elemente müssen in sich aufgenonmien haben 
nid ihrer Zusammensetzung nach heutigen Tag^s eigentlich kaum mehr Araber 
tu nennen sind« Es wurde aus der Geschichte nachgewiesen, wann und auf 
welche Art die Verschmelzung der Eindringlinge mit der ursprünglichen Bevölke- 
nmg Aegyptens stattgefunden hat 

Herr Dove legte einige neuere Werke vor. Zunächst anknüpfend an den 
Sturm vom 6. und 7. December 1868, charakterisirte er die vier verschiedenen 
Klassen der Stürme und legte eine Karte des Herrn v. Chauvin vor, auf welcher 
alle die an den Telegraphenlinien verursachten SehlUlen jenes Sturmes verzeichnet 
riud. Hierauf zur Hydrographie sich wendend, besprach er die Verkürzung der 
Rflsse vermittelst Durchstiche und die nachtheiligen Folgen der letzteren. Er 
machte, femer auf den Unterschied solcher Flüsse aufmerksam, welche in Sehnee- 
gebirgen, uM derjenigen, welche In Grebirgen, die keinen ewigen Schnee tragen, 
entspringen. Endlich betonte er ausdrücklich für die tropischen Gegenden den 
Einflufs der Richtung eines Stromes auf die mit einem Male aufzunehmende Re- 
genmenge und die daraus entstehenden Ueberschwemmnngen , je nachdem der- 
lelbe nämlich eine westöstliche Richtung, wie der MaraTion, oder eine südnörd- 
liche (nordaüdliche) wie der Nil habe. Nähere Veranlassung zu diesen Unter- 
suchungen gaben dem Redner: Beigrand und Lemoine, Resum€ des obsennitions 
eentraUs^es du Service hydrom^trique du hassin de la Seine, Versailles 1869. unter 
Vorlegung der 16 die Jahre 1866 und 1867 darstellenden Karten; femer; SuUa 
temperatura del mare nel golfo di Palermo^ nota del Cav. Rodolfo de Vivenot; 
endlich: Poleck, Beiträge zur Kenntnifs der chemischen Veränderungen fliefsen- 
der Gewässer, mit 1 Karte. Breslau 1869. und Royal Meteorological Institute of. 
ike Netherlands, On the Temperature of the Sea at the Surfaee near the South- 
point of Jfriea hy 1. E, Comelissen, Utrecht An die Schrift: „Report of the 
Mtttorological Reporter to the Government of the Bengal for the year 1867 — 1868. 
Calentta 1868" knüpfte sich die Mittheilung, dafs in Türkistän von dem russi- 
ichen Gouvernement 12 Beobachtungsstationen errichtet wurden. Schliefslich 
legte derselbe vor seine eben vollendete Schrift; „Nicht periodische Veränderun- 
gen der Verbreitung der Wärme auf der Oberfläche der Erde", in welcher von 
einer grofsen Anzahl durch Wärmeextreme, wie das vorhergehende Jahr, ausge- 
idchneter Jahre nachgewiesen wird, dafs das Zuviel an bestimmten Stellen der 
Erde stets compensirt wird durch ein gleichzeitig hervortretendes Zuwenig an 

andern. 

Herr Ascherson theilte einen Brief des Reisenden Dr. Schweinfurth mit, 
m welchem derselbe die Scenerie der Nilufer, sowie seine eigenen Eriebnisse 
wihrend der Fahrt auf dem weifsen Nil nach seiner Abreise von Chartüm schil- 
dert Der Brief wird demnächst veröffentlicht werden. 



1 



288 SitenDgsbericht der Berliner geographischen Gesellschaft. 

An Qeschenken gingen ein: 

1) Saint- Martin, L*ann€e g€ographique, 1868. Paris. — 2) Diseurto dd 
Comm, Oristo/oro 'Negri, tenuto neW tuhmanza solenne del 2ß /ebbraio 1869. 
Firense. — 3) Sveriges Geologiska Undersöhning, under ledning af A. Erdman»: 
N. 26—30. Stockhobn 1868. Mit Atlas. — 4) Sabine, ContribuHonM to Ter- 
restial Magnetism. {Proceed. of the Roif, Soe. 1868.) — 5) Bulletin de la So- 
<si€U de Geographie. 1869. Ferner. Paris. — - 6) Le Globe, Journal giogra- 
phique, 1868. Jnillet — Octobre. Gen^ve. — 7) MittheUvngen der K. K. Geo- 
graphischen Gesellschaft. Jahrg. VHI. 1864. IX. 1865. 1869. N. 5. — 8) Petcr- 
inann*B Mittheilnngen. 1869. N. IIL Gotha. — 9) BechenschafUbericht der E. 
russischen Geographischen Gesellschaft für 1868. St Petersburg 1869. (rassisch) 
— 10) Revue maritime et coloniale, 1869. AvriL Paris. — 11) Jahrbneh der 
K. K. Geologischen Beichsanstalt 1869. N. 1. Wien. — 12) Abhandlnngen 
heraosgeg. Tom naturwissenschaftlichen Vereine zu Bremen. Bd. U. Hft. 1. Bre- 
men 1869. — 13) Preufsisches Handelsarchiv. 1869. N. 15— 18. Berlin.— 
14) Zeitschrift der österreichischen Gesellschaft für Meteorologie. Bd. V. N. 1 
bis 7. Wien 1869. — 15) Bonatti, Importanza del terzo moto rei viaggi al wubt 
Polare e deW eecUsi de 18 agosto 1868, enthalten in: Vereo la Mißta, periodico 
di lettere 1869. N. 7. — 16) Bonatti, A$tr<momica naturale, enthalten iji: La 
voce dei giovani itaUani. 1868. N. 1. — 17) Ha8senstein*s Kartell cur Reise 
des Baron C. C. t. d. Decken. Leipzig 1868. 



XII. 

Eine kritische Revision der biblischen Geographie. 

Von Prof. Dr. L. Noack in Giersen. 



Darf der jüngst erschienene Menke - Perthes'sche Bibel -Atlas als 
larthograpbische Reprfisentation des bisherigen Standes der geographia 
Sacra gelten, so erscheint diese letztere durch das ungefähr gleichzeitig 
hervorgetretene Werk ^Von Eden nach Golgatha, biblische Forschun- 
gen von L. Noack^ (Leipzig 1868, 2 Bände) geradezu auf den Kopf 
gestellt, nur dafs freilich der Verfasser vielmehr der Meinung ist, die 
bisher verkehrte biblische Geographie erst wieder richtig auf die Beine 
ZD bringen. Es sei ihm gestattet, die Ergebnisse seiner dort nieder- 
gelegten Forschungen in freier Gruppirung den Lesern dieser BlStter 
Torzofuhren. 

Während sich Menke, um im Süden zu beginnen, in Betreff der 
Sioai'Frage auf die Seite des Serbäl -Vertreters Lepsius stellt, hätte 
sich an dem Streite, der bis heute unter den Sinai-Fahrern über Gebel 
Musa, Gebel Serb&l und Gebel Om-Schomar lichterloh brennt, nun- 
mehr das Schicksal der drei Ringe in der Nathansfabel erfiillt: keinet 
von den fraglichen Dreien ist der ächte biblische Sinai, der uns viel- 
mehr durch die Tabula Peutingeriana als Mons Syna der Kinder Israel . 
im Mond- oder Ring- Gebirge der Nakhl- Ebene des peträischen Ara- 
bien» verbürgt ist, welchen nT>ch die ältesten Sinai -Mönche yor der 
Zeit Justinian's besessen haben. Anstatt von der Spitze des Su^s- 
Bosens erst nach der Südspitze des Halbinsel-Dreiecks zu ziehen und 
also die Kirche um's Dorf zu tragen, zugleich aber den damals noch 
tbatsächlich im Wädi-Feirän hausenden Ramessiden • Faraonen in den 
Rachen zu laufen, sind nach jener alten romischen Reisekarte die Kin- 
der Israel geradewegs durch die Ostwüste, die über dies noch heute allein 
bei den Arabern der Halbinsel die Wüste Thih der Kinder Israel heifst, 
ihrem Sterne zum gelobten Lande gefolgt. Und von dort südostwärts 

KaiUehr. d. OMaUtch. f. Brdk. Bd. IT. 19 



1 



290 L- Noack: 

hat auch der alte Jothor (Jethro) im Wethir-Thale in arabischer Trans- 
seription beim Nordende des Aila- Golfes sein biblisches Andenken 
landschaftlich bewahrt. Dafs neben Rossegger and dem Dimer Predi- 
ger Faber aach der böse Sultan Bibars mithelfen mufste, um die Spnr 
des rechten Sinai im Belad^el-bedr der Nakhl-Ebene zu bestätigen, wird 
dieser Spur keinen Makel aufdrucken. 

Von dort. aus steht das Antiübanonziel der Kinder Israel fest. 
Beim Hermon war die Nordgrenze für das nachmalige Qebiet der 
drittehalb Ostjordanstfimme einzunehmen. Diese heutige Golän- and 
Haurän- Landschaft Ufst nun die bisherige Bibelauslegung den altem 
Bewohnern recht eigentlich aar wie im Traume von den Hebräern ab- 
genommen werden, und ohne dals auch nur der Yersach gemacht 
würde, wenigstens einen Tbeil der angeblich nicht mehr nachweisbaren 
Reisestationen Israels in dortiger Gegend zu suchen, befinden sich die 
bereits siegreich bis zum Hermon vorgedrungenen Hebräer plötzlich 
wieder am Nordende des todten Meeres, von wo sie nun einmal 
schlechterdings ins Westjordanland eindringen müssen. Warum? Weil 
dort angeblich Jericho, das Josua zu erobern hatte, gelegen hätte. 
Nur leider aber hat die dort beim heutigen Dorfe Er-Riha angeblich 
befindliche ^Oase Jericho^ schon darum mit der biblischen Jericho 
nichts zu schaffen, weil diese der Vaticanische Uebersetzer der Ghro- 
nikbücber als eine Zabulonitenstadt beim Tiberiassee gelegen wafiste 
nnd überdies die Baureste in der Umgebang von £r-Riha, die man 
für Herodianische Gründungen hat ansehen wollen, erst aus der S^eit 
des saracenischen Baust jles herrühren. Ehe jedoch die Kinder Israd 
noch an diesen ihnen als Reiseziel octroirten Platz gelangt wären, 
haben sich die Ausleger der „wunderlichen Reise^ durch eine andere 
falsche Ueberlieferung so vollständig das Concept verrücken lassen, 
dafs freilich hinterher beim Jerichoplatze jeder Zweifel an dessen Aecht- 
heit ohnedies zu spät gekommen wäre. Im Süden des riesigen Regen- 
wasserbeckens, worin der Jordan sein Grab findet, läfst man die Kin- 
der Israel rechts nnd links vom Sandmeer des Wädi-el-'Arabah recht 
eigentlich wie das Thier auf dürrer Haide sich wiederholt nur immer 
im Kreise herumdrehen, trotz ihrer zugestandenen Absicht, in's gelobte 
Land zum „guten Gebirge beim Antilibanon^ vorzudringen. Die Land- 
Strecke zwischen dem todten Meere und dem Aila-Golf geniefst bis 
heute in der gelehrten Meinung die Ehre, für das biblische Edomland 
(Idumäa) zu gelten, dessen Konig dem feindlichen Bruderstamme den 
Durchzug verweigert hätte. Die Widerlegung dieses in der wissen- 
schaftlichen Erdkunde fast veijährten und gleichwohl erst aus dem 
Mittelalter stammenden Milsverstandes hat durch den glücklichen um- 
stand leichte Arbeit, dafs noch in den ersten christlichen Jahrhunderten 



r 



Eine kritische Reyidon der biblischen Geographie. 291 



die Lage des biblischen Edom-Oebietes im Norden des Ostjordanlandes 
feststand, wo das Damaskenerland dazn gerechnet wurde. Roth war 
'Esan, sagen auch die Rabbinen der Misch nah-Zeit, and roth war sein 
Land. Ein Rothland aber (Ardh-el-haaranieh) ist die ganze Hanran- 
Ebeoe bis zur südlichen Hamadgrenze und zur ostfaaurÄnischen Stein- 
WQSte der vulkanischen Harrah. Derselbe aus verwittwtem volkani* 
sehen Gesteine erzeugte rothbraune Lehmboden zieht sich durch das 
antere Bett des grofsen Ostjordan armes (Scheriath-el-Mandhür) bis in 
die 'Adesieh- (Linsen-) Ebene im Süden des Tiberiassees, wo wir die 
Kinder Israel an der Grenze Edoms finden werden. Ohne es zu ahnen, 
oder, wo sich die Ahnung aufdrängte, derselben Folge zu geben, sind 
nach dem Irländer Porter unsere deutschen Landslente Wetzstein und 
Doergens die eigentlichen Wiederentdecker des abhanden gekommenen 
bibliscfaen Edomlandes geworden. Es gilt nur, mit den Errungenschaf- 
ten dieser. Reiseforscbungen der beiden letzten Jahrzehnte Ernst zu 
machen und über diesen für die rückständig gebliebene Geographia 
Sacra noch ganz jungfräulichen Boden die Furchen zu ziehen, um zu- 
gidch einen guten Theil biblischer Geschichte sogar bis ins Zeitalter 
der Hasmonäer und Herodianer in eine durchaus veränderte Perspective 
treten zu sehen. DieVormänner im Besitze des Edom-Hauranlandes, 
die biblischen S^'eiriten oder Horräer (bei den Thargumisten und in 
der arabischen Bibel geradezu Hauränier genannt) bezeugen sich bis 
auf den letzten Mann in ihrer wahren alten Heimath ebenso zuverläs- 
sig, als uns die biblischen 'Esau- Weiber und die alten Edomiter-Für- 
stenbäaser (alufim) auf der gleichen hauränischen Wegspur begegnen, 
nor dafs das letzte Edomkonigsgeschlecht der biblischen Ueberlieferung 
dem Ostjordanlande untreu wird und so gefällig ist, uns auf den gleich- 
falls rothen Boden einer westjordanisch - galiläischen Edomslandschaft 
in die vulkanische Umgebung der galiläischen Maare (Kraterseen) zur 
Bergveste Asqalon-Giscala und zum dortigen Stammsitze des idumäi- 
sehen Herodeshauses zu fuhren. 

Nach dem ostjordanischen Edom - Hauränlande bringt uns nun 
Sehritt für Schritt die Verfolgung der beim Auszug aus Aegypten über- 
lieferten Reisestätten vom Mons Syna der Peutingerschen Karte, d. h. 
vom Mond- oder Ringgebirge der Nakhl- Ebene über Wadi-D41egheh 
darch Wadi Müsa zunächst zur Farän-Steppe, als der alten Heer- und 
Karawanen Strasse, welche (nicht mit der weiter östlich ziehenden heu- 
tigen Pilgorstrasse zusammenfallend) vom Aila-Golf her durch das Ost- 
jordanhochland zum Haur&n und nach Damaskos führte. An der Hand 
der biblischen Rastplätze gelangen wir durch das Land Kerek und die 
Belqa-Steppe bei Kefer Jehüdi, Schogl-beni-Israil und der Trümmer- 
stStte von Gerftsch vorüber zum 'Aglun-Gebirge, wo im Lande Mö'orr&d 

19* 



292 L- Noack: 

von Sof aaa, sor Brkundscbaftung der Oöl&n- und Haaran-Laodscbaft 
die biblischen Kundschafter ausgehen, welche den Weg von Naw&, als 
der Heimath Josua's, des Sohnes Nave, nach der hauränischen Hebron 
(Hebr&n) machen, in welcher uns die biblische Kalebs-Hebron im Un- 
terschiede von der Abrahams-Hebron entgegentritt, welche letztere noch 
Mir Zeit Konstantins im nördlichen PalSstina bekannt war, wo ihre 
Lage bei Kefer Habur und Hibbarieh auf der Terrasse des untern 
Theim-Thales die Probe sämmtlicher biblischen Erwähnungen, wie des 
Eusebiostextes im Onomastikon vollständig besteht 

Der von Süf aus unternommene Haur4n-Zug der Sonderbandner 
Israels und der Rotte Qoreh galt der verwünschten Wurzel 'Aoialeq. 
Der vom Verfasser gemachte Versuch zur Lösung des biblischen 'Ama- 
l^qiter-R&thsels l&fst zunächst die verworrene jung-arabische Ueberliefe- 
ruDg über die 'Amafeqiter bei Seite, um aus vergleichender Prüfung 
der biblischen Erwähnungen 'AmalSq's mit Hülfe der Wurzel dieses 
Spitznamens den durchgängigen Bezug auf das über's ganze gelobte 
Land zerstreute hami tische Blotsaugervolk der Faraonen festcustellen 
und erst von hier aus den arabischen *Amaleqiter-Ueberliefernngen ge- 
recht zu werden. Jenen Sonderbündnern Israel's, die den Kampf mit 
dem südwesthauränischen *Amaleq auf eigne Faust aufgenommen hat- 
ten, werden die nächstfolgenden Reisestätten des biblischen Berichts 
zugewiesen und nebenher für die biblische Petra (Sela) der römischen 
Palaestina saluiaris die osthauränisch-arabische Salä an der Hand der 

m 

griechisch-römischen Zeugen in Anspruch genommen. Während jenes 
Sonderzuges zum Hauränrücken (Asalmanos die Station Aselmonah) 
war mittlerweile das Lager des Moses und Ahron von der Warte Suf 
nach der Midbar-$in (Palmentrift) oder Qades ('Adesieh-Ebene) beim 
Südende des Tiberiassees vorgeschoben worden. Die nächsten Reise- 
stationen führen jene Sippschaft zu diesem Hauptlager Israels zurück, 
und der vielbesprochene Platz von 'Asiongaber, dessen angebliche 
Lage am Ailagolf auf dem klarsten Mifsverständnisse beruht, erkennen 
wir in der auch durch die syrische Bibelübersetzung dort verbürgte, 
von Seetzen besuchte Gaditenstadt Gabir bei Irbid, während uns da- 
gegen die Hafenstadt der Ofirfahrer an der nordfönikischen Küste bei 
einer andern Ailath begegnen wird. 

In der Palmeutrift der 'Adesieh- (Qades-) Ebene bestätigen uns 
die an den Tiberiassee geknüpften Moses- und Mirjamsagen der Thar- 
gumisten die Spur der dortigen 38jährigen Wartezeit Israels unter 
Mosis Hut. Die dritthalb ostjordanischen Stämme hatten ein volles 
Menschenalter hindurch Zeit, sich anzusiedeln und die Schwerter zu 
schmieden, welche sich bei den ferneren Eroberungen der Israelsstämme 
hülfreich erweisen sollten. Ein , Umgehen Edoms^ wird der Weg ge- 



Eine kritische Rerision der biblischen Geographie. 293 

nannt, auf welchem sich Israels Heeresmacht nach endlichem Aufbräche 
fon Qades im letzten Jahre Ahrons und Mosis gesammelt hat. Der 
Weitcrzng ging darch den Sudgrenzstrich der Ardh-el-Hauranieh und 
des Naqra- Kessels den vulkanischen Schlachten des Scheriath-el-Man- 
dhor and des ZSdy- Thaies entlang ostwärts nach der. Umgebung der 
haaränischen Hebron des Qenez&ers Kaleb, in deren Umgebung frfiher 
die Sonderbündner für ihren Vorwitz hatten büfsen müssen. Als der 
in den Thargums Hur-Turah genannte Sterbeplatz Ahrons und weiter- 
hin zugleich als der Gesetzgebangsplatz des Deuteronomiums gibt sich 
Um-el-Torrah zu erkennen, in deren UxHgebong uns die heutigen Ben! 
'Arad den Sitz des alten 'Arad-Eönigs in der Ardh-el*$u^th verbürgen. 
Das Schilfmeer (jam sof), das hier noch einmal vorkommt, wird uns 
im Angesicht des Schilfsees von MezSrib und der sumpfigen SchellaleE. 
Niederung das Concept nicht verrücken, um nach dem längst weit 
hinterm Rücken liegenden „rothen Meere^ zurückzuschielen. In der- 
selben Ardh-el-§ueth hat der heutige Ortsname Seimänieh deutlich die 
Station l^almonah erhalten. Der altberühmten edomitischen Fundn 
(Fainon) wie zugleich der Heimath (Jefunneh) des israelitischen 
'Anezy- (Qenezi-) Führers Ealeb begegnen wir in dem haaränischen 
Bergwerksplatze *Afineh und klären uns dabei die Uebereiluog auf, 
womit neuere Gelehrte die hauranische Faina (Faino) id der Nord- 
west-Legähstadt Missema (Mismieh) ansetzen wollten, als ob die dort 
inschfiftlicb erwähnten Fainesioi nothwendig auch am Platze der In- 
scbrift gesessen haben müüsten. Mit der Lagerstätte Obgth (Väter) 
Bind wir am Platze von 'Ain Müsa, der eigentlichen südhauranischen 
Haaptquelle des ZIdy- Sehen ath Mandhurstromes angelangt, und löst 
uns deren Name zugleich das Räthsel, wie dieses Strombett bei seiner 
Mündung zum Westjordan arme den Namen des Mosesthaies (Wädi 
Musa) fuhren kann. 

Von hier ab haben es die Enkel Jaqobs zugleich mit den Kindern 
Moab und 'Ammon zu tbun. Unsre heutige Geographia sacra lebt in 
dem guten Glauben, dafs das Gebiet der biblischen Moabit er ost- 
wärts vom todten Meere im Lande Eerek gelegen habe und preist 
Seetzen, der diesen Irrthum theilt, als glücklichen Wiederentdecker der 
Moabiter Landschaft. Aber noch von den Thargumisten , vom arabi- 
Bcben El^Thabäry und sogar im 14. Jahrhundert vom gelehrten Rabbi 
Esthjri Farchi, der sieben Jahre in Palästina lebte, um die alte bibli- 
sche Geographie zu studiren, werden die Moabiter vielmehr in die 
Hauranebene und nach Golan gesetzt. In den Qulüt- (d. h. Dsu-Lut) 
Arabern der Legählandschaft hat sich die Namensrune der Lotsippe 
als ein Fingerzeig erhalten, dafs jene Ueberlieferang richtig ist. Und 
schliefst selbstverständlich die von der BodenbeSchaffenheit hergenom- 



^ 



294 L. Noack: 

me'ne Bezeichnung des Gebietes, in welchem sich der esauitische Stamm- 
zweig (Edom) angesiedelt hatte, nicht aus, dafs sich im Umkreis eines 
so weiten Landstriches auch andere Stammzweige festgesetzt haben; 
so dSrfen wir nur die althergebrachte Ableitung des Namens Möab 
(Wasser des Vaters) als landschaftlichen Fingerzeig festhalten, dafs 
innerhalb der Marken der Ardh-el-haurinieh der Moabiterantheil aus 
dem Gesichtspunkt der Gewässer und ihres Ablaufes seinen bestimm- 
ten geographischen Platz rechtfertigt. Aus der vergleichenden Zosam- 
menstellung der Bibelzeugnisse mit den Angaben des Eusebios im 
Onamastikon stellt sich die Thatsache aufser Zweifel, dafs die Moabi- 
ter ebensowohl an den Wassern des Quellenvaters Haurän, als an denen 
des Hermon ihren Antheil gehabt, bei dessen Westgeh&ngen über dem 
Haleh-Becken noch Eusebios Moabiter kannte. Und hier gerade in 
der heutigen Ardb*el-Mejadin, die selbst durch ein Zeugnifs der biUi- 
schen Eönigsbucher als der alte Jordan-Kikkar (Kechar bei den 
LXX) verbürgt ist, begegnet uns im Halaq-Oebirge bei Paneas (Ono- 
mastikon ed. Parthey p. 34) die Aljkd-Schlucht, die in der griechischen 
Bibel statt des Siddim- (oder vielmehr Schedim-, d. h. Dämonen-) 
Thaies auftritt und mit dem Haljke- (Salz*) Meere nichts zu schaffen 
hat. In dordger durchaus vulkanischer Umgebung aber sind die Triim- 
merlagen der sogenannten Pentapolis.Lots noch nachweisbar. Die 
Fuhrung des Onomastikons ist sicher genug, um neben den vier an- 
dern Lots-Stfidten den beim Dorfe Nimrah gelegenen Kratersee Birketb- 
el-Räm (PJiiala) als den Platz der biblischen Sod5m erkennen zu las- 
sen, auf deren Umsturz sich deutlieh eine bei den Bewohnern Ton 
Nimrah gebende Sage bezieht. 

Den Besuch der am todten Meere gelegenen Plätze, die der Eifer 
des Münchener Prof. Sepp als angebliche Vertreter der im Jordan- 
Kikkar Lots umgestürzten Städte aufgefunden zu haben meinte, dürfen 
wir fernerhin leichtgläubigen Pilgern um so leichtern Herzens fiberlas- 
sen, als noch kürzlich durch den Geologen Oscar Fraas (Aus dem 
Orient, 1867, S. 65 f. 73 f. 204 f.) die Thatsache bestätigt worden ist, 
dafs die angeblichen Erzengnisse unterirdischen Feuecs am Ufer des 
sogenannten Bahr-Lüt reine Gebilde aufgeregter Phantasie und geolo- 
gischer Unkenntnifs seien und von vulkanischem Gestein oder anch 
nur Vulkanismus im weitesten Sinne sich dort schlechterdings keine 
Spuren finden. Für die Enttäuschung über den an's todte Meer ge- 
träumten Lötssitz wird sich dagegen die biblische Erdkunde wie das 
liebräische Lexikon um einige geographische Begriffe bereichert finden, 
durch deren Bestimmung eine ganze Reihe geographischer Mifsver- 
ständnisse und Verlegenheiten der Bibelauslegung von selbst verschwin- 
det. Nur für die „Bäche Arnon^ ergiebt sich ein bestimmter land- 



Eine kritische Revifion der biblischen Geographie. 295 

Mfaaftiicher Einzelplatz im Lavabette des nordhaar&nisohen Wädi-Liwä. 
Di^egen bedeuten ^Berge Feghor^ den Bibelscbreibern die Vulkan- 
krater und „B&cfae Fadgah^ (da die griechischen Uebersetzer jedenfalls 
die richtige Aassprache beider Namen verbibrgen) den Lavastrom selbst, 
wihrend ^'Aro^r^ der hebrfiische Ansdrack för das arabische ,,War^ 
ist» womit die Lavafl&che eines Vulkangebietes bezeichnet wird. 

Die nordosthauränische Lage der alten Moabiterstadt Hesebon bat 
ans Esthori Farchi in der Stadt Schohbah beim Schihi^nkegel, als dem 
fichten biblischen Sihon, ebenso genügend verbürgt, als sich die süd^ 
os^ordanische Hosban uber'm todten Meere schon durch ihre sarazeni- 
schen Bogen als mittelalterige Gründung erweist. Ebendemselben ge- 
lehrten Rabbi verdanken wir den Nachweis der durch EJusebios im 
Onomastikon bestätigten Identität der biblischen Jaz^r mit der im 
Sodwestwinkel der Legäh gelegenen Stadt Zorä (livzra). 

Das Zeugen verhör der Alten über die Lage von 'Ammon-Phila^ 
delphia weist uns in die westhauräniscfae Nuqrah-Ebene (die Mischor 
der Bttbeniten), und die Tabula Peutingeriana führt mit ihren Entfer- 
Dongsangab^n für die Lage von Philadelphia keineswegs, wie noch 
Ritter annahm, auf den Platz der Sarazenenstadt 'Amman in der 
Belqä, sondern genau zum „Brfiderkloster^ (Deir-el-Ehuwäth) in der 
ttördlichen Haurän-Ebene, in dessen Umgebung wir zugleich alle Oert- 
liehkeiten wiederfinden, welche uns griechische Autoren und Bibel mit 
der 'Ammoniter-Veste in Verbindung nennen. 

Mit der Richtigstellung der Idumfia-Landschaft wie des Moabiter- 
and Ammoniter- Gebietes im nördlichen Ostjordanlande ergeben sieh 
zugleich für die dritthalb Ostjordanstfimme Israels an der Hand der 
Bibelzeugnisse wie des Onomastikons andere Sitze, als sie uns die bis^ 
faerigen Bibelkarten darbieten. Rüb^n safs nicht beim todten Meere, 
sondern im östlichen Haurin und hatte dieGaditen nicht im Gebel 
^Aglün, sondern in Golin als westliche Nachbarn. Nördlich von die^ 
sen wohnten die Gst-Manassiten bis zum Hermon hinauf, wo die 
manassisch-judäische Efrathah am Platze ton Efry (Efreh) über dem 
obern ßaradathale sich ebenso als Gideonssitz ausweist, wie die durch 
die lateinischen Mönche nach der Neu-Jndaa verschleppte Rah^l-Todten- 
stfitte in der dortigen Merg-Rakbleh beim Hermon uns begegnet 

Durch dieses lediglich im Norden des grofsen Ostjordanarmes 
(ZMj-Mandhnrstromes) sich erstreckende Gebiet der dritthalb Stämme 
gmg im Todesjahre des Moses der Siegeszug Israels. Also nur vor- 
wärts ^ Heer Jahwehs, vom Lagerplatze bei der hauränisohen Moses^ 
quelle her! Im Jenseits bei der Moabsgrenze, so heifst es weiter, wirA 
in 'IjS-ha-'ibrim (nach dem samaritischen Text) gelagert Auch die- 
sem „Steinhaufen der Hebräer^ begegnen wir aof Wetzstein'« HauciMih 



296 L- Noaek: 

karte (der nur endlich aach das so wichtige Q6)&ii-ItiDerar nachfolgen 
möge!) am Nordwestrande der graasigen Yalkanlandschaft jungem 
Datams in den „Wohnsitzen der Kinder Israel^ (Dar-beni-Israii), wo 
sich auch das „Panserthal^ Zared beim Wadi-el-'Aragil der hauräni« 
sehen Heraklioten-Faraonea ausweist Und das ^Lied vom Bmnnen-- 
kanal, den die Fürsten der Vorzeit gruben*', findet im Dfimonenkanale 
der osthaur&nischen Beduinensage nicht blos seinen bestätigenden 
Wiederhall, sondern diese letztere giebt sich zugleich als Seitenstüdi 
zur biblischen Sage von der haur&nischen Ealebstochter *Askab und 
ihrem Brautwerber Oothoniel zu erkennen. 

Der Sihonkönig beim Thell SchihAn rüstet sich und wird beim 
Ghadir-el-Has9& geschlagen. Der Hauranier Bil^am tritt auf den Plan 
der schon durch die chaldäischen Bibel-Thargums verbürgten haurluii- 
schen Oertlichkeiten, von wo Israel seinen Siegeshoffhungsblick in die 
Zukunft richtete. Der Basanskonig wird aufs Korn genommen. Die 
Lagerstätte 'Almon Deblathaim erkennen wir in 'Ölmeh ('Ilmj) am 
untern Laufe des Wädi-el-Ghär, welchem aus dem Zeugnisse der 
Jäqobsgeschichte die Ehre zu Theil wird, statt des Na)^r Zerqä für 
den biblischen Jabbok einzustehen. Die Doppel residenz des Riesen- 
konigs 'Og, dessen Namen der Nahr-el-'Awag bewahrt, tritt uns im 
Landstriche der alten Faraonen-Wasserleitung, dem östlichen Chisfingaa 
der ägyptischen Denkmäler entgegen als $anamSn und Adbrä'th, und 
die Midj an it er forsten, demaskiren sich bei den Töchtern Moab als 
„Herren vom Kriegsrocke^. Das Hebräergebirg (nicht 'Abarim der 
Masoreten) bei Nawa (Nebe) mit dem Grabe des gölanischen Empe* 
dokles-Moses bei den Yulkankratern Sion-Nawä wird noch von Esthoii 
Farchi am rechten Platze gefunden. Der Nawä-Sohn Josua rückt 
durch den Moabswesten, die noch in den Tagen der ersten Araber- 
Eroberungen im westlichen Golän bekannte Landschaft Mab abend* 
wärts zum Ziele der Israels Wanderung, dem Kinnerethsee vor, der nacb 
dem arabischen Dichter ^den Mond am Tage vorstellt, umsäumt von 
der Finsternisse Flor^. Ein neues Zeugenverhor der alten Schriftstel* 
1er stellt die Lage von Jericho am Platze von Tarichea, dem ao» 
Tiberiassee gelegenen Beth Jerach der Rabbinen sicher. 

Israels Jordanübergang fand im Süden des Seebeckens bei der 
Brücke Um-el-Qanätir und die „Stauung der Wasser^ im galiläischen 
W&di Fegas statt, welches sich als das biblische 'Achor-Thal aas- 
weist, während für Liebhaber die ,) zwölf Steine in Gilgal*' noch heute 
als zwölf mächtige Basaltblöcke bei Sengol und Hagär - el - Nasrany 
(Steine der Christen) in der Ardh-el-Hammä zu sehen sind, und sogar 
in Schejrath-el-Qelef noch der Platz zu finden ist, den Hieroojmus als 
den Hügel der Vorhäute kannte. Stellt es sich heraus, dafs der grofse 



r 



Eine kritische Revision der biblischen Geographie. 297 

Siegesffihrer der Westjordaostämme als E fr ai ms -Richter lediglich für 
das Haas Josef das grofse westjordanische Doppelstammgebiet Efraim- 
Maoasse nicht in der mittel palästinischen Samaria der lateinischen 
Mönche, sondern im galiläischen Westjordanlande beim obern und 
mittlem Jordansee, zwischen den Ibn-'Amirmarschen and dem Qasi- 
mfehstrome erobert hat, so trSgt aach nar die herkömmliche Befangen« 
heit in der lateinischen Moncbskarte die Schuld des Mifsverständnifses, 
das dem Oalilfierlande die Ehre raubte, den Thronsessel Josua's in der 
dorch das Zeugnifs der Misch nah-Lehrer verbürgten S^lom-Selameh- 
ebene getragen and anch das Josnagrab in der Oenezarethebene (6ha- 
weir) geborgen zo haben. Statt einer angeblich jadfiischen Medinetb- 
el-Ghai finden wir die Ton Josua eroberte Stadt *Ai.oder Ghai nir- 
gends anders, als auf dem Berge 'Aibal (Ghaibal), d. h. Alt-'Ai 
selber, and erkl&rt sich der seit den Tagen des Hieronymas über die 
Lage der samaritischen Berge Ghaibal und Garizim geführte Streit 
geradezu ans der Thatsache einer erst im 4. Jahrhundert am Platze 
der heutigen Nablas gegründeten südlichem Neapolis, die der Bordeaaz- 
pilger vom Jahre 333 n. Chr. so wenig kannte, als ihr die alte Nea« 
polis-Münze mit dem Garizim - Aufstieg gelten kann. Der galiläische 
Platz der seit Herodes' Tagen Neapolis genannten altbiblischen Sychem 
(des Bordeauxpilgers Sechim) hat sich in arabischer Uebersetzung dea 
Namens, der Rücken oder Schulter bedeutet, im Dorfe Ober-Dh&harieh 
bei $afed erhalten, wo auch der Rabbi Schwarz von Jerusalem eine 
Sychem kennt. Südwärts von dort vertritt Wädi-el-Ahmar das He- 
mortbal und das griechische BSthachamar bei Sychem und der Aus- 
läufer des südlichen $afed-Hügels den l^almon- (Götzenbilder-) Berg 
der Sjchemiten. Kennen noch filtere Reisende die Ue herlief erung der 
$afeder Juden, dafs in ihrem" Weichbilde Jäqob zur Zeit der Josefs- 
verkaufung gewohnt und des Sohnes Verlust in einer dortigen Höhle 
betrauert habe, so bestätigt dies die südostwfirts benachbarte Josefs- 
grabe (Gubb Jnssuf), und' wir haben in den angeblichen Jaqöbs- und 
Josefsplfitzen bei der lateinisch-christlichen Neapolis (Nablus) unserer 
heutigen Palfistinakarten um so mehr blofse Mönchserzeugnisse zu er- 
kennen, als nachweislich die alte Neapolis (Sychem) dicht bei Samaria 
(Sebaste) lag, wfibrend die neue Usbuste mit ihren aus der spfitrömi- 
schen Kaiserzeit stammenden Prachtruinen über 2 Stunden von Nablus 
entfernt liegt. Erfuhr nun noch einer der Mfinner des ^Reyssbuches 
▼om heiligen Lande^ im 16. Jahrhundert, dafs Qafed oder l^afeth (bei 
den Juden Sewafs) die alte Sebaste des Herodes sei, so mufs uns 
sogar die dicht bei der Stadt Samareia gelegene Sychar des 4. Evan- 
geliums (4, 5), d* h. ^schikr^ (weibliche Scham), als der ^Hurenteich 
TOD Schomron^ (1. Könige 22, 37 f.) den Platz des Quellenteiches bei 



298 !«• Noack: 

Dhabarieh im W&di Hamrä bezeugen helfen, den jüdische' Reidende 
des Mittelalters als den grofsen ,,Baach^ (beten) beseichneo. Während 
der bei den Ibn-'Amirmarschen gelegene Platz von Zerain mit der 
biblischen Erzählung von Naboths Steinigung (1. Eonige 21, 19. 22, 38) 
in unauflöslich geographischem Widerspruche steht, trifft dagegen 
•die Trümmerstätte Khirbeth ^irin im Süden von $afed mit der 
Nachbarschaft des Schomronteiches bei Dhiharieh aufs Glucklichste 
zusammen. Das Gedächtnifs der Wasser Megiddö knGpft sich iui 
Yolksmunde der $afeder Juden an das Leimontbal, dessen Gewässer 
beim Qarn-el-Megd im Germakgebirge entspringen und somit die Wur^ 
zel des angeblich verloren gegangenen Megiddo- Namens bis heute be- 
wahrt haben. Nicht in der Niedernog der erst in lateinisch-christlicher 
Zeit als Esdrelom-ßbene getauften Merg-ibn-'Amir lag die Legeon 
•des Eusebios, sondern am Platze des Dorfes Elgauneh ostwärts voa 
$afed, und statt den biblischen Qischonfluüjs im Osten von 'Akka als 
Maqatta-Strom zu begrussen, finden wir ihn beim Trümmerdorfe Qasiän 
■im Wädi Muädhammieh wieder, der vom Germak her die schöne 
Ebene von El-Gisch umschlingt. Mit der Einsicht, daÜB der biblische 
Thabor und das Itabyriongebirge der griechischen Schriftsteller 
icein „Nabel^ ist, den Hieron jmus als Berg von angeDfälliger Bunde 
nach Sudgaliläa setzte, werden wir durch die Angaben des Eusebios 
4iuf den Gebirgszug im Norden von l^afed als den rechten biblischen 
Thabor geführt, der als Westrand des Huleh-Beckens bis zur Merg 
'Ajiin reicht und die nordliche Hälfte der Nafthali-Terrasse bildete, 
•deren südliche Hälfte bis zum. „Hügel der Vorhäute^ im Südwesten 
des Tiberiassees reichte. Und die Ansetzung der Nafthalitiscben Son- 
nenstadt bei Basimun hat durch die neuerdings stattgehabte Aufgrabung 
«ines Sonnentempels bei Qedes Nafthali eine überraschende Bestätigung 
«rhalten. Von dort westwärts begegnen wir im Gebel 'Amilab, dem 
nördlichen Theil von Beläd-el- Besehära, den biblischen Plätzen des 
•dienstbaren Knechtes Issachar mitten im weiten Efraim-Manasse- 
gebiete, das sich durch die südliche und nördliche Galiläalandschaft 
bis zum Qasimiehstrom zog und die durch Eusebios verbürgte galilair 
«che, nicht südjudäische Daroma-Landscbaft einschlofo, an der bereits 
im Jaqobssegen Nafthali seinen Antheil bekommen hat. 

Das südwärts von den Gergesäer-Marschen des 'Amirsohnes fol- 
gende westjordanische Plateau, welches auf der Kreuzfahrerkarte als 
Gebirge Efraim und Judah auftritt, hat vor den Tagen von Zorobabel 
and E^ra keine Judäer-Ansiedlungen gekannt. Die spätgeborne Herr- 
lichkeit des Stammes Jüdah ist durch die neuere kritische Betrachtung 
des Richterbuches bei unbefangenen Forschern längst aulser Zweifel 
gesetzt. Judah's geschichtliches Auftreten im Richterzeitalter ist enl- 



r 



Eine kritische Bevision der biblischen Geographie. 299 

Mbieden yeifrüht und erst durch spätere Zathaten in das Richterbuch 
eingeschwärzt. Erst seit den Davids -Eroberungen gab es ein „Land 
Jodah^, und die „Stfidte Judah von Schomrön bis Bethoron^ (2. Chro- 
nik 25, 13) weisen unter König Ama^iah auf Ansiedelungen des „Maa- 
ned Jodah^ beim Weinberg Israels in die galiläische Darömah. Das 
StSdteverzeichnifs des Stammes Jüdah im Buche Josua stellt augen- 
scheinlich erst den Bestand des Jahrhunderts dar, das zwischen Schom- 
ron's Fall and die chaldfiische Eroberung des Landes fällt Es ent- 
hält einen namhaften Theil froherer Besitzungen Efraims, dessen An- 
theil darum im Josuabuche so augenfällig zu kurz kommt. Mit der 
Einsicht, dafs die westjordanischen Stammgebiete keine räumlich ab- 
gegrenzte einheitliche Complexe waren, verlieren die bisherigen Zu- 
rechtstellungsversuche unserer Bibelkarten ihren wissenschaftlichen 
Werth. Das weite Efraim - Manassegebiet war durch Enclaven der 
Nafthaliten, Issachariten, Jndahsöhne und Benjaminiten zerrissen. Letz- 
tere zogen sich auf den Wasserscheidehohen bei Seen und Merg's 
(Meräg) auch durch das Hauptland Judah im obern colesyrischen 
Theim-Thale, wo die vorexilische Davidsstadt lag. Sehen wir den 
Traum einer Ausdehnung des davidisch - salomonischen Reiches vom 
Aila-Golf im Süden bis zum Eufrath und Taurus hin mit der Aufklä- 
rung des Mifsverständnifses in Betreff der Landschaft Aram-I^übah und 
des Hafenortes A^iongaber haltlos zerrinnen, so wird uns für solche 
gefabelte Besitztitel der Antbeil schadlos halten, der dem gelobten 
Lande durch die biblischen Urkunden am Libanon und an Colesjrien 
toftilt. Denn den AssSriten und Zabüloniten ist zum Theil bereits 
im Makkabäischen Zeitalter, zumeist jedoch erst im Zeitalter des Euse- 
bios, das südliche Galiläa als Wohnsitz angewiesen worden. In alter 
Bibelzeit safsen erstere „bei den Brautbetten der Wasser und über deren 
Einschnitten **, wie es im Jaqobssegen von Asser heifst, d. b. bei den 
Qaellenorten der Bergströme des West-Libanon-Terassenlandes,* wo die 
Asseritenstädte noch allesammt der Reihe nach von Norden nach 
Süden gezählt nachweisbar sind. Andererseits finden wir vom Tyrischen 
Kastenstriche nordwärts bis in die Gegend der Pafslücke zwischen dem 
Libanon und dem Nasairiergebirge die vorexilischen Zabü Ions Städte 
wieder. Und geradesoweit nordwärts reichen von der Merg-lbn-'Amir 
her die alten Grenzen des gelobten Landes in den Mosaischen Büchern, 
die ohne Frage nur dem wirklichen Bestand zur Zeit ihrer Abfassung 
oder letzten Bedaction Ausdruck geben wollten. Während im bisheri- 
gen Rahmen der Reiche Israel und Judah die aramäische Jordanwiege 
nur mit dem verlorenen Eckposten einer vereinzelten Da niten- An- 
siedelang bedacht erscheint, haben nunmehr sämmtliche Danittfnplätze 
des Josaabuches beim HülehbeckKn sich ausgewiesen, dessen weite 



300 L- NoÄck: 

SampfBtreckeo biB nach Gazer (Ohaschar-Bracke) die Bibel als ^Meer 
Jeraqon^ (Meer des GrSneo) bezeichnet 

Aas ihrem Kafthor-Heimathsitze zwischen dem Fufs des Nasairier- 
gebirges und der 'Akkar-Landschaft bei der Ganiabucht (dem Pelusiam 
der biblischen Javaniten) waren die Filister durch ihr ^fönikisches 
Mifsgeschick^ gendthigt worden, südw&rts zo wandern. An ihre Fer- 
sen hat sich bis heate anaafgeklfirt der Mifs verstand geheftet, als hfit- 
ten sie die heutige sudjudäische Kustenebene sich aasersehen, am dort 
ihre reisigen Stfidte za gründen. Nur der offenbare Mifsverslaud einer 
Stelle des griechischen Josefos hat dort bereits für die Zeit des Kai- 
sers Yespasian die von der Mandung des W&di-el- 'Arisch nordwärts 
folgende Stiidtereihe Gaza, Asqualon, Asdod, Jamneia und 'Aqqaron 
aufgepflanzt. Noch im Zeitalter der Tabula PeuUngmiana (zu Anfang 
des dritten Jahrhunderts) gab es dort keine Gaza; die angeblich dort 
za suchende Gaza des Strabon und Plinias weist sich als eine am 
Soesbusen gelegene afrikanische Gaza aus. Wer es auch gewesen sein 
mag, der zuerst die biblischen Simonpl&tze nach den Simsim- (Sesam-) 
Feldern bei Neu-Gaza verlegte, die Erzählung der Belagerung von 
Gaza durch Alexander den Grofsen beweist, dafs für diese hochragende 
Yeste an der syrisch-ägyptischen Knstenstrafse ebensowenig ein Platz 
war, wie für die einem altberübmten Fischsee benachbarte Asqualon, 
die uns in bildlicher Darstellung auf den Denkmälern des Nilthaies 
als Bergfestnng begegnet und nach der Angabe des Josefostextes bei 
Rufin noch zur Zeit des jüdischen Krieges 36 Stunden von Jerusalem 
entfernt lag. Die kaum halb so weit von Jerusalem entfernte Neo- 
Asqalon der Peutingerscben Tafel kann erst nach dem Titaskriege 
an der südjudäischen Küste entstanden sein. Für die festen Städte 
von Azotos und deren Berg ist in der Umgebung des heutigen Dorfes 
Esdüd, nach welchem die Masorethen ihr Asdod für den durch die 
griechische Bibel verbürgten Azotos -Namen in den hebräischen Text 
brachten, kein Platz zu finden, und alle Fliegen, von welchen neuere 
Reisende in dem elenden Dorfe 'Aqir geplagt wurden, vermögen die- 
sem keinen Anspruch auf die alte 'Aqqaronburg des Baal Zebüb zu 
begründen, dessen Wahrzeichen sich als ein ganz anderes ausweist 
Mit dem Simson - Schauplatze wie mit der Filister - Pentapolis weisen 
uns die biblischen Erwähnungen von den Richterzeiten bis in die Tage 
der Makkabäer unbedingt in den Umkreis des Hülehbeckens und des 
Kinnerethsees. Gerade den genauen Angaben der Geschichtsschreiber 
Alexanders des Grofsen über Gaza's Lage verdanken wir die Möglich- 
keit, bei dem Daniten-Meere Jeraqön den Platz der alten Gaza fest- 
zustellen, deren namenlose Trümmerstätte de Saulcy, ohne es zu wissen, 
während des Aufsucbens der Hasor des Königs Jabin beim Thell Heyeh 



Eine kritische Revision der biblischen Geographie. 301 

gefnndeu hat, in dessen Umgebung uns die bei griechischen Schrift- 
stellern der ersten Kaiserzeit genannten zahlreichen Gazäerdörfer noch 
aÜesammt ihre Pl&tze verrathen. Die heutige galüäische Hochebene 
£1-Gisch (Oiscala) im Westen von '$afed war das Weichbild der 
Bergveste Asqalon, wie sich aus der Ortscontrole des Onomasticon 
in Uebereinstimmung mit der verstümmelten Stelle des herausgerisse- 
nen Blattes im Text des Skylax von Earyanda ergiebt Gleichviel ob 
£1-Giseh oder die Trümmer des benachbarten ßirketh-el-Gisch den 
Platz der alten Burg bezeichnen, so umfafste das Weichbild der Pracht- 
stadt des Herodes noch die Ortslage des sftulenreichen Kefer Biriam, 
▼on wo bis Jerusalem gjenau die 36 Stunden zutreffen, die uns Rufin 
als richtige Lesart des Josefostextes erhalten bat. War bereits dem 
Fahler Aristeas in seiner Erzählung über die Entstehung der Septua- 
ginta die Eleazarstadt, die ohne Frage gar nicht Jerusalem war, bei 
den Gaz&ern und Asotiern „am Jordan^ bekannt, so wird er uns zum 
Wegweiser nach der Bergveste Azotos beim Thell *Azeiz&th^ wo 
nicht blofs das alte Nasairierdorf 'Ain Fith in der Azotosgeschichte 
dorch den Yaticanischen Text der LXX verbürgt, sondern auch der 
in den ältesten Josefos • Handschriften für den Berg von Azotos auf- 
tretende Name Azara durch Robinsons Thell 'Azariäth vertreten 
ist. Mit des Eusebios Angaben über Geth, der Heimath des Riesen 
Goliath, von welcher sich den Reisenden an der südjudäischen Küste 
gar keine Spur hat zeigen wollen, werden wir in die Merg 'Ayün 
rar Nordwestecke des Hülehbeckens gefuhrt, während wir den Misch- 
nah -Lehrern die Identität der beim Ostwalle des Hülehbeckens beim 
Fufs des Hermon gelegenen Gabbatha-el-Zeith mit der Filiaterstadt 
Gab bathon verdanken. Dagegen vnrd dem im Nordostwinkel des 
Hülehbeckens bei Bäniäs gelegenen räthselhaften $ebeib eh -Schlosse 
mit seinen riesigen altfonikischen Bauten die doppelte Ehre zu Theil, 
(üT Beelsebübs 'Aqqaron und seit dem Verschwinden dieses Namens 
aas der Geschichte für die Machairos-Veste der Makkabäer und 
Herodianer zu gelten. Endlich hat der unbefangene Blick älterer bib- 
lischer Geographen längst in die heutzutage bei Beisän angenommene 
Lage der angeblich einzigen westjordanischen Dekapolisstädt Skytho - 
polis gegründete Zweifel gesetzt Die ostjordanische Lage der alten 
£listäischen Baithsan wird aus der vergleichenden Zusammenstellung 
aller biblischen und griechischen, ja sogar der ältesten arabischen An- 
gaben am Pllttze der golanischen Um-Qabür (Mutter des Grabes) 
mit Nothwendigkeit gefordert, wo das nach den Tbargums ostwärts 
vom Tiberiassee gelegene Gögs-Grab gleichfalls der Skythen- Stadt gilt. 
Die Freude der biblischen Geographen über die Entdeckung des angeb- 
lichen Gilboa-Gebirges im Westen des Jordan, welches hinterem Rücken 



302 I«- Noaek: 



der christlichen Nachfragen hei den Arabern eigentlich Gebel Taqiia 
heilst, war entschieden verfrüht; selbst der Oelbon-Platz verrfith darch 
den fehlenden semitischen 'Ain-Laat seine lateinische Herkonft Da- 
gegen haben wir im Südwesten von Um-qabur in dem Randwalle der 
westgöldnischen Baderschlucht, die sich vom Hammeth-Um-Solein bei 
den übrigen heifsen Schwefelquellen vorüber bis Um-Eeis hinzieht (als 
unteres Bett des heutigen Wadi-Moaqqir) die altbiblischen Gilboa- 
(d. h. Sprudel-) Berge vor Augen, bei denen Saul sein Leben hatte 
lassen müssen. 

In die Reihe dlscreditirter Geschichten wird fernerhin aach die 
Meinung gehören, dafs der heutige Platz von Bl-Qods (Jerusalem) das 
Standlager der Lade Jahwehs in Davids Zeiten gewesen sei nnd den 
Salomonischen Tempel eingeschlossen habe. Die alten Jahwehpriester 
haben ihre Weihrauchdüfte aus ebendenselben benachbarten Libanon« 
Bergen bezogen, auf deren Rücken uns durch Petermann der Gebirgs- 
ort Thadmor bei den Quellen des Adonis - Ibrahimstromes den Platz 
von Salomons Waldhans im Libanon ebenso bezeugt, wie noch im 
1 7. Jahrhundert die colesyrische Tradition die Gräber Davids and Sa- 
lomons nach dem im Westen des 'Angarr-Thales gelegenen Dorf So- 
l^mteh setzte. Hier liegt bei der Wasserscheide des Antilibanon die 
alte Kananäer-Amme der Davidsstadt, das Dorf E fei r Jahns (junger 
Löwe Jabüs ) als der in ganz Syrien einzige Ort, der das Ged&chtnifs 
der biblischen Jebnsäer im Sturme der Zweiten erhalten hat. Dafs 
neuere Reisende die diesem Dorfe westwärts benachbart« räthselhafte 
Trümmerstfitte Megdel-'Angarr als die aus der Griechenzeit bekannte 
cÖlesjTische Chalkis bezeichneten, war nur eine Nothtaufe, die noch 
dazu ohne Noth vollzogen war, da sich der Platz von Chalkis (Calcn» 
bei Belon) in dem weiter nördlich gelegenen Dorfe Eusaia erhalten 
hat. Den Nachweis des Weichbildes der alten Davidsstadt in der 
Trnmmerstadt Megdel 'Angarr (als dem Platze der Unterstadt) und 
auf dem nördlich benachbarten Thell-Neby Zanr (als dem Platze der 
Oberstadt) wird der Leser im zweiten Bande des Werkes „Von Eden 
nach Golgatha*^ finden. Im Südwesten bei der Trümmerstadt 'Angarr 
stehen unsere Reisenden auf dem Tempelhügel von Megdel vor der 
schönsten und besterhaltenen steinernen Tempelruine Cölesyriens rath- 
los mit dem Geständnisse, nicht zu wissen, welchem aus der Geschichte 
bekannten Platze dieselbe zugewiesen werden solle. Wir finden in ihr die 
nur des verbrannten Gebälkes beraubten Trümmer desISalomonischen 
Tempels in den Maafsen genau den biblischen Angaben entsprediend 
wieder, sobald wir uns aus letztern über die bis jetzt ohnediefs nicht 
festgestellte Gröfse der altern (kleinem) biblischen Elle wollen beleh- 
ren lassen. Wie es kam, dafs die aus dem Ebul zurückgekehrten 



Eine krituche Revision der biblischen Geographie. 303 

JerusalemiteD , die sich in der Zeit des Eambjses die Tempelraine 
anmafeten, dort abgewiesen warden ond nach einem durch die ^ Macht 
Schomrons^ vereitelten Versnche, im galiläischen Samariterlande den 
.altheiligen S^lom Selämebplatz als Mittelpunkt ihrer Neagründungen 
festzahalten, endlich auf der südjudäischen Bergplatte ihr Nea-$i6n mit 
dem Zorobabeltempel gründeten; darüber gibt ans das griechische 
Esdrasbach, dafs die arsprangliche Textgestalt der 'Ezra - Geschichte 
eothfiit 'die aasreichenden Anhaltspunkte, am mit Zuziehung des nach- 
ezilischen Jesaias IL (Jes. 40 — 62), eines Abschnittes der Zacharjah- 
Weissagungen und des räthselhaften galiläischen (Selom-) Tempelplatzes 
im Ezechielbuche auf diese bis dahin an der Hand des Masorethischen 
'Ezr4- und Nehemfahbuches so dunkel und verwirrt gebliebene Parthie 
der neujudäischen Ansiedlungen das rechte aafklfirende Licht fallen 

za lassen. 

« 

So recht im Herzen des syrischen Landesriesen, der im Libanon- 
und Antilibanon-Gebirgszug seine Glieder ausstreckt, in der breitesten 
Mitte der grofsen syrischen Völkerbrücke, soweit eben von allen Seiten 
her der Alte vom Berge (Gebel-el-Scheikh) in Sicht war, hatte bis zum 
chaldiischen Exile das von den Jaqobs-Stammzweigen eingenommene 
Gebiet gelegen. In die Umgebung des Hermon - Gebirgsstockes bis 
sfidw&rts zu den Marschen Ibn-'Amir fiel nachweislich der Schauplatz 
der filtern biblischen Geschichte. Wie sollte es uns wundern, wenn 
sich dieser Gebirgsriese, der sich auf seinem westlichen Wasserscheide- 
joche thatsSchlich als Quellenvater der 4 syrischen Hauptströme Oron- 
tes und Leontes, Jordan und Barata kundgiebt, zugleich nach der seit 
dem davidisch - salomonischen Zeitalter allmfilig ausgebildeten An- 
schauung von der biblischen Vorgeschichte des Hebrfierstammes aus- 
wiese! Hat nun die biblische Flutbsage, analog den gleichartigen Sa- 
gen anderer Völker, nichts anders als ein lokal beschränktes Ereignifs 
im Auge gehabt, so haben wir auch kein begründetes Recht, die Mei- 
nung der biblischen Edenssage zu einer Dichtung über den angeblichen 
Ursitz des ganzen Menschengeschlechtes zu erweitern, um die bibli- 
sche Edenlandschaft in Uebereinstimmung mit der chinesischen 
Ueberlieferung weithinaus in den aufsersyrischen Osten auf der Hoch- 
ebene Pamir zu suchen, von der ein biblischer Mann schlechterdings 
nichts wissen konnte. Liefs die gelehrte Noth der altern und neuem 
Edenssucher fast keinen bevorzugten Platz der alten Weltkarte unver- 
schont, um dem Rahmen der biblischen Paradies-Ströme und ihrer vier 
Stromhäupter gerecht zu werden, so wird sich des Streites Ende an 
die nächstliegende, fast selbstverständliche Voraussetzung knüpfen, dafs 
die biblische Sage vielmehr eine in der tageshellen Geschichte des bibli- 
schen Volkslebens wohlbekannte inn er-S3rrische Landschaftim Auge hatte. 



304 L- Noack: 

Aach ohne die niitteisyrischen (aramfiischen) ^Sohne E^en*' der bibli- 
schen Propheten and die nordostjordani sehen Edeni der romischeD 
Kaiserzeit verräth der Garten in Eden seinen Platz im Bibellande sel- 
ber. Die romische Station ^ad Medera^ der Tabula Peutingeriana^ die- 
Yon den Herausgebern der Seetzen 'sehen Reisen ohne Grand anf der 
Hochebene im Osten des Antilibanonrückens gesucht und darum auch 
nicht gefunden worden, bezeugt uns als heutige Pafshohe des Madar- 
thales über dem obern Wädi-el-Theim den Platz, auf welchem für den 
landeskundigen Blick die Ursprange der Hauptströme vor Augen lie- 
gen, deren Syrien gerade 4 und nur 4 aufzuweisen hat, wie der Er- 
z&hler der biblischen Gartengeschichte ebenfalls nur von 4 Stromhäupteni 
weifs, die vom biblischen Garten Eden ausgegangen wären. Es gzlt 
darum nur einfach, den landschaftlichen und ethnographischen Finger- 
zeigen sorgfältig nachzugehen, um die Identität der biblischen • Sagen- 
namen Feison, Gihon, Eddeqel und Forath mit dem Orontes, Leon- 
tes, Jordan nnd Barada vollständig klar zu machen. 

Kennt doch die Bibel aufser dem grofsen Eufrath auch einen 
mittelsyrischen Forath und gilt noch im 13. Jahrhundert bei Jäqnt der 
arabischen Ueberlieferung gerade das Stromnetz des Damaskenischen 
Far-Farah (Barada) als das Gebiet des biblischen Gartenstromes; so 
hat bei den Quellen dieses Barada der Hermon-Antilibanon über sei- 
nem westlichen Wasserscheidezuge in dem lieblichen Alpthale der 
Ze be d an y- Ebene ein im Gebirgsrahmen verstecktes Hocbländchen 
aufzuweisen, welches vollständig die Bedingungen enthält, um im Be- 
ginne des 5. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung als ein Stammsitz 
der syrischen (Adams-) Volkersippe zu gelten. Dem Ruhme des Va- 
ters der vergleichenden wissenschaftlichen Erdkunde wird es keinen 
Eintrag thuu, dafs er ebensowenig aus dem Labyrinth der gelehrten 
Edensucher ^ wie aus den nach der arabischen Halbinsel und zu den 
Hindus unternommenen Irrfahrten nach den Goldländern Ofir und 
Havilah den Ariadnefaden zu gewinnen vermochte, den die Hüleh- 
Landschaft beim Feison-Orontes mit den Hylaten des Plinius für das 
•dortige kaschitische Havilah-Land der Bibel in der griechisch-römischen 
Kasiotis reicht und andererseits der Vaticaniscbe Text der griechischen 
Bibel mit der Uebersetznng durch Syria Nasib (Nisibenisches Syrien, 
römische Nisibis am mittlem Eufrath) für die nordsyrische Lage des 
Ofirlandes an die Hand giebt. Sind also die Schiffe Salomons und 
■Josafats nicht von einer erträumten Hafenstadt Asiongaber am rothen 
Meer, wo niemals Schiffe gebaut werden konnten, sondern von einem 
Platze dieses Namens bei Ailath an der Nordküste des rothen Föniker- 
Meeres ausgelaufen, so hat weiterhin die Gihon -Quelle bei der cole- 
^yrischen Davidsstadt als 'Angarr-Hauptqoelie des Gihön-Lithanystromes 



Eine kritiache ReriBion der biblischen Geographie. 305 

Bit diesem letztem delbst den Wegweiser zar grieehisoheB Aetbiopev^- 
Imdschiift des Fabelkonigs Keleus im Eefa-Fönikcr lande d«r Nilthul»- 
denkmaler geliefert, und' wir sind za den Terass^n desselben Sjrrisoken 
W^braneh- (Libanon**) Gebirges geführt, welchem durch die an8> bei 
Straboir* und Cnrtias im Libanon begegnenden arabisehen StänuBe so^ 
gar der Ansprach auf arabischen Weihrauch in eüäer Periode der al*- 
ten Geschichte gesichert wird, da das fabelhaft verworrene Gerede> Yofll 
Weihrauch der arabischen Halbinsel noch nngeboren war. Endiidi 
aber hat dem eigentlich heiligen Strome Palfistina's, dem Jdrdan^ sol- 
gar noch ein Z^ngnifs der Mischnnh.den Namen des Diqlath (Bddeqel) 
and damit die Ehre eines biblischen Edensstromes verbürgt 

Nur Eine der mancherlei Pluthsagen des Alterthumes^ denen* die 
bentige Wissenschaft immer nur einen beschränkten örtlichen Hinler^ 
gmnd zuzugestehen im Stande ist, gibt sioh uns in der biblischem 
Flothsage za erkennen. Gerade die „Nofi-^E^ene^ (Belad Baarl«- 
bek) der Nordhälfte Colesjriens bat der Fbrscherblick deutscber VLei* 
senden als trockengelegtes Bett eines grofsen alten Seebleekeiis*erfcaBot^ 
dessen Darchbruch einst bei Qarü^n am mittlem Litbinystrome statti' 
gefunden haben mufs. Und wie viele Landungsplätze des biblisohen 
Flnthmannes da und dort, wohin eben mit dem- Gbristenthume M 
Bibel gedrungen war, die geschäftige Sage fizirt haben mag; eS btzea* 
gen ans nicht etwa blofs die verschiedenen Ruhesitze (Ni ha -Plätze) 
Noahs auf dem westlichen GebirgsboH werke von Golesyrien, soad)Brn 
die dortige Landesiiberlieferung selbst die' S annin -Gipfel im Libanon 
als den Landungsplatz des cöler^ischen Fluthroannes. Der Nachweis, 
dftfo der Armenische Ararat erst in der Zeit aufgekommen ist, ab 
das Armenische Bergvolk mit dem* Ghristenthume auch die Bibel er*- 
hielt, in^ weMev die Söhne Haik's aueb ihre heimischen Berge erwähnt 
zu finden meinteO', bat nicht blofs an Strabon seine Stfitae, der den 
(erst durch HSerosymus arnoenisirten) Namen Ararat in Armenien 
noch gar nicht kennt, sondern ist schon durch die griechische Bibel 
verbürgt, die aw zwei Steilen gar nichts y)m Ararat weifs, an dei* 
dritten St^le nur ein Land, nicht einen Berg Ararat kennt; 

Der Umstand, dafs in derselben cölesjrischen Umgebung des Anti«- 
libanoD -Wasserscheidezugs, von wo aus der biblisohe- Bdenschreiber 
seinen RundbBek m«chte, aachdie Noah^Sage durch den Aitvater nach 
der Flotb das Land unter seine drei S6hne getheilt werden» läfst, gibt 
oss den Fingerzeig über die Gegend, wo der Verfasser der biblischeü 
Völkertafel seine Landesüberschan gehalten hat, ami in das N^ 
der ihm gelänfigen innersjriscbenr Stromgebiete seine Stamm«- und 
V(Ukergli«dehing ehnatragen. Man hat noch in Jnngster Zeit dii Abh 
fuinng dieser ethnographiseVen Tabelle ini's 7. vorehristEche Jalo^ 

Z«ltwhr. d. GM«lUob. L Brdk. Bd. IV. ^ 



306 ^' Noack! 

hundert, als die 2^it der Kimmerier- unS Skythenzage, ansetzen n 
mQssen geglaubt, nm in der Nachfolge Borcharts und Knobele die 
darin vorkommenden Völkernamen über alle Weiten des Orbis antiqm» 
unterbringen zu können. Wie konnte man aber aufser Acht lassen, dab 
mit einem Theil der weit verschleppten Völkerschaften die 'üebrfier 
bei den biblischen Propheten in die allernächsten Bezüge treten? Die 
Heimath der Cedern Assürs weist man über den Tigris hinaus in die 
Berge des aufsersyrischen Ostens, wo Cedern überhaupt gar nicht vor- 
kommen! Die Euschiten mit der Sabakönigin müssen nach Afrika 
und der arabischen Halbinsel wandern, um gleichwohl von dort aas 
ungeheurer Feme her mit Heeresmacht den Jüdahkönigen Besuche ab- 
zustatten und für die biblischen Propheten nicht etwa in Folge gött- 
licher Offenbarungen, - sondern auf natürlichen Verkehrswegen eine all- 
vertraute Erscheinung zu sein! Dagegen für das bei den Griechen alt- 
berühmte Qebirgsterassenland bei der syrisch - fönikischen Küste, für 
den weiten Osten der Antilibanon-Hochebenen, für die Ost- und West- 
orontes-Landschaft hat man in den Tagen der Abfassung der Völker^ 
tafel keine andern Bewohner, als die den klarsten biblischen Zeug- 
nissen zum Trotz nach allen Winden versprengten Aramssöhne der 
Damaskener Landschaft! Dafe der Verfasser der biblischen Vöikei^ 
tabelle keine eingebildeten Völker und Stämme auf die Nachwelt hat 
bringen wollen, ist gewifs. Ebenso klar ist es aber, dafs die biblische 
Urkunde von fönikischen Seefahrern keine europäischen und afrikani- 
schen Völkerschaften aufgerafft, sondern sich mit ihren Noacfaidea 
lediglich innerhalb des Völkergesichtskreises hält, der im assyrisch- 
chaldäischen Zeitalter für einen biblischen Mann vor Augen liegen 
konnte. Ueber die grofse syrische Völkerbrücke zwischen dem Tan- 
rus und der Nordgrenze Arabiens (in deren Breitelage auch der Mona 
Syna der Peutinger'schen Karte fällt) auf der einen und zwischen dem 
fönikischen Meer und dem grofsen Eufrath-Bogen auf der andern Seite 
ist der geographisch - ethnographische Gesichtskreis der vorexilischen 
Hebräer nachweislich nkmals erweitert worden. Keine Indus- und 
Gangesbewohner begegnen uns in den vor dem Exil beschriebenen 
Büchern des A. T., und keine Kaukasier waren nöthig, um den hell- 
farbigen biblischen Völkern das Gepräge der Rasse aufzudrucken. 
Der prophetische Butzenmann Gog von Magpg nicht minder, wie die 
dem biblischen Schriftsteller alle Wege so vertrauten Aethiopen fallen 
lediglich in den bezeichneten Umkreis des syrischen Landes. Den 
Söhnen Javans so gut, wie den übrigen Stammzweigen Jafeths hat die 
Sonne Abrahams geleuchtet, und vom ionisch - hellenischen Gewände 
der Javanäer hat wenigstens der Verfasser der Völkertafel noißh nichts 
gewuTst Indem der Mann als achter Morgenl&ndef sich von seiner 



Eine kritische Reyision der biblischen Geographie. 307 

cölesyrischen Hochwarte zum Sonnenaufgang wandte, fiel sein Blick 
fnoächst auf die weite Palmyrenergegend , die langgezogene Semftw&- 
Hochebene des Eufrath -Westens, als das Erbtheil 8em*s, das Tom 
A8char-Kegel im Eafrath-Brückenlande bei Samosata 8ber die 'Ailam- 
Hochebene beim Antilibanon - Abfalle zu Aram's Stammsitzen beim 
Hermon-Quellen lande reichte. Weder Strabon's ArimÄer - Syrer, noch 
Herodot's Sprachgebrauch des Namens Syria vermögen dem biblischen 
Aram-Oebiete im Osten and Westen des Hermon-Bollwerkes auch nur 
eine M^ile zuzusetzen. . Im ganzen biblischen Alterthum kommt aus- 
Dahmslos Aram als Land und Volk lediglich in diesem engbegrenzten 
Sinne vor. Das biblische Aram-Naharaim ist als Syria Mesopotam||i 
nichts anderes als das Stromnetz des Barada bis zum Grabe dieser 
Rinnsale im biblischen „Ostmeer^, den Damaskener Wiesenseen, wo 
auch die Harran Labans doppelt verbürgt ist. Erst an die Zerstreuung 
des mittelsyrischen Aramäerstammes seit den assyrisch - chald&ischen 
Deportationen, also nach der Zeit der biblischen Völkertafel, hat sich 
die Erweiterung des biblischen LandschaftsbegriiFes Aram zu dem uns 
erst seit Herodot bei den Griechen begegnenden umfassenderen Lan- 
desnamens Syria vollzogen. 

Ueber dem östlichen Horizont der Semiten hinaus liegt dem Ver» 
fasser der Völkertafel der Eufrat h bogen , dessen Blachfelder den Ja- 
fethiten zuweist, deren Stammgrenzen sich als Wegzeiger der nord- 
nnd ostsyrischen Karawanenstrassen ausweisen, während von den Ja- 
TanSern aus Innersyrien her, durch die vom Qedessee des Orontes nach 
der Kaste ziehende Durchbruchsebene der Weg für die Jaonen nach 
Westen gebahnt wird. Die syrisch-fonikischen JavanSer sind als ein 
Keil in den syrischen Weststrich des Hamiten -Gebietes eingeschoben, 
welches nach dem Verfasser der Stammtafel rückwärts von seiner cöle- 
Bjrischen Warte liegt, indem es zugleich als südwestlichen Winkel die 
langgestreckte Nilthal-Oase einschliefst, die damals noch zu Asien ge- 
borte. Dafs die Söhne Ham nach Syrien gehören, hat sogar noch Josefos 
gewafst, welcher (Alterth. I, 6, 2) den Hamiten das «Land von Syrien 
and den Bergen Amanus (bei den Orontesmündungen) und Libanon^ bei 
der syrischen Küste zuweist. Während die Fuditen und Luditen bei der 
nordsyrischen Kasiotis die Kuschiten des heutigen Nasairiergebirges 
zu Nachbarn hatten und die südlichen Kuschiten als KefSner-Aethiopen 
bei den Westgehfingen des Libanonzuges safsen, hatten sich die Ka- 
naanssöbne in die Niederungen der fönikischen Küste und der grofsen 
syrischen Längsspalte vom Orontes her durch das Jordanthal getheilt, 
anstatt (wie es auf unsern Bibelkarten geschieht) das ganze westjor- 
danische Plateau-Land, dem Namens Wahrzeichen zum Trotz,- einzuneh- 
men. Den spätgeborenen Nimrodsfabeleien gegenüber ist mit dem 

20* 



308 L. NoEck: 

Qalath Nimrüd beim Queilengebiete des Adonis^Ibrahimdasses der 
Mittelpunkt der Nimrodsgrunduagen im nördlichen Libanon gesichert, 
penn nach den klaren biblischen Zeugnissen asog Nimrod aus keiner 
Eufrath - Ebene ans, die keine ^Beqaah^ ist, sondern aas der syrisch- 
k^chitischen Sennaar-Hochebene beim nördlichen Libanon ging seine 
Qplonie erst nach den sudlichen Eofrath- Niederungen. Für den dis- 
credit^rten assyrischen Nimrod bietet der aus dem Gesammtverhör aller 
Zeugen hervortretende West-Eufrathplatz der alten Ninos- Stadt, der 
vorpersischen Ninive der biblischen Propheten im Weichbilde voa 
Mabüg-Hierapolis einen überraschenden Ersatz. 

W&hrepd die Me^rSmiten rechts und links von der ganz Syrien 
Qurchziehenden grofsen Thalspalte des Orontes-, Leontes- und Jordan- 
b^ettes auf den anliegenden Hochebenen in den nachweisbar syrischen 
Mesraimiten- Landschaften der biblischen Völkertafel ihre Gehöfte aod 
Städte gegrundei hatten, war im ganzen syrischen Westen für Sera 
i^ur allein mit dem Arfaksad*Stammsit2e der Alpenlandschaft des nord- 
lif^lien Libanon jene glückliche Insel (gezireth-el-kh4Udeh) im fonikischen 
Qha^äßr)an4e Sanchuniatbon*s vorbehalten, von wo mit Abraham nicht 
blofs die Söhne des Hauses der Verheifsung, sondern als Falegs Bra- 
derstamn? auch die Jeqtaniden hervorgingen. Demselben griechischen 
Elsdras- Buche, das den Schlüssel zur cölesyrischen Lage der Davids- 
stadt liefert, verdanken wir auch die Aufklärung, dafs der biblische 
I^iipdficha/Qtsbegriff „e*ber-ha'-nahar^ nicht dem Eufrath gilt, sondern 
Bezeichnung Cöle Syriens war. Die bisherigen gelehrten Bemühungen, 
<^en unglücklichen Dreizehn der biblischen Jeqtansippe in den jung- 
arabischen Qahattän-Stämmen des südwestlichen Arabiens auf die Spor 
zu kommen, durften sich nicht e^st als gänzlich mifslungen erweisen, 
um der Thatsache Platz zu machen, dafs die biblischen Jeqtaniden 
sämmtlicH innersyrische Araber sind, welche von der Hochebene des 
Haleppinischen Syriens über die weiten offenen Länderstrecken im 
Osten des Orontes hinaus bis zur Abdachung des Haurängebirges herab 
ihre durch heutige Orts- und Landschaftsnamen verbürgten Sitze hat- 
ten. Und, wie bei den Jeqtaniden, so hat sich auch bei den jungem 
Ismael -Söhnen die bibelgelehrte Forschung von den erst seit dem 
8. christlichen Jahrhundert datirenden arabischen Stammbaums-Uebei^ 
lieferungen allzu willig in's Schlepptau nehmen lassen. Auch die bibli- 
schfen Ismalliter begegnen uns lediglich in Mittelsyrien, wo der Ism-ail, 
als der da milchgebend macht, d. h. als Züchter milchender Thiere, 
den. Vater der Eameelzüchtenden Araber bezeichnet, die im biblischen 
Zejttalter im arabischen Osljordanlande und auf den Ost-Antilibanon- 
Hochebenen des biblischen HaurUn- und *Ailamlande8 zu Hause waren, 
yon wo sie sich ,bis zur. Schur (Blauer) im Angesicht Aegjptens^, 



r 



Eine kritische Reyision der biblischen Geographie. 309 

d b. bis sar ^ägyptischen Mauer*^, die noch Strabon in der Apamencir 
Landschaft wofste, bis auf den letzten Mann in beatigen Namen noch 
ebenso aufweisen lassen, wie die Hettürahsöhne (nach LXX statt Qe- 
tnrah) als ostjordanische Ituräer, die Tharrah- (Therach-) Sippe k!s 
Trachoniter und die Nahor-Sippe als Abrabamiden im Haur4n, Gebäl 
^Aglün und in der ßelqa sich knndgeben. 

Nachdem der Heimathschein des alten Scbeikhs mit seiner Sarah 
im nördlichen Libanon bei den Ibrahim- Adonisquellen und beim Sarah- 
Hanse Bscherreh gefunden ist, wird fernerhin die hergebrachte Hypo- 
these von Abrahams Heimath beim Tigris ihren letzten Schein Ton 
Recht einbufscn. Und künftige Pilger im heiligen Lande mögen die 
Orte, welche der Bibelsage als durch die Pilgerschaft Abrahams, Isaaks 
und Jaqobs geheiligt gelten, an andern Orten suchen, als scflche die 
landesonkundigen lateinischen Mönche und nach ihnen die Araber änf 
der Strafse von Haleb bis Mekka "dazu gestempelt haben. Zur hett&i- 
sehen Hebr6nstadt auf der Terasse des untern Theim- Thaies beiili 
Mamre-Haine £m-Marih gesellt Sich Ldts Jordankreis in der östlichen 
fioleh-Umgebung. Eine galiläische Oeraritica hat ein Berseba, efi^e 
Baredquelle, eine Hagarsteppe und Faranwuste Ismails aufzuweisen, 
wahrend die Labanstöcbter in der Damaskener Harran zu Hause wa- 
ren und die Josefsfabel in der Umgebung der ewig jungen Schomr6n- 
l^edhügel spielt 

Die PalAstinakarte, die Menke nach dem Onomastikon als d^tA 
eigentlichen Grundbucbe der Geographia sacra entworfen hat,.le}d€it 
an dem G rundfehler *, dafs von den ursprunglichen Angaben des zur 
Zeit des Bor^auxpilgers (333 n.Chr.) abgefafsten Eusebiostextes die 
doreh den spätem lateinischen Uebersetzer (vulgo Hieronymus), im 
Schlepptau der seit den Tagen der Helena angesiedelten Mönche, in 
Scene gesetzte geographische Verwirrung nicht kritisch geschieden ist 
Neben einigen anderen Plätzen sind es im Onomastikon hauptsächlich 
die vier Eckpfeiler Nikopolis, Eleutheropolis, Diospolis nnd Ailia, nach 
welchen von Eusebios eine erkleckliche Zahl anderer Orte nach den 
4 Weltgegenden durch Entfernungsangaben bestimmt wurde. Diese 
4 Angelpunkte sind die unglücklichen Mutter eines bis heute fort- 
daaernden" biblisch-geographischen Wirrsals geworden. Sie wurden in 
der lateinischen Mönchsiibersetzang an ganz falschen , zum Theil erst 
im 4. Jahrhundert neugegrundeten Plätzen gesacht und darauf die 
Landesgeographie der Kreuzfahrerzeit gebaut. Die Nikopolis des 
Easebios war nicht die Emmaus-Nikopolis de« evangelisdien Eledpas,. 
sondern lag in der sudlichen Bqäa' bei der Trummerstätte der 'Ain- 
el-'Azzeh (Siegcsquelle) im W^i Falug. Die ahbiblische B^tfa-Horon 
als griechische Eleutheropolis des Eusebios befand sich nicht am 



310 L- Noack: 

beadgen Platze von Beith-Gebrto im Südwesten von El^Qods (Jera- 
salem), sondern in Nordpalfistina, der Pansburg weatwfirts gegenüber, 
beim Lith&ny-Qasimieh-Knie am Platze von Qalatb-el-Scheqif-*ArndD. 
Basebios kannte nocb keine Diospolis bei Ramleh, sondern eine ost- 
jordanische Diospolis-B^röth im Gedarlande und wufste die westjorda- 
nische Lud - Diospolis in Uebereinstimmong mit Josefos als eine gali- 
Ifiische im Süden im $afed, wo noch ein jüdischer Reisender des 13< 
Jahrhunderts den Trümmerort Kefer Lud, die vielgenannte Lud der 
galilfiischen Mischnahlehrer, gelegen wufste, die seitdem dort verschwan- 
den ist. Wo endlich Eusebios (von einigen erst aus der lateiniscbeo 
Uebersetzung später in den griechischen Text des Onomastikons ein- 
geschwfirzten christlichen Plätzen abgesehen) Entfernungen von Jero* 
salem angeben will, gebraucht er diesen altheiligen Namen selbst Erst 
im lateinischen Texte wird der durch Hadrian eingeführte Ailia- (Ca- 
pitolina-) Name gleichfalls als Bezeichnung von Jerusalem genommen. 
Der landeskundige Bischof von Caesarea verstand dagegen unter Ailia 
den im nördlichen Oalilfia zwischen $afed und Tjrus gelegenen Platz 
Aialeh, dessen bedeutende Trümmerlage uns nach den altern Beisenden 
Dapper und Nau der Consul Schultz wieder vorgeführt hat Wird 
iqit den nach diesen 4 Eckpfeilern des Onomastikons von Eusebios 
bestimmten Plätzen die Probe gemacht, so lassen sich dieselben nach 
den angegebenen Entfernungsrichtungen fast ausnahmslos an ganz ao* 
dern heutigen noch vollständig nachweisen. Man begreift, welch ein 
grundverschiedenes Kartenbild *) von Palästina zur Zeit des Eusebios 
zu Stande kommt, je nachdem dieser kritische Gesichtspunkt festgehal« 
ten oder- unter der Führung des lateinischen Onomastikontextes die 
kartographische Construction vollzogen wird. Um die Zeit der Ent- 
stehung der Hieronymus-Uebertragung des Onomastikons fallt an der 
Hand der Masorethischen Revision des hebräischen Bibeltextes die so- 
genannte Alexandrinische Recension der griechischen Bibel, deren auf- 
fallende Abweichungen (sie erstrecken sich über mehr als drei Vier- 
theile aller biblischen Ortsnamen) von den Ortsnamen des älteren Va* 
ticanischen Textes, der mit gutem Rechte als Bewahrer der Ursprung* 
liehen Bibelgestalt von Tischendorf in seinen Ehrenplatz wieder ein- 
gesetzt worden, ein bis heute unerklärt gebliebenes Räthsel ist Nur 
der übergebührliche Heiligenschein des heutigen hebräischen Bibeltextes 
verschuldet die lange Reihe von Räthseln, Mifsverständissen und Wirr- 
nissen der biblischen Geographie, die sich an der Hand des Yaticani- 
scben Textes der Septuaginta auf das Befriedigendste aufklären. 

') Dessen nördliche H&lfle ist in der dem 1. Bande des Werkes «Von Kdefi 
nach Qolgatha* beigegebenen Karte von GalilHa vorgeführt 



Eine kritiBCfae Bemion der biblischen G6ograi;hie. 311 

Steht es mit den hier cuBammengefarsten ForBchcmgsergebnissen 
richdg — and der Gerichtshof der Wissenfichaft wird ja daröber ent- 
«cfaeiden — , so ist die im Menke-Pertbes'schen Bibelatlas beabsichtigte 
Revision des Oesammtmateriales der biblischen Geographie verfrüht. 
Mögen jedoch die Ergebnisse des Verfassers, statt als Lösungen und 
feste Positionen, nur immerhin vorerst als blofse Probleme gelten, 
welche die weitere Forschung auf diesem Gebiete au£Eunehmen hat; 
so wird im Angesicht des aberall gewissenhaft beigebrachten Beweis- 
materials der Verfasser wenigstens nicht der Anmafsung bezüchtigt 
werden können, wenn er die Ueberzeagung hegt, dafs die biblische 
Geographie auf eine dem heutigen wissenschaftlichen Standpunkt der 
vergleichenden Erdkuude entsprechende Weise zu begründen, erst noch 
die Aufgabe der Zukunft ist 



XTTT. 

Briefe des Dr. G. Schweiafurth. 

a) An Prof. AI. Braun. 

Chartüm, 10. Dec. 1868. 

Endlich kann ich Ihnen Bestimmtes über meioe Weiterreise von 
hier mittheileo. Da die Expeditionen nach dem Bahr-el-Ghasäl über 
einen Monat später von hier abgehen, als die nach dein Bahr-el-6ebel, 
so mufste sich nun mein Aufenthalt in Chartüm sehr .in die Lange 
ziehen, da ich früher nicht die Nothwendigkeit in Anschlag brachte, 
<üe oberen Gewässer mit ausreichender Eskorte zu befahreni Das 
Arrangement mit dem Kaufmann, dessen Schutze ich mich anvertrauen 
mo&te, hatte mithin keine Eile und ohnehin war ich nach wie vor 
wohl aufgehoben in dem gastfreien Hause des Herrn Viceconsuls Duis- 
berg bis aaf den heutigen Tag. 

Ich bin nunmehr über die Art und Weise, wie ich meine Weiter- 
reise einzurichten habe, im Reinen, und es fehlt nur noch die obrig- 
keitliche Weihe, welche dem Vertrage auf dem Diwan ertheilt wer- 
den mufs. Se. Excellenz brachte mir einen koptischen Grofshändler 
Namens Ghattäs in Vorschlag, Besitzer von 15 Etablissements in den 
oberen Gegenden, von welchen eines vollkommen meinen Zwecken ent- 
sprechend befunden warde. Es liegt 30 deutsche Meilen südlich von 



312 Britfe d«ft Dr. O. Sdiwflintoai 

Aer Mtfseber» el'^Rek und -ist durch die Heiaen des lUlieneuB Piaggia, 
welche QQter der Protection desselben Ghattäs ausgelohrt wardeo, be* 
luMot. Letsterer yerpflichtet sich nun za Folgendem: Er stellt eis 
eigfines Schiff eu meiner Verfügung, das, mit 8 Schiffern bemaant, 
Such and meine 6 Leute stromaufwfirts fuhren soll, aunfichst bis Fa- 
soböda (DenÄb), dem Sitz der Mudirie des Weifsen Nils, nördlich der 
Sobat-Mundnng gelegen. Oberhalb dieses letsten ägyptischen Posteos 
kann ich ohne Gefahr meine Reise mit so geringer Eskorte nicht 
lortseteen, da Ueberf&lle schwach bemannter Barken nur zu oft vor* 
kommen. Ich mnfs daher an diesem Platze die erst in Menatsfriit 
Ton hier abgehende Ghattäs'sche Expedition abwarten, erhalte alsdann 
eine Anzahl Bewaibeter an Bord und gebe in den Bahr*el-GhasiL 
Ich h&tte allerdings die Reise viel wohlfeiler einrichten können, wenn 
ich mit Leuten und Gepäck auf eine der Ghattas'schen Barken, welche 
die Bewaffneten nach dem Bahr-el-Ghasäl fahren, gegangen wäre; 
allein, abgesehen von der unerträglichen Ueberfullung dieser Barken, 
hätte ich meinen Aufenthalt hierselbst nutzlos um einen Monat ver^ 
längert und aufserdem mich der Möglichkeit beraubt, unterwegs meinen 
Beschäftigungen nachgehen zu können ; namentlich hätte ich für diesen 
interessanten Theil der Reise ganz auf Sammlungen verzichten müssen. 
Nun habe ich aber geFade Gelegenheit, •auf der FlufsCahrt im aasge- 
dehntesten Mafsstabe zu aamaieln. Auf der weiteren Land reise werde 
ich mich dagegen aufserordentlich im Gepäck beschränken musseo. 
Die Reise von hier bis zum Ausscbiffungsplatze Meschera el-Rek wird 
voraussichtlich 3 Monate erfordern; was ich in dieser Zeit an Natar- 
pToducten zusammenbringe, soll bestens verpackt 'mit dem nämlichen 
Schiffe zurückgehen und spätestens im Mai 1869 von ChartSm weiter 
befördert werden. Ghattäs verpflichtet sich femer, die notbigen Trä- 
ger zu stellen, um mein Gepäck vor dem seinigen am Hafen zur 
Seriba zu schaffen. Ferner wird es mir freistehen, in welchem Eta* 
blissement ich mich sefsbaft mache, wo man mir alsdann die nöthige 
H6tte errichten wird. Schliefsltch verpflichtet sich der Genannte, falls 
ieh auf seinen Seriben keine Möglichkeit finde, meine Zwecke zu ver- 
folgen, -mir Geleit nach den Etablissements anderer Kaofleute zu er- 
theilen. Den Bewegungen seiner Leute kann ich mich nach Belieben 
anschliefsen , nrafs aber alsdann selbst für Träger sorgen, d. h. das 
Ckpfick aufs Aeufserste beschränken. 

Das Wort, welches der General-Gouverneur Djiaffer Pascha gleich 
bei seiner ersten Unterredung zu mir gesprochen, er wolle der Wokfl 
(Sachwalter) der Berliner Akademie sein, war also in der That ernst- 
lich gemeint, indem er mir den Weg nach dem selbst der Macht des 
Reichthnms, wie die Erfahrungen von Fräulein Tinne bewiesen haben^ 



r 



«D Prof. AI. Braun. 3I3 

80 schwer zugänglichen Gebieten so leicht geebnet hat. Aber Se. Ex- 
cellenz that noch mehr, indem er die Ausstellung zweier Fermäne an- 
befahl, eines, um d«cn Gontract mit Ohattas die gerichtliche Sanction 
sa ertb^len, und eines zweiten, um mich den in den zu bereisenden Ga* 
bieten sehr einflafsreichen Kauf legten Eurschid Ali und Agät zu empfeh^ 
ko, welche mir erforderlichen Falls Beistand zu leisten, sicheres Gqleit 
von einer Seriba zur andern und Niederlassungsrecht auf ihren Territorieü 
sa gewähren haben. Durch alle diese Beweise von Zuvorkommenheit 
vod Bereitwilligkeit, einem wissenschaftlichen Reisenden Vorschub zu lei^ 
sten, woran es bisher leider so oft gefehlt hat, hat der General-Gouverneur 
die Humboldtsdftuog ond mich zum tiefsten Dankgefuhl verpflichtet^). 

Mein Herz schlägt vor Freuden, indem ich Ihnen, hochverehrter 
Oönner, alle diese guten Nachrichten mittheilen kann. Wie viel war 
bei meiner Abreise von Berlin an meinem Unternehmen noch unklar 
uad zweifelhalt, und wie wenig ist von diesen Zweifeln übrig geblie« 
beul Meine hiesige Tfaätigkeit beschränkte sich auf die botaniaehe 
Ansbeatung der in dieser Jahreszeit sehr unergiebigen Stadtumgeban- 
gen and auf Arbeiten, zu denen die Herreise so viel Stoff geliefest 
Ich schicke die Beobachtungen über Wetter, ein botanisches Namens- 
Yerzeichnifs in der Bega - Sprache und das Inhalts verzeich nifs meiner 
letzten Sendung von Sammlungen, welche Prediger Blessing, der am 
25. Nov. Chartöm verliefe, nach Alexandrien mitgenommen hat *). 

Zur Rechtfertigung meiner Einsendung eines abscheulich von Ära- 
berhänden verunstalteten ausgestopften anthropomorphen Affen aus dem 
Nian-Niäm*Lande (hier Mbän, in seiner Heimath Ranja genannt) er* 
lanbe ich mir Folgendes geltend zu machen: Es erscheint von Wi^- 
tigkeit, das erste Exemplar dieser Art, das nach Europa kommt, 
Beriin zuwenden zu können, nachdem bereits Aller Augen auf diese 
Seltenheit gerichtet sind und der zoologische Garten in London dea 
Gebrüdern Poncet, falls sie ein lebendes Exemplare schaffen, nur für 
die Commission 200 £ geboten hat. Der Schädel fehlt zwar leider, 
allein man gewahrt, was wichtig erscheint, die kleinen Ohren, die 
Stirnglatze, die vollständige Behaarung, die Beschaffenheit der Haut 
an den Händen, die proportionirte Armlänge. Der Affe ist häufig in 
dem Grebiet, welches ich berühre, es bleibt aber nngewifs, ob es mir 
gelingt, ein Exemplar za aoqniriren. 



') Ein 'Dankschreiben der Königl. preufs. Akademie der Wissenschaiten an Se. 
Ezcellenz Djiaffer Pascha wird in diesen Tagen der ägyptischen Regierang zugehen; 
avch hat ein« Depntatton der Akademie dem YicekSnig bei dessen Anwesenheit in 
Berlin persönlich ihren Dank abgestattet. 

* ') Die erste Naturaliensendung, sämmtliche bis za seiner Abreise von ChartOm 
Ton Dr. Schweinfarth gesammelten Gegenstände enthaltend, langte Mitte April 1869 
m Berlin an. 



3f 4 Briefe det Dr. G. Schweinfurth 

Chaitünii am Christabend 1S6S. 

Der Gontract mit Ohattäs ist in aller Form abgeschlossen and harrt 
nur noch seiner Ansfuhrung; es bleibt noch das Schiff für die weite 
Stromfahrt mit Mattendach etc. zu versehen, und das bereits geordnete 
Gepäck für die Abfahrt herzurichten, welche noch nicht nach Tag und 
Minute festgesetzt worden kann, unter allen Umstanden aber sich nicht 
aber den ersten Tag des neuen Jahres hinausziehen solL Ich theile 
Ihnen nun den wesentlichen Inhalt meines mit Ohattas geschlossenen 
Contracts mit, eines langen, weitschweifigen arabischen Schriftstfickes, 
das in Abschrift im hiesigen Viceconsulat Norddeutschlands deponirt 
worden ist. Für das Schiff, das mich von hier ^ach Meschera el-Rek 
bringen soll, ist ein Miethszins für 3 Monate im Belauf von 7000 
Piastern Tarif (22 = 1 Marien-Theresien-Thaler) ausbedangen. Da die 
Unterhaltung der Bemannung sich üuf 1 100 Piaster monatlich belauft, 
and die Schiffsmiethe noch höher gerechnet werden mufs, so erscheint 
diese Summe völlig den Umständen angemessen. Für 60 Trager, die 
mein Gepfick vom Landungsplatze bis zur entferntesten Serlba des 
Ghattäs transportiren sollen, mufs ich 5000 P. T. zahlen. Für jeden 
später zu engagirenden Träger soll 15 P. T. per Tag gezahlt werden. 
Für den Aufenthalt in der Seriba, für Herrichtong des Gartenlandes, 
auf welchem ich meine Leute mit Gemüsebau, hauptsächlich aber mit 
der Cultur des hier zu Lande in dieser Gröfse noch nie gesehenen 
amerikanischen Mais beschäftigen will, sowie für Ek-bauung von drei 
Hütten zahle ich 5000 P. T. Für Lieferung von monatfich 2 Ardeb 
(genau = 6| pr. Scheffel) Durrakorn, zum Unterhalt meiner Leote, 
habe ich, falls ich es verlange, 600 P. T. zu zahlen, nach hiesigem 
Marktpreis gerechnet, da oben grofse Schwankungen in den Preisen 
stattzufinden pflegen. Der Agent des Ghattäs, welcher in der Seriba 
commandirt, wird über diese und andere an mich zu leistende Lieferungen 
Buch führen, ich meinerseits werde über das Empfangene quittiren, and 
soll der Betrag nach meiner Rückkehr an Ghattäs ausgezahlt werden. 
Diefs wird auf einem Ghattäs'schen Schiffe stattfinden, falls ich nicht 
eine andere Gelegenheit vorziehen sollte. Da die Meschera el-Rek 
Sammelplatz aller Barken ist, so wird es mir nie an einer solchen 
fehlen. Nachdem die Contracte von beiden Seiten unterzeichnet^ wurde 
dem Ghattäs die ausbedungene Summe für Schiffe, Träger und Seriba 
ausgezahlt. Die Hälfte der Schiffsmiethe zahlt ihm der Yiceconsol, 
wenn Letzterer die von mir zurückgesandten Kisten erhalten haben 
wird. 

Die Zahl meiner Diener habe ich auf 6 beschränken müssen. Von 
diesen erhält der eine, welcher die übrigen beaufsichtigen soll nnd 



«a Prof. AI. BrAun. 3] 5 

Besitzer vod 25 Fedan Land im Dongolaoischen ist, monatlich 12 
Marien- Theresien- Thal er, Tier andere je 9 und der sechste 5 Thaler 
DQODatlicb. 9 — 10 Monate Sold sind von mir vorausbezahlt worden. 
Alle sind verheirathet und haben, aufser dem Dongolaner, hier in 
Chartam ihre Hänser. Einer derselben, Namens Rich&n, hat Petherick, 
dann auch Baker auf ihren Reisen begleitet and in Shepherd's Hotel 
io Cairo das Metier eines Kochs gründlich erlernt. Aach die übrigen 
sind bereits im obern Nilgebiet gewesen, und haben sich bereits als völlig 
brauchbare, willige und ergebene Diener erwiesen. Auch eine Sklavin 
im Werthe von 25 M.-T., naturlich alt und dürr, muTste beschafft wer- 
den, um für die Leute täglich die nöthige Quantität Korn zu mahlen 
Dod zu Brot zu bereiten. So besteht unsere ganze Gesellschaft, ab- 
gesehen von der 8 Köpfe starken Schiffsmannschaft, die ebenfalls ihre 
zweibeinige Mühle hat, aus 8 Personen. 

Meine Ausrüstung ist sehr vollständig und auf die Dauer von 
2 Jahren berechnet. Die Leute sind mit guten russischen Gewehren 
bewaffnet, aufserdem besitze ich noch 2 Elephantetibuchsen, 1 Doppel- 
büchse, 1 Stutzen, Doppelflinte und einige Revolver. Ich habe über 
100 Pfand Pulver, Perlen von gangbarer Sorte, grofse Papiervorräthe 
and die nöthigen Lebensmitte). Alles Gepäck ist getheilt in solches, 
das für die Stromfahrt, und solches, das für den Transport zu Lande 
berechnet ist. Die Trägerlasten veriheilen sich folgen dermafsen: 12 Leder- 
koffer verschiedenen Inhalts, 10 Papier ballen, 8 enthalten Salz für 2 Jahre, 
4 Spiritus, 2 Wein, 3 Blei, 2 Pulver, 1 Reis, 1 Weizen, 1 Gel und 
Essig, 2 Zelt, 2 Bettzeug etc., 1 Kleider, 1 Datteln, 2 Perlen, 2 Ge- 
webe, 1 Sämereien, 1 Ackergeräth. Auf der Seriba finde ich hinrei- 
chende Lebensmittel, die ich selbst erhandeln oder mir von dem Agen- 
ten Gfaattäs verabfolgen lassen kann. Von grofsem Werthe ist auch 
^ein Hund (ein Spröfsling meines unvergefslichen Arslän, des Arm^ 
niers, den ich von Cairo mitbraclite), den ich von Berlin klein mit- 
genommen, der aber nun bereits eine Grofse erlangt hat, welche Alles 
bisher in diesen Ländern Gesehene bei Weitem übertrifft. Er kann 
als akklimatisirt gelten, da er die Wüste in der heifsesten Jahreszeit 
passirte. Die katholischen Missionäre wissen nicht genug Lobenswer- 
tbes von dem Verhalten ihrer aus Europa mitgebrachten Hunde zu be- . 
richten, welche Nacht» die besten Wächter gegen das Herannahen 
wilder Thiere (besonders Hyänen, die den Vorrathskammerp sehr ge- 
fährlich sind) abgegeben haben. 

Sehr gespannt bin ich auf Ihre gütigen Mittheilungen, die mir auch 
nach dem Bahr-el-Ghasäl nachgesandt werden können, da die Regie- 
rung zum ersten Male beschlossen hat, Truppen nach dem Bahr-el- 
Gbasäl zu senden, um den Sklavenhandel, welcher nach Sperrung de« 



316 Bri«f des Dr. O. Bchw^nfnrth 

Weifsen Nils den Weg von dort über D&rfar eingeschlagen hat, ca 
-überwachen, und somit sich Öftere Gelegenheit zu Nachsendungen dar- 
bieten dürfte. Zar Feier meiner Abreise hatte d^r General-Groovemear 
▼or einigen Tagen eine Fete gegeben, die gestern vom Viceconsul er^ 
wiedert wurde, der dazu 15 Personen eingeladen und glänzend bewir^ 
thet hatte, worunter auch Miani, der nun endlich, unterstützt vom 
General-Gouverneur, Aussicht hat, seinen ^Banm^ wiederzusehen und 
die Wahrheit seiner Behauptungen erhärten zu können. So scheint 
unter den Anspicien des jetzigen Statthalters eine neue Aera für wis- 
senschaftliche Unternehmungen im obem Nilgebiet zu erblühen. 



b) Brief des Dr. G. Schweinfurth 

an seine Mutter. 

Fa«choda, 2. Februar 1869. 

Glücklich am Endpunkte des ägyptischen Reiches angelangt, und 
die letzte sich mir darbietende Fostgelegenheit benutzend, beginne ich 
sogleich mit Erzählung meiner tfiglichen Erlebnisse, da diese Form der 
Mittheilung am Lebendigsten den Hergang der verschiedenen kleinen 
Vorfälle zu schildern vermag, welche sich im Verlauf des ersten Theils 
»einer Reise ereigneten. 

Der 5. Januar war der Tag meiner Abreise von ChartOm, nach- 
dem allerhand geringfügige Zwischenfalle dieselbe von einem Tage 
zom andern verzögert hatten, wie es ja aUen Reisenden ergeht. — 
Von den 7 Wochentagen sind, nach den abergläubischen Vorstellungen 
der Hiesigen, nur 3 Tage gunstig, eine Reise anzutreten, die übrigen 
bringen sicher Unglück. Der verständige Reisende thut daher wohl dran, 
sieh den landesüblichen Sitten zu unterwerfen, Einspruch nützt ihm 
wenig, seine Leute vom Gegentheil zu überzeugen ist unmöglich, und 
schliefsHch hat er, falls er es durchsetzt, an einem Unglückstage ab- 
zusegeln, bei der nächsten Gelegenheit, wenn etwas schief geht, das 
Zetergeschrei seiner Leute in den Ohren , die ihn alsdann mit Vor- 
würfen überhäufen, und alle Schuld, auf seine Halsstarrigkeit schiebend, 
. rath- und fhätlos den Eingriffen des Fatuins zuschauen würden. 

Aufser meinen 6 Dienern und der zu ihrer Küche gehörigen Sklüvin 
befanden sich auf der Barke 1 5 dem Kaufmann Ghattäs (dem Eigenthümer 
des Schiffes) gehörige sogenannte Soldaten, d. b. mit Büchsen bewaffnete 
Nubier, welche, weil sie es vor Steuerbelastang in ihrer Heimath nicht 
mehr aushielten, und der Feldbau sie kaum vor Hunger und Noth be- 
wahrt, es vorziehen, sich in den oberen Gewässern als Räuber, Sklaven- 
fönger und Kuhdiebe zu verdingen, meist junge Leute, welche aufserdem 



an seine Mutter. 3(7 

noch angeborner Hang zu Abenteuern mit dieser Lebensweise befreun- 
det. Die aus 8 Köpfen bestehende Bemannung des Schiffes mit einer 
zweiten brotbereitenden Sklavin completirt die ziemlich dichte Be- 
völkernng meines plumpen Fahrzeuges^ welches am hintern Ende 
einen ritzen- und locherreichen Bretterverschlag sehr primitiver Art 
besitzt, welcher mir als Aufenthaltsort angewiesen ist und wo ich so 
ziemlich Platz finde, um zu den täglichen Bedurfnissen meiner Reise 
gelangen zu können. Hunderte von Kisten und Kästchen sind nach 
dem Princip der Binschachtelung verpackt und daher leicht zugänglich. 
Zwei Hände, der berliner Arsl&n, Sohn meineb unvergefslichen Freon-^ 
des aas Erzerüm, und eine kleine Hündin von landesüblicher Race, 
gehören noch mit zur Einwohnerschaft, welche also summa summarum 
33 Köpfe beträgt, während andere Barken, die den weifsen Nil hinauf- 
gehen, nicht selten 50—80 auf der Hinreise und bis 200 Insassen auf der 
Rückfahrt aufweisen, wenn der Kielraum mit Sklaven gefüllt ist, die, wie 
Sardinen verpackt, nar von oben Luft erhaltend, monatelang in dieser 
Lage verharren müssen, indefs die Bewaffneten des Nachts am Ufer 
(falls es sicher ist) ihren Beinen etwas freieren Spielraum zu gewähren 
Sachen, bei Tage aber wie Hühner am Bord und an aufgestellten Ge- 
stellen hockend, sich auf das äufserste Maafs thierischer Cootractilität 
beschränken. 

Die erste Nacht wurde ununterbrochen gesegelt^ so entfernten wir 
ans mit der Geschwindigkeit eines Dampfers immer mehr und mehr 
von den einförmigen Gestaden des vereinigten Flusses bei Chartum. 
Es war eine herrliche Mondnacht, und schlaflos vor Freude, mich end- 
lich nnaof haltsam dem Ziel meiner Wünsche entgegen in die südlichen 
Länder geführt zu sehen, werfe ich einen Blick auf das Deck, das 
mit mumienartig eingehüllten Gestalten bedeckt, in geisterhafter Stille 
mich umgiebt, die nur unterbrochen wird von dem gleich mäfsigen Rau- 
schen des Kielwassers und vereinzeltem Geschrei von WasservÖgeln^ 
Am Vormittag des folgenden Tages befanden wir uns bereits einen 
Breitengrad südlich von Chartum. Die Ufer, immer noch endlos flach, 
und nur durch einen schmalen Baumstreifen begrenzt, entfalten das 
regste Leben, das die Vogelwelt darzubieten vermag. Gänse und En-' 
ten in solcher Menge, dafs ihr Anblick schliefslich den mit ihrem fet- 
ten Braten überfütterten Reisenden mit Ekel erfüllt. Dann wieder 
endlose Schaaren von Rinderheerden, ich sage Schaaren, weil die 
Heerden, so weit das Auge reicht, gar kein Ende nehmen wollen, und 
inuner wieder neue Gruppen auftauchen, die zum. Ufer getrieben wer- 
^AHy oder an diesem iin Thonsiimpfe nmherstampfen. 



318 Brief des Dr. O. Sehweinfurth 

6. Januar. 

Hirten setsen auf kleinen Böten von einem Ufer zom andern hin- 
über und schwemmen Rinder mitten durch die Crocodille (denn ipro 
wäre eine Stelle des weifsen Nils frei von diesen ?) hindurch über den 
grofsen Flufs, auch Hunde schwimmen in groisem Abstände von der 
Barke unverzagt ihren Herren nach. Abends, erzählt der Reis, ich mntä 
es ihm glauben, da ich mich bald selbst davon überzeugen werde, soll 
die Mückenplage oben auf dem Flufs so arg sein, dafs die SchifTsleate, 
um ruhig schlafen zu können, die Nacht in Segeltuch eingewickelt 
hoch an der grofsen Raa in den Lüften verbringen. In Folge dessen 
treffe ich bereits Vorbereitungen, meine Moskiti^re herzurichten, und 
sehe mich nach 2 festen Punkten um, an welchen ich meine Hänge- 
matte befestigen kann, die gleichfalls mückenfest ist, allein, wie tböricht 
ist mein Verlangen! Fjthagoras wäre zufrieden gewesen mit einem 
Punkte und ich verlange deren zwei auf einer arabischen Barke. 

7. Januar. 

Morgens erreichen wir ein grofses Dorf der Hassanie - Araber 
Namens Gctena. Auf einer weiten Thonfläche tummeln sich Tausende 
der grofsen ägyptischen Ganseart, auf welche ich vergeblich Jagd 
mache, da sie mich von Weitem sahen. Nach nutzlosen Manövern, 
sie im Flug zu erwischen, und vielen Ereuz^ und Querläufen, bestän- 
dig rauschende Schwärme vor mir auftreibend, gehe ich ernüchtert 
zum Landungsplatze zurück. 

Der Wind ist so heftig und der Strom so schwach, dafs der 
Schiffsreis die Barke ohne Segel vorwärts treiben läfst, wir kommen 
trotzdem prächtig vorwärts. Endlich 4 Uhr Nachmittags werden volle 
Segel gemacht, die Barke schiefst wie ein Pfeil mitten durch Gänse- 
schwärme, man feuert hin und wieder auf dieselben, erwischt aber 
nur solche, welche in unserm Cours schwimmen. Nachts gewähreiv 
die zahllosen Wachtfeuer der Hirten am Ufer und das wiederholte 
Hundegekläff und Blöken des Viehs einen sehr gemuthlicben Eindruck 
in der stockfinsteren Dunkelheit vor Aufgang des Mondes. 

8. Januar. 

Wir haben die Dörfer von Wod Schellai am Ostufer erreicht, wo 
alle Nilbarken der ägyptischen Cultur Valet sagen. Weiter oberhalb 
gebe .es keine Dörfer mehr, ko sagen jetzt die Leute, aber es finden 
sich immer noch wieder solche, wo der Vorwand von Einkäufen gel- 
tend gemacht wird, um sich an Merissabier zu laben und intime Be- 



an seine Mutter. 319 

kanntschaften anzuknüpfen <, wodnrch für mich nntzloser Aufenthalt 
in der flachen Oegend und bei flachen Menschen entsteht* 

Ich kaufe 2 fette Bullen für 5 Marien-Theresien-Thaler, lasse die 
Felle zum Verpacken meiner Sammlungen sorgfältig abziehen, einen 
Theil des Fleisches einpökeln, was selbst bei der betrachtlichen Hitze 
dieser Tage völlig gelang, nur mufste das Fleisch unter Wasser liegen 
und auf zwei Drittel Wasser ein Drittel Salz genommen werden. 

Ich setze in einem Kahn zum Westufer hinüber, um zu botanisi- 
ren. Orofse lichte Acacienwaldungen , welche das hiesige Schiffsbau- 
holz liefern, bedecken die Gegend. Das Erdreich ist aschgrauer fester 
Tbon, von demjenigen Aegjptens sehr verschieden, aber durchaus nicht 
minder fruchtbar, wie Baker irrthümlicherweise bestreitet, der das linke 
Stromufer nicht berührt hat und nur die sandigen, von dem nach Osten 
wandernden Strome aufgerissenen Ostufer kennen lernte. Durrakom 
in Kolben von riesiger Gröfse, | Fufs lang und j> Fufs dick, wurde . 
von mir für die Sammlungen mitgenommen. Auf einer Excursion 
passire ich, begleitet von Arslän, das Dorf. Die Einwohnerschaft 
weicht überall entsetzt zurück unter dem Rufe: eine HySne, eine 
Hyänel Dafs es wirklich nur ein Hund sei, war schwer ihnen be- 
greiflich zu machen, üeberhaupt wird es schwerlich in der Welt ein 
Land geben, wo die Furcht und der den grofsen Hunden gezollte Re- 
spect so allgemein wäre, als bei den Einwohnern dieser Länder. 

Die mit langen, wie Alleen gestellten Reihen von Acacien be- 
setzten Westufer haben nichts Afrikanisches an sich, hauptsächlich 
wegen des Mangels an Palmen, sie erinnern vielmehr an die weniger 
bevölkerten Landschaften an der Wolga, wo Erlenwälder etc. einen 
ganz ähnlichen Character zur Schau tragen. 

9. Januar. 

Endlich Nachmittags verlassen wirWod Schellai mit seinen Merissa- 
Kneipen und Rinderschlächtereien. Die Nilpferde werden immer h'äu- 
figer und wetteifern mit dem Knarren des Steuerruders durch ihr weit- 
binschallendes Oegurgel. 

10. Januar. 

Morgens haben wir in Sicht den Äraschkol, einen mehrere hun- 
dert Fufs hohen Felsberg des westlichen Ufers, welcher durch die 
grofee Ausbeute, die der Reisende Kotschy vor 30 Jahren daselbst 
gemacht, in der botanischen Welt sehr bekannt wurde. Bei den Vieh- 
tränken des Dorfes Turra liefs ich Halt machen und wanderte selbst 
nach dem 2 Stunden vom Ufer entfernten Ort durch die blüthenduften- 
den Acacienwaldungen. Wir befanden uns jetzt immer noch im Ge- 



n 



320 Brief des Dr. Q. Schweinfarth 

biete der Hassanieb- Araber, deren Viehreichthum wahrlich erstaanliefc 
ist. Sie ersefaeinen mir weit zutraalicher, als die Beduinen des Osten», 
die Bischarin and Hadendoa, vielleicht nur deswegen, weil sie, gutes 
Arabisch redend, zum gegenseitigen Verstandnifs das Ihrige beitrugen. 
Ueberall lAufste ich weitläufig naturhistorisch-genealogische Erörterun- 
gen ober meinen Hund geben, der ihr höchstes Interesse in Anspradi 
nahm, weil auch sie, im Besitze einer prächtigen zur Grazelienjagd ge- 
eigneten Windhundrace, grolse Stücke auf die ihrigen halten. 

11. Janaar. 

Ghattäs, der Geizhals, hat all' sein Pulver und die ftlr seine Ex- 
peditionen erforderlichen Patronen auf mein Schiff, geladen, und zwar 
mehrere Centner nur in Mattensficken und Papier verpackt, gerade uin 
ter dem Eingang in meine Cabine, an welchem ich rauchend sitze, ob 
•die Gegend zu beschauen, unterbringen lassen. Erst auf meine Vor- 
stellungen sieht sich der Reis' veranlafst, ein^ Rindshaut über diese 
gefährliche Mine zu spannen, damit weder das Wasser schade, nodk 
•die herabfallenden Funken ein schreckliches Ereigniis zur Folge haben 
mochten. 

An den Ufern gewahrt man prachtvolle Rinderheerden eu iOOO 
bis 3000 Stuck zur Tränke ziehen. Sie gehören der Höckerrace der 
Zebud Indiens an und haben meist weifses oder tigerartig mit schönen 
schwarzen Flecken punktirtes Fell. Die G&nsesehaaren wollen gar 
kein Ende nehmen. Heute werden zur Abwechselung einmal wieder 
Enten zubereitet, nachdem die Gänse alle Zubereitungsmethoden er^ 
schöpft haben, welche in Reisfullung, Tomatensauee und Champignon» 
stets in dreifachem Wechsel wiederkehrend, bestehen. In ChartÄm 
gab es gerade üeberflufs an Tomaten, und da liefs ich mir in Flaschen 
den Brei derselben fallen, mit welchem, einem spanischen Sprichworte 
zufolge, kein Koch eine Sauce verderben kann. Nachmittags wird 
el Es, einstmals die Südgrenze der ägyptischen Herrschaft bildend 
und noch jetzt der sudlichste Ort des^ Reiches, mit Ausnahme von Fa- 
schöda, erreicht. Gleich oberhalb el Es beginnt die Region der Schill ak- 
Inseln, zahllose kleine, dichtbewaldete Eilande, auf welchen die braa- 
nen Hirten des Westens nur ab und zu ihre Rinder weiden und die 
meist von schwarzen Fischern besucht werden, welche dem weiter süd- 
wärts verbreiteten Scbilluk- Volke angehören» Grane Meerkatzen sind 
hfer in den Bäumen so häufig, wie die Eichhörnchen in den Fichten- 
waldungen Livlands. 

12. Jannarv 
Ich lasse bei einer reizenden Waldinsel halten , auf welcher sich 

4ks reichste Thier- und Pflanzenleben entfaltet Das Ufer von Bippo* 



r 



an seine Matter. 321 

potamus-Fafstapfen, grofaen Grubenlochera, 'wimmelnd, ist von ganzen 
Reihen Grocodiilen aller Gröfsen besetzt, welche erst bei 30 Schritt 
Aan&herong vor dem FremdHng Platz machen. Grofse Leguane mit 
pr&chtiger blechstarker Haat, welche mir zam Verbinden aller mög- 
lichen schadhaft gewordenen Sachen dient, rasseln nebst Schlangen in 
dfirrem Grase. Ueberall Schlangenhäute und Eierschaalen unter den 
Bäumen, als Zeichen der Zeit In den Zweigen der Bfiame das lustige 
Treiben der Affen, aller Arten von Vögeln, Adler in riesigen Nestern 
und ganze Schaaren umherflatternder Wasservögel. Eine Mimosa^ 
welche ein vielgetheiltes Blatt und an jedem Theil zwei grofse Stacheln 
hat, bedeckt in dichten Horsten stellenweise das Ufer, so dafs man 
beim Eindringen in dieselben auf der Jagd, um die Bewohner des 
Wassers zu erwischen, von Tausenden von Händen zurückgehalten zu 
werden glaubt. Eurbisartige Gewächse mit prächtig rothen Fruchten 
raoken auf diesen unwirtfalichen Dickichten, gleichsam als fürchteten sie 
die Habsucht des herannahenden Sammlers, der die Lust, ihrer habhaft zu 
werden mit ebenso vielen Löchern in seinen Kleidern bezahlen mufs. 
ladefs ich besiege alle diese Hindernisse mit Hülfe alter Winterhosen, 
welche jeder Schaam haar, der Stacheln hohnlachen und erlege mit 
eioem Schusse 4 junge Gänse und 2 Perlhühner, welche von nun an 
mehr Abwechselung in di)e Küche bringen. Abends fährt man am 
Westufer der Aha -Insel entlang, wo die Ssunt-Acacien eine nie ge- 
sehene Grofse erreichen. Wie stolze Eichen ragen sie aus dem Ufer- 
walde empor. Hierher hat. die Regierung jetzt ihre Schiffswerften ver- 
legt, nachdem in den weiter nordwärts gelegenen Wäldern die besten 
Stämme im Laufe der Jahre verbraucht sind. Zum erstenmale auch 
tritt uns nun die Herminiera entgegen, das leichte Schwimmholz Am- 
batsch genannt, dessen Gewicht man mit einer Federseele vergleichen 
kann, und das man in Händen gehabt haben mufs, um es für möglich 
halten zu können, dafs ein Mann leicht ein Flofs auf seine Schultern 
bebt, das 8 Menschen über Wasser znerbalten vermag. Dabei gewährt 
der Ambatsch mit seinen prächtigen grofsen gelben Bluthen einen be- 
laobernden Anblick, da er im Verein mit dem frischen Grün des Ufer- 
grases die Insel wie eine Schüssel Salat mit Eiern erscheinen lälst. 

13. Januar. 

Wir erreichen eine andere der Tausend Inseln, auf welcher das 
erste Rencontre mit Schwarzen statt hat. Ich begrüfse ihre adamitische 
Majestät mit dem landesüblichen Grufse „Salami^, was von ihnen freund- 
lichst angenommen wird. Indefs, obgleich die Wilden Europa's über- 
tünchte Höflichkeit keineswegs kennen, so erscheinen sie dennoch über 
und über getüncht, d. h. mit Asche zum Schutz gegen Inseoten, und 

MUefar. d. GM»U«ch. f. Brdk. Bd. IV. ^^ 



322 Brief des Dr. G. Schwcinfurth 

zwar graa, wenn letztere von Holz gewonnen, and rostroth, wie rotbe 
Teufel, wenn sie aas Eubmist erzielt wurde. Asche, Mist und eine 
Flüssigkeit, welche im Verein mit Terpentin Veilcbendaft erzeugt, sind 
die unentbehrlichsten Toilettengegenstande dieser Wilden. Die letzt- 
genannte berührt anangenehm die Nase des Fremdlings, wenn er von 
ihren Milchgefäfsen Gebrauch machen will, da diese nach weit and 
breit bekannten echt afrikanischen Sitten damit gewaschen zu werden 
pflegen, wahrscheinlich um den Salzmangel zu ersetzen. 

Wir passiren auch einige streifenförmige Sandinseln, welche mit 
Kronenkranichen besetzt erscheinen, welche wie in Reih and Glied 
4 Mann hoch und den Schnabel nach dem Winde gekehrt, aufgestellt 
und. Eine sonderbare Borstenkrone ziert ihren Kopf. Jung haben 
sie, da sie nur von Korn und Bohnen sich nähren, ein wohlschmecken- 
deres Fleisch als die Gänse, und bringen mit den Perlhühnern einige 
Abwechselung in den Küchenzettel. Am westlichen Festlandsafer 
kommt eine grofse Antilopenheerde mit langen, gewundenen Hörnern 
friedfertig zur Tr&nke. 

14. Jiuauar. 
Heute ist der erste Ungluckstag gekommen. Auf einer reizenden 
Insel, wo ich eine meiner neuen Acacien, A. verugera^ in prachtvoller 
Ueppigkeit antreffe, und begleitet von 3 Mann eine Rondtour mache, 
wird mein Diener Mohamed Amin, d. h. der Treue, an meiner Seite 
von einem Büffel überrannt, dem ich nicht das geringste Leid zuge- 
dacht, dem aber der Unglückliche im hohen Uferröhricht zafallig gar 
zu nahe gekommen war. Ich stiefs auf einige weidende Heerden und 
Baggara- Araber, welche mich fragten, ob ich den Büffel, der eben in 
der Nähe sei, nicht gesehen hätte. Während ich mich nach dem mich 
begleitenden Elephantenjäger des Ghattas umgehe, um ihm dieses mit- 
zutlieilen, vernehme ich das gewaltige Rauschen eines mit der Wild- 
heit entgleister Dampfrosse dah ersausenden Büffels. Nach links, nach 
rechts hin macht er unter Grunzen und Brüllen die gewaltigsten 
Sprünge, und da ich in seinem Gefolge eine ganze Heerde vermathe, 
hajte ich, ohne Waffen, wie ich gerade war, es für rathsamer, einem 
benachbarten Baume zuzuschreiten. Inzwischen sehe ich mich nach 
dem Mohamed Amin um und erblicke ihn über und über blutend im 
Grase liegen. Er war plötzlich von dem aufspringenden Büffel za 
Boden geworfen und kopfüber in das hohe Röhricht geworfen worden, 
80 dafs ein Ohr an einen spitzen Schilf halm aufgespiefst wurde; der 
Eiephantenjäger^ in unmittelbarer Nähe dieses bemerkend, hatte auf 
den Büffel angelegt, allein die Sicherheit, welche ich vor den Hahn 



an seine Mutter. 323 

meiner Bfichse gelegt^ hatte den Schufs aafgehalten; in seiner Yerzweif- 
lang hatte der Mann rasch entschlossen mit einem Beil, das er für mich 
bei sich trag, nach der Stirn des Büffels geworfen and sich dann, wohl 
wissend, dafs der Büffel einem rahig Daliegenden kein Leid zu thon 
pflegt, fiaoh auf den Boden geworfen. Der BSffel, der einige Augen- 
blicke vor ond aber seinem Opfer gestanden, hatte in Folge des- 
sea Reifsaus genommen. Alles dies hatte sich in viel kürzerer Zeit 
lagetragen, als ich es berichten kann, and als ich um mich blickte, 
nahet sich eben aas dem Grase der Elephantenjfiger. Wir richteten 
Don den unglücklichen durch einen colossalen Schilfhalm mit dem Ohr 
ao den Boden Angenagelten auf und sahen zu unserer Freude, dafs 
die Verletzung nicht tödtlich sein konnte. Auch die Baggara kamen 
herbei, und ich liefs sie frisches Wasser aus dem Flusse bringen, um 
die Wunde zu waschen. Dann nahm ich die Büchse (einen schönen 
Hinterlader fSr Scbroot), welche von den Hörnern des Büffels gefafst 
and umher geschleift worden war, so dafs der eine Lauf an seiner 
Mündung wie zusammengehämmert erschien und ein tiefer Eindruck 
im harten Schaftholze von den Hufen die Wucht seines Körpers be- 
zeugte (ein Unfall, der indefs bald wieder gut gemacht werden konnte) 
and eilte zurück nach meiner Barke, wo ich Leute mit einer Bettstelle 
absandte,' um den Verwundeten zu holen, der allmfthlig wieder zu sieb 
kam und nur den Verlast von 4 Zähnen upd einigen -Knochensplittern 
zu beklagen hätte. Allein es sollte noch schlimmer kommen. 

15. Januar. 

Nach langer Zeit kommt wieder einmal ein Berg in Sicht Es ist der 
Njemati, der hart am Ostufer gelegen erscheint. Wir halten indefs zu- 
nächst am Westufer, wo ein grofses Hirtenlager der Baggara- Araber an-, 
getroffen wird. Habbäkum, Habbäkum, Habbäkum aschera (Gut Freund I 
eig. Euer Bruder) und 1 Mal wiederholt rufen die Leute , sobald sie 
schwarzbraune mohamedanische Glaubensbrüder am Ufer sehen. Die 
nächsten Worte, die alsdann ausgetauscht werden, sind: Ssemmen, Ssem- 
men, Ssemmen I d. h. Butter, Rob, Rob d. h. Buttermilch, darauf erwiedern 
jene: Esch, Esch, d. h. Durrakorn, dann wieder die Schiffsleute: nein, das 
haben wir genug, und dann beginnt es wieder von Neuem : Ssemmen und 
Habbäkum tausendmal. Endlich sind wir am Ufer und umarmen die 
Habbäkum's in innigster Herzensrührung. Letztere gehen aber auf 
di(«e gar nicht ein, sondern lassen sich Alles hübsch zu Chartümer 
Marktpreisen bezahlen, so dafs die Schiffsleute sie Nasbatälin nennen, 
d. h. schlechte Leute, weil sie nichts umsonst hergeben wollen. Da- 
gegen sind die Frauen sehr entgegenkommend und wetteifern mit ein- 

21» 



324 Brief des Dr. G. Schweinfurth 

ander, um möglichst viel Besucher für ihre Merissa-Bierkneipen anzu- 
locken. So vergeht der Tag in Saus und Braus, wfihrend ich mich 
in' der ausgebrannten Steppe langweile und zum Zeitvertreib die Kin«- 
der mit Zwieback wie bei uns mit Bonbons tractire. Die Baggara 
sind nicht ^Hirten, wie sie die Idylle im Sinne der lieben Heimath 
kennt^, es sind sämmtlich Horsemen, beritten und kriegerisch, räober- 
haft und kecker und verwegener als irgend ein äthiopischer Stamm des 
Ostens. Den Elephanten erlegen sie mit Lanze und Schwert, mit 
Löwen und Leoparden spielen sie wie mit Jungen Katzen. Viele ver- 
dingen sich daher bei den Händlern am obern Nil, und ' es kamen 
Mehrere, um auch mir ihre Dienste anzubieten, da ich ja, wie sie 
meinten, auch besonders das Einfangen von Sklaven zur Aufgabe habe. 
Auch darin sind sie von ihren weit weniger civilisirten und zugleich 
weit weniger muthigen Brüdern des Ostens und Nordens verschieden, 
dafs sie mehr auf Kleidung halten und meist indigoblane Hemden tra- 
gen, wie die Bauern Aegyptens. Wohlhabende Baggara haben aach 
Kleider von purpurrotbem und geblümtem Kattun, ein fremdartiger 
Anblick inmitten dieser nackten Wilden. Am Abend wurde hinüber 
zum Gebel Njemati gefahren und dieser selbst besucht. Ich fand 
mehrere Prachtbäume aus der Familie der Capparideen in Blüthe, die 
von Weitem wie rosenrothe Rhododendren erschienen. In den tiefen 
Spalten und Rissen der Gpanitfelsen wimmelt es von Milliarden von 
Fledermäusen, und ein erstickender Mistduft haucht aus diesen dämo* 
nischen Schlünden entgegen. Ich schiefse vergeblich auf einen mar- 
melthi erartigen Nager, welcher katzengleich über die Felsblöcke schlupfte. 
Der Boden unter den Bäumen des Uferrandes wimmelt jetzt von den 
herabgefallenen pflaumenartigen Fruchten des Hegelig (Balanites aegyp^ 
tiaca)^ eines weit über Afrika verbreiteten Baumes. Diese Pflaumen 
sind wie saftige Datteln, aber etwas bitterlich von Geschmack und, 
wie die meisten Fruchte des Nil-Gebietes, an Pfefferkuchen erinnernd, 
eine Beobachtung, welche bereits ein Reisender des vorigen Jahrhun- 
derts gemacht haben will, und der ich ihrer Originalität wegen bei- 
stimme. Auch Tamarindenbäume voller Frucht, welche mit ihrem 
tiefen Schatten den Wanderer zum Ausruhen auffordern, traten hier 
zuerst auf, ein langersehntes Ereignifs für mich, der ich nach langem 
Gebrauch von Schwarzbeerensaft, vulgo Bordeaux -Wein, darnach 
lechzte. Weshalb man in Deutsch- und Rufsland, wo es Schwarz- oder 
Heidelbeeren in Menge giebt, nicht die Fabrication dieses in Tro- 
penländern einen hohen Grad von Conservationsfähigkeit bewährenden 
und namentlich für landesübliche Magenkrankheiten ein vorzügliches 
Medicament abgebenden Getränks en gros betreibt, weshalb man über- 
haupt in Frankreich bei der reichen Weinproduction der letzten Jahre 



an seine Matter. 325 

aod den dadnrcb gedrückten Preisen nicht lieber vin d'airelle, als vin 
de Medoc etc. aaf die Vignette druckt und sicif diesen um so theurer 
bezahlen läfst, sind Fragen, welche mich beim Einschlafen nach den 
Mühen dieses Tages lebhaft beschäftigten. 

17. Januar. 

Abermaliges Zusammentreffen mit Baggara- Arabern, welche nicht 
nar das ganze linke Stromufer inne haben, das sie im Winter, wenn 
die Steppen des Innern verbrannt und verdorrt sind, besuchen, son- 
dern die sich auch auf den Inseln und dem rechten Ufer festsetzen, 
von wo sie im Laufe der letzten Jahre die Schilluk-Neger fast gänz- 
lich verdrängt haben. Die Region des leichten Schwimmholzes hat 
nan far eine weite Strecke Unterbrechung erfahren, erst in den näch- 
sten Tagen (am Datum des Briefes) werde ich wieder dieselben er- 
reichen; hier sind die Flufsufer und die zwischen den Inseln immer 
schmäler werdenden Kanäle mit dichtem Schilf und Zuckerrohrmassen 
bedeckt 

18. Januar. 

Die Gegend beginnt in besorgnifserregendem Grade langweilig zu 
werden. Indefs finde ich am Halteplatze hinreichende Ausbeute, um, 
wie bisher, den ganzen Tag beschäftigt zu sein. Schwarzbraune En- 
ten and Löffelenten werden geschossen; den Thrangeschmack ihres 
Fettes überwältigen rother Pfeffer und die sauren Gurken, die ich in 
Cfaartiim besorgt, bei deren Genofs ich in der bedeutenden Hitze des 
Tages unwillkürlich an die Sauergurkenzeit Berlin's erinnert werde. 
Nachts unterhält man sich mit Erzählungen von Abenteuern in den 
oberen Nilgegenden. Ein Jeder will etwas ganz Absonderliches, Nie- 
dagewesenes erlebt haben und beschwört beim Koran und dem Bart 
des Propheten die Wahrheit seiner Aussagen. Solcher Authenticität 
gegenüber kann ich das Wichtigste dieses Neuesten aus Afrika dem 
Leser dieser Zeilen nicht vorenthalten. In einem südlich vom Ge- 
biete des Njäm-Njäm gelegenen Lande hat man Männchen gesehen, 
die nie über 3 Fufs Höhe erreichen, einen langen weifsen Bart bis 
an die Knie tragen und bewaffnet mit guten Lanzen, den Elephanten 
unter den Leib jBchlüpfen und ihn so leicht erlegen, da er mit seinem 
Rüssel ihrer nicht habhaft werden kann. Sie verkaufen den Händlern 
viel Elfenbein und sollen den Namen Schiber di gento fuhren. Der- 
gleichen Sagen von Pygmäen scheinen jetzt ebenso sehr Mode im. Sudan 
zu sein, wie ehedem die Erzählung von geschwänzten Menschen. Alex. 
Dumas an höherem Blödsinn überreiche Schrift: „rhomme a queue** 



326 Bri«f <i«8 Dr. G. Schweinfurth 

erregt nun mit sein'en sinnreichen Illustrationen die höchste Theil nähme 
der Schiffsgesellschaft.* 

19. Jannar. 

Die Gegend wird so langweilig, dafs ein Nichthotaniker sagen 
wiirde, dafs sie sprüchwörtlich sei. Indefs finde ich die reichste Aas- 
heute in der vollendeten Wildnifs des rechten Festlandsufers. Büffel- 
pfade allein bahnen durch die dichten Dorn- und Lianenmassen viel- 
fach geschlungene Wege, auf welchen ich vor einer Menge Bewaffne- 
ter einherziehe, da man beim Anblick der massenhaft angehäuften fri- 
schen Losung dieser Thiere jeden Augenblick ein gefahrliches Reo- 
contre erwarten kann, wie am 14. Januar. Wir segeln die ganze Nacht 
hindurch, welche durch weit ausgedehnte SteppenbrSnde erhellt wird. 
Das Gegurgel der Hippopotami am Wasser will gar nicht aufhören 
und beginnt im höchsten Grade langweilig zu werden. Manchmal 
glaubt man sie in nächster Nfihe zu vernehmen und schaut sic